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Lou Andreas-Salomé: Ruth - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorLou Andreas-Salomé
titleRuth
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger
year1895
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
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I.

In der Morgenstille war nichts vernehmbar als das helle, lang gezogene Trillern der kleinen Buchfinken im jungen Birkenlaub. Die breite, ungepflasterte Straße, die sich, nicht weit von der russischen Hauptstadt, in der Richtung der finnländischen Bahnlinie ins flache Land erstreckt, lag einsam im Frühnebel da. Dann holperte ein Leiterwagen, mit einigen Möbelstücken bepackt, schwerfällig des Weges; der Fuhrmann kletterte von seinem Sitz, warf den kurzen Schafpelz von den Schultern, und im roten Hemde neben seinen bei den magern Gäulen hergehend, stimmte er eine Volksweise an, die schwermütig in den Vogelgesang hineinklang.

Hinter den Birken tauchte hie und da ein Landhaus auf, meist ein Holzbau, mit geschlossenen Fensterläden und bretterverschlagener Balkontür; oder es schimmerte ein Garten hervor, wo man eifrig beschäftigt war, das Winterlaub zusammenzukehren und die Beete für den Sommer in Stand zu setzen. Aber erst nach Beginn der städtischen Schulferien wurde es in dieser Gegend lebendig.

Der Möbelwagen hielt vor einem Hause, das ganz abseits, weit entfernt von jeder Nachbarschaft, zwischen niedrigem Weidengebüsch und etwas feuchtem Wiesengrund lag. Es war nicht sonderlich groß, besaß aber von allen den schönsten Garten. Die Frühlingsbäume, die es umstanden, breiteten einen zarten bräunlichen Schleier darüber, und rings über den verwitterten Lattenzaun drängte sich der Flieder in hellgrünen Blattknospen.

»Die Pforte von außen aufstoßen!« schrie eine vergnügte Stimme in gebrochenem Russisch dem Fuhrmann entgegen, und gleich darauf kam ein halbwüchsiger Knabe durch den Garten gelaufen. Langsam bewegte sich der Wagen über den Kies weg bis hinter das Haus, wo einige Stufen zur offenen Terrasse mit der Eingangstür emporführten.

Eine ältliche Magd, mit einer sonderbaren Friesenhaube auf dem Kopf, wartete schon unten, griff kräftig mit an und ließ die abgeladenen Möbelstücke in dem Wohnzimmer niedersetzen, das mit seinem breiten Fenster auf die Terrasse hinaussah. Im Wohnzimmer stand die Tür zu einem kleinern Nebengemach auf, das bereits vollständig eingerichtet zu sein schien. Von den Sachen, die man beim Auszug aus der Stadtwohnung im gemieteten Landhause vorgefunden hatte, war offenbar alles Beste und Bequemste hier zusammengetragen worden, um Ordnung und Gemütlichkeit zu schaffen.

An der Tür lag auf einem deckenumhangenen Ruhebett eine bleiche, nicht mehr junge Frau, deren feine Gesichtszüge jedoch Spuren ungewöhnlicher einstiger Schönheit zeigten. Unter den halbgesenkten Augenlidern folgte sie aufmerksam jeder Bewegung der Kommenden und Gehenden.

Da vernahm sie von der Terrasse her eine Stimme, bei der ein Lächeln durch die großen blauen Augen ging.

»Erik!« rief sie bittend, »komm doch her zu mir. Komm doch her.«

Er stand vor dem Terrassenfenster, in dunkler Morgenjoppe, die Hände in den Seitentaschen versenkt, zwischen den Zähnen eine Zigarette. Auf den Zuruf seiner Frau wandte er sich um und ging in das Zimmer.

Ihr schien immer: ein Strom von Leben käme mit ihm, wenn er so zu ihr trat.

»Nun, Bel,« sagte er heiter, »du sollst sehen, jetzt bricht die Sonne durch den Nebel, und dann trag' ich dich in den Garten hinaus. Deinen großen Liegestuhl haben wir schon dort hinten am Springbrunnen aufgestellt.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich habe keine Ruhe draußen, solange hier alles noch in solcher Verwirrung ist. Wie mag es nur in deinen Zimmern aussehen, Erik? Seitdem wir gestern herkamen, habt ihr nur für mich gesorgt. Ach, weißt du, das ist das schlimmste: im ganzen Leben wird nichts mehr recht ordentlich werden. Alles wird herumliegen.«

»Aber, Bel!« versetzte er spottend, »welchen Sinn hätt' es auch sonst, aufzuräumen? Was sind das für Sorgen und Schmerzen!«

Doch Klare-Bel stimmte in den scherzenden Ton nicht mit ein, sondern sah betrübt vor sich hin. Da fügte er ungeduldig hinzu: »Damit mußt du dich ernstlich abfinden. Nicht immer wieder davon anfangen. Sicherlich bist du dazu geschaffen, als die peinlichste aller Hausfrauen hinter der blitzendsten aller Teemaschinen zu sitzen, und mußt nun statt dessen jahraus, jahrein daliegen und es untätig mit ansehen, wie deine beiden männlichen Hausfrauen, Jonas und ich, es sorglos treiben. Das ist schwer, ich weiß. Es ist schwer, sein Talent zu unterdrücken. Aber es kann dir nicht erspart werden, du mußt es endlich überwinden.«

»Jonas könnte mir darin fast wie eine Tochter sein, Erik, wenn du nur wolltest.«

»Daß er wie eine Tochter wäre? Nein, natürlich will ich das nicht. Wie kannst du nur solchen Unsinn reden, Bel.«

»Es ist kein Unsinn, Erik. Du bist so streng gegen ihn, und daher ist er gegen dich oft schüchtern, geht nicht recht aus sich heraus. Aber mir zu dienen macht ihm Freude – auch in den häuslichen Dingen. Kannst du mir diese Freude nicht lassen?«

»Nein,« sagte er kurz, »nicht so, wie du es meinst. Ich wünsche nicht, daß er verweiblicht wird. An mir ist es, dir zu dienen –«

Er brach ab, weil die Magd hereintrat; sie wollte den Fuhrmann ablohnen.

Erik legte Geld auf den Tisch, der, noch staubig, in die Mitte der Stube gesetzt worden war.

»Dies ist das Trinkgeld, Gonne. Nein, es ist nichts darauf herauszugeben. Wenig genug für viel Arbeit.«

Als sie hin ausgegangen war, blickte er mit einem unterdrückten Lächeln in den Geldbeutel und dann zu seiner Frau hinüber.

»Wir haben entsetzlich viel Geld, Bel. Natürlich. Wer sollte es uns auch in diesem Winkel abnehmen. Nicht wahr?«

»Ach, Erik, das kann doch gar nicht sein. In diesem ›Winkel‹ haben wir uns eins der teuersten Landhäuser ausgesucht. Ich habe ja nichts dagegen zu sagen gewagt. Aber wenn du wüßtest, wie es mich im stillen drückt. Denn du bist es ja, der seine ganze Kraft aufwenden muß, um das viele Geld zu verdienen.«

»Meine ganze Kraft aufwenden!« wiederholte er langsam, »wie schade ist es doch, Bel, daß es nicht wahr ist. Ich glaube fast, das wäre so schön, daß ich's sogar umsonst täte! Es dürfte dann freilich nicht bei den paar armseligen Schulstunden bleiben. – Nein du, in diesem heiligen Lande vergess' ich bald, daß ich überhaupt Kraft aufzuwenden habe. Und da wollen wir uns doch wenigstens des Lebens freuen, wenn – ich Geld habe. Sind wir nicht ganz eigens dazu vor einem halben Jahr hier her gepilgert?«

Sie hörte nicht die Ironie aus seinem Ton heraus.

»Nun ja, Erik, es ist nur gut, daß dir immer alles zu leicht und zu wenig scheint,« sagte sie, »du hast eine solche merkwürdige Frische. Aber ich wüßte doch wahrhaftig nicht, wo du beim besten Willen noch mehr Schulstunden hineinstopfen könntest?«

Ein Zug von Pein ging über sein Gesicht. Er antwortete nicht, sondern kehrte sich ab und lehnte sich in das breite Fenster des Wohnzimmers. Jonas war aus dem Garten hereingekommen, blieb neben dem Vater stehn und blickte hinaus.

Draußen kämpfte der letzte Nebel gegen die Maisonne; man konnte in der Tiefe des Gartens einzelne Obstbaumgruppen unterscheiden, in deren Mitte ein zusammengebrochener Springbrunnen stand. Im Hintergrunde schloß ein kleines Gehölz von Birken, Pappeln und Weiden, an denen noch die Kätzchen niederhingen, die Aussicht ab. Näher zum Hause streckten ein paar mächtige Ulmen ihre Zweige bis über das Dach.

Süß und laut schlug den beiden am Fenster die erste Nachtigall des Jahres entgegen. Einen Augen blick lauschten sie stumm.

Wie die Gesichter von Vater und Sohn einander so nahe gerückt waren, fiel die Ähnlichkeit zwischen ihnen auf; sie trat noch stärker dadurch hervor, daß Erik sich bartlos trug. Derselbe blonde Kopf, breit ausgebaut in Stirn und Schädelform, die selbe ein wenig stumpf abschließende Nase und der selbe große, im Sprechen und Lachen sehr ausdrucksfähige Mund. Aber diese ein wenig groben Züge bedurften sichtlich mancher Jahrzehnte, um durchgeistigt und fesselnd zu wirken. Eriks Züge waren beredt geworden in all jenen feinen Linien und Schatten, die ihnen erst seelischen Reiz verliehen, als die Jugend von ihm ging. Jonas dagegen besaß noch ein frisches Apfelgesicht, das in seiner vollendeten Harmlosigkeit ihn oft minder geweckt erscheinen ließ, als er wirklich war. Schön konnte man an ihm nur die großen Blauaugen der Mutter finden und deren blendende Haut, die nur das Krankenlager an ihr entfärbt hatte.

Klare-Bel lag still und blickte auf ihre beiden liebsten Menschen. In ihren Gedanken sah sie Jonas schon herangereift zu der hochgewachsenen Gestalt ihres Mannes; sie glaubte im Knaben ihn wie der zu erkennen, so wie er damals war, als sie ihn kennen lernte und er um sie warb. Es war ja auch gar keine so bedeutende Anzahl von Jahren, die ihn damals von Jonas' Alter unterschied, – einundzwanzig Jahre zählte Erik erst, als ihm sein Knabe geboren wurde. Sie fühlte jedesmal eine kleine Regung von Stolz, wenn sie daran dachte. Hatte er sich doch toll genug in sie verliebt, um sie mitten in seiner leichtlebigen Pariser Studentenzeit frischweg vom Fleck zu heiraten! Er, der begabte, ehrgeizige, früh weltmännisch geschulte Mann, band sich an sie, das einfache Kinderfräulein, das nur der Glücksfall einer günstigen Stellung aus ihrer kleinen holländischen Vaterstadt Haarlem in die vornehmen Gesellschaftskreise von Paris geführt hatte. Die fremden Kinder an der Hand, hatte sie bewundernd in den Salon gespäht, wo er verkehrte. Später gingen sie von Paris nach Deutschland und nach England und lebten ein paar Jahre von dem geringen Vermögen, das schnell verbraucht war. Eriks Studien waren breit angelegt gewesen, sie sollten Geistes- und Naturwissenschaften gleichmäßig umfassen, aber als Jonas zwei Jahre alt wurde, da galt es, sich mit eisernem Fleiß zu konzentrieren und abzuschließen, um Brot zu erwerben. Eine kleine Lehrstelle bot sich ihm, ganz aus der Welt, weit draußen im Meer auf einer friesischen Insel. Klare-Bel freute sich im Grunde, daß ihre verrückte glückliche Studentenehe in so stille, geordnete Verhältnisse mündete, aber für Erik tat es ihr leid. Denn erstens war er sicherlich zu viel Größerem berufen als zu diesem abhängigen Stilleben für Weib und Kind, und dann konnte sie ihn sich auch gar nicht anders vorstellen als im ungeheuren Rahmen einer Weltstadt und im vollen Verkehr mit einer gebildeten, raffinierten Gesellschaft, die ihn fortriß und die er fortriß. Wie sie ihn zuerst unter den einfachen Menschen des Volkes dastehn sah, kam er ihr vor wie ein verzauberter Prinz.

Aber sie kannte ihn und zweifelte nicht: irgendwie werde er auch schon die Leute verzaubern, bis sie seinen prinzlichen Ansprüchen besser entsprächen.

Zu ihrer Verwunderung kam es jedoch ganz anders. Erik lehrte niemand seine Art, wohl aber nahm er die der Leute an. Bald sah man ihn ebenso oft im Schifferwams und in Lederhosen wie in seiner frühern Kleidung. Seine Umgebung färbte so stark auf ihn ab, daß er geradezu echt in der Farbe erschien. Aber die Folge war, daß er seine Umgebung beherrschte. Er gab sich nicht, wie Bel gefürchtet hatte, Grübeleien über seine weitausschauenden, ehrgeizigen Wünsche hin, vielleicht war es eine zu aktive Natur dazu.

Was es nur gab, raffte er zusammen, um sich in der Gegenwart voll zu betätigen, und an die Zukunft – an die glaubte er so fest wie ein Kind an Gott.

Klare-Bel richtete sich ein wenig höher auf in ihren Kissen und stützte den Kopf in die Hand. Weiter als bis hierher dachte sie niemals.

Ein Glanz froher Erinnerung lag auf ihrem Gesicht, der es verjüngte. Die kunstvoll geordneten Locken, die statt jeder festen Frisur dies Gesicht umrahmten, trugen noch dieselbe wunderhübsche Goldfarbe wie damals. Nur am Hinterkopf waren sie durch das lange Liegen dünn geworden, ja dort hatte sich sogar eine ganz kleine verheimlichte Glatze gebildet.

»Jetzt müssen wir in die Schule wandern, Jonas,« bemerkte Erik und wandte sich vom Fenster.

»Gehst du heute zu den Mädchen, Papa?« fragte der interessiert.

»Ja. Aber deshalb brauchst du nicht wieder am Torweg der Mädchenschule auf mich zu warten und dort herumzulungern,« versetzte Erik mit einem Seitenblick, der Jonas verlegen machte. Ohne ein Wort zu erwidern, trollte sich dieser aus der Stube.

»Jonas fängt früh an! Er artet dir nach, Erik!« sagte Klare-Bel lächelnd, und als stünd' es mit ihren Worten in irgend einer Gedankenverbindung, griff sie unter allerlei Sachen, die auf einem niedrigen Tischchen neben ihrem Ruhebett standen, einen geöffneten Brief heraus. »Hier liegt noch die Einladung. Wenn du wirklich absagen willst, vergiß es nicht heute in der Stadt, oder gehst du persönlich vor?«

Er streckte die Hand nach dem Brief aus und überflog ihn flüchtig. Es war eine kurze Einladung, unterschrieben: Warwara Michailowna. Erik kniff das Papier zerstreut in kleine Falten und warf es auf den Tisch.

»Ich möchte dich wohl was fragen, Erik.«

»Ja, Bel?«

»Sage mir: gehst du vielleicht nur deshalb nicht mehr in diesen ganzen Kreis, weil sie dir gefährlich geworden ist?«

Er fing an zu lachen.

»Nein, Bel, darüber kannst du ruhig sein.«

»Aber hat sie dich nicht doch einen Augenblick recht stark gefesselt?«

»Das hat sie wohl. Das gelingt doch wohl jeder so reizenden koketten Frau.«

»Junge Witwen hält man immer für kokett. Von Warwara würd' ich es nicht denken. Glaubst du das von ihr?«

Er sah seine Frau verwundert an.

»Ja natürlich. Alle schönen Frauen sind es. Auch ist ihr nicht der geringste Vorwurf daraus zu machen. Das gehört zu ihnen, wie die Schönheit. Das Gegenteil wäre fast stilwidrig. – Und es ist gut – vielleicht ein Grund, warum die Schönheit keinen tiefern Schaden anstiftet. Adieu, Bel; es ist Zeit für uns zum Bahnhof.«

Sie hielt ihm das Gesicht zum Kusse hin. Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, umfing sie seinen Hals mit beiden Händen und hielt ihn einen Augenblick, zu ihm aufschauend, fest.

Er hielt geduldig still.

»Du!« sagte sie lachenden Mundes, ließ sich küssen, und ließ ihn los.

Erik und Jonas waren schon fortgegangen, und Gonne räumte eifrig und geräuschvoll in den Stuben auf, als Klare-Bel noch über das letzte Gespräch nachsann. Sie war wahrhaftig nicht grüblerisch und versonnen angelegt, alles andre eher. Aber wenn man ewig so stilliegen mußte, immer auf dem Rücken, und die Augen an der geweißten Zimmerdecke, so geriet man zuletzt auf alles mögliche, und auch auf das Nachdenken. An sich selbst dachte nun Klare-Bel eigentlich nie, stets nur indirekt. Sie kannte im Grunde nur drei ernstliche, sozusagen hauptsächliche Gedanken, die Sammlung heischten: Erik, Jonas und die gefürchtete Unordnung im Haushalt. Aber es war merkwürdig, wie viel man aus den dreien machen konnte, wenn man sie geschickt kombinierte. Man hätte meinen können, es seien tausend.

Erik hatte also vor hin gesagt: die Schönheit stifte keinen tiefern Schaden an. Ja, das war gewiß ein rechtes Glück. Denn Erik war sehr empfänglich für die Schönheit. Schon, als sie noch gesund umherging, beunruhigte es sie. Sie selbst war glücklicherweise sehr schön, aber sie war blond, und ihr schien es, als ob ihn die Braunen ebenfalls interessierten. Gewiß hatte er sich ungezähltemal etwas verliebt. Aber nur ein einziges Mal erschrak sie, – schrak förmlich auf aus aller bisherigen Freude. Während des zweiten Jahres auf der Insel. Da fing er an, sie so viel allein zu lassen; manchmal war es ihr, als ob sie ihm nicht mehr wie sonst genüge. Er wurde auch wortkarger. Und endlich – ja endlich tat sie dann, was er nie im Leben erfahren durfte: sie ging ihm heim ich nach.

An einem weichen, dunkeln Aprilabend war's. Das Meer lag regungslos, und am Himmel stand das erste Frühlingsgewitter. Sie sah ihn aus einem kleinen Hause, hart an der Düne, heraustreten und an ihr vorbei, in Gedanken verloren, heimgehen. In dem Häuschen wohnte die merkwürdigste Frau auf der ganzen Insel. Bei allen stand sie in hohem Ansehen wegen ihres Verstandes, wegen ihrer Haltung in schweren und wechselvollen Schicksalen, wegen eines seltenen Schatzes von Weisheit und Erfahrung, aus dessen Fülle sie schöpfte, wenn sie ein feiner, liebevoller Menschenkenner zum Sprechen brachte.

Es war Frau Larsen, einen lahme sechzigjährige Frau.

Seit diesem Abend hegte Klare-Bel ein unbegrenztes Vertrauen zu ihrem Manne.

*

Erik verbrachte die ersten Morgenstunden mit Jonas in dessen Gymnasium; gegen Mittag begab er sich in die große Hauptschule für Mädchen, die ziemlich entfernt lag.

Er war in einen vorüberfahrende Pferdebahn eingestiegen, und an einer der letzten Haltestellen sprang ein Kollege zu ihm ein. Dieser sah erhitzt aus, behielt nach der Begrüßung den Hut in den Händen und fächelte sich mit dem Taschentuch.

»Wie geht es, Herr Matthieux?« fragte er Erik, hastig atmend, »hier in der Stadt ist der Mai schon unerträglich, – wirklich, – wenigstens beim Gehn. Und dabei wagt man nicht, den Sommerüberzieher abzulegen; jeden Augenblick erwartet man wieder von der Newa her einen eisigen Windstoß. Ohne Übergänge, ohne Normaltemperatur. Ein mörderisches Klima.«

Er begleitete seine Worte mit so vielen Gestikulationen, daß man den Eindruck empfing, er werde sich nie im Leben wie der abkühlen. Erik betrachtete mit raschem Blick den ihm gegenübersitzenden ungefähr gleichaltrigen Mann, auf dessen entblößtes, bereits stark gelichtetes Haupthaar die grelle Maisonne wie spöttisch von draußen hereinsah.

»Ob das meine Zukunft hier ist? – der Mai unerträglich!« dachte er, und sagte laut: »Ich muß gestehen, ich habe eine Schwäche für diesen russischen Frühling. Er mag unartig sein, vielleicht launischer und gefährlicher als jeder andre, aber dafür ist er ein Wunder. Er zögert so lange, und kommt dann so unerwartet und so unwahrscheinlich schön, daß man seinen Augen nicht traut.«

»Ja ja. Wenn man Augen dafür behalten kann. Ich reise nach Schulschluß immer nach Deutschland zurück und erhole mich von den russischen Windstößen und Verhältnissen. Ich schreibe an einem Werk – immer in den Ferien in Deutschland. Das ist meine Erholung. Da bleibt für den Sommer wenig übrig. So geht es eben uns allen – allen, die wir uns geistig überarbeiten müssen.«

Erik schwieg einen Augen blick, dann erwiderte er, wie wenn er einen stummen Gedanken beende, ruhig: »Ich weiß mich freilich nur sehr zum Teil als ›Geistesarbeiter‹.«

»Ach, Sie meinen doch nicht, weil Sie da drüben, – weil Sie etwas lange in ländlichen Verhältnissen –? aber ich bitte Sie, bei Ihrem Wissen und Ihrer Begabung! Warum sollten Sie nicht auch noch ein Werk schreiben?«

Erik lachte.

»Nein, so meint ich es nicht. Nicht daß ich drüben vielleicht ein wenig verbauert sein könnte. Nicht den Mangel an Büchern. Denn wir – der Lehrer vor allen Dingen – arbeiten doch vor wiegend mit Menschenmaterial. Wir gehören schon einigermaßen außerhalb der Gelehrtenstube, scheint mir. Mitten in das Leben hinein.«

»Hm!« machte der Kollege, »ich finde, an die Menschen kommt man doch nur sehr oberflächlich heran. Es bleibt wirklich nur die Schreibtischarbeit. Aber sagen Sie doch mal: man sprach davon, daß Sie vor ein paar Monaten eine Reihe von Vorträgen halten wollten? Was war es damit?«

Eriks Augen verdunkelten sich.

»Nichts war es damit!« sagte er kurz, »man hat mir den Saal verweigert!«

»Sehen Sie, sehen Sie! Das kommt von Ihrer unbequemen Auffassung des Lehrerberufs außer halb der Arbeitsstube. Man fürchtet, daß Sie ein wenig lebhaft werden könnten. Wir gehen hier ja eben alle mit gebundenen Händen, – Sie wissen's doch! Aber mit einem sollten Sie sich wirklich trösten: es gibt hier ja gar keine Menschen, unter denen irgend etwas zünden und wirken könnte. Es gibt nur das Volk, zu dem wir weder sprechen dürfen noch können, – und ein Publikum, das sich amüsieren will.«

Er hatte sich in Eifer gesprochen. Erik antwortete nicht. Die Pferdebahn hielt, und beide stiegen aus.

»Nun haben Sie noch neue Stunden an der Mädchenschule übernommen?« nahm sein Begleiter das Gespräch wieder auf, und wie er jetzt langsam einherschritt und das Straßenpflaster durch seine Brille fixierte, sah er ebenso schwerfällig und schläfrig aus, wie vor hin hastig und zerfahren, »ja, da möchte man Sie am liebsten für alles ausnutzen! Sie hatten diese Klasse ja erst im Herbst zu übernehmen.«

»Es war aber Not am Mann. Auch wollt ich die Mädchen kennen lernen, Fühlung gewinnen, eh ich sie im Herbst ganz übernehme.«

»Nun, Sie werden es satt kriegen. Wissen Sie, dieses Geschlecht ist entsetzlich! Und nicht das geringste Talent für Mathematik unter ihnen. Auch nicht das geringste. Rechnen können sie alle nicht.«

»Gott sei Dank!« sagte Erik.

»Nein, nehmen Sie es nicht humoristisch. Als Mädchenlehrer verlernt man das Lachen. Unmöglich gefallen Ihnen die Backfische in Ihrer Klasse?«

»Hübsche Mädels!« entfuhr es Erik beinahe; als er aber die fast bekümmerte Mine seines Begleiters gewahrte, verschluckte er es noch recht zeitig und erwiderte nur: »Sie bringen doch Anregung, Abwechslung. Sehen Sie, hier in meiner Lederrolle: ein ganzer Stoß Aufsatzhefte. Das kurioseste Zeug. Sie gehen noch auf meinen Vorgänger zurück; ich ließ sie mir nur geben, um mich zu orientieren. Auch hab' ich eine wirkliche Merkwürdigkeit darunter gefunden.«

»Da bin ich nicht neugierig!« versicherte der Kollege von der Mathematik und kniff die Augen zu, »wahrhaftig nicht. Aber Sie sind ein beneidenswerter Mensch. Von Ihrem Vorgänger weiß ich, daß diese blauen Aufsatzhefte ihm bisweilen noch des Nachts Albdrücken verursachten.«

»Das war nur eine gerechte Strafe!« meinte Erik lachend, während sie einen hohen Torbogen durchschritten und in das Schulgebäude eintraten, »warum gab er auch Aufsatzthemata wie zum Beispiel das letzte hier: ›Über das Glück‹. Arme Mädels, die da in schönem Deutsch beschreiben sollen, was sie doch noch gar nicht genossen haben.«

Sie blieben vor dem breiten steinernen Treppenhaus stehn, das von der Flurhalle zu den Klassen hinaufführte.

»Deutsch schreiben lernen könnten sie doch jedenfalls dran, und das ist ja wohl der Zweck,« bemerkte der Kollege steif, denn die letzte Bemerkung hatte ihm höchlich mißfallen, »Ihr Vorgänger hat gewiß an kein Glück gedacht, wozu man die Schule verlassen haben muß. – Aber hier trennen sich wohl unsre Wege. Ich meine: wörtlich.«

»Also auf Wiedersehen!«

»Wünsche beste ›Anregung‹.«

Erik stieg hin auf und ging durch den hohen Hallengang, an dem die Klassenzimmer lagen. Er öffnete eines davon und blickte auf seine Uhr. Noch war die Frühstückspause nicht vorüber. Die meisten Mädchen hatte der Maisonnenschein in den großen Schulhof gelockt; man konnte sie durch das offene Fenster unten paarweise umhergehn und spielen sehen. Dicht unter dem Fenster, an das er sich setzte, stand der Brunnen mit einer Holzbank; dort machte es sich eine Gruppe halberwachsener Mädchen bequem, – das Kichern und Schwatzen drang deutlich bis zu Erik herauf.

In den umliegenden Klassen und auf dem Gang war es ganz still; selten nur klappte eine Tür, oder wurde ein Ruf laut. Auf den zur Hälfte niedergelassenen Fensterrouleaus brütete die Sonne, und einzelne Brummfliegen surrten um ein paar Brotkrumen auf den staubigen Pulten.

Erik hatte die blauen Hefte hervorgezogen und blätterte darin, wobei er jedoch von Zeit zu Zeit einen Seufzer ausstieß. Im Grunde waren dies wirklich recht langweilige Schulhefte. Solch ein Backfisch ist interessant, ohne Zweifel, er ist als Mensch, als Weib, als Backfisch interessant, und eine Welt für sich; aber von alledem kommt in den Schulaufsatz nichts hinein. Kein Wunder! Ist es nicht schließlich ebenso mit allen geschriebenen Büchern der Welt? Ist nicht der kleinste Ausschnitt des wirklichen Lebens tausendmal reicher, aufschlußgebender?

Er stand auf und warf einen Blick auf die lachende, schwatzende Mädchengruppe am Brunnen. Die, die er von seinem Standort sehen konnte, gehörten sicher seiner neuen Klasse an, hatten also die langweiligen Aufsätze auf dem Gewissen. Er verzieh sie ihnen, während er sie so anblickte, – diese frischen Geschöpfe, die noch das Vorrecht besaßen, ohne Schönheit schön zu sein. Es waren unter ihnen ganz bestimmte Typen leicht zu unterscheiden, obgleich sie verschiedenen Nationalitäten angehörten. Drei Sprachen schwirrten durcheinander. Er unterschied am deutlichsten den mehr hausfraulichen und den mehr weltlichen Typus. Beide besaßen etwas Anziehendes, – sowohl dieser schelmische Blick, der so weiblich ahnungsvoll unter den sorgfältig gekrausten Stirnlöckchen hervorlugte, als auch der sanfte, sittsam stille Augenaufschlag unter dem Madonnenscheitel. Das eigentlich kindliche Genre war unter diesen Backfischen fast gar nicht mehr vertreten. Und vielleicht deshalb auch so wenig Untypisches im ganzen, so wenig Individuelles, – man konnte sie schon klassifizieren, sie waren schon fest geprägt durch die Umgebung, in der sie erzogen wurden, wo es aber keine geborenen Erzieher und Menschenfischer nach Eriks Ideal gab, sondern nur gewöhnliche Amts- und Standespersonen.

Unwillkürlich suchte seine Hand unter den Heften, als wünsche er sich selbst Lügen zu strafen. Ja, hier stand die »Merkwürdigkeit« unter den Aufsätzen, – etwas höchst Individuelles jedenfalls.

Anstatt des vorgeschriebenen Titels »Über das Glück« trug er die Überschrift »Seligkeit!« – und wie ein Sehnen und Jauchzen klang etwas von dieser Überschrift dem Lesen den aus jeder Zeile entgegen. Er war nicht in vernünftiger, oder doch wenigstens korrigierbarer Prosa geschrieben, sondern in Versen, in gänzlich unkorrigierbaren und wilden Versen, in denen die Sprache Reißaus genommen hatte. Trotzdem wirkten diese Verse, so fehlerhaft sie hingeschrieben waren. Oder vielmehr: hinge träumt. Denn im Grunde glich dieses einem unklaren Traum, einem bloßen Gedankenstammeln, einem Sichauflehnen gegen Wort und Logik, aber es steckte unleugbar eine Gefühlsmacht darin. Man wurde im höchsten Grade ungeduldig bei der Lektüre, aber man wurde auch vom ungeduldig drängenden Wunsche überfallen, dem, der hier träumte und stammelte, mit Gewalt die Zunge zu lösen, daß er Aufschluß gäbe über seine Seele. Solche Verse mochte die heilige Therese als Kind gedichtet haben, ehe sie ihre Visionen auf Gott bezog, dachte Erik. Welche von denen im Hof mochte das sein?

Einzelne Worte tönten laut und erregt zu ihm her auf und brachten ihn aus dem Lesen. Er hörte eine von den Mädchenstimmen mit größter Energie sagen: »Er muß unglücklich sein. Ich will es so. So unglücklich wie nur möglich. Sonst tu ich es nicht.«

»Nein, nein, dagegen bin ich ganz!« rief eine andre in mitleidigem Ton.

»O, ich wäre schon dafür,« suchte eine dritte zu vermitteln, »wenn es nur für eine Weile ist. Denn später, da heiratet sie ihn ja dafür.«

»Heiratet?« fragte die erste Stimme erstaunt, »nein, ich denke nicht daran! Er ist und bleibt unglücklich, sag ich euch. Ein für allemal. Aber heiraten werd' ich ihn nicht.«

Erik fiel das Heft aus der Hand. Er stützte sich auf das Fensterbrett und sah vorsichtig hinab. Er hätte gern gewußt, wie das grausame Geschöpf aussah, das den Unglücklichen lebenslang gemartert wissen wollte und ihn nicht einmal heiratete.

Aber sie saß offenbar dicht an der Hausmauer und war von den andern so umstellt, daß sich Erik nicht tiefer hinabbeugen konnte, ohne von unten her gesehen zu werden. Er erblickte nur zwei schmale, weit vorgestreckte Füße in ausgeschnittenen Schuhen und dunkeln Strümpfen.

Jetzt zwitscherten alle so durcheinander, daß man nichts verstand.

Dann sagte ein bildhübscher dunkelhaariger Backfisch, während er herzhaft in einen Apfel hinein biß: »Ich find' es wirklich komisch von dir. Denn wozu haben wir ihn sonst mit so vielen und besondern Eigenschaften ausgestopft, wenn du ihn doch nicht nimmst? Er hat doch das Allerbeste abbekommen. Wenn er nur edel und unglücklich sein soll, so hätt' er auch gewöhnlicher bleiben können, – meint ihr nicht?«

»Laß sie doch, Wjera, du sollst sehen, sie hat im stillen schon wieder etwas Neues vor, – vielleicht was viel Schöneres,« meinte ein kleines blondes Mädchen in zierlich gestickter Latzschürze, »und wenn ihr sie nicht in Ruhe laßt, so sagt sie es uns am Ende nicht.«

»Hast du was? Hast du was? Ist es schön?« schrien sie erwartungsvoll.

»Es ist nichts für euch! Aber von allen die allerschönste Märchengeschichte!« erklärte die Angeredete an der Hausmauer, »kennt ihr die Verse von Uhland?« Und sie begann mit einer weichen Stimme zu deklamieren:

»In Liebesarmen ruht ihr trunken,
Des Lebens Früchte winken euch;
Ein Blick nur ist auf mich gesunken,
Doch ich bin vor euch allen reich.

Das Glück der Erde miss' ich gerne,
Und blick', ein Märtyrer, hinan,
Denn über mir, in goldner Ferne,
Hat sich der Himmel aufgetan.«

Sie lauschten mit ganz feierlichen Gesichtern, bis die letzten Worte gedämpft, in einer Art von schwärmerischer Andacht verklangen.

»Hu!« sagte die hübsche dunkle Wjera, ordentlich ergriffen, und eine zweite fügte besiegt hinzu: »Ja, dann freilich –«

Aber die, welche deklamiert hatte, lachte nur. Sie lachte so von innen heraus, so frisch und mit so überzeugen den Trillern in der Kehle, daß Erik oben an seinem Fenster beinah angefangen hätte, mitzulachen, und sich plötzlich mit ihr wie im Bunde fühlte. Auch von den Mädchen begannen einige zu kichern. Aber die meisten verstimmte es.

»Du hast gar keinen Lebens ernst!« sagte die Erste der Klasse strafend, eine andre aber behauptete sogar: »Sie hat kein Herz. Sie verlacht ihre eigne Sache, und uns mit.«

Nur das blonde niedliche Mädchen schien sich zärtlich an die Lachende zu schmiegen und erinnerte sie: »Du hast doch versprochen, uns den ›Unglücklichen‹ endlich zu zeigen. Willst du es heute auf dem Heimweg tun?«

»Ja, das will ich. Denn ich will ihn euch überlassen. Macht ihn so glücklich, wie ihr wollt.«

»Also denkst du an einen andern?«

Die Glocke, die zum Klassenbeginn läutete, unterbrach das Geplauder in diesem kritischen Augenblick. Arm in Arm schlenderten sie gemächlich ins Schulgebäude hinein. Die schmalen Füße aber lagen noch ausgestreckt in der Sonne.

»Jetzt muß ich sie sehen können,« dachte Erik und beugte sich mit ernstem Gesicht vor. Das Gespräch der Mädchen hatte ihn ganz betroffen gemacht.

Und er sah sie.

Gegen die grau getünchte Hausmauer nachlässig zurückgelehnt, die Arme hoch über dem Kopf verschränkt, saß sie auf einem umgestülpten Regenfaß, das in diesem beliebten Brunnenwinkel gelegentlich als Sitzbank benutzt wurde. Sie trug das entschieden aschblonde glanzlose Haar offen, so daß es ihr weich und lockig in einiger Verwirrung über Brust und Schultern fiel. Das tiefrote Bändchen, wodurch es am Hinterkopf zusammengehalten werden sollte, war hinabgeglitten und bewegte sich leise im Luftzug. Es war der einzige bunte Punkt und Schmuck am Bilde. Denn die ganze schmächtige Gestalt steckte in einem losen graublauen Gewande, das keinerlei Ähnlichkeit mit den hübsch gearbeiteten Kleidern, Miedern, Schleifen und Schürzen der andern aufwies. Über den schmalen Hüften durch einen einfachen Ledergürtel kittelartig geschlossen, ließ es zwischen den weichen Falten kaum den zarten Ansatz der Brust erkennen und verlieh dem Mädchen etwas sonderbar Knabenhaftes. Aber darüber erhob sich ein unregelmäßiges Gesichtchen, das gradezu ansteckend in seinem ausgelassenen Übermut wirkte. Wie sie so dasaß, den Oberkörper zurückgebogen, die ziemlich dunkeln Augen leuchtend erhoben, die Lippen wie in beginnendem Gelächter oder verlangendem Durst halb geöffnet, so daß unter der zu kurzen und stark geschweiften Oberlippe die weißen Zähne hervorschauten, – da machte sie den Eindruck, als bäume sie sich auf in überschäumender Lebenslust, bereit, jeden Augenblick jauchzend über alle Stränge zu schlagen, – fast unwillkürlich dachte man sich einen Thyrsusstab in die hinaufgestreckten verschlungenen Hände, – und der Bacchusknabe war fertig.

Als sie sich rasch und unvermittelt aufrichtete und ins Haus sprang, erhob sich Erik aus seiner vorgebeugten Stellung am Fenster und raffte hastig seine Hefte zusammen. Während er den Weg in seine Klasse antrat, kam ihm ein Lachen über seine eigne Verdutztheit. Zwei Lämmer in seiner Herde gehörten jedenfalls nicht dem langweiligen Durchschnitt an: die heilige Therese, und dann dieser arge Schlingel und Taugenichts.

Im Hallengang war es inzwischen von allen Seiten, in allen Ecken lebendig geworden, und einige Minuten lang schwirrte es dort durch einander gleich einem Mückenschwarm in der Maisonne. Dann schwächte sich der Lärm ab, die Klassentüren fielen ins Schloß; hie und da eilte noch ein Nachzügler an seinen Platz; einzelne Lehrer, sämtlich in dunkelblauem Frack, der für diese Schulen vorgeschriebenen Uniform, schritten grüßend aneinander vorüber oder blieben, ein paar Worte wechselnd, im Gange stehn. In Eriks Klasse war alles schon mäuschenstill und in schönster Ordnung beisammen, als er mit belebtem Gesichtsausdruck hereintrat. Einen Augenblick lang ließ er, auf dem Katheder stehend, seinen Blick über die blonden und braunen Mädchenköpfe schweifen, die fast alle mit lebhaften und aufmerksamen Augen zu ihm aufschauten. Obgleich er erst zum zweitenmal auf diesem Platz und seinem jungen Auditorium gegen überstand, fühlte er doch schon sehr deutlich die Stimmung der Sympathie, die ihm aus allen diesen Augen entgegenleuchtete. Er verdankte sie seinem eignen Entgegenkommen. Denn die da merkten recht wohl das tatsächliche Interesse, das er ihnen als Lehrer zubrachte, – den Blonden wie den Braunen, den Klugen wie den Dummen, den Willigen wie den Widerspenstigen. Welche Fehler er auch besitzen mochte, einen wenigstens besaß er nicht: seinen Unterricht wie eine leblose Pflichtmaschine zu absolvieren.

Erik schob die blauen Hefte an den Rand des Kathederpultes und sagte, sich niedersetzend: »Die Hefte können wieder verteilt werden. Sie sind zum größern Teil recht bedauerlichen Inhalts. Hoffentlich lautet die Fortsetzung viel besser. In bezug auf einen Aufsatz möcht' ich aber eine Erkundigung einziehen.«

Er schlug den Deckel des obersten Heftes zurück und fragte, den Namen ablesend: »Wer ist Ruth Delorme?«

Die Aufgerufene schien diese Frage erwartet zu haben, sie hatte sich erhoben, eh ihr Name von seinen Lippen gefallen war.

Er richtete einen bestürzten Blick auf sie. Es war der Bacchusknabe aus dem Schulhof.

Jetzt freilich machte sie nicht mehr so ganz den kuriosen Eindruck. Das ordentlich zusammengenommene Haar und der »Klassenernst« auf ihrem Gesicht störten ihn, – vielleicht auch, daß sie die Augen niedergeschlagen hatte. Am liebsten wäre ihr Erik mit der Hand über das Gesicht gefahren, wie um eine Maske abzustreifen, damit er darunter die wirkliche Ruth zu sehen bekäme. Aber das wäre dann der mutwillige, lachende Junge von vorhin gewesen, – und das deckte sich so wenig mit der Vorstellung, die der Aufsatz von ihr weckte. Das wunderliche Geschwätz der Mädchen am Brunnen fiel ihm ein.

»Unmöglich!« entfuhr es ihm.

Sie sah verwundert auf.

»Doch!« sagte sie.

»Das kann sie! sie kann Verse machen!« riefen einige Stimmen. Man konnte es ihnen anhören, wie stolz sie auf diese Schwarzkunst waren und wie interessant sie das unerwartete Intermezzo fanden.

»Verse, – das ist ja möglich,« gab Erik zurück, »auch sind sie keineswegs schön. Ganz das Gegenteil davon. Aber ein Schulmädchen –«

Er brach etwas verlegen ab und ärgerte sich. Die Bemerkung war auch gar zu einfältig. Schulmädchen waren sie ja alle, und eine von ihnen mußte es doch gewesen sein. Mußte? Da kam ihm der Gedanke: vielleicht ist es gar kein selbständiger Aufsatz?

Er blätterte im Heft zurück. »Es ist noch ein früherer Aufsatz drin. Etwas Literarhistorisches. Der fällt stark dagegen ab. Lauter mühsam nachgezogene Linien – und falsche Linien. Es geht die Sage, daß bei den Aufsätzen nicht immer fremde Hilfe verschmäht wird. Sollte das nicht die Lösung des Rätsels sein?«

Während er aber noch sprach, war er schon überzeugt, daß er sich irrte und daß sie sogleich auftrotzen und mit beleidigtem Stolz behaupten werde, ihr habe niemand geholfen.

Jetzt schüttelte sie auch wirklich den Kopf und sagte: »Mir hilft niemand.«

Aber wieder schaute er betroffen auf. Wie klang das! Grade so, als habe sie unter Tränen gesagt:

»Ich bin ja so mutterseelenallein!« Ein stiller Ton war darin, der ihn rührte, – etwas so ganz Neues, Unerwartetes, was er wie der mit dem übrigen nicht zusammenreimen konnte.

Es litt ihn plötzlich nicht mehr auf dem Katheder, in der ruhigen Haltung des Lehrers. Ein zwingendes Gefühl von Interesse fand gleichsam seinen Ausdruck darin, daß er herabstieg und zu ihr hintrat an die Bank, in die Mitte der übrigen.

Als er dicht vor ihr stand, ward er sich einer Übereilung bewußt und kehrte, wenn nicht zum Platz, so doch zur Rolle des Lehrers zurück.

»In der Änderung des Titels und der Anwendung von Versen liegt eine auffallende Abweichung vom Vorgeschriebenen; hier galt wohl eine Ausnahme, die mein Vorgänger machte?« fragte er.

»Er zog sie vor! sie durfte tun, was sie wollte!« schrien einige.

»Sie gehört nicht mehr zur Schule! Sie kommt nur zu einigen Stunden!« riefen andre.

»Ich gehe bald fort,« sagte Ruth.

»Fort? Vom Ort?« fragte er, und ein brennendes Bedauern überfiel ihn.

Sie hob die Augen.

»Nein. Nur aus den Stunden.«

Wie bei der Blicke sich trafen, sah er ihr Gesicht aufleuchten. Nicht nur die Augen taten's, das Leuchten ging über Stirn und Augen wie ein Lächeln, obschon sie ernst blieb. Der »Klassenausdruck« fiel von ihren Zügen wie ein vorgehaltener Schleier.

Er gab ihr einen Wink, sich zu setzen.

»Das ist sehr schade,« meinte er dann, ein paarmal auf und abgehend, und es war ihm selbst nicht klar, für wen es eigentlich schade sei, ob für den Lehrer, oder für die Schülerin, oder für alle beide. Doch setzte er rasch hinzu: »Es ist zu früh. Ein Zeichen von Reife ist der Aufsatz nicht.«

Dann richtete er, mit dem Aufnehmen des Unterrichts, keine Bemerkung mehr an sie, vermied es auch während der Stunde, ihren Namen aufzurufen, obgleich es ihn beschäftigte, daß sie fortgehn wollte. Aber er begriff, daß dies lebhafte Interesse für ein merkwürdiges Kind, wenn es auch ausschließlich den Erzieher in ihm reizte, von ihm selbst erst völlig beherrscht werden und in ihm selbst sich erst völlig geklärt haben mußte, ehe daran zu denken war, ihm vor einigen Dutzend neugieriger Mädchenaugen nachzugeben. Er kannte sehr wohl die üblichen Schwärmereien für den Lehrer, zweifelte auch nicht daran, daß auch er bereits Gegenstand solcher Schwärmereien sei, hielt aber doch möglichst daran fest, sich nicht durch sein Benehmen zu verraten, wenn einmal eine kleine Schülerin Eindruck auf ihn machte, – was doch unvermeidlich geschah unter Menschen von Fleisch und Blut.

Ruth saß still auf ihrem Platz und folgte seinen Worten und Bemerkungen mit verträumten Augen. Sie war eine ziemlich zerstreute Schülerin, und so nahm sie auch jetzt im Grunde nichts von dem auf, was er vortrug, sondern merkte sich nur die Art, wie er vortrug, und die ihm eigentümliche Gebärde der Hand dabei. Daß er schmale, nervige Hände von edler Form besaß, daß sie aber leicht gebräunt waren, wie bei einem, der sich viel der Luft und Sonne ausgesetzt hat, merkte sie, – und es kam ihr wie ein Widerspruch vor, der sie beschäftigte. Die gerade, etwas steile Linie seiner Schultern prägte sich ihr ein wie ein Bild, und dann, daß ihm das Haar beim Sprechen in einem straffen kleinen Büschel in die Stirn fiel, und er es stets mit einem kurzen Ruck zurück warf, wobei der Kopf ein wenig hochmütig oben blieb. Es war kurzgehaltenes, schlichtes, dichtes Haar, und es ärgerte sie förmlich, daß es sich nirgends ein klein bißchen locken wollte, – nur ein bißchen; in Gedanken ließ sie ihm lange Locken wachsen, die sahen aber drollig aus, und so schnitt sie sie ihm wieder ab. Darüber mußte sie lachen; sie hätte fast laut aufgelacht, und der Sicherheit halber stützte sie den Mund auf die Hände.

Aber bei alledem sah sie nicht aus, als ob sie sich in losem Mutwillen mit solchen Äußerlichkeiten beschäftige, sondern als sinne sie angestrengt und ganz in sich vertieft einem schwierigen Problem nach. So hatte sie schon neulich, in seiner ersten Stunde, dagesessen, von ihm unbemerkt.

Ruth machte noch immer dasselbe verträumte, nachdenkliche Gesicht, als nach Beendigung des Unterrichts sich ein ganzer Schwarm von Mädchen zum Heimgehn um sie drängte. Sie hatten diesen Augenblick kaum erwarten können, denn nun sollte Ruth ihnen ja den »Unglücklichen« zeigen, der aller Phantasie beherrschte. Arm in Arm, hintereinander, und mit den Ranzen schlenkernd, gingen sie lachend und schwatzend die Straße hinab und bogen in den Newskyprospekt ein, Ruth vorauf und ohne auf sie zu achten. Einige sahen sich vorsichtig um, ob ihnen auch niemand folge auf den Wegen, die sie Ruth führen sollte, aber die Straße war ziemlich menschenleer, nur ein paar Dienstmädchen, die den Verwöhntesten den Schulsack trugen, folgten in bescheidener Entfernung, und hinter diesen sah man Erik herankommen.

»Eigentlich ist die Ruth doch eine Glückliche!« sagte die hübsche Wjera zu ihrer Nachbarin, »daß sie solche Geschichten treiben kann. Ich glaube, ihre Verwandten kümmern sich gar nicht drum. Ja, es ist ganz anders, wenn man noch Eltern hat.«

»Pfui, schäme dich!« empörte sich das Mädchen, das neben ihr ging, und stieß sie mit der Frühstücksbüchse in die Seite, »es ist doch ein schreckliches Unglück, seine Eltern so früh zu verlieren. Die arme Ruth! Denke nur, wo sie von ganz klein auf schon alles gewesen ist, – in Belgien und Deutschland, und immer unter fast Fremden.«

»Ja, da kommt man eben auch weit herum,« beharrte der gemütlose Backfisch, »sogar in einer Schweizer Pension ist sie gewesen. Und grade da möcht' ich so gern hin.«

»Sogar in einem Glaspalast hat sie einmal gewohnt,« behauptete eine von ihnen etwas unsicher.

Ein schallen des Gelächter erhob sich.

»Ja, im Traum! Das ist doch nur ein Märchen, das sie erzählt hat. Höre nur, Ruth, das hält sie für Wirklichkeit!«

»Da kommt er!« sagte Ruth mit einem Male.

Das Wort fiel wie ein Schrotkorn in einen Haufen lärmender Spatzen. Im ersten Augenblick stoben sie fast auseinander, aber dann sammelten sie sich wieder, räusperten sich, zupften an ihren Kleidern, reckten die Hälse, und die meisten von ihnen wurden rot.

»Hier der Blonde?«

»Nein! Der Herr im Zylinderhut.«

Es war keiner von beiden. Ruth blickte ernsthaft gradeaus und einem Herrn ins Gesicht, der auf sie zuschritt. Ein junger brünetter Mann, im hellen Sommerüberzieher, mit etwas verlebten Zügen, einem kleinen Schnurrbart und mandelförmigen Augen.

Er schien wie geschaffen zum Helden der Tragödie, – darüber waren alle einig. Aber während sie ihn noch anstarrten wie ein Meerwunder, geschah vor ihren Augen das Ungeheuerliche, woran sie eigentlich doch nicht im Ernst geglaubt hatten: Ruth grüßte ihn, ganz ernsthaft grüßte sie ihn, ohne eine Miene zu verziehen, aber doch so wie einen alten Bekannten.

Ein halbes Lächeln glitt über sein Gesicht; er hatte sie fest fixiert, jetzt griff er eilig an den kleinen runden Filzhut und grüßte wieder. Ziemlich vertraulich tat er das.

Die hübsche Wjera schrie fast auf vor Überraschung und Vergnügen, sie war feuerrot geworden, und um ihrer Herzensbewegung Herr zu werden, mußte sie ihre Begleiterin unwillkürlich in den Arm kneifen. Ein paar von den andern aber hielten sich von der Gruppe etwas getrennt, sie genierten sich sichtlich, gingen verlegen neben dem Trottoir auf dem Straßendamm einher und schlugen die Augen nieder. Doch fand der heldenhafte Unbekannte noch eine beträchtliche Anzahl unter ihnen, die mit Augen und Mienen das Spiel fortsetzten. Während er mit ganz verlangsamten Schritten an ihnen vorüberging, flogen Blicke und Lächeln zu ihm hinüber, empfingen deutliche Antwort und wurden wiederholt. Ein paar Köpfe drehten sich auch noch nach ihm um, und auch er wurde nicht müde, zurückzusehen.

»Nein! Das ist aber zu arg!« brach eine von den Sittsamen auf dem Straßendamm los, »es ist gradezu sündhaft!«

»Ach, du liebe Tugend! Wir sind es ja gar nicht gewesen, die angefangen haben. Ruth hat es getan. Sie hat ihn gegrüßt. Wenn sie jetzt auch so gleichgültig drauf los geht, als ging es sie nichts an.«

»Ja, was schadet's denn auch?« verteidigten mehrere ihr Benehmen etwas betreten.

»Gewiß schadet es, – abgesehen davon, daß es sündhaft ist,« behauptete die Sittsame, »hast du nie gehört, daß man nicht geheiratet wird, wenn man ein Verhältnis gehabt hat?«

»Ja, sie hat ganz recht; es bringt uns in Verruf,« half ihr eine zweite, »und der da würde euch gewiß nicht heiraten, bildet euch das ja nicht ein. Er kann euch ja auch gar nicht alle heiraten!« setzte sie schlagend hinzu.

Einzelne suchten zwischen den Streitenden zu vermitteln.

»Es ist doch alles nur Unsinn. Eine bloße Phantasiegeschichte. Also laß doch! Morgen in der Frühstückspause spielen wir mit verteilten Rollen weiter, dann ist wieder eine von uns der edle Unglückliche, und alle Gefahr ist vorbei.«

»Nein, nun ist es keine bloße Phantasiegeschichte mehr. Du hättest ihn uns nicht zeigen sollen, Ruth.«

Diese zuckte ungeduldig die Achseln.

»Das kann ich nicht so trennen. Wenn wir's spielen, leben wir's ja auch. Aber macht es doch, wie ihr wollt,« sagte sie zerstreut.

»Nein, erst mußt du's weiter ausdenken. Eigentlich ist es auch sehr lustig. Grade als ob man zweimal lebte: einmal zu Hause und in der Schule, – und dann noch einmal ganz wo anders, wo alles grade so ist, wie man sich's ausdenkt. – Aber diesen Weg wollen wir lieber nicht wieder gehen.«

»Ach, seid ihr Feiglinge!« rief Wjera dazwischen, die sich bis jetzt nicht am Streit beteiligt hatte, weil sie sich noch mit dem »Unglücklichen« zu tun gemacht hatte, der irgendwo an einer Straßenecke stehn geblieben war, »ich finde diese Geschichte tausendmal interessanter als all die Phantastereien drum herum. Was hat man denn von denen? Sie amüsieren uns nur, weil man uns eingesperrt hält!«

Über ihrem Hin- und Herreden beachteten sie es gar nicht, daß sie an Ruths Wohnung am Isaaksplatz angelangt waren, das heißt, daß die meisten von ihnen sich recht beträchtlich von ihrem eignen Heim entfernt hatten. Sie liefen gewohnheitsmäßig mit wie eine Hammelherde, Ruth selbst aber war gradeswegs nach Hause gegangen. Jetzt blieb sie zaudernd stehn und kämpfte zwischen der Lust, in eine Seitenstraße einzubiegen, und der Notwendigkeit, zur gewöhnlichen Stunde bei ihren Verwandten einzutreten. Bis zu Tisch blieb noch viel Zeit, einen Vorwurf zog sie sich nicht zu, und was ihr jetzt vorschwebte, war süß und lockend gleich einem Frühlingsmärchen.

Aber es gab da etwas andres, was sie zurückhielt: wenn sie jetzt hineinging, so blieb sie, wie immer, gänzlich unbemerkt und unbeachtet im ganzen Hauswesen; wenn sie dagegen bis zum späten Mittagessen fortblieb, so wurde sie vielleicht bemerkt, befragt, belästigt. Und das entschied.

Wie eine jener kleinen Insekten, die zum Schutz vor feindlichen Mächten die Farbe des Holzes oder Laubes annehmen, auf dem sie sitzen, so verhielt sich, halb unbewußt, auch Ruth gegenüber ihrer Umgebung. Es war ihre Art, sich zu wehren.

Ruth löste sich aus der schwatzenden Mädchengruppe und verschwand hinter den hohen Türflügeln eines umfangreichen steinernen Gebäudes, vor dem ein Soldat Wache stand. Eine Abteilung des Kriegsministeriums lag darin, nebst mehreren großen Kronswohnungen, wovon Ruths Onkel, der Staatsrat war, eine innehatte.

Ihr Verschwinden gab das Signal zum allgemeinen Aufbruch. Jetzt erst erschraken manche über die lange Versäumnis und suchten laufend eine Pferdebahnlinie zu erreichen oder unterhandelten mit den Droschkenkutschern, die sich sofort um sie sammelten und laut schreiend einander nach Möglichkeit unterboten.

Bis morgen vermißten sie Ruth nicht mehr, sie hatten sich ausgezeichnet unterhalten, sich ordentlich echauffiert! Morgen, wenn sie nach neuer Nahrung begierig waren, kam sie wieder.

*

Erik war den Mädchen nur einen kleinen Teil des Weges gefolgt, denn er hatte noch in einem Knabengymnasium und in einer Privatschule Stunden zu geben. Dann ging er in seine Stadtwohnung hinauf, die geräumig und freundlich, aber vier Treppen hoch lag: dafür konnte man aus den Fenstern die Newa überschauen, durch deren mächtige blaue Wogen der Ladogasee noch seine letzten Eisschollen trieb. Sie schimmerten durchsichtig im blendenden Maisonnenschein. Über seine Aussicht freute sich Erik täglich von neuem.

Nach Schulschluß pflegte er hier vorzusprechen, allerlei zu erledigen und eingelaufene Briefe mit zunehmen, denn die Landpost galt als unzuverlässig. Heute war er kaum eingetreten, als es klingelte.

Er öffnete die Tür und blieb mit einem Lächeln daneben stehn.

»Warwara Michailowna!« sagte er.

»Was ist denn das?« fragte sie, rasch um sich blickend, »schon auf dem Lande? umgezogen? allein hier? Ich wußt' es nicht! Dann haben Sie also meinen Brief – –?«

»Ich hab' ihn gestern hier vorgefunden,« versetzte er, sie in die angrenzende Wohnstube führend, wo die Polstermöbel schon ihre Sommertoilette empfangen hatten und in ihren weißen Leinwandhülsen gleich Gespenstern herumstanden. Unter dem runden Sofatisch war der Teppich entfernt worden, und ein leichter Geruch von Kampfer schwebte in der Luft.

»Ich wollte mir Ihre Antwort lieber selbst bei Ihnen holen – oder bei Ihrer Frau!« sagte Warwara Michailowna und ließ sich in einen der weißbezogenen Sessel sinken, »trotz Staub und Sonne bin ich also da. Ich muß wissen, weshalb Sie nicht kommen wollen.«

Sie sah wunderhübsch aus in der gewählten Einfachheit ihrer Frühjahrskleidung, mit ihrem reizenden Mund und mit der Melancholie in den tiefdunkeln Augen, die einen so pikanten Gegensatz zu ihrem muntern Wesen bildete.

»Ich danke Ihnen!« erwiderte Erik und blickte sie an, »aber Sie nehmen mir in der Tat die Antwort schon von den Lippen: ich wollte wirklich nicht kommen. Mich eine Zeit lang ganz auf dem Lande vergraben. – Dort können wir ja, wenn Sie erst hinausgezogen sind, so poetisch Fangball spielen und Krocket. – Ich bin diesen Winter gar zu stark ins Gesellschaftstreiben geraten.«

»Und was schadet das? Fragen Sie nur Klare-Bel, ob sie Sie nicht auch am liebsten im Gesellschaftsrock sieht? Der Salon ist Ihr natürliches Milieu. Sie sind nun einmal kein solcher deutscher Bär und Philister, wie sie mitunter mit goldenen Brillen und blonden Vollbärten zu uns kommen! Erst seit ein paar Generationen hat sich Ihre Familie dort niedergelassen, – irgendwo an der friesischen Grenze, – französische Emigranten, – weiß ich's nicht gut?«

»So weit wollen Sie den Beweis herholen, daß ich in Gesellschaft gehn soll?«

Sie lachte und stieß belustigt den Elfenbeingriff ihres Sonnenschirms gegen die Tischplatte.

»Sie sind ein Spötter. Ich wollte nur sagen: bilden Sie sich nicht ein, daß Sie zum Schulmeister geboren sind. Trotz der blauen Uniform da, die Sie noch anbehalten haben, – die Ihnen übrigens gut steht, weil es ein Frack ist. Sie sind zum Weltmann geboren. Wenn Sie uns – mondains – meiden, tun Sie sich selbst weh. – – Ich weiß es. Lachen Sie nicht.«

»Ich lache ja nicht. Sie sind sehr scharfsichtig, Warwara Michailowna. – Vielleicht zu sehr –?« Sie schüttelte den Kopf.

»Sie würden unsrer verwöhnten Gesellschaft nicht so gut gefallen, wenn Sie nicht selbst ein wenig von ihr berauscht würden. Hab' ich nicht recht?«

»Nun, nehmen wir also an, ich will nicht berauscht werden,« sagte Erik und kreuzte die Arme; »daß grade Sie als Versucherin kommen, ist freilich schlimm für mich. Ein Glück, daß die Saison zu Ende geht.«

Sie machte einen schmollenden Mund.

»Ich weiß schon. Mich halten Sie für die Inkarnation weltlicher Oberflächlichkeit.«

Er widersprach nicht.

Einige Augenblicke lang schwiegen sie beide, und zwischen ihnen lag, unmöglich zu überhören, Warwaras stumme Frage: »Bin ich es, die dich berauscht?«

»Sie sind ein Egoist,« sagte sie dann aufblickend, »sonst hätten Sie bemerken müssen, daß Sie sich irren. Wissen Sie nicht, weshalb ich Sie so gern da habe, mitten unter den Menschen? Weil ich grade ebensogut fühle wie Sie, daß dieses Treiben im Grunde eitel und hohl ist, – inhaltsleer, – und es mich dennoch berauscht, – wie Sie. Ihre Anwesenheit war also die eines Leidensgenossen für mich. Hand aufs Herz! sind wir nicht so etwas wie Leidensgenossen? Wir haben eine gemeinsame Versuchung.«

Er blickte sie fest an. Sie sprach rasch, ein wenig erregt, mit dem weichen, klingenden Tonfall, den er an den Slawen so einschmeichelnd fand. Ihr selbst war es in diesem Augenblick nicht ganz klar, ob sie mit ihm kokettierte, oder ob sie nicht vielleicht ehrlicher mit ihm sprach, als je mit sich allein. Es schien ihr wirklich manchmal – und besonders in den seltenen Stunden des Alleinseins, – als triebe sie ein verwandter Zug zueinander. Und dann war ihr Erik interessant: als Mensch. So, wie unter lauter Satten ein Hungriger interessant ist. Unter den Gesellschaftsmenschen ihrer Umgebung kam er ihr vor wie einer, der ungeduldig auf Beute ausgeht, und weil er die ihm gemäße dort nicht findet, seinen Hunger mit Naschwerk zu betäuben sucht.

»Also: Kameradschaft in einer gemeinsamen Versuchung!« sagte Erik wegblickend – »vielleicht – ein Wettkampf, wer ihr besser erliegt?«

Sie erhob sich, um zu gehn.

»Sie haben vielleicht recht zu spotten, und es würde nur sentimental klingen, wenn ich antworten wollte: nein! mehr als das, – eine gemeinsame Sehnsucht,« entgegnete sie, dicht neben ihm, der ebenfalls aufgestanden war, »Sie haben tausendmal recht. Wir habe ja nie ein ernstes Wort miteinander gesprochen. Und ein Mann braucht keinen Bundesgenossen. Er kann's allein.«

Sie sprach ganz erst, es klang beinah echt, und was sie sprach, stimmte so eigentümlich zu der Schwermut der dunkeln Augen. Eine Minute, – eine verschwindende Minute lang fühlte Erik, wie ihm seine Phantasie etwas vorgaukelte. Eine Sehnsucht brach heiß in ihm auf, über die der Verstand lachte, – und ein wilder herrischer Wunsch, den lachenden Verstand unter die Füße zu treten und einen schönen Selbstbetrug wahr zu machen.

Ohne genau zu wissen, was er tat, hatte er die Hand ausgestreckt, es war eine fast befehlende Bewegung, wie ein: »Bleib!« Er sah nichts mehr deutlich, er empfand nur die Nähe dieser schmiegsamen Gestalt, dieser Augen, von denen Sehnsucht ausging.

Und plötzlich küßte er sie mit geschlossnen Augen auf den Hals und die Wange. Nicht tändelnd, versuchend. Rasch, heftig, fast gewalttätig.

Er murmelte halb unverständlich: »Mach es wahr! mach es wahr! laß mich nicht aufwachen! Suchtest du mich?«

Bei seinen bewußtlosen Küssen überfiel Warwara ein plötzlicher Schreck. Sie war selbst berauscht gewesen, einen Augenblick lang, aber die Wucht, womit er darauf einging, ernüchterte sie ebenso rasch. Durch die momentane Erregung seiner Sinne hindurch spürte sie etwas von dem tiefinnersten Hunger und der Sehnsucht in ihm, an die sie unvorsichtig gerührt hatte. Nicht wie eine Dreistigkeit, die erstaunt oder verletzt, empfand sie seinen Kuß, sondern wie eine lähmende Gefahr für Leib und Seele, die zu verschlingen droht, was ihr zu nahe gekommen ist.

Mit einer heftigen Bewegung hatte sie sich freigemacht.

Ihr Blick lief über ihn hin. Eigentlich sollt' er ihr wie ein Kind vorkommen, das so erfüllt ist von Lebensverlangen und ungeduldiger Erwartung, daß es nicht mehr zu spielen vermag. Es zerbricht gewaltsam das dargebotene Spielzeug, um zu sehen, was dahinter ist, und bleibt mit enttäuschtem Gesicht stehn.

Das wollte sie nicht. Lieber noch gespielt haben, als zu ernst genommen werden, – so ernst, daß ihr Inneres bloßgelegt und an unmöglichen Illusionen gemessen würde. Sie fürchtete sich vor dem enttäuschten Gesicht.

Erik mißverstand die Heftigkeit ihrer Bewegung. Aber sie weckte auch ihn. Er hatte ja nur einen Augenblick vergessen, daß sie spielte. – Seine Erregung verflog sofort. Nur etwas Spott blieb in den Augen und um den Mund zurück. Spott über sich selbst.

Die Luft im Zimmer war zum Ersticken schwül. Fast ungehindert schien die Sonne durch die dünnen weißen Fenstervorhänge, und mißtönend klang von der Straße der Lärm der Droschken und Pferdebahnen herauf.

Warwara war langsam in den Vorflur gegangen, und Erik geleitete sie an die Haustür. Sie wechselten kein Wort miteinander.

Erst an der Tür wandte sie sich um zu ihm und maß ihn mit einem sonderbaren Blick, den er nicht verstand. Bedauern lag darin, aber auch Ablehnung, eine kleine Überlegenheit über ihn, den Mann, und dann noch etwas, wie ein ganz leises Eingeständnis: »Ich möchte wohl die sein, die du brauchst, und die dich sättigen könnte, du Wilder. Aber ich bin's nicht.«

»Ich nehme an: Sie kommen nicht,« bemerkte sie dabei zerstreut.

»Mit Ihrer Erlaubnis: nein!« entgegnete er und sann dem Blick nach.

Die Tür fiel ins Schloß.

*

Ruth war pünktlich um vier Uhr, zur festgesetzten Mittagsstunde, im Speisesaal erschienen, der, hoch und groß, mit dunkeln Mahagonimöbeln ausgestattet, in der Mitte einer Flucht von Gemächern lag. Sie hatte ihren äußeren Menschen so glatt gebürstet und gestriegelt, wie der Onkel, die Tante und die Cousine sich zu tragen pflegten, und saß schweigsam auf ihrem Platz am Tisch, den ein Diener in weißbaumwollenen Handschuhen geräuschlos bediente. Während des Essens, das die Beteiligten in ausgiebigster Weise beschäftigte, blieb die Unterhaltung recht einsilbig. Der Onkel liebte keine langen Tischgespräche, und seine Frau hatte genug damit zu tun, ihn mit den richtigen Stücken zu versorgen.

Erst als die Mundspüler von grünem Glas, die kein Mensch benutzte, vor jeden einzelnen niedergesetzt waren, und vor der Tante die silberne Kaffeemaschine stand, auf der sie den Kaffee immer eigenhändig bereitete, wurde es ein wenig lebhafter bei Tisch. Darauf schien Ruth nur gewartet zu haben. Sie erhob sich leise von ihrem Sitz und wollte verschwinden.

»Gehst du schon auf dein Zimmer, mein Kind?« fragte die Tante, »dann sieh dich mal darin um. So unordentlich, so wenig zierlich sollt' es bei keinem jungen Mädchen im Zimmer aussehen.«

Ruth machte eine Armesündermiene. »Ich will wunderschön aufräumen,« sagte sie eilig; »darf ich dann bis zum Tee noch einmal fortgehn?«

»Bis zum Tee? Ist es denn etwas so Dringendes?«

»Es ist etwas Dringendes,« sagte Ruth. Der Onkel sah auf.

»Zu wem willst du denn gehn? Es ist wohl jemand aus der Schule?«

»Ja,« erklärte Ruth und rieb ungeduldig den Türgriff, den sie schon in der Hand hielt.

»Sage dem Diener, daß er dich begleitet und dort auf dich wartet.«

Der Onkel blickte ihr nach, wie sie leise die Tür hinter sich schloß.

»Ein merkwürdig bequemes Ding ist sie doch,« meinte er dann, seine Zigarette anzündend, »ich kenne niemand, der weniger verlangt und sich weniger bemerkbar macht als sie.«

»Weil man ihr alles gewährt,« ergänzte die Tante mit ihrer etwas hohen Stimme, die den baltischen Akzent noch deutlicher hervortreten ließ. Sie war eine Baronesse aus Livland.

»Alles? nun weißt du, ein andres Kind würde nicht so zurückhaltend sein. Sie weiß zum Beispiel: dies ist die Stunde des intimsten, ungestörtesten Beisammenseins, – und immer geht sie fort. Aber mit knapp sechzehn Jahren handelt man doch nicht aus Takt.«

»Nein, das tut sie auch nicht. Du idealisierst Ruth immer. Sie liebt uns einfach nicht genug, um sich enger an uns zu schließen. Manchmal denk ich: sie ist vielleicht herzlos.«

»Aber Mathilde! wie kannst du dem kleinen Ding etwas so Böses nachsagen! Lies mal den letzten Brief aus Belgien, wie sie sie da in der Pension loben und zurückverlangen.«

»Ja, das kennt man, mein Lieber. Sie war ein einträglicher Pensionär. Und dann sind sie dort katholisch. Wie kann man ihnen trauen? Ich bin es grade, die deswegen für Ruths Übersiedlung zu uns gewesen ist. Wir sind doch schließlich verantwortlich für sie. Dafür, daß sie in Zucht und Ordnung aufwächst. Was hat man davon, daß ihre Verwandten dort von flämischem Adel sind? Die Ansichten sind doch die Hauptsache. Und diese Leute dort kennt man nach der Richtung gar nicht.«

Der Onkel schwieg mit verdrießlichem Gesicht. Er wußte, daß für seine Frau alle Menschen außer halb der kleinen baltischen Provinzen »diese Leute« waren, – während für ihn, grade umgekehrt, die Welt erst jenseits der russischen Grenze anfing. Ihm kam nicht nur die beschränkte provinzielle Exklusivität seiner Frau lächerlich vor, sondern sogar auch ihr baltisches Heimatsgefühl. Mit seinem französischen Namen und den deutschen und slawischen Elementen in seiner Familie fühlte er sich dermaßen als Kosmopolit, daß er nie eine Gemütsbeziehung zu irgend einem Lande und Volke besessen hatte. Er schalt und klagte nur deshalb nicht über Rußland, wie die meisten seinesgleichen, weil er dies für unvornehm hielt.

»Ruth würde jetzt gewiß nicht von hier fortgehn mögen, Mama,« bemerkte die Tochter, »jetzt, wo sie so gut wie erwachsen ist. Nirgends kann man doch so gut in die Welt eingeführt werden wie hier.«

»Aber mir scheint, das will sie gar nicht,« versetzte der Onkel lächelnd, der seine hübsche Tochter sehr gern in Gesellschaften begleitete, »sie hat ja ohnehin so viel Welt und Menschen gesehn, und macht sich nichts draus. Gott sei Dank also, daß wir mit ihr nicht noch einmal dieselben Umstände haben werden, wie seit einem Jahre mit dir, Liuba.«

»Nun bist du wahrhaftig imstande und setztest dein eignes Kind für Ruth herab,« sagte seine Frau nervös, die kein Gehör für einen scherzenden Ton besaß, »laß sie doch nur in Gottes Namen nach Belgien reisen!«

»Nein!« entgegnete er ärgerlich, drehte seinen Stuhl vom Tisch ab, ergriff eine Zeitung und vergrub sich hin in. Als eine der unangenehmsten Eigenschaften an seiner Frau war ihm stets ihre unleugbare Vortrefflichkeit erschienen, wogegen es nirgends einen Appell gab, aber beinahe noch unangenehmer erschien ihm dieser gänzliche Mangel an Humor.

Die Stunde des »intimsten, ungestörtesten Beisammenseins« war gründlich verdorben.

*

Ruth freilich ahnte nicht, daß sie von ihrem leeren Platz am Tisch den unschuldigen Störenfried spielte, ja sie hatte im Augenblick vielleicht fast ganz vergessen, in welchem Lande der Erde, ob in Belgien oder Rußland oder Deutschland oder sonstwo, sie sich befand. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, den Kopf ein wenig gesenkt, ging sie rastlos in ihrer Stube auf und ab, und dabei trug ihr Gesicht den Ausdruck angestrengtesten Nachdenkens, wie vorhin auf der Schulbank während des Unterrichts. Ihre Wangen waren heiß und lebhaft gerötet, und von Zeit zu Zeit schüttelte sie den Kopf, als könne sie mit ihren Gedanken nicht recht ins reine kommen.

Nach einer Weile blieb sie stehn, strich sich das Haar aus der Stirn und entsann sich ihres Versprechens, »wunderschön aufzuräumen«. Damit ging es außerordentlich rasch. Jedes einzelne Ding, das herumlag, wurde in die ihm zunächstgelegene Schublade befördert, und als dies gewissenhaft geschehen war, zeigte es sich, daß im Zimmer verblüffend wenig Gegenstände übrig geblieben waren, die man nach der Vorschrift der Tante »zierlich« hätte ordnen können. Es war ein ganz wohnliches kleines Zimmer, mit hübschen Möbeln, einem rotsamtenen Ecksofa und sogar einer Nippesétagère, worauf ein gläserner Mops stand. Aber es trug nicht das Gepräge seiner Besitzerin, sondern das einer gut eingerichteten Hotelstube. Weder Arbeiten noch Liebhabereien plauderten etwas über das Wesen derjenigen aus, die hier schlief und lernte und träumte. Es hatte den Anschein, als sage Ruth täglich auch zu dieser Umgebung, wie vorhin in der Schule: »Ich gehe doch bald fort.«

Als Ruth fertig war, griff sie hastig nach einem weichen englischen Wollbarett von leichter grauer Strickerei, setzte es wie eine Knabenmütze auf den Kopf und rief den Diener aus der Dienerstube neben der Küche. Dieser saß in seinem geblümten Zitzhemde, die Messer putzend, rittlings auf einer Bank und sang dazu, so daß die Messer im Takte flogen. Es war ein junger Tatar, sehr gewandt und, als Mohammedaner, musterhaft nüchtern. Beten, Singen und Schlafen waren seine liebsten Beschäftigungen. Als er Ruth rufen hörte, schlüpfte er eilig in seine dunkle Livree und öffnete ihr die Haustür.

Sie ließ sich von ihm bis zum finnländischen Bahnhof begleiten; dort entließ sie ihn.

»Jetzt kannst du zu deinen Bekannten gehn, Basil,« sagte sie zu ihm, als er mit gezogenem Hut an der Waggontür stand, »aber um neun Uhr mußt du mich hier wieder erwarten.«

Er nickte verständnisvoll mit dem kurzgeschorenen Kopf, der oben eine kreisrunde, glatt ausrasierte Stelle zeigte, sah aber dabei seine kleine Herrin etwas besorgt an. Er wollte gern zu »seinen Bekannten« gehn, aber unerhört kam es ihm vor, sie so schutzlos in die weite Welt hinausfahren zu lassen, namentlich gegen Abend, wo es so viele Betrunkene auf den Straßen gab.

»Dürfte ich nicht um die Erlaubnis bitten, mitzufahren?« fragte er und kämpfte mit dem heroischen Entschluß, freiwillig auf sein Vergnügen zu verzichten.

Ruth lachte über sein pfiffiges Tatarengesicht, das eben jetzt fast treuherzig aussah, und schüttelte den Kopf.

»Wo ich jetzt hingehe, darf niemand mitgehn!« sagte sie feierlich.

Während der Fahrt blickte sie ungeduldig hinaus, wie eine, die froh ist, alles hinter sich zu lassen; die kurze Strecke kam ihr lang vor, als führe sie wirklich weit – weit in eine ganz andre Welt. Aber als sie dann am kleinen Stationsgebäude ausstieg und sich nach dem richtigen Weg durchfragen mußte, da wurde ihr bänglich zumut. Was ihr vorgeschwebt hatte – zwingend, unwiderstehlich, – war ein ganz bestimmtes Traumbild, und solange nur ihre Phantasie daran herummalte, schien sich ihr alles von selbst zu verwirklichen. Das Wirklichkeitsbild aber, das ihr jetzt fremd entgegentrat und in den Traum eingriff, verschüchterte sie; es wäre eigentlich schöner gewesen, wenn sich alles auch noch weiter so von innen heraus geformt hätte, wie man sich's eben träumen läßt.

Die bange Empfindung nahm nicht ab, sondern zu, als sie endlich dem Hause nahe kam, das sie suchte. Es war ihr, als erwache sie plötzlich und befinde sich totenallein in wildfremder Gegend. Eine förmliche Angst überfiel sie vor lauter Schüchternheit, und wie gelähmt blieb sie am Gartengitter stehn.

Da lag das Haus vor ihr; eine Magd fegte auf dem breiten Kiesweg vorn Strohhalme zusammen, die bis auf die Straße verstreut waren, und daneben stand ein Knabe, den Hut im Nacken, und sah zu. Der mußte sie sicher gleich bemerken. Am liebsten wäre sie wieder umgekehrt.

»Die Augen zumachen – fortlaufen!« dachte sie sehnsüchtig. Aber das durfte sie nicht. Ihren eignen Willen durfte sie ganz gewiß nicht hinterdrein im Stich lassen.

Da sang eine Nachtigall im Fliedergebüsch am Zaun.

Und leise – leise, mit werben dem Klang, lockte aus der Tiefe des Gartens die zweite.

Ruths Augen schweiften am Hause vorbei über den Garten und blieben entzückt darauf haften.

»Der Frühling!« sagte sie jauchzend, ganz laut. Sie hatte ihn noch gar nicht gesehen in diesem Jahr. Nun erst ward sie sich dessen bewußt, daß sie doch soeben, auf dem Weg vom Bahnhof, unter grünenden Birken gegangen war, und daß im Grase am Wegrand weiße Anemonen standen. Jetzt kam es ihr vor, als sei das nur so ein wenig Frühling gewesen, der von den Menschen, die aus diesem Garten traten, unterwegs verstreut wurde. Aber hier war der Frühling zu Haus, von hier mußte er kommen; und nun stand sie dicht vor dem Gitter, hinter dem er blühte. In dem rotgoldenen Duft, den die Sonne darum wob, schaute er mit der eben aufbrechenden Obstblüte und dem zarten Laub der Bäume wie ein Märchen hinter dem alten Hause hervor. Da einzutreten, das war fast, als ob man aus einem Traum gar nicht herauskäme.

Jonas hatte sich neugierig der Gartenpforte genähert, an der jemand stand, von dem er nicht recht wußte, ob es ein Mädchen sei.

»Ich möchte hier herein!« sagte Ruth bittend.

*

Erik und Klare-Bel saßen an dem noch nicht abgedeckten Mittagstisch im Wohnzimmer an der Terrasse, und wie immer erzählte Erik seiner Frau lebhaft und mitteilsam von den kleinen Begebenheiten des Tages. Voll Humor schilderte er ihr die Mädchenschule und Ruth. Warwaras Besuch in der Stadtwohnung erwähnte er nur flüchtig.

Da kam Jonas atemlos ins Zimmer gestürzt.

»Papa! da ist jemand, der dich sprechen will. Ruth heißt sie. Ich habe sie in dein Arbeitszimmer geführt.«

»Aber Jonas!« rief seine Mutter, »wie konntest du das nur tun! Da drin muß es ja noch schauderhaft aussehen! Bringe sie doch herüber, Erik! Bitte, bringe sie lieber herüber! Wenn Gonne nur abräumen möchte!«

Erik hörte es nicht mehr. Er war schon fort.

Als er raschen Schrittes über den Flur in sein Zimmer trat, stand Ruth mitten darin, etwas vornübergeneigt und die Hände fest gegen die Brust gedrückt. Der erste Eindruck, den er empfing, war wie der der des Scheuen, Vereinsamten, wie in dem Augenblick, wo sie so still gesagt hatte: »Mir hilft niemand!« Wie er sie so dastehn sah, und sie ihm mit großen, bangen Augen entgegenblickte, erinnerte sie in keinem Zuge mehr an den ausgelassnen Jungen im Schulhof.

Erik kam nur undeutlich die Vorstellung davon, daß man im Fall eines unerwarteten Besuches zunächst einen Stuhl anbietet und irgend etwas Freundliches sagt. All dies Getue kam ihm wie zu einer andern Welt gehörig vor, – jedes konventionelle Wort vergaß er dieser schüchternen, kindlichen, sichtlich aufs tiefste ergriffenen Gestalt gegenüber. Es war, als stünde sie auf einer einsamen Insel am weiten Meeresstrande ganz allein vor ihm, – ein Kind aus dem Volke –, und ringsum nichts als ein paar schwebende Möwen über ihren Köpfen.

Ganz unwillkürlich aus diesem Eindruck heraus fand er nur das Wort der Freude: »Kommst du zu mir?«

Das »Du« wirkte wie eine Erlösung auf sie. Es schien ihr in dieser Einfachheit ein Zauberwort, das die fremde, herzbeklemmende Wirklichkeit mit einem Schlage verwandelte, – sie umwandelte zur traumhaften Verwirklichung dessen, was Ruth ersehnt und ersonnen hatte.

Sie machte einen Schritt auf Erik zu, ein heller Ausdruck flog über ihr ganzes Gesicht, und die Hände fester gegen die Brust pressend, deren Herzklopfen ihr den Atem benahm, sagte sie kindlich: »Danke!«

Er hatte sich auf einen der umherstehenden Stühle gesetzt und faßte ihre Hände in den seinen zusammen. Die Hände zitterten, und es fiel ihm auf, wie blaß und schmächtig sie aussah, wenn nicht der Ausdruck übermütiger Lebensluft, den er an ihr gesehen hatte, darüber hinwegtäuschte.

»Fürchtest du dich?« fragte er, und sein Blick ruhte auf dem schmalen Gesichtchen.

Sie nickte ganz leise mit dem Kopfe, und noch immer zitterte sie, wie ein Vogel, auf den sich eine fremde Hand legt.

»Du fürchtest dich doch nicht vor mir, zu dem du kommst? Sage mir, wes halb du kommst.«

Sie nahm ihre Mütze vom Kopf und besann sich. In Gedanken durchlief sie die ganze Entstehungsgeschichte ihres Entschlusses, vom ersten Schuleindruck an, – aber die ließ sich ja, so weitläufig und verworren wie sie war, ganz gewiß nicht wiedererzählen.

Sie versuchte, die Hauptsache herauszuholen. Aber nun vergaß sie alles. Es war rein unmöglich.

Und plötzlich brach Ruth in Tränen aus.

»Mein liebes Kind!« sagte er sanft und strich ihr das lose lockige Haar aus der Stirn, das über das gesenkte Gesicht gefallen war. Dann nahm er ihre Hände wieder in die seinen.

»Hast du Vertrauen zu mir?« fragte er.

»Ja!« sagte sie leise.

»Unbedingtes?«

»Ja!« sagte sie wieder.

»Dann darfst du weder zittern noch dich fürchten. Versuche jetzt einmal ganz fest, es zu bezwingen. Ganz fest, hörst du? Es wird schon gehn.«

Sie machte eine Anstrengung, das nervöse Beben, das durch ihren Körper ging, zu unterdrücken. Er wartete ruhig einige Augenblicke, bis es ihr gelungen war. Dann beharrte er auf seiner ersten Frage: »So. Und nun sage mir, weshalb du gekommen bist. Sag es, so gut du kannst. Versuch es nur. Ich werde dir helfen.«

Sie seufzte und begann unsicher: »Ich komme nun bald nicht mehr in die Schule –«

»Nein. Ich weiß. Und –?«

»Und da mußt ich hierher.«

Sie brach ab, wie um ihre Gedanken zu ordnen, dann fügte sie schüchtern hinzu, mit einem rührenden Ausdruck: »Ich bin ja allein!«

Erik wurde es warm bis ins innerste Herz. Noch nie meinte er eine so tiefe, so heilige Zärtlichkeit empfunden zu haben wie diesem Kinde gegenüber. Der Wunsch, sich ihr zu widmen, die Hand auf sie zu legen, wie auf etwas, was ihm zugehörte, ward plötzlich so stark in ihm, daß er ihn unwillkürlich als bereits erfüllt nahm und kein Hindernis gelten ließ.

»Möchtest du hierher gehören, Ruth?« fragte er.

»Ach ja!« rief sie lebhaft, und dann sagte sie mit Inbrunst: »Immer!«

Ihr Gesicht hatte sich verändert, die Augen sahen jetzt ganz dunkel aus und lachten aus den nassen Wimpern. Sie hätte so gern wieder gesagt: »Danke!« Denn es lag der Inbegriff all ihres Denkens und Fühlens in dem Worte ausgesprochen. Aber sie scheute sich, es zu wiederholen.

Erik sah ernsthaft vor sich nieder, als erwäge er nachdenklich einen Plan.

»Nach dem Verlassen der Schule würdest du wohl noch mancherlei Unterricht erhalten,« bemerkte er, sie zur Wirklichkeit zurückführend, »wenigstens wäre das in hohem Grade wünschenswert. Möchtest du ihn bei mir nehmen?«

Sie nickte eifrig.

»Gut. Wir würden also mit einander arbeiten,« – und in leichtem Tone setzte er hinzu: »sehr viel arbeiten, Ruth! Wirst du das auch wollen? In dem Aufsatz da, – der hat uns ja zueinander geführt, nicht wahr? – nun, da steht fast eben soviel zum Erschrecken wie zum Freuen. Einen so ungeordneten kleinen Kopf mit so krausen, wilden, unfertigen Einfällen und Vorstellungen hab' ich noch gar nicht gesehen. Glaubst du das wohl?«

Sie lächelte nur und sah ihn vertrauensvoll an, als ob sie dächte: »Du wirst es schon ordnen und entwirren!«

Er blickte schweigend auf sie hin, und wieder erschien sie ihm wie ein scheuer mattgeflogener kleiner Vogel, der sich hilflos verflattert hat und sich mit einemmal in einem weichen Neste findet.

Draußen zögerte die Maisonne am Himmel, und durch den seinen Nebel hindurch, der von den feuchten Wiesen jenseits des Gartens aufstieg, fielen ihre Strahlen beinahe rot wie flüssiger Purpur. Die bei den noch vorhanglosen Fenster gingen direkt auf den Hintergarten hinaus.

Ein herber frischer Duft nach Birkenknospen wehte mit dem lauen Abendwind ins Zimmer, und unermüdlich tönte das inbrünstige Locken der Nachtigallen.

Während Erik auf Ruth schaute, kam ihm eine störende Erinnerung.

»Erzähle mir doch,« sagte er unerwartet, »was denn das für ein Mann war, den du auf der Straße grüßtest?«

Sie errötete etwas und wurde verlegen, aber um ihre Mundwinkel zuckte es dabei, wie von verhaltenem Mutwillen. Auf den Wangen erschienen verräterisch zwei Schelmengrübchen.

»Ich – – – ach der! Den kenn' ich ja gar nicht.«

»Aber er sah dich doch so an, als ob ihr euch recht gut kenntet. Wie kam denn das?«

»Ja, das kam so,« begann sie mit einem Seufzer und über legte, »– es ist wirklich nicht leicht zu erzählen. Ich hab' ihn mir ausgesucht, aber er weiß ja nichts davon.«

»Ausgesucht? Aber, liebes Kind, das kann doch kein Mensch verstehn,« sagte er ungeduldig, »nimm dich besser zusammen, Ruth! sprich deutlicher.–Nun?«

»Ich will ja!« rief sie eingeschüchtert, »es ist bloß so schwer! Es war eine bloße Geschichte, – die wir unter einander spielten – im Schulhof in der Frühstückspause, – und da mußte jemand vorkommen, der ungefähr so aussah. Und da – hab' ich mir diesen ausgesucht, weil es schöner geht, wenn man dabei an einen lebendigen Menschen denkt.«

»Aber was sollt' er denn davon denken? Zum Beispiel schon davon, daß du ihn zuerst grüßtest?«

»Das mußt' ich ja tun! Wie sollt' er sonst wissen, was er zu tun hatte? Ob er grüßen durfte?«

»Und wenn er nun auf der Straße mit dir angebunden hätte? Hast du denn das nicht überlegt?«

Sie sah erstaunt auf.

»Das durft' er ja gar nicht. Das hätte gar nicht in seine Rolle gepaßt. Er mußte edel und unglücklich sein.«

Erik entfuhr ein kurzer Laut. Seine Augen blickten ernst, fast besorgt auf sie.

»In eurem kindischen Spiel – ja. Aber in der Wirklichkeit?« fragte er langsam. »Kannst du deine Gedanken nicht besser in Zucht nehmen? Kannst du das nicht auseinanderhalten? Das mußt du können, Ruth! Und nun sage mir, was du getan hättest, wenn er aus der eingebildeten Rolle gefallen wäre?«

Sie dachte nach.

»Dann hätt' ich die Augen zugemacht und wäre fortgelaufen.«

»Wärst du denn dadurch unsichtbar geworden, daß du die Augen zugemacht hättest?«

»Ich? Nein! aber er doch. Denn dann hätt' ich ja einen andern suchen müssen.«

»Einen andern?!«

Sie nickte.

»Es gibt ihrer viele!« versicherte sie treuherzig.

»Und das hättest du wirklich getan? Besinn dich mal! Wär' es dir wirklich auch dann noch nicht klar geworden, wie kindisch und dreist dein Benehmen war?«

Ruth sah unglücklich aus. Offenbar machte er ihr einen Vorwurf. Sie dachte nach, was er nur damit meinen könnte? Sie konnte nicht begreifen, was sie die er fremde Mann außerhalb seiner Rolle kümmern sollte?

»Ich brauchte ihn, und da nahm ich ihn mir !« rief sie mit kläglichem Gesicht.

Erik stand auf und ging ein paarmal durchs Zimmer. Dann blieb er vor Ruth stehn, die sich auf die Kante seines Stuhles gesetzt hatte.

»Sage mir, gibt es mehr solcher fremden Menschen, die du auf der Straße grüßest?«

»Ja, Alle Straßen sind voll davon.«

»– Männer?« fragte er zögernd.

»Auch Männer. Ich brauche immer frische für die Schule. Auch Frauen, Kinder, alte Leute.«

»Was meinst du damit, daß du Männer ›für die Schule‹ brauchst?«

»In den Geschichten für die Mädchen muß immer einer vorkommen. Am liebsten einer mit einem kleinen Schnurrbart. Aber ich habe auch andre Geschichten, – viel, viel schönere, – wunderschöne,« fügte sie lebhaft hinzu, – »und die mit Kindern sind mir die liebsten.«

»Erzählst du die den Mädchen in der Schule nicht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sie finden sie nicht schön!‹ sagte Ruth traurig.

Er setzte sich zu ihr auf einen Ledersessel, der am Fenster stand, und neigte sich ein wenig vor.

»Willst du sie künftig mir erzählen?« fragte er ernst, »aber alle, ohne eine Ausnahme. Und ohne einen Winkel, in den ich nicht hineinsehen könnte. Ich muß alles wissen und hören, was durch diesen phantastischen, unnützen Kopf geht. Wir wollen einen ordentlichen Vertrag machen: du sollst sie auch niemand sonst mehr erzählen. Nur mir. Immer, mit allem hierher kommen. Du wolltest ja hierher gehören. – Wirst du es bedingungslos und gehorsam tun?«

Ihre Augen waren groß und dankerfüllt auf ihn gerichtet; er konnte es an ihrem Gesicht sehen, wie die Gedanken in ihr vergebens nach Ausdruck rangen, aber er hatte dennoch keine Ahnung davon, mit welch einem innern Jubel ein neues Glück ihr aufging. Sie wollte es ihm so gern sagen, aber in ihrem wortarmen Gefühl verstummte sie statt dessen gänzlich, und plötzlich, als müßte sie sich anstatt des Wortes wenigstens durch die Gebärde helfen, glitt sie nieder vom Stuhl und kniete bei Erik hin, – wie auf einen ihr nun zugewiesenen Platz, erwartungsvoll, mit einem Blick wie ein Kind um Weihnachten.

Sie fühlte sich so glücklich. Zu Hause. Geborgen. Von hier aus mußte alles Gute kommen.

Er strich ihr leise über das Haar. »Also höre unsern Vertrag zu Ende,« sagte er in dem ruhigen Ton, unter dem sie ganz still wurde und lauschte, »wenn du mir deine Geschichten schenkst, dann schenke ich dir auch etwas. Du sollst, soweit es an mir liegt, nicht in deiner eignen Phantasie stecken bleiben, sondern mit klarem Blick so weit schweifen lernen, wie das Leben – das wirkliche, herrliche Leben – reicht. Und wenn es auch anfangs Anstrengung von dir verlangen sollte, meinst du nicht, daß ich dich damit etwas Schöneres lehren werde, als du dir bisher geträumt und zusammengedichtet hast?«

»Ach ja!« rief sie sehnsüchtig, als strecke sie verlangend beide Hände nach etwas Erwartetem aus, – »das ist sie ja: von allen die allerschönste Märchengeschichte!«

Ihm fiel der Ausdruck auf, weil sie ihn schon im Schulhof den Mädchen gegenüber gebraucht hatte.

»Grade das sagtest du ja, als du heute morgen den Mädchen erklärtest, daß du etwas Neues vor hättest. Was war es denn?«

Zu seinem Erstaunen fuhr Ruth zusammen und senkte den Kopf.

Erik sah betroffen aus.

»Was war es?« fragte er streng.

»Ich kann es nicht sagen,« versicherte sie scheu, »bitte, bitte nicht.«

Er faßte ihre Hand hart im Gelenk, so daß es sie schmerzte.

»Wenn es etwas ist, was dir so schwer fällt, auszusprechen, dann ist es um so notwendiger, daß du es sagst. Ich muß es wissen – jetzt gleich, Ruth.«

Sie versuchte, die schmerzende Hand aus der seinen zu ziehen, und als es ihr nicht gelang, senkte sie das Gesicht noch tiefer, so daß es sich an seinem Rockärmel fast versteckte.

Er bog ihren Kopf zurück und sah ihr in das Gesicht. Es war über und über in Glut getaucht.

»Es hilft nichts, sich zu verstecken,« sagte er unerwartet sanft, »du wirst mir immer nachgeben müssen, mein Kind. Mach es kurz!«

Ihre Hände schlangen sich nervös auf seinen Knien ineinander, dann hob sie sie mit einer bittenden Gebärde zu ihm auf.

»Es war nur – ich hatte alle diese Geschichten auf einmal so satt; alles stockte auf einmal, – nichts mocht' ich mir weiter ausdenken. So schön ich mir's auch ausdachte, mit so vielen Menschen drin ich mir's auch ausdachte, – ich blieb immer allein. Die Menschen grüßten und gingen vorüber. Und da – da kam eine solche Sehnsucht, – seit vier Tagen solche Sehnsucht. Ich konnte nicht mehr spielen. Nie mehr.«

»Sehnsucht – wohin?« fragte er halblaut.

»Hierher!« sagte sie mit leiser Stimme und wandte den Kopf hinweg.

Er ließ ihn frei, ließ zu, daß sie ihn wieder an seinem Rockärmel versteckte.

Beide Arme hatte er um sie geschlungen.

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