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Sagen aus Böhmen

: Sagen aus Böhmen - Kapitel 41
Quellenangabe
titleSagen aus Böhmen
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Der tolle Graf von Ziegenhals

Bei Ziegenhals, auf dem Boden noch, der Österreich nach den großen Kriegen um Schlesien verblieben war, stand ein Schloß, in dem einst ein Freigraf wohnte, dem die tollsten Dinge nachgesagt wurden. Er setzte seinen Ehrgeiz daran, als Sünder zu gelten. Wenn die Sonntagsglocken zum Kirchgang läuteten, begann er mit wüsten Gesellen ein Gelage zu feiern, und mit wildem Trunk und Würfelspiel wurde des Tags des Herrn gespottet. Die Gräfin leistete ihm dabei nach Leibeskräften Gesellschaft, denn sie konnte dem Humpen genauso zusprechen wie ein Mann. Der Graf ließ die Felder, die er von seinem Vater in ordentlichem Zustand übernommen hatte, vernachlässigen. Erst schoß Unkraut aus den nicht mehr gepflügten Furchen, ihm folgte Buschwerk und bald rückte auch der Wald auf das Feld vor. Wenn man ihn dafür zur Rede stellte, dann pflegte er zu antworten: »Auch Disteln sind von Gott geschaffen und der Wald erst recht.« Sagte nun einer, daß es viele hungrige Menschen und zu wenig Felder gäbe, antwortete er unwirsch: »Es macht mir Spaß, Nützliches verkommen zu lassen, und als Beweis lade ich dich zum nächsten Sonntag auf eine Kegelpartie ein, wo wir Brotlaibe als Kugel benützen wollen.« Einmal begab sich der Pfarrer aufs Schloß, um dem tollen Grafen ernsthaft ins Gewissen zu reden. Da wurde denn dieser auch ernsthaft und sagte: »Diese meine Felder waren einmal Wald, und ich habe einem geheimnisvollem Auftrag zu gehorchen, sie wieder zu Wald zu machen.« Da ahnte der geistliche Herr, daß er vor einem Zauber stünde und ließ von seinen Vorstellungen ab.

Nun kam auch dem Kaiser das tolle Treiben des Grafen zu Ohren, und er verfügte, daß ihm sein Grund wegzunehmen sei, weil Ackerboden in den Sudetenbergen knapp sei und er nicht wünsche, daß den Menschen dort Mehl und Brot weggenommen werde. Dem Graf blieb nichts anderes übrig, als sich dem Befehl zu fügen, und er bat nur um eine Gnade, weil er einen geheimnisvollen Auftrag zu erfüllen habe. Dem kaiserlichen Kommissar kam dieses Ansuchen zwar wunderlich vor, doch fragte er, welche Gnade sich denn der Graf erbitte. Er wolle noch einmal pflügen, sagte der enteignete Schloßherr, und davor das Unkraut jäten und den jungen Wald ausreißen, der sich schon auf den Feldern breitgemacht habe. Da rief der Kommissar: »Das nenn ich mir eine freundliche Bitte, die Arbeit des Pflügens den Nachfolgern abzunehmen! Gern sei sie gewährt.«

Mit einer Schnelligkeit, über die alle staunten, verwandelte er den jungen Wald und das Brachland zu Ackerland. Zum zweiten Mal war so aus dem Wald Feld geworden. »Was für ein guter Bauer wäre das geworden, wenn er nur gewollt hätte«, sagte der Kommissar. Und als der Graf dann noch um eine letzte Gnade bat, auf den jungen Feldern auch die neue Saat ausstreuen zu dürfen, da gab es ein noch freudigeres »Ja«.

Der Graf begann also die Aussaat. Furche um Furche warf er den Samen, und es war ein hartes Stück Arbeit, und es vergingen etliche Tage, bis das Land bestellt war. Doch es war nicht Kornsamen gewesen, den er der Erde übergab, sondern Samen von Eichbäumen. Am Vorabend des Tages, an dem er und seine Gemahlin das Besitztum verlassen sollten, brach ein furchtbares Unwetter herein, Wasserfluten brachen aus dem Boden hervor und verschlangen das Schloß samt ihren Bewohnern. An seiner Stelle entstand ein Sumpf. Groß aber war das Erstaunen im Dorf, daß statt des Korns junge Eichbäume in den Furchen aufgingen. Ein herrlicher, mächtiger Eichwald wuchs auf dem Land des tollen Grafen heran. In den Nächsten geistert er und seine Gemahlin durch den Wald, und man hört ihn rufen: »Dreimal Wald und zweimal Feld, dann sind wir erlöst.« Das dreimal Wald hatte sich erfüllt, das zweimal Feld harrt noch der Erfüllung. Wird sie jemals kommen, da nach dem Schloßherrn auch die Menschen, die dieses Land jahrhundertelang bewohnt hatten, fortziehen mußten?

 


 

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