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Russische Volksmärchen

Anton Gotthelf Dietrich: Russische Volksmärchen - Kapitel 4
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titleRussische Volksmärchen
publisherWeidmann'sche Buchhandlung
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1. Märchen von Ljubim Zarewitsch, von der schönen Prinzeß, seiner Gemahlin, und vom geflügelten Wolfe.

In einem Reiche, in einer Herrschaft lebte ein Zar, namens Elidar Elidarowitsch, mit seiner Gemahlin Militissa Ibrahimowna; die hatten drei Söhne: der älteste Sohn hieß Aksof Zarewitsch, der mittelste Hut Zarewitsch und der jüngste Ljubim Zarewitsch. Und sie wuchsen nicht nach Tagen, sondern nach Stunden; und als der älteste Sohn zwanzig Jahr alt war, fing er an, seine Aeltern um Erlaubnis zu bitten, in andere Königreiche zu reisen und eine schöne Prinzeß für sich zur Gemahlin zu suchen. Die Aeltern willigten darein, gaben ihm ihren Segen und entließen ihn nach allen vier Seiten. Nicht lange nach der Abreise Aksof's bat auch Hut Zarewitsch seine Aeltern, ihn zu entlassen, und Zar Elidar und die Zarin Militissa entließen auch Hut Zarewitsch mit größtem Vergnügen. Und so reiste auch Hut Zarewitsch ab, und sie wanderten lange Zeit, daß endlich nichts mehr von ihnen zu sehen und zu hören war und sie für verloren gehalten wurden.

Als Zar Elidar mit der Zarin Militissa sich sehr über sie betrübte und weinte, bat auch ihr jüngster Sohn Ljubim Zarewitsch, sie möchten ihn entlassen, damit er seine Brüder aufsuche. Darauf sagte Zar Elidar und seine Zarin Militissa zu ihm: »Du bist noch jung und kannst eine so weite Reise nicht aushalten. Wie sollten wir dich übrigens auch entlassen, da du als der einzige Sohn uns übrig geblieben bist? Wir sind schon bei Jahren; wem sollten wir unsere Krone aufsetzen?« – Dennoch ließ sich ihr Sohn Ljubim Zarewitsch nicht abweisen, sondern blieb standhaft bei seinen Worten und sprach: »Es ist mir nöthig, Menschen zu sehen und mich ihnen zu zeigen, und wenn es geschieht, daß ich den Thron besteige, darf ich daran schon nicht mehr denken, sondern nur, wie ich das Volk anständig beherrschen soll.«

Als Zar Elidar und Zarin Militissa so gute Worte hörten von ihrem Sohne Ljubim, waren sie überaus erfreut, und erlaubten ihm zu reisen, doch nicht auf lange Zeit und nur unter der Bedingung, daß er sich mit Niemandem einlasse und sich in keine großen Gefahren begäbe. Und so sann er, als er entlassen war, wo er ein Ritterroß für sich finden und eine Ritterrüstung sich verschaffen sollte, und darüber nachsinnend ging er in die Stadt. Dort begegnete ihm eine alte Frau und sagte zu ihm: »Warum gehst du so traurig, mein lieber Ljubim Zarewitsch?« – Er mochte darauf keine Antwort geben und ging bei der alten Frau vorbei, ohne ein Wort zu sagen; aber dann bedachte er, daß alte Leute ja mehr wissen müssen, kehrte um, ging fort und holte die alte Frau ein, die ihm begegnet war. Und Ljubim Zarewitsch sprach zu ihr: »Ich habe es bei dem ersten Begegnen verschmäht, dir zu sagen, worüber ich bekümmert bin; aber im Weitergehen fiel mir ein, daß alte Leute mehr wissen müssen.« – »Das ist's eben, Ljubim Zarewitsch,« sprach zu ihm die Alte, »freilich soll man nicht vor alten Leuten fliehen. Sage, worüber grämst du dich denn? Sag' es mir, dem alten Mütterchen.«

Und nun sagte Ljubim Zarewitsch zu ihr: »Ich habe kein gutes Roß und keine Ritterrüstung, aber ich muß weit reisen und meine Brüder aufsuchen.« – Die Alte gab ihm darauf zur Antwort: »Was soll man denken? Es ist ein Roß und eine Ritterrüstung auf eurer verbotnen Wiese hinter zwölf Thüren, und dieses Roß liegt an zwölf Ketten. Dort auf der Wiese ist auch ein Schlachtschwert und eine ganze Ritterrüstung.« –

Als Ljubim Zarewitsch dieses gehört und der Alten Dank gesagt hatte, ging er äußerst erfreut gerade auf die verbotene Wiese. Als er an den Ort kam, wo das Roß stand, war er unschlüssig: Wie soll ich diese Thüre zerbrechen? Allein er versuchte es und zertrümmerte eine Thüre, und das Roß erkannte durch den Geruch einen tüchtigen Jüngling und fing an seine Ketten zu zerreißen, und es zerriß sie alle, und so zerschlug Ljubim Zarewitsch drei Thüren, und das Roß zertrümmerte die letzten. Darauf erblickte Ljubim Zarewitsch das Roß und die Ritterrüstung, legte die Ritterrüstung an und ließ das Roß auf die Wiese. Er selbst aber ging zu seinem Vater, dem Zaren Elidar, und zu seiner Mutter, der Zarin Militissa, und sprach folgende Worte: »Nach der Entlassung von euch war ich sehr traurig wegen eines Rosses und einer Ritterrüstung, da ich nicht wußte, wo ich sie hernehmen sollte. Aber eine alte Frau sagte und zeigte mir, wo ich dies Alles finden könnte, und so habe ich es gefunden. Jetzt aber bitte ich euch um euren Segen zur Reise.« Darauf gaben ihm die Aeltern den Segen und er reiste ab auf seinem guten Rosse.

Er begab sich auf den Weg und kam an einen Ort, wo drei Wege zusammentrafen; in der Mitte aber stand eine Säule und auf ihr befanden sich drei Inschriften, welche lauteten, wie folgt: »Wer auf die rechte Seite geht, der wird satt sein, aber sein Roß wird hungern; wer aber gerade aus geht, der wird selbst Hunger leiden und sein Roß wird satt sein, und wer auf die linke Seite geht, der wird von dem geflügelten Wolfe getödtet werden.« – Ljubim Zarewitsch überlegte und ging zu Rathe, und er wurde mit sich einig, auf keine andere Seite zu gehen, als auf die linke, um entweder getödtet zu werden oder den geflügelten Wolf zu tödten und denen, welche diese Straße zogen, Freiheit zu geben. Und so ging er auf die linke Seite und reiste weiter auf der Straße. So gelangte er in das freie Feld, schlug sich ein Zelt auf und machte Halt, um auszuruhen, als er plözlich im Westen den geflügelten Wolf fliegen sah. Ljubim Zarewitsch stand sogleich auf, legte seine Ritterrüstung an und setzte sich auf das Roß. Und Ljubim Zarewitsch traf zusammen mit dem geflügelten Wolfe, und der Wolf schlug Ljubim Zarewitsch mit seinen Flügeln so schmerzlich, daß Ljubim Zarewitsch nachdenkend wurde, aber er ließ sich nicht aus dem Sattel werfen. Da ergrimmte Ljubim Zarewitsch und ward hitzig und schlug den geflügelten Wolf mit seinem Schlachtschwerte, daß er halb todt auf die Erde fiel und fühlte, sein rechter Flügel sei verletzt und er könne nicht mehr fliegen. Nachdem er sich aber wieder etwas erholt hatte, sagte er mit Menschenstimme zu Ljubim Zarewitsch: »Bringe mich nicht um, ich werde dir nützlich sein und dir dienen als dein getreuer Knecht.« Und Ljubim Zarewitsch sprach zu ihm: »Weißt du nicht, wo meine Brüder sind?« Darauf antwortete ihm der Wolf, sie seien längst ermordet; aber dann fügte er hinzu: »Wir werden sie wieder erwecken, wenn wir die schöne Prinzeß gewonnen haben.« – Und Ljubim Zarewitsch fragte: »Wie sollen wir die schöne Prinzeß gewinnen?« – »Nun sieh,« sagte der Wolf zu ihm, »wir erhalten sie so: du lässest dein Roß hier« – »Wie soll ich ohne Roß sein?« fragte ihn Ljubim Zarewitsch. »Nun sieh, hör' mich nur aus,« sprach der Wolf: »ich werde zum Rosse und trage dich; aber dieses dein Roß taugt nicht zum Dienste, weil bei dieser schönen Prinzeß von den Stadtmauern Saiten nach allen Glocken in der Stadt gezogen sind, und deßhalb ist es auch nöthig, daß wir sie überspringen, damit keine, auch nicht die kleinste Saite berührt wird, sonst werden wir gefangen.« – Ljubim Zarewitsch sah ein, daß der Wolf recht sprach, gab seine Einwilligung und sagte: »Wolan!«

Und so gelangten sie an die weißsteinerne Mauer und Ljubim Zarewitsch erschrak, als er sie erblickte. »Wie ist's möglich, diese hohe weißsteinerne Mauer zu überspringen?« sprach er zum Wolfe. Darauf sagte der Wolf folgende Worte: »jetzt fällt es mir noch nicht schwer, sie zu überspringen, aber von dort aus wird es Mühe machen, denn du wirst dich mit Liebesangelegenheiten beschäftigen und dadurch schwer werden; aber es ist dir nöthig, dich in lebendigem Wasser zu baden und auch für deine Brüder etwas davon mit dir zu nehmen, und ebenfalls todtes.«

Darauf übersprangen sie glücklich die Stadtmauer, ohne sie zu berühren. Ljubim Zarewitsch machte im Schlosse Halt und ging zur schönen Prinzeß an den Hof. Und als er in das erste Gemach kam, fand er eine Menge schlafende Kammermädchen und dachte, ob die Prinzeß nicht dort sei; allein er fand sie nicht. Deßhalb ging er in's zweite Zimmer, dort schliefen ihre überaus schönen Gesellschafterinnen; auch da war die Prinzeß nicht. Darum ging Ljubim Zarewitsch in's dritte, und dort sah er die Prinzeß schlafen, und sein ganzes Herz wurde von ihrer Schönheit entflammt; er verliebte sich heftig in die schöne Prinzeß und fing an, sie zu küssen und wollte sich nicht trennen von ihr; allein er bedachte, daß man ihn fangen würde, wenn er verweilte, und ging in den Garten, um todtes und lebendiges Wasser zu holen. Er badete sich in dem lebendigen Wasser und nahm in einer Blase lebendiges und todtes Wasser mit sich und ging zu seinem Wolfe. Als er auf dem Wolfrosse saß, sagte der Wolf zu ihm: »Du bist sehr schwer geworden. Wir können nicht, wie das vorige Mal über die Mauer springen, wir stoßen an und wecken alle auf. Sie werden uns verfolgen, aber du wirst sie erschlagen, und wenn du sie erschlagen hast, so gib dir Mühe, ein weißes Roß zu fangen: ich helfe dir dann kämpfen, und sobald wir an unser Zelt kommen, so nimm dein Roß, ich aber reite auf diesem weißen Rosse, und wenn wir alle ihre Krieger getötet haben, so wird sie selbst zu dir kommen und sagen, du möchtest sie zur Frau nehmen, denn sie wird von heftiger herzlicher Liebe zu dir entbrennen und von dir gefesselt werden.«

Als sie über die hohe Mauer setzen wollten, berührten sie die Saiten und plözlich erhob sich Glockenklang in der Stadt und Trommelschlag, und alle Menschen erhoben sich und jeder lief auf den Hof mit seinen Waffen; andere öffneten den Thorweg, damit der schönen Prinzeß kein Unglück widerfahre. Die Prinzeß selbst erwachte und sah, daß ein Jüngling bei ihr zu Besuch gewesen, und sie befahl, sogleich Lärm zu machen, damit sich Alles bei ihr im Pallaste versammelte. Da kamen berühmte und starke Ritter zusammen, und sie sprach zu ihnen: »Ach! ihr starken Ritter, gehet und holet diesen Jüngling ein und bringt mir seinen Kopf, damit seine Verwegenheit bestraft werde.«

Darauf antworteten ihr die starken Ritter: »Wir werden nicht ruhen, bis wir ihn zerhauen und dir seinen Kopf gebracht haben, wenn er auch ein Heer bei sich hätte.« Darauf entließ sie die Prinzeß und ging hinauf in's Erkerzimmer und sah nach ihrem Heere und nach jenem Ritter, welcher gewagt hatte, im Geheimen an ihren Hof zu gehen und sie im Schlafe zu liebkosen.

Als Lärm gemacht wurde, war Ljubim Zarewitsch auf seinem Wolfrosse schon so weit fortgeritten, daß er bereits die Hälfte von der Stadt bis zu seinem Zelte zurückgelegt hatte, ehe sie ihn einholten. Als er sah, daß sie ihn erreichten, drehte er sich um gegen sie auf seinem Wolfrosse und wurde ergrimmt, da er auf dem Felde eine solche Menge Ritter erblickte. Und sie fingen an sich zu schlagen und Ljubim Zarewitsch erlegte nicht so viele mit seinem Schwerte, als sein Roß niedertrat, und er erschlug beinah alle kleine Ritterlein. Und Ljubim Zarewitsch erblickte einen einzelnen Ritter, der gegen ihn auf einem weißen Rosse ansprengte, und Ljubim Zarewitsch erschlug auch ihn, dessen Kopf war wie ein Bierkessel, und nachdem Ljubim Zarewitsch alle erschlagen hatte, nahm er das weiße Roß und setzte sich darauf, den Wolf aber ließ er ausruhen. Nachdem sie ausgeruht hatten, begaben sie sich zu ihrem Zelte.

Die schöne Prinzeß, welche sah, daß er allein eine solche Menge bezwungen hatte, ließ ein noch größeres Heer sammeln und schickte es ab. Sie selbst begab sich wieder ins Erkerzimmer.

Aber Ljubim Zarewitsch kam an sein Zelt; da verwandelte sich der Wolf in Menschengestalt und wurde ein tüchtiger Ritter, als man es sich nicht denken, nicht vorstellen, nur im Märchen erzählen kann. Als das Heer der schönen Zarewna anzurücken begann, setzte sich Ljubim Zarewitsch mit seinem Gefährten, dem Wolfritter, zu Rosse und erwartete ihre Ankunft. Da aber das Heer der schönen Zarewna zahllos war, so befahl Ljubim Zarewitsch dem Wolfe, auf dem linken Flügel zu sein, er selbst begab sich auf den rechten, und sie machten sich fertig: dann stürzten sie sich auf die Krieger der Zarewna und begannen sie zu erschlagen, wie man Heu mäht, und so schlugen sie alle nieder, daß auf dieser Stelle nur zwei übrig blieben: der Wolf und Ljubim Zarewitsch. Nach diesem so gewaltigen Siege sprach der tapfere Wolf zu Ljubim Zarewitsch: »Sieh, da kommt jetzt die schöne Zarewna selbst und wird dich bitten, sie zur Frau zu nehmen: nun ist nichts mehr von ihr zu fürchten. Ich habe mein Vergehen durch meine Tapferkeit und meinen Beistand gesühnt, und so entlaß mich nun in mein Reich.« – Ljubim Zarewitsch dankte ihm für seine Dienste und Rathschläge, entließ ihn und nahm Abschied.

Als sie Abschied genommen hatten, verschwand der Wolf. Ljubim Zarewitsch sah, daß die schöne Prinzeß zu ihm kam, und Ljubim Zarewitsch freute sich und ging ihr entgegen, nahm sie bei den weißen Händen, küßte sie auf den Zuckermund, drückte sie an das stürmische Herz und sprach zu ihr die holden Worte: »Wenn ich dich nicht liebte, meine schöne und theuere Zarewna, so wäre ich jezt nicht mehr hier und hätte abreisen können; aber ich wußte, daß deine Macht nichts vermöge, und an deinem Heere habe ich es dir bewiesen.« Da begann die schöne Zarewna folgende Rede. »Ach du berühmter Ritter: Du hast meine ganze Macht überwunden und berühmte starke Degen, auf welchen meine ganze Hoffnung stand, und bei mir in der Stadt ist es öde. Deßhalb will ich zu dir gehen, damit du mir ein Schützer seist und mein Reich nicht untergehe.«

Darauf entgegnete ihr Ljubim Zarewitsch: »Mit Freuden nehme ich dich zur Gemahlin, und ich werde dir ein Schützer sein und dein Reich und deine Stadt nicht zu Grunde gehen lassen.«

So mit einander sprechend gingen sie in das Zelt und fingen dort an zu schmausen und sich zu liebkosen. Den folgenden Tag standen sie frühe auf, setzten sich zu Rosse und reisten ab nach dem Reiche Elidar's. Auf dem Wege sprach Ljubim Zarewitsch: »Ach du schöne Zarewna, ich hatte zwei ältere Brüder, und nun muß ich ihren Staub aufsuchen, denn sie zogen vor mir aus und wollten dich gewinnen; aber hier auf der unwegsamen Straße sind sie getödtet worden, und wo sie liegen, weiß ich nicht; doch da ich von dir lebendiges und todtes Wasser genommen habe, so will ich sie wieder herstellen; sie können in keiner großen Entfernung vom Wege sein, und so reise du gerade zur Säule mit den Inschriften; dort mache Halt und erwarte uns. Wir werden nicht zögern, zu dir zu kommen.«

Als dies Ljubim Zarewitsch gesagt hatte, trennte er sich von seiner schönen Zarewna, um den Staub seiner Brüder zu suchen, und er fand sie hinter Gesträuchen und besprengte sie mit todtem Wasser; da wuchsen sie zusammen; dann besprengte er sie mit lebendigem Wasser, und sie wurden lebendig und standen auf den Füßen, und Aksof und Hut Zarewitsch sprachen: »Ach! wie wir lange geschlafen haben.«

Darauf gab ihnen Ljubim Zarewitsch zur Antwort: »Ihr würdet noch lange schlafen, wenn ich nicht wäre!« Er erzählte ihnen nun alle seine Abenteuer, wie er den Wolf besiegte, wie er die schöne Zarewna gewann und lebendiges und todtes Wasser für sie mitgebracht. Darauf begaben sie sich alle nach jenem Zelte, wo sie die schöne Zarewna erwartete. Und als sie kamen und sich versammelten, waren alle überaus froh und fingen an zu schmausen.

Als Ljubim Zarewitsch mit der schönen Prinzeß in die Schlafkammer gegangen war, sprach Aksof Zarewitsch zu Hut Zarewitsch arglistig: »Warum gehen wir zu unserm Vater Elidar und zu unserer Mutter Militissa? und was sagen wir zu ihnen? Unser jüngster Bruder wird sich brüsten, daß er die schöne Prinzeß gewann und seine Brüder vom Tode erweckte; wird es nicht schimpflich für uns sein, mit ihnen zu leben? Ist es nicht besser, ihn bei Zeiten zu ermorden?« – Darauf sagte Hut Zarewitsch ebenfalls: »Es wird schimpflich für uns sein, mit ihnen zu leben, und besser ist es, wir tödten ihn jetzt.« – Als sie so zusammen gesprochen hatten, nahmen sie das Schlachtschwert und zerhauten Ljubim Zarewitsch in kleine Stücke und zerstreuten sie im Winde. Zur schönen Zarewna aber sprachen sie drohend, wenn sie Jemandem dieses Geheimnis verriethe, so würde ihr dasselbe widerfahren. Bei der Theilung fiel dem Hut das lebendige und todte Wasser, und dem Aksof Zarewitsch die schöne Zarewna zu.

So reisten sie zu ihrem Vater Elidar, und als sie auf die verbotenen zarischen Wiesen gekommen waren und ihre Zelte aufgeschlagen hatten, schickte der Zar Elidar seinen Boten ab, zu erfragen, wer auf seinen verbotenen Wiesen Zelte aufschlüge? Und als der Bote auf die grünen Wiesen kam, fing er an zu fragen: »Warum seid ihr Leute gekommen und von wannen?« – Darauf gab ihm Hut Zarewitsch zur Antwort: »Aksof und Hut Zarewitsch sind mit einer schönen Prinzeß gekommen, und melden unserem Vater, daß wir lebendiges und todtes Wasser mit uns gebracht haben.«

Als der Abgesendete an den Hof kam und dem Zaren meldete, seine Söhne seien gekommen mit einer erbeuteten schönen Zarewna, so fragte der Zar den Boten: »Sind alle drei Söhne gekommen?« Aber der Abgesendete antwortete ihm: »Nur die beiden ältesten, der jüngste ist nicht bei ihnen.« – Dennoch war der Zar über diese Kunde sehr erfreut, ging zur Zarin, seiner Gemahlin, und sagte ihr, daß die ältesten beiden Söhne mit einer schönen Zarewna gekommen seien.

Und Zar Elidar machte sich auf mit der Zarin Militissa, seinen Söhnen entgegen zu gehen, und sie begegneten ihnen auf der Straße, und freuten sich überaus und küßten und umarmten sie. Als sie in das Zarenschloß kamen, fingen sie an zu schmausen, und sie schmausten sieben Tage und sieben Nächte, und sie begannen auf die Hochzeit zu denken, Vorbereitungen zu treffen und Gäste zu laden, Bojaren, gewaltige Degen und berühmte Ritter.

Der geflügelte Wolf, welcher wußte, daß sie ihren Bruder Ljubim Zarewitsch getödtet hatten, lief nach lebendigem und todtem Wasser, brachte es herbei, vereinigte alle Theile des Ljubim Zarewitsch und besprengte sie mit dem todten Wasser, da wuchsen alle Theile zusammen, und als er ihn mit dem lebendigen Wasser besprengte, stand der gute Jüngling auf, als wäre nichts mit ihm vorgefallen, und sagte: »Ach! wie lange ich geschlafen habe!«

Darauf antwortete ihm der Wolf: »Du hättest ewig geschlafen, wenn ich nicht wäre.« Und nun erzählte er ihm, was die Brüder mit ihm vorgenommen. Und darauf verwandelte sich der Wolf in ein Roß und sagte zu Ljubim Zarewitsch: »Eile zu ihnen; du mußt morgen ankommen. Dein Bruder Aksof Zarewitsch wird deine schöne Prinzeß heirathen.« Und so setzte sich Ljubim Zarewitsch auf; das Wolfroß lief auf steilen Bergen, wie auf dem freien Felde, und Ljubim Zarewitsch kam in die Stadt seines Vaters und entließ sein Wolfroß. Er selbst ging auf den Markt und kaufte ein Hackebret. Dann setzte er sich auf die Straße bei einem Hause auf den Erdwall,Siehe die Anmerkungen im Anhange. wo die schöne Zarewna vorüber in die Kirche geführt werden mußte. Als sie die schöne Zarewna in die Kirche geleiteten, fing Ljubim Zarewitsch an, auf dem Hackebret seine Jugendbegebenheiten zu spielen und mit seiner feinen Stimme dazu zu singen. Sobald sich der Wagen, worin die schöne Zarewna saß, nahete, begann er von seinen Brüdern zu singen und auf dem Hackebret zu spielen, wie sie ihn zerhauen und ihren Vater betrogen hatten. Da ließ die schöne Prinzeß anhalten und befahl ihrem Diener, diesen Spieler zu ihr zu rufen und ihn zu fragen, wer er sei und wie er sich mit Namen nenne.

Als der Diener der schönen Zarewna kam und ihn fragte, wer er sei und ihn zur schönen Zarewna einlud, so ging Ljubim Zarewitsch, ohne dem Diener etwas zu antworten, grade zur Zarewna, und als die schöne Zarewna ihn sah, freute sie sich überaus, daß ihr Ljubim Zarewitsch noch lebe und ließ ihn in den Wagen sitzen und sie fuhren zu ihren Aeltern.

Als Zar Elidar und seine Zarin Militissa den Ljubim Zarewitsch erblickten, freuten sie sich und jubelten unaussprechlich. Da begann die schöne Zarewna folgende Rede: »Nicht Aksof Zarewitsch hat mich gewonnen, sondern Ljubim Zarewitsch, und er war es auch, der das lebendige und todte Wasser sich verschaffte.« Und Ljubim Zarewitsch erzählte ihnen genau seine Begebenheiten: Und so fingen Zar Elidar und seine Zarin Militissa, nachdem sie die Zarewitsche Aksof und Hut herbeigerufen hatten, zu fragen an, warum sie so gehandelt hätten; sie aber läugneten es. Allein der Zar ergrimmte gegen sie und befahl, sie am Thore zu erschießen. Ljubim Zarewitsch heirathete seine schöne Zarewna und erzeugte einen Knaben und lebte mit der schönen Zarewna in Liebe und Eintracht zahllose Jahre. Und damit ist dieses Märchen zu Ende.

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