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Sagen aus dem Harz

: Sagen aus dem Harz - Kapitel 2
Quellenangabe
titleSagen aus dem Harz
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Die fleiße Liese in Claustal

Vor langer Zeit lebten in Claustal zwei arme Mädchen. Sie hatten weder Vater noch Mutter noch hilfreiche Verwandte und mußten sich früh schon durch ihrer Hände Arbeit kümmerlich fortbringen. Weil aber damals Frauenarbeit an Haushalt und Spinnrad gebunden war, suchten sie mit Spinnen ihr tägliches Brot zu verdienen. Diese Geschwister glichen einander wie Strohhalm und Ähre, die ja auch aus der gleichen Wurzel stammen. und doch ganz verschieden geartet sind.

Die eine der Schwestern war hochfahrend und dumm, die andere voll Versonnenheit und Versponnenheit; war jene schwatzhaft und faul, so verrichtete dagegen diese emsig und still ihre Arbeit. Wenn die Fleißige um elf Uhr nachts ihr Spinnrad in die Ofenecke rückte, so hatte die Faule schon ein paar Stunden gefeiert oder geschlafen.

So kam Ostern ins Land. Am Vorabend dieses Festes saß die fleißige Liese wie immer am Rad und spann ihren Rocken auf; der glatte Faden rann ihr fließend aus den Fingern. Die Faule dagegen hielt es bei der Arbeit nicht aus; sie lief den Burschen nach und sprang mit ihnen um die Osterfeuer.

Der Türmer sang eben die elfte Stunde über die schweigsamen Dächer, da klinkte die Haustür, und herein trat eine schöne Frau, ganz weiß gekleidet. Sie trug lange goldene Haare und hielt einen vollen Rockenstock in der Hand, den man in dieser Gegend auch »Diesse« zu nennen pflegte. Er war so weiß wie Silber und glänzte wie Seide.

Die schöne Frau grüßte mit ernstem Nicken, trat näher, prüfte das Garn des Mädchens, das soeben den letzten Flachs als Faden auf ihre Rolle auflaufen ließ, und sagte lobend :

»Fleißige Liese,
Leer ist die Diesse,
Fein fühlt sich der Faden,
Bist wohl geraten«

Dann rührte sie mit der Silberdiesse an das Spinnrad des Mädchens, lächelte ihm zu und verließ die Kammer. Es war die Frau Holle.

Die Liese legte sich bald danach zu Bett. Aber einschlafen konnte sie erst, als die Schwester endlich von ihrem nächtlichen Ausgang zurückkam. Lachend warf sich die schöne Törin auf ihr Lager und prahlte wunders, was die Liese an diesem Abend versäumt und verloren habe.

Als nun die Ostermorgensonne durchs Fenster schien, da erwachte die Liese zuerst. Sie rieb sich verwundert die Augen, denn vom Morgenstrahl funkelte ihr Spinnrad wie Gold und blitzte, daß die ganze Kammer hell wurde. Schnell sprang sie aus dem Bett und prüfte mit ihrem Finger den goldenen Glanz, hob auch das Rad vom Boden. Aber es wog schwer und war von der Diesse bis hinunter zum Tretbrett aus gediegenem Gold. Und der Faden, den sie am Osterabend gesponnen hatte, erglänzte wie Seide. Sie haspelte ein Gebind nach dem andern, es hing je zehn und zehn nebeneinander. Aber die Rolle blieb voll, und das Garn wollte kein Ende nehmen. So hatte sie denn eine doppelte Quelle des Wohlstandes als Lohn für die treue, gediegene Arbeit.

Nun zerrte auch die Faule begierig ihr verstaubtes Spinnrad hervor. Aber wo sonst der ungesponnene Flachs auf der Diesse saß, raschelte nun graues Stroh. Und als sie in böser Ahnung schnell nach ihrem Leinenschatz in der Truhe kramte, fand sie statt der schönen, gewebten Ballen nur Häcksel und Stroh.

Darum sagt man noch heute im Harzland: Am Ostersonnabend muß die Diesse leer sein, sonst kommt Frau Holle und bringt Häckerling.

 


 

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