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Sagen aus dem Rheinland

: Sagen aus dem Rheinland - Kapitel 82
Quellenangabe
titleSagen aus dem Rheinland
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Die untergegangene Stadt Gression

Als an der Duffesmaar bei Gelch einmal ein Bauer beim Pflügen an etwas Hartes im Boden stieß, so hart, daß der Pflug davon zerriß, fing es an zu läuten; er grub nach und fand die Spitze eines Kirchturmes von Gression. Sofort warf er Erde in das Loch, denn es soll nicht gut sein, in die Geheimnisse einer versunkenen Stadt einzudringen. Einen guten Teil unseres linksrheinischen Niederlandes muß in alten Heidenzeiten einmal diese große Stadt Gression bedeckt haben. Auf dem Rott, einer Flur bei Gürzenich, haben ihre Festungswerke on Poeze (Pforten, Tore) gestanden, aber auch »ein Poezefähld« bei Langerwehe, wie schon der Name besagt; die Marktplätze der Stadt lagen in Düren, wo heute das Muttergotteshäuschen steht, bei Birgel auf dem »Mahdberg« (was also nichts anderes als Marktberg bedeutet) und in der »Duffesmaar« bei Geich. Auch bei Berzbuir, wo es heißt »de ahl Kerch«, und im »Kirchwasser« bei Merken sollen solche Kirchen von Gression versunken sein, oder richtiger Heidentempel, denn auch an der Stelle mancher alten Pfarrkirche, wie der zu Langerwehe und zu Pier, standen solche Tempel. Und bei letztgenanntem Orte im Schlammerweiher liegt denn auch die Burg von dem, der über die Stadt zu sagen hatte; freilich auch die Heidenburg bei Hoven gehörte mindestens noch zu Gression. Und wiederum in Lamersdorf behaupten sie, ihr Ort sei einst der Mittelpunkt von Gression gewesen. Zurzeit als er noch auf der Höhe, nicht wie jetzt im Tale, lag. Bescheidener beansprucht Altdorf, daß dort eine Vorstadt gewesen sei, weshalb auch jetzt noch ein Teil der Ortschaft so heiße. Durch einen großen Teil des Kreises Düren und des Landkreises Aachen geht diese Sage von Gression, und auch noch bis in die Kreise Bergheim und Jülich. Wo man mit dem Spaten oder Pflug auf römische Baureste, Dachpfannen oder Grundmauern stößt, sagt man gleich: »Das es wedde e Stöck van dr Stadt Gression, die versonke es«, oder so ähnlich. Fast immer heißt es auch: »diese Stadt die reichte bis Gressenich«. Dies heutige Dorf Gressenich (zwischen Stolberg und Düren) muß denn auch seinen Namen von dem alten Gression haben, es ist eben das, was von der großen Stadt übrigblieb, es war der Hauptteil davon, ja, die untergegangene Stadt wird nicht selten selbst Gressenich genannt.

Nach alledem muß die Stadt größer gewesen sein, als alle jetzigen bei uns. Nach einigen brauchte man zwei Stunden, nach andern fünf, nach den meisten Berichten sieben Stunden, um sie zu durchmessen. Damit noch nicht genug, es heißt, sie habe gar von Aachen bis Köln und von Düren bis Jülich gereicht, oder von Aachen längs der Krefelder Straße bis an den Rhein, hundert Stunden habe sie im Umfang gehabt. Sie war auch anders gebaut als die heutigen Großstädte: »Dat woe su ne vertelte Stadt, riet wie jetz die Städt senn. He woe ne Fleck, do stonde de Huse, dann kom ne Plaatz, do wor et frei; su geng dat fürahn, su dat dat velle Oetschofte wore. Dat ganze nennte nie evve Gressiona«. Und an verschiedenen Orten, wie wir bereits wissen, kennt man noch die Stellen der Tore und Mauern.

Fast alle stimmen darin überein, daß sie in der Heidenzeit gestanden habe, einige meinen, es sei schon vor der Sündflut gewesen. Die römischen Scherben im Ackerboden haben wohl den Anstoß zur Bildung der Sage gegeben, aber die Volkssage weiß von Römern als Erbauern und Bewohnern Gressions nur in Gressenich und wenigen anderen Orten. Einmal war ein riesiges Türkenheer vor Gression, das als uneinnehmbare Festung galt, das war zu der Zeit als der Omerbach, der zwischen Gression und Hamich fließt, noch ein großer, schiffbarer Strom war. Dort wurden die Türken in einer furchtbaren Schlacht besiegt:

Zu Gression
Am Omerstrom
Ward eine blutige Schlacht geschlagen...

So begann ein altes Lied, das die Leute jetzt leider vergessen haben. Der Türkenfeldherr soll aber beim Abzug gesagt haben, »wenn er wiederkäme, würde er ein so großes Heer mitbringen, daß ihre Pferde den ganzen Omerfluß aussaufen und trocknen Fußes hinüber könnten. Dann solle in der Stadt kein Stein auf dem andern bleiben.«

Wie die Stadt Gression zugrunde ging, davon wird noch mancherlei erzählt; außer den Türken wird es auch irgendwelchen andern fremden Kriegsvölkern zugeschrieben. In Merken sagt man, bei der Zerstörung sei es so furchtbar zugegangen, daß davon die Stadt oder vielmehr ihre Ruine den Namen Gräßelich bekam, woraus dann später Gressenich wurde. An der Kohlenasche, die sich viel in römischen Trümmern findet, soll man ein sicheres Zeichen haben, daß die Stadt durch Feuer zerstört wurde. In andern Orten dagegen hält man dafür, daß eine große Flut, meist sagt man: die Sündflut, die Stadt begraben habe. Man sehe das ja auch noch an den doch nur vom versteinerten Muscheln in den Steinbrüchen, die könnten Wasser herrühren; ebenso auch die Baumstämme, die in der Braunkohle bei Lucherberg zusammengeschwemmt sind, und die Sand- und Geröllmassen über dieser Schicht; und dann die steinharten, schwarzen Baumstümpfe, die im »ruede Brooch« bei Schwarzenbroich stecken, mit der Wurzel nach oben: was das für eine gewaltige Flut gewesen sein müsse!

Am meisten hört man: Gression ist versunken, warum, wissen manche Erzähler nicht zu sagen, oder es heißt, wie bei vielen andern Städten, denen das geschah: zur Strafe für ihre Üppigkeit und ihre Sünden. Wie prächtig und wie reich die Stadt war, können wir nur noch ahnen; im Oretzfeld bei Selgersdorf (im Kreise Jülich) werden manchmal besonders Schöne, große Ziegel ausgepflügt, mit Blumen und anderm Bildwerk darauf, und am Sandberg bei Rödingen (ebenfalls im Kreise Jülich) findet man an einigen Stellen Sand so glänzend und schwer wie pures Gold. Die Alten wußten mehr davon, wie es in Gression zugegangen ist. Eine von den schlimmsten in der Stadt sei »Frau Liesche« gewesen. Nach ihr heißt heute noch eine Mulde, die mit Gestrüpp und alten Weidenbäumen bewachsen war, hinter Röhe auf St. Jöris zu; da ging nachts Frau Liesche um, oder sprang von Baum zu Baum in langes, leuchtend weißes Leinen gehüllt, und plättete mit den Händen Wäsche, daß es schaurig durch den ganzen Wald hallte; das mußte sie nach ihrem Tode zur Strafe dafür, daß sie sonntags gewaschen hatte.

 


 

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