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Sagen aus Böhmen

: Sagen aus Böhmen - Kapitel 59
Quellenangabe
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Der Rosenanger

Unweit von Moraschitz[Etwa 40 km südostwärts von Pardubitz am böhmischen Elbeknie], eine gute Wegstunde von Litomysl in westlicher Richtung entfernt, liegt ein kleiner Anger. Er ist kaum zwanzig Schritte lang und fünfzehn Schritte breit. Um diesen Anger rauschen Wälder und wogt Getreide. Am Rande der Wiesen stehen besonders schöne Rosenbüsche, wie man sie sonst nirgendwo sieht. In den Bauerngärten gedeihen sie auch nicht. Die Bauern haben schon viele Sträucher ausgegraben und umgepflanzt. Doch in anderer Erde gehen sie ein. Die Rosen auf dem Anger wachsen immer nach. Ihre Lebenskraft ist nicht zu brechen.

Von der Rosenwiese aus hat der Besucher einen schönen Ausblick auf die Umgebung. Er sieht Wälder und bunte Dörfer, Berge und Hügel, und die Landschaft ist von einem heiteren Zauber erfüllt. Vor vierhundert Jahren lebte auf Schloß Litomysl Kostka von Postupic, der zu den Böhmischen Brüdern hielt. Nicht nur die Bewohner der Burg bekannten sich zu ihnen, sondern auch die ganze Stadt.

Als Ferdinand I. den Widerstand der Stände gebrochen hatte, verlor Herr Kostka Schloß und Herrschaft. Die Böhmischen Brüder wurden verbannt[Ab 1722 ließen sich Böhmische Brüder in Herrnhut im Lausitzer Bergland nieder. Von dort aus breitete sich die Brüdergemeine (Moravia Church) weltweit aus. Sitz der Leitung dieser ev. Freikirche ist Bad Boll in Baden Württemberg.]. Der Älteste der Brüdergemeinde, Jan Augusta, hatte sich als Bauer verkleidet in der Nähe des Schlosses versteckt. Doch eines Tages verriet er sich. Ohne daran zu denken, daß er sich preisgeben mußte, zog er vor den Augen seiner Häscher ein rotes Seidentuch aus der Tasche seiner Bauernjacke, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Daran erkannten sie, daß dieser Mann kein Bauer war.

Sie nahmen Augusta gefangen und brachten ihn mit seinem Schreiber Bilek auf die Festung Krivoklat. Dort hielt man die beiden vierzehn Jahre fest.

Unter König Maximilian, dem Sohn Ferdinands, wurden die Zeiten etwas besser. Die Böhmischen Brüder durften wieder in ihre Heimat zurück. Doch dann kam ein neues Unheil, der Dreißigjährige Krieg. Nach der Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1620 wurde es für sie schlimmer denn je. Siebenundzwanzig böhmische Adelsherren und Bürger, die den Aufstand gegen die Habsburger geleitet hatten, wurden auf dem Altstädter Ring durch Schwert und Galgen zu Tode gebracht.

Wer nicht wieder katholisch werden wollte, mußt die Heimat verlassen. Auch die Böhmischen Brüder aus Litomysl sahen keine andere Möglichkeit für sich, als außer Landes zu gehen. Ehe sie aufbrachen, wollten sie noch einmal zusammenkommen, um voneinander Abschied zu nehmen. Für diese Zusammenkunft wählten sie den Rosenanger bei Moraschitz. Hier empfingen sie zum letzten Mal das Abendmahl in beiderlei Gestalt, sangen ihre Lieder und sagten sich Lebewohl.

So mancher füllte einen kleinen Beutel mit Erde und hängte ihn sich um den Hals. Andere fielen auf die Knie, küßten die Erde und weinten bitterlich. Die Sage erzählt, daß aus ihren Tränen Rosen wurden. So tief reichen die Wurzeln in den Grund, daß man sie an keiner Stelle völlig ausgraben kann. Immer bleibt ein Stück Wurzel zurück, und die Rose treibt von neuem aus.

Seitdem gelten die Rosen vom Rosenanger für ein Zeichen der Treue und Liebe zum Vaterland.

Die Böhmischen Brüder vergruben auch den Kelch, der noch heute tief im Acker verborgen sein soll. Doch niemand suchte nach ihm, denn diese Erde war allen heilig.

Mit der Zeit vergaßen die Leute die Böhmischen Brüder, und sie vergaßen auch, daß mit dem Rosenanger etwas Besonderes war. Früher war die Rosenwiese größer gewesen, und weiter und tiefer waren auch die Wälder ringsum. Heute liegen nur noch Waldstücke in dieser Gegend, und der Pflug des Bauern verkleinerte die Wiese zu dem Anger, der er heute ist.

Und es geschah, was schon ähnlich vom Zizka-Feld erzählt worden ist. Eiln habgieriger Mann wollte sich den Anger aneignen, riß die Rosen aus und pflügte das Feld Er hatte kaum den Pflug in die Erde gestoßen, da zerbrach die Schar mit einem schrillen Klang. Die Pferde bäumten sich auf, stürzten zu Boden und verendeten. Der Bauer machte, daß er von dem Felde kam, und hat es nie wieder versucht, die Wiese der Tränen in Ackerland zu verwandeln. Dann kam ein Bauer, der säte Flachs. Die Pflanzen wuchsen kräftig in die Höhe und blühten reich. Er riß sie aus, wässerte und trocknete sie. Da fing der Flachs plötzlich zu brennen an. Von dem Feuer gerieten die Scheune und der Hof in Brand. Bei diesem Unglück kam die jüngste Tochter des Bauern ums Leben. Fortan wagte keiner mehr, den Rosenanger umzupflügen.

Als 1813 russische Soldaten auf den Anger ritten, erzählten ihnen die Bauern, welche Bewandtnis es mit der Wiese habe. Da sprangen die Reiter von ihren Pferden, neigten ihre Häupter und zogen auf ein Nachbarfeld.

Es gibt auch eine Sage, nach der in ferner Zukunft auf dieser Wiese eine Schlacht geschlagen werden soll. Sie wird so furchtbar sein, daß Blut sogar durch »Wiegen« fließen wird.

Und sieben Könige würden sich auf dieser Wiese treffen, die Hände reichen und einen Frieden schließen, der dann ewig währen wird. Und die Rosen am Rande des Angers werden noch kräftiger duften, und keiner wird sein, der ihren Frieden stören wird.

Immer soll der Anger die Menschen erinnern, wie schwer ein Abschied von der Heimat ist. Nicht vergessen werden sollen die Worte eines Böhmischen Bruders, der gesungen hat:

Herr, segne dich, mein Heimatland,
schwer ist mein Herz beim Abschied von dir.

 


 

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