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Sagen aus Böhmen

: Sagen aus Böhmen - Kapitel 60
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Böhmens alte Sagen

Höret die Sagen aus alter Zeit – so beginnt die bekannte Sammlung alter böhmischer Sagen von Alois Jirasek, die für diese Ausgabe neu übersetzt wurde.

Die Sagen bestechen durch die historische Detailmalerei, die uns realistische Vorstellungen von der Vergangenheit vermittelt. Die Fürstin Libussa, die in ihren Weissagungen das stolze Prag sah – lange bevor seine Mauern standen – wird hier ebenso lebendig wie der Kampf des Heiligen Wenzel oder die Wundertaten des Rabbi Löw.

Hört die Sagen aus alter Zeit, die Sagen von unseren Vorfahren! Hört, wie sie in unsere Heimat kamen und das Land an der Elbe, der Moldau und den anderen Strömen besiedelten!

Hört die wunderbaren Geschichten aus uralter Zeit, da die Menschen noch im Dämmerlicht der Haine ihre Götter verehrten und in den stillen Tälern den Quellen, Flüssen und dem heiligen Feuer opferten!

Damals gab es keine Städte. Nur wenige ärmliche Ansiedlungen lagen über das weite Land verstreut, in denen Menschen fremder Zunge hausten. Kein Pflug riss die Erde auf. Das Land war unwegsam und wild. Schwarze Wälder rauschten auf den Hügeln und Bergen, dehnten sich von den Hängen meilenweit ins Land. Und auch in den Ebenen erhoben sich Wälder. Hier und dort lag Wiesenland mit hohem, dichtem Gras. Und viele Moore und Schilfdickichte gab es, einzig vom Geschrei der Wasservögel belebt. In dunklen Weilern spiegelten sich Urwaldriesen, die graues Moos bewuchs.

Selten waren Spuren von Menschen zu entdecken. Dafür gab es überall Wild, doch kein Jäger jagte es. So vermehrte es sich überreich. In den tiefen Wäldern wohnte der Bär. Das Wildschwein wühlte den Waldboden auf und stampfte durch das dicht Gebüsch. Füchse schlichen durch da Unterholz. Auf den Ästen lauerte der flinke Luchs. Das Brüllen der Auerochsen dröhnte mächtig von den Wasserstellen her. Hirsche streiften durch den Wald, und Wölfe hetzten das Reh.

Hoch über den Wäldern zog der König aller Vögel, der stolze Aar seine Kreise. Im Felsgestein nisteten Adler und Weihe, und nachts tönte der hohle Schrei der Eulen durch den Tann.

Flüsse und Seen wimmelten von Fischen. Der Fischotter lauerte in seinem vom Hopfen überwucherten Versteck unter dem geborstenem Baum. Das Rauschen der Bäume mischte sich mit dem Plätschern der Bäche, auf deren weißem Sand Goldkörner blitzten. Noch waren die Tiefen der Erde nicht erschlossen. Kein Klopfen von Hämmern erklang. Kein Bergmann grub sich in die Erde, um Silber an den Tag zu fördern.

Leben und Fülle wohin man sah! Das Land wartete auf den Bauern, der es unter seinen Pflug nahm und seine Fruchtbarkeit zu nutzen verstand. Und die Menschen kamen und pflügten die Erde. Sie eroberten Acker um Acker in harter, mühsamer Arbeit und tränkten die Erde mit Schweiß und mit Blut.

Aus dem Herzen des Slawenlandes zog Herzog Tschech mit den Seinen und nahm das Land in Besitz.

Urvater Tschech

Seit Urzeiten dehnte sich nördlich der Tatra das chorwatische Land, ein Teil der großen Heimat der Slawen.

Hier lebten viele Stämme, die in Sitte und Lebensweise einander verwandt waren. Jeder Stamm hatte seinen eigenen Namen, seine eigene Mundart und sein gemeinsames Land.

Und es geschah, dass Kämpfe um Felder und Dörfer ausbrachen. Stamm stand gegen Stamm, Geschlecht gegen Geschlecht.

Und sie legten Feuer an die Hütten, zerstörten Äcker und brachten sich gegenseitig um.

In jener Zeit beschlossen die Herzöge Tschech und Lech, zwei Brüder aus einem mächtigen Geschlecht, ihre Heimat zu verlassen. »Suchen wir uns ein neues Land«, sprachen sie, »wo jeder Mensch in Frieden leben und seiner Arbeit nachgehen kann.«

Tschech und seine Leute waren schon von ihren Vorfahren her gewohnt, den Boden zu bestellen und Pferde, Rinder und Schweine zu halten. Wie gesagt, so getan. Die Herzöge riefen die Männer zusammen und erklärten ihnen ihren Plan. Vor dem Abmarsch wurden den Göttern Opfer gebracht. Dann trug man die Bilder Ahnen aus den Hütten und nahm Abschied von der Heimat.

Gut gesichert war der Zug Herzog Tschechs. An der Spitze gingen Späher und Krieger. In der Mitte ritten Herzog Tschech und sein Bruder Lech, beide von den Edlen, den Ältesten, umgeben. Hinter ihnen kamen Greise, Frauen und Kinder auf Wagen oder zu Pferde. Gegen Ende des Zuges lief das Vieh. Den Abschluss bildeten Krieger. Sie zogen zunächst durch die Gebiete verwandter Völker und kamen schließlich an der Grenze eines Landes an. Ohne sich aufzuhalten, setzten sie über die Oder und betraten ein hügeliges Land.

Auch dort fanden sie noch Ortschaften, deren Bewohner ihre Sprache verstanden, und so wanderten sie weiter und gelangten in das Elbegebiet. Sie überquerten auch die Elbe und fanden sich in einer Landschaft, die nur dünn besiedelt war. Die Bewohner sprachen eine fremde Sprache. Sie waren in Felle gekleidet und hatten einfache Waffen. Aber sie fochten mutig und wichen erst nach hartem Kampf zurück. Die Krieger Tschechs zerstörten die ärmlichen Behausungen und drangen weiter vor.

Mühsam war der Weg durch die tiefen Wälder, mühsam der Zug durch eine Landschaft, die mit Schilf und Buschwerk dicht bewachsen war. Abends zündeten sie Feuer an und schürten es die ganze Nacht hindurch. So schützten sie sich vor den Raubtieren, die der Schein des Feuers in das Dunkel des Waldes vertrieb.

Schließlich standen sie vor einem dritten großen Fluss, der durch die Wildnis floss. Es war die Moldau. Als sie auch diesen Strom überquert hatten, begannen die Menschen zu klagen.

»Zu lange sind wir schon unterwegs«, murrten sie. »Es ist Zeit, dass wir uns niederlassen und feste Hütten bauen.«

Da wies Herzog Tschech auf einen hohen Berg, der jenseits der Ebene blaute, und sprach: »Lasst uns zu diesem Berge ziehen! Dort wollen wir rasten.«

Und sie zogen zu diesem Berg, der Rschrip hieß, und schlugen an seinem Hang das Lager auf.

Am nächsten Morgen erhob sich Herzog Tschech schon früh von seinem Lager und stieg auf den Gipfel. Als er den Berg erklommen hatte, ging gerade die Sonne auf. Weit ging sein Blick über das Land, das zu seinen Füßen lag wie eine offene Hand. Aus dem üppigen Grün schimmerten silbern die Flüsse. In der Ferne warfen Berge ihre Nebelschleier ab. Eben war die Landschaft, wie geschaffen für Äcker und Weiden.

Das Herz schlug ihm höher bei diesem Anblick, und er dankte den Göttern, dass sie ihn hierher geführt hatten.

Noch lange stand er mit ernstem Gesicht auf dem Berg und sann darüber nach, wie es seinem Volk wohl hier ergehen würde.

Nachdem er hinabgestiegen war, berichtete er seinen Leuten, was er gesehen hatte. Sogleich machten sich viele Männer auf, um das Land zu erforschen. Was sie sahen, gefiel ihnen über alle Maßen. Die Flüsse wimmelten von Fischen, der Boden war fruchtbar, die Landschaft lieblich, und so beschlossen sie, das Land zu besiedeln.

Als am dritten Tag die Sonne über den Wäldern aufstieg, rief Herzog Tschech seinen Bruder und die Ältesten zu sich und sprach: »Von heute an werdet ihr nicht mehr klagen, denn wir haben das Land gefunden, das wir suchten. Oft habe ich von diesem Land geträumt, öfter noch von ihm gesprochen. Dies ist das Land, in dem ihr von nun an leben sollt. Ihr werdet hier alles im Überfluss haben. Guten Schutz vor Feinden bietet es auch. Noch aber hat es keinen Namen. Lasst uns überlegen, wie es heißen soll!«

»Nach dir soll es heißen! Unter deinem Namen soll es wachsen und blühen!« rief ein Greis mit leidenschaftlicher Stimme. Und alle sagten wie aus einem Mund: »Nach dir sei es genannt, nach dir, Herzog Tschech!«

Da fiel der Herzog lauf die Knie und küsste die Erde, die neue Heimat seines Volkes. Danach hob er die Hände und rief mit lauter Stimme: »Sei mir gegrüßt, heiliges Land! Ernähre und erhalte uns zu aller Zeit!« Einige Männer trugen die Bilder ihrer Ahnen herbei, die sie aus ihrer alten Heimat mitgebracht hatten, stellten sie auf die Erde und zündeten große Feuer an. Zum Dank brachten sie den Göttern ein Opfer dar, um ihren Segen zu erflehen, und alle sahen voller Hoffnung in die Zukunft.

Es begann eine Zeit schwerer, mühsamer Arbeit für sie. Nachdem sie das Land unter sich aufgeteilt hatten, wurden die Äcker bestellt. Sie fällten Bäume oder brannten Wälder nieder und brachen die Erde im nächsten Jahr mit dem Hakenpflug.

Ihre Hütten waren mit Stroh gedeckt. Jede Sippe wohnte für sich bei den Äckern. Felder und Wiesen gehörten der Gemeinde. Wälder Weiden, Seen und Flüsse waren Eigentum des ganzen Volkes.

Die Häuser mit den Viehställen und Schuppen bauten sie rund um den Dorfplatz herum. Ein Zaun aus Weidengeflecht umgab das einzelne Dorf. Die Zahl der Äcker, welche die Siedlungen hatten, wuchs von Jahr zu Jahr, und von Jahr zu Jahr gab der Boden reichere Frucht. Roggen, Weizen, Gerste, Hafer und Hirse bauten sie an. Mohnblumenfelder leuchteten weit.

In den Gärten standen Bienenkörbe aus Stroh. Auf der Weide tummelten sich Füllen und grasten gut gewachsene Stuten. Fetter wurden die Schweine, stärker die Ochsen vor dem Pflug. Die Kühe gaben reichlich Milch, die weißer war als Sternenschein.

Dem Geschlecht stand ein Amtmann vor, der verwaltete den gesamten Besitz. Er begann und beschloss alle Gebete im Namen des Geschlechts, brachte den Göttern Opfer dar, begrüßte Gäste, sprach Recht und teilte den Leuten die Arbeit zu. Die Frauen besorgten den Haushalt, spannen, webten, nähten Hemden, Überwürfe, Männer- und Frauenröcke, Hosen, Mäntel und Jacken.

Die Männer weideten die Herden, schützten sie vor wilden Tieren, arbeiteten auf den Feldern, jagten mit Pfeil und Bogen, mit Speeren, Fallen und Gruben, in welche sie die Wölfe lockten. Ein geschäftiges Treiben herrschte in den Dörfern. Von den Weiden ertönte der Klang der Flöte oder Schalmei. In den Gärten und auf den Wiesen erklangen die Lieder der Kinder.

Nur zur Mittagsstunde sang niemand, denn um diese Zeit tiefer Stille, glaubte man, flögen Mittagshexen aus und schwebten in weißen Gewändern den menschlichen Siedlungen zu, um unbehütete Kinder zu stehlen. Hässliche alte Frauen mit schiefen Mäulern schwärmten aus. Schöne Feen mit goldenen Haaren geisterten durch das Dorf. Sie wurden ebenso gefürchtet wie die bösen Nymphen, die ihre Opfer einschläferten, um ihnen das Augenlicht zu rauben. Blaue Flammen züngelten über Sümpfen und Mooren. Sie wurden für die Seelen toter Menschen gehalten, die keinen Frieden fanden.

Voller Furcht mied man Tümpel, wo im Schatten alter Bäume der Wassermann auf der Lauer lag und bleiche Wasserjungfrauen unvorsichtige Menschen in die Tiefe zu ziehen versuchten.

Noch mehr aber fürchteten sie Perun, den Donnergott, der den Menschen großen Schaden an Hab und t zufügen konnte. Diesen Göttern und Geistern brachten sie Opfer dar, schwarze Hühner und Tauben. Gern opferten sie Veles, dem Gott der Tiere, der ihre Herden beschützte.

Sicherer lebte es sich im Dorf, wo Hausgötter das Anwesen unter ihre Obhut nahmen; das waren die Geister der Ahnen, deren Bilder an einem heiligen Platz neben dem Feuer standen. Und von einem kleinen Hausgeist mit Krallen an Händen und Füßen glaubte man sogar, er bringe Glück ins Haus. Ein anderer Hausgeist von neckischem Charakter bewachte den Hof und fütterte das Vieh, störte aber dafür das Gesinde im Schlaf und trieb allerlei Unfug. Und solange unter der Schwelle eine Hausschlange lag, drohte der Sippe keine Gefahr. Immer wenn die Menschen eine Erscheinung in der Natur nicht verstanden, erklärten sie sich diese auf eine fantastische Art.

Im Herbst, wenn dichte Nebel wallten, die Erde gefror und Schnee die Landschaft bedeckte, kam die Sippe in der Halle zusammen. Ein steinerner Herd erwärmte den Raum, und die Flammen des Feuers erleuchteten ihn. Die Balken waren schwarz vom Rauch. An den Wänden hingen mit harten Fellen bespannte Schilde, Netze, hölzerne Köcher, Streithämmer, Hirschgeweihe und Hörner.

In der Nähe des Herdes saßen die Frauen und spannen. Die Männer besserten Ackergeräte aus, fertigten neue Waffen an oder ruhten nach mühsamer Jagd. Man unterhielt sich miteinander und sang so manches alte Lied. Die Jäger berichteten über ihre Kämpfe mit Büffeln und Bären. Sie wussten aber auch von wilden Männern zu erzählen, die den kühnen Jäger über eine Irrwurzel stolpern ließen, dass er sich verirrte und ins Moor geriet, wo er versank.

Manchmal schickte auch ein Greis seine Gedanken in die einstige Heimat zurück, und er gedachte der Kämpfe der Vorzeit. Und alle lauschten wie gebannt, wenn er von den Abenteuern der Helden erzählte, von ihren unerhörten Kämpfen gegen Ungeheuer und listigen Feinden. Sie waren traurig, wenn dem Guten Böses geschah. Sie waren fröhlich, wenn der Gute das Böse bezwang.

War das Feuer erloschen, denn legten sie sich auf ihre mit Fellen gepolsterte Lagerstatt und flehten den Schutz der Ahnen herbei, deren Geister den Besitz der Nachfahren bewachten, denn es herrschte Blutsverwandtschaft bis ins zehnte Glied. Sie verband die Lebenden mit den Toten, die Gegenwart mit der Vergangenheit.

Still und einsam lag dann in der Nacht das Dorf. Keiner ging und keiner kam. Ab und zu bellten Hunde, wenn ihnen die Witterung von Wölfen in die Nase kam.

Im Winter bedeckten Schnee und Eis das Land. Dann regierte Morana, die Göttin des Winters und des Todes. Zeigte aber der Sonnengott sein Antlitz der Erde, dann war Freude überall. Singend pilgerten die Menschen an die Ufer der vom Eis befreiten Bäche und Flüsse, warfen die Bilder der Göttin des Winters und Todes in Wasser und begrüßten Vesna, die liebliche Göttin des Frühlings.

Wenn die Sonne am höchsten stand, wurde das Fest der Sonnenwende gefeiert. Die Nacht vor dem längsten Tag war wunderbar. Blumen, noch vom Tau benetzt, galten dann als zauberkräftig. Sie verliehen Sehergaben, meinte man und schützten vor bösen Geistern, die in jener Nacht besonders mächtig waren. Auch vor missgünstigen Feen bewahrten sie, die auf den Bergen und in dunklen Höhlen ihre wilden Reigen tanzten. In das Dunkel dieser Nacht flammten Feuer von den Bergen. Die jungen Leute fassten sich an den Händen und tanzten um den brennenden Holzstoß herum. Und sie sangen, vom Knistern der Scheite und dem Prasseln der Flammen begleitet, Lieder zur Ehre der Sonne. Die Worte priesen die Macht der Sonne, ihre Kraft als Lebensspenderin.

Immer schneller tanzten die Burschen und Mädchen. Manchmal sprang ein junger Mann mit einem hellen Schrei durch das Feuer. Dann stiebten Funken durch die Luft, stiegen höher, tanzten wie die Menschen und wurden Sterne. Auf den Gesichtern der Sänger zuckte der Widerschein des Feuers, machte sie geheimnisvoll und schön. Nach dem Sommer kam die Erntezeit, danach der Herbst. Und wieder Winter und Frühling. So kam und ging das Jahr. So kettete sich Jahr an Jahr. Die Geschlechter wurden groß und stark. Groß und stark wurde auch das Volk der Tschechen.

Die Kunde von den fernen Ländern lockte immer mehr Menschen aus der alten Heimat herbei. Die neuen Gebiete reichten bald nicht mehr aus, um die vielen Menschen zu ernähren, und so trennte man sich. Die Menschen zogen gegen Norden und Süden, Osten und Westen, zogen längs der Gebirge und Flüsse und gründeten neue Siedlungen.

Zur Verteidigung des Landes wurden Burgen errichtet . Dort brachten sie in Zeiten der Gefahr ihr Kinder, Frauen und Greise in Sicherheit. Auch ihre Herden bargen sie hinter den festen Mauern der Burg, wenn der Feind in Land drang. In solchen Fällen boten die einzelnen Dörfer nur ungenügenden Schutz.

Die Siedlungen erbauten sie in Tälern und auf Hügeln, auf Felsgraten und an den Ufern der Flüsse. Sie lagen auf dem flachen Land und in den Wäldern, manchmal sogar in Sümpfen. Reisigdämme führten dann vom festen Land durch das Moor.

Um die Siedlung schütteten sie hohe Erdwälle auf, errichteten darauf eine feste Umzäunung aus grob zugehauenen Balken und zimmerten ein Tor. Es gab sogar Siedlungen mit mehreren Wällen wie bei einer Burg. In der Nähe von Grenzen waren die Dörfer besonders gut befestigt. Auch Herzog Tschechs jüngerer Bruder, Herzog Lech, beschloss, weiter gen Osten zu ziehen. Herzog Tschech ließ ihn nur ungern gehen, denn sein Fortgang bedeutete eine Schwächung für beide. Er bat ihn deshalb, sich nicht zu weit zu entfernen, damit er in Zeiten der Gefahr seinem Volk zu Hilfe eilen könne.

»Brüder und Söhne«, sprach Herzog Lech vor dem Abmarsch, »ich werde nicht vergessen, dass ich eueres Stammes bin. Die Zeit könnte kommen, dass ich euch um Hilfe bitten muss. Möglich wäre aber auch, dass ihr meinen Beistand braucht. Darum wollen wir uns nicht aus den Augen verlieren. Ein Zeichen soll euch sagen, wo wir uns niedergelassen haben. Steigt in drei Tagen auf den Rschip, noch ehe es graut. Zu dieser Stunde werde ich ein Feuer entzünden. Wo ihr Rauch über dem Wald aufsteigen seht, da solle unsere neue Heimat sein.«

Noch vor Sonnenaufgang stiegen Herzog Tschech und einige Männer auf den Berg und hielten Ausschau. Da sahen sie weit im Osten eine große schwarze Wolke stehen. Das war der Rauch des Feuers, das Herzog Lech mit seinen Leuten angefacht hatte.

Herzog Lech blieb in jener Gegend und begann sogleich eine Burg zu errichten, die er mit mächtigen Wällen umgab und nach dem Rauch Kourschim, das heißt Rauchburg, nannte.

Seit jenem Tag waren fast dreißig Jahre vergangen. Als Herzog Tschech sechsundachtzig Jahre alt war, starb er. Große Trauer herrschte im Land. Die Menschen sprachen: »Treu und gerecht hat er uns geführt, hat er sein Volk regiert. Er hat uns eine neue Heimat und den Frieden geschenkt. Wie ein Vater war er uns. Wer soll jetzt unser neuer Herzog sein?« Die Menschen glaubten, dass Herzog Tschech in den Gefilden des ewigen Frühlings weiterleben würde, gleich geliebt und geehrt wie auf der Erde.

Sie kleideten seinen Leichnam in ein neues Gewand, das aus einem weiten faltigen Mantel, prächtigen Beinkleidern, neuem Schuhwerk und einem Rock mit breitem Gurt bestand, an dem kostbare Ketten hingen.

In der Nähe eines Kreuzweges, unter Eichen und Linden, errichteten sie einen Scheiterhaufen, der oben mit bestickten Gewändern bedeckt wurde. Darauf wurde der Tote gebettet.

Dann brachten sie duftende Kräuter, Obst, Brot, Fleisch und Met und legten alles zu seinen Füßen hin. Ihm zur Seite stellten sie seine Waffen: Speer, Schwert, Streithammer und Schild.

Dann schlachteten sie einen Hahn und eine Henne und warfen die toten Körper auf den Scheiterhaufen.

Ein naher Verwandter zündete einen Kienspan an, tat rücklings an den Holzstoß heran und warf das Feuer in das Holz. Als die Scheite brannten, kamen auch die anderen Männer mit brennenden Fackeln und schleuderten sie in den Scheiterhaufen.

Die Flammen schlugen wie im Sturm empor. Gewaltig war die schwarze Säule, die zum Himmel stieg. Die Gestalt des Herzogs war in Rauch und Flammen gehüllt, kund es währte nicht lange, da war sie gänzlich den Augen der Menschen entschwunden.

Alle weinten und stießen laute Klagerufe aus. Die Frauen rangen ihre Hände und sangen ein Klagelied.

Als der Scheiterhaufen niedergebrannt war, füllten sie die Urne mit der Asche und versenkten das Gefäß in einem Grab. Zu der Urne legten sie den Schmuck und die Waffen des Herzogs. Über der Urne schütteten sie einen runden, hohen Grabhügel auf.

Als die Frauen und Männer heimwärts schritten, sammelten sie Steine, Zweige und Blätter auf und waren diese hinter sich. Dabei drehte sich niemand um.

Viele Menschen kamen zum Grabmal des Herzogs. Sein Name ging von Geschlecht zu Geschlecht. Bis heute erzählt man von ihm.

 


 

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