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Lou Andreas-Salomé: Ruth - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenovelette
authorLou Andreas-Salomé
titleRuth
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger
year1895
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senderbruce.welch@gmx.de
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II.

Erik saß bei Ruths Onkel und Tante im Empfangssalon, hielt Hut und Handschuhe auf den Knien und blickte nachdenklich darauf nieder, während er dem Gespräch der beiden zuhörte.

»Ich finde, mit deiner Reise stimmt es gut zusammen, Mathilde,« sagte der Onkel jetzt, »denn während du mit Liuba in Wiesbaden bist, ist Ruth grade so ganz unbeaufsichtigt hier. Ich weiß ohne dies nicht, was die Kleine mit den langen Ferien anfangen soll, da in diesem Jahr die meisten Bekannten nicht aufs Land, sondern ins Ausland gehn.«

Erik besaß ein scharfes Auge für die Außenseite von Menschen und wurde stark durch sie beeinflußt. Der Onkel mit seinem aschblonden, schon etwas graugemischten Haar und Bart, mit den schmächtigen Schultern seiner elegant gebauten Gestalt und den frauenhaft feinen Händen gefiel ihm recht gut. In Ton und Haltung erinnerte er ein wenig an Ruth. Dagegen empfand Erik gegen die Tante eine ausgesprochene Antipathie.

»Solche Besuche bei allerlei Bekannten auf dem Lande wären auch jetzt durch aus keine geeignete Beschäftigung für Ruth,« bemerkte er aufblickend; »sie muß zu tun haben, – wirkliche Arbeit und Anstrengung muß sie haben. Selbst körperliche oder geistige Überanstrengung wäre noch besser als Mangel an Beschäftigung. In diesen Jahren braucht man starke Nahrung, und Ruth braucht sie am meisten.«

»Siehst du; was sage ich immer?« fiel die Tante ein, und nickte ihrem Mann bedeutsam zu; »ich sage immer: man läßt sie viel zu viel gewähren. Aber du hast das immer am bequemsten gefunden.«

»Lieber Gott! was wolltest du denn auch mit solchem kleinen Frauenzimmer anfangen,« versetzte der Onkel begütigend, »man konnte sie doch nicht etwa anstellen, Stuben zu scheuern?«

»Nein, weißt du, lieber Louis! das brauchst du nur wirklich nicht vorzuhalten, – es ist ja grade, als ob ich Ruth Dinge verrichten ließe, die sich nur für den niedrigsten Dienstboten schicken!« sagte seine Frau, die scherzende Übertreibung unerbittlich ernst nehmend, »aber sich ein wenig im Häuslichen umsehen, – das hätte Ruth ganz wohl können. Liuba wird ja auch dazu angehalten. Es ist doch nun einmal der Beruf der Frau.«

Erik betrachtete mit schlecht verhehltem Spott in den Augen die große, stattliche Erscheinung der Tante, für deren ganzes Wesen ihm charakteristisch erschien, daß die gewohnten guten Formen des äußern Benehmens einen gewissen Mangel an natürlicher Grazie nicht zu verdecken vermochten.

»Was das anbetrifft,« unterbrach er sie ungeduldig, »so brauchen Sie sich dieser Versäumnis wegen nicht weiter anzuklagen. In einem so von allen Seiten bedienten Hause bleibt die sogenannte ›häusliche Hilfe‹, bestehe sie nun im Blumenbegießen oder Kaffeekochen, im besten Fall eine gleichgültige Spielerei, – im schlimmern Fall weckt sie die Einbildung, man habe etwas geleistet. Dagegen hätt' ich gegen das Stubenscheuern nicht viel einzuwenden.«

Der Onkel lachte erfreut auf. »Jetzt haben Sie es aber mit meiner Frau gründlich verdorben!« drohte er scherzend, »aber ich muß bekennen, daß ich gar nicht begreife, warum Sie alle beide so versessen drauf sind, Ruth ins Joch zu spannen. Natürlich hab' ich nicht das geringste gegen den Unterricht, den Sie vorhin als wünschenswert vorschlugen, – im Gegenteil, es freut mich für die Kleine. Aber ich möchte Sie doch bitten, das mit dem Stubenscheuern auch nicht einmal symbolisch auszuführen. Nicht ins Geistige zu übertragen. Machen Sie es nur nicht zu ernsthaft. Ruth ist es so gewohnt, umherzulaufen und in ihrer Faulheit vergnügt zu sein.«

»Ich glaube, Sie täuschen sich,« entgegnete Erik in bestimmtem Ton. »Ruth ist weder faul noch vergnügt. Sie ist es gewohnt, sich in einem selbstgemachten Traumdasein vollständig zu erschöpfen. Sie ist dadurch zum Teil ihrem Alter vorausgeeilt, zum Teil aber auch hinter ihrem Alter zurückgeblieben. Ich habe noch nie eine so ungleiche Entwicklung gesehen. Wenn sie nicht rechtzeitig aufgehalten wird, so läuft Ruth Gefahr, an ihrer Phantasie geistig zu erkranken.«

Der Onkel schüttelte verwundert den Kopf.

»Das ist doch kurios,« sagte er, »ich habe Ruth stets für ein höchst praktisches kleines Frauenzimmer gehalten. Von Phantasie war doch nie eine Spur an ihr zu bemerken. Alles was sie sagt, ist ja so direkt und nüchtern. Und am liebsten sagt sie gar nichts. Sie sollten nur wissen, wie nüchtern sie in allem ist, wo die jungen Mädchen sonst ihre Phantasie sitzen haben! Das hat mir stets so gut gefallen. Da kann Liuba gar nicht mitkommen.«

Seine Frau sah ihn verletzt an.

»Glücklicherweise nicht!« bestätigte sie etwas erregt. »Liuba würde nicht umhergehn wie in einen grauen Sack gekleidet, bloß weil es so am bequemsten ist. Und überhaupt – denken Sie nur, neulich hör ich, wie meine Tochter zu Ruth sagt: ›paß nur auf, wenn du ein Jahr älter bist, dann wirst du schon wissen, was schön und häßlich ist, und wirst vorm Spiegel fragen: Wie gefall' ich ihm?‹ – – Mein Gott, Sie wissen ja, wie junge Mädchen so unter einander reden! Aber was antwortet Ruth drauf? Sie lacht nur, und dann fragt sie erstaunt: ›Warum nicht lieber: wie gefällt er mir?‹«

In diesem Augen blick ging die Tür auf, und Ruth trat ein.

Sie kam aus ihrem Zimmer, ohne eine Ahnung, daß sie Besuch vorfinden würde. Als sie so unerwartet Erik erblickte, fuhr sie zurück und wurde glühend rot.

Diese plötzliche Anwesenheit seiner Person inmitten der Ihrigen, die ihr so fern standen, – die unerwünschte Vermischung eines sie ganz erfüllenden Bildes mit der Umgebung, die sie mied und floh, machte einen ganz seltsamen Eindruck auf sie. Etwa so, wie wenn eine Traumgestalt aus herrlichen Phantasien ins wirkliche Leben niedersteigt, um ein banales Gespräch zu führen; – etwa so, wie wenn man das Intimste, was nicht einmal Worte besitzt, in die Sprache des Pöbels übersetzt findet.

Daß Erik herkommen, daß er sich überhaupt mit ihren Verwandten auseinandersetzen mußte, das fiel ihr nicht im geringsten ein. Er hätte das schon so einrichten müssen, daß es eine Angelegenheit aus einer andern Welt – aus ihrer Welt blieb. Sonst wäre sie lieber noch des Nachts heimlich und auf bloßen Füßen zu ihm gelaufen.

Entsetzlich rot und linkisch sah sie aus, wie sie sich da, verlegen und mit scheuem Gesicht, in die Türspalte drückte. Aber nicht Verlegenheit empfand sie, sondern eine unentwirrbare Mischung von Zorn und Scham, – Scham darüber, daß etwas Zartes, ihr Zugehöriges vor fremden Augen herumgezeigt und besprochen wurde.

»Nun, Ruth, benimmt man sich so?« bemerkte die Tante verweisend, »kannst du nicht näher kommen?«

Da tat sie etwas Wunderliches. Sie hob beide Hände seitlich vor die Augen, und so, mit scheuklappenartig verdecktem Gesicht, ging sie, wie ein Kind, das sich vor fremden Gästen fürchtet, durch das Zimmer bis vor den geschnitzten runden Sofatisch, um den sie saßen.

Der Onkel lachte, seine Frau schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte strafend: »Ein so großes Mädchen!«

Erik, der bei Ruths Eintreten den Kopf nach ihr gewandt hatte, blickte sie schweigend und aufmerksam an. Als sie dicht neben ihm stand, hob er die Hand und zog ihr die Hände vom Gesicht fort. »Warum willst du mich heute nicht ansehen, Ruth?« fragte er sie.

Sie antwortete nicht. Noch war sie sehr rot und hielt die Augen zu Boden gesenkt. Dieses »Du«, das er zu ihr sagte, und das sie gestern so dankbar hingerissen hatte, verletzte sie heute beinahe. Es klang ganz anders – hier, an dieser Stelle, – es klang wie die Anrede, die man einem Kinde gegenüber wählt, das unter lauter Erwachsenen dasteht. Ja, sie stand ihm und den andern gegenüber, und sie verhandelten da über sie, als wäre sie verraten und verkauft, – als handelte sich's gar nicht um ihre – ihre eigne, eigenste Angelegenheit.

Durch Erik fühlte sie sich verraten und verkauft.

»Sie lernen ja Ruth von einer liebenswürdigen Seite kennen,« meinte der Onkel, noch immer lächelnd, »aber sie ist nicht so schlimm, wie es aussieht. Was ist dir nur in die Krone gefahren, Kleine? Verlegen hab' ich dich noch nie gesehen.«

Erik, der sie unverwandt ansah, suchte jetzt die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken.

»Wir wollen schon miteinander zurechtkommen,« sagte er mit warmer Stimme und wandte sich an den Onkel mit einer Frage wegen Tag und Stunde des geplanten Unterrichts.

Ruth stand teilnahmslos daneben, ohne die Wechselreden der andern zu beachten. Nur die Röte wich allmählich von ihrem Gesicht und machte einem Ausdruck verhaltener Traurigkeit und Enttäuschung Platz. Sie blickte nicht auf, sondern studierte eingehend das glänzende Muster des Parkettfußbodens.

Da, als Erik schon Miene machte, sich zu verabschieden, hörte sie ihren Onkel sagen: »Wenn es Ihnen also wirklich kein zu großes Opfer ist, so erwarten wir Sie hier nachmittags nach Ihren Schulstunden!«

»Nein!« warf Ruth plötzlich laut dazwischen. Es war, als ob sie auf wachte. Erstaunt und blitzend gingen ihre Augen vom einen zum andern. »Hierher? das ist ja ein Irrtum. Ich werde hinaus kommen.«

Alle sahen sie verwundert an, als sie das so kategorisch, ohne eine Spur von Befangenheit erklärte. Erik aber erhob sich rasch.

»Das ist am Ende wirklich das Bessere,« stimmte er ihr unwillkürlich bei, »und wenn Ruth den Weg nicht scheut und den Abend dann bei uns verbringen will, so wär' es in der Tat während dieser Sommertage vorzuziehen.«

Er sprach nicht mehr mit ganz der gleichen, überlegenen Sicherheit wie vorhin, sondern etwas hastig. Ein schwacher Reflex von dem, was Ruth so peinigend und störend an der Situation berührt hatte, schien jetzt auch auf ihn überzugehn, als ahne oder begreife er plötzlich ihre zornige Scheu. Als er ihre Augen so vorwurfsvoll und mit einem unkindlichen, fast strengen Blick auf sich gerichtet sah, da kam es ihm selbst mit einemmal sonderbar vor, daß er sie anderswo um sich hatte haben wollen als in seinem eignen, stillen Zimmer, – dort, wo sie zu ihm gekommen war. Beinahe hätte der Zufall es so gefügt. Aber sie ließ keinen Zufall zu. Klar und zwingend wie eine Vision stand vor ihren Augen, was sie sich ersehnt und erträumt hatte.

Während Erik mit ihrem Onkel das Zimmer verließ, und die Tante hinausging, blieb Ruth regungslos stehn, die Hände auf dem Rücken, den Kopf gebückt, wie immer, wenn etwas sie sehr beschäftigte. Im Flur hörte sie die Haustür gehn, dann einen raschen Schritt auf der steinernen Treppe. Darauf wurd' es ganz still.

Sie sah das Zimmer wie durch einen Schleier, überschüttet von blendendem Sonnenlicht, das durch die hohen Blattgewächse und Palmengruppen in beiden Fensterecken hindurchschimmerte und an den vergoldeten Rahmen der Gemälde aufblitzte, die schon einen dünnen Tüllbezug gegen Staub und Licht erhalten hatten.

Ruth ging langsam auf den Stuhl zu, worauf Erik vorher gesessen hatte. Sie setzte sich hin, legte beide Arme auf den Tisch und den Kopf darauf.

Und dann fing sie an, bitterlich zu weinen.

*

Bei Tisch, zu Mittag, beobachtete der Onkel Ruth nachdenklich. Es hatte ihm so sehr imponiert, daß Erik alles zu ergründen schien, was in ihr vorging. Da saß sie nun so schweigsam. Freilich konnte man nicht wissen, woran sie dachte. Aber das konnte dieser Lehrer doch auch nicht. Er war doch kein Hellseher.

»Woran denkst du eigentlich den ganzen Tag?« fragte Onkel Louis plötzlich ärgerlich.

»Ich? An gar nichts!« versicherte sie mit einem verwunderten Blick.

»Aber an irgend etwas mußt du doch denken. Das tut ja jeder Mensch. Woran dachtest du zum Beispiel jetzt eben?«

»Jetzt eben dacht' ich an Großpapa,« sagte Ruth.

Darüber freute sich der Onkel und sah sie freundlich an. Er hatte seinen Vater unendlich lieb gehabt.

»Du warst erst fünf Jahr alt, als deine Eltern starben und du hierher kamst, erinnerst du dich denn seiner noch?«

Sie nickte, und vor ihrem Blick tauchte die erste ganz bewußte und deutliche Erinnerung aus ihrer Kindheit auf: eine Generalsuniform, ein schneeweißer großer Schnurrbart, und darüber zwei gütige blaue Augen – Kinderaugen eigentlich.

»Einmal hob er mich aus dem Bett, – er sah so schön aus, mit Bändern und Sternen, und blitzte über und über, – und da kam seine brennende Zigarette an meine bloßen Arm. Ich schrie sehr. Und da kamen ihm Tränen in die Augen, – aber wirkliche, große Tränen, so daß die Augen ganz voll davon standen. Und dann drückte er mich an sich und küßte mich – auf den Arm und den bloßen Hals und das Gesicht und den ganzen Körper. – So war Großpapa. – Jetzt würd' ich mir gern den Arm abbrennen lassen, wenn er mich nur noch einmal so küssen wollte!« fügte sie wild hinzu.

Man sah, wie es in ihr gärte. Großpapas Zärtlichkeit hatte sie nie vergessen können.

»Hast du Bilder und Andenken von ihm?« fragte der Onkel und dachte darüber nach, was er ihr schenken könnte.

Sie schüttelte den Kopf.

»Keine Bilder. Nur ein Knallbonbon. Das brachte er mir einmal vom Kaiser mit. Von einem Galadiner. Ich glaubte so bestimmt, es müßten goldene Kleider drin sein. Aber Großpapa meinte, es wären nur Kleider von dünnem Seidenpapier mit einem kleinen Rand von Flittergold. Da hab' ich das Bonbon lieber nicht knallen lassen. Ich hab' es noch. – Und so sind eigentlich noch immer goldene Kleider drin.«

Dem Onkel kam ein Lächeln. Erik imponierte ihm lange nicht mehr so sehr. Großpapas Küsse, Knallbonbons, goldene Kleider und Kleider aus Seidenpapier, – das waren doch sicherlich normale und harmlose Phantasien eines Kinderkopfes. –

Als Ruth am nächsten Nachmittag zu ihrer ersten Unterrichtstunde fortging, zupfte Onkel Louis sie tröstend am Ohrläppchen und raunte ihr zu: »Du! wenn du ihm weglaufen solltest, so nehm' ich dich in Schutz!«

*

Aber als Ruth diesmal am Gartenzaun des Landhauses stand, kam ihr nicht, wie neulich, der Gedanke an Weglaufen. Sie zauderte auch nicht mehr so lange, einzutreten, sondern stieß die Pforte auf und ging gradeaus, – nicht hinten die Terrasse hinauf und ins Haus, sondern weiter, in die Tiefe des Gartens, der sie das erste Mal so gelockt hatte.

Dort stand Jonas bei den Obstbaumgruppen, emsig beschäftigt, Raupen zwischen den kleinen Blättern herauszusuchen. Eigentlich waren noch gar keine Raupen da. Aber er konnte es nicht erwarten, sie abzulesen.

Als er Ruth herankommen sah, riß er den breitrandigen Strohhut vom Kopf und machte ein verlegenes Gesicht, denn der Sonnenwärme wegen hatte er die Jacke abgeworfen.

»Papa ist im Hause!« bemerkte er diensteifrig und bückte sich nach seiner Jacke, die auf dem Rasen lag.

»Ja! Er stand am Fenster,« bestätigte Ruth, und lehnte sich gegen den dicken Stamm einer alten Ulme. Darauf wußte er nichts zu entgegnen, und so schwiegen sie beide einige Augenblicke.

»Wie wunderschön!« sagte Ruth dann, ganz in ihren Frühling versunken, und breitete beide Arme nach den mächtigen, leise schwankenden Ästen empor, die über ihr rauschten.

Jonas sah angestrengt in die Höhe, gewahrte aber nichts.

»Wo ist das Schöne?« fragte er verwundert.

»Diese drolligen kleinen Ulmenblätter! Die andern Bäume haben schon viel größere Blätter. Aber diese sitzen noch so zusammengedrückt in den Knospen, – und alle mit einander an den Zweigspitzen, – als getrauten sie sich nicht. Oder als guckten sie frierend nach den klebrigen braunen Hülsen, die sie schon heruntergeworfen haben. Sieht es nicht aus, als wären sie in lauter kleinen Sträußchen auf dem Baum verstreut? Es sieht aus, als wären sie ihm nur so angeflogen. Und als könnten sie wieder wegfliegen.«

»Die fliegen aber nicht weg,« versicherte Jonas und wandte sich wieder seinen vermeintlichen Raupen zu.

»Nein. Nur diese hier tun es,« bemerkte Ruth und streckte ihre Hand gegen den Kirschbaum aus, von dem unter Jonas' unvorsichtiger Berührung die zarten Blütenblätter auf ihren Arm niederschwebten.

»Dies hier sind gute Kirschen. Hoffentlich von den roten durchsichtigen,« meinte Jonas, »denn die ess' ich am liebsten. Sonst haben wir fast nur Apfelbäume und gewöhnliche Holzbirnen.«

»Die sehen ebenso schön aus,« entgegnete Ruth; »wenn man am Gitter steht, sieht es aus wie ein Märchen. Aber später werden sie so grün und natürlich wie die andern Bäume. Nur kleiner.«

»Das muß so sein,« erklärte Jonas gleichmütig, »sonst würde der Rasenplatz ja niemals rechten Schatten kriegen. Und der ist das Beste vom Sommer. Denn grade hier am Springbrunnen unter den Obstbäumen liegt meine Mutter im Ruhestuhl. Und sie kann die viele Sonne nicht vertragen.«

Ruth sah ihn mit Interesse an. Es kam ihr als etwas Besondres vor, daß er sich seiner kranken Mutter wegen über die Bäume und den Schatten freute und die grünen Blätter besser fand als all die wunderschönen weißen Blüten. Die Schulmädchen, die sie kannte, besaßen zwar meistenteils auch Mütter, aber die pflegten gesund zu sein, und nie hatte sie gehört, daß sie sich deren wegen auf den Sommer freuten, sondern immer nur wegen der Ferien. Und dann waren es Mädchen. Dies hier aber war ein Junge.

Sie betrachtete Jonas genauer, und er gefiel ihr sehr gut. Und auch er sah jeden Augenblick zu ihr hinüber, und auch sie gefiel ihm über die Maßen.

»Ist sie sehr krank?« fragte sie nach einer Weile zaghaft.

»Nicht sehr. Sie kann nur nicht aufstehn, – schon viele Jahre nicht,« belehrte er sie; »wenn sie das tun will, dann nimmt Papa sie in die Arme und trägt sie. Das kann er so prachtvoll. Manchmal hat sie auch Schmerzen, und weint. Und dann muß Papa immer bei ihr sein, und das hilft ihr.«

Ruth wandte unwillkürlich den Kopf dem Hause zu, wo die kranke Frau lag und wo er war, der sie trug und ihr half, wenn sie Schmerzen hatte.

»Hinter diesem Fenster,« sagte Jonas und wies mit der Hand über die Terrasse nach dem Wohnzimmer; »da ist eben ihr Stuhl der Sonne wegen hereingetragen worden.«

Aber im breiten Rahmen des geöffneten Fensters war nur Eriks Gestalt zu sehen, der ihnen den Rücken zukehrte. Und nun wandte er sich langsam um.

Ruth löste sich ein wenig hastig von dem Stamm, woran sie lehnte. »Jetzt will ich hineingehn,« sagte sie.

Nach dem Erik von der Straßenseite her Ruth in den Garten hatte treten sehen, war er wirklich an das Fenster des Wohnzimmers gegangen und hatte von Zeit zu Zeit nach der Obstbaumgruppe hinübergeblickt, wo sie mit Jonas stand und plauderte.

Klare-Bel lag neben dem Fenster, mit einer mühsamen und kunstvollen Handarbeit beschäftigt, die darin bestand, an einer schadhaft gewordenen Damastserviette das Muster nachzuziehen. Man nannte diese Arbeit in Holland »Mazen«. Und wer es ernst damit nahm, der wollte das »Mazen« bis auf das Ausbessern der Strümpfe und Unterjacken erstreckt wissen.

»Kommt Ruth noch immer nicht herein?« fragte sie nach einer langen Pause.

Er zog die Uhr.

»Nein. Noch fehlen einige Minuten an der Zeit,« bemerkte er einsilbig.

»Das ist doch eigentlich kein Grund, nicht hereinzukommen, wenn sie einmal da ist. Aber vielleicht steht sie viel lieber im Garten und plaudert mit Jonas, als daß sie im Zimmer sitzt und lernt, Erik. Das ist am Ende auch ganz natürlich.«

Er schwieg und blickte mit einem Ausdruck von Ungeduld auf ihre Handarbeit nieder. Er konnte das »Mazen« nicht leiden und behauptete, es verdürbe die Augen, und sogar den Charakter.

»Bitte, hör jetzt einen Augenblick mit dem Sticheln auf,« sagte er und nahm ihr einfach die Nadel aus der Hand, »ich weiß nicht, – das Zeug macht nervös.«

Dann sah er aber doch wie der auf die Uhr.

Ihm war die Ahnung gekommen, daß es doch nicht so ganz von selbst gelingen werde, bestimmende Macht über Ruth zu gewinnen, wie er sich's an jenem wundersamen Maiabend gedacht hatte. Sie wollte durch keine unerwartete oder unerwünschte Bewegung von seiner Seite in ihrem selbständigen Traumleben gestört werden, und erhob sie ihn auch zum Helden ihrer »allerschönsten Märchengeschichte«, so mußte er sich dabei doch ganz still verhalten und auf alle ihre Intentionen eingehn, – sonst entglitt sie ihm leise wieder, so leise und traumhaft, wie sie in sein Leben gekommen war.

Das durfte nicht sein; der Erzieher in ihm litt es nicht, daß ihm mißlinge, was er sich mit Ruth vorgenommen hatte. Er wußte: er würde nicht eher ruhen, als bis er ihren Willen ganz in der Hand hielte. Aber welch eine zarte Hand wollte er dann für sie haben!

Neben diesen pädagogischen Erwägungen erfüllte ihn eine ungeduldige Freude. Freude über den Kampf, der ihm mit Ruth bevorstand. Erik, der andre weit besser zu erforschen verstand als sich selbst, ahnte gar nicht, wie stark sich unter dem Deckmantel des Pädagogen ein jugendliches, herrschsüchtiges Verlangen in ihm regte.

Er wandte sich dem Garten zu.

»Jetzt kommt sie!« sagte er, und wirklich, es klang wie ein Seufzer der Erleichterung.

Seine Frau unter drückte ein Lächeln und nahm ihre Arbeit wieder auf. »Nun, viel Erfolg, Erik! Vergiß nur nicht, daß wir um neun Uhr den Tee nehmen. Du wirst sie hungrig und durstig machen, denk' ich mir.«

Er war über den Flur in seine Arbeitstube gegangen und öffnete schon von innen die Tür, als Ruth kam und anklopfen wollte.

»Endlich!« bemerkte er, während sie eintrat, »weißt du, Ruth, was meine Frau soeben meinte? Sie meinte, du seiest gewiß viel lieber mit Jonas draußen im Garten als bei mir hier in der Stube. Was sagst du dazu?«

Sie blickte ihn unsicher an und setzte sich auf seinen Wink in den Ledersessel, der am Fenster stand. Dann erwiderte sie mit niedergeschlagenen Augen: »Ich bin doch gekommen, weil ich wollte, – nur weil ich's wollte. Daß Jonas auch hier ist, wußt' ich doch gar nicht. Das ist ja nur Zufall. Den fand ich hier.«

Er wußte nicht gleich, was ihn an der Antwort, die keine war, überraschte. Sie betonte ausschließlich, daß sie ganz aus freien Stücken hier sei. Auf einen Vergleich ließ sie sich vorsichtshalber gar nicht ein.

»Wenn es in der Folge nur nicht umgekehrt kommt, mein liebes Kind,« sagte er, indem er an seinen Schreibtisch trat und einige Hefte und Bücher zurecht legte, »denn mit Jonas plaudern oder im Garten umhergehn wirst du ja in der Folge nur, wenn du ›willst‹, das heißt, wenn dir Stimmung und Laune zufällig danach stehn. Hier hingegen, wo du freiwillig hergekommen bist, kann es doch nicht ganz so bleiben. Hier wird dich notwendigerweise etwas fest Bestimmtes erwarten, was vom Augenblick und seinen Stimmungen unabhängig ist. Also auch etwas, wovon du manchmal denken wirst: ›ganz so möcht ich's nicht, – ganz so meint ich's nicht, – dies da soll anders sein, – das da soll heute nicht da sein‹. Ist es nicht so?«

Sie schwieg hartnäckig und machte ein verschlossenes Gesicht. Es war ihr wirklich ungefähr das durch den Kopf gegangen, was er da sagte. Aber daß er das wissen konnte, kam ihr sehr unangenehm vor.

Er blieb bei ihr stehen und nahm ihr die Wollmütze, die sie aufbehalten hatte, vom Haar.

»Nun Ruth, gestern hast du mich nicht ansehen wollen, und heute willst du mich nicht anreden. Hältst du so unsern Vertrag? Und ich hoffte bestimmt, daß du mir viel erzählen würdest. Viel – alles. Alle deine schönsten Geschichten.«

»Nein,« erklärte Ruth, »nie und nimmer. Ich will nichts erzählen. Ich will alles für mich allein behalten.«

»Du Geizhals!« sagte er und lachte, »das ist sehr schlimm. Ist es nicht schlimm, wenn man einen zu Gaste geladen hat, und dann die Haustür vor ihm zuschlägt? Aber zum Glück kannst du das gar nicht mehr, Ruth. Hast du mir nicht deine Geschichten geschenkt? Hast du das vergessen? Nun sind sie mein Eigentum. Ich kann damit machen, was ich will. Ich kann sie dir aus Kopf heraus nehmen und für mich ganz allein behalten.«

»Ach nein!« fiel sie etwas lebhafter ein und griff unwillkürlich nach ihrem Kopf, »das geht ja gar nicht. Es geht nicht, wenn ich nicht will.«

»Du sprichst so viel von deinem Willen, Ruth. Und daß du nur hier bist, weil du grade willst. Aber weißt du denn eigentlich auch, wozu du es willst?«

Sie stutzte und blickte auf. Als sie nicht gleich eine Antwort fand, fügte er hinzu: »Ich weiß es für dich: du wolltest eben diesen Willen klären und erziehen lassen von jemand, der dich lieb genug dazu hat. Alles Lernen ist nur ein Mittel dazu.«

Ruth legte ihre Hände an die Seitenlehnen des Sessels, und ihr Gesicht wurde noch ablehnender. »Wie wenn sie ein Visier vorgelegt hätte!« dachte Erik, sie betrachtend. Aber hinter diesem Visier arbeitete eine steigende Erregung in ihr. Die passive Stimmung, in der sie heute hergekommen war, hielt unter Eriks Andrängen nicht stand, aber noch weniger vermochte sie den Traum und das seltsame Glück des ersten Abends wiederzuerhaschen. Sie verschloß und verbarg sich daher instinktiv vor ihm, wie vor einer Macht, die man sich erst genau ansehen muß, ehe man sich mit ihr einläßt.

»Alles ist heute anders!« murmelte sie.

»Es wird immer anders sein, als du dir's willkürlich ausmalst,« entgegnete er in ruhigem Ton, »und das soll es auch, Ruth! Es soll zu ernst sein für ein bloßes Spiel der Phantasie. Siehst du, auch ich habe mir etwas Schönes ersonnen und geträumt, was ich in dir verwirklicht sehen möchte. Ich versprach dir doch: für die Geschichten, die du mir erzählen wolltest, solltest du eine durch mich erleben. Die Allerschönste, – sagtest du nicht so? Mit dem Erzählen mußt du's nun halten, wie du willst, aber mit dem Erleben wirst du's halten, wie ich will. Es war mein Geschenk für dich. Und wenn du heute auch nichts davon wissen willst, so wirst du es doch annehmen müssen.«

Ruth wurde unruhig. Sie kannte nur zwei Sorten Menschen, und daß sie Erik in keiner von beiden unterbringen konnte, ängstigte sie. Die eine Sorte bestand aus ihrer jeweiligen täglichen Umgebung, die ihr meistens störend oder gleichgültig war und wirkungslos an ihr abglitt; die andre bestand aus den fremden Menschen, die sie, wie Schattenbilder, aus der Ferne betrachtete und denen sie die äußre Anregung zu ihren Phantastereien entnahm. Zu diesen konnte Erik nicht gehören, denn die taten nur, was sie wollte, – sie waren ja nur, was sie wollte. Er hingegen war eine Wirklichkeit, die auf sie eindrang. Sie konnte ihn aber auch nicht abwehren, wie sie die Ihrigen von sich abwehrte, denn es war etwas da, was sie mächtiger reizte und anregte, als es alle Schattenbilder zusammen getan hatten.

Sie sah ihn scheu an.

»Ich will lieber ein anderes Mal kommen,« bat sie leise, »ich kann heute nicht lernen. Ich kann's nicht.«

»Doch, doch!« entgegnete er beschwichtigend, »du kannst es. Und im Grunde willst du's auch. Aber wir können nicht in jedem Augenblick den Kampf darum von neuem aufnehmen. Der muß ein für allemal entschieden werden. Du oder ich, Ruth! Einer von uns beiden muß gehorchen.«

Da sprang Ruth plötzlich auf und sagte undeutlich: »Dann kann ich auch fortbleiben.«

Es war ihr ganz spontan, wider alle Überlegung, entfahren. Aber nun half es nichts. Nun war es heraus.

Erik sah, daß sie ganz blaß und über sich selbst erschrocken dastand, und ein heftiges Mitleid mit ihr erfaßte ihn. Ihm kam es vor, als habe er sie mißhandelt, und sein Blick wurde sehr weich.

Aber er dachte nicht daran, dieser weichen Regung nachzugeben. Er wünschte, die entscheidende Situation so scharf als möglich zum Austrag zu bringen. Am Gelingen zweifelte er nicht. Und voll Freude fühlte er: war's erst überstanden, so konnte er alle Strenge in die Rumpelkammer werfen. Dann war er Ruths für alle – alle Zeit sicher.

»Gewiß kannst du fortbleiben,« bestätigte er ruhig, »wenn sich's für dich wirklich nicht um mehr gehandelt hat als um einen solchen Zeitvertreib, wie ihr ihn unter euch im Schulhof treibt. Weißt du noch, was du von dem Fremden gesagt hast, den ihr in euer kindisches Spiel hereinzogt? ›Wenn er mir nicht gepaßt hätte, wenn er aus der Rolle gefallen wäre, die ich ihm zugewiesen habe, dann hätt' ich mir einfach einen andern suchen müssen, – ich hätte die Augen zugemacht und wäre fortgelaufen.‹ Ist es hiermit ebenso oder auch nur annähernd so – – dann lauf nur fort.«

Während er sprach, fühlte er beständig das große Mitleid. Sie sah nur ein einziges Mal auf, und wie sie seinem weichen Blick begegnete, da war es, als ginge ihre passive Abwehr in eine Art von Angriff über, – als suche sie nach einer Waffe, nach irgend etwas, was sie von ihrem Leiden befreien, ihm weh tun und ihr Macht geben könne. Ihm fielen die Worte ein, die sie vom Fremden gebraucht hatte: »Ich brauchte ihn eben, und da nahm ich ihn mir!«

Ruth langte nach ihrer Wollmütze, die auf dem Schreibtisch lag, und drückte sie zwecklos in den Händen zusammen.

»Ich will nach Hause gehn!« wiederholte sie und zitterte am ganzen Leibe.

»Wie du willst.«

»Also adieu,« sagte sie und ging langsam, wie gelähmt, der Tür zu.

»Adieu, mein Kind.«

Sie hatte Mühe, den Türgriff zu finden und niederzudrücken, ihre Hände waren kalt und gehorchten ihr nicht. Als aber die Tür offen war und sie in den Flur hinaustrat, da blickte sie beim Schließen der Tür mit brennen den Augen ins Zimmer zurück.

Erik saß auf dem von ihr verlassnen Ledersessel am Fenster. Er hatte den rechten Arm auf die Lehne gestützt und die Hand über die Augen gelegt.

Und plötzlich über fiel Ruth das Bewußtsein: daß all sein Herrschenwollen im Grunde doch nur ein Dienenwollen sei. Plötzlich überfiel es sie: daß er eben jetzt leide, – um sie leide, die ihn verletzt hatte.

Es traf sie mit einem Schmerzgefühl, aber dies Gefühl war seltsam und berauschend: es lag Triumph darin. Es war ein Schmerz, der sich wie ein Glück anfühlte.

Noch immer zitterte sie am ganzen Körper, aber nicht mehr in der Angst der Flucht. Sie hatte mitten in der Angst ihrer Flucht Halt gemacht, sich gegen den Feind gekehrt und ihn besiegt gesehen.

Wer Ruth über den Flur gehn sah, der konnte meinen, sie sei trunken.

*

Um neun Uhr, – Gonne hatte bereits den Tee und die gerösteten Brotschnittchen auf den Tisch gebracht, – kam Erik endlich ins Wohnzimmer herüber.

»Es ist doch nichts vorgefallen?« fragte seine Frau mit einem Blick in sein Gesicht. »Ruth ist ja schon so bald fortgegangen. Und ich dachte doch, daß sie mit uns bleiben sollte?«

»Für heute war es besser so,« versetzte er, und Klare-Bel fragte nicht weiter.

Aber Jonas tat es statt ihrer.

»Ruth hab' ich ganz ungeheuer gern,« versicherte er, »kommt sie bald wieder her, Papa?« »Bald!« sagte dieser.

»Denk dir nur, sie wollte mir's nicht sagen,« plauderte Jonas weiter, »ich habe sie nämlich noch im Garten gesprochen, wie sie fortging. Da sah sie so kurios aus, Papa, ihre Augen waren so groß und glänzten so, – sie sah aus, als ob sie grade was geschenkt bekommen hätte.«

»Was geschenkt?« wiederholte Erik und setzte das Teeglas, das er zum Munde führen wollte, hart auf den Tisch nieder.

»Ja, ganz gewiß, grade so sah sie aus. Aber sie antwortete mir nicht, und dann, am Gitter, da bat sie mich um ein Glas Wasser.«

»Ihr ist doch nicht unwohl geworden?« fragte Klare-Bel besorgt.

»Nein, aber sie zitterte ordentlich. Das Wasser hab' ich ihr vom Brunnen geholt. Und dann ist sie fortgegangen. – Ich habe ihr aber noch lange nachgesehen,« fügte Jonas hinzu.

»Gewiß warst du zu streng mit ihr, Erik,« sagte Klare-Bel, »ich konnt' es dir schon ansehen, wie du hinübergingst.«

»Zu streng? Aber, Bel, dann sieht man doch nicht aus, als ob man etwas geschenkt bekommen hätte.«

Er sprach in leichtem Ton, doch beschäftigte ihn, was Jonas erzählt hatte. Es war etwas Neues, Unerwartetes, worin er sich nicht gleich zurechtfinden konnte. Daß sie trotzte, und selbst daß sie weglief, begriff er ganz gut und rechnete damit. Aber dies hier begriff er nicht. War es denn möglich, daß sie gern – mit Freude fortging? – – Und daß sie nicht wiederkam?

*

Während sie noch beim Tee saßen, zog draußen ein schweres Gewitter herauf. Klare-Bel blickte ängstlich nach dem Fenster, durch das man die dunkle, schwarzgelbe Wolkenbank am Himmel stehn sah. Ein Sturmwind fuhr durch die Baumkronen, schüttelte und beugte sie; der Tagesschein, den die lange Maihelle noch über den Garten gebreitet hatte, verschwand unvermittelt. Und gleich darauf prasselte unter grellzuckenden Blitzen und gewaltigen Donnerschlägen ein heftiger Platzregen nieder.

»Bitte, laßt doch die Fenster schließen! Bitte, Jonas, iß nicht mehr! Ach Erik, der Donner!« sagte Klare-Bel, die vor jedem Blitz die Augen schloß.

Erik stand auf, blieb einen Augenblick am Fenster stehn und schaute in den Aufruhr hinaus, dann schloß er es und kehrte zu seiner Frau zurück. Die Gewitterangst war etwas, was sie überkommen hatte, seitdem sie hilflos daliegen mußte. Als junge Frau kannte sie dergleichen nicht, und Erik würd' es auch wohl nicht an ihr geduldet haben. Jetzt hatte er Geduld damit.

»Wenn man eine Lampe anzünden könnte! Es ist so dunkel geworden auf einmal. Und dann ist der Blitz so furchtbar hell, Erik!«

»Gonne braucht keine Lampe hereinzubringen,« erwiderte er lächelnd und legte seine Hand über ihre Augen; »bist du nun nicht geborgen, Bel?«

Sie nickte dankbar und drückte ihr Gesicht gegen seine Hände.

Es war ein arges Gewitter. Unaufhörlich folgten sich Blitz und Schlag. Auf Augenblicke sah der Garten aus wie von bengalischen Flammen beleuchtet, und im bläulichen Schein konnte man die vom Sturm losgerissnen Blätter und Blüten in tollem Wirbel durcheinanderfliegen sehen.

Wenn der Donner besonders gellend krachte, fuhr Klare-Bel jedesmal zusammen.

»Ob Ruth wohl schon zu Hause war, eh es losging?« fragte sie.

»Längst. Sie muß zu Hause gewesen sein, ehe wir uns zu Tisch setzten,« beruhigte er sie, »und der Diener wird sich freuen, daß er sie bei diesem Unwetter nicht zu holen braucht.«

Es währte noch eine ganze Weile, ehe Blitz und Sturm auch nur ein wenig nachließen und der grobkörnige Regen mit schwächerm Ton auf das Dach niedertrommelte.

»Nun, Bel, jetzt wird es besser,« sagte Erik und nahm seine Hand von ihrem Gesicht. Er öffnete wieder das Fenster, durch das die abgekühlte Abendluft jetzt frisch und gewürzig hereinströmte.

Jonas stand vor dem Fenster auf der regenumsprühten Terrasse und blickte, über die Brüstung gebeugt, in den verwüsteten Garten hinaus. Ein großer Ulmenast war quer über den Kiesweg gestürzt, die Obstblüte hatte den Aufruhr in der Natur mit dem Leben bezahlen müssen.

»Nun sind sie wahrhaftig davongeflogen, alle mit einemmal, die weißen Blüten,« rief Jonas bedauernd, »so, wie Ruth es gesagt hat! Wie leid wird es ihr tun. Sie fand sie so schön. Aber dort oben wird es schon wieder blau, Papa.«

»Gott sei Dank!« meinte Klare-Bel. »Solche Aufregung und Verwirrung draußen ist schrecklich. Man wird förmlich mit hineingerissen.«

»Ja, das ist nichts mehr für dich, meine Arme,« sagte Erik, »es gab aber Zeiten, wo du solche Gewitterstürme und dazu das Brüllen des Meeres aushalten mußtest, ohne daß ich bei dir war.«

»Das war auch entsetzlich, Erik, ganz entsetzlich war es,« versicherte sie zusammenschaudernd, »damals, als du mit Leuten hinausfuhrst, wenn ein Schiff in Gefahr war. Und das eine Mal, weißt du, wo du es ganz allein warst, der den Niels und die andern dazu beredete. Denn die hatten ja auch Frau und Kind. Aber das hast du immer so gut gekonnt: die Leute bereden. ›Es wird gehn!‹ sagtest du zu ihnen, und da glaubten sie dir.«

»Du glaubtest mir ja auch, Bel, wenn du allein zurückbleiben mußtest, und wenn es dir schien, als ginge das nicht.«

»Ja, Erik. Manchmal dachte ich, der Schreck würde mich töten. Aber dann sagtest du so zuversichtlich: ›Wenn ich nach Hause komme, naß und müde, Bel, dann muß ich da doch meine Frau finden und den kleinen Jungen, und beide vergnügt und gesund.‹ Nun, und da mußte es wohl so sein.«

Er schwieg. Vor seinem Blick stand eine Sturmnacht, wo er, aus wirklicher Lebensgefahr heimkehrend, seine Frau gefunden hatte, wie sie, das Kind neben sich, mitten in der kleinen Stube auf den Knien lag und laut betete.

Einen Augenblick lang war er fast bestürzt auf der Schwelle stehn geblieben, denn noch nie hatte er sie beten sehen. Als sie heirateten, waren ihm unter ihren Sachen ein paar Andachtsbücher in die Hände gefallen, und wie sie ihn darin blättern sah, fragte sie ihn:

»Glaubst du an das, was darin steht?« Er hatte mit ernsten Augen aufgeblickt und geantwortet: »Nein, Bel.« Seitdem war dieser Gegenstand nur noch ein einziges Mal, nach Jahren, im Gespräche wieder berührt worden, und da war es ihm mit innerm Staunen aufgegangen, daß seine Frau, ohne es auch nur selbst recht zu merken, ihren Glauben gar nicht mehr besaß. Auf seine Frage, wie denn das geschehen sei, hatte sie mit ihrem freundlichen Gleichmut verwundert erwidert: »Ja, Erik, wenn es doch gar nicht so ist, – was kann es dann noch nützen, daran zu glauben?«

Und als er nun in jener Sturmnacht in seinen hohen Schifferstiefeln und seinem nassen Wollwams hereintrat, da hörte sie auf zu beten und streckte ihm mit einem Freudenschrei beide Arme entgegen. Er hob sie von den Knien auf und küßte sie. »Tust du das, Bel, wenn ich nicht bei dir bin?« fragte er sie leise.

»Wenn du nicht bei mir bist, Erik!« sagte sie weinend, »denn dann, scheint mir immer, muß ich es tun!«

Damals trug sie sich mit dem zweiten Kinde. Kurz darauf tat sie den gefährlichen Sturz, der ihr die Gesundheit kostete, und das Kindchen wurde tot geboren.

Als Gonne mit einer brennenden Lampe herein am, fuhr Erik aus seinen Gedanken auf.

»Ich möchte jetzt zu mir hinübergehn,« bemerkte er und küßte seine Frau auf die Stirn, »ich habe noch Schularbeiten für morgen. Sobald du müde bist, mußt du mich rufen lassen.«

Bei Erik im Zimmer war es schon fast dunkel. Nur von ein paar rosenroten Wölkchen, die sich von der großen Wolkenmasse losgewunden hatten und nun mit heiterm Leuchten selbständig auf einem breiten Stück Himmelsblau umherschwammen, fiel ein schwacher Schein durch die Fenster. Man konnte in ihm den Schreibtisch, den Bücherschrank, das alte lederbezogene Sofa an der Längswand ziemlich deutlich erkennen.

Erik stutzte und blieb auf der Schwelle stehn.

Er hatte einen Augenblick klar zu sehen geglaubt, daß auf dem Ledersessel am Fenster Ruth säße. An Halluzinationen konnte er doch nicht leiden.

Mit einem Gefühl des Ärgers über sich selbst schloß er hin er sich die Tür und ergriff von einem Nebentisch einen Leuchter, um Licht zu machen.

Da fuhr er zusammen und setzte den Leuchter wieder hin. Auf dem Sessel saß wirklich jemand. »Ich bin es!« sagte eine klägliche Stimme. »Ruth!« rief er laut.

Sie war es. Durchnäßt bis auf die Haut, in Kleidern, von denen das Wasser schwer auf den Fußboden herabtropfte und die an einer Seite zerrissen niederhingen. Ihre Zähne schlugen hörbar aneinander.

Erik hatte sie in seine Arme gerissen und betastete sie besorgt und erregt mit liebkosenden Händen, – Brust und Arme und das verworrene Haar, das so eng und feucht um ihr kaltes Gesichtchen klebte.

»Wann – wann, – von wo bist du gekommen? Warst du denn nicht zu Hause?«

»Ich war nicht zu Hause,« sagte sie zaghaft und schmiegte sich frostbebend an ihn; »ich bin vom Stadtbahnhof wieder zurückgefahren. Und hergelaufen. Grade als es losging. Ich will nicht nach Hause,« fügte sie flehend hinzu, »mich friert so!«

»Mein Liebling, du sollst nicht nach Hause! Du sollst hier bleiben! Aber wie lange mußt du hier schon sitzen? Wie konntest du das nur tun? Und es hat dich doch niemand an der Tür auf der Terrasse läuten hören?«

»Ich habe nicht geläutet. Ich schämte mich. Ich bin hier durchs Fenster geklettert. Aber es ging schwer,« gestand sie, und Mund und Augen lachten übermütig zu ihm auf.

»Und dann? Wenn ich nun gar nicht mehr hier hereingekommen wäre?«

»Dann hätt' ich die ganze Nacht hier sitzen müssen!« erklärte sie schaudernd und rieb den Kopf an seinem Arm wie eine naß gewordene Katze. Und dann sagte sie ganz leise: »Denn vor den andern konnt' ich's nicht sagen. Und doch mußt' ich's sagen. Deshalb kam ich ja zurück! Ich mußte sage: Ich will alles tun, was ich soll.«

Eine Viertelstunde später war Jonas nach dem Bahnhof unterwegs, um ein Telegramm an Ruths Onkel aufzugeben, daß sie draußen übernachten müsse. Ruth selbst wurde wohl verpackt in Jonas' Bett gelegt, das Gonne eilig für sie hergerichtet hatte. Dann bekam sie heißen Tee zu trinken und fiel in einen unruhigen Schlummer.

Jonas fühlte sich sehr stolz, als er bei seiner Rückkehr hörte, daß er Ruth das wichtigste Möbel, das der Mensch besitzt, sein Bett, abgetreten habe. Und voll Begeisterung streckte er sich an diesem Abend in Eriks Arbeitsstube auf dem alten Lederdiwan aus, dessen Polsterwerk an Härte und unbegreiflichen Beulen nichts zu wünschen übrig ließ. Auch war Jonas zu aufgeregt, um bald einzuschlafen, und alle Augenblicke guckte er durch die Türritze, und fragte, was denn Ruth jetzt wohl mache.

Sie fieberte heftig und sprach im Halbtraum wild und wirr durcheinander.

»Der Sandkuchen,« hörte Erik sie mehrmals ängstlich sagen, »er drückt mich so. Er ist immer größer und größer geworden. Ich fürchte mich. Er verschlingt mich. Und anfangs war er so weich und klein und so wunderschön zum Kneten!«

Erik wachte bei ihr, bis der Morgen aufstieg.

Sie warf sich ruhelos in den Kissen umher, und immer wieder sprach sie mit sich selbst in abgerissenen Sätzen. Aber wie ihm schien, waren es keine eigentlichen Fieberphantasien, sondern sie enthielten einen deutlichen Zusammenhang. Es kam ihm der Gedanke, daß sie vielleicht oft so mit sich selbst spräche, ohne daß es ein Mensch hörte, und daß jetzt das Fieber vielleicht nur den gewaltsamen Anstoß gegeben habe, es unbewußt vor Menschenohren zu tun.

Er konnte ihren Worten entnehmen, daß sie sich fortwährend noch mit dem Gewittergang beschäftigte. Manchmal erwähnte sie diesen in einer Weise, als habe sie ihn gar nicht selbst gemacht, sondern als sei sie gegen ihren Willen des Weges geschoben worden, – mit Gewalt hinaus getrieben in Sturm und Blitz und Donnerschläge. Sie sah sich auf dem einsamen, dunkeln Weg dahingehn, während ihr Hagel und Wind entgegentosten und ihre Füße im tiefen durchweichten Lehmboden stecken blieben.

Und damit vermischte sich dann ein andres Fieberbild: der Versuch, vor etwas fortzulaufen, ohne es zu können, wie es wohl im Traume geschieht.

»Ich laufe und laufe, und komme nicht vom Fleck!« klagte sie unruhig, und das Fieber nahm zu, wenn sie daran dachte.

Am nächsten Morgen war Ruth fieberfrei. Als Erik, für seinen Schulgang fertig angekleidet, zu ihr eintrat, saß sie aufrecht im Bett, in einem Nachtjäckchen von Klare-Bel, das ihr zu kurz und zu weit war, und blickte ihm mit schüchternen Augen entgegen.

Auf der Bettdecke lagen Blumen verstreut, die Jonas in aller Frühe hereingschickt hatte. Sogar ein paar fast unversehrte Zweige von seinem Kirschbaum waren dabei. Er hatte sie mit Todesverachtung abgerissen.

»Muß ich nun nach Hause?« fragte Ruth ängstlich.

»Nein, mein Liebling. Du sollst hier doch nicht nur krank liegen, sondern auch gesund umherspringen. Meine Stube wartet ja noch auf dich. Wollten wir nicht zusammen arbeiten?«

»Ja!« sagte sie eifrig und machte eine Anstrengung, wie um aufzustehn, so daß die Blumen von der Decke glitten.

»Aber, mein liebes Kind, doch nicht jetzt im Augenblick. Später!«

»Später!« wiederholte sie gehorsam, indem sie sich zurücklehnte und die Augen schloß.

Erik faßte nach ihrem Handgelenk und prüfte den Puls.

»Wenn ich heute von der Stadt nach Hause komme,« bemerkte er dazwischen, »dann find' ich dich im Garten, im Sonnenschein, und ganz gesund. Nicht wahr?«

»Ja,« sagte sie folgsam, ohne die Augen zu öffnen. Aber auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Leiden oder Kummer, der ihn beunruhigte.

Er beugte sich zu ihr nieder und strich sanft das Haar aus ihrer Stirn.

»Aber nicht nur gesund, Ruth,« fügte er hinzu, »sondern auch froh! Nicht diesen in sich gekehrten, verschlossenen Ausdruck! Du darfst dich nicht wieder so scheu vor mir zuschließen, mein Kind. Bist du denn nicht mehr gern bei mir? Tut es dir nicht wohl, hierher zu gehören?«

Sie schlug die Augen auf und blickte ihn voll an.

»Es ist, als ob ich ins Meer gestürzt wäre,« sagte sie.

*

Erik ging früher als sonst fort, um noch vor Beginn seiner Schulstunden bei Ruths Verwandten vorsprechen zu können. Er traf sie beim ersten Frühstück. Basil ließ ihn erst auf seinen ausdrücklichen Wunsch, etwas zaudernd, in den Speisesaal eintreten, wo sich die Tante, im Morgenhäubchen, noch hinter dem Samowar befand. Sie zeigte sich ein wenig befremdet über den allzu frühen Besuch. Der Onkel, schon im Begriff, wie an jedem Morgen ins Ministerium hinunterzugehn, saß in Militärbeinkleidern und eleganter geschlossener Joppe beim letzten Glase Tee. Er sprang auf und kam Erik mit lebhaften, besorgten Fragen nach Ruth entgegen. Erik erzählte, daß sie auf dem Heimweg umgekehrt, ins Gewitter geraten und vor Aufregung krank geworden sei.

»Das kleine Ding!« äußerte der Onkel in zärtlich besorgtem Ton; er warf sich im stillen vor, daß er Ruth eigentlich dazu aufgemuntert habe, »wegzulaufen«. »Wie schlimm muß das für sie gewesen sein! Schon wenn Ruth einmal unerwartet aus dem Warmen ins Kalte gerät, da schaudert ihr die ganze Haut, und sie zittert. Und dann kann sie sich auch so ganz entsetzlich fürchten.«

Liuba kam herein, begrüßte Erik und schenkte sich mit schlafgeröteten Augen Tee ein; sie war in Gesellschaft gewesen und spät aufgeblieben.

»Ja, Courage hat Ruth mal nicht,« bestätigte sie, »als wir ihr einmal eine Raupe auf den Hals setzten, fiel sie in Krämpfe.«

Erik blickte mit bestürztem Gesicht auf.

»Hat sie dazu Anlage gezeigt?« fragte er langsam.

»Aber nein, sonst niemals!« erwiderte der Onkel ärgerlich, »es ist schon Jahre her. Dreizehn Jahre war sie wohl alt. Es war irgendwo in der Schweiz. Ruth trug ein dünnes Sommerkleid, mit bloßem Halse. Es war sehr schlecht von euch, sie so zu erschrecken, Liuba. Du solltest lieber davon still sein.«

»Wir haben uns doch nichts Böses dabei gedacht,« sagte Liuba, »warum saß sie auch immer so ganz versonnen und vertieft herum, so ganz wie ein Stein, der weder sieht noch hört. Es störte das Spiel der andern. Und da, wie nichts sie aufwecken wollte, setzten wir eine Ligusterraupe auf ihre Halskrause. Aber die Raupe kroch in den Halsausschnitt hinein. Ruth schrie nicht einmal auf. Sie fiel um.«

»Die Hauptsache habt ihr vergessen,« bemerkte die Tante, – »das, was die unartigen Mädchen entschuldigt und Ruths Schreck erklärt. Ruth war nämlich als Kind fest davon überzeugt, daß in den Raupen, Schlangen und allem Gewürm der leibhaftige Böse sitze. Sie steckte überhaupt immer voll von gottlosen Ammengeschichten. Weiß Gott, wo sie die auflas. In solchen Dingen ist Ruth immer so merkwürdig kindisch gewesen und auch geblieben. Sie hat noch heute unvermindert dasselbe Grauen.«

»Aber es ist ihr seitdem alles aus den Augen geräumt worden, was sie daran erinnern könnte,« sagte der Onkel zu Erik.

»Das hätt' es nicht dürfen,« entgegnete dieser bestimmt, aber sein Gesicht war sehr nachdenklich geworden. »Man kann mit Ruth nicht behutsam genug, aber gleichzeitig auch nicht fest genug umgehn, wenn man ihr nützen will.«

Er erhob sich, um Abschied zu nehmen.

Der Onkel schwieg einen Augenblick, zerdrückte stehend seinen Zigarettenrest auf dem Aschenbecher und sagte dann plötzlich herzlich zu Erik: »Wissen Sie, – ich bin froh, ordentlich froh bin ich, daß die Ruth bei Ihnen ist.«

»Ich wünsche nichts lieber, als daß sie mir bleibt!« entgegnete Erik einfach.

»Ja, sehen Sie,« fuhr der Onkel fort, indem er dicht an ihn heran trat, »ich glaube, grade bei Ihnen ist das kleine Ding endlich einmal vor die rechte Schmiede gekommen. Nach all ihren Irrfahrten. Und vor die rechte Schmiede, das heißt fast so viel wie: nach Hause.«

»Aber ich bitte dich,« fiel die Tante, unangenehm berührt, ein, »nach deinen Worten muß jeder denken, Ruth sei hier mißhandelt worden.«

»Ach, wieso denn mißhandelt,« sagte er verdrießlich, »nein, gut behandelt, natürlich, wie sollt' es auch anders sein? Aber wozu sollen wir's leugnen: Sie wissen sich besser um sie zu kümmern, als wir es verstehn. Schon neulich fühlte ich's, heute weiß ich's ganz deutlich. Ich freu' mich ja auch an ihr, – ja, das tu' ich, weiß Gott, – aber im übrigen: das Kind hat nichts davon. Das ist es nur, was ich meine.«

»Nun ja,« lenkte die Tante ein, »sicherlich müssen wir Ihnen dankbar sein. Aber sprich nur nicht so sündhaft. Es klingt ja geradezu so, als ob du Ruth los sein wolltest. Grüßen Sie das liebe Kind von mir. Und wenn sie erkranken sollte, komme ich ganz bestimmt hinaus und pflege sie.«

Erik versprach, das »liebe Kind« zu grüßen, das er ihr am liebten nie wieder gegeben hätte. Er ging mit dem Onkel fort und erwog einen Plan, wofür er ihn zu gewinnen hoffte. Sie waren bei nahe Freunde geworden.

*

Als Ruth im Laufe des Vormittags aufstand, sah sie Klare-Bels langen Stuhl schon am steinernen Springbrunnen aufgestellt. Ein Stück gestreiftes Segeltuch, das man zwischen den Obstbäumen angebracht hatte, schützte sie vor der Morgensonne.

Nach dem Gewitter schien sich das Laub ringsum wie durch einen Zauber entfaltet zu haben. Der Garten stand ordentlich grün da, und die letzten Blätter drängten sich aus der Knospe. Ruth ging langsam durch den Garten hin, und mit Entzücken hefteten sich ihre Augen auf die frische, sonnenwarme Schönheit um sie her und auf die kranke Frau, die inmitten davon ruhte.

»Guten Morgen, Ruth!« rief Klare-Bel ihr entgegen und streckte liebreich die Hand nach ihr aus, »willkommen, mein liebes Kind! Du weißt wohl, wer ich bin? Ich konnte nicht zu dir kommen, als du die Nacht krank dalagst. Ich bin froh, daß du wieder gesund bist, und daß du nun zu mir kommen kannst.«

Ruth ergriff die kleine, weiche Hand, der man es ansah, wie rund und rosig, mit Grübchen über den Knöcheln, sie gewesen war. Und einem raschen Gefühle folgend, beugte sie sich nieder und küßte die Hand. Sie blickte Klare-Bel mit einer Art von Ehrfurcht an, wie den kostbarsten Gegenstand dort im Hause.

»Erik und Jonas sind in der Stadt,« sagte Klare-Bel, »ich liege jetzt ganz allein hier. Willst du mir ein wenig Gesellschaft leisten, Ruth?«

Ruth nickte, noch immer ohne zu sprechen; sie war wie berauscht vom Frühling und von dem starken, frischen Duft, den alles um sie herum ausströmte. Am liebsten hätte sie aufgejauchzt.

»Ich werde hier sitzen bleiben,« erklärte sie und kauerte sich mit emporgezogenen Knien auf den bemoosten Steinrand des Springbrunnens, aus dessen geborstener Wasserurne über ihr sich ein langes, dünnes Schlinggewächs schlangengleich herunterrankte; »denn hier ist es am allerschönsten in der ganzen Welt!«

»Sie übertreibt alles!« dachte Klare-Bel, sie heimlich betrachtend, fühlte sich aber in diesem Augenblick doch angenehm berührt. »Am Meer ist es jetzt noch viel schöner, Ruth,« sagte sie, »da, wo wir früher gewohnt haben, – auf der kleinen Insel weit draußen. Bist du schon einmal am Meere gewesen?«

»Ja, mehreremal,« versetzte Ruth, »aber viel lieber wär' ich grade da gewesen, wo Sie gewohnt haben, – auf der kleinen Insel. Aber ich wußte damals nichts davon. Nein, ich wußt' es nicht.«

Es kam ihr sichtlich ganz wunderbar und eigentlich unbegreiflich vor, daß sie jemals nichts davon gewußt haben sollte. Klare-Bel fand, sie spräche ganz wie ein Kind: etwas so Selbstverständliches mit einem so ernsten und bewegten Gesicht.

»Und Sie wissen alles darüber!« setzte Ruth mit demselben Ausdruck hinzu, »alles, ganz so, wie es war. War es wunderschön?«

Klare-Bel war nicht redseliger Natur; sie sprach ebenso wenig, wie Erik viel sprach. Aber sie bekam große Lust, sich mit Ruth zu unterhalten.

»Soll ich dir davon erzählen?« fragte sie und sah sie lächelnd an.

»Ja!« sagte Ruth dringend, und ein Gefühl, mächtiger als nur Neugier, trat in ihren Blick, »aber alles! wie die Menschen waren, und das Leben, und das Haus, und das Meer, und auch die Schulkinder.«

Klare-Bel fand, daß man mit dem Hause anfangen müsse. Und nach dem sie beschrieben hatte, wie dörflich-klein, und doch wie wunderbehaglich es gewesen sei trotz seiner niedrigen Balkendecke und der schmalen Fensterscheiben, die immer von der Salzluft beschlagen waren, – kam sie auf die Menschen zu sprechen, die dort aus und ein gingen. Viele Menschen waren das, – ein ganzes Volk schien es Ruth, – und immer scharte Klare-Bel Erzählung sie um den einen, den sie in den Mittelpunkt stellte, um den einen, der mit ihnen alles teilte und alles tat, und den das jüngste Kind und das älteste Weib mit dem gleichen Lächeln grüßten.

Ruths Augen blitzten. Was Klare-Bel erzählte, das glaubte sie wahr zu nehmen, zu schauen, mitzuerleben; sie ergänzte unbewußt das Bild bis zur greifbarsten Deutlichkeit, indem sie es mit den Goldfarben übermalte, die ihr Klare-Bel selbst auf die Palette rieb. Und um dieses ganze Bild hörte sie unablässig das gewaltige Meer donnern und schäumen.

Sie roch die Salzluft und fühlte den feinen Meersand unter den Füßen knirschen; mit nachdichtender Schnelligkeit folgte ihre Phantasie den Andeutungen der Frau, die gar nicht wußte, wie liebevoll sie idealisierte, was sie Ruth beschrieb.

Als Klare-Bel geendet hatte, atmete Ruth tief auf mit lebhaft geröteten Wangen.

»O wie herrlich Sie erzählen,« rief sie dankbar, »ich möchte nichts andres tun, als Ihnen den ganzen Tag zuhören. Den ganzen Tag. Ach, das möcht' ich auch erleben! Wie schön muß es gewesen sein!«

»Das war es auch,« bestätigte Klare-Bel zufrieden, der es selbst noch nie so schön erschienen war, wie heute während ihrer eignen Erzählung. Von sich selbst hatte sie bisher noch gar nicht gesprochen, nur von Erik. Aber auf Ruths Ausruf fügte sie mit dem Stolz der Frau, die sich ihr Glück liebend verdient hat, hinzu: »Schön und auch schwer, Ruth. Denn es ist schwer, mit so Vielen teilen zu müssen, die Alle von Demselben Rat und Beistand und Teilnahme wollen und ihn immer in Anspruch nehmen, – ihn immer fortnehmen. Es ist nicht leicht, man muß bescheiden werden. Das würdest du erst lernen müssen.«

»Das?« sagte Ruth verdutzt, »nein, das möcht ich lieber nicht. Das hatt' ich mir dabei gar nicht ausgewählt. Aber so unter den Menschen stehn und alles können, als ob man ein Hexenmeister wäre, – das muß herrlich sein. Es muß sein, als ob man plötzlich viele Menschen auf einmal wäre – und dann auch noch mehr, als sie alle zusammen.«

Klare-Bel schwieg betroffen. Sie fühlte recht wohl die enthusiastische Bewunderung in Ruths Ton heraus, aber sie konnte nicht begreifen, wie sich dieser Enthusiasmus, weit davon entfernt, dem Bewunderten dienen zu wollen, einfach egoistisch an dessen Stelle wünschte.

Ruth vertiefte sich inzwischen ganz in das Bild, das sie sich ausgemalt hatte. Nach einer kurzen Pause hob sie wieder an: »Und das war doch nur ein Dorf. Eine ganz gewöhnliche Insel. Rings herum Wasser, so daß da alles aufhörte. Es hätte aber etwas noch viel Größeres sein können, nicht wahr? Vielleicht mit noch viel mehr Menschen drauf. Ich weiß nicht recht, wie. Aber ich denke mir: so stark sein, – und dann etwas Gewaltiges tun dürfen. Es braucht nicht beim Dorf zu bleiben.«

Klare-Bel berührten diese Worte wunderlich. Sie dachte im stillen, das sei es vielleicht so ungefähr gewesen, war ihr Mann einst gewünscht und erhofft habe. Damals, als alles um sie her noch Zukunft und Hoffnung war.

»Es wäre am Ende auch nicht beim Dorf geblieben,« meinte sie und sah Ruth an, »daran waren nur die Verhältnisse schuld. Er hatte früher so große Pläne. Ach, was hatte er alles für Pläne! Aber dann kam das Unglück, daß ich liegen mußte. Und es kamen die Ärzte, die Reisen, die Operationen. Zuletzt kamen die Schulden. Da war es mit den Plänen aus. Das hat alles schrecklich viel Geld gekostet, Ruth. Und ganz umsonst.«

Ruth blickte aus weit geöffneten Augen auf die Frau, die das so ruhig sagen konnte.

»Ich könnt's nicht überleben!« stieß sie entsetzt, wider Willen, hervor.

»Ach, mein liebes Kind! Das denkt man, wenn man noch so jung ist wie du. Dann aber lernt man, sich in das Schicksal und seinen Willen fügen. Sogar in das Schwerste: still zu liegen und nicht mehr mit eignen Händen für das Behagen derer sorgen zu dürfen, die man liebt. Denn das ist das Allerschwerste, Ruth.«

Es klang so sanft und liebevoll, wie sie das auf Ruths unbesonnenes Wort sagte. Keine einzige Klage hatte sie für sich selbst. Sie beklagte es nur; den andern nicht mehr dienen zu können.

Aber Ruth fand, es sei beinahe gleichgültig, ob man in einem solchen Fall den andern noch dienen könne. Was sie so entsetzte, war die Vorstellung, durch ein derartiges Unglück die Ursache zu werden, daß ein andrer, Starker, Gesunder aufhören mußte, seiner Sache zu dienen.

Es verwirrte sie ganz, daß ihr die sanfte kranke Frau gar nicht leid tat. Sie hatte das Gefühl: diese würde ihr schon leid tun, wenn sie nur erst Zeit hätte, an sie zu denken. Aber sie mußte immer an Erik denken. Und sie empfand Mitleid mit ihm, stürmisches Mitleid bis zum Weinen.

Klare-Bel lag grade ausgestreckt und blickte mit ihren ruhigen blauen Augen in den klaren blauen Himmel hinauf. Sie dachte an das Glück, wie sie es hätte behalten mögen, – so klar und blau und ruhig, wieder.

»Das wünschte ich dir,« sagte sie zu Ruth, die ganz verstummt war, »einmal so von ganzem Herzen jemand dienen zu dürfen, den du lieb hast. Dazu gesund zu sein, und schön und gut und klug oben drein! Gleichviel ob er dann Großes oder Kleines in der Welt vollbringt, – daran liegt's nicht! Das Lieben und das Dienen ist doch das Schönere. Namentlich für uns Frauen. Es ist viel schöner, als der zu sein, dem es gilt. Das brauchen wir nicht zu beneiden.«

»Ach nein!« rief Ruth lebhaft, »es kann ja gar nicht möglich sein, daß es das Schönere ist. Der, dem's gilt, hat es besser. Sonst hätt' es ja Gott schlechter als die Menschen!«

Klare-Bel warf ihr einen erstaunten Blick aus den blauen Augen zu, – einen tadelnden Blick. – Aber sie wußte nicht, was sie darauf erwidern sollte. Man mußte wirklich ziemlich viel Nachsicht haben mit Ruth. Klare-Bel fühlte sich nur sicher, solange Ruth zuhörte. Sie hörte so hübsch zu. Aber sobald sie sprach, mußte man sich verwundern und eigentlich auch ärgern. Die war sicher mehr für Erik geschaffen als für sie. Er würde wohl aus ihr klug werden. Denn das war ja seine Spezialität.

Inzwischen war Jonas, lustig pfeifend, von der Straßenseite her in den Garten getreten, und zwischen den Bäumen sah man ihn, den Schulranzen auf dem Rücken, im Hause verschwinden. Als er wieder zum Vorschein kam, war der Ranzen abgeworfen, und in der Hand hielt er ein mächtiges Butterbrot, in das er hineinbiß.

Er lief auf seine Mutter zu, küßte sie, streckte Ruth die Hand hin und sagte: »Du – Sie – haben – « stockte und wurde rot.

»Du!« entschied Ruth ernsthaft und betrachtete ihn.

»Ja, nicht wahr?« meinte er fröhlich und nahm neben ihr auf dem Rande des Springbrunnens Platz, »denn jetzt sind wir ja Hausgenossen. Eigentlich Geschwister. Nicht wahr, Mama? Und Altersgenossen auch. Wie alt bist du denn?«

»In elf Monaten siebzehn,« sagte Ruth.

»Ich bin erst sechzehn,« gestand er betreten, aber dann klärte sich sein Gesicht auf, – »das heißt jetzt. Aber in elf Monaten längst nicht mehr. Sogar schon eher. Jetzt solltest du ein Stück Butterbrot mit mir essen, denn es ist noch eine gute Stunde, bis wir Mittag bekommen,« fügte er hinzu und brach sein Brot, im lebhaften Drang, es mit ihr zu teilen, in zwei Hälften.

»Ich mag nicht essen,« sagte Ruth und lachte über seinen Eifer.

»Dann bist du gewiß noch krank!« behauptete er. »Aber das war auch ein rechtes Glück, weißt du, denn sonst wärst du ja gar nicht bei uns geblieben. Es war eine gute Idee von dir, so im Gewitter herumzulaufen. Denk nur! wo du so bequem gleich bei Papa hättest sitzen bleiben können.«

»Ja. Wenn ich sitzen geblieben wäre, wär' ich auch fortgegangen,« bemerkte Ruth tiefsinnig.

Jonas konnte sich diesen Fall nicht ganz klar machen, und so sagte er schnell: »Komm mit mir in das Gehölz, Ruth. Du kennst es noch gar nicht. Da sind so viele Nester. Und mitten durch fließt ein kleiner Bach nach dem Wiesengrund zu. Wir können leicht hinüberklettern, der Zaun ist ganz niedrig.«

»Nein,« erwiderte sie, »geh nur in das Gehölz. Ich muß jetzt hier bleiben.«

»Was willst du denn hier tun?«

»Ich muß nachdenken.«

»Nachdenken?«

Jonas sah sie etwas verdutzt an; es schien ihm jedoch eine Beschäftigung zu sein, die Respekt verlangte. So stand er seufzend auf und trollte sich ins Haus, denn er wußte nicht recht, wie er sich dran beteiligen könnte.

Ruth merkte nicht, daß er ging. Sie blieb mit emporgezogenen Knien sitzen, die Arme auf die Knie und das runde Kinn auf die geballten Hände gestützt, wie auf zwei Säulen. So blickte sie angestrengt vor sich hin auf einen einzigen Fleck im Grase, wo eine weiße Gänseblume stand, und dachte mit Hingebung nach, gleich einem indischen Derwisch. Sie wußte ganz genau, wo sie stehn geblieben war, als Jonas kam und sie aufhören mußte.

Klare-Bel lag still und hatte die Augen geschlossen. Die Mittagssonne strahlte warm über den Bäumen, kein Lüftchen bewegte das duftende Laub. Ein paar gelbe Schmetterlinge flatterten naschend um die Frühlingsbeete, und zu Ruths Füßen zirpten die Heimchen laut und eifrig ihr Lied.

Ruth versank tiefer und tiefer in ihren Mittagssonnentraum. Wie in goldenen Lichtwellen wob er sich um die Gestalt, die Klare-Bels Erzählungen vor ihr heraufbeschworen hatten. Ein unklares Verlangen, halb Demut, halb Forderung, bemächtigte sich ihrer, diese Gestalt so lichtvoll, so schattenlos als möglich zu sehen, – in einem warmen Glanze, der sie unter allen andern Wesen hervorhob. Warum? das wußte Ruth nicht.

Aber das wußte sie: in diesem Licht sahen die wirklichen Menschen, die sie kannte, noch viel störender und sinnloser aus als bisher, – fast als ob sie bloße Leiber wären, in denen so gut wie nichts drinsteckte. Und die phantastischen Schattenbilder, die sie sich nach eingebildeten und fremden Menschen so schön entwarf, wie sie wollte, und wieder wegwischte, wann sie wollte, – die sahen viel schattenhafter aus als bisher, ordentlich dünn waren sie geworden und so durchsichtig, daß man meinen konnte, es seien nur Irrwische von Gedanken.

Ruth durch wanderte die ganze Welt wie der Schöpfer am sechsten Tage, fand aber nur das Chaos wieder. Und mitten drin den einzigen, wenn er wollte, alles beseelenden Menschen, den zu gestalten Phantasie und Wirklichkeit zusammenschmolzen. Es war, als stünde er ihr ganz allein gegenüber in dieser einsamen, phantastischen Welt ihrer Träume, – der erste Mensch am sechsten Schöpfungstage, unerkannt noch, und ein Wunder. Mit Staunen stand sie vor ihm still, als müsse sie fragen: »Wer bist du? Wie kommst du hierher? Wie darfst du hier herrschen?« Er beschäftigte ihre Gedanken so stark, er setzte sie so stark in Erstaunen, daß sie darüber sich selbst aus ihren Gedanken verlor und ihn anschaute. Es schien ihr notwendig, daß er etwas Besondres, Merkwürdiges, ganz außer allem Vergleich Stehendes sei, wenn sie ihn da dulden sollte.

Und wieder erhob sich das unruhige Verlangen in ihr, Glanz auf Glanz, Licht auf Licht auf ihn zu häufen.

Nachdem Ruth lange Zeit stumm dagesessen hatte, richtete sie sich aus ihrer zusammengekauerten Stellung auf und ging langsam an die Gartenpforte. Die Arme über dem Zaun verschränkt, schaute sie die Straße hinab, die Erik entlang kommen mußte. Er kam bald.

Sein erster Blick fiel auf ihr Gesicht und blieb aufmerksam und forschend darauf haften. Sie sah ziemlich blaß und schmal aus nach der Fiebernacht, aber der leidende Ausdruck vom Morgen war völlig aus ihren Kinderzügen verschwunden. Ein neuer Ausdruck, offen und verlangend, der Erik wohlgefiel, lag in ihren Augen.

Er nickte ihr mit einem Lächeln zu. Sie sprachen nicht miteinander, nur Ruths Hand schlich sich leise in die seine. Hand in Hand sah Klare-Bel sie auf sich zukommen.

»Wie lange hast du heute in der argen Sonne auf mich warten müssen, meine Arme!« sagte er zu seiner Frau, »nun sollst du auch keinen Augenblick länger daliegen.«

Damit schob er ihren Stuhl in die Nähe der Terrasse, hob sie heraus und nahm die klein gewachsene Gestalt so behutsam in die Arme, wie man ein Kind an der Brust bettet.

»Du allzu leichte Last!« scherzte er und sah heiter und belebt aus.

Klare-Bel lachte vor lauter Vergnügen und hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen.

Ruth griff nach einem herabgeglittenen Kissen und folgte ihnen die Stufen hinauf. Am liebsten hätte sie ihnen den ganzen Stuhl nebst Zubehör nachgetragen, um dasselbe zu tun, was Erik tat. Das Mitleid, das sie während Klare-Bels Erzählungen mit ihm empfunden hatte, war in nichts verflogen, – und an dessen Stelle blieb die Bewunderung stehn. Es kam ihr jetzt ganz natürlich vor, daß sich die kranke Frau nicht als Last und Hindernis auf dem Wege des gesunden Mannes fühlte, sondern daß sie lachte und ihre Hände um seinen Nacken schlang.

Als Ruth ihren Platz bei Tisch einnahm, vergaß sie ganz, daß es zum ersten Male geschah, und sie erst den Abend vorher hatte weglaufen wollen. Sie fühlte sich als ein längst dorthin gehöriger Hausgenosse, – zufrieden und ohne weiteres eingereiht unter die übrigen.

»Von deinem Onkel bring ich dir was mit,« sagte Erik, der sie bei Tisch neben sich gesetzt hatte, »nämlich die Erlaubnis, so lange hier zu bleiben, wie du willst. Ich denke, wir antworten ihm vorläufig: den ganzen Sommer. Was meinst du?«

Sie nickte nur und sah glücklich aus. Wenn er aber nicht unablässig auf sie geachtet und ihr selbst vorgelegt hätte, so würde sie lieber keinen Bissen gegessen haben.

Als sie beim Kaffee waren und die Kinder hinausliefen, blickte Erik seine Frau an und fragte: »Und nun, Bel, wie gefällt sie dir?«

»O Erik! mir gefällt sie gut für dich. Denn sie hat etwas so Unverständliches, find ich. Das ist gerade was für dich. Was zum Raten.«

»Sie ist ein scheuer Vogel,« sagte er mit einem Lächeln, »und es ist noch nicht gewiß, ob ich sie eingefangen habe. Eine falsche Bewegung, – und sie fliegt mir fort.«

»Ja, Erik, das denk ich mir nun wieder ungeheuer angreifend. Es macht doch unsicher. Förmlich schwindlig würd' es mich machen. Wie ein konfuses Stickmuster.«

»Unsicher? Nein, Bel, im Gegenteil. Man wird sich dessen wieder bewußt, was man vermag, – ob man's vermag. Man sammelt die Kraft, – die vergessne, eingerostete. Und so kommt man endlich wieder zur großen Sicherheit des Lebens und zum alten Glauben an sich selbst.«

»Ja ja, Erik. Wenn nur alles gut geht.«

Er stand auf und legte herzlich seinen Arm um ihre Schultern: »Sorgenmütterchen! nur ein einziges Mal: laß die Sorgen, die grauen! Mir ist froh! Du sollst es noch sehen: an dem Mädel wächst mir mein Meisterstück!«

Sie seufzte und gab ihm im stillen ganz recht. Daß er Ruth zu sich nahm, das war ungefähr so, wie wenn ein Gelehrter irgendwo eine recht unentzifferbare Handschrift ausgräbt, – meinte sie; an der liest er dann lieber und eifriger herum als am bestgeschriebenen Buch. Es war nun einmal nicht anders: da steckte sein Talent und sein Beruf.

Erik ging fort, er wollte noch nach dem Bahnhof, um Ruths Gepäckstücke durch einen Bauernwagen herüberschaffen zu lassen; der Onkel hatte sie bereits herausgeschickt.

Klare-Bel lag und dachte nach. Sie zwang sich dazu, an die Zeit zu denken, die sie sonst immer in ihrer Erinnerung zurückschob. Es war doch schön, daß Erik wieder so froh sein konnte und so voll von sanguinischen Hoffnungen. Das war doch besser und natürlicher für ihn, als diese langen, langen Leidensjahre, wo ihn nur der eine Gedanke erfüllte: wie seine Frau wieder gesund zu machen sei.

Ein einziger jahrelanger Kampf, – ein schmerzensreicher, gräßlicher.

Namenloses hatte Klare-Bel aushalten müssen um seiner Hoffnungszähigkeit willen, die nicht nachließ, nichts unversucht ließ, die noch ans Unmögliche anrannte und mit unermüdlichem Trotz den alten Kampf immer wieder aufnahm. Es war nicht leicht, denn bei Klare-Bel durfte Narkose wegen einer geringen Herzschwäche nicht angewendet werden. Aber immer wieder wußte er sie zu neuem Wagnis, neuer Qual zu überreden und mit seinem unbegrenzten Einfluß zu zwingen. Er war in diesem Kampfe zum Arzt geworden; was er früher aus Lust und natürlicher Begabung nebenher betrieben hatte, wurde ihm Beruf. Seine ganze, ungeteilte Kraft warf er hinein: er wollte es nicht glauben, nicht dulden, daß ein einziger blöder und blinder Zufall auf Lebenszeit das Glück verschütten könne.

Und nun, da er's glauben und dulden mußte, war es doch hart, alles das vergebens geopfert zu haben, woran seine Hoffnungen sonst noch gehangen hatten. Und wenn ihm Ruth nur eine davon zurückgab, wollte Klare-Bel sie lieben. Es war ja nicht mehr als eine kleine, späte und unscheinbare Blume für einen ganzen Strauß, den ihm das Leben schuldig geblieben war.

Noch nie war das Klare-Bel so klar geworden, wie heute, seit dem Gespräch mit Ruth am Springbrunnen im Garten.

Jonas kam herein und setzte sich an das Fußende ihres Ruhebetts. Er griff nach einem Bund Garn, das Klare-Bel abzuwickeln begonnen hatte, und hielt es ihr auf den Fingern.

»Wird Ruth nun bei uns bleiben, Mama?« fragte er.

»Jawohl. Du hörtest es doch. Freut es dich nicht?«

»Über alles freut es mich. Nur werd ich mich jetzt so ganz umsonst anstrengen.«

»Wie meinst du das, mein Kind?«

»Ich meine: Papa wird Ruth ganz gewiß viel lieber haben als mich. Ganz gewiß. Sie ist klug, – meinst du nicht?«

»Das kann ich unmöglich wissen. Aber was ist das für ein Unsinn, Jonas. Weil dich Papa lieb hat, will er ja, daß du dich mehr anstrengst und besser vorwärts kommst.«

»Ach, Mama, ich strenge mich schon an, so sehr ich kann. Ich komme ja auch vorwärts. Aber Papa ist so schwer zufrieden zu stellen. Er ist der strengste Lehrer bei uns. Sie fürchten ihn alle. Aber ich am meisten. Von mir verlangt er am meisten.«

»Darüber solltest du froh sein. – Mach nur jetzt keine Eifersüchteleien, Jonas, hörst du?«

Da lachte er über das ganze Gesicht, scheinbar völlig unmotiviert, so daß er wirklich einfältig aussah.

»Nein, Mama, das tu ich gewiß nicht. Wenigstens nicht so, wie du's meinst. Aber wenn es Ruth einfallen sollte, – Papa lieber zu haben als mich – –«

»Aber Jonas –!!«

Er ließ das Garn vom Finger gleiten, so daß es fast in Verwirrung geriet.

»Verzeih, Mama. Ich bring es gleich wie der in Ordnung. – Weißt du, du hattest eben ganz recht, als du sagtest, ich sollte nur froh sein, daß Papa so viel verlangt. Das denkt sich nämlich Ruth angenehmer, als es ist. Sie wird das noch merken. Und ich werde nie etwas Unangenehmes von ihr verlangen.«

»Du bist wirklich ein recht dummer und unnützer Junge!« sagte Klare-Bel ärgerlich und sah sich ihren Sprößling genauer an. Er machte ein ganz treuherziges Gesicht. Das Lachen hatte sich in die Winkel der Augen verkrochen. »Wenn Papa so was hörte! Und da wunderst du dich noch, wenn dir Papa Ruth vorziehen sollte.«

»Ich wundre mich ja gar nicht, Mama. Das kann ich ihm doch nie im Leben übelnehmen. Wie sollte ihm Ruth auch nicht besser gefallen als ich?«

»Wo steckt Ruth nur eigentlich?«

»Sie ist oben in die Giebelstube gelaufen, wo Gonne noch herumwirtschaftet. Um sich ihre Wohnung selbst herzurichten, sagt sie.«

Als Erik vom Bahnhof zurückkam und Ruths Kopf oben aus dem offenen Fenster herausschaute, stieg er zu ihr hinauf. Das kleine, nach hinten zu abgeschrägte Gemach war schon in Ordnung. Außer dem heute beschafften Bett und einer großen Holzkiste, die durch zierlich gekrauste und gefaltete Mullvorhänge beinahe das Aussehen einer wirklichen Waschtoilette bekommen hatte, gab es jedoch noch nicht viel zu sehen. Ein Geruch von Seife und frisch aufgenommenem Ölanstrich machte sich bemerklich.

Ruth saß auf dem schmalen Fensterbrett, zu dessen Seiten schon kleine weiße Gardinen niederhingen; die Leiter lehnte noch daneben. Ein leichter Wind bewegte die Zweige der großen alten Ulme vor der Terrasse, so daß sie am Fenster auf und nieder schwankten und fast Ruths Gesicht berührten. Man sah von hier oben nur in die Wipfel der Bäume, und das, fand Ruth, sah lustig aus: wie ein grünes rauschendes Gewoge, wovon man sich einbilden konnte, es schwebe in der Luft, ohne Stamm und Wurzel. Wie viele Vögel mochten im Sommer drin nisten! Und unter dem vorspringenden Dach, gleich über dem Fenster, klebten zwei vorjährige Schwalbennester.

Als Erik auf die Schwelle trat und die Einrichtung des Zimmers bemerkte, fing er an zu lachen.

»Es ist wahrhaftig ein richtiger Karzer, wie gemacht für böse Kinder, die eine Strafe abbüßen sollen,« sagte er und blieb im Rahmen der Tür stehn, »oder für Durchgänger, die man mit Gewalt einsperren muß. Meinst du nicht, Ruth?«

»Nein. Es ist sehr schön!« versetzte sie mit Nachdruck und nahm es fast übel, daß er ihre Wohnung verspotten konnte; »es ist nur noch nicht fertig, und das ist das Schönste. Wenn ich drin bin, wird es von selbst fertig. Es ist sehr schön. Ganz so, wie ich's haben will.«

»Das ist freilich die Hauptsache, meine kleine Königin,« gab er lächelnd zu und kam zu ihr ans Fenster. »Als wir zuerst aus dem Auslande angereist kamen, da sahen die Stuben in unserer Stadtwohnung auch nicht viel besser aus. Und es gefiel mir auch ganz gut. Man konnte so ganz von vorn und nach eignem Ermessen anfangen.«

Sie wandte sich halb nach ihm um und sah ihn mit Interesse an.

»Ach ja!« sagte sie, »aber außerdem muß es doch schrecklich schwer gewesen sein, – da von der kleinen Insel weg – und hierher, weg vom Meer und von all den vielen Leuten?«

Er hatte seine Hände auf ihre schmächtigen Schultern gelegt und zwang sie mit sanftem Druck nach dem Rücken zu, denn es machte ihm heimlich Sorge, daß sie sich so gern vornüberneigten.

»Warum schwer?« fragte er dabei mit seiner ruhigen Stimme, »hier gibt's ja auch Buben und Mädchen genug zu unterrichten, – schlimme kleine Mädchen mit ganz schlimmen Aufsätzen, wie du weißt.«

»Ach die!« sagte sie im Tone tiefer Verachtung und zuckte mit den Achseln, »die sind's nicht wert.«

»Auch du nicht?« fragte er zweifelnd und sah sie aufmerksam von der Seite an.

»Nein, auch ich nicht,« meinte sie treuherzig.

»Du bist ja ungeheuer demütig heute,« bemerkte er, »allzu demütig, Ruth. Das ist nicht gut.«

»Warum ist nun auch das wieder nicht gut?« fragte sie zerstreut.

»Weil es nicht aus dir selbst heraus kommt, Mädel. Nicht aus deiner Natur. Es ist, wie wenn jemand eine Stellung festhalten wollte, für die er sich verrenken muß. Das sollst du nicht tun.«

Sie erwiderte nichts drauf, vielleicht hörte sie kaum hin. Ihre Gedanken waren auf etwas andres gerichtet, was sie nicht anzubringen wußte. Nach einer kleinen Pause sagte sie leiser: »Sie sehen so froh aus. In den Augen – und überhaupt. Warum?«

»Weil ich dich wieder habe, mein Kind,« entgegnete er ernst.

»Mich! aber all die andern?«

»Wen denn, Ruth?«

Nun hielt sie's nicht länger aus.

»Ich meine: bloß Buben und Mädchen zu unterrichten, die es gar nicht wert sind, und sonst nichts! Anstatt etwas ganz andres tun zu dürfen, etwas viel, viel Größeres, – so groß wie ein Meer mit allen Schiffen drauf,« versuchte sie auseinanderzusetzen und nestelte dabei, ohne es zu merken, erregt an seiner Uhrkette.

Er sah erstaunt auf sie nieder.

»Phantasierst du, Kind? Du sollst dem nicht so nachgeben,« sagte er eindringlich, »was hast du eigentlich zusammengedichtet? Du mußt es klar sagen können. Nun?«

»Es ist ja etwas Wirkliches!« rief sie schüchtern, »es ist gar keine Phantasie. Wir sprachen im Garten darüber – am Vormittag.«

»Mit meiner Frau?«

Ruth nickte.

»Sie hat mir erzählt. Von früher und von jetzt. Sie erzählt so wunderschön! Ganz wunderschön erzählt sie.«

»So. Tut sie das? Aber was hat sie dir denn erzählt?« fragte er, und sein Blick war forschend und gespannt.

»Alles. Und da, – ja, da schien mir's so ganz entsetzlich, – so ganz unmöglich schien mir's, daß nichts draus geworden ist,« sagte sie leidenschaftlich, und ihre Finger umklammerten die Uhrkette, als müßte sie irgend etwas zerbrechen, »nichts als eine Schulstube. Und daß es immer so bleiben soll. Es kann ja nicht so bleiben.«

Sie sprach bei nahe zornig, und in ihren Augen standen große Tränen.

Erik antwortete nicht gleich. Seine Hand hob sich und strich sanft hin über ihr loses weiches Haar, und als Ruth aufblicken wollte, da glitt die Hand tiefer und legte sich leise über die fragenden Augen. Er schaute über sie weg, hinein in die grünen rauschenden Baumwipfel, und kämpfte eine Erregung nieder. Ihm war seltsam zumute. Er wußte, daß das, was Ruth empfand, nicht von seiner Frau kam, weder die leidenschaftliche Auffassung, noch die phantastische Unklarheit des Bedauerten war seiner Frau möglich.

Noch nie, seit er verheiratet war, hatte er zu einem Menschen, hatte ein Mensch zu ihm von den Enttäuschungen seines Lebens gesprochen. Und da stand sie nun, die ihn seit vier Tagen kannte, in Zorn und Gram und Tränen und härmte sich um diese Enttäuschungen, als wären es ihre eignen.

Als mehrere Minuten in Schweigen verstrichen, bückte Ruth den Kopf tiefer, und ihre Hand glitt von seiner Uhrkette.

»Ich will's gewiß nie wieder sagen!« sagte sie leise, abbittend.

Er griff heftig nach ihrer Hand und preßte sie in der seinen zusammen.

»Du sollst mir immer alles sagen, alles, was dich beschäftigt,« versetzte er ruhig, aber seine Stimme klang verändert und gedämpft, »niemals sollst du Gedanken, die dich aufregen, vor mir verbergen, – und nun gar Kümmernisse, mein Kind, – solche kindische und phantastische Kümmernisse.«

Dann lehnte er sich gegen das Fensterbrett, vom Licht abgekehrt, das Gesicht im Schatten.

»Ich will dir eine Geschichte erzählen, Ruth; soll ich?«

Sie nickte gehorsam, ohne den gesenkten Kopf zu heben; man konnte sehen, daß ihr an dieser Geschichte nicht allzuviel lag, und daß sie sich als Kind behandelt fühlte.

»Es war einmal ein Mann,« begann er, »den gelüstete es sehr, ein großes, weites Feld zu bebauen, – ein Feld, wohl so groß wie das Meer. Denn er wußte, der Boden war gut, und nur der Arbeiter gab es noch wenige, – viel zu wenige. Aber es kam anders, als er sich's gewünscht hatte, und an dem großen Felde durfte er so gut wie gar nicht mit arbeiten. Nur ganz fern, im äußersten Winkel, wies man ihm ein kleines Stückchen Erde an, wo er Kohl pflanzen konnte und Kartoffeln. Nur eben genug, um zu leben.«

Sie hatte längst die Augen mit aufblitzendem Verständnis zu ihm aufgeschlagen. Groß, ungeduldig hingen sie an seinen Lippen. Ihre ganze Seele war in diesen Augen.

»Und da –?« fragte sie atemlos.

»Und da,« fuhr er fort, »fand er eines Tages unter seinen Kohl- und Kartoffelstauden eine fremdartige kleine Pflanze. Irgendwoher mochte ihr Samenkörnchen in diesen Boden gefallen sein. Es war nur ein unscheinbarer, zarter Trieb, dem man noch nicht ansehen konnte, was drinsteckte. Aber vielleicht konnte er sich einmal zum Bäumchen auswachsen. Und wenn das gelang, – wenn ein guter Gärtner an diesem Bäumchen unablässig seine Dienste tat, und sich das Bäumchen willig behandeln und biegen, pfropfen und beschneiden ließ, – dann – ja, dann konnt' es am Ende seltnere Früchte tragen als irgend etwas, was sonst auf dem Feldwinkel wuchs.«

»Bin ich das Bäumchen?« fragte sie naiv und glitt leise vom Fensterbrett.

Er antwortete nicht, aber zog sie näher an sich, so daß ihr Haar seine Schulter berührte. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der kein Lächeln war und kein Ernst, und doch wie ein gesteigerter Abglanz von beiden, der einer Ekstase glich. Er erinnerte Erik plötzlich an jenen Aufsatz mit der Überschrift: »Seligkeit!« Zum erstenmal erinnerte ihn dieses schmale Kindergesicht mit den beredten Augen und den geschweiften Lippen an die Verse im Schulheft.

»Möchtest du solch ein Bäumchen für den Gärtner werden, Ruth?« fragte er sie mit halblauter Stimmte.

Sie atmete tief auf.

»Noch lieber möcht ich der Gärtner werden,« sagte sie unerwartet, »aber es ist vielleicht fast dasselbe.«

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