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Sagen aus Böhmen

: Sagen aus Böhmen - Kapitel 18
Quellenangabe
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Wie ein Reichenberger Fuhrknecht die Pest vertrieb

Es geschah einmal ganz plötzlich an einem Frühlingstag, daß die Pest in Böhmen ausbrach. Man hatte sie bis dahin nur vom Hörensagen gekannt und wohl auch ungläubig den Kopf geschüttelt, wenn erzählt wurde, daß ein von der Pest befallener binnen eines halben Tages sterben müsse. Die Pest kam zuerst nach Eger, und es war noch viel schlimmer, als man es je gedacht hätte. Ohne Unterlaß läutete das Zügenglöcklein. Da es unmöglich war, so schnell so viele Gräber auszuheben, um alle von dem Schwarzen Tod Dahingerafften zu beerdigen, wurden die Toten in große Gruben geworfen und Kalk darüber geschaufelt. Das Schreckliche aber war, daß die Pest alle menschlichen Gefühle zu ersticken schien, die Kinder ihre Eltern mieden und umgekehrt, und jeder nur mehr darauf bedacht war, ob er Anzeichen der Seuche an sich entdeckte. Viele flohen in den Böhmerwald, aber der Schwarze Tod zog ihnen nach.

Und er zog weiter durch Böhmen und kam bis Reichenberg. Dort aber geriet er an seinen Meister. Ein Fuhrknecht war es, der die Pest überlistete, und das ging so zu:

Dieser Fuhrknecht sollte Waren von Reichenberg nach Prag bringen. Früh am Morgen schon hatte er seinen Wagen angespannt und sich auf die Reise gemacht. Kein Mensch war noch auf den Straßen zu sehen. Es verwunderte ihn daher, als er an der Staatsgrenze einem Mann in Begleitung eines alten Weibes begegnete. Als er die beiden näher in Augenschein nahm, kam er zur Gewißheit, den leibhaftigen Tod vor sich zu haben. Denn dem Mann schlotterte ein viel zu großes Gewand um den Leib, und der Fuhrknecht vermutete richtig, daß die Fetzen ein Gerippe verhüllten, außerdem trug der Mann eine Sense. Das Weib aber hatte einen Rechen geschultert, und der Fuhrknecht dachte, daß damit wohl die vielen Toten zusammengekehrt würden. Angst packte ihn, er gab seinen Pferden die Peitsche und raste davon.

Nach einer Zeit blickte er sich um, und da sah er zu seinem Entsetzen die beiden Gestalten hinter ihm herlaufen. Nun schlug er noch toller auf seine Rosse ein, und ein Wettlauf mit dem Tod begann. Erst gegen Abend gelang es ihm, die beiden Verfolger abzuschütteln, und nun machte er bei einem Wirtshaus an der Straße Halt. Er setzte sich an einen Tisch im Freien, bestellte etwas zu essen und einen großen Humpen Wein, um wieder zu Kräften zu kommen. Wer aber beschreibt nun sein Erstaunen, als er das gespenstische Paar auf sich zukommen sah. Nun gab es kein Ausreißen mehr, er mußte auf andere Weise versuchen, mit ihm zurecht zu kommen. Er lud die beiden zum Niedersitzen ein und fragte: »Wollt ihr auch ein Glas Wein, ist vom besten Tiroler? Seid herzlich eingeladen.«

Der Gevatter Tod trank gierig einen ordentlichen Schluck, schob dann den Krug dem Weib mit der Totenharke hin und forderte sie auf, sich auch zu bedienen. Dann kam wieder der Fuhrknecht an die Reihe, und so ging der Humpen zwischen den dreien hin und her, bis er leer war. Dann rückte der Gevatter Tod mit seinem Anliegen heraus: »Du bist ein guter Fuhrmann, und so einen suche ich schon lange. Ich brauche nämlich einen, der die Toten schnell wegschaffen kann, so schnell, wie sie die Vettel da zusammenkehrt. Geld kann ich dir allerdings keines als Lohn geben, doch ich verspreche dir, daß du als einziger bei dem großen Totentanz übrig bleiben wirst, den ich in Reichenberg zu veranstalten gedenke.«

Zwar fand es der Fuhrknecht gar nicht schön, daß sein liebes Reichenberg eine ausgestorbene Stadt sein solle, und ein Leben darin – ohne die lieben Menschen – kam ihm auch nicht so begehrenswert vor, doch konnte er im Augenblick nichts anderes tun, als zuzusagen. Sie wurden also handelseins, und der Mann mit der Hippe wies seinen frisch angeheuerten Knecht an, am nächsten Morgen vor dem Rathaus in Reichenberg auf ihn zu warten. »Halt, noch auf ein Wort«, sagte da der pfiffige Fuhrknecht, der insgeheim den Plan gefaßt hatte, die Stadt vor dem Pesttod zu warnen, »wie wird denn alles vor sich gehen, ich muß mir doch auch alles zurechtlegen, wie ich euch bei Eurer Hurtigkeit am besten zufriedenstellen kann.«

»Ja freilich, es geht alles sehr schnell bei mir zu«, antwortete der Schwarze Tod. »Ich trete in ein Haus ein, atme meinen Pesthauch aus, schon sind alle von der Seuche ergriffen, und ein paar Stündchen später kann sie die Vettel da schon zur Tür hinaus auf die Straße kehren. Du mußte sie dann auf deinen Wagen laden und zum Friedhof hinaus karren.«

»Auf morgen in Reichenberg denn!« rief der Fuhrknecht so fröhlich er konnte, denn es würgte ihm beinahe die Kehle ab.

»Heissa auf morgen in Reichenberg!« antwortete gut gelaunt der Sensenmann.

Der Fuhrknecht machte, als die gespenstischen Gestalten entschwunden waren, sofort kehrt, denn er wollte noch vor dem Morgengrauen Reichenberg erreichen, um die Stadt zu warnen. Er wußte ja jetzt, wie es der Schwarze Tod anstellte, und als er in der Stadt ankam, da suchte er gleich den Bürgermeister auf und erzählte ihm, daß der Schwarze Tod im Anmarsch sei und durch die Haustüren die Wohnungen betreten werde, um sie mit Pestatein anzubauchen. So ließ denn der Bürgermeister sogleich austrommeln, daß man die Haustüren geschlossen halten solle. Entsetzen lähmte die Stadt, und in allen Häusern wurden die Riegel vorgeschoben.

Vor dem Rathaus wartete der in den Dienst des Todes Getretene auf seinen neuen Herrn. Richtig, so in den ersten Vormittagsstunden kamen er und seine Vettel angetrottet. »Viel Glück«, rief ihm der Fuhrknecht höhnisch zu, denn er dachte, die Stadt sei durch seinen Ratschlag vor dem Schwarzen Tod gefeit. Aber bald darauf sah er schon auf dem Rathausplatz, wie die Vettel die Leichen aus den Häusern fegte. Der Sensenmann winkte ihn herbei, und während der Fuhrknecht die ersten Leichen auflud, war es der Gevatter mit der Hippe, der höhnen konnte: »Du hast geglaubt, mich zu überlisten, aber eine versperrte Haustür ist für den Schwarzen Tod kein Hindernis. Ich hauche meinen Pestatem durch den Schornstein hinab.«

Da wurde der Knecht recht kleinlaut und fragte: »Willst du noch lange in Reichenberg bleiben?«

»Ei freilich«, sagte der Tod, »Reichenberg ist eine große Stadt. Da gibt es die Altstadt, die Neustadt und die Christianstadt. Die alle auszurotten, ist schon ein hartes Stück Arbeit.«

Der Knecht ergab sich in sein Schicksal und karrte eine ganze Reihe von Tagen die Opfer seines Herrn zum Friedhof. Als er wieder einmal einen Wagen voll Leichen vor dem Friedhofstor anbrachte, war kein Totengräber da, so beschloß er also, in der nahen Gaststätte erst einmal ein Glas Bier zu trinken, damit er aber dann gleich abfahren könnte, wendete er den Wagen, bevor er in der Kneipe verschwand. Aus dem ersten Glas Bier wurden zwei, aus zwei wurden drei, denn das Reichenberger Bier ist gut und berühmt. Da trat der Sensenmann wütend in die Schenke und fuhr seinen Knecht an: »Daß du mir nicht wieder den Wagen verkehrt zum Friedhof stellst!«

Da ging dem Fuhrknecht ein Licht auf. Der Tod muß immer von Häupten her dem Sterbenden nahen, das wußte er von seiner Muhme. Wendet man das Bett eines Kranken immer hin und her, ist der Tod überlistet. Und so darf auch der Schwarze Tod seine Sense nicht weiter schwingen, wenn ein Leichenwagen verkehrt vor dem Friedhof steht. Und so gelang es dem Fuhrknecht, mit dem verkehrt aufgestellten Wagen den Tod erst aus Reichenberg und dann aus ganz Böhmen zu vertreiben.

 


 

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