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Sagen aus Böhmen

: Sagen aus Böhmen - Kapitel 29
Quellenangabe
titleSagen aus Böhmen
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Das Weinfaß im Helfenstein

Eine Meile von Trautenau entfernt liegt der Helfenstein, ein steiler Fels, der einst eine Raubritterburg trug. Wohin das Geschlecht gekommen ist, das einst auf dem Helfenstein hauste und das Land ringsum bedrückte, weiß man nicht. Es war eines Tages einfach nicht mehr da. Der Helfenstein gehört zum Riesenberg, und halbwegs zwischen ihm und Trautenau findet man auf Landkarten, die die Ortsnamen noch so festhalten, wie sie seit urdenklichen Zeiten gelautet haben, den Weller Mäschendorf verzeichnet.

Eines Tages war eine Magd aus Mäschendorf auf die Wiesen beim Riesenberg hinausgekommen, um das Vieh von der Weide zu holen. Eine Menge Kinder spielten dort, und plötzlich sagte die Magd: »Kommt Kinder, wir wollen in den Helfenstein und das große Weinfaß anschauen.« Obgleich keines von ihnen jemals etwas von einem Weinfaß im Helfenstein gehört hatte, waren sie doch gleich dabei, mit der Magd zu ziehen, nur ein kluges Mädchen fragte: »Wie kommen wir eigentlich zum großen Weinfaß?«

»Darüber brauchst du dir weiters keine Gedanken zu machen«, antwortete die Magd, »es wird eine Tür im Berg sein, und es wird ein Schlüssel im Schloß stecken, ich werde aufschließen, und wir werden in den Helfenstein hineingehen.«

Wie es die Magd angekündigt hatte, so traf es auch ein. Sie brauchte nur noch den Schlüssel umzudrehen. Das Tor sprang auf, und sie gelangten in einen Raum, in dem weiter nichts zu sehen war als Staub und Spinnweben. Doch da entdeckte eines der Kinder eine zweite Tür, und durch sie gelangte die kleine Schar in eine Art Kellergewölbe, in dem allerlei Hausrat herumlag und in dem auch ein großes Weinfaß stand. Es sah sehr merkwürdig aus. Die Dauben waren zum größten Teil abgefallen, doch hatte sich an ihrer Stelle eine fingerdicke Haut gebildet, die das Faß zusammenhielt. Die Kinder brachen in Rufen des Erstaunens aus, die Magd aber sagte: »Ich hatte es anders in Erinnerung.«

Nun wurde eine weitere Tür von innen geöffnet, ein Mann mit einem Zinnkrug kam in das Gewölbe und ließ ihn vollaufen, nachdem er den Zapfhahn des Fasses aufgedreht hatte. Die Kinder wußten nicht, wem sie sich in ihrer Neugier zuerst zuwenden sollten, denn in dem Gemach, zu dem ihnen der Blick jetzt freigegeben war, sahen sie an einer langen Tafel Männer und Frauen sitzen und ein fröhliches Gelage halten. Der Mann aber, der den Wein holte, erregte ihre Aufmerksamkeit, durch sein seltsames Gewand, und sie umdrängten nun ihn: »Ein, was für ein schöner, neuer Hut und die rote Feder drauf und das Wams, mit Gold bestickt!«

Der Mann forderte die Magd und die Kleinen auf, doch nur ruhig weiterzugehen, sie würden auch etwas Gutes zu essen bekommen, und tanzen könnten sie auch, denn gleich würde die Musik wieder aufspielen. Damit entfernte sich der Mann mit dem gefüllten Zinnkrug. Den Kindern wurde es aber jetzt doch ein bißchen unheimlich, weil die Leute alle so gekleidet waren wie sie es noch nie gesehen hatten, und sie zögerten, der Aufforderung nachzukommen. Die Magd drängte: »Nun geht doch schon Kinder, habt ihr nicht gehört, wie freundlich ihr eingeladen worden seid.« Und da kam auch schon wieder der Mann von vorhin und ermunterte die Schar: »Nur vorwärts und nur vorwärts.« Da packte das kluge Mädchen die Magd plötzlich bei der Hand und sagte: »Nur heraus, nur heraus, es sind alles verwehte Menschen hier.«

Die Magd folgte dem Mädchen, als sie dieses bei der Hand nahm, und alle liefen so schnell sie konnten den Weg zum Eingangstor zurück. Als sie in Mäschendorf ihr Erlebnis erzählten, glaubte man ihnen nichts. Nur der Pfarrer, wie sie alle haarklein dasselbe berichteten, meinte, es könnte doch etwas Wahres daran sein, sicher sei, daß sie niemals aus dem Berg herausgekommen wären, wenn sie den Festsaal betreten hätten. Nun nahm er noch die Magd ins Gebet, wie sie darauf gekommen sei, von einem unterirdischen Gewölbe im Helfenstein zu reden. Die Magd erwiderte, sie habe sich gar nichts dabei gedacht, es sei ihr so plötzlich eingefallen. Da sagte der Pfarrer: »Es leben in manchem vergangene Dinge und Menschen, und er weiß es nicht.«

 


 

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