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Russische Volksmärchen

Anton Gotthelf Dietrich: Russische Volksmärchen - Kapitel 18
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titleRussische Volksmärchen
publisherWeidmann'sche Buchhandlung
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15. Geschichte des hochgebornen Fürsten Peter mit den goldenen Schlüsseln, und der hochgebornen Prinzeß Magilene.

Im französischen Königreiche war ein hochgeborner Fürst, namens Wolchwan; der hatte eine Gemahlin fürstlichen Geblütes, namens Petronida, mit welcher er einen einzigen Sohn zeugte, den hochgebornen Fürsten Peter. Dieser Fürst Peter hatte in seinen Jugendjahren große Neigung zu Ritter- und Kriegsthaten, und als er zu reifen Jahren gekommen, sehnte er sich nach nichts mehr, als nach ritterlichen Waffenthaten. Aber es begab sich, daß sich zu derselbigen Zeit ein Ritter namens Ruiganduis aus dem neapelschen Königreiche dort befand, welcher die Tapferkeit Peter‘s bemerkte und sprach: »Großer Fürst Peter, es ist ein König in Neapel, der hat eine schöne Tochter namens Magilene. Dieser König vertheilt Reichthümer für Ritterthaten zum Besten seiner Tochter.«

Da ging Peter zu seinem Vater und seiner Mutter, und erbat sich ihren Segen, um in das neapelsche Reich zu reisen und dort Ritterthaten zu lernen, besonders aber, um die Schönheit der Königstochter Magilene zu sehen. Sie entließen den Fürsten Peter mit großem Wehklagen und ermahnten ihn, nur mit guten Menschen Freundschaft zu schließen, gaben ihm drei goldene Ringe mit Edelsteinen und eine goldene Kette, und entließen ihn in Frieden.

Als Fürst Peter in das neapelsche Reich kam, befahl er einem geschickten Meister, ihm ein Panzerhemde und einen Helm zu machen, und an diesem zwei goldene Schlüssel zu befestigen, und ritt auf den Turnirplatz, wo sich der König befand. Da wurde er Peter mit den goldenen Schlüsseln genannt, und er stellte sich hinter die Ritter. Zuerst ritt Ritter Andrei Skrintor hervor, und gegen ihn des englischen Reiches Königssohn, und Andrei schlug Heinrichen so gewaltig, daß er beinahe vom Rosse gefallen wäre. Alsdann ritt Landiot, der Königssohn, hervor, und warf den Andrei Skrintor vom Rosse auf den Sand. Als Fürst Peter sah, daß Landiot den Andrei aus dem Sattel schleuderte, ritt er gegen Landiot heraus und rief mit lauter Stimme: »Auf vieljähriges Wohlergehen seiner königlichen Majestät, meines Herrn und meiner Herrin, der schönen Königstochter Magilene!« und drang auf ihn so gewaltig und tapfer ein, daß er den Landiot samt dem Rosse zu Boden stieß. Und er durchstieß ihm mit der Lanze das Herz, und Peter erhielt dafür vom Könige Lob, und besonders von der Königstochter Magilene und allen anwesenden Rittern, und er wurde der erste Ritter bei dem König.

Als die schöne Königstochter Magilene die Tapferkeit und das schöne Angesicht des Fürsten Peter sah, entbrannte sie im Herzen gegen ihn in Liebe, und nahm sich vor, seine Gemahlin zu werden. Sie entdeckte ihre Absicht ihrer Zofe, und von dieser Zeit an besuchte Fürst Peter die schöne Königstochter alle Tage, und schenkte ihr die drei goldenen Ringe zum Zeichen seiner wahren und unvergänglichen Liebe, und ritt mit ihr aus der Stadt fort.

Und sie ritten aus der Stadt auf ihren guten Rossen, und nahmen mit sich viel Gold und Silber, und sie ritten die ganze Nacht hindurch. Da kam Fürst Peter in undurchdringliche Wälder zwischen Gebirgen bis zum Meere. Er blieb in diesem Walde, um auszuruhen, und die Königstochter legte sich vor Müdigkeit auf das Gras hin, und schlief fest ein. Fürst Peter aber saß neben ihr und betrachtete ihre Schönheit und ihren weißen Busen. Da bemerkte er einen Knoten an einer goldenen Schnur, und als er ihn löste, fand er die drei Ringe, die er ihr gegeben hatte. Er legte sie auf das Gras, und durch Gottes Willen begab sich‘s, daß ein schwarzer Rabe herbeiflog, die Ringe faßte, und sich auf einen Baum damit flüchtete. Peter kletterte auf den Baum, um ihn zu fangen, aber als er ihn ergreifen wollte, flog der Rabe auf einen andern Baum, und so auf viele Bäume, und dann über den Meerbusen, und die Ringe ließ er in‘s Meer fallen, und er selbst setzte sich auf eine Insel. Fürst Peter lief dem Raben nach bis an‘s Meer und suchte einen Kahn und schwamm zu der Insel auf einem kleinen Fischernachen. Aber er hatte keine Ruder und mußte mit den Händen rudern. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wind und trieb ihn in die offene See, und so wurde Eins von dem Andern getrennt. Als Fürst Peter sah, daß er weit vom Ufer abgetrieben war, verzweifelte er schon an seiner Rettung und fing an, zu Gott zu flehen, und sprach mit Herzensseufzern und bittern Thränen: »Ach, ich ärmster und unglücklichster aller Menschen! Warum habe ich die Ringe aus ihrem sichern Gewahrsam genommen! Nun gibt es auf der Welt keinen so Unglücklichen, als ich bin. Ich habe alle meine Freude getödtet: die schöne Prinzeß habe ich entführt, und in einem undurchdringlichen Walde verlassen. Wilde Thiere werden sie zerreißen, oder sie wird sich noch mehr verirren und vor Hunger sterben. Ich großer Mörder, habe unschuldiges Blut vergossen!« Da fing er an unterzusinken.

 

Und es geschah durch Gottes Willen, daß nahe bei ihm ein Schiff aus dem türkischen Lande segelte, und da die Schiffer einen Menschen im Meere sinken sahen, nahmen sie ihn halbtodt in ihr Schiff. Sie kamen in die Stadt Alexandria und verkauften ihn an den türkischen Pascha. Der Pascha aber machte dem türkischen Sultan mit dem Fürsten Peter ein Geschenk. Als der Sultan die Sittsamkeit und die schöne Gesichtsbildung des Fürsten Peter sah, machte er ihn zu einem großen Senator, und wegen seiner Gerechtigkeit und großen Gnade gewannen ihn alle im Reiche lieb.

 

Als in dem erwähnten undurchdringlichen Walde die schöne Prinzeß Magilene vom Schlaf erwachte, sah sie sich nach allen Seiten um, und erblickte den Fürsten Peter nicht. Sie weinte vor großem Kummer und fiel zu Boden. Dann stand sie auf, ging in dem Walde herum und rief mit aller Kraft nach ihrem Ritter: »Mein schöner Herr Fürst Peter, wo bist du hingegangen?« — Dann ging sie auf dem Wege lange Zeit fort und traf auf eine Nonne. Diese bat sie um ihre schwarzen Kleider, und gab ihr ihre hellfarbigen dafür. So kam sie an einen Hafen, wo sie ein Schiff aus dem Lande miethete, in welchem Peters Vater wohnte. Dort blieb sie bei einer adlichen Frau namens Susanna, und wählte einen Ort zwischen Bergen zum Schiffshafen, und baute ein Kloster auf die Namen der heiligen Apostel Peter und Paul, und errichtete ein Krankenhaus zur Aufnahme der Fremden. So wurde Magilene berühmt durch ihren gottesfürchtigen Wandel. Da kam der Vater und die Mutter Peter‘s, brachten ihr drei Ringe, und sagten, ihr Koch habe einen Fisch gekauft, in dessen Leib diese drei Ringe gefunden worden; aber da sie dieselben ihrem Sohne Peter gegeben hatten, so vermutheten sie, daß er in der Tiefe des Meeres ertrunken sei, und weinten bitterlich.

Nachdem Fürst Peter lange Zeit bei dem türkischen Sultan gelebt hatte, äußerte er den Wunsch, in sein Vaterland zu reisen. Der Sultan entließ ihn mit großen Geschenken, und gab ihm viel Gold, Silber und kostbare Perlen. Als Fürst Peter so gnädigen Urlaub vom Sultan erhalten, miethete er ein französisches Schiff, kaufte vierzehn Fässer, schüttete auf den Boden derselben Salz, legte Gold und Silber hinein, that wieder oben Salz darüber, und sagte zu dem Schiffer, es sei nur Salz darin. Mit günstigem Winde segelten sie in ihr Vaterland und hielten an einer Insel, nicht weit vom französischen Lande an, denn Fürst Peter war von der Seereise krank geworden. Er ging an‘s Ufer spazieren und verlief sich tief in die Insel und schlief fest ein. Die Schiffer suchten und ruften ihn lange Zeit. Da sie ihn aber nicht fanden, setzten sie die Reise fort. Sie gelangten an jenes Kloster und gaben dort die Salzfässer ab, und als einmal im Kloster Mangel an Salz war, befahl Magilene, die Fässer aufzumachen, und fand zahllose Schätze, und dankte Gott dafür und pries ihn.

 

Fürst Peter wurde von andern Schiffern auf der Insel gefunden und in dieses Kloster gebracht, wo man ihn im Krankenhause Magilenen‘s abgab, und Fürst Peter war über einen Monat im Krankenhause, aber er konnte Magilenen nicht erkennen, weil ihr Gesicht von einem schwarzen Schleier verhüllt wurde. Und Peter weinte jeden Tag.

 

Eines Tages kam Magilene in das Krankenhaus, sah Peter‘n weinen, und fragte ihn nach der Ursache seiner Thränen. Er erzählte ihr genau alle seine Begebenheiten. Da erkannte ihn Magilene und ließ seinem Vater Wolchwan und seiner Mutter Petronida sagen, daß ihr Sohn, Fürst Peter, sich wohl befände. Bald darauf kamen Vater und Mutter in das Kloster, und die Königstochter empfing sie geschmückt mit fürstlichen Kleidern. Als Fürst Peter seinen Vater und seine Mutter sah, fiel er ihnen zu Füßen, umfaßte sie und weinte, und sie weinten alle mit ihm. Fürst Peter aber stand auf, nahm sie bei den Händen, umarmte, küßte sie und sprach: »Mein Herr Vater und meine Mutter, diese Jungfrau ist die Tochter des großen Königs von Neapel, wegen welcher ich weit wanderte, und sie hat ihre Jungfrauschaft behalten.« — Dann wurden sie getraut und lebten glücklich.

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