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Sämtliche Schriften 1931-1933

Carl von Ossietzky: Sämtliche Schriften 1931-1933 - Kapitel 93
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authorCarl von Ossietzky
titleSämtliche Schriften 1931-1933
publisherRowohlt Verlag
seriesSämtliche Schriften
volumeBand VI
printrun1. Auflage
editorGerhard Kraiker, Gunther Nickel, Renke Siems, Elke Suhr
year1994
isbn3498050192
firstpub1931 - 1933
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1061

Antisemiten

Zu den Dingen, von denen die republikanische Linke kaum mehr zu sprechen pflegt, gehört auch der Antisemitismus. Die Presse begnügt sich damit, seine Existenz zuzugestehen, ohne sich über seine Erscheinungsformen näher auszulassen; gelegentlich nur werden einige allzu knotige Exzesse niedriger gehängt. Im ganzen ist man bereit, wie so vieles andre, auch Israel still zu opfern. Die Menschen- und Bürgerrechte des Juden sind, wenn nicht angefochten, so doch wieder Gegenstand lebhafter Diskussion. Wieder ist es der Konterrevolution gelungen, das Thema aufzunötigen; sie hatte die Initiative, und die Demokratie sucht nur dadurch, daß sie nicht mitmacht, den Eindruck zu erwecken, als gäbe es die ganze Diskussion nicht.

Der Antisemitismus ist dem Nationalismus blutsverwandt und dessen bester Alliierter. Die beiden gehören zusammen. Denn ein Volk, das sich ohne Territorium und ohne materielle Autorität zweitausend Jahre in der Weltgeschichte herumtreibt, ist eine lebendige Widerlegung aller nationalistischen Ideologie, die den Begriff der Nation ausschließlich von machtpolitischen Voraussetzungen abhängig macht. Niemals hat der Antisemitismus in der Arbeiterschaft Wurzel gefaßt, er war von je Sache des Mittelstandes und des kleinen Bauerntums; heute, wo sich diese Schichten in ihrer größten Krise befinden, ist er ihnen zu einer Art von Religion geworden, mindestens zu einem Religionsersatz. Nationalismus und Antisemitismus bestimmen das innere politische Bild Deutschlands. Sie sind die großen revolutionär kreischenden Jahrmarktsorgeln des Fascismus, welche das viel leisere Tremolo der sozialen Reaktion übertönen.

Vor etwa fünfundzwanzig Jahren war die antisemitische Welle der Stöckerzeit schon abgeebbt. Im Reichstag saß eine antisemitische Fraktion, die an Stärke und parlamentarischer Haltung etwa der heutigen Wirtschaftspartei entsprach. Der Radauantisemitismus lag bei dem berüchtigten Grafen Pückler-Tschirne, dem sogenannten »Dreschgrafen«, der indessen keine Bewegung repräsentierte sondern nur den eignen wirren Kopf, und in allgemeinem Gelächter unterging, als er in einer Hotelhalle mit einem jüdischen Geschäftsreisenden in Tätlichkeiten geriet und dabei fürchterlich verhauen wurde. Der intellektuelle Antisemitismus lag dagegen bei Houston Stewart Chamberlain, der in den »Grundlagen des XIX. Jahrhunderts« die nach Bayreuth gedrungenen Phantasien Gobineaus aktualisierte und aus der Sprache eines harmlosen Snobismus in die eines modernen zugkräftigen Mystagogentums übersetzte. Ein Ausläufer dieses Kreises war der Kunstschriftsteller Artur Moeller van den Bruck, der mit einem noch heute lesenswerten Werke »Die Deutschen« eine Typologie des deutschen Wesens versuchte, und dessen Buch »Das Dritte Reich« einer Bewegung das Schlagwort gegeben hat, obgleich es sich hier um keine dröhnende Agitationsschrift handelt sondern um ein politikfremdes Lamento von monotoner Melancholie.

Der literarische Antisemitismus von heute hat sich insofern besser gedeckt, als er nicht mehr mit längst als brüchig erkannten Rassetheorien aufwartet und auch mit dem »Ariertum« und dem »nordischen Menschen« nicht mehr viel hermacht. Gobineau wollte von Hakon Jarl abstammen, und das bayreuther Parvenutum der Jahrhundertwende suchte seinen Stammbaum möglichst bis in die Wikingerzeit zu verfolgen; mit alledem wagen heute nur noch subalterne Broschürenschreiber zu kommen. Die antisemitische Literatur dieser Jahre, soweit sie sich nicht ausschließlich auf die rohe Hetze stellt, sondern Anspruch auf geistige Wertung erhebt, begnügt sich im ganzen damit, ein feierliches Deutschtum zu postulieren, das sich jedoch bei kritischer Betrachtung wie einer der schönen Götter Epikurs in schimmernden Dunst auflöst. In dieser Phraseologie spielt das »Blut« eine große Rolle; das »Blut«, die unveränderliche Substanz bestimmt das Schicksal der Völker und Menschen. Aus den Geheimgesetzen des »Blutes« werden sich Germanen und Judäer entgegenstehen bis ans Ende der Tage, werden sie sich niemals mischen können, werden sie sich ewig innerlich fremd bleiben müssen. Das ist mehr balladenhaft als tief, und eine reale Völkerbetrachtung läßt sich nicht so schwach fundamentieren. Denn »deutsch« und »jüdisch« etcetera sind keine in mythischer Vorzeit festgemauerten Kategorien, sondern durchaus fließende Begriffe, die mit den der allgemeinen historischen Dynamik unterliegenden geistigen und ökonomischen Voraussetzungen auch die Inhalte wechseln. Was hat der Dürerdeutsche etwa mit dem Rokokodeutschen zu tun? Was der amerikanisierte Stalinrusse der Pjatiletka mit dem trägen Oblomowrussen der sechziger Jahre? Alles was der literarische Antisemitismus aufbietet, bleibt wolkig und flockig. Er unterscheidet sich in dieser Unbestimmtheit nicht von dem Neokonservativismus oder der heute beliebten nationalen Romantik. Wir wollen uns im folgenden mit einigen Dokumenten eines literarisch aufgemachten Antisemitismus beschäftigen, nicht weil wir diese für besondere Leistungen halten, wohl aber, weil sie wie das berühmte Lazarettpferd alle Krankheiten der Gattung vereinen und weil einzelne der dort versuchten Formulierungen rapide umlaufen und Unfug anrichten.

Wenn ich meinem Krawattenmacher an den wucherischen Hals will, so genügt, wenn die eigne Empörung nicht auslangt, ein Flugzettel aus irgend einem Braunen Haus. Wenn ich dagegen nach einem Grunde zur Abrechnung mit meinem Nachbarn, dem alten jüdischen Augenarzt, suche, der ein Wohltäter der Menschen ist, so muß ich, um zu erfahren, warum er trotzdem mein und aller Feind ist, schon zu einem Buche von Hans Blüher greifen.

Was ist aus dem Propheten des »Wandervogels« geworden? Was aus dem Entdecker der geschichtsbildenden Kraft der Männerbünde, einem Schriftsteller von wirklich produktiven Einfällen also –? Es erfordert Mühe, mit der »Erhebung Israels gegen die christlichen Güter« (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg) zu Ende zu kommen. Wiederholt ist gesagt worden, daß in Herrn Charles Maurras, dem eisenklirrenden Bayard der ›Action Française‹, ein heimlicher Spaßvogel steckt. Auch bei Blüher fragt man sich immer wieder, ob hier nicht die satirische Laune eines Mystifikators der klugen Welt eine Nase gedreht hat. Wenn Blüher wie ein royalistischer Ultra, wie ein intellektueller Januschauer herumfuchtelt, wenn er wie ein schottischer Jakobit, wie ein evangelischer Ulstermann, wie ein Kavalier aus der Vendée für den sakralen Charakter des Königtums die Klinge hebt, dann ist wirklich ein kleiner Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Attitüde berechtigt. Da liest man es so:

»Die einzige für einen Christen wirklich annehmbare Verfassung ist das Gottesgnadentum des Königs.«

»... so wie die deutsche Seele nicht ohne Kaiser und Reich zu leben vermag.«

»... es gibt keine republikanische Geschichtsauffassung. Diese führt nur, gestützt durch die korruptiven Gedankengänge des Judentums, ein vorübergehendes Dasein in den amtlichen Publikationen und der hörigen Presse.«

Gut gebrüllt, Herr Elard von Blüher!

»Jeder Jude, ganz gleichgültig, welchen Willens er ist oder zu sein glaubt, untersteht diesem Sendungsauftrag des messianischen Reiches, vertreten durch den jeweilig regierenden Fürsten der Verbannung.«

»Dieser Fall liegt auch vor bei den sogenannten ›Protokollen der Weisen von Zion‹. Auch hier besagt die Echtheit oder Unechtheit gar nichts sondern nur ihr intelligibler Inhalt. Dieser aber ist wie bei jenem Erlaß des Fürsten der Verbannung unbedingt wahr. Denn das Judentum hat danach gehandelt.«

»Henry Fords hochwichtiges Buch über den ›Internationalen Juden‹ ist überwiegend richtig, aber es steht kein wahres Wort drin ...«

Das ist wirklich ungewollte Travestie. Wir werden durch Astrologie, Magie und Mantik und die ganzen furchtbaren Geheimnisse des Freimaurertums geschleift, das alles wirkt etwas komisch und auch etwas blamabel – einen Kopf, der vielen etwas bedeutet hat und noch bedeutet, auf der Tour von Mathilde Ludendorff zu sehen. Doch dann zeigt sich plötzlich ein zergrübeltes und zerquältes Intellektuellengesicht, an der innern Ehrlichkeit ist kein Zweifel erlaubt. Blüher hält auf Abstand gegen den politischen Antisemitismus, es fallen ein paar klatschende Hiebe auf Hitler, aber so sehr er sich auch bemüht, die Würde des geistigen Menschen zu wahren, er rettet sie nur in der schriftstellerischen Form, nicht in den Mitteln der Argumentation. So geht es oft ebenso platt und wüst zu wie in einer beliebigen Sechserbroschüre:

»Soll man hier sagen: eine deutsche Frau, der es möglich ist, ihr Geheimnis den Blicken eines jüdischen Arztes preiszugeben und seine Eingriffe willenlos zu dulden, hat soviel an Instinkt verloren, daß man auf sie verzichten muß? Oder soll man lieber hier doch noch warnen ...? Die Unerträglichkeit dieser Vorstellung: der Jude am Lebenstor der deutschen Rasse ist kaum zu überbieten.«

Was hat Blüher nun dem Judentum vorzuwerfen? Versuchen wir zusammenzufassen: Das Judentum zehrt die germanische Substanz auf. Das Judentum kann die Figur eines andern Volkes annehmen. Es gibt eine »organisch-plastische Begabung der jüdischen Substanz zur Mimikry. Das Judentum hat etwas Entscheidendes zu verbergen.« Blüher will weder mit politischem noch mit wirtschaftlichem Antisemitismus etwas zu tun haben. Der »jüdische Sendungsauftrag«, von dem er fabelt und wobei er sich auf mittelalterliche Pergamente stützt, ist ausschließlich religiös. Deshalb gibt es auch keine wirkliche Verständigung:

»Wie das Dasein der primären Rasse im Judentum auf die Spitze nach oben getrieben worden ist, so das der sekundären nach unten. Der wissende Jude gibt es ohne weiteres zu, daß die Tiefengrade, die sein Volk erreichen kann, erheblich unter denen der andern Völker liegen und daß gewissermaßen der Mittelstand fehlt. Zehn verfluchte Stämme und zwei heilige! Mit den verfluchten haben wir es im täglichen Leben zu tun, und die zwei heiligen leiten die Politik des Reiches Jehuda gegen uns. Nur mit diesen also kann man sich ernsthaft auseinandersetzen, nur sie sind unser eigentlicher Feind. Wie töricht der Antisemitismus ist, wenn er etwa meint: es gäbe auch anständige Juden, und die seien selbstverständlich ausgenommen – erhellt wohl zur Genüge aus diesem Sachverhalt.«

Damit wären wir also wieder bei der Weisheit des Großinquisitors angelangt: »Tötet sie alle, Gott kennt die Seinen!« Damit holt sich der Gläubige das gute Gewissen, selbst gegen den besten Juden die Hand zu erheben. Deshalb wirkt es nicht konsequent und nicht einmal mutig, wenn Blüher selbst, nachdem er jeglichen Gedanken der Versöhnung unbarmherzig in die Wüste getrieben hat, etwas verlegen stehen bleibt und keine Antwort darauf gibt, was nun in der Praxis geschehen soll. Wir erfahren es auch nicht bei dem Schriftsteller, den Blüher einen der »wenigen echten Antisemiten« nennt, die es in Deutschland gebe, bei Herrn Doktor Wilhelm Stapel, der einige frühere Artikel aus seiner Zeitschrift in einer Broschüre »Antisemitismus und Antigermanismus« (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg) gesammelt hat. Bleibt Blüher bei aller seiner Verranntheit doch immer ein seltsames und oft ergreifendes Bild des in Zeitstürmen verwehten geistigen Menschen, ein Diener der Finsternis zwar, aber doch mit einem paracelsischen Kern, so ist der Herr Doktor Stapel einfach der wildgewordene Pauker, der Oberlehrer, der sich als Prophet aufgetan hat. Herr Stapel wird von Bewunderern für die beste Feder der Rechten gehalten, und ich gebe zu, Herr Doktor Stapel verfügt über reiche Ausdrucksformen, er wäre indessen ein viel besserer Schriftsteller, wenn er nicht so rhetorisch bewegt schriebe und seine Bildung nicht so prätentiös auftischte. Er legt wie ein von seinem Publikum verwöhnter Redner Pausen ein, wo er auf Beifall wartet. Ein seltenes Zitat trägt er so zeremoniös auf wie der Ober eine besonders teure Platte, mit zwei neuen blütenweißen Servietten, und vor seinen eignen Pointen tanzt er mit wehenden Rockschößen her wie David vor der Bundeslade. Der Schriftsteller soll sich ernst nehmen, ja wohl – aber nicht so furchtbar wichtig.

Auch Stapel lehnt einen Antisemitismus aus wirtschaftlichen Gründen ab. Er will auch die Juden nicht ausbürgern. Nur soll auf Distanz gehalten werden, zum Beispiel sollen sich die Juden nicht um Politik kümmern, und im übrigen regelt auf beiden Seiten guter Takt die Grenzverhältnisse. Nur ist manchmal der Kampf unausweichlich:

»Den Kampf der ›rohen Gewalt‹ nennt der Jude das handfeste ›Rittertum‹ der Antisemiten. Wir werten den Geist höher als den Leib. Aber nicht immer ist der Geist bei den ›Geistigen‹, sondern oft auch bei dem wackern und ehrlichen Mann, der die gottgesegnete Kraft seiner Arme für sein braves Gefühl, über dessen Berechtigung er nicht erst einen Philosophen fragen muß, gebraucht. Ich bin nicht unter allen Umständen geneigt, einem begabten Tintenspritzer, bloß weil er vom sichern Ort aus mit ›Geist‹ arbeitet, den moralischen Vorzug zu geben vor einem wackern Kämpfer, der immerhin sein Leib und Leben der Gefahr aussetzt.«

Es hat sich bisher noch nirgends gezeigt, daß bei Pogromen – so nennt man nämlich gewisse mit jüdischen Mitbürgern gesuchte Auseinandersetzungen – die Angreifer ihr Leib und Leben der Gefahr ausgesetzt hätten. Diese wackern und ehrlichen Hansen haben die gottgesegnete Kraft ihrer Arme gewöhnlich nur in Gesellschaft angewandt, wenn sie fünfzig gegen fünf standen. Herr Doktor Stapel predigt die Distanz, aber er selbst hat eine merkwürdige Neigung, immer wieder Tuchfühlung mit dem Reiche Jehuda zu suchen. Sein Takt hindert ihn nicht an einem so bizarren Versuch:

»Ich machte einmal in einer überwiegend von Juden besuchten Versammlung das Experiment, am Schluß meiner Debatterede in einem zugespitzt formulierten, aber nichts als die bloße Tatsache enthaltenden Satze auf die Tötung Jesu durch die Juden hinzuweisen. Der Satz wirkte explosiv. Es gab einen plötzlichen und heftigen Aufruhr der Gefühle durch den ganzen Saal hin, eine heiße, kochende unbeschreibliche Empörung, die völlig verschieden war von den Empörungen, die man etwa in deutschen Arbeiterversammlungen erleben kann. Während ich dann beobachtend durch den Saal auf meinen Platz ging, umwehte mich diese heiße, brennende, haßvolle Empörung auf das heftigste. Aus Gesprächen, die ich nachher mit einzelnen mir auf die Straße folgenden Juden führte, wurde es mir ganz deutlich, daß durch das Anschlagen dieses Komplexes Angst- und Wutgefühle sowie schreckhafte Vorstellungen aus der Zeit der mittelalterlichen Judenverfolgungen wach geworden waren.«

Was sollte mit diesem Experiment bewiesen werden? Gar nichts wird damit gegen die jüdischen Versammlungsbesucher bewiesen, die mit Recht empört waren. Wohl aber wird sehr viel gegen Herrn Stapel selbst bewiesen, nämlich, daß er, der in einer modernen großstädtischen Versammlung, in einem Saal mit Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung, ein Argument aus der Begriffs- und Empfindungswelt der mittelalterlichen Hexen- und Juden- und Ketzerrichter gebraucht, damit selbst in diese Kategorie gehört. Er ist zu selbstgefällig, um den entstandenen Krach anders als in einem für ihn triumphalen Sinne zu deuten. Er bildet sich ein, ein paar hundert Judäer demaskiert zu haben, und hat sich doch nur dadurch kompromittiert, indem er öffentlich zeigte, was bei ihm unter der Schwelle des Bewußtseins ruht. Wer hat es nicht schon erlebt, daß einmal ein Ahnungsloser in einem psychologisch geschulten Kreise seine Träume erzählte, aus denen der Erfahrene schnell seine Schlüsse ziehen konnte? Herr Stapel glaubt, auf einige hundert jüdische Gesichter mitten im nüchternen Alltag den Flackerschein lange verglommener Scheiterhaufen gezaubert zu haben. Aber er hat nur den Scheiterhaufen im eignen Hirn peinlich offenbart.

Diese um des Vaterlandes Wohl besorgten Antisemiten erinnern alle an die Prinzessin auf der Erbse. Warum machen ihnen die paar Juden so viel Unruhe? Auf hundert Deutsche kommt ein Jude, das betont auch Stapel; dennoch:

»Ein Stückchen Saccharin von der Größe eines Stecknadelknopfes genügt, um ein Glas Wasser zu versüßen. Es kommt nicht nur auf die Masse sondern auf die chemischen Eigenschaften an. Ist auf unsern Hochschulen auch nur ein Jude unter hundert, oder bei unsern Theatern, im Kunsthandel, in den Zeitungen?«

Ich habe von Deutschland keine so geringe Vorstellung wie der heiße Patriot. So dünn und farblos ist Deutschland nicht, um durch eine fremde chemische Eigenschaft gleich in seiner Natur bedroht zu werden. Wenn Juden in akademischen Berufen prozentual stark vertreten sind und auch einige kulturelle Schlüsselstellungen innehaben, so frage ich den, der sich darüber beschwert: was hat Deutschland denn in der Zeit seiner höchsten Prosperität, in der Kaiserzeit nämlich, für eine Auslese seiner begabten armen Jungen getan? Das Judentum hat auch in schlechten Zeiten für seine fördernswerten Kinder immer Mittel übrig gehabt. Aber die deutschen Jungen aus dem Proletariat, die mußten früh aufs Feld oder in die Fabrik; Kraft, die nicht hochkam. Das einzige Sprungbrett, das der Klassenstaat bot, war die Unteroffiziersschule. Übrigens wird in vielen Ländern der kulturelle Wettbewerb mit Menschen andern Stammes als anfeuernd, mindestens nicht als lästig empfunden. In der englischen Presse und Literatur dominieren zum Beispiel die beweglichen Keltenköpfe. Und in der Schule haben wir die Weisheit des Großen Kurfürsten bewundern gelernt, weil er die französischen Refugiés in Preußen aufnahm. Dieser energische Hohenzoller hat gewiß nicht unter dem Minderwertigkeitskomplex des heutigen deutschen Nationalismus gelitten.

Immer wieder kehren bei Stapel die Worte »Volkstum« und »Volk« wieder. Sie ersparen ihm, mit etwas Mystik verbrämt, viele Beweise. Wie Blüher verzichtet Stapel darauf, mit dem Begriff »Rasse« zu operieren. Er weiß, daß es damit keine Lorbeeren zu holen gibt. Aber es ist nicht weniger nebelhaft, wenn er ständig jüdisches gegen deutsches »Volkstum« stellt. Auch hier spielt die leidige Ökonomie eine Rolle. Das »Volkstum« eines kleinen jüdischen Angestellten ist nicht das gleiche wie das seines jüdischen Chefs, der drei Autos hat. Das »Volkstum« des jüdischen Proleten wird sicher erwachen, wenn ein paar Hakenkreuzlümmel die gottgesegnete Kraft ihrer Arme an ihm erproben wollen. Ob dies gleiche Bewußtsein jedoch in ihm rege wird, wenn man seinen Chef so mitnimmt – wir können es nicht untersuchen. Es ist auch ein Irrtum der nationalistischen Theorie, daß wir den ganzen Tag »als Deutscher«, »als Jude« etcetera herumlaufen. Der heutige Berufsmensch ist ganz anders fixiert. Überhaupt ist »Volkstum« kein Begriff, mit dem sich viel anfangen läßt. Staat und Wirtschaft bestimmen das Schicksal des Einzelnen im weitesten Sinne und geben die Stichworte für die Trennung in Parteien, während der soziale Alltag die allgemein gültigen Denk- und Lebensformen prägt. »Volkstum« läßt sich nicht auf eine Nation von mehreren Dutzend Millionen anwenden, »Volkstum« ist ein vorwiegend landschaftlich begrenzter Begriff, durchsetzt von bäuerlichen Erinnerungen. Es gibt kein »deutsches Volkstum«, wohl aber eines der deutschen Stämme, wohl ein thüringisches, rheinisches oder bayrisches. Es gibt kein britisches, französisches oder spanisches »Volkstum«, wohl aber eines von Schottland, von der Normandie oder von Biscaya. Es gibt nicht einmal einen genormten deutschen Judentyp. Der schwäbische Jude ist anders als der aus Hamburg oder Lübeck, und das nicht, weil das Judentum so besonders anpassungsfähig ist sondern weil der Prägestock der engern Umwelt sich immer noch stärker erweist als eine mitgebrachte Tradition.

»Die Menschheit ist nicht die Summe der Menschen sondern der Völker ... Das eigentümliche Gebilde ›Volk‹ ist nicht ein wesenloser Begriff, ist auch nicht wie Verein oder Staat nur ein Werk des menschlichen Willens; sondern es ist eine naturhafte, gewachsene oder zusammengewachsene Einheit, wie der Baum, das Korallenriff, der Bienenschwarm.«

Falsch, falsch und nochmals falsch. Nur der Einzelne ist naturgewachsen, nicht das Volk. Das Volk ist ein menschlicher Organisationsbegriff. Die Natur hat die Bäume wachsen lassen, aber nicht die Grenzpfähle. Die Natur hat die Tiere in ihrem Plan, aber nicht den Käfig, in den der Mensch sie einsperrt. Es macht der Natur nichts aus, ob der Mensch au pair auf dem Kokosbaum haust oder in einer von Professor Taut entworfenen Siedlung. Die Natur ist indifferent.

Selbstverständlich wäre Stapels scharfsinnige Untersuchung nicht vollständig ohne ein kräftig Wörtlein zur Verjudung der Literatur.

»Wie Lessing sich einst gegen das Franzosentum wehrte, so wehren wir uns heute mit Recht gegen das Judentum.«

Halt. Selbst wenn die Gleichstellung Franzosentum – Judentum widerspruchslos hinzunehmen wäre: Lessing hatte das historische Recht auf seiner Seite, denn er verhalf der jungen deutschen Literatur zum Durchbruch. Lessing hat aber nicht nur gegen Voltaire gekämpft sondern außerdem noch für einen andern Ausländer, nämlich Shakespeare. Seit hundert Jahren observieren mißtrauische Literaten die angebliche jüdische Überfremdung unsrer Literatur. Seit hundert Jahren muß sich jeder Autor von Belang die physische Kontrolle durch dummdreiste Präputial-Inspizienten gefallen lassen. Und was ist nun dabei herausgekommen? Da ist der alte Judenriecher Adolf Bartels, der sich jetzt schon zwei Menschenalter das Plastron vollsabbert – was hat er denn mit seinen Denunziationen bewirkt? Seit Jahrzehnten sind alle anerkannten Dichter als Juden oder Halbjuden verstänkert worden, aber hat denn dieser ganze Aufwand auch nur einem einzigen wertvollen, unverfälscht deutschblütigen Dichter den Weg geebnet? Haben die Herren auch nur einen einzigen entdeckt? Wen denn –? Artur Dinter läßt schön grüßen.

»Sehr deutlich« spürt Stapel jüdischen Tonfall in den Schriften von Karl Marx. Es ist mir noch nie aufgefallen, daß das Kommunistische Manifest gemauschelt wäre. Aber auch der Ökonomist Ferdinand Fried wittert ähnliches. Nach Fried ist der eigentliche Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus der »wuppertaler Patriziersohn« Friedrich Engels, der sich dann leider von dem Juden Marx »überschatten« ließ. Was Stapel mit Heinrich Heine aufstellt, ist ein Zirkus für sich. Um an Heines Lyrik die jüdischen Bestandteile zu demonstrieren, wendet er ein Verfahren an, das nichts Philologisches mehr an sich hat sondern ganz der wissenschaftlichen Kriminalistik entnommen scheint. Stapel knöpft sich die arme »Loreley« vor, indem er sie einer höchst detektivischen Sprachanalyse unterwirft, die natürlich seine These erhärtet. Zwar läßt er bestehen, daß Heine ein großer Wortkünstler war, aber als Intellektueller doch unfähig, ein deutsches Volkslied zu dichten. Diese Resultate präsentiert er mit der moralischen Genugtuung eines übelgelaunten Polizeiarztes, der bei einer mißliebigen Frauensperson, nachdem man ihr keinen Taschendiebstahl nachweisen konnte, wenigstens Gonokokken gefunden hat. Stapel konfrontiert die raffinierte jüdische Loreley Heines mit einer viel keuschern Loreley-Edition Eichendorffs. Dann beginnt er zu vergleichen und zu messen und fährt in der Hitze des Gefechtes den beiden Mädchen dabei unter die Kleider, daß es eine Freude ist, das zu sehen.

»Während die Reime Eichendorffs etwas Verhaltenes, Geheimnisvolles, Weites haben, haben die Reime Heines etwas Spitzes, Scharfes, ja fast etwas Heiseres. Bezeichnend ist für den Juden die Häufung von K- und G-Lauten, also von Gutturalen an dieser Stelle –«

Ein Gedicht, mag man es sympathisch finden oder nicht, ist jedenfalls kein Kriminalvergehen, das vergißt dieser beflissene Forscher. Es kann deshalb auch nicht analysiert werden wie ein am Tatort zurückgelassenes blutiges Taschentuch. Übrigens will ich mich verpflichten, nach diesem Rezept mühelos festzustellen, daß ein frommer Choralsänger, nach der für ihn charakteristischen Häufung von Ä- und Ü-Lauten zu schließen, von Hühneraugen geplagt war, daß ein feuriger Liebesdichter sich mit Hämorrhoiden quälen mußte, und daß Stapel, bei dem die offenen Laute überwiegen, sich danach Gottseidank einer heitern und unbeschwerten Verdauung erfreut. Und nun kommt ein Humoristikum ganz großen Ranges:

»Man gebe sich der Innervation des Satzes: ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten‹ hin, sofort fahren uns die Worte in die Arme und zwingen uns zu einem Zucken der Achseln, während die Handflächen auseinandergehen: eine typisch jüdische Geste. Und der Schluß mit dem ›Ich glaube ...‹ und dem ›und das hat mit ihrem Singen die Loreley getan‹ ist ein Musterbeispiel der jüdischen Sentimentalität, der Sentimentalität des schräg gehaltenen (ein wenig nach hinten geneigten) Kopfes mit dem verlorenen Blick, aus welcher Stellung der Jude sofort mit einem Sprung, mit einem Witzwort heraushupfen kann; denn diese Sentimentalität ist der Ironie benachbart, sie hat nicht das Schwerblütige der deutschen Sentimentalität.«

Ein lebhafter Leser, in der Tat, so wie ihn sich der Dichter wünschen mag. Jeder Eindruck setzt sich sofort in Gestik um, und man wagt gar nicht an die körperlichen Verrenkungen zu denken, zu denen ihn die Lektüre des »Götz von Berlichingen« verleiten könnte.

Es ist viel Finsternis, viel Wirrwarr und noch mehr unfreiwillige Komik bei dieser Art von geistigem Antisemitismus. Ich versichere dem hochgelahrten Herrn Doktor: so unheimlich ich auch über die ihm geglückte kühne Synthese von Literaturkritik und Kriminalistik habe lachen müssen, so reicht doch das Vergnügen dieser Stunden bei weitem nicht an das Bedauern heran, daß es heute notwendig geworden ist, sich mit solchem Mumpitz abgeben zu müssen. Herr Stapel ist gewiß nur ein larmoyanter Schönredner, das, was man im Kirchenwesen einen Damenprediger nennt. Aber auch einem härtern Intellekt würde es nicht gelingen, einen geistigen Antisemitismus zu statuieren. Denn der Geist ist gewiß kein sanftes Lämmerschwänzchen und kann sich sehr wohl mit der Gewalt vertragen. Aber niemals ist der Geist mit der Vergewaltigung einer Minderheit, der sich nichts andres vorwerfen läßt als ein mit mehr oder weniger Recht vermutetes Anderssein. Niemals wird der Antisemitismus ein andres Symbol finden als den Knüppel.

Hans Blüher und Wilhelm Stapel beschwören beide emphatisch, weder die physische noch geistige Mißhandlung der Juden zu versuchen, auch nicht deren bürgerliche Entrechtung. Die Herren vergessen den Zeithintergrund und welche Resonanz sie finden können. Heute braucht sich kein schwachnerviger Skribler selbst zu bemühen. Ein gutgezieltes Wort genügt, um Hände in Bewegung zu bringen. In dieser Zeit liegt viel Blutgeruch in der Luft. Der literarische Antisemitismus liefert nur die immateriellen Waffen zum Totschlag. Das Weitere mögen dann die wackern und ehrlichen Hansen mit ihrer gottgesegneten Kraft besorgen. Kommt es aber einmal wirklich zum Pogrom, so hat sich Blüher die folgende etwas primitive Sicherung geschaffen:

»Und es ist überhaupt einer der größten politischen Aktivposten, die das Reich Jehuda mit seiner Blutsverfluchung für sich buchen kann, daß es fast jederzeit in der Lage ist, die Gastvölker in das Fluchbereich zu verstricken.

Und das geschieht dadurch, daß sie sie zum Pogrom reizen und damit schuldig machen.«

Totgeschlagenwerden ein Aktivposten? Jedenfalls ist der Jude schuldig, auch wenn er mit zerbrochenem Schädel auf dem Pflaster liegt, von zehnfacher Übermacht zur Strecke gebracht. Nun behauptet Stapel zwar: »Taktvolle Juden und taktvolle Deutsche stören einander nicht.« Das hört sich ganz annehmbar an, aber wie es mit Stapels Takt beschaffen ist, davon hat uns seine Erzählung, was er in einer Versammlung an Provokation der jüdischen Besucher geleistet hat, eine immerhin bedenkliche Probe gegeben. Sollte es also wirklich einmal zu Peinlichkeiten kommen, so hat Hans Blüher für diesen Fall ja schlüssig dargelegt, daß der Jude sowieso verdammt ist. Ihm ein Leid antun, bedeutet also nur, einen von Gott vorgesehenen Tatbestand erfüllen.

Diese literarischen Antisemiten müssen in einem argen Dilemma herumlaufen. Sie bewegen sich immer am Rande des Pogroms, sie naschen gleichsam davon, aber sie scheuen sich, so aktiv zu werden wie weniger intellektuell beschwerte Zeitgenossen. Warum so schüchtern, meine Herren? Geben Sie sich doch einen Ruck, entbinden Sie das Stück Pöbel in sich, das in jedem Antisemiten steckt! Nehmen Sie doch den Pferdeapfel auf, werfen Sie ihn dem jüdischen Mitbürger ins Gesicht und rufen Sie »Saujud« hinter ihm her! Sie werden Erleichterung fühlen und, da wir in Deutschland leben, auch ein Gericht finden, das Ihrer bedrängten Seelenlage Verständnis entgegenbringt. Diese kleine Anstrengung befreit Sie von einem häßlichen, kotigen Stück Atavismus und enthebt Sie der unangenehmen Verpflichtung, Bücher zu schreiben, deren subjektive Redlichkeit nicht bezweifelt werden soll, die jedoch durch ihre verquollene Art durchaus geeignet sind, die allgemeine Verlogenheit in diesem Lande noch zu vergrößern. Statt dessen findet Stapel Herzenstöne, die an die berühmte Proklamation des neuhebräischen Klassikers Erich Ludendorff »An die Jiden in Paulen!« erinnern. »Jüdische Mitbürger!«, ruft Stapel mit seiner unleidlichen Prädikantensalbung aus, »vergesset doch nie, wo Gott die Grenze gezogen hat!« Was soll das? Laß doch den Herrgott aus dem Spiel, Pharisäer –!

Die Weltbühne, 19. Juli 1932

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