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Russische Volksmärchen

Anton Gotthelf Dietrich: Russische Volksmärchen - Kapitel 16
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titleRussische Volksmärchen
publisherWeidmann'sche Buchhandlung
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13. Märchen von Emeljan, dem Narren.

In einem Dorfe lebte einmal ein Bauer, welcher drei Söhne hatte; zwei waren klug, der dritte aber war ein Narr und hieß Emeljan. Und als der Vater lange gelebt hatte und sehr alt geworden war, rief er seine drei Söhne zu sich und sagte zu ihnen: »Liebe Kinder, ich fühle, daß ich nicht mehr lange leben werde, daher überlasse ich euch das Haus und das Vieh, welches ihr unter euch in gleiche Theile theilen werdet. Deßgleichen hinterlasse ich euch auch Geld, für jeden hundert Rubel.« Bald nachher starb ihr Vater, und als die Söhne ihn begraben hatten, lebten sie glücklich.

Darauf waren Emeljans Brüder Willens, in die Stadt zu fahren und Handel zu treiben mit den drei hundert Rubeln, welche ihnen ihr Vater vermacht hatte. Daher sagten sie zu Emeljan: »Hör' einmal, Narr, wir werden in die Stadt fahren und auch deine hundert Rubel mit uns nehmen, und wenn wir vortheilhaft handeln, so werden wir dir einen rothen Rock, rothe Stiefeln und eine rothe Mütze kaufen, aber du bleibe zu Hause. Wenn unsere Frauen, deine Schwägerinnen (denn sie waren verheirathet), dir etwas zu machen auftragen, so mache es.« – Der Narr, welcher wünschte, einen rothen Rock, eine rothe Mütze und rothe Stiefeln zu erhalten, antwortete seinen Brüdern, er würde Alles thun, was ihm seine Schwägerinnen nur auftragen möchten. Darauf fuhren seine Brüder in die Stadt, und der Narr blieb zu Hause und lebte mit seinen Schwägerinnen.

Nach Verlauf einiger Zeit, als es Winter und strenge Kälte war, sagten eines Tages die Schwägerinnen zu ihm, er solle nach Wasser gehen; aber der Narr blieb auf dem Ofen liegen und sagte: »Ja, und wer seid ihr denn?« – Die Schwägerinnen schrien ihn an: »Wie, Narr? Wir sind, was du siehst. Du siehst, wie kalt es ist, und daß es einer Mannsperson zukommt, zu gehen.« – Aber er sagte: »Ich bin faul.« – Die Schwägerinnen schrien ihn wieder an: »Wie? du bist faul? du willst essen, aber wenn kein Wasser da ist, ist es unmöglich zu kochen.« – Dann setzten sie hinzu: Schon gut, so werden wir es unsern Männern sagen, daß sie ihm nichts geben, wenn sie auch den rothen Rock und Alles für ihn gekauft haben.«

Dies hörte der Narr und da er wünschte, den rothen Rock und die Mütze zu bekommen, war er gezwungen, zu gehen; er stieg von dem Ofen und fing an, Schuhe und Strümpfe anzuziehen und sich anzukleiden. Als er sich angezogen und die Eimer und das Beil genommen hatte, ging er an den Fluß, denn ihr Dorf lag an einem Flusse. Und als er an den Fluß gekommen war, fing er an, ein Loch in das Eis zu hauen, und er haute ein außerordentlich großes. Dann schöpfte er Wasser in die Eimer und stellte sie auf das Eis; er selbst stand neben dem Loche, und sah in das Wasser. In derselben Zeit sah der Narr, daß in der Oeffnung ein sehr großer Hecht schwamm. So dumm auch Emeljan war, so wünschte er doch diesen Hecht zu fangen. Deßhalb fing er an, ein Wenig hinzugehen, näherte sich immer mehr, ergriff ihn plözlich mit der Hand, zog ihn aus dem Wasser, legte ihn an die Brust und wollte nach Hause gehen; aber der Hecht sprach zu ihm: »Wozu, du Narr, hast du mich gefangen?« – Darauf sagte er: Ich bringe dich nach Hause und lasse dich von den Schwägerinnen kochen.« – »Nein, Narr, bringe mich nicht nach Hause, sondern laß mich wieder in's Wasser, ich mache dich dafür zu einem reichen Mann.« – Aber der Narr warf ihn nicht hinein und wollte nach Hause gehen. Als der Hecht sah, daß der Narr ihn nicht los ließ, sagte er: »Höre, Narr, lasse mich in's Wasser, ich mache für dich, was du nicht selbst machen willst, Alles dies soll nach deinem Wunsche vollzogen werden.« Als der Narr dies hörte, freute er sich ungemein, denn da er außerordentlich faul war, so dachte er bei sich selbst: »Wenn der Hecht Alles macht, wozu ich nicht Lust habe, so wird Alles fertig werden, ohne daß ich zu arbeiten brauche.« Darauf sprach er zum Hechte: Ich lasse dich nur in das Wasser, wenn du thust, was du versprichst.« – Da versprach es der Hecht: »Vorher laß mich ins Wasser und ich halte mein Versprechen.« – Allein der Narr sagte zu ihm, er sollte vorher sein Versprechen erfüllen, dann würde er ihn frei lassen. Als der Hecht sah, daß er ihn nicht in's Wasser lassen wollte, sagte er: »Wenn du wünschest, wie ich dir gesagt habe, daß ich Alles mache, was du willst, so ist es nöthig, daß du mir jezt sagest, was du willst.« – Der Narr sagte zu ihm: »Ich wünsche, daß meine Eimer selbst aus dem Wasser auf den Berg gehen (denn jenes Dorf lag auf einem Berge), aber daß das Wasser nicht verschüttet wird.« – Der Hecht antwortete sogleich: »Gedenke der Worte, welche ich jezt zu dir sagen werde, und höre, worin diese Worte bestehen: Auf des Hechtes Befehl und auf meine Bitte, geht ihr Eimer selbst auf den Berg!« Der Narr sagte ihm diese Worte nach: »Auf des Hechtes Befehl und auf meine Bitte, geht ihr Eimer selbst auf den Berg!« Und sogleich mit Gedankenschnelle gingen sie selbst auf den Berg. Als Emeljan dieses sahe, wunderte er sich überaus; dann sprach er zum Hechte: »Wird Alles so geschehen?« – Darauf entgegnete der Hecht: »Es wird Alles geschehen, was du nur wünschest, aber vergiß nicht, vergiß ja nicht die Worte, die ich dir gesagt habe.« Darauf ließ er den Hecht in's Wasser und er selbst ging den Eimern nach.

Seine Nachbarn erstaunten und sagten unter einander: »dieser Narr macht, daß die Eimer selbst aus dem Wasser gehen, und er geht ihnen nach.« Emeljan sagte nichts zu ihnen und ging nach Hause. Die Eimer waren in die Stube hinauf gestiegen und standen auf der Fußbank; aber der Narr ging auf den Ofen.

Nach Verlauf einiger Zeit sagten die Schwägerinnen wieder zu ihm: »Emeljan, was faullenzest du? Gehe, du mußt Holz hauen.« – Aber der Narr antwortete: »Ja und ihr, wer seid denn ihr?« – Die Schwägerinnen schrien ihn an: »Du siehst, jezt ist ja Winter, und wenn du nicht gehst, Holz zu spalten, so wirst du frieren.« – »Ich bin faul,« sagte der Narr. – »Wie? du bist faul?« sagten die Schwägerinnen, »wenn du nicht gehest, Holz zu spalten, so werden wir es unsern Männern sagen, daß sie dir weder den rothen Rock noch die rothe Mütze, noch die rothen Stiefel geben.« – Der Narr, welcher wünschte, den rothen Rock, die Mütze und Schuhe zu erhalten, war genöthigt, Holz zu hauen, und da es außerordentlich kalt war, und er nicht vom Ofen steigen wollte, so sprach er leise, auf dem Ofen liegend, die Worte: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, frisch auf, Beil, haue Holz, und ihr Scheite, geht selbst in die Stube und legt euch in den Ofen.« – Das Beil sprang, ohne abgenommen zu werden, hinaus in den Hof, und fing an, Holz zu hauen, und das Holz ging selbst in die Stube und legte sich in den Ofen. Als die Schwägerinnen dies sahen, wunderten sie sich außerordentlich über Emeljan's neue Schlauheit, und da jeden Tag, so oft nur der Narr Holz spalten sollte, das Beil es that, so lebte er mit den Schwägerinnen einige Zeit in Ruhe. Darauf sagten die Schwägerinnen: »Emeljan, wir haben jezt kein Holz mehr, gehe in den Wald und schlage frisches.« – Der Narr sprach: »Ja und ihr, wer seid denn ihr?« – Die Schwägerinnen antworteten: »Der Wald ist weit und jezt ist Winter, und für uns ist es zu kalt, in den Wald nach Holze zu gehen.« – Allein der Narr sagte: »Ich bin faul.« – »Wie? du bist faul?« sagten die Schwägerinnen, »du wirst frieren, und wenn du nicht gehest, so lassen wir, wenn unsere Männer, deine Brüder, kommen, dir nicht den rothen Rock, die Mütze und die Stiefel geben.« Der Narr, welcher den rothen Rock, die Mütze und die Stiefel zu haben wünschte, war genöthigt, in den Wald nach Holz zu gehen, stand auf vom Ofen, fing an Schuhe und Strümpfe anzuziehen und sich anzukleiden, und als er sich angekleidet hatte, ging er in den Hof, zog den Schlitten aus dem Schuppen, nahm einen Strick und das Beil mit sich, setzte sich in den Schlitten, und sprach zu seinen Schwägerinnen: »Macht den Thorweg auf!«

Als die Schwägerinnen sahen, daß er im Schlitten ohne Pferde fahren wollte, denn der Narr hatte die Pferde nicht vorgespannt, sagten sie zu ihm: »Emeljan, du hast dich in den Schlitten gesetzt, aber die Pferde nicht vorgespannt.« Allein er antwortete, die Pferde seien ihm nicht nöthig, sondern nur, daß ihm der Thorweg geöffnet würde. Die Schwägerinnen machten ihn auf, und der Narr im Schlitten sitzend, sagte: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, frisch auf, Schlitten! gehe in den Wald.« Nach diesen Worten ging der Schlitten sogleich aus dem Hofe, so daß die Einwohner dieses Dorfes, welche es sahen, erstaunten, daß Emeljan im Schlitten ohne Pferde fuhr, und so schnell, daß, wenn auch ein Paar Pferde wären vorgespannt gewesen, sie unmöglich schneller hätten fahren können. Und da der Narr durch die Stadt in den Wald fahren mußte, so kam er in diese Stadt; aber er wußte nicht, daß man »Platz gemacht!« schreien müsse, damit Niemand überfahren würde, und so fuhr er durch die Stadt und rief nicht, und überfuhr eine Menge Menschen, und ob man gleich hinter ihm herlief, konnte man ihn doch nicht einholen, und Emeljan fuhr aus der Stadt und kam in den Wald, und hielt seinen Schlitten an. Der Narr stieg aus dem Schlitten und sagte: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, frisch auf, Beil, haue Holz und ihr, Scheite, legt euch selbst in den Schlitten, und bindet euch zusammen.« Kaum hatte der Narr diese Worte gesprochen, so fing das Beil an, Holz zu hauen, die Scheite legten sich selbst in den Schlitten, und die Stricke banden sich darum. Als das Beil Holz gehauen hatte, befahl er ihm, noch einen Knüttel abzuhauen, und sobald das Beil dies gethan, setzte er sich auf die Fuhre und sagte: »Frisch auf! auf Befehl des Hechtes, und auf meine Bitte, fahre, Schlitten, nach Hause!« Der Schlitten ging auch sogleich fort, außerordentlich geschwind, und bei jener Stadt, in welcher er schon viele Menschen umgefahren hatte, erwarteten ihn bereits die Leute, um ihn zu ergreifen, und als er in die Stadt kam, so faßten sie ihn und fingen an, ihn von der Fuhre zu ziehen, und dann, ihn zu schlagen. Der Narr, sehend, daß sie ihn herunterrissen und schlugen, sagte leise diese Worte: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, frisch auf Knüttel, zerschlage ihnen die Arme und Beine!« – Sogleich sprang der Knüttel hervor, und fing an, alle zu schlagen, und als die Leute hingefallen waren, entfloh er. Der Narr kam aus der Stadt in sein Dorf. Als der Knüttel alle durchgeprügelt hatte, rollte er herab auf die Fährte hinter ihm. Und als Emeljan nach Hause kam, stieg er auf den Ofen.

Nachdem er die Stadt verlassen hatte, fing man an, überall zu sprechen, nicht sowol darüber, daß er eine Menge Menschen umgefahren hatte, als vielmehr vor Verwunderung, daß er ohne Pferde im Schlitten gefahren war, und nach und nach kamen diese Reden an den Hof, und selbst vor den König. Und als der König davon hörte, wünschte er außerordentlich ihn zu sehen. Deßhalb schickte er einen Offizier ab und gab ihm einige Soldaten mit, damit sie ihn aufsuchten. Der Gesandte des Königs, der Offizier, ging unverzüglich aus der Stadt und gerieth auf den Weg, welchen der Narr in den Wald gefahren war. Als der Offizier in das Dorf kam, in welchem Emeljan wohnte, ließ er den Starosta zu sich kommen und sagte zu ihm: »Ich bin vom König nach eurem Narren ausgeschickt, um ihn zu ergreifen und zum Könige zu bringen.« Der Starosta zeigte ihm sogleich den Hof, wo Emeljan lebte, und der Offizier begab sich alsbald in die Stube und fragte, wo der Narr sei? Er lag auf dem Ofen und antwortete: »Was willst du von mir?« – »Wie? was ich will? Kleide dich schnell an, ich werde dich zum König bringen.« – Aber Emeljan sagte: »Was soll ich dort machen?« – Der Offizier ward aufgebracht über ihn, daß er unhöflich antwortete, und schlug ihn auf die Backe. Als der Narr sah, daß man ihn schlage, sprach er leise: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, frisch auf, Knüttel, zerprügele ihnen die Arme und Füße!« Der Knüttel sprang sogleich auf, und fing an zu schlagen, und prügelte alle durch, den Offizier sowohl, als die Soldaten. Der Offizier war genöthigt, sogleich zurückzugehen, und als er in die Stadt kam, und man dem König anzeigte, daß der Narr alle durchgeprügelt habe, wunderte sich der König außerordentlich und glaubte nicht, daß er alle habe durchprügeln können.

Nun wählte der König einen klugen Mann, daß er wo möglich den Narren brächte, wenn auch durch List. Der Gesandte ging von dem König und kam in das Dorf, wo Emeljan wohnte. Da berief er den Starosta zu sich, und sprach zu ihm: »Ich bin vom König abgeschickt nach euerm Narren, um ihn zu ergreifen, und du rufe die herbei, mit denen er zusammen wohnt.« – Der Starosta lief sogleich fort und brachte seine Schwägerinnen. Und der Gesandte des Königs fragte sie, was der Narr gern hätte. Die Schwägerinnen antworteten ihm: »Gnädiger Herr, wenn man unsern Narren inständig um etwas bittet, so schlägt er es gern das erste und zweite Mal ab, aber das dritte Mal schlägt er es nicht ab, sondern thut es; denn er hat es nicht gern, wenn man ihn grob behandelt.« Der Gesandte des Königs entließ sie und verbot ihnen, dem Emeljan zu sagen, daß er sie zu sich habe rufen lassen. Dann kaufte er Rosinen, gebackene Pflaumen und Weintrauben, und ging zu dem Narren. Als er in das Zimmer kam, näherte er sich dem Narren, ging zu dem Ofen und sagte: »Warum, Emeljan, liegst du auf dem Ofen? und gab ihm die Rosinen, die gebackenen Pflaumen und die Weintrauben, und sprach: »Emeljan, wir wollen mit einander zum Könige gehen, ich bringe dich hin.« – Aber der Narr entgegnete: »Ich liege hier warm.« Denn er liebte nichts so sehr, als die Wärme. Und der Gesandte fing an, ihn zu bitten: »Sei so gut, Emeljan, wir wollen gehen; es wird dir dort gefallen.« – »Ja,« sagte der Narr, »ich bin faul.« Aber der Gesandte fing wieder an, ihn zu bitten: »Sei so gut, gehe mit mir, der König wird dir dort einen rothen Rock, eine rothe Mütze und rothe Stiefel machen lassen.« – Als der Narr hörte, daß er einen rothen Rock bekommen sollte, wenn er mitginge, sagte er: »Gehe voraus, ich werde dir folgen.« Der Gesandte fiel ihm nun nicht weiter beschwerlich, ging fort von ihm, und fragte leise die Schwägerinnen: »Wird mich der Narr nicht zum Besten haben?« Aber die Schwägerinnen versicherten, daß er ihn nicht zum Besten haben würde. Der Gesandte kehrte zurück, und der Narr blieb noch auf dem Ofen liegen und sagte: »Wie mir es zuwider ist, zum König zu gehen!« Dann aber sprach er: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, frisch auf, Ofen, eile grade in die Stadt.« – Sogleich krachte die Stube, und der Ofen ging fort aus der Stube. Und als der Ofen vom Hofe hinunter war, ging er so geschwind, daß es unmöglich war, ihn einzuholen, und er kam noch auf dem Wege dem Gesandten des Königs nach, fuhr hinter ihm und kam mit ihm an das Schloß. Als der König sah, daß der Narr kam, ging er mit allen seinen Ministern, ihn zu sehen, und als er sah, daß Emelja auf dem Ofen kam, wunderte sich der König sehr; aber der Narr blieb liegen und sagte nichts. Darauf fragte ihn der König, warum er so viel Menschen umgefahren habe, als er nach Holz in den Wald fuhr? Emeljan antwortete: »Sie waren daran Schuld, weil sie nicht auswichen.«

Zu derselben Zeit kam die Tochter des Königs an das Fenster und sah nach dem Narren; und Emeljan sah plözlich nach dem Fenster, in dem sie ihn betrachtete, und bemerkend, daß sie sehr schön sei, sagte er leise: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, frisch auf! es verliebe sich diese schöne Jungfrau in mich.« – Und kaum hatte er diese Worte gesprochen, so verliebte sich die Tochter des Königs in ihn. Und der Narr sagte: »Auf des Hechts Befehl und auf meine Bitte, frisch auf! gehe, Ofen, nach Hause!« – Sogleich ging der Ofen mit ihm vom Hofe durch die Stadt, kam nach Hause, und stellte sich an seinen vorigen Ort. Emeljan lebte darauf eine Zeit lang glücklich.

Aber in der Stadt geschah etwas Anderes, denn auf die Worte des Narren hatte sich die Tochter des Königs verliebt, und fing an, ihren Vater zu bitten, er möchte ihr den Narren zum Manne geben. Der König zürnte heftig gegen sie und den Narren, und wußte nicht, wie er ihn bekommen sollte. In dieser Zeit stellten die Minister dem Könige vor, er sollte den Offizier, welcher schon früher nach Emeljan ausgefahren war, und nicht verstanden hatte, ihn zu bekommen, zur Strafe, daß er ihn nicht bekommen hatte, wieder nach ihm schicken. Der König befahl auf ihren Rath, den Offizier zu rufen, und als der Offizier vor ihm stand, sprach der König zu ihm: »Höre, mein Freund, ich habe dich früher nach dem Narren geschickt, du hast ihn aber nicht gebracht. Zur Strafe schicke ich dich zum zweiten Mal, damit du mir ihn unfehlbar bringst. Wenn du ihn bringst, so wirst du belohnt werden; wenn du ihn nicht bringst, so wirst du bestraft werden.«

Als der Offizier dies gehört hatte, ging er unverzüglich vom Könige fort, nach dem Narren, und sobald er in jenes Dorf kam, ließ er den Starosten wieder kommen, und sagte zu ihm: »Sieh, ich gebe dir hier Geld, kaufe Alles, was morgen zu einem Mittagessen nöthig ist; rufe den Emeljan, und wenn er zu dir zum Essen kommt, so gib ihm so lange zu trinken, bis er sich hinlegt zu schlafen.« Der Starosta, wissend, daß er vom König komme, war gezwungen, ihm zu gehorchen, kaufte Alles, und ließ den Narren einladen. Als Emeljan sagte, er würde kommen, erwartete ihn der Offizier mit großer Freude. Den andern Tag kam der Narr. Da trug der Starosta Getränke auf, und trank ihm so zu, daß Emeljan sich schlafen legte. Sobald der Offizier sah, daß er schlief, ergriff er ihn gleich, und befahl die Kibitke vorzufahren, und als sie vorgefahren war, legten sie den Narren darauf, und der Offizier setzte sich in die Kibitke und brachte ihn gerade in die Stadt, und von da sogleich in das Schloß. Die Minister meldeten dem König die Ankunft dieses Offiziers. Und sobald der König es hörte, befahl er, unverzüglich ein großes Faß zu bringen, und ließ es mit eisernen Reifen umlegen, was sogleich gemacht war. Und dieses Faß wurde zum König gebracht, und der König, sehend, daß Alles bereit war, befahl, seine Tochter und den Narren in dieses Faß zu setzen und es zu verpichen. Als sie sie in's Faß gesetzt und dasselbe verpicht hatten, befahl der König, dieses Faß in's Meer zu lassen, und auf seinen Befehl ließen sie es unverzüglich forttreiben. Der König kehrte zurück in sein Schloß, und das fortgelassene Faß schwamm einige Zeit auf dem Meere, und der Narr schlief diese ganze Zeit; und als er erwachte und sah, daß es finster war, fragte er bei sich: »Wo bin ich?« denn er dachte, er sei allein. Aber die Prinzeß sprach: »Du bist in einem Fasse, Emeljan, und ich bin mit dir eingesperrt.« – »Aber wer bist du?« fragte der Narr. »Ich bin die Tochter des Königs.« Und nun erzählte sie ihm, warum sie mit ihm zusammen eingesperrt worden. Dann bat sie ihn, daß er sich und sie aus dem Fasse befreien sollte. Aber der Narr sagte: »Ich liege auch hier warm.« – »Erzeige mir die Gnade,« sagte die Prinzeß: »erbarme dich meiner Thränen und befreie mich aus diesem Fasse.« – »Warum nicht gar?« sagte Emeljan, »ich bin faul.« – Die Prinzeß fing wieder an zu bitten: »Erzeige mir die Gnade, Emeljan, befreie mich aus diesem Fasse, und laß mich nicht sterben.« – Der Narr, durch ihre Bitten und Thränen gerührt, sagte: »Wolan! ich will dies für dich thun.« – Darauf sprach er leise: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, wirf, o Meer, uns an's Ufer, wo wir an einer trocknen Stelle sitzen wollen, nur daß wir nahe an unserm Reiche sind, und du, o Faß, zerfalle von selbst an der trockenen Stelle.«

Kaum hatte der Narr diese Worte ausgesprochen, so fing es an zu wogen, und das Faß wurde ausgeworfen an eine trockne Stelle und zerfiel von selbst. Emeljan stand auf, und ging mit der Prinzeß auf dem Orte herum, wohin sie geworfen worden waren. Und der Narr sah, daß sie sich auf einer sehr schönen Insel befanden, auf welcher eine große Menge verschiedener Bäume mit allerlei Früchten war. Als die Prinzeß Alles dies sah, freute sie sich sehr, daß sie auf einer solchen Insel waren. Darauf sagte sie: »Emeljan, wo werden wir wohnen? Hier ist nicht einmal eine Nische.« – Aber der Narr sagte: »Du verlangst auch gar zu viel.« – »Erzeige mir doch die Gnade, laß irgend ein Häuschen herstellen,« sagte die Prinzeß, »damit man zur Zeit des Regens sich verbergen kann.« Denn die Prinzeß wußte, daß er Alles machen konnte, wenn er wollte. Allein der Narr sagte: »Ich bin faul.« – Sie fing an, ihn wieder zu bitten, und Emeljan, gerührt durch ihre Bitten, war genöthigt, es für sie zu thun.

Er ging weg von ihr und sagte: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, sei mitten auf dieser Insel ein Schloß, besser, als das königliche, und von meinem Schloß führe in das königliche eine krystallene Brücke, und im Hofe sollen Leute verschiedenes Standes sein.« – Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so erschien in demselben Augenblicke ein sehr schönes Schloß mit einer krystallenen Brücke. Der Narr ging mit der Prinzeß in das Schloß und sah, daß in den Zimmern sehr reiche Verzierung war, und es befanden sich sehr viele Menschen dort, als Lakaien und allerlei Bürgerliche, welche vom Narren Befehle erwarteten. Als der Narr sah, daß alle Menschen wie Menschen waren, und daß er allein nicht schön und noch dumm sei, wünschte er, daß er besser würde. Deßhalb sprach er: »Auf Befehl des Hechtes und auf meine Bitte, frisch auf! ich möge ein solcher Jüngling werden, daß es nichts mir Gleiches gibt, und außerordentlich klug sein!« Kaum hatte er ausgeredet, in derselben Minute wurde er so schön und klug zugleich, daß sich alle verwunderten.

Dann schickte Emeljan einen von seinen Dienern zum König, um ihn mit allen Ministern einzuladen. Der Gesandte Emeljan's kam zum König auf der krystallenen Brücke, welche vom Narren gemacht war, und als er an den Hof kam, stellten ihn die Minister dem Könige vor, und der Gesandte Emeljan's sprach: »Gnädiger Herr, ich bin von meinem Herrn abgeschickt, um euch zu ihm zu Tische zu laden.« – Der König fragte, wer denn dieser sein Herr sei. Aber der Gesandte antwortete: »Gnädiger Herr, ich kann euch über meinen Herrn nichts sagen (denn der Narr hatte ihm verboten, zu sagen, wer er sei), und wenn ihr bei ihm speisen werdet, so wird er zugleich von sich euch melden. Der König, neugierig zu wissen, wer geschickt habe, ihn zum Essen einzuladen, antwortete dem Gesandten, er würde unfehlbar kommen. Der Gesandte kehrte zurück, und als er angelangt war, ging der König sogleich mit seinen Ministern auf die Brücke zum Narren. Und als der König an das Schloß kam, ging Emeljan dem Könige entgegen, nahm ihn bei den weißen Händen, küßte ihn auf den Zuckermund, führte ihn in sein Schloß und ließ ihn sitzen hinter Eichentischen an seinen gewürfelten Tischtüchern zu Zuckerspeisen und Honigtränken. Der König und die Minister aßen und tranken und machten sich lustig. Als sie aufstanden von der Tafel und sich an andere Plätze setzten, sagte der Narr zum König: »Gnädiger Herr, wißt ihr, wer ich bin?« – Da Emeljan zu dieser Zeit mit reicher Kleidung geziert, und zugleich im Gesichte sehr schön war, so war es nicht möglich, ihn zu erkennen. Deßhalb sagte auch der König, daß er ihn nicht kenne. Aber der Narr sprach: »Erinnert ihr euch nicht, gnädiger Herr, wie ein Narr auf einem Ofen zu euch an den Hof kam, und ihr ihn in ein Faß einpichen, und mit eurer Tochter in's Meer treiben ließet? Und so kennt ihr mich jezt, denn ich bin derselbe Emeljan.« – Als der König ihn so vor sich sah, erschrak er sehr und wußte nicht, was er thun sollte. Aber der Narr ging zu der Tochter des Königs und führte sie vor ihn. Als der König seine Tochter sah, freute er sich überaus und sprach: »Ich bin höchst schuldig vor dir, und dafür gebe ich dir meine Tochter zur Gemahlin.« Der Narr, dies hörend, dankte dem König mit Ehrfurcht, und da bei Emeljan Alles zur Hochzeit bereit war, so feierten sie dieselbe mit großer Pracht, und den folgenden Tag gab der Narr den Ministern und dem gemeinen Volke ein Fest. Es wurden Kufen mit Wein ausgesetzt, und als diese Lustbarkeit zu Ende war, wollte ihm der König sein Reich geben; aber er hatte nicht Lust, es zu nehmen. Darauf ging der König in sein Königreich, und der Narr blieb in seinem Schlosse und lebte glücklich.

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