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Ruths schwere Stunde

Georg Hermann: Ruths schwere Stunde - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Hermann
titleRuths schwere Stunde
publisherVerlag Das Neue Berlin
seriesDie Kette
volume4
editorGundel Mattenklott
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140214
projectidb54eba87
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Vorwort

Von Musik verstehe ich nichts. Es ist ein Nachteil in der Geographie meines Lebens, daß kein breiter Weg, nicht einmal, ja kaum ein Schmugglersteig für mich in dieses Land führt. Aber ich habe mich doch immer ganz dumm gewundert, wie es kommt, daß fast alle großen Tonwerke den gleichen oder einen ähnlichen Schluß haben. Man hat die Empfindung, als ob drei oder vier Heereszüge auf einen Punkt hin in Eilmärschen zusammenstreben. In breiten Massen sieht man sie in stets sich steigernder Unruhe und Hast auf einander zustoßen, zumarschieren auf ein gemeinsames imaginäres Schlachtfeld hin. Einen Bruchteil von Zeit mischen sie sich. Alle Waffen schlagen brausend und vielfach und dumpf aufeinander, tönend und rasselnd und nachklingend. Geschrei, Jubel und Wut flicht sich hinein. Noch wankt niemand. Es gibt nur Angreifer. Der Sieg ist völlig unentschieden. Wie zu einer Tonpyramide steigt es über dem metallfunkelnden Gewühl der Heere auf. Und gerade vor jeder allerletzten Entscheidung: Verebben, Versinken, Zusammenbrechen, in der Dämmerung noch ein fernes, letztes Blinken der Speerreihen, ein Verglimmen der Schildränder, und Totenstille in der hereinbrechenden Nacht ... So ist das fast stets.

Doch als ich einen Komponisten fragte, warum das so wäre, da ich mir doch wohl vorstellen könnte, daß die Tonstücke auf tausenderlei andere Arten schließen könnten, leise, verwehend, oder wie ein Lufthauch mit welken Blättern spielt: er wirbelt sie auf und läßt sie schillern und tanzen. Er wirft sie hin: sie zucken ein paar mal noch mit den braunen Rippen, und schon hat er sie achtlos am Wegrand liegen lassen und ist weiter gehuscht ... ja, da setzte mir der Komponist in langer Rede, die ich nicht verstand, auseinander, weshalb das so und eben so sein müsse, und daß es eigentlich, wie auch die Themen gewesen sein mögen, nur wenige Auflösungen und Schlüsse gäbe, die zwar durchaus verschieden seien, aber meinem ungebildeten Ohr wohl alle gleich klängen.

»Es ist gerade so«, sagte er – nicht ohne persönliche Gehässigkeit! – »wie mit den Romanen unserer Herren Schriftsteller. Für mich fangen sie alle, wie ihr sie auch verbrämen mögt, mit einem ›Es war einmal‹ an. Und schließen mit einem ›Es ist‹ oder ›Es wird sein‹.«

Und wirklich, wie man es drehen und wenden mag: sie fangen alle mit einem »Es war einmal« an. Aber das sah jener nicht: sie schließen nicht alle mit einem »es ist«. Es gibt auch solche, die in ein Vielleicht auslaufen. Und es gibt solche, die in Nichts münden, sich verflüchtigen, wie Gas. Die in den leeren Raum verwehen. Ohne Bestand, ohne Hoffnung, ohne Spuren. Allen menschlichen Sinns beraubt. Sie haben keine Gegenwart mehr, geschweige denn eine Zukunft. Solche gibt es auch. Sie sind wie die steilen Treppen in den japanischen Bergtempeln, die in vielen Stufen und vielen Absätzen, die immer mühevoller werden, hinanführen. Die meisten, die sie betreten, kehren vorher um. Und oben steht kein Gebäude. Nur ein Tor, ähnlich wie ein Joch. Dahinten spannt sich der blaue Himmel, die helle Klarheit, das sich in sich selbst verzehrende Nichts. Vielleicht ist noch da ein alter Metallspiegel, in einem schlichten Lackschrein bewahrt, blank und silbern. Er nimmt kaum einen Hauch an, wirft dir dein Bild zurück, sodaß du nicht mehr sagen kannst, ob du das Bild bist, oder das Bild du, und dir Schein und Wirklichkeit ganz ineinander fließen. Sonst aber wirst du nichts mehr in dieser letzten, windzerrissenen Einsamkeit finden; keine Gegenwart, keine Zukunft, keine Erinnerung, kein Lachen mehr, und was schlimmer ist ... keine Tränen. Und sobald der Spiegel wieder in seinem Lackschrein zurücktaucht, so wird dein Bild darin verloschen sein, sich gelöst haben, wie dieser Wolkenfetzen da oben im Blau, der einen Augenblick dahintrieb und nun in Licht und Sonne inmitten seiner Bahn in regenbogenschillernde Atome zerspellte, unerbittlich sich löste, verschwand und dem Auge spurlos wie Salz im Wasser zerging.

Georg Hermann

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