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Russische Volksmärchen

Anton Gotthelf Dietrich: Russische Volksmärchen - Kapitel 9
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titleRussische Volksmärchen
publisherWeidmann'sche Buchhandlung
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6. Geschichte von dem berühmten und tapfern Ritter Ilija, dem Muromer, und dem Räuber Nachtigall.

In der berühmten Stadt Murom, in dem Kirchdorfe Karatscharowa, lebte ein Bauersmann, namens Iwan Timofejewitsch. Der hatte einen geliebten Knaben Ilija, den Muromer. Dieser saß und konnte nicht gehen dreißig Jahre lang; da fing er an, gesund auf den Füßen zu wandeln und fühlte in sich große Kraft, machte sich eine kriegerische Rüstung und einen stählernen Spieß, sattelte sein Ritterroß, ging zu seinem Vater und zu seiner Mutter, und bat sie um ihren Segen: »Mein Herr Vater und meine Mutter, entlaßt mich, damit ich in der berühmten Stadt Kiew zu Gott bete und den Fürsten von Kiew begrüße.« – Sein Vater und seine Mutter gaben ihm den Segen, nahmen ihm einen schweren Eid ab und sprachen: »Gehe gerade in die Stadt Kiew, gerade in die Stadt Tschernigof, und thue kein Unrecht auf deinem Wege, vergieße nicht umsonst christliches Blut.« Ilija, der Muromer, empfing den Segen von Vater und Mutter und betete zu Gott. Dann nahm er Abschied von beiden Aeltern, machte sich auf den Weg und ging so weit in einen finstern Wald, bis er auf ein Lager von Räubern traf. Die Räuber erblickten Ilija, den Muromer, in ihren Herzen entbrannte räuberische Lust zu seinem ritterlichen Roß, und sie sprachen unter einander: »Lasset uns das Roß wegnehmen, denn es ist so schön, wie wir es noch nirgends gesehen, und jetzt sitzt auf so gutem Rosse ein unbekannter Mensch.« Und sie begannen Ilija, den Muromer, anzuhalten zu fünf und zwanzig Mann. Ilija, der Muromer, hielt sein Ritterroß an, nahm aus seinem Köcher einen trockenen Pfeil, legte ihn auf den straffen Bogen und schoß den trockenen Pfeil ab, auf den Boden, daß er drei Arschinen weit die Erde aufriß. Als die Räuber dies sahen, entsetzten sie sich, traten in einen Kreis zusammen, fielen auf die Knie und sprachen: »Herr, unser Vater, kühner, guter Jüngling, wir sind schuldig vor dir; für unsere so große Schuld nimm Schätze so viel dir beliebt, und bunte Kleider und Roßheerden, so viel dir gefällig.« Ilija lächelte und sprach: »Was soll ich mit euren Schätzen machen? Wenn ihr aber am Leben bleiben wollt, so wagt in Zukunft so etwas nicht wieder.« – Und er zog seine Straße der berühmten Stadt Kiew zu, und kam vor die Stadt Tschernigof, und bei dieser Stadt stand ein heidnisches Heer, so stark, daß man es nicht zählen konnte, und sie wollten die Stadt Tschernigof zerstören, die Gotteshäuser in die Luft sprengen, und den Fürsten und Wojewoden von Tschernigof selbst lebendig in die Sklaverei abführen. Vor dieser Macht erschrak Ilija, der Muromer; aber er warf alle seine Sorgen auf den Allerhöchsten und entschloß sich, sein Haupt für die christliche Religion hinzugeben. Er fing an, das ungläubige Heer mit dem Wurfspieße zu schlagen, zerstreute das ganze Heer, nahm den Fürsten des ungläubigen Heeres gefangen, und führte ihn in die Stadt Tschernigof. Da kamen ihm die Bürger Tschernigof's entgegen; voran ging der Fürst und Wojewode von Tschernigof selbst. Sie dankten ihm, und mit ihnen zugleich brachte er seinen Dank Gott dem Herrn dar, daß er der Stadt Rettung geschickt und nicht gestattet hatte, daß sie vertilgt werde, von einer so ungläubigen Macht.

Sie führten Ilija, den Muromer, in den Pallast, bereiteten einen großen Schmaus, und entließen ihn alsdann. Da ritt Ilija, der Muromer, nach Kiew, die gerade Straße, welche der Räuber Nachtigall seit dreißig Jahren inne hatte, und wo er weder Reiter noch Fußgänger vorüberziehen ließ, indem er sie tödtete, nicht mit Waffen, sondern mit seinem räuberischen Pfeifen. Ilija, der Muromer, kam in das freie Feld und ritt in den Brianskischen Wald, den er in der Ferne erblickte, auf morastigen Strecken, über Brücken von Wasser-Hollunder zu dem Flusse Smarodienka. Aber der Räuber Nachtigall ahnete sein nahes Unglück, und als Ilija, der Muromer, noch zwanzig Werst weit von ihm entfernt war, ließ er sein starkes räuberisches Pfeifen erschallen. Allein das Heldenherz erschrak nicht, und als er noch zehn Werst weit von ihm war, da pfiff er so stark, daß das Roß unter Ilija, dem Muromer, auf die Knie stürzte. Da gelangte Ilija, der Muromer, an sein Nest, das auf zwölf Eichen gebaut war, und der Räuber Nachtigall erblickte den russischen Helden, pfiff aus aller Kraft und wollte ihn tödten. Ilija, der Muromer, aber nahm seinen straffen Bogen ab, legte auf ihn einen trockenen Pfeil, ließ ihn fliegen in das Räubernest und traf den Räuber in das rechte Auge. Der Räuber Nachtigall fiel aus seinem Neste herab wie eine Hafergarbe.

Ilija, der Muromer, nahm den Räuber Nachtigall, band ihn fest an seinen Steigbügel, und ritt zur berühmten Stadt Kiew. Auf dem Wege stand der Pallast des Räubers Nachtigall, und als er bei diesem vorüber ritt, sahen aus den offenen Fenstern die Töchter des Räubers. Da schrie die jüngste: »Dort kommt unser Vater geritten und bringt einen Bauer, an seinen Steigbügel gebunden.« Aber die älteste betrachtete ihn genau und fing an bitterlich zu weinen. »Das ist nicht unser Vater, der dort reitet, sondern ein unbekannter Mensch führt unsern Vater.« Und sie schrieen ihren Männern zu: »Unsere lieben Männer, reitet diesem Bauer entgegen, und entreißt ihm unsern Vater! Laßt keine Schande über unsern Stamm kommen!« – Ihre Männer waren mächtige Ritter. Sie ritten aus gegen den russischen Ritter und hatten gute Rosse und scharfe Lanzen und wollten Ilija aufspießen. Der Räuber Nachtigall erblickte sie und sprach zu ihnen: »Meine lieben Schwiegersöhne, ladet keine Schande auf euch und erzürnet nicht einen so starken Ritter, damit er nicht auch euch tödte. Bittet ihn lieber, daß er zu euch ins Haus komme und ein Glas Branntwein trinke.« Auf ihre Bitten kehrte Ilija im Pallaste ein, ohne ihre Bosheit zu ahnen, denn die älteste Tochter hatte einen Ballen an Ketten über der Thüre aufgezogen, um ihn zu erschlagen, wenn er durch das Thor ritte. Ilija aber erblickte sie über der Pforte, schlug sie mit seiner Lanze und tödtete sie. Darauf ritt er nach Kiew und gerade auf den Fürstenhof, ging in den Pallast, betete zu Gott und begrüßte den Fürsten. Der Fürst von Kiew fragte ihn: »Sage mir, guter Jüngling, wie du heißest, und aus welchem Reiche du bist?« – »Ich werde Iljuschka genannt, mein Herr, und nach dem Vater Iwanow, und bin gebürtig aus dem Kirchdorfe Karatscharowa der Stadt Murom.« Der Fürst fragte ihn darauf, welchen Weg er geritten sei. »Aus Murom bin ich nach Tschernigof geritten und habe bei Tschernigof ein zahlloses Heer von Ungläubigen geschlagen und die Stadt befreit; von da bin ich auf dem geraden Wege weiter gezogen und habe den gewaltigen Helden, den Räuber Nachtigall, gefangen, und ihn auch mit mir, am Steigbügel gebunden, hieher gebracht.« Aber der Fürst wurde zornig und sagte: »Warum betrügst du mich?« – Als dies die Helden Alescha Popowitsch und Dobrinja Nikititsch hörten, eilten sie hinaus, um sich zu überzeugen, und sie versicherten sich, daß er die Wahrheit geredet. Da befahl der Fürst, dem guten Jüngling ein Glas Branntwein zu geben, und der Fürst hatte Lust, das Pfeifen des Räubers zu hören. Da nahm Ilija, der Muromer, den Fürsten und die Fürstin mit in seinen Zobelpelz unter seine Arme, und befahl dem Räuber Nachtigall halblaut zu pfeifen; aber er pfiff ganz laut und betäubte alle Ritter, daß sie zu Boden stürzten. Darüber wurde Ilija, der Muromer, so aufgebracht, daß er ihn auf der Stelle tödtete.

Dann machte er mit Dobrinja Nikititsch brüderliche Freundschaft. Sie sattelten ihre guten Rosse, ritten hinweg, und zogen drei Monate umher, ohne einen Gegner zu finden. Da trafen sie einen Krüppel; sein Bettlermantel war 50 Pud schwer, sein Hut wog 9 Pud, und sein Krückenstock war eine Klafter lang. Da begann Ilija, der Muromer, auf ihn loszusprengen, um an ihm seine Heldenkraft zu versuchen, aber der Krüppel sprach zu ihm: »Ach Ilija Muromer, erinnerst du dich nicht mehr, wie wir in einer Schule zusammen lesen lernten, und jezt willst du mich, einen Krüppel, anfallen, wie einen Feind? Und weißt du denn nicht, daß in der berühmten Stadt Kiew großes Elend herrscht? Ein ungläubiger gewaltiger Ritter, ein gottloser Götzendiener, ist dahin gekommen; sein Kopf ist so groß, wie ein Bierkessel, seine Augenbraunen sind eine Spanne von einander, und in den Schultern mißt er eine Klafter. Er frißt einen Ochsen auf ein Mal und trinkt einen Kessel voll Bier dazu aus. Der Fürst ist sehr betrübt über deine Abwesenheit.« – Und Ilija, der Muromer, zog die Kleider des Krüppels an, ritt nach Kiew, ging gerade auf den Fürstenhof und schrie mit seiner Ritterstimme: »He da, Fürst von Kiew, schicke dem Krüppel ein Almosen!« Als ihn der Fürst erblickte, sprach er: »Komme in meinen Pallast, ich will dir zu essen und zu trinken geben und dich mit Gold beschenken auf den Weg.« Da trat der Krüppel in das Zimmer und setzte sich an den Ofen. Hier saß auch der Götzendiener und verlangte zu essen. Da brachte man ihm einen ganzen gebratenen Ochsen, und er fraß ihn sammt den Knochen auf. Dann verlangte er zu trinken, und 27 Menschen brachten einen Kessel voll Bier. Da nahm er ihn am Henkel und leerte ihn bis auf den Grund. Darauf sprach Ilija, der Muromer: »Mein Vater hatte eine gefräßige Stute, die verzehrte so viel, daß sie verreckte.« Da ergrimmte der Götzendiener und sprach: »Was bindest du mit mir an, du armer Krüppel? Du bist für mich nichts: ich setze dich auf die flache Hand und drücke mit der andern, so wird es nur feucht sein. Ihr habt einen großen Helden gehabt, Ilija, den Muromer, mit dem möchte ich einen Kampf bestehen.« – »Hier ist er!« sprach dieser, nahm seinen Hut ab, und schlug ihn damit an den Kopf, nicht zu sehr, aber doch so, daß der Kopf die Mauer des Schlosses durchstieß. Ilija nahm dann auch den Rumpf und warf ihn auf den Hof. Dafür belohnte ihn der Fürst reichlich und behielt ihn an seinem Hof als den ersten und gewaltigsten Ritter.

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