Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sagen aus dem Harz

: Sagen aus dem Harz - Kapitel 10
Quellenangabe
titleSagen aus dem Harz
typelegend
senderjuergen@redestb.es
modified20170929
Schließen

Navigation:

Das Mädchen von der Wegsmühle

Auf der Wegsmühle diente vor langer Zeit ein großes, starkes und schönes Mädchen. Eines Abends spät kam ein Mann in die Mühle, der einen vollen Hedesack (Hede = Werg, Abfall von Flachs) trug.

Ob er nicht in der Mühle im Stalle übernachten könne, fragte der Mann. Beinahe wäre es ihm gestattet worden, denn der Müller tat manchem Armen Gutes. Aber er wollte an diesem Abend mit seiner Frau in ein Dorf zu Verwandten gehen, wo man ihn zu einer kleinen Lustbarkeit eingeladen hatte; es war nämlich gerade Fastnacht. Da machte es sich nicht gut, daß der Fremde in der Mühle blieb, weil das Mädchen ganz allein zu Hause war.

Nun erklärte der Mann, er wolle ins nächste Dorf zurückgehen, seinen Hedesack aber auf der Mühle in den Kuhstall stellen, damit er ihn nicht wieder zurückschleppen müsse; am nächsten Morgen werde er ihn dann abholen. Das sei ihm ganz recht, meinte der Müller. Der Harzker stellte also seinen Hedesack. in den Kuhstall und ging fort; eine Weile darauf entfernten sich auch der Müller und die Müllerin. Als aber das Mädchen nach einiger Zeit im Kuhstall ihre Arbeit verrichtete, bemerkte es beim Melken, daß der Hedesack, der in der Ecke lehnte, bald groß und bald klein wurde und sich auf und nieder bewegte. Da lief die Magd geschwind ins Haus und holte eine geladene Flinte heraus, die in der Stube an der Wand hing. Mit der Flinte in der Hand trat sie vor den Sack hin und rief: »Wer da?« Sie erhielt aber keine Antwort und drückte ab. Ein Aufschrei erscholl aus dem Hedesack, und als das Mädchen ihn aufband, schwamm da ein großer Mann in seinem Blut, der hatte ein Messer und eine Pfeife neben sich liegen.

Der Mann winselte, daß er nun vor Gottes Richterstuhl treten solle, und bekannte, daß ihrer zwölf Brüder seien, die alle das Räuberhandwerk betrieben. Zehn davon hätten in der Nacht hier einbrechen wollen, der elfte, das sei der jüngste, der sitze in der Räuberhöhle bei der steinalten Mutter, die ihn nicht fortlassen wolle. Er selbst sei der zwölfte, ihn hätten sie in einen Sack gebunden und das große Messer neben ihn gelegt, damit er den Sack zur rechten Zeit durchschneiden und heraussteigen könne. Dann habe er vor die Öffnung der Mühle, wo der Mühlbach durchs Haus geht, hintreten und den andern pfeifen sollen. Die elf Räuber lägen schon draußen vor der Mühle versteckt und lauerten nur auf den Ton seiner Pfeife. Das Mädchen möge im Dunkeln rasch entfliehen und die Mühle ihrem Schicksal überlassen, sonst sei es verloren. Dann starb er.

Entfliehen aber konnte das Mädchen nicht, denn der Müller hatte die Hoftür zugeschlossen und den Schlüssel eingesteckt, damit die Magd nicht auf ihn und seine Frau in der Nacht zu warten brauche und damit sie selbst, wenn sie heimkehrten, aufschließen könnten. Das Mädchen überlegte nun, was zu tun sei, nahm das große Räukermesser und die Pfeife und ging damit in die Mühle hinein. Dann trat sie vor die Öffnung in der Mühle und blies in die Pfeife. Plumps erklang es vom Wasser, und halb schwamm, halb watete der Kerl, der den Hedesack getragen hatte. Es war der Räuberhauptmann selbst, bald darauf streckte er seinen häßlichen Kopf unter der Mühlschwelle herein. Den packte die Magd nun bei den Haaren, fesselte ihn und legte ihm eine Schnur um den Hals, so daß er nicht schreien konnte, und zog ihn dann vollends herein. Nachher blies sie wieder auf der Pfeife. Ein Plumpser, und schon kam der zweite Räuber daher, dem es nicht anders erging als dem ersten. So lockte das Mädchen alle zehn Räuber unter die Schwelle der Mühle.

Als der Müller mit seiner Frau nach Hause kam, fand er das Mädchen ganz verstört und mit Blut befleckt in der Stube sitzen. Nachdem die Magd den Müllersleuten den ganzen Vorfall erzählt und die dingfest gemachten Räuber gezeigt hatte, wurde das tapfere Mädchen als Retterin der Mühle gepriesen. Sie lebte nun in der Mühle hinfort mehr als Freundin denn als Magd und wurde weit und breit berühmt wegen ihrer Heldentat. Es fanden sich auch junge Burschen aus dem Dorfe ein, die sie gerne gefreit hätten. Das Mädchen aber war eigenwillig und erklärte, es wolle keinen andern zum Manne haben als den, der verspreche, nach ihrer Pfeife zu tanzen, womit sie die Räuber herbeigelockt habe. Und weil sie so schön war, fand sich zuletzt in der Mühle ein feiner Herr aus der Stadt ein; der ging auf Freiersfüßen, war sehr reich und hielt um das Mädchen an. Sie wollte zuerst auch von ihm nicht viel wissen, aber er machte ihr die kostbarsten Geschenke, und der Müller und die Müllerin sagten, der Mann müsse einen großen Goldkasten zu Hause stehen haben, und wer da einmal hineingreifen dürfe, sei wohl sein Leben lang glücklich zu preisen. Und so fand sich das Mädchen mit dem Gedanken ab, den Städter als ihren Verlobten anzusehen.

Eines Tages erklärte der fremde Bräutigam, er wolle das Mädchen einmal in der Kutsche abholen und ihm sein Haus zeigen, wie prächtig es sei. Der Müller gab die Erlaubnis, daß das Mädchen mit ihm fahren dürfe. Dieses selbst hatte anfangs wieder keine rechte Lust, mit dem Bräutigam, den es nicht liebte, zu fahren, doch war es neugierig, einmal sein Hauswesen zu sehen, und darum setzte es sich in die Kutsche.

Der Fremde fuhr nun mit dem Mädchen in den Wald. Als sie mitten im Forst waren, ließ er den Kutscher, der ein Lohnfuhrmann war, halten und hieß das Mädchen mit ihm aussteigen. Den Fuhrmann hatte er schon vorher gut bezahlt und ihm mitgeteilt, was er im Wald tun solle. Darum schlug der Kutscher nun auf seine Pferde ein, jagte davon und ließ das Mädchen mit dem Fremden im Wald stehen. Nun griff der ungestüme Freier das Mädchen hart an, und weil er stärker war als sie, so mußte sie ihm folgen, und er schleppte sie in eine Räuberhöhle. Da saß die steinalte Mutter der elf Räuber, die das Mädchen zur Strecke gebracht hatte. Der Fremde aber sagte, er sei der zwölfte Bruder und habe seiner Mutter geschworen, die andern elf Brüder an ihr zu rächen; darum habe er sich verkleidet und sie hierher gelockt. Hier müsse sie nun sterben.

So mutig das Mädchen auch war, diese Not ging über ihre Kraft; sie weinte und klagte und bat den jüngsten Bruder der Räuber um ihr Leben. Dieser hätte sie gerne leben lassen, denn ihre Schönheit hatte schon längst sein Herz betört. Weil die alte Mutter das merkte und das Mädchen sich erbot, die Wirtschaft in der Höhle zu führen und das Weib des jungen Räubers zu werden, so beschlossen Mutter und Sohn, die Gefangene am Leben zu lassen.

Aber das stolze Mädchen konnte es nicht verwinden, daß es die Frau eines Mordgesellen sein sollte. Als der junge Räuber einmal schlief, verließ es den Wald und kehrte wieder zu dem Müller zurück. Dieser rief die Obrigkeit herbei, und das Mädchen führte die Häscher zur Räuberhöhle. Dort fanden sie die Alte dicht vor der Höhle, weil sie vor Altersschwäche nicht hatte entfliehen können, nahmen die Häscher sie und ihren Sohn mit und ließen ihnen die gerechte Strafe zuteil werden.

Das Mädchen aber erhielt alle Schätze, die sich in der Räuberhöhle vorfanden. So war sie nun steinreich geworden. Von den Burschen aus dem Dorf aber, denen sie früher sehr schnöde begegnet war, fand sich kein Bewerber um sie wieder ein, weil sie drei Tage bei dem jungen Räuber in der Höhle verbracht hatte. So lebte das Mädchen weitbekannt und sehr reich, aber einsam bis an ihr Ende.

 


 

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.