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Sagen aus Böhmen

: Sagen aus Böhmen - Kapitel 25
Quellenangabe
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Warum das Johannisberg-Glöckchen ›Tim-ling‹ wimmert

Im Reichensteinergebirge, nicht weit vom Städtchen Jauernig liegt der Johannisberg, auf dem sich der Bischof ein Schloß gebaut hat. In ihm wird ein Zimmer gezeigt, in dem ein Kampf mit dem Teufel stattgefunden hat, und eines der Türmchen des Schlosses besitzt ein Glöckchen und hat einen wimmernden Klang, aus dem ganz deutlich ein »Tim ... ling –Tim ... ling« herauszuhören ist.

Gegenüber dem Johannisberg liegt der Galgenberg. Dort weidete ein Hirte namens Gideon Timling die Schafe eines Bauern. Er war mit zwölf Jahren der Schule entlaufen, weil es ihn ärgerte, daß man dort alles mögliche lernen konnte, nur nicht wie man schnell zu Geld kommt. Das aber war das einzige, was er wissen wollte. Er hatte sich bei einem Bauern verdingt und weitere zwölf Jahre nichts anderes getan als Schafe gehütet. Eine andere Beschäftigung nahm ihn freilich noch mehr in Anspruch, Vom Galgenberg hinüberzuschauen auf das Schloß und davon zu träumen, dort als Verwalter Einzug halten zu können. Er würde da wohl nicht soviel Geld und Macht wie der Fürstbischof haben, aber genug davon würde auch auf ihn übergehen, daß er sich prächtig aufspielen und herrliche Feste veranstalten könnte.

Eines Tages erschien auf dem Galgenberg ein Jäger, ganz in grün gekleidet. Als er Gideons Gruß »Gelobt sei Jesus Christus« mit einer verächtlichen Handbewegung beantwortete, da wußte der Hirte Timling sogleich, wen er vor sich hatte. Der Grüne machte auch nicht viele Umstände und kam gleich zur Sache: »Du willst auch dort auf dem Schloß Einzug halten? Nun, nichts leichter als das. Ich reiche dir hier zwei Blatt Papier. Auf dem einen steht geschrieben, daß du mir deine Seele überläßt und ich sie in sieben Jahren abholen kann. Du wirst es mir unterzeichnen und damit bekommt das zweite Blatt Papier, das noch leer ist, seine Kraft. Darauf kannst du aufschreiben, was du für Wünsche hast, und sie werden dir sofort erfüllt werden.«

Gideon unterschrieb, und der Grüne entfernte sich mit einem Kratzfuß. Auf das leere Blatt Papier aber setzte Gideon Timling den Wunsch, Verwalter des Schlosses auf dem Johannisberg zu werden. Dann steckte er es in seine Tasche und klopfte beim Schloßgärtner an. Der zeigte sich hocherfreut, denn bei ihm sei gerade die Stelle eines Schloßgärtners frei geworden. Gideon Timling brauchte nicht lange in so untergeordneter Stellung zu arbeiten. Er zeigte sich so anstellig, daß der Gärtner meinte, er sei zu Höherem berufen, er solle doch einmal beim Fürstbischof von Breslau anfragen, ob er nicht ein besseres Amt für ihn habe, denn ihm gehöre das Schloß, weil doch auch das Sudetenstädtchen Jauernig in seiner Diözese läge.

Mit dem Blatt Papier in der Tasche suchte Gideon Timling um eine Audienz beim Fürstbischof an und verließ diesen als Verwalter des Schlosses am Johannisberg. Nun begann das Leben, das er sich immer erträumt hatte. Er hatte Macht, bekam ein großes Gehalt und veranstaltete rauschende Feste. Ein Jahr war um, da besuchte ihn der grüne Jäger. Er bat ihn, ein Glöckchen in das Mitteltürmchen des Schlosses hängen zu dürfen, das ihn immer am Jahrestag des Paktabschlusses daran erinnern solle, daß seinen Freuden eine Frist gesetzt sei. Gideon Timling konnte sich der Bitte nicht versagen, und so wimmerte das Glöckchen am ersten Jahrestag des Teufelspakts sein »Tim ... ling – Tim ... ling«. Und ebenso wimmerte es am zweiten Jahrestag und am dritten und am vierten. Als Gideon Timling am fünften abermals daran erinnert wurde, daß in zwei Jahren alle Herrlichkeit zu Ende sein sollte und er mit dem Teufel in die Hölle fahren müsse, da packte ihn endlich die Angst. Er beschloß, nicht mit dem Teufel zu gehen, sondern mit ihm zu kämpfen, ihn zu besiegen und ihn beim Schloß hinauszuwerfen. Er stählte seine Muskeln, lernte fechten und ringen.

Im Städtchen Jauernig hatte man längst gemunkelt, daß es bei dem Verwalter auf dem Schloß nicht ganz mit rechten Dingen zugehen könne. Als dann eines Tages der Teufel beim Schmied vorbeikain und ihn bat, seinen Pferdehuf neu zu beschlagen und ihm einen eisernen Handschuh zu schmieden, da wußte der Meister gleich, was sich da vorbereitete. Der Teufel bezahlte mit einem Golddukaten für das Beschlagen und mit einem Silberschilling für den Handschuh. Nun ging er zum Schloß hinauf, und bald darauf begann das Glöckchen zu wimmern, das Zeichen, daß der Kampf begonnen hatte. Schnell rief der Meister ein paar Nachbarn zusammen, und mit ihnen lief er zum Schloß hinauf.

Es war die Nacht inzwischen hereingebrochen, aber im Zimmer des Verwalters brannte Licht, und das Fenster stand offen. So konnten die Männer genau beobachten, was darin vorging. Sie sahen wie Gideon Timling mit dem Teufel verzweifelt um seine Seele rang. Der Teufel mußte ein paarmal zu Boden, daß es nur so krachte. Stühle flogen im Zimmer umher, wüste Schreie gellten, und dazwischen wimmerte das Glöckchen: »Tim ... ling –Tim... ling«.

Aber der Satan erwies sich am Ende doch als der Stärkere. Er bekam den Verwalter am Kopf zu fassen und preßte ihn mit seinem Eisenhandschuh wie in einen Schraubstock hinein. Gideon Timling verlor die Besinnung, und der Teufel entführte ihn durch das offene Fenster in die Lüfte. Die Spuren des Kampfes sind noch heute zu sehen, und jedes Jahr am Tag, da der furchtbare Kampf stattfand, wimmert das Glöckchen am Johannisberg: »Tim ... ling – Tim ... ling.«

 


 

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