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Sagen aus Böhmen

: Sagen aus Böhmen - Kapitel 30
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Die Zwergenburg

Der Graf von Rosenberg auf dem Schloß Krumau vermählte seine achtzehnjährige Tochter Berta mit Hans von Liechtenstein, Herr auf Nikolsburg. Der war steinreich und der Rosenberg'sche fragte nicht danach, daß seine Tochter den armen Herrn von Sternberg liebte. Auch daß der Herr von Nikolsburg einen üblen Ruf hatte und als roh und gewalttätig verschrien war, hatte den Grafen auf Krumau von seinem Plan nicht abbringen können. Schon bei der Hochzeitstafel zeigte der Nikolsburger sich von der übelsten Seite. Weil er einen liebevollen Blick des traurigen Herrn von Sternberg erspäht zu haben glaubte, sprang er auf, zerrte den Jüngling auf den Söller und machte Miene, ihn die Burgmauer hinab in die Moldau zu werfen. Einigen beherzten Gästen gelang es im letzten Augenblick, den Wütenden von seinem Vorhaben abzubringen.

Auf Schloß Nikolsburg erlebte Berta ein wahres Martyrium an der Seite des rohen Gatten und dreier böser Frauenspersonen; ihrer Schwiegermutter und zwei Schwägerinnen, den beiden Schwestern des Burgherrn. Ein Knabe kam zur Welt und starb bald nach der Geburt, eine Tochter, die den Namen Elisabeth erhielt, blieb ihr erhalten. Genau an ihrem 25. Hochzeitstag fand ihr Leiden ein Ende. Ihr Gatte wurde an diesem Tag von einem jähen Tod dahingerafft. Die drei bösen Frauen bekamen es nun mit der Angst, die Witwe könnte Besitzrechte auf Nikolsburg geltend machen, sie hätten ihr am liebsten Gift eingeschüttet, um sie loszuwerden, doch schreckten sie davor denn doch zurück. Dafür heckten sei einen anderen Plan aus. Zum Besitztum des Verstorbenen gehörte eine halbverfallene Burg in Neuhaus. Der Verwalter war ins Dorf übersiedelt, weil ein Zwergengeschlecht sich in ihr eingenistet hatte und er von ihm Böses befürchtete. Darum mieden auch die Bewohner von Neuhaus das allmählich zerbröckelnde Gemäuer. Die drei nun redeten der Frau Berta ein, sie habe jetzt die Pflicht, sich um die Besitztümer ihres verstorbenen Mannes zu kümmern, manches läge im argen und aus der Herrschaft Neuhaus wäre noch viel herauszuholen. Insgeheim dachten sie, die Zwerge würden Frau Berta und ihre Tochter schon vom Leben zum Tod befördern, weil sie das Erscheinen der beiden in ihrem Treiben störte. Berta und Elisabeth wiederum waren froh, der Hausgemeinschaft mit der bösen Verwandtschaft wenigstens für eine Zeit ledig zu sein, willigten ein und machten sich auf den Weg.

Als sie das Dorf Neuhaus durchschritten und den verwachsenen Pfad zum Hügel einschlugen, auf dem sich die Burg erhob, kam ihnen ein Bauer nachgelaufen, und indem er sich ohne Unterlaß bekreuzigte, beschwor er die Damen, kehrt zu machen und ihre Seele zu retten. Nun erfuhren sie zum ersten Mal von dem Gerücht, daß böse Zwerge die Burg in Besitz genommen hätten. Im Weiterschreiten glaubte Elisabeth ein freundliches Piepen aus dem hohen Gras zu hören, und sie versicherte dem Bauern, der ihnen noch immer warnend und beschwörend nachlief, sie habe geheime Botschaft erhalten, daß es gute Zwerge seien, die in dem verfallenen Gemäuer hausten.

Die Gemächer der Burg fanden sie in vollkommen verwahrlostem Zustand vor, und sie erkannten jetzt wohl, daß ihre Feindinnen in Nikolsburg sie ins Unglück hatten schicken wollen. Aber sie vertrauten auf ihren guten Stern, machten in dem Schlafgemach einigermaßen Ordnung und legten sich dann zu Bett. Von der tagelangen Wanderung müde, schliefen sie alsbald fest ein. Um Mitternacht weckten sie schlurfende Schritte, leises Piepen, und die Augen aufschlagend sahen sie ein Gewimmel kleiner Männlein, die kleine Leuchten in winzigen Händen trugen. Einer aus der unübersehbaren Schar trat an die Betten heran. Er trug einen goldenen Kronreif und gab sich als König der Zwerge zu erkennen. Sie führten nichts Böses im Schilde, nur der Kastellan, der im Auftrag des gewalttätigen Herrn von Nikolsburg das Schloß verwaltete, habe sie vertreiben wollen mit Mitteln, mit denen man Ameisen oder Ratten ausräuchert, und das hätten sie sich nicht gefallen lassen. Es wäre ihnen leicht gefallen, den Kastellan zu töten, doch begnügten sie sich damit, ihn besonders während der Nacht zu zwacken und zu zwicken, worauf der Statthalter des Nikolsburgers Reißaus genommen und die Burg dem Verfall preisgegeben hätte. Wenn sie hier weiter wohnen bleiben dürften, dann würden es die beiden Damen nicht zu bereuen haben. So sprach der König, und Berta und ihre Tochter Elisabeth riefen aus einem Mund: »Oli, bleib doch, du lieber, kleiner König.«

Da verneigte sich der kleine König und bat nur noch um eine Gunst. Er und seine Brüder äßen um alles gerne Hirsebrei, und für ein gutes Hirsegericht würden sie auch die Burg wieder instandsetzen. Berta und Elisabeth bereiteten denn in einem großen, großen Topf Hirsebrei zu, stellten ihn im Speisesaal der Burg auf, nur wußten sie nicht woher sie die Tellerchen und Löffelchen nehmen sollten, damit die Zwerge bequem speisen konnten. Da nun die Nacht hereinbrach und der Hirsebrei gerade so weit abgekühlt war, daß man ihn, ohne sich die Zunge zu verbrennen, genießen konnte, erschienen eine Unzahl von Zwergen. Alle mit kleinen Tellerchen und Löffelchen ausgerüstet. Mutter und Tochter hatten nichts weiter zu tun, als mit einer Schöpfkelle die Tellerchen vollzufüllen. Die Zwerge verschwanden für diese Nacht, hielten aber ihr Versprechen. In vielen folgenden Nächten setzten sie die ganze verfallene Burg wieder instand. Gräfin Berta und ihre Tochter lebten noch lange dort und wurden als Wohltäter weithin berühmt im Böhmerwald.

 


 

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