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Lou Andreas-Salomé: Ruth - Kapitel 5
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typenovelette
authorLou Andreas-Salomé
titleRuth
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger
year1895
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IV.

Kurz und glühend, wie immer, war der russische Hochsommer vorübergeflogen, und früh, mitten im August, nistete sich leise der Herbst im Garten ein und verlöschte mit seinen langen dunkeln Abenden die Sonne. Der Rasen sah fahl und versengt aus, und längs den Kieswegen sammelten sich die ersten dürren Blätter.

Grade da, wo Klare-Bel in ihrem Stuhl am Rande des kleinen Gehölzes lag, konnte sie an den Birkenzweigen über sich in einen breiten goldgelben Fleck hineinschauen, der täglich ein wenig zunahm. Und von Zeit zu Zeit sank eines der entfärbten Blätter, drehte sich in der Luft ein paarmal herum und flatterte zu ihr nieder.

Gleich danebenstanden ein Tisch, roh aus ungeschälten Baumästen gezimmert, und zwei Bänke mit Rückenlehnen aus einem groben Flechtwerk von Weidenzweigen. Da saßen Erik und Ruth schon den halben Tag und arbeiteten.

Klare-Bel konnte nicht begreifen, wie sie das nur so ununterbrochen aushielten; manchmal schienen ihr's allerdings nur Unterhaltungen und Gespräche zu sein, die sie führten, aber sie wußte, wie ernst sie es damit nahmen und daß Erik mitunter die Nacht aufblieb, um seinen Unterricht vorzubereiten.

Gern lag sie so und lauschte darauf, nicht auf die Worte, aber auf die Stimmen. Denn darüber täuschte sie sich nicht: nur in solchen Stunden klang Eriks Stimme noch grade so froh wie früher. Und da war es wirklich gut, daß er sein Zimmer jetzt förmlich mied und mit Ruth immer in ihrer Nähe saß, wo sie ihn hören konnte.

Oft dachte sie dann mit heimlichen Sorgen und Zweifeln an den ersten Tag im Juni zurück, den Erik mit Bernhard Römer und dessen Frau in der Stadt verbracht hatte. Seitdem darauffolgenden Morgen war er verändert. Und mit diesem Tage mußt' es zusammenhängen. Aber den wahren Grund suchte sie in der fernsten Vergangenheit, namentlich seitdem sie den gemeinsamen Jugendfreund selbst wiedergesehen hatte.

Denn seitdem begriff sie ganz gut, daß Erik vielleicht noch im stillen den alten Erinnerungen nachgehn mochte. Kehrten doch sogar ihre eignen Gedanken häufiger als je dorthin zurück, wohin es keine Rückkehr gibt.

Die Jugend ersteht nicht wieder auf.

Wenn es doch eine Freude gäbe, – dachte sie ganz heimlich bei sich, – eine große, gewaltige Freude, die sie einmal über Eriks Leben bringen könnte, so daß er darüber alles vergäße! Aber sie besaß nichts, – sie hatte immer nur so dagelegen mit leeren Händen und Opfer gekostet.

Vor einigen Tagen hatte Erik ganz unerwartet den Professor herausgebracht, den er manchmal bei ihrer Behandlung hinzuzog. Sie war auf ihr Bett gelegt worden, und dann hatte Erik die vor Angst und Schmerz Zitternde ganz fest in seinen Armen gehalten, bis qualvolle Minuten überstanden waren. Er selbst war ganz blaß. Aber der Professor wollte wiederkommen.

»Muß es sein, Erik?« fragte sie zagend.

»Es muß sein. Eine Änderung ist da,« antwortete er ausweichend.

Änderung! vielleicht Genesung!

Ja, nur eine große, gewaltige Freude konnt es noch geben: wenn sie selbst auferstand von ihrem Lager und zu ihm trat auf eigenen Füßen, – da mußte er wohl wieder froh werden.

Und sehnsüchtig schaute Klare-Bel in die durchsonnten goldgrünen Zweige, von denen sich langsam die Blätter lösten. Und ihre Gedanken verträumten sich.

Als die Strahlen der Nachmittagsonne schräger fielen und die Schatten der Bäume anfingen, sich zu dehnen und zu strecken, verstummten die beiden am Tisch, und Ruth stand auf.

Bei diesem Unterricht erschien es Klare-Bel jedesmal von neuem ganz eigentümlich, daß immer Ruth seinen Schluß angab. Erik wollte es so: nur sie selbst konnte genau wissen, wann ihre volle Frische und Empfänglichkeit nachließ. Er seinerseits konnte nur seine ganze und ungeteilte Kraft in das hineinlegen, was er ihr gab, – und das tat er. Er sammelte alle Kräfte des Willens und Geistes und konzentrierte sie auf einen einzigen Punkt: er hielt Ruth wie ein Fürstenkind, das man nur mit dem Auserlesensten beschenkt.

Er blickte sie an, wie sie, sonngebräunt und mit vorn übergewehtem Haar, neben ihm stand, in einer richtigen russischen Bauernbluse von grobem ungebleichtem Leinen, mit roter Stickerei auf den Achselstücken und Oberärmeln, – fast wie ein Kind aus dem Volk. Aber sein Fürstenkind war sie doch.

Er hatte ein Heft herangezogen, ohne die Absicht, es durchzusehen; nur mechanisch glitten seine Augen über die Zeilen hin. Doch Ruth blieb neben ihm stehn, und nun beugte sie sich über ihn, um hineinzublicken. Von Sekunde zu Sekunde wurde Erik nervöser. Und plötzlich herrschte er sie wegen eines geringfügigen Versehens, das er gefunden hatte, so heftig an, daß Klare-Bel erschrocken aufsah.

Ruth zog Schultern und Augenbrauen hoch und schüttelte entrüstet den Kopf.

»Es ist nicht zu glauben. Wie kann man nur so kopflos sein, – nicht wahr? Gradezu verdummt muß man schon dazu sein!« setzte sie mit unverhohlner Selbstverachtung seine Vorwürfe fort.

Erik war verblüfft und mußte über sie lachen.

Aber es berührte ihn wunderlich. Noch vor ein paar Monaten hätte etwas Derartiges sie scheu gemacht, – sie verscheucht. Jetzt weinte sie nicht mehr drüber, daß er sie ein dummes Kind nannte. Sie lachte. Lachte sich aus. – Ihre Augen sahen ihn so spottend an. Wen verspottete sie eigentlich? Sich selbst, – daran war kein Zweifel. Sich selbst nahm sie als einen fremden Gegenstand, den sie nur noch von Erik aus beurteilte; sie empfand, dachte und handelte nur noch wie aus seinem Wesen heraus.

Was war diese Selbstentrückung, dieses Übermaß von Selbstvergessen im Grunde? war das Liebe? war es das, worauf er, nur halbbewußt und wider seinen Willen, – wartete?

Klare-Bel hatte mitgelacht.

»Es wird dir noch sonderbar vorkommen,« sagte sie, »wenn du im Herbst so viele Lerngenossen bei Erik bekommst. Wenn du mit ihnen alles teilen mußt. Wirst du dann nicht eifersüchtig sein, wenn eins von den Mädchen mehr kann als du?«

»Warum?« fragte Ruth, und der Schalk ging durch ihre Augen, »dann wollen wir die eine lieber haben als mich. Wir haben Raum für viele da. Je mehr es sind, desto besser.«

Erik blickte auf. Am Ende würde wirklich eine Dritte im Bunde mit Begeisterung empfangen? Aber wenn sie so spitzbübisch aussah, konnte niemand wissen, was sie bei sich dachte.

Er erhob sich und schob den Stuhl seiner Frau dem Hause zu, um sie vor Sonnenuntergang hineinzutragen. Jonas kam ihnen entgegen; den ganzen Nachmittag hatte er sich draußen auf den gemähten Wiesen umhergetrieben, aber immer paßte er den Augenblick richtig ab, wo er Ruth in Beschlag nehmen konnte.

Als Erik wieder aus dem Hause trat, sah er Ruth mit Jonas unter den Birken auf und ab gehn. Sie hielten sich lose umschlungen und stießen einander gegen den grasbewachsenen Wegrand, wo der Frühherbst das welke Laub angehäuft hatte. Es machte ihnen offenbar lebhaftes Vergnügen, mit den Füßen durch die Blätter hindurchzurascheln.

Jonas hatte Ruths Hand gefaßt, die auf seiner Schulter lag, und von Zeit zu Zeit neigte er den Kopf seitwärts und fuhr sich mit ihrer Hand liebkosend über seine Wange.

»Jonas!« rief Erik den Knaben laut an.

Der schrak auf bei dem Ton.

»Was soll ich?« fragte er und kam betreten näher.

»An deine Ferienarbeiten sollst du!« sagte Erik und schämte sich vor sich selbst.

Ruth folgte Jonas ins Haus.

Erik war im Garten stehn geblieben und sah den beiden nach.

Da war es wieder, – dies Kindliche, Kindische, dies Unausgewachsne und sonderbar Unreife, worüber er in Ruths Wesen nicht hinweg kam. Es nahm nicht ab, es nahm zu, – es steckte ganz tief irgendwo, im Kerne ihrer Natur. Geistig hatte sie sich rasch und stark entwickelt, wie junges Laub in warmem Mairegen. Aber es war, als ob sich nun erst auch alle kindlichen Elemente mit entwickelten und zu immer vollerer Auslebung drängten, – und daneben andre, beinahe männliche, die er in ihr bis dahin nur geahnte hatte. So schnell gewöhnte sie sich daran, ihre Gedanken zu logischer Schärfe zu formen und ihnen eine energische Richtung auf das Erkennen zu geben, als hätte sie nie in der Phantastik der Träume gelebt. Offenbar hatte das Unentwirrbare, Unklare und Wildschweifende ihres Denkens nur mit den phantastischen Stoffen selbst zusammengehangen und fiel mit ihnen von ihr ab.

Erik ging langsam ins Haus zurück, wo Jonas im Wohnzimmer mit resignierter Miene über seinen Büchern saß und zu lernen schien; aber im stillen grübelte er darüber nach, wie er Ruth dem Vater am besten abspenstig machen könnte, um sie mehr für sich zu haben. Morgen war ein Sonntag, da konnte man viel unternehmen; in diesen Ferienmonaten wurde schon früh gegessen, und so bekam man einen reichlich langen Nachmittag und Abend heraus. Aber Jonas fand es ungerecht, daß auf sechs Wochentage nur ein Sonntag fiel und sich der Vater grade die Wochentage genommen hatte.

Ruth saß nicht mit im Wohnzimmer. Sie mußte in ihre kleine Giebelstube hinaufgegangen sein.

Erik trat wieder in den Flur zurück und horchte, ob sich oben nichts rege.

Und dann stand er auch schon gleich darauf am Fuß der schmalen Holztreppe.

Wie ein Dieb erschien er sich selbst, als er da in der Halbdämmerung auf dem untersten Treppenabsatz zögerte.

Nur langsam nahm er die ersten Stufen, dann rasch die nächsten.

Wie lange, lange war er nicht mit Ruth allein gewesen, – ganz allein. – –

Oben klopfte er kurz und laut an. Ruth antwortete mit heller Stimme. Sie stand vor dem geöffneten Wandschrank, worin sich ihre Sachen befanden, und kramte darin.

Außer einem Tisch und Stuhl am Fenster enthielt das kleine Gemach nicht viel mehr als am ersten Tage. Aber das Fensterbrett war mit Blumen gefüllt, mit gewöhnlichen Sommerblumen, wie sie die Straßenhändler auf einem Kopfbrett vorübertrugen, und darunter standen am Boden Töpfe mit Ablegern aus dem Garten. Und die Tapetenwand war mit Bleistiftzeichnungen bedeckt, die als Rahmen einen breiten Tintenrand erhalten hatten. Sie rührten alle von Jonas' Hand her und stellten alle irgendeinen Winkel des Gartens oder des Hauses dar.

Erik sah auf den Tisch nieder, wo Nähzeug und Papiere unordentlich durcheinander lagen.

Es fiel Ruth nicht ein, zu fragen, weshalb er heraufgekommen sei, aber in der leichten Verlegenheit, die er selbst empfand, suchte er nach einem Wort und zog eins der Papiere unter dem Nähzeug hervor.

»Schreibst du hier Verse?« fragte er überrascht.

Sie wurde dunkelrot.

»Nicht mehr so oft,« antwortete sie fast bestürzt, »und ich will ja auch gar nicht! Aber manchmal, wenn – – manchmal muß ich's noch tun.«

»So Verborgenes tun. Verborgen vor mir. Und ich habe geglaubt, daß kein Gedanke unausgesprochen, den ich nicht kenne, durch deinen Kopf geht.«

Sie machte ein so schüchternes Gesicht wie in alten Zeiten.

»Nicht verborgen,« sagte sie leise, »es sind nur eben keine Gedanken. Und aussprechen kann man sie auch nicht. Und die kommen nun und drängen sich, und dann muß man Verse schreiben.«

Erik lachte.

»O weh, die armen Verse!« bemerkte er. »Also solch einen stillen Winkel hast du dir noch in deinem Kopf reserviert, während es aussieht, als ob du die schönste Ordnung gemacht hättest. Die ist wohl nur in den Staatsstuben, auf der Oberfläche. Dahinter liegt aber eine wunderschöne unergründliche Rumpelkammer. Was sollen wir mit der machen?«

Sie sah ihn ganz ernsthaft an.

»Was Sie wollen,« versetzte sie treuherzig.

»Würdest du denn fraglos tun, was ich will? Auch im geheimsten, was du für dich treibst? Auch im Verborgensten deiner Rumpelkammer? Immer?«

»Immer.«

Er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände.

»Und wenn ich sie dir nun ausräumen wollte? Und wenn es zufällig grade dein liebster Winkel wäre? und wenn es nun, irgendwann einmal, vielleicht keine bloße Rumpelkammer mehr wäre, sondern dein glückliches geistiges Zuhause? würdest du auch dann noch ebenso antworten: ›Was Sie wollen‹?«

»Ja!« sagte sie einfach.

Erik machte eine Gebärde, wie wenn er sie in seine Arme ziehen wollte, dann aber ließ er sie frei, trat zurück und ans Fenster, neben dem ein kleiner Bücherbord an der Seitenwand hing.

Ein paar Minuten vergingen.

Ruth sah ihm zu, wie er anscheinend die Titel der Bücher studierte, die in der langsam zunehmenden Dämmerung nicht mehr zu erkennen waren. Aber Erik wußte ungefähr, was sich hier alles auf das sonderbarste einträchtig zusammengefunden hatte. Eine lateinische Grammatik aus Jonas' Nachlaß und die Märchenwelt von Tausend und eine Nacht, eine Auswahl aus Platos Werken in deutscher Übersetzung und ein zerrißner Band alter russischer Volkserzählungen, Überwegs »System der Logik« und die französische Übersetzung des Don Quichote mit den Illustrationen von Doré, und so fort.

»Warum haben Sie nie ein Buch geschrieben?« fragte Ruth plötzlich vom Fenster her.

»Weil ich's nie gekonnt habe. Bücher zu schreiben versteh' ich nicht, Ruth. Und mir schien wohl auch immer: Bücher sind tot, nur das gesprochne Wort lebt. Und ich fürchte, du wirst es auch nie können, nie verstehn, mein armes Mädel.«

»Ich? Ich will auch nicht. Ich möchte was andres.«

»Was möchtest du denn?«

»Ein Märchen erzählen. Ein einziges. Eins, worin alles drin ist. Aber nicht mit Worten.«

»Das würdest du ja auch schreiben oder sprechen, mahlen oder meißeln müssen, wenn du es mitteilen willst.«

»Es muß noch auf bessere Weise gehn,« meinte Ruth.

»Nicht, wenn es für alle sein soll. Sonst kann man es auch wohl einem lieben Menschen an den Augen ablesen.«

»Das ist schon besser,« sagte sie an lehnte ihren Kopf gegen das Fensterkreuz zurück.

Kurze Zeit schwiegen beide.

Die Dämmerung sank tiefer. Auf den Steinfliesen der Terrasse unter ihnen blinkte es hell auf, im Wohnzimmer wurde die Lampe angezündet.

Um den Wipfel der alten Ulme vor dem Fenster spielten die Fledermäuse. Lautlos huschten sie unter dem Dachfirst hervor und flatterten hinter Ruths Rücken im Zickzack hin und her.

Erik stand mit einem Male im Halbdunkel dicht neben ihr. Er hob die Hände und strich leise über ihr Haar hin, so daß sie sich in den weichen lockigen Wellen verloren, und dann blieben sie auf ihren Schultern liegen, und er beugte sich tief über Ruth.

»Sage mir das nicht mehr, – was du vorhin sagtest: daß du immer und fraglos tun würdest, was ich will,« bemerkte er mit gesenkter Stimme, »du sollst mir nicht in jedem Fall und blind folgen. – Ich könnte ja auch ein Unrecht von dir wollen. – Hast du daran nicht gedacht?«

Sie legte sich weit in seinen Arm zurück und schüttelte den Kopf.

Er umfaßte sie fester.

»Und wenn es doch so wäre?« fragte er fast heftig, »was würdest du tun?«

Nun erst blickte Ruth auf und sah ihn lange und ruhig an. Sie schien sich den Fall ernsthaft zu überlegen.

»Unrecht tun!« sagte sie dann laut.

Erik fuhr zusammen. Er murmelte etwas, was sie nicht verstand. Sie aber lachte über das ganze Gesicht.

»Für mich ist immer das das Rechte, was Sie wollen, – niemals ein Unrechtes. Besser weiß ich's nicht. Ich brauch' es aber auch nicht besser zu wissen.«

»Mein armes Kind,« sagte er leise.

Sie richtete sich in seinem Arm hoch. Ein lauschender Ausdruck kam in ihr Gesicht.

»Wer? ich? Warum sagen Sie das?« fragte sie mit veränderter Stimme und machte sich langsam frei. »Was ist das? Warum sagen Sie mir das alles? Ich bin kein armes Kind. Ich bin ja Ihr Kind!«

Und als er nicht gleich antwortete, faßte sie ihn plötzlich an beiden Armen und schüttelte sie mit leidenschaftlicher Kraft. »Bin ich's denn nicht?« fragte sie wild. »Warum soll ich nicht mehr tun, was Sie wollen? Bin ich denn nicht Ihr Kind? Nicht mehr?! Dann wär es besser, tot zu sein.«

»Ruth!« rief er erschüttert.

Sie suchte sich zu fassen. Ihre Hände sanken von seinen Armen und schlangen sich ineinander. Dann hob sie den Kopf.

»Ich will alles tun, – alles! Recht oder Unrecht, Gutes und Böses, – alles! Ich will gehorsam sein bis in den Tod. Stellen Sie mich auf die Probe. Aber gehorchen muß ich Ihnen dürfen, – Ihr Kind sein dürfen, – zu Ihnen sagen dürfen: ich will tun, was Sie wollen. Immer! Immer! Das muß ich – muß ich dürfen. – – Darf ich?«

Unwillkürlich hob sie ein wenig die gefalteten Hände. Eine Gebärde unsäglicher Demut. Aber ihr Gesicht sah dabei fast finster aus, und ihre Stimme klang wie Metall. Und nur zuletzt ein ganz weicher, kindlicher Ton: »– Darf ich?«

Erik wurde zumute, als schaue er plötzlich, erst in diesen vorüberblitzenden Sekunden, mit weitem Blick hinein in die verhüllte Tiefe, aus der allein Ruths Liebe geboren werden konnte. Zum ersten Male hinein in das Geheimnis ihres Wesens, – hinein in die stumme Einsamkeit und Sehnsucht vieler, vieler Jahre, aus der mit rückhaltloser Gewalt die lang' gehemmte, lang auf gestaute Inbrunst hervorgebrochen war, als er in ihr Leben trat. Ihn lieben dürfen, das hieß: endlich – endlich Kind sein dürfen, gehorchen, sich hingeben, sich weggeben, – auf den Knien noch. Es hieß sammeln und ausstürzen dürfen die ganze leidenschaftliche Zärtlichkeit des Kindes, das noch keine Kindheit gehabt hat. Und das doch grade dessen – nur dessen bedurfte.

Ruths Augen blitzten ihn durch die Dämmerung an.

»Bin ich noch immer arm, – ein armes Kind?« schienen sie ihn unverwandt zu fragen.

»Du bist nicht arm, – mein Kind bist du, – und darfst gehorchen, – mir folgen, – du sollst es immer dürfen,« sagte er heiser.

Und er öffnete die Tür nach der Treppe, über der das Lampenlicht hell aus dem Flurraum heraufschien.

*

An jenem Abend zog sich Erik schon gleich nach dem Tee in sein Arbeitszimmer zurück. Klare-Bel merkte recht wohl, daß er wieder die halbe Nacht aufblieb. Obgleich doch am andern Tag der Unterricht ausfiel.

Den nächsten Morgen fragte Erik am Frühstückstisch, ob Briefe in die Stadt mitzunehmen seien.

»Willst du zur Stadt fahren? grade heute? am Sonntag?« fragte seine Frau unruhig.

»Ja, ich muß selbst zwei Briefe, die dringend sind, besorgen und einen notwendigen Besuch machen,« versetzte er.

Die beiden Briefe sah Klare-Bel auf dem Nebentisch liegen. Der eine an Römer nach Heidelberg, der andre an dessen Frau nach Moskau. Beide doppelt frankiert.

Sie wagte nicht, ihn zu fragen, was er denn an Frau Römer so viel zu schreiben habe? Er machte ein so ablehnendes, verschloßnes Gesicht. Aber als er fortgegangen war, sann Klare-Bel den ganzen Vormittag traurig und besorgt diesem Gesicht nach.

Dies Wortkarge, Verschloßne kannte sie als ein schlimmes Zeichen. Erik war offen und mitteilsam, wenn er froh war; wenn er schwieg, so litt er. Und grade dann hätte Klare-Bel am liebsten alles mit ihm geteilt. Dem Glücklichen, Frohen gegenüber fühlte sie sich leicht ein wenig gedrückt, ein wenig überflüssig. Dagegen erschienen ihr immer Leiden und Kummer als die geeignetsten Zugänge zu Eriks Innerm, die wohl auch sie hätte finden müssen, – um ihm nahe zu kommen, um ihm notwendig zu werden. Aber grade, wenn er litt, wurde er am unzugänglichsten, – wurde er stets abweisend bis zur Schroffheit. Nur in seinen frohen Stunden erschloß er sich ihr.

So war es also wohl nichts für sie: weder mit der Freude, die sie ihm so gern bringen wollte, – noch auch mit dem Kummer, den sie mit ihm getragen hätte.

Inzwischen befand sich Erik in der Stadt bei Ruths Verwandten. Ganz gegen seine Vermutung fand er auch die Tante vor, die soeben von Wiesbaden zurückgekehrt war, um nach kurzem Aufenthalt zu den Ihrigen nach Livland zu reisen, wohin sie ihr Mann begleiten sollte.

»Vor Anbruch des Winters kommen wir von dort nicht mehr heim,« sagte der Onkel zu Erik, den er auf das herzlichste wieder begrüßt und erst nach längerm zwanglosem Gespräch zu zweien in das Empfangszimmer zu seiner Frau geführt hatte. »Aber alles, was Sie mir da erzählt haben, eilt ja auch nicht von heute auf morgen, denk' ich mir. Wenn Sie Ihre Absicht ausführen, Ruth ins Ausland zu senden, so ließe sich dabei der Zeitpunkt unsrer Rückkehr ein wenig mit berücksichtigen, nicht wahr?«

»Nein!« entgegnete Erik, »das, was ich von Ihnen erbitten wollte, war eben dies: mir auch hierin vollständig freie Hand zu lassen. Und für Ruth an dem Reiseanschluß festzuhalten, den ich im Auge habe. Auch wenn das ihre Abreise unberechenbar beschleunigen sollte. Ich weiß, daß ich Ihnen damit viel zumute. Aber wenn Sie Vertrauen zu mir haben, dann lassen Sie mich noch einmal über Ruth entscheiden, so unbedingt wie damals, als ich sie Ihnen fortnahm.«

»Ich weiß keinen Menschen auf der weiten Welt, zu dem ich mehr Vertrauen fassen könnte als zu Ihnen,« versetzte Ruths Onkel, dem bei Eriks sonderbar bestimmtem Ton die Gemütlichkeit schwand, »und was Ruth anbetrifft, so hab' ich von allem Anfang an das Gefühl gehabt, als ob selbst so nahe Verwandte wie wir Ihnen ein Recht auf die Kleine abtreten müßten. Wenn Sie also so fest glauben, daß es gut an ihr gehandelt ist, dann handeln Sie so! Ich meinerseits will, – wenn ich sie nicht wiedersehe, – ich will Weihnachten einen kurzen Urlaub nehmen und unsre kleine Studentin in Heidelberg besuchen.«

»Aber ich bitte dich! nenn' es doch wenigstens nicht gleich beim ärgsten Namen!« fiel die Tante ein, der die Nachgiebigkeit ihres Mannes unverantwortlich vorkam. »Ruth soll doch nicht wirklich studieren? Ich meine mit einem Studentenplaid und kurzen Haaren, wie es hier geschieht? Bei uns in den Ostseeprovinzen wäre so etwas rein undenkbar.«

»Einstweilen soll sie lernen,« antwortete Erik etwas ablehnend, »das weitere wollen wir ruhig ihr selbst und der Zeit überlassen.«

Sie sah ihn prüfend und mißbilligend an. Wie konnte man so etwas der »Zeit« überlassen. Hätte er noch gesagt »der Vorsehung«. Wenn er für das Frauenstudium eintrat, dann war er auch ganz gewiß ein Atheist. Und solchen Leuten war doch wohl alles zuzutrauen.

»Ich sehe mit Verwunderung, daß mein Mann sehr sorglos darüber denkt,« bemerkte sie, als Erik schon aufstand, um sich zu verabschieden, »aber um so mehr muß ich ein Wort hinzufügen. Du sprichst so ruhig von Recht abtreten, Louis! Aber ein Recht kannst du doch nie und nimmer abtreten. Ich meine das Recht der moralischen Verantwortlichkeit. Das mag ja eine altmodische Ansicht sein. Aber ich möchte doch wissen, wie Herr Matthieux darüber denkt.«

Erik sah ihr ernst und ruhig in die kampflustig auf ihn gerichteten Augen. Zum ersten Male gefiel sie ihm. Eben die Kampflust gefiel ihm. Obwohl der Onkel Ruth lieb hatte, war sie doch ein besserer Wächter als er.

»Wenn ich Sie recht verstehe,« sagte er, »so fürchten Sie, daß ich mit meinem Recht an Ruth nicht zugleich auch alle Pflichten ihr gegenüber übernehmen würde. Wenn es etwas gibt, was Sie von dieser Furcht befreien kann, so nennen Sie es mir.«

Der Onkel sah fast verlegen aus, aber sie beachtete es nicht.

»Ich antworte Ihnen als gläubige Frau,« entgegnete sie, die stolz war auf baltische Überzeugungstreue, »mir bedeutet moralische Verantwortlichkeit: schuld sein wollen an einem Menschen, – schuld an dem, was an seinem innern Menschen geschieht. Nicht zulassen, daß er Schaden daran nimmt. Wie sollte man das ohne Gott, ohne religiösen Glauben auf sich nehmen können? Wenn Sie nun Ruth fortgeben, – können Sie eine solche Pflicht in diesem Sinne übernehmen?«

Über Eriks Züge ging ein Ausdruck, den sie nicht zu deuten wußte, der sie aber wider ihren Willen ergriff.

»Nun verstehn wir uns,« sagte er mit unterdrückter Bewegung, »denn eben das soll mein Recht sein: ich will schuld sein an diesem Kinde!«

Sie fand, es klang arroganter als je. Es war nichts, was ihre religiösen Bedenken beruhigen konnte. Aber ihr war dennoch, als habe er »Gott« gesagt.

Erik ging nach dem Bahnhof zu. Fast kein Mensch außer ihm in den leeren Straßen; auch die letzten, die den Sommer in der heißen, ungesunden Sumpfluft der Stadt zubringen mußten, entrannen ihr am Sonntag. Nur hier und da taumelte ein Betrunkener aus der offenstehenden Tür einer Kellerschenke, oder rasselte eine vereinzelte Droschke holpernd über das schadhafte Holzpflaster, das stellenweise noch weit aufgerissen dalag und darauf wartete, daß seine alljährlichen Löcher in schöner Mosaikarbeit zugestopft würden.

Verlorne Glockenklänge, die letzten von einer der zahllosen Kirchen, zitterten über die ausgestorbenen Straßen hin, wie Grabgeläute über einer Totenstadt.

Erik ging langsam, müden Schrittes heimwärts.

»Nicht zulassen, daß sie Schaden nimmt,« wiederholte er die eben gehörten Worte. Ja, genau das wollte er doch. Noch war die Umpflanzung in einen neuen Boden möglich, wenn er seinen kleinen Baum behutsam mit allen feinsten Würzelchen dort eingrub. Nur so konnte er jetzt seine Gärtnerdienste an ihm tun, damit das Bäumchen nicht Schaden nehme an seiner Entwicklung, die noch in hart und fest geschloßnen Knospen vor sich ging, – undurchsichtig von allen Seiten.

Denn manchmal, da wachte etwas Gewalttätiges in ihm auf, – im pflegenden Gärtner die verbrecherische Ungeduld des Knaben, der sich am Frühling vergreift und die Knospen zerstören möchte, um zu sehen, ob eine rote oder eine weiße Blüte in ihnen schläft.

Aber er fiel sich selbst in die gewalttätige Hand, er selbst riß sich Ruth aus der Hand.

Verdirbt denn ein Vater sein Kind, ein Mann kein Weib, ein Künstler sein Werk?

Und ihm schien, seine Liebe zu Ruth sei alles dieses.

Zu Hause hatten sie mit dem Essen auf ihn gewartet; als er kam, wurde es einsilbig eingenommen. Klare-Bels Hoffnung, Erik werde erzählen, bei wem er den Besuch gemacht hatte, erfüllte sich nicht.

Er wußte wohl, daß er nun davon sprechen mußte. Mit ihr und mit Ruth. Es war ihm das Schwerste.

Das dachte er, als er dann endlich am Fenster seines Arbeitszimmers stand und wartend in den Hintergarten hinausblickte, wo sich Ruth mit Jonas erging: »Nur nicht sprechen, – nur nicht grübeln, – handeln! Sie auf den Arm nehmen und forttragen. Handeln! Wer es wortlos dürfte!«

Und nun ging Jonas ins Haus.

Erik stieg zu Ruth in den Garten hinunter.

Sie saß auf ihrem Lieblingsplatz, dem Steinrand des Springbrunnens. Dort saß sie mit gebücktem Kopf und stocherte mit einem trocknen Ast im Grase.

Als sie ihn kommen sah, warf sie ihren Zweig fort und lief ihm entgegen. Er hatte sie kaum begrüßt bei Tisch, zum verspäteten Essen, und nun schlich sich ihre Hand in die seine.

Ohne recht zu bemerken, was er tat, steckte er sie mitsamt der seinen in die Seitentasche seiner Joppe.

Ruth lachte darüber und blickte zu ihm auf, aber als sie den ernsten, beinahe strengen Ausdruck seines Gesichtes sah, verstummte sie ebenso plötzlich.

Sie gingen einige Schritte auf das kleine Gehölz zu.

»Heute war ich bei deinen Verwandten, Ruth,« sagte Erik, »sie waren beide da. Ich wollte sie einmal etwas danach ausfragen, was wir in den letzten Monaten schon öfters miteinander besprochen haben. Weißt du nicht? Ich meine danach, ob du nicht einmal im Auslande tüchtig weiterlernen solltest.«

Sie sah ihn erwartungsvoll an. Dies da interessierte sie sehr, und ein wenig beunruhigte sie's auch. Denn es handelte sich doch eigentlich erst um ein ganz allgemein gehaltenes, unbestimmtes Zukunftsbild, – nicht um etwas, was schon erwogen und besprochen werden mußte.

»Nun? und was meinten sie dazu?« fragte Ruth gespannt, als er schwieg.

»– Sie haben nichts dagegen ein zuwenden, Ruth. Nichts Ernstliches. Da ist es denn Bernhard Römer gewesen, an den wir dafür gedacht haben. Dort wüßt' ich dich im richtigen Hause geborgen. Es wäre fast so, als wenn ich selbst bei dir bleiben könnte.«

Ihre Hand, die er noch umfaßt hielt, erkaltete in der seinen.

»Ja, – aber – das ist ja noch so lange hin!« meinte Ruth ganz langsam, und dann immer schneller, in wachsender Unruhe: »Es ist doch noch lange hin? Sehr lange? Ich soll doch nicht – bald fort gehn? Von hier – – fortgehn.«

Er umschloß ihre Hand fester und ging auf die Bänke zu, die unter den Birkenbäumen standen.

»Komm zu mir,« sagte er sanft, »setze dich zu mir her, mein Liebling, und laß uns ruhig darüber sprechen. Ganz ruhig, – hörst du?«

Sie folgte ihm schweigend, aber ihre Augen hingen unverwandt mit tausend aufgestörten bangen Fragen an seinem ernsten Gesicht.

»Sieh, Kind,« fuhr Erik fort, »wenn wir hier während unsrer gemeinsamen Arbeit an deine Zukunft dachten, dann schwebte sie dir wie ein erwünschtes, lockendes Bild vor. Ich wollte, daß du dich später weiter entwickeltest, und du wolltest es auch. Ich dachte oft bei mir, wenn ich dir zusah: manches von dem, was ich einst selbst erstrebt habe, könntest du, in andrer Form, später einmal verwirklichen. Aber was so, als Zukunftsmöglichkeit, in der Ferne stand, wird doch näherrücken müssen, bis es unwiderrufliche Wirklichkeit und Gegenwart geworden ist. Und ich wünsche, daß du diesem Gedanken jetzt nahe trittst, mein Kind.«

»– – Wie nahe – – ist es denn?« fragte Ruth mißtrauisch, aber kaum war es ihr entschlüpft, als sie ihre Hand aus der seinen riß und ihre beiden Hände flach gegen die Ohren preßte.

»Nicht!« murmelte sie undeutlich, »ich will's nicht wissen! bitte, nicht! bitte, bitte, nicht weitersprechen.«

Einen Augenblick schloß er die Augen.

Dann faßte er sanft nach ihren Händen und zwang diese zu sich nieder.

»Es hilft nichts, mein Kind,« sagte er fest, »es hilft nichts, sich vor etwas Unwiderruflichem zu verschließen. Grade hier von werden wir weitersprechen. Denn je mehr du noch davor zurückscheust, desto dringender, desto eher muß es geschehen.«

Ruth war sehr blaß geworden.

Ein unbestimmtes Grauen stieg dunkel in ihr auf. Vor etwas, was sie noch nicht fassen, nicht deutlich begreifen konnte, was aber vor ihr empordämmerte – unerwartet, unversehens, aus dem Nichts, – schattenhaft, gleich einem Riesengespenst.

»Ich kann nicht!« stieß sie hervor. »Es kann ja so nicht sein! Ich will nicht, daß es so ist. Ich kann nicht!«

Er beugte sich über sie und suchte ihren Blick.

»Wirklich nicht?« fragte er ruhig; »auch nicht, wenn du weißt: ich will es? Auch nicht, wenn ich es selbst bin, der dich bei der Hand nimmt, dich vor etwas hinstellt, was dir schwer fällt, damit du lernst, es herankommen zu sehen, ohne davor fortzulaufen?«

Sie schmiegte sich an ihn und versteckte den Kopf an seiner Schulter.

»Ich fürchte mich,« sagte sie, wie ein Kind im Dunkeln; »– irgend etwas Schreckliches ist da, – seit gestern ist es da – und kommt heran, immer näher, – ganz dicht heran, – ganz nahe. Wie ein Ungeheuer, das sich um mich ringelt. – Ist es etwas Schreckliches – –?«

»Nicht das, was du gestern fürchtetest,« sagte er leise, »– nur das, was du gestern selbst wolltest, selbst fordertest. Weißt du nicht, was du mir versprochen hast? Gehorchen wolltest du – unbedingt. Ich sollte dich auf die Probe stellen. Wenn ich's nun tue, Ruth, – ziehst du dein Versprechen zurück?«

»Nein!« entgegnete sie rasch und richtete sich auf. Dagegen gab es keine Auflehnung. Nur Gehorsam.

»Worin besteht die Probe?« fragte sie entschlossen, »was soll ich tun?«

Er antwortete nicht gleich. Er hatte die Brauen zusammengezogen, und seine Zähne gruben sich in die Lippe, als litte er körperlichen Schmerz.

Ein paar Augenblicke verharrten sie schweigend beieinander.

Ein kühler Luftzug strich durch die Bäume und warf ihnen ein rundliches gelbes Birkenblatt nach dem andern in den Schoß. Mühsam schien die Sonne durch breite weiße Wolkenmassen in den Garten, und aus den Vogelnestern ringsum unterbrach hin und wieder ein kleiner satter Ton die Stille um sie.

Da antwortete Erik mit einer Stimme, die fast rauh klang: »Du sollst dich in einer großen Sache ebenso tapfer erweisen, wie du dich einmal in einer kleinen erwiesen hast. Du sollst tun, was du schon einmal getan hast, als dir das lange Herankommen, – Näherkommen von etwas Gefürchtetem bevorstand. Es war damals, als uns Jonas die Schlange ins Haus brachte. Sie flößte dir solchen Schrecken ein. Weißt du nicht mehr, was für ein Mittel deine eigne Tapferkeit dagegen fand?«

»Nein!« sagte sie stutzend und blickte auf, »was war das für ein Mittel?«

»Du sagtest: ›Dann lieber gleich!‹«

Ruth sprang jäh von der Bank auf und machte eine wilde Bewegung gegen ihn hin, als ob sie ihn noch rechtzeitig an etwas hindern wollte.

Dann, ohne einen Laut der Erwiderung, brach sie vor ihm in die Knie, in das welke Augustlaub, das zu seinen Füßen lag.

»Ruth!« murmelte er angstvoll und breitete seine Arme um sie, »mein Kind! mein Liebling! hörst du mich nicht?«

Aber sie hörte nicht mehr. Ihr Kopf fiel zurück. Sie hatte das Bewußtsein verloren.

Inzwischen war Jonas in den Garten gelaufen, der vom Fenster aus beobachtet hatte, daß der Vater mit Ruth in das kleine Gehölz hineingegangen war.

Wie versteinert blieb er stehn, als er jetzt Erik zwischen den Bäumen hervortreten sah und Ruth mit geschloßnen Augen regungslos in seinen Armen. Ihre rechte Hand hatte der Vater um seinen Nacken gelegt, die linke hing schlaff herunter.

»Geh voraus!« gebot Erik dem Knaben, »ohne Lärm. Halt mir die Türen offen. Ich muß Ruth auf ihr Bett tragen.«

Jonas blieb jegliche Frage in der Kehle stecken; er rannte voraus, nicht ohne sich fort während nach dem Vater umzusehen, und ins Haus hinein. Dort lief er, ohne die Mutter oder Gonne zu alarmieren, die Holztreppe zu Ruths Giebelstube hinauf. Als Erik mit Ruth in den Armen oben ankam, stand Jonas wartend an der weitgeöffneten Tür, durch die man das schmale weiße Bett mit der zurückgeschlagenen Decke sehen konnte.

Jonas blickte dem Vater ängstlich bittend ins Gesicht, er wäre so gern mit hineingegangen, um bei Ruth zu bleiben. Aber Erik ging schweigend an ihm vorbei und zog die Tür hinter sich zu.

Dieser Augenblick prägte sich ihm mit merkwürdiger Gewalt ein: wie der Vater, Ruth an der Brust, so stumm an ihm vorüberschritt, während er zurück bleiben mußte.

Im Blick und Ausdruck des Vaters empfand er etwas Außerordentliches, einen starren wortlosen Ernst, – so, wie wenn Ruth schon so gut wie tot wäre.

Jonas über lief es kalt.

Er klammerte sich an den Türgriff und lauschte mit zurückgehaltenem Atem. Anfangs unterschied er nichts. Dann hörte er Eriks Stimme, halblaut, kurz, sehr bestimmt im Ton. Sie wiederholte sich. Darauf eine Pause, – und plötzlich ein Klagelaut drinnen, ein einziger Laut, aber so schmerzlich, daß den Knaben Entsetzen faßte.

Was tat man mit Ruth, mit seiner lieben Ruth? Was tat ihr der Vater an? Etwas Furchtbares mußte es sein. Etwas Furchtbares mußte heute im kleinen Gehölz vor sich gegangen sein.

Und er durfte die Tür nicht aufstoßen, er wagte es nicht. Aber eine rasche wilde Empfindung, wie plötzlicher Haß, loderte unverstanden in ihm auf: daß er ein Knabe war, und er Vater ein Mann! Daß er nicht eindringen durfte mit gleichem Recht, – mit Gewalt!

Aber ebenso rasch erlosch sie wieder. Ruth konnte nichts geschehn, wenn sie bei seinem Vater war.

Jonas schlich sich hinunter, in das kleine Zimmer von Klare-Bel neben der Wohnstube. Er konnte nicht allein sein.

Dort setzte er sich am Eingang auf die äußerste Kante eines Stuhles und brach in Tränen aus.

»Ruth ist halb tot, Mama!« sagte er außer sich, »ach Mama, sie stirbt! Die Augen hat sie schon zugemacht. Und Papa, – ich weiß nicht, was Papa tut, aber ganz bestimmt tut er ihr weh. Sie darf aber nicht sterben! Vorhin war sie ja noch so vergnügt und raschelte mit mir durch die Blätter im Garten.«

Klare-Bel war nach diesem Bericht nicht weniger erschrocken als er selbst, und mit ängstlicher Spannung warteten sie darauf, ob nicht Erik bald herunterkäme. Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis er kam.

»Um Gottes willen, was ist denn mit Ruth geschehen?« rief sie ihm in großer Unruhe entgegen.

»Sei nur ruhig, es war eine Ohnmacht,« versetzte Erik und gab Jonas einen Wink, hinauszugehn. Dann trat er an seine Frau heran und sagte: »Ich mußte Ruth eine Mitteilung machen, auf die sie nicht genügend vorbereitet war. Jetzt mußt auch du es erfahren: Ruth geht schon in diesen Tagen fort. Nach Heidelberg, zu Römer ins Haus.«

Klare-Bel erhob sich ein wenig auf ihren Kissen und sah ihn voll tiefen Staunens an.

»Ist das dein Ernst? Du gibst Ruth aus der Hand? Aber was willst du denn ohne Ruth machen? Kannst du sie denn entbehren?«

»Das muß ich doch können, Bel.«

Im beginnenden Zwielicht vermochte sie seine Züge nicht genau zu erforschen. Aber sie kamen ihr vor wie aus Stein gehauen. Und diesen Ausdruck kannte sie.

»Erik!« sagte sie ängstlich, »tu mir nichts so gewaltsam. Du siehst ja, daß es sie krank macht. – Warum siehst du so hart aus, Erik?«

»Hart?« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn; »für mein Aussehen kann ich nicht. Aber ängstige dich über nichts. Ruth wird morgen gesund sein und auch gefaßt. Für ihre Haltung steh' ich ein. Aber sei gut und freundlich zu ihr. Ich muß auf ein bis zwei Tage verreisen.«

»Verreisen? Du reist fort, Erik? Wohin?«

»Nach Moskau.«

»Zu Frau Römer?« fragte sie lebhaft.

»Ja. Ihr soll sich Ruth anschließen. Und sie wird sich hier wahrscheinlich nicht mehr aufhalten. Ich muß daher alles mit ihr verabreden und besprechen. Mündlich.«

Klare-Bel schwieg. Es wurde dämmerig im Zimmer, und draußen im Flurraum hörte man Jonas unruhig auf und ab gehn.

Da, ganz leise, fühlte Erik seine Hand von Klare-Bel erfaßt.

»Erik!« flüsterte sie, »– laß mich dich bitten: laß sie noch ein Weilchen bei uns. – – – Auch ich werde sie ja vermissen, Erik!«

»Du – – – Bel?«

»Ja. Denn sie hat dich so glücklich gemacht.«

Er zog ihre Hand an sich und an den Mund und küßte sie voll Scham und Ehrfurcht.

»Ich danke dir für diese Bitte. Ich danke dir, Bel. Aber es kann nicht sein.«

Er zog sich zurück, um Ruths Onkel die definitive Entscheidung mitzuteilen. Dann packte er eine Handtasche, und eine Stunde später war er fort. Er reiste noch mit dem Nachtzuge nach Moskau.

*

In dieser Nacht lag Klare-Bel viel wach und dachte an Ruth und an Erik. Sie hatte bestimmt geglaubt, Ruth würde bis zum Spätherbst bei ihnen im Haus und dann, auch im Hause ihres Onkels, nach wie vor in engster Verbindung mit ihnen bleiben. Wie oft hatten sie darüber gescherzt, ob sie nicht später zusammen mit Jonas auf die Universität gehen solle? Erik hatte kein Wort davon gesagt, daß seine Absichten wohl von Anfang an andre waren. Ganz plötzlich kam er jetzt mit ihnen heraus.

Aber Klare-Bel fiel es gewiß nicht ein, Kritik an dieser Handlungsweise zu üben. Da er's so wollte, mußt es wohl gut sein. Gut für Ruth. Er liebte sie so sehr, er konnte nur ihr Bestes dabei im Auge haben. Auch dabei, daß es so unerwartet über sie kam.

Aber gern wäre sie jetzt zu Ruth hinaufgegangen und hätte sie geliebkost und getröstet. Sie nahm sich vor, es den nächsten Tag zu tun. Zum ersten Male fühlte sie eine echt mütterliche Zärtlichkeit für Ruth, – nicht nur das indirekte Interesse, das durch Erik hindurch ging und alles auf ihn bezog. –

Der Morgen war herbstlich und grau, die Terrasse noch feucht von den kalten Nebeln der Nacht. Man mußte das Frühstück im Wohnzimmer einnehmen. Ruth fand sich zur gewöhnlichen Zeit dort ein; sie war blaß und ernst, aber gesund, wie es Erik gesagt hatte, und ganz gefaßt und still.

Als sie, noch vor Jonas, hereinkam, streckte ihr Klare-Bel die Arme entgegen: »Komm zu mir,« sagte sie liebevoll, »sei nicht traurig, denk nicht an die Abreise. Noch bist du hier!«

Ruth sah auf, ohne daß sich eine Miene in ihrem stillen Gesicht verändert hätte, und schüttelte den Kopf.

»Ich bin schon fort!« entgegnete sie.

Diese Antwort ergriff Klare-Bel sehr. Ihr schien, es liege etwas Schmerzlicheres darin als in Klagen und Tränen, – etwas, was schon die bloße Ankündigung der Trennung mit ganzer Wucht als Trennung empfinde und nicht mehr davon los könne.

Sie fühlte heißes Mitleid in sich aufsteigen. Und jetzt kam ihr Erik doch hart vor. Wie konnt' er nur wollen, daß Ruth so von Haus zu Haus, von Hand zu Hand ginge. Unwillkürlich suchte sie nach Worten, die wahrhaft trösten könnten. Gab es keine solchen? In ihrer Ratlosigkeit griff sie nach dem Höchsten, was sie gekannt hatte.

»Wir wissen alle nicht, wo wir bleiben, und was mit uns geschieht,« sagte sie zögernd, »wir wissen's nie. Es steht in Gottes Hand. Aber wir sind auch nie allein, wo wir auch hingehn. Gott ist allgegenwärtig.«

Ruth lächelte flüchtig.

»Ja,« versetzte sie traurig, »was kann es helfen, daß Gott allgegenwärtig ist, wenn es die Menschen doch nicht sind? die Menschen, von denen wir fortgehn.«

Klare-Bel schwieg peinlich berührt. Sie gab es auf, Ruth trösten zu wollen. Wenn diese so etwas sagte, klang es kindisch und vermessen zugleich. Wer mochte darauf antworten?

Über Eriks Abwesenheit äußerte Ruth kein Wort; obgleich er ihr nicht davon gesprochen hatte, wunderte sie sich doch nicht drüber, ihn nicht zu sehen. Es mußte wohl so sein: war doch alles in Auflösung begriffen.

Jonas erfuhr nichts von der bevorstehenden Trennung. Niemand teilte es ihm mit. Er hörte nur, daß Ruth wieder gesund sei, aber das glaubte er nicht. Wie konnte sie gesund sein, wenn sie doch so ganz verwandelt war seit gestern. Und nicht nur Ruth, alles schien ihm wie verwandelt.

Gern hätt' er sie gebeten, ihm zu sagen, was gestern geschehen sei, aber sie ging den ganzen Tag mit so in sich gekehrtem fremdem Blick an ihm vorbei, daß er es nicht herausbrachte. So begnügte er sich damit, so oft er nur konnte, neben ihr zu sitzen, den Arm um ihre Stuhllehne gelegt, und dann von Zeit zu Zeit behutsam und zärtlich ihre Hand zu streicheln. Manchmal bückte er sich auch und küßte ihre Hand, ohne daß es Ruth beachtete.

Daß Erik nicht zu Hause war, verstärkte in Jonas noch die Empfindung, daß er über Ruth zu wachen habe, wie ein getreuer Wächter. Am liebsten hätt' er sie mit Leib und Leben verteidigt und aus Todesgefahr errettet, – wenn er nur gewußt hätte, wovor und vor wem.

Spät am Abend, als sie längst in ihre kleine Stube hinaufgestiegen war, patrouillierte Jonas noch unermüdlich im Garten vor ihrem Fenster auf und ab, und es tat ihm leid, daß so absolut nichts passieren wollte. Endlich verfügte er sich mit einem krampfhaften Gähnen in sein Bett, aber er schlief unruhig und erwachte bald wieder.

Da sah er deutlich im Garten vor der Terrasse Ruths Fensterkreuz auf einem hellen Lichtfleck abgezeichnet: bei ihr mußte jetzt, gegen Morgengrauen, noch Licht brennen.

War sie krank? unglücklich?

Er hielt es im Bett nicht aus. Im Nu war er in seinen Kleidern und stieg geräuschlos aus dem Fenster. Vor der Terrasse stand die alte Ulme; sie bildete einen bequemen Sattel, dort, wo sie sich in zwei mächtige Äste gabelte. Wie eine Katze kletterte Jonas an dem bemoosten, von dem starken Niederschlag während der Nacht schlüpfrig gewordenen Stamm hinauf.

Verlangend blickte er in den gelblichen Kerzenschein, der aus der Giebelstube fiel.

Ruth saß auf dem Bett. Vollständig angekleidet, so wie sie hinaufgegangen war, saß sie noch da; die Arme vor sich hingestreckt, die Hände auf den Knieen gefaltet, kehrte sie Jonas fast voll ihr Gesicht zu. Den Kopf ein wenig erhoben, schaute sie weit hinweg über die dunkeln Wipfel des Gartens.

Sie blickte so geheimnisvoll, wie in eine unendliche, verklärte Ferne. Und um die festgeschloßnen Lippen lag ein stiller Ausdruck, – lag Ergebung.

Jonas starrte mit weitgeöffneten Augen auf sie hin. Er war so im Bann des einen Bildes, daß er gar nicht mit Bewußtsein wahrnahm, was das flackernde Licht auf dem Tisch sonst noch beleuchtete. Er sah nicht, daß der Tisch selbst abgeräumt war, die Stühle zusammengeschoben, – nicht, daß auf ihnen ein offner, halb gefüllter Koffer stand und daß die Wände ohne den Schmuck seiner Bleistiftskizzen kahl und leer auf Ruth niederblickten.

Er sah sie nur, seine lustige Ruth, wie in dem Bilde einer betenden Heiligen, und alles, was in dem Erlebnis des vorigen Tages seine schwerfällige Knabenphantasie in mächtige Schwingungen versetzt hatte, gewann erneute Gewalt über ihn. Ruth selbst wurde etwas Geheimnisvollem und Leidendem für ihn, aus der fröhlichen Spielgefährtin zu einem Wesen, das seine Schwärmerei wachrief.

In Gedanken hörte er wieder den leisen Klagelaut vom Tage vorher, er sah sie auf dem Bett daliegen, den Vater über sie gebeugt, – und sein Herz schlug beklommen.

Er vermochte nicht die Augen vom Fenster abzuwenden.

Die Nacht war kalt, vom Rasen unter ihm stieg der Nebel auf. Schmal und blaß hing die kleine Mondsichel am östlichen Himmel, und aus dem Gehölz klang ein verschlafenes Rabenkrächzen.

Jonas fror, er schob die Hände unter seine dünne Sommerjacke und drückte sich dichter gegen die breiten Äste, deren Feuchtigkeit ihn allmählich durchdrang. Dabei fiel ihm der eine seiner roten Pantoffel klatschend auf die Terrasse nieder.

Er zog den nackten Fuß unter sich und überlegte ärgerlich, ob er hinuntersteigen solle, den verlorenen Schuh zu holen. Da bewegte sich Ruth. Das Geräusch draußen hatte sie aus ihrer Traumversunkenheit geweckt.

Sie stand langsam auf und löste ihre Bluse von den Schultern.

Ein Arm hob sich heraus und, unter dem von keinem Schnürleib bedeckten Hemde, die zarte Wölbung der Brust.

Einen Augenblick stand sie mit gesenktem Kopfe still. Dann hob sie die entblößten Arme hoch über sich, stürzte vor ihrem Bett auf die Knie und warf sich mit ausgebreiteten Armen darüber hin, den Oberkörper langgestreckt, in den Kissen vergraben. So blieb sie regungslos liegen.

Jonas verharrte unbeweglich und hielt den Atem an. Er hatte den Schuh, er hatte die Kälte vergessen.

Vor seinen Augen flimmerte es.

Weit vorgebeugt, die Finger hineingekrallt in die belaubten Zweige, um nicht zu fallen, starrte er mit klopfenden Schläfen nach dem Bett.

Über ihm glomm langsam der Morgen herauf.

*

Als Gonne am frühen Morgen beim Fegen der Terrasse den Pantoffel auflas, war Jonas längst frostbebend in sein Bett gehinkt, halb bewußtlos vor Kälte und Erregung. Er gab sich den nächsten Tag große Mühe, ein starkes Unwohlsein zu verbergen, konnte aber vor Heiserkeit kaum sprechen, und seine Augen glänzten im Fieber. Auf Klare-Bel besorgtes Drängen und Fragen bekannte er, die Nacht im Garten gesessen zu haben.

Nach dem Essen warf er sich angekleidet auf sein Bett.

Um diese Zeit kehrte Erik nach Hause zurück. Klare-Bel erwartete ihn erst mit Einbruch der Nacht. Aber er hatte auch von Moskau den Nachtzug benutzt.

Ruth stand in seinem Arbeitszimmer, bemüht, ihre Papiere und Hefte unter den seinen herauszusuchen, um sie einzupacken. Was war nun seines, – was ihres? Der ganze Inhalt ihrer Studien in Niederschriften von seiner Hand, – der ganze Inhalt seiner Pläne und Arbeiten für den Winter, seiner Gedanken und Vorträge wiedergegeben, niedergeschrieben von ihrer Hand.

Da vernahm sie im Flur unerwartet einen raschen, festen Schritt.

Die Tür von Eriks Zimmer in den Flur flog auf, und Ruth an seine Brust.

Sie hatte über Zweck und Dauer seiner Reise nicht nachgedacht. Von der einen Gewißheit hypnotisiert, daß sie fort mußte, nahm sie alles passiv hin.

Um so mächtiger wirkte jedoch jetzt der plötzliche Anblick Eriks auf sie. In diesem einen Augenblick vergaß sie alles, – in diesem einen Augenblick siegte die Gewalt der Gegenwart über jeden Kummer, der bevorstand, – leugnete ihn, vernichtete ihn, – in diesem Augenblick wurde alles – alles gut.

Sie vermochte nichts zu denken, als daß er da sei. Und daß sie bei ihm war.

Fest, – fest schlangen sich ihre Arme um seinen Nacken, fest barg sich an seiner Schulter ihr Gesicht.

So stehn bleiben, – für immer so stehn bleiben, festgewurzelt für immer an dieser Stelle, hineingeschmiegt in die weiten, weichen Falten des geöffneten Reisemantels, – nichts fühlen, nichts vernehmen, als den starken dumpfen Herzschlag, der ihr entgegenpochte, – für das ganze Leben nichts – nichts mehr.

Sie wechselten kein Wort.

Aus Eriks Hand war die Reisetasche auf den Boden geglitten; stumm hielt er Ruth an der Brust, schwer atmend und den Kopf niedergebeugt auf ihr Haar.

Und plötzlich gruben sich seine Hände hart in ihre Schultern, um ihre Hüften und umschlossen sie mit so gewalttätigem Griff, daß es wie Schmerz und Ersticken über sie kam, – als müsse er sie nun zerbrechen. Zerbrechen unter seinen Händen und an seiner Brust, – sterben, – nicht fortgehn, – dachte sie, und es überflutete sie mit einem jauchzenden Glücksgefühl, wie sie es nie gekannt hatte.

Erik sah sie lächeln.

Er verlor die Besinnung.

»Wahnsinn!« schoß es ihm wie Feuer durch den Kopf, »Wahnsinn! Wahnsinn, sich zu lassen, wenn man sich liebt.«

Eine Sekunde lang, – dann ließ er sie so jäh los, daß sie zurücktaumelte –

Und: »Erik!« rief Klare-Bels Stimme durch das Nebenzimmer, »Erik, bist du wieder da?«

Er hängte den Mantel an den Ständer, dann öffnete er die Tür zur Wohnstube, wo sie lag.

»Denk nur, Erik, Jonas ist inzwischen krank geworden, – so schwer erkältet, – hoffentlich ist es nicht so schlimm. Er hat – –, aber was ist dir?«

Er stand da wie ein Betäubter, das Blut in den Augen.

»Nichts. Ein Schwindel,« murmelte er, setzte sich an den Tisch und stützte den Kopf auf die Handflächen.

»Das ist diese übertriebene Eile!« klagte sie besorgt, »– daß es mit solcher Windeseile vor sich gehn soll. Wann ist es denn nun, daß sie reist, Erik?«

»Morgen, – um Mittag,« sagte er leise.

»Mein Gott, so schnell ist es aber doch rein unmöglich! Denk doch nur, was es für eine solche Abreise alles zu ordnen und zu überlegen gibt. Ruth braucht doch gewiß noch manches, was für sie beschafft werden muß.«

»Es kann alles in Heidelberg beschafft werden.«

»Nun ja, Erik. Aber wenn du wüßtest, wie tief es ihr geht. Wie blaß und elend sie ausgesehen hat, gestern und heute. Sie ist doch nur zart.«

»Hör auf!« sagte er zwischen den Zähnen.

»Ach, Erik, ich widerspreche dir ja nicht! Das tu ich ja niemals! Sie tut mir nur so leid. So allein ist sie, und so liebebedürftig. Und nun: von Haus zu Haus, von Hand zu Hand. Und wenn sie nun erkrankt –«

»Hör auf!« unterbrach er sie außer sich und sprang auf, und warf den Stuhl zurück, daß er zu Boden schmetterte, »hör auf, Bel! Es ist genug! Ich will es so!«

Damit verließ es das Zimmer.

Mit erschrockenen Augen sah sie ihm nach. Erik war fast immer sanft gegen sie, obschon – oder vielleicht weil – ihr Wille gegen den seinen nie recht in Betracht kam. In einem so heftigen Ausbruch hatte sie ihn lange nicht mehr gesehen, – wohl seit ihrem Krankenlager nicht mehr. Kranke sind gute Lehrmeister!

Nur in den ersten Jahren ihrer Ehe. Da war ihm der rasche Zorn noch nicht verraucht, da ward er leicht heftig, wenn seine Frau nicht ganz dem entsprach, was er erwartet, was er mit ihr gewollt hatte.

Seltsam: damals erschreckte sie's nicht, – nein, mehr noch, so wunderlich es auch sein mochte: sie liebte diesen Zorn. So deutlich fühlte sie, daß Eriks Liebe damit verknüpft war. Gegen einen ihm gleichgültigen Menschen konnte er nie heftig werden. Mit dem Interesse an einem Menschen wuchs in dieser herrischen Natur das Verlangen, ihn zu formen, zu gestalten, nach seinem Willen umzuprägen. Liebe und Härte fielen zusammen.

Klare-Bel hatte ein russisches Geschichtenbuch gesehen, da befanden sich auf dem dazu gehörigen Titelbilde zwei Bauersfrauen: die eine, im roten Sarafan, auf die ihr Eheliebster mit einem Weidenprügel dreinschlug, lachte über das ganze Gesicht; die zweite, im blauen Sarafan, saß daneben am Weg auf einem Stein, sah neidisch zu und weinte sich die Augen aus, indes ihr Liebster mit einer andern spazieren ging.

Das war gewiß eine dumme Geschichte. Aber diese beiden Bauersfrauen konnte Klare-Bel gut verstehn.

Niemals sollte sie sein Zorn schrecken: nur, daß er mit seinem Zorn seiner Liebe vergäße.

*

Der Tag schlich langsam zu Ende. Es war so still im Hause, als ob dort niemand anwesend sei. Erik hatte lange bei Jonas gesessen, ihn genau angesehen, alles Notwendige veranlaßt und den heftig Widerstrebenden gezwungen, sich ganz zu Bett zu legen. Es handelte sich um eine starke Halsentzündung mit beträchtlichem Fieber.

Ruth stand auf dem Flur, gegen das Treppengeländer gelehnt. Sie wußte selbst nicht, warum sie dort stand. Wahrscheinlich weil sich alle Türen in den Flur öffneten. Und aus einer der Türen mußte doch endlich Erik kommen. Und wenn er kam, mußt er doch zu ihr treten. Sich nach ihr umwenden. Er mußte doch einsehen, daß es unmöglich sei, so fremd aneinander vorüberzugehn, wie er es heute abend tat.

Sie wollte so wenig: nur seinen Blick auf sich gerichtet sehen wollte sie, – nur seine Hand fühlen einen Augenblick lang.

Seitdem Erik sie an sich gerissen und dann von sich gestoßen hatte, war über sie eine ratlose Verzweiflung gekommen. Die äußere Trennung, die nahm sie ja hin, wie etwas Furchtbares, aber Unabwendbares, weil er es so forderte. Aber daß er sie ganz plötzlich auch innerlich von sich losriß, das konnte sie nicht ertragen. Ihn den Blick absichtlich fortwenden zu sehen – ohne ein Wort der Liebe für sie, ihn wie einen Fremden dastehn zu sehen, – das konnte sie ganz gewiß nicht ertragen.

Zur Schlafenszeit trat Erik aus dem Wohnzimmer heraus. Als er Ruth an der Treppe bemerkte, sagte er ihr gute Nacht. Sie machte eine Bewegung auf ihn zu, ihre Augen schauten dunkel und vorwurfsvoll zu ihm auf. Aber er sah ihr nicht in die Augen. Er gab ihr nur flüchtig die Hand. Dann ging er an ihr vorüber zu Jonas hinein.

Bald darauf siegte die Übermüdung über ihn; wider Erwarten fiel er in einen schweren Schlummer. Aber aufregende und häßliche Träume erfüllten seinen Schlaf, furchtbare Träume, die seinen Körper mit kaltem Schweiß bedeckten.

Er sah Ruth vor sich, gealtert, verwelkt, mit gefurchten Zügen und gekniffenen Lippen, mit Lippen, wie sie eine leere, liebeleere Jugend gibt; er sah sie in einem lächerlichen Bilde, wie in einer Theaterposse als tugendsame hysterische alte Jungfer, mit der unerfüllten Sehnsucht nach Zärtlichkeit im erloschnen Blick. Und da, als er in der Angst des Traumes seine Augen gewaltsam von der Fratze wandte, – fort, einem andern Ruthbilde zu, – da wandelte es sich von ihm – zu nackter, entblößter Schönheit. Nackt sah er Ruth – und schamlos, fremden Männern preisgegeben, – einen weißen Körper, der nicht der ihre war, ein lachendes Antlitz, das nicht das ihre war, – und doch wußte er: es sei Ruth.

Er erwachte mit einem stöhnenden Laut. Und noch aus dem Traume heraus hörte er küssen und lachen.

Aber das leise Stöhnen wiederholte sich, als habe es ein Echo an den Wänden des Zimmers gefunden, und ein unterdrücktes Weinen schlug an Eriks Ohr.

Er richtete sich auf und lauschte.

Das Weinen kam aus Jonas' Bett, das neben der offnen Verbindungstür beider Stuben stand. Man konnte deutlich hören, daß er es in den Kissen zu ersticken suchte.

Erik ermunterte sich völlig. Er machte Licht und näherte sich Jonas' Bett. Als ihn dieser kommen hörte, verkroch er sich nur noch tiefer in seine Decken.

»Hast du Schmerzen?« hörte er den Vater fragen, »bist du kränker geworden?«

»Ich bin nicht krank!« murmelte Jonas, »es ist unnütz, mich mit Gewalt im Bette zu halten. Ich weiß doch alles! Ich weiß jetzt alles! Es hat nichts genützt, es vor mir zu verheimlichen! Und was ich noch nicht wußte, das hab' ich gehört! Ich habe gehorcht und hab' es gehört!«

Erik schwieg einen Augen blick betroffen. »Du sprichst im Fieber,« sagte er dann; »was weißt du denn, was hast du gehört?«

»Daß sie fortgeht! Daß sie morgen fortgeht!« Und er wühlte sich schluchzend in seine Kissen.

Erik tastete nach seinem Gesicht und legte ihm besorgt die Hand auf die trocken brennende Stirn. Aber Jonas stieß die Hand zurück.

»Nein,« sagte er fast keuchend, – »du willst es ja, – du bist ja – schuld, daß sie fortgeht. Vor dir schützen muß ich Ruth, – schützen, denn was weißt du, – wie ihr zumute ist. Du weißt nicht, hast nicht gesehen, – wie sie daliegt die Nächte – halb ausgekleidet an ihrem Bett, – wie gestern.«

Erik preßte die fieberglühende Hand in der seinen zusammen, so daß Jonas die Zähne mit Gewalt aufeinander biß, um den Schmerz zu beherrschen.

»Was hast du – gestern – gesehen?« fragte Erik mit heiserer Stimme.

Jonas setzte sich auf.

»Sie kniete vor ihrem Bett,« sagte er traurig, »vielleicht weinte sie, – oder betete, – so geheimnisvolle Augen hatte sie, – und ich habe mit ihr gewacht – die ganze Nacht, heimlich, oben in der alten Ulme vor der Terrasse.

Erik sprach kein Wort.

Aber nach einer langen Pause hob er die Hand, und leise strich er Jonas über Stirn und Haar. Diesmal wurde die Hand nicht zurückgestoßen. Die sanfte, liebkosende Bewegung des Vaters, der ihn so selten liebkoste, empfand Jonas als ein wortloses Verstehn und Mitfühlen, das ihn um die letzte Fassung brachte.

Und plötzlich warf er die Arme um den Nacken des Vaters. Und wie ein unaufhaltsamer Strom, fieberheiß, halb unverständlich brachen die Worte aus ihm hervor, überstürzten sich und verklangen in einem Stammeln: »Papa, lieber Papa, hilf mir! Ich kann's nicht aushalten, daß sie fortgeht! Ich war böse auf dich, – nimm's nicht übel, – hilf mir! halte sie! Papa! sie bleibt da, wenn du's nur willst. Früher war ich mal eifersüchtig auf Ruth, ich glaubte, daß du sie mehr liebtest als mich. Aber es schadet nichts, wie sehr du sie auch liebst, Papa! Denn ich liebe sie ja auch viel mehr als dich! Mehr als dich! Mehr als alles auf der Welt!«

Erik löste leise die Hände von seinem Nacken und hielt sie fest.

»Nimm dich zusammen!« sagte er halblaut, aber mit der eindringlichen Stimme, der Jonas unbedingt zu folgen gewöhnt war, »du darfst hier nicht liegen und dich so haltlos gehen lassen. Selbst nicht im Fieber. Nimm dich zusammen.«

Fast mechanisch versuchte Jonas zu gehorchen. Er atmete mühsam.

Erik hatte sich auf die Kante des Bettes gesetzt, ohne seine Hände loszulassen.

»Lege dich nieder. Ganz ruhig. Unterdrücke die Unruhe. Komm, mein Junge! strammer! Und nun höre mich: ich will dir helfen, wenn du mir folgst, aber anders, als du denkst. Von Ruth mußt du dich jetzt trennen. Wir alle müssen's. Denn morgen schon reist sie fort, und bis dahin wirst du nicht aufstehn dürfen.«

Jonas fuhr empor.

»Papa! das muß ich! ich springe aus dem Bett! Ihr haltet mich nicht! Ich muß Ruth küssen, – ich muß sie küssen, – wenn sie geht!«

»Mit einem kranken, entzündeten Hals und Fieber wirst du Ruth nicht küssen wollen, hoff' ich,« unterbrach ihn Erik in einem Ton, der jede Widerrede abschnitt, »und du wirst es nicht nur unterlassen, sondern auch alles tun, was ich von dir verlange. Dich vollkommen beherrschen, wenn sie von dir Abschied nimmt. Mit keinem Wort, keiner Heftigkeit, keinem einzigen klagenden Ton es ihr noch erschweren. Alle Aufregung mit festem Willen niederzwingen. Das alles wirst du tun. Ich muß mich unbedingt auf dich verlassen können, wenn ich sie zu dir hereinführen soll. – Kann ich es?«

»Ja!« stieß Jonas hervor, während ihm die Lippen noch zitterten. Er konnte nicht an gegen diesen Willen, der den seinen in Bann hielt.

»Gut. Und nun will ich dir einen helfenden Trost geben für deinen ersten großen Schmerz,« sagte Erik mit so weicher Stimme, daß es Jonas war, als spräche er mit den Lauten der Mutter zu ihm. »Wenn Ruth von dir gegangen ist, blicke nicht zurück auf sie, sondern vorwärts in dein Leben; sorge dafür, daß du dich tüchtig entwickelst, arbeite daran, daß du bald ein ganzer Mann wirst, – damit du ihr einst ein ganzer Freund sein kannst, wenn sie deiner bedarf. So kommst du in allem, was du tust, zu ihr zurück, – ihr nahe. Duld' es nicht, daß sie dich so ganz überflügelt und dich einst weit – weit hinter sich zurück läßt! Jetzt kannst du zeigen, was du wert bist, – und ob du's wert warst, Ruth gehabt zu haben.«

Jonas lag ganz still und lauschte.

»Ja!« sagte er begeistert, »das will ich! ach Papa, das will ich!«

Und er hob den Kopf und küßte den Vater. Erik hielt seinen Kopf einen Augenblick lang an sich.

»Wir wer den nie mehr hiervon miteinander sprechen,« sagte er leise, – »nie mehr. Aber vergiß es nicht. Zwinge deine Gedanken auf die Arbeit, auf das, was vor dir liegt. Suche dich mit mehr Festigkeit zu beherrschen. Ich werde darauf achten und dir nichts durchgehn lassen. Streng mit dir sein, meine Junge. Mach es mir nicht zu schwer.«

»Papa,« versetzte Jonas so zutraulich, wie er sonst nur mit Klare-Bel zu sprechen verstand, »ich will mich nie wieder vor dir fürchten. Sei so streng du willst gegen mich. Du hilfst mir ja damit, nicht wahr? Tüchtig zu werden. So fest und tüchtig wie kein andrer. Ausstechen muß ich jeden andern! Hilf mir schnell, ein ganzer Mann zu werden! – Ein Mann für – für – ich meine: ein Freund für Ruth.«

Am liebsten hätt' er sich im Bett aufgesetzt und geplaudert; Erik mußte ihm das Sprechen verbieten und das Zimmer verlassen. Nun schwieg er und lag zufrieden im Bett und dachte angestrengt an die Zukunft.

Erik war außerstande, sich wieder schlafen zu legen; er kleidete sich vollständig an. Er fühlte sich frei, wie erfrischt von einem langen, gesunden Schlaf, wie gekühlt und gestählt durch ein erquickendes Bad. Die ganze schwüle Beklommenheit vom Nachmittag und Abend, die noch auf seinen Träumen gelastet hatte, war verflogen. In der Einwirkung auf einen andern, dessen Unruhe er bezwang, dessen innerste, widerstrebende Gedanken er bestimmte, – in dem kurzen Kampf mit dem Knaben, der sich gegen ihn auflehnte und zugleich ihm vertraute, hatte er sich selbst zurückgefunden. Seine Kraft geweckt und gesammelt. Er wußte recht wohl, wie es damit stand: wenn er sich am schwächsten fühlte, dann erstarkte er an der Kunst, andre in überlegener Behandlung zur Stärke zu veranlassen; an der gehobenen und mutigen Stimmung, die er von ihnen forderte und in ihnen hervorrief, – an seinen eignen überzeugten, überredenden Worten, kletterte er selbst zu neuem Mute, zu neuer Zuversicht empor, wie auf einer langen Leiter, die sich mitten aus seiner eignen Verzagtheit erhob, aber bis ans Unbegrenzte zu reichen schien, – bis an ein unbegrenztes Selbstvertrauen.

Viele tausend solcher Leitern, festgehalten von den Händen einer Menschenmenge, die ihn umdrängte, an ihn glaubte, auf ihn angewiesen war, – und er hätte einen Himmel auf Erden erstiegen.

Nur kein Zusammenbrechen der festesten dieser Stützen! denn Stützen waren es, – wie sehr auch er selbst dabei als der Stützende erschien. Niemand ist absolut stark.

Erik wußte recht wohl, wo seine Gefahr lag, wo auch in ihm der Schwächling steckte: da, wo er sich allein über lassen blieb.

Draußen herrschte noch dunkle Nacht. Es schlug drei Uhr.

Ihn litt es nicht im engen, warmen Zimmer. Er öffnete leise die Haustür und trat hinaus.

Die Finsternis war so dicht, daß er nur langsam der Tiefe des Gartens zugehn konnte. Er empfand den aufsteigen den Nebel, ohne ihn zu sehen. Das knisternde Rauschen der Birkenwipfel belehrte ihn über die Nähe des kleinen Gehölzes. Darüber glänzte am verhängten Himmel hie und da ein verlorener Stern. Das letzte Mondviertel, der schmale blasse Vorläufer der Morgenröte, war noch nicht sichtbar.

Unweit der Bänke am Gehölz blieb Erik lauschend stehn. Er vernahm absolut nichts als das leise Rauschen der Blätter. Aber er fühlte, daß er nicht allein sei.

»Ruth!« murmelte er unwillkürlich.

»Ja! was soll ich?« fragte sie schüchtern.

Mit einem Schritt stand er neben der Bank, er tastete nach ihr.

»Was du sollst?! Im Bett sein!«

Er riß seine Joppe von den Schultern und warf sie ihr um.

»Was tust du hier mitten in der Nacht? Weißt du nicht, daß sich Jonas in dieser gefährlichen kalten Feuchtigkeit das Fieber geholt hat?«

»Ja, ich weiß es. Aber mir schadet das nichts,« versetzte sie zaghaft, »das Fieber tut so gut, ich kenn' es gut: da liegt man im Traum und hört auf zu denken. Und da dacht' ich, ich könnt es auch so gut haben.«

Jetzt fühlte sie seine Hand, die sich fest um ihr Handgelenk legte.

»Was sagst du da?« fragte er ganz langsam, »du suchtest das Fieber?«

»Nein, nein!« rief sie flehentlich, »ich wollt es ja nur ein wenig, – ein ganz klein wenig nur, – nicht so, daß es die Abreise hindern sollte! Ganz gewiß nicht!«

Ein Laut brach von seinen Lippen, wie wenn er verwundet würde. Sie konnte hören, daß seine Zähne leise übereinanderknirschten.

Er beugte sich über sie.

»Und das – das glaubtest du zu dürfen,« sagte er matt.

»Ja, ich durft' es, denn ich will ja tun, was ich versprochen habe. Bin nicht ungehorsam. Nur so ganz allein bin ich. Niemand, der mir ein bißchen hilft. Da sollte mir das Fieber helfen. Ich darf tun, was ich will, – wenn es nichts aufschiebt,« versetzte sie finster.

»So. Und wenn du nur rechtzeitig fortkommst, dann meinst du, – könntest du tun, was du willst? Auch dich viel leicht irgendwo hinsetzen und krank werden, wenn dir das ›hilft‹? Du irrst dich, mein Kind. Ich lasse dich nicht los, indem ich dich fort lasse. Und aus der Ferne sollst du mir doppelt gehorchen. Dein Versprechen geht auf dein ganzes Leben. Du bist mein. – Bist du's?«

»Ja!« rief sie inbrünstig.

»Steh auf und geh hinauf.«

»Ich kann's nicht so, – ich muß erst wissen, – wann reise ich?«

»Ich werde dir's morgen sagen. Heute nacht nicht. Du sollst dich hinlegen und zu schlafen versuchen An nichts denken als daran, daß du schlafen sollst. Wirst du das?«

Sie war schon aufgestanden.

»Ja!« murmelte sie, »morgen! Ich muß morgen fragen, was ich will.«

»Das sollst du.«

Er gab ihr die Hand.

»Geh voraus. Geh nur. Ich folge schon. Warte nicht im Hause auf mich.«

»Gute Nacht!« sagte sie gehorsam und ging. »Mein Liebling! gute Nacht!« rief er ihr nach. Und im Klang seiner Stimme lagen alle die Liebkosungen, wonach sie den ganzen Tag, die ganze Nacht gehungert hatte.

»Verzeih mir! Liebling,« sagte er reuig vor sich hin, während er ihr langsam folgte. Allein gelassen hatte er sie, allein stehen lassen in dem Augenblick, wo sie seine ganze Kraft und Liebe erwartete und ihrer bedurfte. Weil er sich selbst nicht traute, nicht vertraute – aus Furcht vor seinen Sinnen – und vor diesem unwissenden Kindersinn, der ihm mit einem Lächeln entgegenkam.

Das war feige gewesen. Nicht durfte er aus solchen feigen Gründen in letzter Stunde seine Hand zurückziehen, nach der sie sehnsüchtig und gläubig griff, als nach der Hand des einzigen Menschen, den für sie die Erde trug. Nicht überlegen, nicht geizen, nicht einschränken das, was er ihr gab, und wonach es sie mit einer Inbrunst verlangte, – mit einer Zärtlichkeit, wie sie auf der ganzen Welt nur das einsame, das nie geliebkoste Kind kennt.

Aus einer unendlichen Fülle her aus sollte noch ein mal seine Liebe sie umhüllen, sie umgeben, weich und schützend wie Mutter liebe, – aus einer so reichen, so kraftsichern Fülle heraus, daß er sich aller Bedenken entschlagen konnte, – daß er sein Liebstes nur noch wie auf starken Armen hob und trug, – es einem schlummern den Kinde gleich in einem letzten Traum hinüber trug in die fremde, die kältere Welt. –

Der Hausflur war schwach erhellt durch das Licht, das an der offnen Tür zu Eriks Zimmer stand. Ruth hängte seine Joppe über den Türgriff, und ohne sich nach Erik umzusehen, stieg sie hinauf.

Er löschte das im Luftzuge flackernde, tropfende Licht und warf sich ausgestreckt auf den Lederdiwan in seinem Arbeitszimmer, froh des Dunkels und der Einsamkeit.

Seit der Stunde seiner Rückkehr gestern verlangte ihn unbewußt nach dieser Stille und Einsamkeit.

In dem Augenblick, wo er gestern aus dem Flur zu seiner Frau hineintrat, in dem Augenblick, wo Ruth an seiner Brust lag und ihn Bels Stimme rief, war etwas Sonderbares in ihm vorgegangen. Sie rief: »Erik, bist du wie der da?« – Aber ihn durchgellte es wie: »Erik, gehst du fort von mir?« Und als er sie wieder sah, sie daliegen sah in dem Zimmer, das er so gut kannte, genau so wie zwei Tage vorher, da kam es ihm vor, als läge eine lange, lange – jahrelange Reise dazwischen, während der er seine Frau nicht gesehen, nicht mit sich genommen, – ja vergessen hatte. Es war fast wie ein Moment der Geistesstörung gewesen.

Und die Erregung, in der alle seine Nerven noch zitterten, ließ keine Selbstbesinnung zu.

Aber jetzt – jetzt stellte er sich wieder dahin, auf die selbe Stelle, Bel gegenüber und ihrer fragenden Stimme, und jetzt antwortete er ihr: »Es ist eine lange, lange Reise gewesen. Ich habe dich nicht wiedergesehen all diese Zeit hin durch, – dahin nicht mehr gesehen, wo du bist: dich vergessen.

Nicht zufällig, nicht unabsichtlich, nicht im Rausch des Augenblicks. Nein, bewußt und gewollt. Mit allen Sinnen und Gedanken wollt ich nur einen Punkt vor Augen haben, ihn durchschauen, durchdringen, – in eine verhüllte Zukunft schauen und dringen. Unbeirrt von allem, was hindert und bindet. Frei, wie einer, der alles hinter sich geworfen hat und dasteht wie ein Bettler oder ein König, wollt ich meine Hände aufheben zu meinem Glück.

Dann – einst – ist es an der Zeit, zurückzukehren zu den Fragen und Forderungen, den Pflichten und Fesseln des täglichen Lebens, aber nur um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Zu dir zurückzukehren, aber nur zum Kampf. Zum Kampf um mein Glück.«

Erik hatte die letzten Worte fast laut gemurmelt: »Kampf – – – Glück.«

Er öffnete, wie erwachend, die Augen.

Es war hell um ihn. Die Nacht vor bei. Glutrot stand der Himmel, wie in Flammen.

Hinter dem Gehölz ging die Sonne auf. Purpurn, strahlenlos wie ein ungeheurer Mond leuchtete sie durch den Morgennebel. Und purpurner Glanz auf den Fenstern, auf dem Fußboden.

Noch war im Hause niemand zu hören. Nur die Schwarzdrosseln schwatzten vor dem nahegelegenen Küchenfenster und unterhielten sich darüber, ob ihnen Gonne wohl bald, beim Zubereiten des ersten Frühstücks, ein paar Krumen zuwerfen werde?

Erik stand auf, stand still angesichts der Morgenherrlichkeit.

Er hatte Bel geliebt, – so sehr, wie, nach seiner Meinung bisher, der Mann überhaupt das Weib lieben konnte: nicht nur mit der Habgier der Sinne, nicht nur zu einem flüchtigen Liebesbündnis, das zufällig »Ehe« hieß, sondern zu einem wirklichen Lebensbündnis, das kein Staat, kein Priester, das nur der eigne, bewußte Wille besiegelt. Es war so gewesen, wie er damals, in dem scherzenden Gespräch über die Ehe, zu Warwara gesagt hatte: kein Pflichtbewußtsein nur, sondern das dauernde Glücksbewußtsein, seinem Weibe, auch nach dem Schwinden der Sinnenliebe, alles in allem zu sein. Daran hatten weder Krankenlager noch Altern, weder Lebensenttäuschungen noch Liebesversuchungen jemals das Geringste zu ändern vermocht.

Wenn er ihr je untreu gewesen war in einer heißen Aufwallung des begehrlichen Blutes – oder auch in einem bittern Rückblick auf die zerstörten, für sie hingegebenen Hoffnungen seiner Jugend, dann lehnte er sich mit Kraft und Härte gegen sich selbst auf. Niemals hätt' er es zugegeben, daß irgend eine Gewalt stärker über ihn wer den könne als sein Wille, seine Bürgschaft.

Und nun, wenn er alles sammelte was er an Scham und Selbstvertrauen, an Stolz und Herzensgüte besaß, – wenn er das alles sammelte und zusammenraffte, war es nicht genug, um Bel, die Wehrlose, gegen einen Kampf mit ihm zu schützen? Oder wenn es denn in der Zukunft zu einem solchen Kampfe kam, gab es in seinem vergangenen Leben nichts, was stark genug, heilig genug, barmherzig genug war, um für Bel einzutreten und gegen ihn selbst zu siegen?

Erik schaute gradeaus, hinein in das rote Flammenmeer am Himmel. Er wollte, – er mußte ehrlich sein.

Und er sagte sich: »Nein.«

*

Auf der Terrasse wurde der Morgentisch gedeckt. Eriks Platz am Tisch blieb aber heute leer. Ganz früh hatte er sich Tee auf sein Zimmer bestellt, dann war er zu Jonas hineingegangen, um nach ihm zu sehen.

Gleich nach dem Frühstück ließ er Ruth zu sich bitten.

Als sie kam, streckte er die Hand nach ihr aus. »Du schlechtes Mädel. Bist du gesund geblieben? Laß mich sehen.«

Sie nickte und trat zu ihm an den alten Ledersessel am Fenster.

Aufmerksam betrachtete er sie. Ihre Augen waren dunkel umschattet. Aber sie blickten sicher, – fest. Es fiel ihm auf. Sie blickten beinahe kalt.

Er strich ihr das Haar aus dem blassen Gesicht zurück.

»Weißt du auch noch, daß hier dein alter Platz ist? Hier am Stuhl. Wo du zuerst herkamst. Wir haben ihn wohl fast vergessen, draußen im Garten und – bei den andern. Monatelang. Aber der heutige Morgen gehört uns allein. Uns beiden. Und den wolltest du krank zubringen.«

Sie antwortete nicht.

Ganz leise nur beugte sie den Kopf gegen ihn vor, so daß seine Hand durch die Haarwellen hindurchglitt, und schwieg still.

»Du bist ein dummes Kind,« sagte er, »sonst hättest du gewußt: wenn ich etwas von dir verlange, so sollst du es klar und still tun. Niemals in einem Fieberrausch. In keinem Sinn. Ich weiß, es ist tausendmal schwerer. Aber niemals sollst du dir's erleichtern. Durch nichts. Nur war ich selbst dies mal nicht ohne Schuld, Ruth. Ich selbst war wie krank, – nicht wie ich sein sollte.

Siehst du, nun beicht' ich dir's auch. – – – Ist es nun gut?«

Sie blickte ihn unverwandt an. Dann schüttelte sie den Kopf.

»Eins fehlt noch,« sagte sie.

Ihm kam ein Lächeln.

»Noch etwas? Was denn, mein anspruchsvoller Kindskopf?«

»Darf ich nicht anspruchsvoll sein?«

»Das darfst du. Halt deine Hände offen, Liebling, und laß dich beschenken.«

Da glitt sie am Sessel nieder, auf ihren alten Platz zu seinen Knien, und hob ihr Gesicht auf zu ihm, – Trotz in den Augen.

»Ich meine kein Geschenk. Ein Recht.« Erik stutzte.

Er schaute forschend in ihre Augen mit dem fest auf ihn gerichteten rätselhaften Blick.

»Nimm dir dein Recht, Ruth,« sagte er einfach.

Sie flüsterte kaum hör bar: »Daß ich erfahre, warum. Das plötzliche Fortmüssen, – – – warum?«

Er legte ihr die Hand über die Augen.

Eine lange Pause entstand.

»Du hattest vorhin ganz recht: eins fehlt noch,« antwortete er dann, »zwischen uns fehlt eins. Weißt du, was es ist? Daß zwischen dir und mir ein zu großes Stück Menschenleben liegt, – daß wir im Alter so weit voneinander entfernt sind. Denke nur: du und noch einmal du, das gibt immer noch nicht: ich. Auf eine so große Entfernung hin ist es bisweilen schwer, manches miteinander zu teilen, – mitzuteilen. Aber nun sieh das Wunder: dieser Mangel, diese Lücke und Leere zwischen dir und mir, – sie eint uns grade. Nur sie macht, daß ich dich leiten und dir befehlen kann. Sie macht, daß du da so vertrauensvoll knien kannst, wie eben jetzt, und mit deinen trotzigen Augen zu mir aufschauen. Sie macht, daß ich den Weg besser kenne als du. Denn ich habe den halben Weg schon zurückgelegt. – Oder könntest du das missen? möchtest du lieber, ich stünde neben dir, von gleichem Wuchs wie du? noch suchend, irrend, eines Wegweisers bedürftig, wie du?«

»Nein!« sagte sie lebhaft, »das wäre wie zwei Kinder im Walde.«

»Dann nimm es hin, daß ich dir nicht antworte.«

Sie erwiderte nichts, aber er fühlte, daß ihr Herz wild zu schlagen begann. Sie gab nicht passiv nach, wie bis gestern noch. – Sie war gestern irre geworden. –

Mit letzter Kraft mochte sie sich gegen ihn zusammengerafft, – sich eingeredet haben, ihm gegenüber noch Kraft zu besitzen: Selbständigkeit. Im arglosen Schlummer erschüttert, mochten ihre Gefühle in Gärung gekommen sein, – mochte eine Welt von unverstandenen Empfindungen in ihr ringen.

Die feine, ruhige, grade Linie, in der sie sich vor Eriks Augen so kindlich weiter entwickelt hatte, wurde ihm undeutlich, wurde unruhig, – sie schien sich zu biegen, – eine Wendung zu machen: eine Wendung zu ihm hin – oder von ihm fort.

Über Erik kam eine Spannung, die alle seine seelischen Fähigkeiten aufs äußerste schärfte, sein ganzes Wesen erwartungsvoll spannte und jede sinnliche Erregung vollkommen niederhielt.

Er legte seinen Arm um Ruth und bog mit der Hand ihren Kopf zurück. Ihre Lippen zitterten.

»Sieh mir in die Augen, du Trotzkopf!« sagte er, »was hat sich da in dir geregt? Brich den letzten Trotz, – denn es war einer. Laß mich ihn brechen. Es schadet nichts, wenn es einen Augenblick schmerzt. Gib nach, laß es geschehen. Wirf dein Recht von dir, mache dich recht los. Um Kinderrecht zu haben: um folgen zu dürfen, ohne zu fragen. Um zu gehn, ohne ein Warum.«

»Wann – gehn?« fragte sie undeutlich.

Er drückte ihren Kopf an sich.

»Heute,« sagte er mit bedeckter Stimme, »jetzt. Jetzt gleich. Nein, nicht zusammenschrecken. Sei mein mutiges Kind. Wir haben nur noch diese Stunde, Ruth. Dann bring' ich dich in die Stadt. Zum Zuge, der ins Ausland fährt. Frau Römer wartet auf uns.«

Sie hatte sich in seine Arme geworfen. Sie umfaßte ihn so fest, als solle nichts sie von da wegreißen. Doch wußte er: sie widerstrebte nicht länger. Sie gab nach, willenlos.

Aber es war vielleicht nur die Angst des Abschiedes. Der Schreck davor, der sie überfiel. Gestern war sie doch an ihm irre geworden, – und morgen? – – da besaß er keine Macht mehr über sie. Wußte nicht mehr, was in ihr vorging.

Er sagte sehr sanft: »Du gehst nicht fort, weil ich dir weh tun will, sondern weil ich dich lieb habe. So lieb, daß ich dir weh tun kann. Gib dir dieser Liebe, Ruth, – ohne Rückhalt, ohne Zweifel, – gib dich ihr ganz. Danke täglich, daß ich zu dir sage – des Morgens mit deinem Erwachen, des Abends mit deinem Ein schlummern: ›Ich hab' dich lieb.‹«

Sie sah auf, ohne von ihm zu lassen, – mit grenzenlosem Dank in den Augen sah sie auf. Ein kaum merkliches Lächeln spielte ihr um den Mund, – ein wenig zaghaft noch.

»Da geh' ich ja nicht fort, – da nehm' ich Sie ja mit,« sagte sie, fast schelmisch.

Das Glück brach aus ihren Augen, – ja, der Schalk.

Es berauschte ihn. Aber anders als gestern. Wohl hielt er sie im Arm, wohl kniete sie an seiner Brust, aber nicht seine Sinne wurden berauscht. Etwas unendlich viel Feineres, eine Wollust so fein, wie sie sich durch keine Sinne vermittelt, erfüllte ihn mit kraftvollem Genügen. Er konnte Ruth nicht unbedingter zu eigen nehmen, sich nicht stärker aneignen, als in diesem Augenblick, wo er sie von sich löste, wo sie auf sein Geheiß von ihm ging, weil sie ihm lieb war.

Einigung und Trennung, selbstloses Verzichten und selbstsüchtiges Eingreifen, Schützen und Vergewaltigen, Dienen und Herrschen verschlangen sich ununterscheidbar in einem einzigen Gefühlsknoten, in einem einzigen Augenblick berauschenden Erlebens.

»Ist es nun nicht gut, daß du mir gehorchen und vertrauen mußt? daß wir nicht sind wie ›zwei Kinder im Walde‹, die sich verlaufen? Für die es schlimm wäre, wollte eines das andre aus den Augen verlieren, – verlassen. Mir kommst du aus den Augen, und doch nie von der Hand. Ich bin mit dir wie jemand, den du nicht neben dir stehn siehst, und doch um dich weißt, – über dir walten, wo du auch gehst und stehst. Wie jemand, den du nicht fragen kannst, und der zu manchem schweigt, – der aber doch alles weiß, was dir not tut und gut tut wie –«

»Wie Gott,« sagte Ruth keck.

Das Wort lief wie ein Schauder über ihn hin. Aus Gespensterfurcht?

Nein. Aber wohl, weil er ahnte, was mit diesem Wort in ihr selbst aufwachen mochte an unbewußtem, ungeheuerem Fordern und Bewundern und Erwarten.

Sie sagte es gar nicht in Ekstase. Wie etwas Selbstverständliches. Wie ein Kind einen Kuß gibt.

Aber er ahnte: nie, noch nie war sie der Liebe, der vollen Liebe, so nah wie in diesem kindlichsten Bekenntnis, – dem vermessensten.

Nein, keine Gespensterfurcht! vor nichts. Und er küßte sie aufs Haar.

»Nicht wie Gott, Ruth. Und doch sei es für dich: wie dein Gott.«

*

Im Wohnzimmer war Klare-Bel damit beschäftigt, Ruths Koffer zu schließen und ihr eine kleine Reisetasche zu füllen. Gonne half, das Letzte zu ordnen und zu besorgen. Am Gartengitter draußen stand ein leichtes Fuhrwerk, eine ländliche »Karfaschka«, die das Gepäck aufnehmen sollte. Erik wollte mit Ruth zu Fuß zum Bahnhof gehn.

Als das Gepäck aufgeladen wurde, kam er mit ihr aus seinem Arbeitszimmer heraus. Klare-Bel blickte fast ungläubig auf. Weder er noch Ruth machten ein trauriges Gesicht. Und doch wußte sie: erst jetzt hatte er's Ruth dort im Zimmer mitgeteilt.

»Wie er das nur zustande gebracht hat? Er kann doch alles, was er will!« dachte sie bewundernd.

Das kleine Fuhrwerk rasselte davon, auf dem holperigen Landweg in beständiger Gefahr, eines seiner wackelnden Räder zu verlieren. Erik scherzte dar über, und Ruth hatte ihre Schelmengrübchen in den Wangen.

Es war eine Heiterkeit, wie wenn an einem großen stummen, dunkeln Gewässer ein Sonnenrand aufblitzt und die Oberfläche mit glitzernden Perlen überblitzt.

Nur Gonne stand in der Küche und weinte mit einem mürrischen, verschämten Gesicht.

Einige Minuten lang konnte Ruth noch bei Jonas im Zimmer verweilen. Dann trat sie reisefertig, die graue Wollmütze auf dem Kopf, heraus.

Jonas horchte angestrengt. Er hörte sie über den Flur gehn, – den letzten grüßenden Zuruf seiner Mutter, – die Türen gingen, – – dann eine Minute Pause, – – und nun fiel mit einem schwachen Knarren die Gartenpforte ins Schloß.

*

Langsam, totenstill schlichen die Stunden hin, eine um die andre. Am frühen Nachmittag kehrte Erik aus der Stadt zurück.

Aber es blieb so still wie zuvor.

Jonas hielt es nicht länger im Bett aus, er stand auf, und seinen nassen Umschlag um den Hals, einen dicken Wollstrumpf darüber gebunden, stahl er sich auf seinen roten Pantoffeln in das Zimmer des Vaters.

Der Vater war nicht da.

Jonas setzte sich an den großen Schreibtisch. Er mußte machen, daß er fertig wurde, eh ihn der Vater hier überraschte.

Und seine Feder kratzte über das Papier. Er schrieb an Ruth:

 

»Süße, liebe Ruth!

Ich habe mich in Papas Zimmer hingesetzt an den Tisch, an dem Du arbeitetest.

So ungeheuer gern wär ich zum Bahnhof mitgegangen! Weinen wollt' ich aber nicht, ich biß ins Kissen. Als aber in der Ferne der Zug lospfiff (vielleicht war es gar nicht Dein Zug), da hab' ich trotzdem ein bißchen geweint. Ich dachte: nun fährt sie fort.

Papa hat mir aber einen guten Rat gegeben. Ich will Dir noch nicht sagen, was für einen. Ich will ihn lieber erst befolgen. Und solange ich ihn befolgen muß, was ziemlich lange dauern kann, werde ich Dir nicht schreiben. Aber dann schreibe ich Dir, daß Du meine Frau werden mußt. Im Spiel hast Du es niemals sein wollen, und das hat mich manchmal so schwer gekränkt. Aber das war dumm von mir. Denn erst muß ich ein ganzer Mann für Dich geworden sein.

Darüber habe ich Papa noch nichts zu sagen gewagt.

Jetzt muß ich schließen. Aber ich mußte es Dir gleich schreiben, damit Du es weißt. Vergiß mich nur nicht, wenn Du dort einen andern Jungen findest. Am Ende sogar einen fertigen Studenten? Dann würde ich mich ja hier so ganz umsonst anstrengen.

Aber vielleicht findest Du keinen.

Ich küsse Dich mit tausend Küssen.

Dein Freund

(Dein zukünftiger Mann)
Jonas.

Pst. Scr.: Ich weiß nicht, wo Papa jetzt ist, ich bin heimlich auf. Sonst würde er Dich sicher grüßen lassen.«

 

Erik war oben in der leeren kleinen Giebelstube.

Er stand am Fenster und weinte.

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