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Sagen aus dem Rheinland

: Sagen aus dem Rheinland - Kapitel 58
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Karls Rückkehr aus Ungarn

Als König Karl nach Ungarn und der Walachei fahren wollte, die Heiden zu bekehren, gelobte er seiner Frau, in zehn Jahren heimzukehren. Käme er in dieser Zeit nicht, so sollte sie seinen Tod für gewiß halten. Würde er ihr aber durch einen Boten sein golden Fingerlein zusenden, dann möge sie auf alles vertrauen, was er ihr durch denselben entbieten lasse. Nun geschah es, daß der König schon über neun Jahre ausgewesen war, da begann der Unfriede in den Ländern am Rhein; Raub und Brandschatzungen wollten nicht aufhören. Die Herren gingen zur Königin und baten, daß sie sich einen andern Gemahl auswähle, der das Reich beschützen könne. Die Königin aber wollte ihrem Gemahl nicht untreu werden und nichts tun, eh' er das Wahrzeichen gesandt hätte. Doch die Herren drängten so lange, bis sie endlich nachgab. Gott der Herr aber sandte einen Engel an König Karl nach Ungarland, der es ihm kundtat. Wie der König aber verzagte, daß er in drei Tagen sollte heimkehren können, sprach der Engel: »Weißt du nicht, Gott kann tun, was er will? Geh zu deinem Schreiber, der hat ein gutes starkes Pferd, das du ihm abgewinnen mußt; das soll dich in einem Tag tragen über Moos und Heide bis in die Stadt zu Raab, das sei dein erster Tagesritt. Den andern Morgen sollst du früh ausreiten die Donau hinauf bis gen Passau; das sei der nächste Tagesritt. Zu Passau sollst du dein Pferd lassen; der Wirt, bei dem du einkehrst, hat ein schön Füllen; das kauf ihm ab, es wird dich den dritten Tag bis in dein Land tragen.«

Der Kaiser tat, wie ihm geboten war und ritt in einem Tag von der Bulgarei bis nach Raab, und den zweiten kam er nach Passau. Der Wirt, bei dem er abends, als das Vieh einging, das Füllen sah und es kaufen wollte, gab es ihm aber erst nicht, weil es noch zu jung sei und er zu schwer dafür. Erst als der Gast ihn zum drittenmal darum anging, ließ er es ihm gegen dessen Pferd.

Also machte sich der König des dritten Tages auf und ritt schnell und unaufhaltsam bis gen Aachen vor das Burgtor; da kehrte er bei einem Wirt ein. Überall in der ganzen Stadt hörte er einen fröhlichen Lärm, der kam vom Singen und Tanzen. Da fragte er, was das wäre. Der Wirt sprach: »Eine große Hochzeit soll heute gefeiert werden, denn unsere Frau wird einem reichen König anvermählt; da wird große Kost gemacht, und jungen und Alten, Armen und Reichen Brot und Wein gereicht, und Futter wird vor die Pferde geschüttet.« Der König sprach: »Hier will ich mein Gemach haben und mich nicht um die Speise bekümmern, die sie in der Stadt austeilen; kauft mir für mein Guldenpfennig, was ich bedarf, schafft mir viel und genug.« Als der Wirt das Gold sah, sagte er bei sich selbst: »Das ist ein Edelmann, wie ich noch keinen erblickte!« Nachdem die Speise köstlich und reichlich zugerichtet und Karl zu Tisch gesessen war, forderte er einen Wächter vom Wirt, der sein des Nachts über pflege, und legte sich zu Bette. In dem Bette aber liegend, rief er den Wächter, und mahnte ihn: »Wann man den Singos im Dom läuten wird, sollst du mich wecken, daß ich das Läuten höre; dies gülden Fingerlein will ich dir zum Lohn geben.« Als nun der Wächter die Glocke vernahm, trat er ans Bett vor den schlafenden König: »Wohlan, Herr, gebt mir meinen Lohn, eben läuten sie den Singos im Dom.« Schnell stand dieser auf, legte ein reiches Gewand an und bat den Wirt, ihn zu begleiten. Dann nahm er ihn bei der Hand, und ging mit ihm vor das Burgtor, es lagen starke Riegel davor. »Herr«, sprach der Wirt, »ihr müßt unten durchschlüpfen, aber dann wird euer Gewand kotig werden.« – »Daraus mach ich mir wenig, und würde es ganz zerrissen.« So krochen sie unterm Tor hindurch; der König voll weisen Sinnes hieß den Wirt um den Dom gehen, während er selber in den Dom ging. Nun galt in Franken das Recht, »wer auf dem Stuhl im Dom sitzt, der muß König sein«. Das erschien ihm gut, er setzte sich auf den Stuhl, zog sein Schwert und legte es nackt über seine Knie. Da trat der Mesner in den Dom und wollte die Bücher bereitlegen; als er aber den König sitzen sah mit blankem Schwert und stillschweigend, begann er zu zagen, und verkündete eilends dem Priester: »Als ich zum Altar ging, sah ich einen greisen Mann mit bloßem Schwert über die Knie auf dem gesegneten Stuhl sitzen.« Die Domherren wollten dem Mesner nicht glauben; einer von ihnen ergriff ein Licht und ging unverzagt zu dem Stuhle. Als er die Wahrheit sah, wie der greise Mann auf dem Stuhle saß, warf er das Licht aus der Hand, und floh erschrocken zum Bischof. Der Bischof ließ sich zwei Kerzen von Knechten tragen, die mußten ihm zum Dom leuchten; da sah er den Mann auf dem Stuhle sitzen und sprach furchtsam: »Ihr sollt mir sagen, was Mannes Ihr seid, geheuer oder ungeheuer, und wer Euch ein Leids getan, daß Ihr an dieser Stätte sitzt?« Da hob der König an: »Ich war Euch wohl bekannt, als ich König Karl hieß, an Gewalt war keiner über mir! « Mit diesen Worten trat er dem Bischof näher, daß er ihn recht ansehen könne. Da rief der Bischof: »Willkommen, liebster Herr! Eurer Kunft will ich froh sein«, umfing ihn mit seinen Armen und leitete ihn in sein reiches Haus. Da wurden alle Glocken geläutet, und die Hochzeitsgäste fragten, was der Schall bedeute. Als sie aber hörten, daß König Karl zurückgekehrt sei, stoben sie auseinander, und jeder suchte sein Heil in der Flucht. Doch der Bischof bat, daß ihnen der König Friede gäbe und der Königin wieder hold würde, es sei ohne ihre Schuld geschehen. Da gewährte Karl die Bitte, und gab der Königin seine Huld.

 


 

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