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Sagen aus Böhmen

: Sagen aus Böhmen - Kapitel 10
Quellenangabe
titleSagen aus Böhmen
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Der hundertjährige Schlaf

Am Ufer der Eger, nicht weit von Hans Heilings Felsen, liegt eine Höhle, zu der man sich nur durch einen Spalt hineinzwängen kann. Seit einer dort ein Gewimmel von Zwergen gesehen haben will, hat sich daß es an niemand mehr in die Höhle hineingewagt. Und da es auch hieß, ihrem Eingang nicht geheuer sein soll, machten Pilzsucher und Holzsammler einen weiten Bogen um die verrufene Gegend.

Aber einmal geriet eine Bauersfrau im Eifer ihrer Pilzsuche in das Waldstück um die Höhle, doch als sie es merkte und schnell kehrtmachen wollte, fiel plötzlich die Nacht ein, ohne daß es eine Dämmerung gegeben hätte. Der Frau wurde sehr ängstlich zu Mut, sie suchte verzweifelt die Richtung in das Dorf zu finden, tappte aber in der schrecklichen Finsternis nur hoffnungslos hin und her. Plötzlich aber blendete sie heller Lichtschein, sie folgte dem Strahl und stand vor einem Haus, das sie vordem nie gesehen und von dem sie auch nie gehört hatte. Lange zögerte sie einzutreten, aber als die Feuchtigkeit der Nachtluft und die Kälte sie zittern machten, sie sich in den finsteren Wald aber nicht mehr zurückwagte, so trat sie schließlich ein. Sie sah sich einem Alten gegenüber, der an einem Tisch saß und emsig ein Papier beschrieb. Sie verharrte schweigend, bis der Alte endlich aufblickte und die rätselhaften Worte sprach: »Die Hälfte meiner Zwerge ist schon geflogen, also muß auch ich mich bald auf die Reise machen.« Dann wies er der Frau einen Winkel an, wo sie schlafen könne. Weiter wurde nichts geredet. Sie hörte nur das rastlose Kritzeln des Gänsekiels auf dem Papier und ein Rumoren rings um sie, obgleich sie niemanden außer dem Alten in dem Raum entdecken konnte. Das werden wohl die Zwerge sein, dachte sie, aber sie sind unsichtbar. Es verging noch eine geraume Weile, bis ihr geängstigstes Herz Ruhe finden und sie einschlafen konnte.

Als sie erwachte war es heller Morgen, sie befand sich aber nicht mehr in dem Raum des Hauses, sondern lag auf einer Wiese und von dem Haus war nichts mehr zu sehen. Sie fühlte sich glücklich, daß der Spuk vergangen und sie mit heiler Haut davongekommen war. Das Bild des kritzelnden Greises war schon sehr gespenstisch gewesen. Wie sie nun aber in das Dorf Taschwitz, ihrem Heimatort, kam, schien ihr alles so verändert. Sie erkannte kein Haus mehr! Sie konnten doch nicht alle über Nacht abgerissen und durch neue ersetzt worden sein? Hatte sie Gift im Leib, war ihr Auge mit Zauber geschlagen? Und die Leute, die an ihr vorbeigingen! Alles fremde Menschen. Niemand grüßte sie, niemand blieb stehen auf ein Schwätzchen, grüßte sie selbst, bekam sie einen gleichgültigen Gegengruß, so wie man am Lande »Grüß Gott« sagt, wenn man jemandem begegnet, dem man auch sonst noch nie begegnet sein mag. Sie langte schließlich an der Kirche an, der Friedhof umgab sie. Ihr Blick fiel auf einen Grabstein, der verwittert an einem ungepflegten Grab stand: sie entzifferte die Buchstaben, die sich zum Namen ihres Mannes und ihrer Kinder formten. Da wurde sie nun gänzlich verwirrt, rannte auf den Dorfplatz, fragte nach ihrem Haus, nannte ihren Namen, die Leute schüttelten den Kopf, die Kinder machten sich über sie lustig: »Eine Närrische ... eine Närrische ... «

Das große Aufsehen lockte den Landjäger herbei, der führte die Frau erst zum Bürgermeister, und da dieser mit ihr nichts anzufangen wußte, zum Pfarrer. Auch er hatte nie etwas von einer Familie ihres Namens gehört. Aber da sie nun darauf bestand, hier geboren zu sein und hier mit ihrer Familie gewohnt zu haben, sagte der Pfarrer schließlich: »Wenn deine Angaben stimmen, Frau, dann müssen sie ja in meinem Taufbuch verzeichnet sein. Wann bist du denn geboren, liebe Frau?«

Sie nannte Tag, Monat und Jahr, und der Pfarrer schlug die Hände über dem Kopf zusammen: »Da bist du ja weit über hundert Jahre alt und siehst aus wie dreißig.« Nun blätterte er in seinen Matrikeln und fand darin die Eintragung, daß vor hundert Jahren an diesem Tag eine Frauensperson des genannten Namens beim Heiligenfelsen verschollen sei.

Da sie in diesen hundert Jahren nicht gealtert war, lebte sie noch lange, und die Gemeinde betreute sie. Denn ihr Gemüt blieb alle Zeit verdüstert.

 


 

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