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Sächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen

Josef Haltrich: Sächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen - Kapitel 57
Quellenangabe
titleSächsische Volksmärchen aus Siebenbürgen
authorJosef Haltrich
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
typefairy
firstpub1856
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57. Die beiden Lügner

Ein Zenderscher hatte einen Sohn, der log, wie er den Mund auftat, da schämte sich sein Vater, gab ihm einige Kreuzer und schickte ihn fort in die Welt. Dem Jungen war das ganz recht, und er ging und kam zu der Großalischer Mühle und sah da einen Müllerknecht stehen und in die Kokel gucksen. Er fragte ihn gleich und sprach: »Ist nicht ein Mühlstein da vorbeigeflossen?« – »Ei, ja freilich!« sagte der, »ich nahm auch meine Axt, hieb sie hinein und wollte ihn herausfischen, allein es war umsonst, das Wasser riß ihn fort.« – »Wir passen gut zueinander!« sprach der Zenderscher zum Großalischer, »komm, lasse uns miteinander dienen gehen!« So zogen sie fort und kamen bald in die Stadt und verdingten sich zu einem Herrn, und einer bediente den Herrn, der andere die Herrin.

Eines Tages ging der Herr mit seinem Diener aus, zeigte ihm den Turm und sprach: »Hast du einen so hohen Turm noch gesehen?« – »Ja, bei uns ist ein viel höherer, da reicht der Hahn bis an den Himmel und frißt Sterne!« – »Du lügst!« – »Nu fraget meinen Kameraden!« Als sie heimkamen, fragte der Herr den andern gleich, und der sagte ganz im Ernst: »Ja, das ist so und ist noch nichts, aber bei uns haben wir einen Turm! Mein Ururgroßvater hat gerade den Knopf aufgesetzt, der ist so hoch, so hoch! na! – ich will nur dies erzählen: Mein Großvater warf eine neue Axt hinunter, als sie niederkam, war das Eisen verrostet und das Holz verfault.«

Die Herrin hatte einen großen Kuchen (Hibes) gemacht, und sie fragte ihren Knecht: »Macht deine Mutter auch einen so großen Kuchen?« – »Wie denn nicht? Noch einen weit größern; die ganze Nachbarschaft konnte einmal mit Hebbäumen den Kuchen meiner Mutter nicht von der Stelle bringen.« – »Du lügst«, sprach die Herrin. »Nu fraget meinen Kameraden.« Als der gerade eintrat, fragte ihn die Herrin sogleich, und er sagte ganz ernsthaft: »Ja, das ist so und ist noch nichts, aber meine Mutter hatte einmal einen so großen Kuchen gemacht, daß man von dem allein, was von dem Rande abgekratzt wurde, zwölf Herden Schweine mästete.«

Die Frau ging jetzt in den Garten und nahm ihren Knecht mit. »Hast du so großen Kampest je gesehen?« – »Haha, noch weit größern. Meine Mutter hat einen Garten, der ist noch einmal so groß und war darin nur ein Kampesthaupt, so hoch und breit, daß die Blätter noch über den Zaun hingen!« – »Du lügst!« – »Nu fraget meinen Kameraden.« Als sie in den Hof kamen, stand der Knecht des Herrn da, und die Herrin fragte ihn gleich. »Ja, das ist so!« sprach er ganz ernsthaft, »und ist noch nichts, aber in dem Garten meiner Mutter war ein Kampesthaupt! Wie groß das war, kann man sich kaum vorstellen. Ich will nur dies erzählen: Es kamen eine Menge Schattertzigeuner, die schlugen ihre Zelte auf dem Stiel auf und wohnten da und waren doch alle so weit, daß sie einander nicht hörten wenn sie schmiedeten und sich mit ihren Weibern zankten.« Da konnten das der Herr und die Herrin nicht länger aushalten und schickten beide fort und sprachen: »Geht, ihr braucht nicht zu arbeiten, ihr könnt euch in der Welt durch eure Lügen fortbringen!«

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