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Sagen aus dem Salzburger Land

: Sagen aus dem Salzburger Land - Kapitel 26
Quellenangabe
titleSagen aus dem Salzburger Land
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Theophrastus Paracelsus in Salzburg

Allerlei sonderbare Geschichten sind über das Leben und Wirken dieses Mannes im Umlauf, der sich als Arzt einen berühmten Namen gemacht hat und einen großen Teil seines Lebens in Salzburg verbrachte, wo er auch begraben liegt. Sein Ruf drang weit über die Grenzen Salzburgs hinaus, und von allen Seiten kamen Kranke und Leidende nach Salzburg, um bei ihm Rat und Hilfe zu finden. Da ihm die schwierigsten Kuren glückten, hieß er im Volk bald, Paracelsus wirke Wunder, verfüge über geheime Zauberkräfte, besitze ein wundertätiges Lebenselixier, von dem ein Tropfen genüge, alle Krankheitskeime zu vernichten, die halberloschenen Lebensgeister aufs neue zu entflammen und das Leben auf hundert Jahre zu verlängern; er könne Gold machen und verstehe die Sprache der Tiere und Pflanzen. Seine Feinde und Neider dagegen sagten ihm alles Üble nach und behaupteten sogar, er stehe mit dem Teufel im Bunde.

Als Theophrastus noch in Innsbruck studierte, ging er häufig des Morgens in den Wald, um sich in Gottes Einsamkeit sinnend zu ergehen. Wie er einmal so dahinwanderte, hörte er, ohne jemanden zu sehen, seinen Namen rufen.

»Wer ruft mich da?« fragte er.

»Ich«, erscholl es zur Antwort. »Erlöse mich aus dieser Tanne, in der ich eingeschlossen bin!«

»Wer ist dieses Ich?« erkundigte sich Theophrast

»Man nennt mich den Bösen«, gab die Stimme zur Antwort, »aber du wirst sehen, daß ich zu Unrecht so heiße, wenn du mich befreist.«

»Wie kann ich das?«

»Schau dort rechts an der alten Tanne empor, da wirst du ein Zäpfchen mit drei Kreuzen bemerken, das ich von innen nicht herausstoßen kann. Ein Geisterbeschwörer hat mich da hineingezwängt.«

»Und was soll mein Lohn sein, wenn ich dich befreie?« »Was verlangst du denn?«

»Erstens eine Arznei, die jede Krankheit zu heilen vermag, und zweitens ein Mittel, das alles zu Gold verwandelt, was ich damit berühre.«

»Beides sollst du haben!«

»Wer bürgt mir aber dafür, daß du mich nicht betrügst?« »Ich, so wahr ich der Teufel bin!«

»Nun gut, dann will ich dich befreien, wenn ich das Zäpflein herauszuziehen vermag.«

Theophrast trat an den Baum heran, lockerte das Zäpfchen mit seinem Messer und zog es mit vieler Mühe aus dem Stamm heraus. Dann harrte er gespannt, was sich weiter ereignen werde. Da kroch langsam eine große schwarze Spinne aus dem Loch heraus, ließ sich an einem Faden auf das Moos herab und war plötzlich verschwunden. Dafür stand ein langer, hagerer Mann mit grinsender Teufelsfratze vor ihm, dessen langer roter Mantel nur schlecht den Pferdefuß seines Trägers verbarg.

»Komm mit!« rief der Teufel, riß sich eine Haselrute ab und schritt mit Theophrast zum nächsten Felsen, der zwischen den Tannen emporragte. Auf einen Schlag mit der Gerte spaltete sich das Gestein. »Warte hier eine Weile, ich bin gleich wieder da«, meinte der Satan zu seinem Begleiter und trat in die entstandene Kluft hinein. Schon nach wenigen Minuten erschien er wieder und hielt dem Doktor zwei Fläschchen entgegen, wobei er erklärte: »Hier sind die versprochenen Mittel! In dem gelben Fläschchen ist die Goldtinktur, im weißen die Arznei!« Dann fügte er noch hinzu: »Gehst du mit nach Innsbruck? Ich möchte mir nur rasch den Mann holen, der mich in den Baumstamm hineinbeschworen hat. Der denkt sicher nicht, daß ich so rasch aus dem Loch wieder herausgekommen bin.«

Theophrast tat dieser Mann leid, und er wollte ihn retten. Aber er konnte ihn nicht warnen; denn er wußte ja nicht, wie er heiße und wo er wohne; auch war der Teufel viel flinker als er! Da kam ihm ein guter Gedanke: er wollte den Teufel bei seiner Eitelkeit packen. Als sie wieder an der Tanne vorüberkamen, worin der Teufel gesteckt hatte, sagte er: »Dieser Geisterbeschwörer muß aber viel Macht haben, daß er imstande war, Euch in ein so kleines Löchlein hineinzuzwängen. Von selbst brächtet Ihr es wohl kaum zuwege, Euch in eine so kleine Spinne zusammenzuziehen.«

»Mein Lieber, da irrst du gewaltig«, erwiderte der Böse, überlegen grinsend. »Der Teufel kann manches, wovon ihr armseligen Erdenkinder keine Ahnung habt. Was gilt's, daß ich mich vor deinen Augen sogleich in eine kleine Spinne verwandle und wieder in das Löchlein krieche?«

»Ja, wenn Ihr das imstande seid«, versetzte der Doktor, »sollt Ihr die beiden Fläschchen wiederhaben, die Ihr mir soeben gebracht habt; denn ein solches unbegreifliches Kunststück zu sehen, wäre mir kein Opfer zu groß.«

»So schau her und staune!« rief der Teufel und verwandelte sich flugs in eine schwarze Spinne, die den Stamm des Baumes hinaufkrabbelte und in dem kleinen Loch verschwand.

Kaum war er drinnen, ergriff Theophrast das Zäpflein, trieb und hämmerte es mit aller Kraft in den Baumstamm und schnitzte mit seinem Messer drei neue Kreuze drauf. Dann verließ er schleunig den Wald, den Teufel seinem Schicksal überlassend. Draußen auf der blumigen Wiese aber blieb er stehen und sagte bei sich: »Jetzt möchte ich doch einmal sehen, ob mich der Teufel nicht etwa betrogen hat.« Er öffnete das gelbe Fläschchen und ließ ein Tröpflein daraus auf seine Hand lallen. Und wirklich, das Tröpflein nahm zu an Schwere in seiner Hand und wurde zu gediegenem Gold. Da freute sich Theophrast und dachte, das andere Fläschchen wolle er beim nächsten Kranken probieren, der ihm unterkommen werde. Unweit dieser Stelle lag in einer einfachen Hütte ein armer Jäger krank danieder. Einige Tropfen der Medizin, die Theophrast ihm reichte, genügten, den Mann von seiner Krankheit zu heilen.

Froh über die Wundermittel, die er dem Teufel entlockt hatte, schritt der Doktor nun heimwärts und wurde in kurzer Zeit der berühmteste Arzt des Landes.

Jahrelang übte Theophrastus seine Kunst und machte viele Menschen, die von andern Ärzten schon aufgegeben waren, wieder kerngesund. Sein Ansehen und sein Ruhm wuchsen und drangen in immer weitere Kreise; freilich wuchsen auch der Neid und der Arger der übrigen Ärzte in der Stadt, die allmählich ihre ganze Kundschaft verloren. Wiederholt trachteten sie, ihn aus dem Weg zu räumen, aber nie glückte der abscheuliche Plan. Schließlich aber fiel er doch der Tücke seiner Rivalen zum Opfer. Es gelang ihnen nämlich, dem Doktor zerriebene Diamantenkörner beizubringen, gegen deren tödliche Wirkung kein Mittel bekannt war.

Als Theophrast nun sterbenskrank in seinem Wohnhaus am »Platzl« in Salzburg daniederlag und fühlte, daß sein Ende nahe sei, rief er seinen Diener, gab ihm ein Fläschchen mit gelber Flüssigkeit und befahl ihm, es sogleich in die Salzach zu schütten. Der aber meinte, das Fläschchen enthalte den Zaubertrank, mit dem sein Herr so viele Wunderkuren ausgeführt hatte, und dachte: Das Fläschchen behalte ich mir. Ich wäre doch ein Narr, wenn ich mir die Gelegenheit entgehen ließe, reich und angesehen zu werden. So kehrte er nach kurzer Zeit, ohne den Befehl auszuführen, an das Krankenbett seines Herrn zurück und sagte: »Herr, ich habe getan, was Ihr mir befohlen habt.«

»Und was sahst du«, fragte Theophrast, »als die Flüssigkeit ins Wasser rann?«

»Nichts«, entgegnete verwundert der Diener.

Da fuhr der Kranke von seinem Lager auf und rief: »Nichtswürdiger Mensch, so vollziehst du meine Befehle. Du wolltest mich betrügen und bedachtest nicht, daß ich alles erfahre. Geh sofort und führe meinen Befehl aus oder, bei Gott, du sollst meinen Zorn noch einmal zu fühlen bekommen!«

Erschrocken eilte der Diener, der den Zorn seines Herrn fürchtete, so rasch er konnte zur Salzach und tat, wie ihn Theophrastus geheißen. Als sich der Wundertrank mit den Fluten der Salzach vermischte, glänzte lauteres Gold zu dem erstaunt in den Fluß hinabschauenden Diener empor. Seitdem führt die Salzach Goldkörner auf ihrem Grund.

Theophrastus aber wollte sich noch nicht mit dem Tod abfinden und ein letztes Mittel gegen die vernichtende Wirkung der Diamantenkörner versuchen. Er gebot dem Diener, aus der Krankenstube zu gehen und sich vor Abend nicht mehr blicken zu lassen, fing zwei Spinnen und zwang sie, in seinen Schlund hinabzukriechen, um die Diamantenkörner heraufzuholen. Schon hatten die Tiere sie beinahe bis in den Mund heraufgebracht, und im nächsten Augenblick wäre der Kranke gerettet gewesen, da öffnete der Diener zur Unzeit die Tür. Das Knarren der Angeln erschreckte die Spinnen, sie ließen die Körner wieder in den Magen hinabfallen, und nun war das Schicksal des Wunderdoktors besiegelt. Theophrastus war unrettbar dem Tod verfallen und starb nach wenigen Tagen in seinem Wohnhaus am »Platzl« in Salzburg.

 


 

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