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Sagen aus Böhmen

: Sagen aus Böhmen - Kapitel 8
Quellenangabe
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Hans Heilings Felsen

Beim Dorfe Aich, nicht weit von Karlsbad, ragen am Ufer der Eger seltsam geformte Felsen empor, in denen man versteinerte Gestalten zu erkennen glaubt. Eine Hochzeitsgesellschaft sei es, so sagt man, die durch zauberische Gewalt zu Stein erstarren mußte. Früher verrufen und gemieden, wurde das Felsbild jetzt ein Ausflugsziel. Und wenn am Abend vom Fluß her die Nebel aufwallen und man seinen Blick lange genug auf die bizarre Steinformation richtete, dann glaubt man sie wirklich zu erkennen, die sich im Sterben umarmenden Jungvermählten, die Brauteltern und ihre Gäste.

Im Egerland lebte einst ein junger Mann, Hans Heiling mit Namen, der ein achtsames Gewerbe betrieb und so tüchtig in seinem Geschäft schien, daß er es in kurzer Zeit zu großem Reichtum brachte. Doch begannen die Leute zu tuscheln, daß es nicht mit rechten Dingen zugehen könne, wenn ein Jüngling, dem kaum noch der Bart sproßt, mit Talern nur so um sich werfe, auf Festen oder im Wirtshaus. Auch fiel auf, daß er ängstlich allen Mädchen auswich, und warf einmal ein Mägdlein einen Blick nach ihm, dann gelang es ihm wohl, in seinen Augen ein kurzes sehnsüchtiges Aufleuchten hervorzulocken, aber alsbald wandte er sich dann, wie vor sich selbst erschreckend, von dem holdseligen Bilde ab. Des Geredes um den jungen Mann wurde immer mehr, da kamen manche mit der Beobachtung daher, daß der Geheimnisvolle stets einen großen Bogen um die Kreuze und Kapellen am Wegesrand mache und er wohl mit dem Bösen im Bund sein müsse. So begann seine ganze Nachbarschaft genauestens auf ihn achtzuhaben, und bald wußte man, daß er sich jeden Freitag in seinem Haus einzuschließen pflege. Vergeblich sei es, ihn da vor das Tor zu rufen. Es legten sich mutige Männer auf die Lauer, um herauszubekommen, was da an jedem Freitag in dem Haus des Jünglings vorgehen. Und sie sahen, wie an diesem Tag stets zur Abendstunde eine Gestalt in das Haus schlüpfte, ohne daß ihm das Tor geöffnet wurde, also ein zauberisches Wesen, das Kräfte besitzte, Mauer und Stein zu durchdringen. Der Teufel sei das, behaupteten die einen, aber andere der Aufpasser wollten in dem nächtlichen Besucher eine schöne Nixe erkennen. Die Egernixe sei das, so sagten sie. Man habe ja viel von ihren Zauberkünsten gehört, und für den Schwur von ewiger Liebe und Treue lehre sie den Jüngling nun die Kunst des Goldmachens.

Und dann kam doch einmal die Stunde, wo ein liebliches Egerländer Mädchen es zuwege brachte, daß sie der Jüngling auf einem Tanzboden länger anblickte und es um ihn geschehen war. Er verliebte sich in ein irdisches Frauenzimmer und hielt um seine Hand an. Von dieser Stunde ab verschloß er Freitags sein Haus nicht mehr, er wich Kreuzen nicht mehr aus und wußte das Vertrauen der Eltern der Jungfrau zu erringen. Sie willigten ein, daß sich die beiden verlobten. Auf den Mai über ein Jahr wurde die Hochzeit festgesetzt. Doch noch war die halbe Zeit nicht um, da ging abermals eine Veränderung mit dem Bräutigam vor. Sein Blick wurde unstet, fahrig seine Bewegungen, und als ihn die Braut an einem Freitag zu einem Besuch bei ihren Eltern einlud, erschien er nicht, und das Mädchen und seine Eltern beschlossen, das Verlöbnis zu lösen. Alles verzweifelte Bitten des Mannes vom einsamen Haus nützte nichts, ja, je dringlicher er wurde, desto härter wurde der Wille des Mädchens sich von dem unheimlichen Gesellen loszusagen. Mit der Zeit vergaß sie ihn, andere junge Leute traten in ihr Leben, und einem von ihnen gab sie das »Jawort«. Die Hochzeit wurde festgesetzt, und zwar genau auf dem Tag, an dem sie den andern hätte heiraten sollen.

Das Haus der Brauteltern lag an einem Hang, der sanft zur Eger hinabfällt. Es war ein schönes, stattliches Bauernhaus, denn das Mädchen war wohlhabender Eltern Kind. Eine große Hochzeitsgesellschaft versammelte sich an jenem Tag im Mai, und es herrschte eitel Freude, beinahe Ausgelassenheit unter den Gästen. Schon lange hatte man so ein schönes Paar nicht gesehen, und die Frauen machten einander aufmerksam, wie verliebt es doch sei, und Frauen sehen gerne, wenn junge Leute recht zärtlich zueinander sind. Um die Mittagsstunde war es getraut worden, und nun saßen die beiden, sich an den Händen haltend, nebeneinander und ließen das fröhliche Treiben an sich vorüberziehn. Es wurde getanzt, musiziert, gescherzt und getrunken. Vom Dorf Aich her, wo die Trauung stattgefunden hatte, schlug die Kirchenglocke die zwölfte Stunde – da sprang die Tür auf, und herein trat ein Mann mit bleichem Gesicht, wirrem Haar und flackernden Augen. Das Mädchen schrie entsetzt: »Hans Heiling!« Voll bebender Angst umklammerten sich die Liebenden. Nun erhob Hans Heiling seine Stimme. Geisterhaft hohl klang sie, das Blut in den Adern erstarren lassend: »Die ihr mit mir verbündet seid, Geister der Hölle, ich entbinde euch von meinem Dienst, wenn ihr mir diese da vernichtet. Ich mag dann selbst zugrunde gehen! «

Von Aich aus war zu sehen, wie Blitze hinzuckten über das Haus am Hang. Ein furchtbarer Sturm erhob sich, das Unwetter tobte bis zum Morgen. Als sich die erschreckten Bewohner des Dorfes endlich aus ihren Häusern hervorwagten, war die ihnen vertraute Landschaft so verwandelt, daß sie sie kaum mehr wiederzuerkennen vermochten. An Stelle des sanften Hanges ragte eine Felswand empor, die Hochzeitsgesellschaft war zu Steinbildern erstarrt. So sieht man sie heute noch, die Jungvermählten sich in Todesnot umarmend, die Hochzeitsgesellschaft aber steht da mit gefalteten Händen.

Wie die Sonne aber nun voll heraufkam, und die Dörfler noch immer voll Staunen sich nicht fassen konnten, vollendete sich das Drama. Auf den Felsklippen erschien Hans Heiling, und mit dem Schrei »Ich danke dir Hölle« stürzte er sich in die Fluten der Eger. Der Fluß gab die Leiche nie mehr frei. Die Nixe habe den Hans Heiling hinabgezogen zu sich in ihr Wasserschloß, um ihn vor Teufel und Hölle zu bewahren, hieß es. Und so hatten die Aufpasser damals alle recht: denn den einen Freitag besuchte die Nixe, den andern der Teufel den Hans Heiling.

 


 

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