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Sächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen

Josef Haltrich: Sächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen - Kapitel 58
Quellenangabe
titleSächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen
authorJosef Haltrich
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
typefairy
firstpub1856
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58. Lügenwette

Ein Edelmann fuhr eines Tages spazieren und hatte an seinem Wagen sehr schlechte Pferde, da sah er einen Bauer[n] beim Pflug, der hatte sehr schöne. »Willst du nicht tauschen mit mir?« rief der Edelmann; »deine Rosse passen besser an meinen Wagen und meine an deinen Pflug!« – »Das mag sein!« sprach der Bauer, »allein gebt Euch doch nur keine Mühe!« Der Edelmann aber ließ nicht nach und setzte ihm zu, endlich kamen sie überein, die Pferde des einen sollten dem von ihnen gehören, welcher am besten lügen würde.

Der Edelmann war froh und glaubte schon, er habe gewonnen, denn er dachte: aufs Lügen hätte er doch mehr studiert. Der Bauer ließ ihm die Ehre anzufangen, da erzählte er: »Mein Vater hatte sieben Herden Stuten und so viel Milch, daß er sieben Mühlen damit treiben ließ und alles Korn im Lande mahlen konnte.« – »Das ist alles leicht möglich!« sagte der Bauer und wunderte sich gar nicht im geringsten, »aber mein Vater hatte so viele Bienenstöcke, daß er sie nicht hätte zählen können, auch wenn er fünfhundert Jahre gelebt hätte. Ich mußte einmal die Bienen hüten, da geschah es, daß eine Biene abends nicht heimkehrte. Mein Vater merkte es gleich und schickte mich aus, sie zu suchen und nicht heimzukehren, bis ich sie fände. Ich ging nun überall auf der ganzen Erde herum und fand sie nicht, da machte ich mich auf und stieg in den Himmel und durchsuchte alle Räume; auch hier war sie nicht. Nun hatte ich keine Ruhe und dachte: die kann jetzt nur in der Hölle sein, du mußt zu guter Letzt auch da noch suchen! So stieg ich hinunter in die Hölle, allein es war umsonst, sie war nicht da.

Mißmutig kehrte ich um und wollte nach Hause gehen und kam durch einen Wald, und siehe, da traf ich nur einmal meine Biene. Einem Manne hatte der Wolf einen Ochsen gefressen, der hatte an dessen Stelle neben den anderen Ochsen gleich die Biene eingespannt und fuhr mit einer Fuhre Holz heimwärts, ›Hoho! guter Mann‹, rief ich sogleich, ›Ihr werdet verzeihen, daß ich Euch aufhalte, die Biene ist mein, spannt sie nur gleich aus!‹ Der Mann gehorchte, ohne ein Wort zu sprechen, denn er war froh, daß ich mit ihm so schön redete. Aber das Joch hatte meine Biene wund gerieben, ich streute nun ein wenig Erde darauf, und alsbald war es geheilt. Mein Vater hatte große Freude, wie ich ihm das verlorne Tierchen brachte, das kann man sich denken. Aber ich mußte nun erzählen, was ich im Himmel und in der Hölle gesehen hatte. Im Himmel saßen an einer langen Tafel lauter Bauern und tranken süßen Wein, und in der Hölle waren lauter Edelleute, die wurden von den Teufeln am Spieß gebraten!« Da konnte sich der Edelmann nicht länger halten und schrie: »Du lügst! du lügst!« – »Das wollte ich ja eben, und so habe ich die Wette gewonnen!« Er nahm dem Edelmann alsbald die Pferde, spannte sie statt der seinen an den Pflug, und der stolze Herr mußte seinen Wagen selbst nach Hause ziehen.

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