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Gutenberg > Ernst von Wolzogen >

's Meikatel und der Sexack

Ernst von Wolzogen: 's Meikatel und der Sexack - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Gloria-Hose
authorErnst von Wolzogen
firstpub1897
year1897
publisherVerlag von Carl Krabbe
addressStuttgart
title's Meikatel und der Sexack
pages49-87
created20050223
sendergerd.bouillon
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Ernst von Wolzogen

's Meikatel und der Sexack

Es war ein rechtschaffen warmer Juninachmittag, an welchem der Herr Sexack, der Pfarrvikar von Harreberg im Lothringischen, im Schweiße seines Angesichts, den bepackten alten Kraxen auf dem Rücken, aus dem Zornthal hinauf in die Berge stieg.

»Uf! wie macht's warm!« seufzte er und blieb stehen, um sich ein wenig zu verschnaufen. Er zog aus der Brusttasche seines etwas fadenscheinigen schwarzen Rockes ein großes buntes Sacktuch hervor und trocknete sich die Stirn. Dann suchte er in dem steilaufragenden Wegrande einen Absatz, auf den er seinen schweren Kraxen aufstützen könnte. Als er den gefunden hatte, lehnte er sich vergnüglich gegen die steinige Wand, stieß die eiserne Spitze seines dicken Stockes gerade vor sich in die Erde und sah in das schöne Thal hinab.

Jenseits die prächtige waldige Berglehne, mit Buchen, Eichen und Tannen dicht bestanden, über welche hier und dort seltsam geformte Felsen hervorragten und an welcher in kühnen Windungen ein Eisenbahnzug seine halsbrechende Straße dahinsauste; unten der Rhein-Marne-Kanal ruhig fortgleitend und hochbeladene Kähne nach Straßburg hinuntertragend; dann die breite Chaussee, sich bald über, bald auf, bald unter dem Spiegel des Kanals hinziehend; diesseits die frische grüne Fläche, wie ein weicher moosiger Teppich über den sanft abfallenden Berg gebreitet, mit den roten Sandsteinfelsen, die zahlreich zerstreut aus dem üppigen Grün hervorschimmerten; und endlich, dem Beschauer zu häupten, auf der Hochebene die wogenden Felder, aus denen weiterhin der Fels der Dachsburg und die strohgedeckten Dächer eines Dörfchens auftauchten . . . Ja, es war wunderschön!

Man sah es dem frohen Gesichte des Herrn Vikars Sexack an, wie wohl ihm war im Anschauen seines herrlichen Heimatlandes. Er holte aus der abgrundtiefen und mit allen möglichen Gegenständen des täglichen Gebrauches vollgestopften Brusttasche eine alte Tabaksdose hervor und nahm eine Prise. Dann blickte er bedächtig zu Boden und wartete mit leicht gerunzelter Stirn, als ob er einem philosophischen Problem nachsinne, das Niesen ab. Als dies vollbracht war, blickte er lächelnd auf und wischte sich mit dem Rücken der rechten Hand, in welcher er noch die Dose hielt, etwas wie eine Thräne aus dem Auge.

»Bon Dieu!« sagte er, »Du güeter Gott! 's isch werli ken Strof, hier drobe sin Lebe hinzebringe. Wenn Du nit us Gnad und Barmherzigkeit min Sünd abwaschst, die Buß, die ich mer oferlegt hab', bringt's nimmi z'weg. Un wenn nit min Gewissen mer halt donnoch e beßge ze schaffe macht' – sakkerlot, da wär i halt immi so boddelusti wie hit – Holdriahe!«

In diesen laut ausgestoßenen Juchzer faßte er sein ganzes Behagen zusammen. Und horch! von unten herauf und ganz aus der Nähe tönte es in denselben Noten, nur eine Oktave höher zurück: »Holdriahe!«

Der Sexack riß den Mund auf und machte ein gar komisches, verwundertes Gesicht. Er war im Augenblick ungewiß, ob das ein Echo oder ein Mensch gewesen sei.

»Holdriahe!« klang es wieder und noch etwas näher.

Im Hui glitt die Tabaksdose wieder in die Vorratskammer des alten Rockes hinunter und hurtig raffte sich der Vikar mit seinem schweren Kraxen auf und kletterte eiligst weiter.

»Alle Six,« murmelte er vor sich hin. »Jetzt mach' i mi awwer dervon, sonscht kummt's im ganzen Lande herum, daß der Pfarrer von Harreberg wie 're Kühbue jeelet, wenn er nur emol sine G'meind im Buckel het. Jesses-Gott, das bringt mi um allen Respekt.«

»He! – he! – Mann! So halt doch emol an,« rief die helle Stimme wieder. Aber der Vikar schritt nur schneller aus und that als hätte er nichts gehört.

»Ho! Bisch wohl taub, Mann, oder comprenez-vous ken Dütsch! Tenez, tenez! Wart', wenn i di awwer verwitsch!«

Jetzt blieb der Sexack endlich stehen und wandte sich ängstlich um. Er hielt sich die Hand über die Brauen und schaute mit großen Augen der Kommenden entgegen. » Dieu merci, 's isch e fremd's Maidli,« murmelte er erleichtert und fügte dann laut hinzu: »No, grüß Gott, Maidli!«

»Grüß Gott!« gab die Fremde zurück und reichte ihm ihre Hand hin, in die er kräftig einschlug. »Worum hesch denn nit glich g'halte, wie i geschreie hab'?«

»Jo schau,« antwortete der Vikar etwas verlegen: »Ich hab' g'meint, 's könnt eins von mine Beichtkindere sen, wo mi het juxe g'hört wie nit g'scheit. Do hab' i mit vite vite retiriere welle.«

»Ah so – Se sen geistli? Excusez, mer siecht's 'ne nit glich an.«

In der That sah der gute Sexack einem Bauern weit ähnlicher als einem Priester; der fadenscheinige lange Rock war seine einzige Beglaubigung, wenn man es genau nehmen wollte. Denn sein Hut war zwar einstmals geistlicher Form gewesen, aber durch das Alter schon recht sehr verweltlicht worden. Seine Hosen waren vollends ohne Charakter, und um den Hals war nichts Weißes zu sehen. Seine Hände waren groß und zerarbeitet und in seinem stark gebräunten, gutmütigen, aber nicht gerade gebildeten Gesichte stand die Bartsaat ebenso dicht und hoffnungsvoll aufgeschossen, wie das Getreide auf den Feldern. Das fremde Mädchen hatte ihn nach diesem Äußern, besonders aber des Kragens wegen für ein armes Bäuerlein gehalten, dem sein Herr Pfarrer einen alten Rock verehrt habe.

»Jo, i glaub's schunn, daß merr mer min Amt nit recht ansiecht,« versetzte der Sexack lächelnd. »I bin na bereits fofzehn Jahr da drobe in Harreberg g'sesse, hab' min Land und Gärtle selbscht bestellt un von mine achthundert Franke Salär gar noch g'spart – da mag i als e bessel verburet sen. 'isch gar en arm's Dörfle, des Harreberg, und lejt gar absit vom Wej – da bin i halt au am Wej hucke gebliewe, un die Oberen hen's versäumt, mi mitz'nehme. No – 's isch au recht eso! Mer kann sinem Herrgott üwerall diene – gell du?«

»Ha jo,« sagte das Mädchen. Nach einer kleinen Pause, in der es den Vikar mit einer gewissen Rührung angeschaut hatte, setzte es hinzu: »Awwer mit 're so 'ne schwere Lascht bruchte Se donnit heimzeketsche, Herr Pfarrer, mein' i.«

»Bloß Vikar, Kind, nit Pfarrer,« fiel der Sexack ihr in die Rede. »Un was das Heimketsche betrifft, des isch mer ganz recht. I spar' 's Geld un mi'm Buckel verschlägt's nix. I bin nonnit so alt, daß mi d'Müh' verdrieße müßt. Jetzt will i der saue: geschtern Owe sin zwei vornehmi Herre, Prüssiens, wo sich verloffe hatte, zu mer kumme un hawe Nachtessen un logement begehrt. Jo, du liewe Not – i hab' nix g'hett als Forelle us unserm Bach un Brot derzu. Aber d' Nachbarin het Butter un Messer un Gabele gelehnt un het de Forelle schön bleu g'sotte, un e paar Bouteillen güeter alter Win hab' i noch im Keller g'hett, den hawe die Prüssiens rein usgetrunke un sin luschti g'sin bis tief in d' Nacht, un hätt' i se nit ins Bett g'jagt, so were se bis zum Morje g'sesse. Na, un derno het sich der ein', was e Baron isch g'sin, in min Bett geleit, un der ander', was au e Baron isch g'sin, in der Greth err Bett, was mini letscht Wirtschafterin isch g'sin – s' isch awwer schunn lang g'storwe, un zidder hab' i min Sache allein gericht'. Un i bin im Hai geleien, wo i im Stall g'hett hab'. Un wie's na Daa wurr, simmer alli drei wedder munter ofgewacht, bludd der ein' Baron –oder tien, tien: ischt's der ander' g'sin? – eh b'en, der, wo in der sel'gen Greth' erre Bett g'schlofe het, der het ken Rüh fende könne, will 'ne d' Flöh so gar arig malträtiert hen, saat er. Sie hen mer aber schön Dank g'saat un jeder e arig großes Silberstück gereicht, wo fünf Mark in dütschem Geld macht – des sin sechs Franke un fünf Sü jedes – also zwölf Franke un zehn Sü zosamme, denk der! Na, des hat mi derno werzi g'freut, wil i's hab bruche könnne un se mer min ganze güeter Win usgebürst hen. 's isch donnit mehr as Höflichkeit g'sen, daß i 'ne für de Dank err Gepäck bis Lützelburg getraue hab'. Dunderblitz! un wott de vornehmi Herre de Zit verschwätzt un de Weg verkurzt hen! So g'schwind bin i min Lewesdaa no nit nooch Lützelburg kumme. Un drente hen se mer noch jeder sini carte de visite un e ganz halb Dutzed arig güeter Zigarre verehrt, daß i gar nit g'wißt hab', wie i 'ne danke könnt. Und derno hab' i mer in Lützelburg zosamme'kauft, was i grad nöti bruch' und drobe nit hawe kann. Un des trag' i jetz heim, schau.«

Er blieb stehen, um sich von der langen Rede und dem steilen Anstieg etwas zu verschnaufen.

»Ewwezemär!« rief das Mädchen, gleichfalls stehen bleibend, und lachte hell auf. »E so 'ne g'nugsame Pfarrn hab' i werli no kene g'sehn!«

Der Vikar antwortete nichts drauf, sondern beschaute sich nur das fremde Mädchen von Kopf bis zu den Füßen und schmunzelte dabei immer vergnügter. Es war aber auch ein Augenschmaus, das Mädchen. Größer als der Sexack, der kein kleiner Mann war, und schlank wie eine Tanne. Dabei voll und kräftig, nirgends ein Mangel und nirgends ein Überfluß, gesund und jung. Und das liebe Gesicht dazu! Keine blasse, zarte Schönheit, keine feinen weichen Züge – aber doch schön! Derb und gut, stark und offen, heiter und unverzagt schauten die großen blauen Augen mit den langen Wimpern in die Welt hinein. Seine Kleidung war die unterelsässische Landestracht im Feiertagsaufputz. Die breiten, bunten Seidenschleifen auf der goldenen Mütze gaben die Trägerin als Katholikin zu erkennen, denn die Protestantinnen tragen dortzulande nur schwarze Schleifen. An der blitzenden Goldverschnürung ihres dunkelblanen Mieders sah man, daß sie nicht ganz arm sein könne. Sonst war sie aber einfach gekleidet und hatte keinen andern Schmuck, als einen Feldblumenstrauß, den sie sich oben in das Mieder gesteckt hatte und dessen bunte Blumen sich reizend gegen das saubere, weiße Hemd von ziemlich grobem Leinen abhuben, welches ihren Nacken bis an den Hals bedeckte. Zu diesem blitzblanken, schmucken Sonntagsstaat wollten freilich die nackten Füße nicht passen; aber das geschah zur Schonung der neuen guten Lederstiefeln, welche sie samt den hineingestopften Strümpfen an den Oesen auf zwei Fingern der rechten Hand hängen hatte, während sie mit der linken ein großes Bündel in ein weißes Tuch eingeschlagen trug.

»Potz Fahnebibele! bisch du als e schönes Jümpferle!« rief der Sexack bewundernd aus, als er mit seiner fröhlichen Umschau fertig war. »Du schaust jo wayer drin as wie e Prinzeß.«

»Haha!« lachte das Mädchen vergnügt, ward ein wenig röter und ließ die blanken, kleinen Zähne sehen.

»Un i alter Knecht Gottes hab' die so stumm nebe mer hergehe lon un g'schwäzt un gar nit emol g'fragt, wie du heischt,« sagte der Vikar.

»'s Meikatel heißen se mi un i bin bei Molsheim d'heim. Maria Katharina Habenschott – wenn S'es ganz exakt wisse welle, Herr Vikar.«

»Also Meikatel heischt du? So, so, Meikatel; schau, schau. Meikatel – du liewer Gott!« sprach der Sexack leise vor sich hin. Dabei sah er das prächtige Mädchen wehmütig an, seufzte dann tief auf und schüttelte den Kopf.

»Ha jo! was gebt's denn?« frug dieses erstaunt. »Isch epps nit recht?«

»'s isch ganz recht eso,« antwortete der Vikar mit leise bebender Stimme. »I hab numme so Gedanke g'hett, wie i die so anschau. Gimmer dini Hand, Meikatel.«

Sie nahm ihr Bündel zu den Schuhen in die Rechte und gab ihm, immer noch verwundert, die Linke. So schritten sie weiter.

»Na, wo kummscht her, Meikatel?« knüpfte der Sexack nach einer Weile das Gespräch wieder an.

»Hit bludd von Zabern, Herr Vikar, awwer von Stroßburj bin i abgemarschiert.«

»Von Stroßburj? Na – un wo willscht hin?« Der gute Mann brachte diese kurzen Fragen fast zaghaft heraus, als fürchtete er sich, etwas Absonderliches zu erfahren.

»Nirgeds hin,« antwortete 's Meikatel kurz.

»Nirgeds hin?!« rief der Vikar und blieb einen Augenblick stehen. »Jo, du muscht doch als e G'schäft oder e Verrichtung h'en?«

»A jo, e Verrichtung hab' i schunn – haha!« Und es ließ wieder sein glöckchenhelles Lachen erschallen. »Gelle Se, des möchte Se wohl wisse?«

»Aimol! Ebs Böses kann's donnit sin. Du bisch e güets Maidli, nit wahr, Meikatel?«

» Merci – wenn S' mi so ästimiere, muß i's 'ne schunn saue. Eh b'en, i geh' mer e Mann süche.«

»E – Mann süche?! Sackerlot, des isch mer awwer doch nimmer arriviert, in mi'm ganze Lewe nit – Sankt Maria-Joseph – wott bisch für e Maidle, Meikatel!« stotterte der verblüffte Vikar, ließ ihre Hand los und blieb wieder stehen.

's Meikatel aber war gar nicht verlegen, sondern blickte ihm frei und vergnügt in die weit geöffneten Augen. Es klopfte ihm gemütlich auf den Rücken und sprach: »'s wundert Se, glaub' i, Herr Vikar, daß d' Jumpfere anfange of de Werwerei ze laufe? No, wil Se so e braver Pfarrer sin, will i's 'ne verzähle.«

Und ohne eine weitere Einladung abzuwarten, plauderte es mit seiner weichen, einschmeichelnden Stimme munter darauf los.

» Voyez-vous, i hab' e Schatz g'hett, e so e brave Mannskerl, as wie 's nit viel gebt. Er isch us unserm Ort g'sin un mer h'en schunn lang mitsamme scharmiert g'hett un d' Lieb isch immi größer un immi größer g'worrn, bis mer uns versproche h'en. Viel het er nit Geld un Gut g'hett un i au nit, awwer wemmer schmal g'wirtschaft' un i noch flissig g'schafft hätt', wär's schun nosso 'gange. Er isch Postillion g'sen, wisse Se, un i hab' 'ne so lieb g'hett.« Bei diesen letzten Worten ergriff 's Meikatel wieder des Vikars Hand und drückte sie heftig, um so ihrer überquellenden Empfindung einen Ausweg zu verschaffen. Dann fuhr es fort: »Na, un d' Hochzeit isch schunn feschtg'setzt g'sin; im schwarze Kaschte hammer schon acht Daa g'hängt g'hett, do fahrt er de Owediligence of Molsheim retour, un of de leschte Brück vor der Stadt bricht e Rad un min Schatz keit vom Bock über d' Brück in d' Bach, der ganz trocke un voll Stein isch g'sin, un – bricht sich's G'neck.«

»Jesus-Maria!« rief der Sexack aus und wollte eben anfangen, das Mädchen durch freundliche Worte zu beruhigen, denn er hatte gespürt, wie ihm während der Erzählung die Thränen heraufgestiegen waren.

Aber 's Meikatel, anstatt zu weinen, fing vielmehr plötzlich laut und schallend zu lachen an, so daß er erschrocken zusammenfuhr und ernstlich böse schalt: »Geh', schäm' di, Meikatel. Mit so epps treibt mer nit sini G'spaß.«

»'s isch schunn ken G'spaß, Herr Vikar,« fiel das Mädchen rasch ein und machte wieder ein ernstes Gesicht, und die nassen Augen bezeugten sein wahres Gefühl. » Mais, que voulez-vous, was welle Se? Wenn i emol anfang' un de Thräne laufe los un immi dran denk', wie se de dote Schambedissel getraue bringe, da müeßt' i mi ze Doot pfuuße, denn was i mach', mach' i gründli, und wenn i mi ze Doot pfuuße thät, derno kriejd' i ken Mann!«

Das sagte 's Meikatel sehr ernst und mit tiefer Überzeugung.

Der Sexack blieb wieder stehen, schüttelte mit dem Kopf und wollte reden, brachte es aber nur zu einem kurzen »jo« . . . dann schaute er wieder zu dem schönen Mädchen auf und wußte nicht, ob er's für Ernst oder Scherz nehmen sollte. Und 's Meikatel ließ sein Bündel sammt seinen Schuh und Strümpfen zu Boden fallen, legte die Hände über den Schoß zusammen, und stand da wie in fromme Gedanken versunken. Dann sagte es mit niedergeschlagenen Augen, indem eine liebliche Röte seine vollen bräunlichen Wangen übergoß: »Ach, Herr Vikar, err geistliche Herre wisset nit was d' Lieb' isch. So gebt's ken G'fühl of der ganze Welt, as wie d' Lieb' isch. So lang min Schambedissel mir guet isch g'sin, bin i mer ganz andersch vorkumme as wie eh: so brav, so frumm, so alewil buschberli! Un wenn er mi in sini Arm genomme un mi an sin Herz gedruckt het, do hätt' i in gar ken Paradies kumme welle, wenn i bludd immi hätt' drin bleiwe möge. Saue Se nix, Herr Vikar, err wisset nit, wie's isch! Un wie er doot isch g'sin hab' i gedenkt: Du arm's Maidli, wott isch jetz din Lewe? Wenn de niemes lieb hescht un ken Schatz un ken lieb's Kindele, wurrum lebscht? D'Weibslit, hab' i gedenkt, sin da, um daß se erre Männer lieb hen un de Kindele ofzeihe, nit wahr, Herr Vikar? Un ›d' Lieb isch 's Gröscht,‹ saat d' Schrift. Und d' Lieb isch 's Einzigscht, saa' i, Herr Vikar, für's Wibsvolk. 's isch unsre B'stimmung, wie unser Pfarrer emol g'saat het. Un do hab' i gedenkt: geh hin, Meikatel, bisch g'scheidt un erfüll dini B'stimmung. Dnoh hab' i mer numme luschtige Sache gedenkt, bis i als wedder gelacht hab', un derno bin i mit Lache unter d' Lit gange un hab' mi nooch aim umg'schaut, wo i gern hen meecht'. Awwer de dumme Maidli us'm Ort h'en mi gehaßliert, wil i als eso gelacht hab', un d' Mannslit sin mer us'm Wej 'gange, wo se mi g'sehn h'en. Na, 's het mer au nix verschlage, g'falle hätt' mer doch kenner eso wie de Schambedissel. Awwer wi i halt alegelde hab' an luschtige Sache denke müen, do sin mer am End d'luschtige Sache am Ort rar geworre un i hab mi changiere welle. Min Vadder het g'saat – 's isch min Stiefvadder, wisse se – ich soll ins Frankrich gehe, nooch Baris un Fortüne mache, as wie andre hübsche Maidli – awwer des isch nit noch minem Guh g'sin, un drum bin i of Stroßburj 'gange un hab' mi in Service verdingt. I bin in e nobles Hus kumme, was ime höche employé ze aie isch g'sin, des isch e Prüssien g'sin und het kenn Wib und ken Kind g'hett, nix as sini drei Schwestere, wo alli drei alt gäle Jumpfere sin g'sin, die h'en des lieb Brüederli g'hegt und gepflegt un nimmi us den Auen gelon. Un wenn er als emol e Nieser gethon het, h'en se'm glich Süpple 'kocht un e warm's fichu um de Hals gewurstelt, daß dem arme Mensche angscht un bang worre isch. Wann er mer emol bekumme isch, het er als wegg'schaut, wie wenn er sich vor mer geniere thät, von wege des G'scheichs, wo d' Mamselle soeurs mit'm g'macht h'en. I mein', wenn's mögli g'sin wär', hätte s'ne am liebschte in e goldene Käfi g'sperrt un 'em Leckerli ze fresse ge'n. Mi het der arm Mensch gedürt, wenn i so de ganze Daa des spitzig G'schwätz von dene drei alt Jumpfere hab' anhöre müen. ›Arthur‹ – isch 's gange ›du hast heut Nacht wieder gehustet, ich hab's durch die Thür hören können.‹ ›Ach‹, – isch d' Mamsell Amalie derzwische g'fahre – ›wann wirst du denn endlich lernen, auf deine Gesundheit acht zu geben?‹ Un d' Selma, wo d' Jüngscht' isch g'sin, het ang'fange zu pflenne un g'saat: ›Arthur, du hast kein Herz für uns: denke doch daran, daß du drei hilflose Mädchen allein in der Welt zurückläßt, wenn du stirbst.‹ Jo, so het se g'sproche un ›stirbst‹ het se g'seit statt ›schtirbscht‹; un wenn i hab' de sucre schtampfe solle, h'en se mi g'heißen ›Zucker stoßen‹. Na, lüege Se, Herr Vikar, da hab' i wedder epps ze lache g'hett, wenn i an mine dote Schambedissel hab denken müen. – Im Anfang sin mine drei Fräule très-charmant zu mer g'sen und habe mit mer französch barliere welle un hen's doch wit schlechter 'könnt as i. Des het mer als wedder epps ze lache g'en. E guets Salär hab' i au g'hett, un so het mer's halt nit schlecht behagt.«

's Meikatel machte hier eine kleine Pause, blieb stehen und atmete hoch auf, so daß sich der junge Busen stolz hob. Seine Augen glänzten heller im naiven Frohgefühl seiner Schönheit und Jugend, als es nun fortfuhr: »Un wil i na doch ken wischtes Maidli bin, Herr Vikar, do finge d' Mannslit von Stroßburj au ball an, mer anzeklozze un mer ze flattiere un ze scharwenzle. Wenn i mi owes of der Gaß oder of'm rempart promeniert hab', isch als immi e Hüffe Mannsbilder hinten an mer herumg'striche, fra vom Militär, sogar Sergeante sin derbi g'sin. Un de, wo gentil g'sin sin und artli Zwieg'spräch hen halte welle, mit dene hab' i min Plaisir g'hett; de wo awwer importun g'sin sin, de h'en 's spüre müen, wott für Kräft' i in dene Arm' do hab'. E Unteroffizier von Berlin isch do g'sen, wo schunn immi as Schildwach vor der Thür g'stande isch, wenn i mi hab' blicke lon. Der isch arig verschammeriert g'sin un hot emol g'saat: göttliches Meikatel, hol' mir der Deibel, ick liebe Ihnen; woll'n Sie die Meine sind?‹ Do hab i 'ne g'saat: non monsieur, je ne veux pas de vous, e Mann mit e 're so 'ne dumme Sproch mag i nit. Derno het er am nächschte Owe Elsäßer Dütsch rede welle; do bin i awwer kroddebidderbees geworre un hab' 'ne de Freindschaft ofg'saat. I hätt' au ken Prüssien g'freit un ken Schwob au nit, un d' Stroßburjer Waggeß simmer nommehnder ungaddi vorkumme un i hab' kene g'funde, wo i hätt' liebe könne. – Na, lang het's so nimmi gewährt mit miner Kondition. Denn lüege Se, Herr Vikar, de drei alte Jumpfere het des großi Wese verdrosse, wo d' Mannslit mit mer gemacht h'en un sin alli Daa giftiger un sürer geworre. Do hab' i mi frili nit arig grämt, wie se mi usgewiese h'en.«

»Usgewiese h'en se di?« warf der Sexack dazwischen, um doch einmal etwas zu sagen. »Jo, wie isch denn des kumme?«

»Parplö! des war als wedder epps zum lache, wie des kumme isch,« fuhr 's Meikatel fort. »I komm emol zuem gnädige Herr in d' Stub, wie grad die drei Fräule ganz abardi an 'm rumg'arthurt h'en, un seh 'ne do so truri un afligiert an si'm Bureau sitze, daß er mi in der Seel' gedürt het. I geh' also of 'ne zu un karressier' 'm sin Buckel un saa': gnädiger Herr, jetzt will i 'ne ebs saue: des thuet nimmi güet mit dene drei Mamselle, neme Se sich e brav's Wib un lasse de us! Do het er mer 'd Hand g'reicht un het mi so ang'schaut un in si'm G'sicht het's gezuckt, as ob er hätt' grine welle, un sin Mül hat er g'spitzt, as ob er hätt' e baiser h'en welle. Un wil i gemeint hab', 's könnt em güet thun, hab' i 'ne sang Fassong of's Mul g'schmuzt. Do isch na grad d' Mamsell Selma derzue kumme, dere isch 's glich übel worre, un d' Mamsell Adelheid un d' Mamsell Amalie h'en mi so wischt ang'schnaut, daß i grob worre bin un mine Sache haidebritsch zusamme gepackt hab' un abgemarschiert bin. Un of der Gaß het mi der Herr attrapiert, het mer e Papierl in d' Hand gedruckt un g'saat: ›Adieu Meikatel!‹ un isch fortgeloffe wie e Hund, wo e Knoche g'stohle het. In dem Papier sin drei Goldstücker g'sin wo eins fofunzwanzig Franke isch und drin isch g'stande, ›schreib an mich, wenn du in Not bist, du guetes Meikatel.‹ Gelle Se, Herr Vikar, des isch e güeter Herr g'sin, ce pauvre diable d'Arthur?«

»Chja – a jo freili,« versetzte der Sexack, der mit der größten Spannung zuhörte: »Un jetz, was hesch jetz gemacht?«

»I hab' mine beschte Sunndastaat angezoge un bin in de' Berri g'stiege un von ein'm Ort zum anderi spaziert und hab' flissi Umschau g'halte, wer mer ebbe g'falle könnt'; denn i hab' gedenkt, wo alles so scheen isch, d' Berri, d' Wälder, d' Bäch un alles, da müsse au d' Mensche scheen un brav sen.«

»Jo – do bisch also richtig of der Werwerei, Meikatel?« begann der Vikar etwas zaghaft. »Glaubscht denn wirkli, daß e so en enzig's scheen's Maidli den Lauf der Welt umkehre könnt'? denk' doch, des Unglück, wenn du an en Mann kamst, der von diner Lieb nix thät wisse welle, oder gar din güeten Glauben schändli mißbruche thät!«

Da richtete sich 's Meikatel stolz auf, legte seine freie Hand aufs Herz und sprach: »Ens weiß i gewiß, Herr Vikar: wem i emol mine Lieb' schenk', der isch's wert, daß er mi wedder liebe darf. Min Herz betrüegt mi nit.«

Der brave Sexack stand wie ein armer Bettler neben diesem schönen Mädchen, das in seiner stolzen Zuversicht auf die untrügliche Stimme seines reinen, liebeskräftigen Herzens etwas hinreißend Hoheitsvolles und zugleich unendlich Anmutiges hatte. Er wußte nicht, was in ihm vorging, was die Erscheinung dieses Mädchens so ergreifend machte, aber sein Herz schlug ihm hoch und seine Augen wurden feucht.

Sie gingen noch ein paar hundert Schritte und keines redete ein Wort, bis sie vor einem hübschen, aber ärmlichen Dörfchen standen, das mitten im herrlichsten Buchenwalde lag.

»So« – sagte der Sexack – »des isch Harreberg, un do hunte lejt Sparsbrot, un do drüwwe lejt Freudeneck. Un g'sich, Meikatel, do harr' i of'm Berj un spar's Brot, bis ich um d' Freudeneck zum Barrediß ingeh – hehehe.« Er lachte vergnüglich über seinen alten Witz, den er nun schon seit zehn Jahren machte, so oft er einen traf, der ihn noch nicht gehört haben mochte.

Und 's Meikatel lachte fröhlich mit. Dann hielt es ihm die Rechte hin und sagte: »Behüt Inne Gott, Herr Vikar; i will noch of Dagsburg. Behalte Se mi in güetem Andenke!«

»A bah, Maidli, du wursch donnit hit owes noch witer welle?« rief der Vikar ganz erschreckt und betrübt. »Aiewohl, nix da! I laß di nimmi fort, du lieb's Deechterle. Kumm mit, i geb' der Nachtesse un derna kannscht bi d' Nachbarin schlofe gehn. Kumm, mach mer emol e rechte Freud un verzähl' mer nomehr so scheene G'schichte. Du babbelst gar so herzig. Na, willscht, Meikatel?«

Es besann sich ein kleines Weilchen und sagte dann, indem es dem Sexack die Hand nochmals reichte: » Eh b'en, 's isch recht.« Dann setzte es sich auf einen Stein am Wege und zog seine Strümpfe und Stiefeln an, worauf sie mitsammen, begafft und bestaunt vom Harreberger Publikum, durch das Dorf nach der Pfarrei gingen. Das Häuschen war von Außen recht hübsch anzusehen. Auf der Sonnenseite war es fast ganz mit Weinreben zugewachsen, so daß die kleinen Fensterscheiben selbst nur wenig durch die grüne Wand hindurchzublicken vermochten. Das Ziegeldach war vielfach schadhaft und die betreffenden Stellen, wahrscheinlich von dem Herrn Vikar selbst, mit leichtem Lattenwerk und Stroh verstopft, auf welchem sich schon das Moos festgesetzt hatte. Unter dem Dache hatten eine Menge Schwalben sich angesiedelt, welche unablässig, kreischend und zwitschernd hin und her flogen. Links von der Hausthüre war ein niederer Schuppen angebaut, der allenfalls auch einer Kuh oder Geiß und einigem Geflügel Unterkunft gewähren mochte, doch besaß der Sexack kein derartiges Besitztum, außer einigen Tauben. Rechts füllte ein kleiner Garten, in welchem zwischen allerlei Küchengewächsen ein paar schöne Rosenstöcke standen, den Raum zwischen der Pfarrei und dem Nachbarhause aus.

Inwendig aber sah es gar sehr kahl, überbescheiden, ja fast unwohnlich aus. Der Estrich in dem kleinen Vorraum hinter der Hausthüre hatte große Löcher, in denen man sich ohne besondere Ungeschicklichkeit den Fuß brechen konnte. Dahinter lag die Küche, die gar eng war und auf einem Brett an der Wand nur das allernotwendigste Geschirr aufwies. Neben dieser befand sich ein unbewohntes Gemach, wo das Bett der sel'gen Greth, die Fischereigerätschaften des Vikars und im Winter sein Vorrat an gedörrtem Obst untergebracht waren. Gegenüber diesen zwei Gelassen lagen die beiden Stübchen, welche der Sexack jetzt bewohnte. Er führte 's Meikatel in sein Studierzimmer – so nannte er es selbst; was er aber dort studierte, war aus der Bibliothek, welche aus nur sechs Bänden oder Bändchen bestehend auf einem wurmstichigen Schreibtisch aufgestellt war, nicht ersichtlich. Sonst befand sich in diesem Studio, welches übrigens des überhangenden Weinlaubes wegen recht dunkel und dumpfig war, außer zwei hölzernen Stühlen, einem wackeligen Tisch und einem schiefstehenden Kleiderschrank, als zu Zwecken der Bequemlichkeit dienend, nur noch ein recht sehr unansehnliches Sofa vor, welches die Elastizität der Jugend nicht mehr kannte, sondern widerstandslos jedem auf dasselbe gemachten Eindruck nachzugeben gezwungen war. Den Bilderschmuck dieser geistlichen Behausung vertrat eine jener abstoßenden Darstellungen des Leidens Christi, wie die rohe Phantasie des katholischen Nordens sie von altersher hervorzubringen pflegt.

's Meikatel sah sich in diesem ungemütlichen Raume um mit einem Gesicht, als ob es schon bedaure, der Einladung des Vikars gefolgt zu sein.

Dieser mußte ihm dergleichen wohl anmerken, denn er sagte mit einem Seufzer: »Jo, min Kind, wohlhäbi wie in dene riche Burehüser siecht's hie nit us. Bi der Nachbarin drübe, der Madame Gangertin, wurd der 's schunn besser g'falle. Für mich isch des do güet g'nug eso.«

»A bah, des macht nix,« sagte 's Meikatel, setzte aber, nachdem es sich auf des Sexacks Aufforderung auf den Sofa niedergelassen hatte, hinzu: » 'scusez, Herr Vikar, awwer gar so pauvre bruchte Se doch au nit ze lebe. 's isch jo grad eso, as ob Se für en Erb ze sorje hätte. Hen Se ebbe Anverwandte, wo süpportiert werde müen?«

Der Sexack, der auf einem der harten Stühle vor dem Sofa saß, stützte seine Ellbogen auf die Kniee und legte seinen grauen Kopf in die hohlen Hände. Er blickte starr zu Boden und klopfte leise mit den Fußspitzen auf die Diele.

»'s isch als epps von sonigi Dings,« sagte er nach einer Weile ohne aufzublicken und mit etwas unsicherem Ton. »Schau, du hesch mer so vertrauli dini Gedanke g'offenbart, daß es e rechte Schand wär, wenn i der epps unwaies vormiechdi. I hab' frühjer e Sünd begange, wo mer der Herrgott nit pardoniere könnt', wenn i net selbscht min Bußfertigkeit zeige thät. I hab' gebeicht' un Absolution empfange, awwer min Gewisse het mer als doch ken Rüh' gelon, un do hab' i den Herrn Bischof unterthänigscht ersucht, mie hie drowwe in der schlechte Stell bis an mine Hintritt verharre ze lon, un hab' mer derzu au noch die Pönitenz oferlegt, daß i von mi'm geringe Salär donnoch zosammespare wollt', wott i könnt', um daß i doch nooch mi'm Tod denen wo ich Übles gethan hab' epps Güets anthue könnt'.«

Er schwieg und 's Meikatel fühlte sich so eigentümlich bewegt, daß es auch keine Worte finden konnte. Es schaute den Sexack mit lächelnder Rührung an und bemerkte, wie allmählich sich das Wasser in seinen Augen sammelte und dann dem einen eine dicke Thräne entquoll und langsam über die runzelige Wange lief. Da streckte das Mädchen seine Rechte aus, und der Vikar legte die seinige hinein und ließ die Thräne laufen.

»I hab' sonscht grad ken großi Ursach', dene geistliche Herre epps ze Lieb' ze thuen,« sagte 's Meikatel – »awwer für Se, Herr Vikar, will i bete, wenn Se's noch bedürftig sin.«

Mit einem ängstlich fragenden Blicke sah der Vikar zu ihr auf und sagte: »Wot hesch denn für Leid erfahre von dene geischtliche Herre?«

»Des darf i nit verrate,« antwortete 's Meikatel und wurde dabei dunkelrot. »Ich hab's mim Müederli uf'm Sterbebett versproche, daß i' s kene Mensche saue will.«

Der Vikar sah die dunkle Röte sich über des Mädchens Wangen ergießen, zog seine Hand fort und ballte sie fest mit der andern zusammen; seine Lippen bewegten sich, als ob sie ein Stoßgebet sprächen und seine Arme zitterten. Dann stand er auf, ging ein paarmal rasch in dem engen Stübchen hin und her und blieb zuletzt bei dem Sofa stehen. Er legte eine Hand auf die Lehne desselben und blickte zum Fenster hinaus über des Meikatels Kopf hinweg, als er die bebende Frage that: »Maria Katharina Habenschott heischt du?«

's Meikatel wußte nicht, was das zu bedeuten hatte. Eine plötzliche Angst überkam es. Es wäre am liebsten davongelaufen, sowie es sein überraschtes und halb unwilliges »ja« gesagt hatte. Aber gerade, als es sich erheben wollte, that der Vikar seine zweite Frage:

»Wie hieß dini Müeder, eh sie e Habenschott wurde?«

»Herr Vikar!« rief das Mädchen laut. »Wot wisset Se?«

Und der Vikar that seine dritte Frage:

»Du bisch nit in Molsheim gebürtig, Meikatel, nit wahr, du bisch . . .«

Da fiel es ihm, rasch aufspringend und mit funkelnden Augen ihm gegenübertretend, in die Rede: »Un du – bisch – der Sexack?«

»I bin der Sexack.«

's Meikatel wurde ganz blaß. Es preßte seine Lippen zusammen und seine großen Augen leuchteten heller im Zorn. Kühn aufgerichtet, den rechten Fuß vorgesetzt und die geballten Hände gegen die wogende Brust gedrückt, herrlich anzuschauen in seiner kräftigen Schönheit, so stand es dem gebeugten, zitternden Manne gegenüber, der – sein Vater war.

Lange sprach keines ein Wort, bis endlich das Mädchen seine Fäuste von der Brust nahm und sein auf dem Tische liegendes Bündel ergreifend fast unmerklich bebend sagte: »Mini Müeder het Inne alles vergesse un vergebe.«

»Un du, Meikatel, un du?« rief der Vikar und trat auf sie zu.

Da wandte sie sich noch einmal zu ihm um und sagte mit erhobener Stimme in leidenschaftlichem Ton: »Wenn e Maidli en Mann so recht lieb het, nachher gebt's em freudi sin Alles hin; wenn awwer e Mann e Maidli nit ehrli liebe darf, dnoh soll er au nix von em begehre.«

Und 's Meikatel nahm sein Bündel und schritt zur Thür hinaus.

Am selbigen Abend hat der Sexack sein Nachtessen nicht angerührt. Vor dem Sofa, wo 's Meikatel gesessen war, ist er lange, lange auf den Knieen gelegen und hat geschluchzt. Das war sein Vespergebet. Und als es Nacht ward, hat er sich angekleidet auf sein Lager geworfen und die Gedanken sind so wild auf ihn eingestürmt, daß er keinen Schlaf hat finden können.

O alle Heiligen, hat er gedacht, so war Eure Fürbitte gar nichts nütze und Du, unversöhnlicher Gott der Gerechtigkeit, zürnest mir noch immer? Oder wäre meines Kindes Stimme nicht Gottes Stimme? Soll ich für sie beten, daß die heilige Jungfrau ihren ungerechten, harten Sinn zu christlicher Vergebung lenke!

Aber nein, das Mädchen hatte recht! Denn er hatte es verschuldet, daß es hinter einem erborgten Namen die Schande seiner Mutter zu verbergen suchen mußte, er hatte ihm den Vater geraubt, indem er sein Vater wurde, er hatte Mutter und Kind aus ihrer Stellung unter den Mitmenschen verdrängt, denn die Mutter war eines wohlhabenden Bauern Tochter gewesen und hatte sich durch ihre Liebe zu ihm um die Möglichkeit gebracht, jemals eines ehrlichen Bauernsohnes Frau zu werden. Sie hatte später gewiß unter ihrem Stande geheiratet, denn wie hätte sich sonst 's Meikatel in die Notwendigkeit versetzt gesehen, als Dienstmagd aus dem Hause zu gehen? Er wußte nicht, was für Jammer und Elend er über die Frau gebracht haben mochte, er wußte nur, daß der Stiefvater, welcher der Tochter riet, nach Paris zu gehen, um dort »Fortüne zu machen,« kein Mann von guter Sitte sein konnte. Aber dann drängte sich ihm auch wieder der Gedanke auf, daß es unmöglich eine so große Sünde sein könne, einem so schönen, guten und klugen Mädchen das Leben zu geben wie dem Meikatel, das als ein lebendiges Lob des Höchsten auf Erden wandelte.

Er betete und weinte, er zermartete sein Gehirn und sein Gewissen und fand doch keinen Ausweg, keinen Trost, als etwa den allein, daß die Mutter, die Gute, ihm sterbend vergeben habe. Als er endlich lange nach Mitternacht in einen unruhigen Schlaf verfiel, träumte er nur von seinem wunderschönen Kinde. Er hörte die weiche, volle Stimme, das treuherzige Geplauder, er hörte, wie es die drei Hannöverschen Fräulein und den Berliner Unteroffizier so drollig nachzuahmen suchte – und er lachte im Traum. Als er aber frühmorgens schon wieder erwachte, netzten noch die Thränen sein Angesicht und die bösen Gedanken schwirrten wieder in seinem Haupt.

Er ging in die Kirche und las die Frühmesse; aber er wußte nicht, was er las und was er sagte, denn es schwamm ihm vor den Augen und seine Kniee zitterten. Als er nach Hause kam, brannte ihm der Kopf und er fühlte sich so elend, daß er sich wieder zu Bett legen mußte. Er fiel in ein hitziges Fieber und lag stundenlang, sich selbst überlassen, denn die Nachbarin konnte nur wenig abkommen von ihrem Haushalt und ihren Kindern.

Er meinte, seine letzte Stunde sei gekommen und schickte nach einem Notar; der mußte ihm sein Testament aufsetzen, in welchem er all das bare Geld, das man in einem kleinen verschlossenen Kästchen in seinem Schreibtische finden werde, der Maria Katharina Lamm, genannt Habenschott, in Molsheim vermachte.

Aber seine Natur war doch stärker als das Fieber und machte ihn wieder gesund. Er versah sein Amt wie früher, sparte entsagungsvoll weiter, arbeitete in seinem Gärtchen und angelte im nahen Bache nach wie vor. Doch war er in den vierzehn Tagen seiner Krankheit merklich gealtert und die harmlose Fröhlichkeit, der er sich vorher so gern hingegeben hatte, wenn ihm auf seinen einsamen Wegen die Schönheit seines Heimatlandes so lachend entgegentrat, die wollte nicht mehr über ihn kommen.

Und die Leute sahen ihm nach und schüttelten die Köpfe.

Es war an einem der ersten Oktobertage desselben Jahres. Die Sonne stand schon recht hoch am Himmel und wärmte mit ihren wohlmeinenden Herbststrahlen dem Sexack den Rücken, wie er da auf der Leiter stand und die letzten dunkelblauen Trauben von dem Weingehänge über seinem Studierstubenfenster abschnitt. Die Fensterflügel standen weit offen und von seiner Leiter herab sah der Vikar gerade noch ein Stück der frischgescheuerten Diele, auf welcher die kräftigen Schatten der Weinblätter und Ranken hin und her glitten.

Es war ihm, als hörte er hinten die Hausthür gehen. Schon wollte er von der Leiter steigen um nachzusehen, wer da sei, als er ganz oben unter dem Dache noch eine große schöne Traube bemerkte, welche ihm bisher entgangen war. Er kletterte eiligst hinauf, um sie erst noch abzuschneiden. Wie er sie aber in sein Körbchen gethan hatte und wieder herunterstieg, hörte er, als er gerade vor dem Fenster angekommen war, daß man an seine Stubenthür pochte. Er steckte den Kopf zum Fenster hinein und rief ein lautes: »Entrez!«

Da ging die Thür auf und herein trat – – 's Meikatel, in seinem Sonntagsstaat wie damals und herrlicher als je anzuschauen. Und wie es den Sexack im Fenster sah, streckte es ihm beide Hände entgegen und rief: » Salut, Vadder!«

In des Vikars Herzen that es einen gewaltigen Ruck, so, daß er fast von der Leiter gefallen wäre, wenn er sich nicht noch rechtzeitig festgeklammert hätte Er stieß eine Kette von Lauten aus, die halb wie Schluchzen, halb wie Jauchzen klangen. Endlich brachte er die Worte: »Ewwezemär! 's Meikatel!« hervor und stieg, zitternd vor freudiger Aufregung, durch das Fenster ins Zimmer hinein, wo ihm das Meikatel kurzweg um den Hals fiel und ihn küßte.

Ach, das that dem Sexack wohl! Die ganze Stube drehte sich um ihn herum. Er wankte und das Töchterlein mußte ihn stützend zum Sofa geleiten. Da fiel er so schwer in die Ecke, daß die letzte Feder des alten Möbels knackte und einen dumpfen, lang ausklingenden Schmerzenslaut von sich gab.

»Nimm die zosamme, Vadder; jetz isch alles wedder güet,« sagte 's Meikatel und streichelte ihm die rauhen Backen und den grauen Kopf.

»Hajo! wie isch denn des kumme?« frug der Vikar, noch zwischen Lachen und Weinen kämpfend.

»So isch's kumme!« rief 's Meikatel triumphierend und zeigte seine rechte Hand vor, an welcher der goldene Trauring glänzte. »'s isch e garde-forét, Vadder, e Förschter. I bin vorusgerennt, um daß i der alles verzähle könnt, un er verwilt sich noch e Stündel in Dagsburg, dnoh kummt er her un derno muscht ess kopliere, Vadder. Bim Maire von Wangeburg sim'mer schun g'sin, un's certificat de mariage hab' i im Sack. Gsich, voilà!«

Sie zog das Papier aus der Tasche und entfaltete es sorgfältig.

»Do, attente, Vadder: Wangenburg den foften Oktober achtzehnhundertundneunundsiebezig – un so witer – na – un do steht's: Die Maria Katharina Lamm, genannt Habenschott, Tochter der Maria Josepha Lamm aus St. Pilt im Oberelsaß, dreiundzwanzig Jahr alt, un der Förschter Jean Basil Gottlieb George Trautner, dreißig Jahr alt, aus Wangenburg im Unterelsaß – ach, Vadder, i kann der gar nit saue wott i eso kezzerli häwi bin!«

Sie warf das Papier auf den Tisch und drückte des Vikars Hand. Darauf zog sie glücklich lächelnd eine kleine goldene Uhr, welche an einer langen goldenen Kette um ihren Hals hing, aus dem Mieder und sagte darauf blickend: »Jetz währt's numme dreiunvierzig Minute bis der George kummt. Gsich, Vadder, des Ührl het mer der Arthur geschenkt, wo ich 'ne geschriewe hab', daß i Hochzit mache will. Un das silbere Medaillon do, des het mer der George verehrt mit si'm Porträt drin. Lüeg – des isch er; awwer er siecht viel, viel scheener us!« Dabei hatte sie das Medaillon aus dem Busen geholt und wies nun dem Vater den schlechten kleinen Kopf hin, aus welchem man nur ersehen konnte, daß ihr George einen großen Vollbart hatte.

»Gell du, 's isch e hübscher Mann?« frug sie und lachte glückselig auf, indem sie das Medaillon wieder zudrückte und an seinen warmen Platz zurücksteckte.

»Du lieb's Kindele,« sagte der Sexack und streichelte ihren Arm. »Awwer nu sag' mer als gschwind, wie de ne kriejt hesch, sonsch isch er do, eh ich epps dervon weiß.«

»Na schau, Vadder,« hub's Meikatel weiter zu plaudern an: »Wie i als im Juni fortgange un in Dagsburg iwwer Nacht gebliewe bin, do hab' i gedenkt: 's isch donnit recht von der, daß d' im Vadder, dem dini Müeder vergebe het, so de Buckel g'wendt hesch. Wie müß es dem arme Mann ze Muet sen, der nimmi ken Maidli embrassiere darf! Und dnoh hab' i gedenkt, daß mer doch im Grund ke'm Mensche d'Lieb' verbiete dürf', wil d'Lieb' sich nix kommandiere loßt. Awwer wie i am lendemain hab' retourniere welle, hab' i's donnit gekönnt und hab' Bech g'en un mi resolviert, daß i der alles vergesse un vergebe will, wenn i en ehrliche Mann fänd', wo mer sine ehrliche Name gebe un ken Anstoß an miner Geburt nehme thät. Un i hab' zur Sainte Vierge gebet' un e paar Altarkerze gelobt, daß s' mi de Mann recht recht ball finde loßt. Un derno bin i mit'em güete G'wisse of Wangenburg gemarschiert, hab' mi awwer derbi so arrig verloffe, daß i nimmi us un in gewißt hab', bis i angfäng am Nohmedaa schier gschwach vor Hunger un mit weihe Füß an e Forschthus kumme bin, wo se mi güetig ofg'nomme un restauriert h'en. Do het na der George Trautner mit si'm Müederli un im Knecht ganz allein logiert. Angfäng, Vadder, i will's kurz mache« – 's Meikatel zog wieder seine Uhr heraus – »In einundrissig Minüte kummt er als – wie ich en enz'ge Stund' mit 'em zosamme g'sin bin, hab' i gewißt, daß der 's war' un ken andere of der Welt. Un do hab' i's 'ne glich saue welle, awwer – i hab' donnit 's courage derzu g'hett. Grad wenn i's hab' saue welle, bin i als krebsrot worre un hab' min Mül nit ofbringe könne. Am lendemain, wo i genächtigt un mi g'stärkt hatt' un mine Fuß wedder kuriert g'sin sin, hab' i ken prétext zum Verwile g'hett un bin mit Gruß und scheen Dank wedder aabaschet. Un der George het mi of de Wej bracht of Wangenburg un het ken drei Wörtle g'sproche un mi als immi ang'schaut, as wenn er gern epps fraue möcht'. Un mer het's Blüet wie Füer in de Backe g'finklet un in de Ohre het's e G'surrs un e Geböbbels g'en – awwer i hab's ne donnit saue könne, wie lieb ich ne hätt'. Un am nächschte Kryzwej, wo's of Wangenburg g'führt het, do simmer mit 'em behnet Gott un Händedruck usenander 'gange, as wenn's ken Wiedersehe gab'. Un wie der George ums Eck verschwunde isch, hab' i mi an de Wej g'setzt un grint as wie e rechti Dotsch un hab' mi g'schamt vor mer selbscht, wil i so hochgemut us'gange bin, mer e Mann suche, un wie i 'ne g'funde hab', hab' i donnix g'saat. Dnoh hab' i gedenkt: sollscht jetz aabasche un din Glück d'hinte lon un de George nimmi widersehn? Zeletscht hab' i mi resolviert, daß i in Wangenburg verwile will, wo der George oft ze schaffe g'hett het, daß er mi dorte viellicht rencontriere möcht' un sin Lieb' offebare; denn daß er mer güet isch g'sin, des hab' i ganz gewiß gewißt. Na hat sich's au grad so g'füegt, daß im hôtel in Wangenburg e fille de chambre g'fehlt het. Do hab' i mi offeriert un bin au dorte plaziert worre. Un des isch min Glück g'sin, denn der George isch wirkli kumme, un wie er mi dorte gewißt het, isch er immi öfter kumme un – am letschte juillet het er mi g'fraat un i hab' ›ja‹ g'saat.«

Sie hielt ein Weilchen inne, um wieder nach der Uhr zu sehen.

»Noch siebeunzwanzig Minute,« murmelte sie und fuhr dann laut fort: »Ich hab' em George tut switt g'saat wie 's mit miner Herkunft b'schaffe isch, awwer des het 'ne gar nit geniert. Sin' Müeder isch's awwer donnit recht g'sin un se het err Konsens nit ge'n wolle, wil i bludd e Dienschtmaud un se von güetem Stand isch g'sin. Wie awwer der Sohn nit von mer het lasse welle, do het se sich heimli in Molsheim un in Stroßburj bi alli, wo mi 'kennt h'en, nooch miner conduite umgethon, un wie 's alli bericht h'en, daß i allegelde brav g'sin bin, do het se zeletscht doch err Konsens ge'n – un geschtern isch unseri Hochzit g'sin, un min Gebet isch erfüllt un i kann der von ganzem Herzen alles vergesse un vergebe un will di as mine liebe Vadder bis an min sel'ges End allewil ästimiere un verehre – Amen!«

's Meikatel hatte immer schneller gesprochen, um rasch zum Schluß zu gelangen. Dann gab es dem Vater einen Kuß und wollte darauf eben wieder nach der Uhr schauen, als draußen Männertritte hörbar wurden. Da horchte es hoch auf, lief an die Thür, riß sie auf und flog ihrem »Schorsche« an den Hals, der eine Viertelstunde früher gekommen war, weil er's vor Sehnsucht nach seinem jungen Weibe nicht mehr hatte aushalten können, und der jetzt sein Meikatel umarmte, als seien sie wer weiß wie lange getrennt gewesen.

Dann zog seine Frau Försterin ihn in die Stube hinein und rief triumphierend: »Vadder, do isch er schunn! Des isch der George Trautner, min Mann.«

Und dabei stemmte sie die Arme in die Hüften, stellte sich neben den Sexack, dem vor Freude die Thränen stromweis die Wangen hinunterliefen, und beschaute mit ihm den großen, starken, hübschen Mann mit dem stattlichen blonden Bart. Und dann fiel sie ihm wieder um den Hals und küßte ihn ab, daß es schallte, und jauchzte zwischen den Küssen laut auf: »Gsich, Vadder, eso lieb hab i 'ne!« . . .

Und damit ist die Geschichte wohl zu Ende. Der Sexack lebt in Seelenruh und Bequemlichkeit und sein schönes Töchterlein kommt oft nach Harreberg hinaus, um zum Rechten zu sehen.

Es ist mit seinem Jean Basil George Trautner sehr glücklich geworden und sie haben sich immer noch herzlich lieb – und ihren Buben dazu. Behüt sie Gott alle mitsammen!








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