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Russische Volksmärchen

Anton Gotthelf Dietrich: Russische Volksmärchen - Kapitel 11
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titleRussische Volksmärchen
publisherWeidmann'sche Buchhandlung
year1831
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8. Der sanfte Mann und die zänkische Frau.

Es lebte einmal ein Bauer mit seiner Frau in großer Armuth; der war so sanft wie ein Kalb, und sie so boshaft, wie eine Schlange. Sie schimpfte und prügelte ihren Mann um jeder Kleinigkeit willen. Eines Tages hatte sich die Frau bei ihrem Nachbar Getreide zu einem Brode ausgebeten und schickte ihren Mann damit in die Mühle, um das Getreide mahlen zu lassen. Der Müller nahm wegen ihrer Armuth nichts von ihnen, und ließ das Getreide mahlen. Als der Bauer das Getreide gemahlen wieder erhalten, ging er nach Hause. Da erhob sich auf ein Mal ein so heftiger Wind, daß alles Mehl aus der Schüssel, die er auf dem Kopfe trug, in einem Augenblicke heraus geblasen wurde. Er kam nach Hause und sagte es seiner Frau. Als sie dies hörte, fing sie an, ihn zu schimpfen und unbarmherzig zu prügeln, und sie prügelte ihn so lange, bis sie müde war, und schickte ihn zu dem Winde, der ihm das Mehl weggeblasen hatte, damit er Geld dafür nähme, oder eben so viel Mehl, als er in der Schüssel gehabt. Als der Bauer so schwere Mißhandlung von seiner Frau erlitten hatte, ging er weinend aus seinem Hause, wohin? wußte er selbst nicht, und kam in einen großen finstern Wald und ging darin herum. Da kam ihm ein altes Weib entgegen und fragte ihn: »Guter Mann, wo gehst du hin, und wohin richtest du deinen Weg? Wie bist du in diese Gegend gekommen, wohin selten ein Vogel fliegt und selten ein Wild läuft?« – »Altes Mütterchen,« antwortete er, »mich hat der Zwang hierher getrieben. Ich ging in eine Mühle, um Getreide zu mahlen, und als ich es gemahlen hatte, schüttete ich das Mehl in eine Schüssel und ging nach Hause. Da erhob sich plözlich ein so heftiger Wind, daß alles Mehl aus der Schüssel geweht wurde. Ich kam also ohne Mehl nach Hause und sagte es meiner Frau; dafür hat sie mich nun geprügelt und zu dem Winde geschickt, daß er mir das Mehl zurückgebe oder Geld dafür bezahle. Jezt gehe ich herum und suche den Wind, und weiß nicht, wo er zu finden ist.« – »Folge mir,« sagte die Alte. »Ich bin die Mutter der Winde und habe vier Söhne: der erste Sohn ist der Ostwind, der zweite der Südwind, der dritte der Westwind, der vierte der Nordwind. So sage mir nun, welcher Wind dein Mehl fortgeblasen hat.« – »Der Südwind, Mütterchen,« antwortete der Bauer.

Die alte Frau führte den alten Mann tiefer in den Wald und brachte ihn an eine kleine Hütte und sagte: »Hier wohne ich, Bauerchen, krieche auf den Ofen und wickele dich ordentlich ein. Meine Kinder werden bald kommen.« – »Warum soll ich mich denn einwickeln?« fragte der Bauer. »Weil mein Sohn, der Nordwind, sehr kalt ist und du erfrieren würdest,« sagte die alte Frau. Bald darauf fingen die Kinder der alten Frau an, sich zu versammeln. Als endlich der Südwind kam, rufte die alte Frau den Bauer vom Ofen, und sprach mit ihrem Sohne: »Südwindchen, mein lieber Sohn, gegen dich ist eine Klage erhoben worden: warum beleidigst du arme Leute? Du hast diesem Manne sein Mehl aus der Schüssel geblasen: bezahle ihn nun mit Geld oder womit du willst.« – »Sehr gut, Mütterchen,« sagte der Wind, »ich will ihm sein Mehl bezahlen.« – Dann rufte er den Bauer zu sich und sagte: »Höre, Bauerchen, nimm dir dieses Körbchen, es enthält Alles, was du nur wünschen magst: Geld, Brod, allerhand Speise und Getränke, Alles. Du brauchst nur zu sagen: Körbchen, gib mir dies und das, so wird es dir gleich Alles geben. Gehe jezt nach Hause, das ist die Belohnung für dein Mehl.« Der Bauer neigte sich vor dem Winde, dankte ihm für sein Körbchen und ging nach Hause.

Als er das Körbchen nach Hause brachte, gab er es seiner Frau und sprach: »Frau, hier hast du ein Körbchen; es enthält Alles, was du nur haben willst: bitte nur bei ihm.« Die Frau nahm das Körbchen und sagte zu ihm: »Körbchen, gib mir gutes Mehl zu Brod.« Das Körbchen gab ihr sogleich, so viel sie brauchte. Sie forderte noch Mancherlei von ihm, und das Körbchen gab den Augenblick Alles. Nach einigen Tagen begab sich's, daß ein vornehmer Herr bei der Bauerhütte vorüberfuhr. Als ihn die Frau des Bauers erblickte, sprach sie zu ihrem Manne: »Gehe und bitte diesen Herrn bei uns zu Gaste; wenn du ihn nicht hereinbringst, werde ich dich halb todt prügeln.« Der Bauer fürchtete die Schläge seiner Frau, und ging und lud den Edelmann zu sich zu einem Schmaus ein; die Frau nahm unterdessen aus dem Körbchen allerlei Speise und Getränke, deckte den Tisch, setzte sich an's Fenster, die Hände in den Schoos legend, und erwartete in ihrem Hause die Ankunft des Edelmannes, welchen der Bauer auf dem Wege eingeholt und zu sich zu einem Gastmahl eingeladen hatte. Dieser wunderte sich über eine solche Einladung, lachte nur darüber und wollte nicht zu ihm gehen, sondern befahl den Leuten, welche er bei sich hatte, auf die Gasterei zu dem Bauer zu gehen und ihm hernach zu erzählen, wie sie der Bauer bewirthet habe. Die Leute begaben sich zu dem Bauer, und als sie zu ihm in die Stube kamen, wunderten sie sich sehr, weil er seiner Hütte nach ein sehr armer, aber den auf dem Tische stehenden Speisen nach zu urtheilen, ein vornehmer Mann sein mußte. Sie setzten sich an den Tisch und machten sich lustig. Sie bemerkten aber, daß die Frau des Bauers, wenn sie etwas nöthig hatte, es gleich von dem Körbchen forderte und Alles von ihm erhielt. Deßhalb gingen sie noch nicht aus der Stube und schickten einen von ihren Kameraden, sobald wie möglich, eben so ein Körbchen zu machen, und es wieder hierher zu ihnen zu bringen, aber so daß es weder der Bauer noch seine Frau bemerken sollte.

Der Abgesendete lief sogleich und ließ ein ähnliches Körbchen machen. Als er es gebracht hatte, nahmen die Gäste leise das Körbchen des Bauers und setzten anstatt desselben das ihrige an jenen Ort. Dann fuhren sie von dem Bauer fort zu ihrem Herrn und erzählten, wie sie der Bauer bewirthet habe.

Die Frau des Bauern warf die ganze übrig gebliebene Speise weg, weil sie den andern Tag frische kochen wollte. Den folgenden Morgen trat sie zu ihrem Körbchen und fing an bei ihm um das zu bitten, was ihr nöthig war. Und als sie sah, daß ihr das Körbchen nichts gab, rief sie ihren Mann zu sich und sagte: »Alter Graukopf, was hast du mir für ein Körbchen gebracht? Wahrscheinlich hat es uns nur eine Zeit lang gedient, und was hilft es uns jezt, da es uns nichts giebt? Gehe wieder zu dem Wind und bitte ihn, daß er uns unser Mehl wieder gibt oder ich prügle dich bis auf den Tod.«

Der arme Bauer ging wieder zu den Winden. Als er zu der alten Frau, ihrer Mutter, kam, beklagte er sich über sein Weib. Die Alte sagte zu ihm, er solle auf ihren Sohn warten, er werde bald kommen. Nicht lange darauf kam der Südwind, und der Bauer fing an, über seine Frau zu klagen. Da sprach zu ihm der Wind: »Du thust mir Leid, Alter, daß du so eine böse Frau hast, aber ich will dir helfen und deine Frau soll dich nicht mehr schlagen: nimm dieses Faß, und wenn du nach Hause kommst und dich deine Frau schlagen will, so stelle dich hinter das Faß und sage: Fünf aus dem Fasse, prügelt meine Frau! und wenn sie sie ordentlich durchgeprügelt haben, so sage: Fünf wieder in das Faß!« Und der Bauer verneigte sich abermals gegen den Wind und ging nach Hause. Als er daselbst ankam, sprach er: »Da, Frau, da hast du anstatt eines Körbchens ein Faß.« Die Frau wurde böse auf ihn und sprach: »Was soll ich mit deinem Fasse machen? Warum hast du kein Mehl gebracht?« Als sie diese Worte sprach, ergriff sie die Ofengabel und wollte ihren Mann prügeln. Da stellte sich der Bauer sogleich hinter das Faß und rief: »Fünf aus dem Fasse, prügelt meine Frau ordentlich!« Auf ein Mal sprangen aus dem Fasse fünf Bursche hervor und fingen an, die Bauerfrau zu prügeln. Und als der Bauer sah, daß sie genug geschlagen worden war, und sie ihn um Barmherzigkeit bat, da rief er: »Fünf wieder in das Faß!« Da hörten sie alsbald auf, sie zu prügeln und verkrochen sich augenblicklich wieder in dem Fasse.

Von dieser Zeit an wurde seine Frau sanft. Dann fing der Bauer an, über sein Körbchen nachzudenken und faßte Verdacht gegen seine Gäste und vermuthete, daß sie es wohl verwechselt hätten. Er berathschlagte mit seiner Frau, wie sie ihr Körbchen wieder bekommen könnten, und die Frau sagte darauf zu ihm: »Da du jezt so ein wunderbares Faß hast, so kannst du nicht allein mit einem Menschen, sondern mit vielen Tausenden fertig werden. So gehe zu dem Edelmann und lasse dir dein Körbchen wiedergeben.« Der Bauer nahm dies als einen guten Rath an, ging zu dem Edelmanne und forderte ihn zu einem Zweikampfe heraus. Dieser aber lachte über die Thorheit dieses Bauern und mochte es ihm nicht abschlagen, denn er wollte sich über ihn lustig machen, und befahl deßhalb dem Bauer ins Feld zu gehen. Dieser nahm sein Fäßchen unter den Arm, begab sich in's Feld und wartete auf den Herrn, der in Begleitung seiner Leute zu dem Bauer fuhr. Als er näher zu ihm kam, befahl er seinen Dienern, den Bauer zum Spaß tüchtig durchzuprügeln. Der Bauer sah, daß man ihn zum Besten habe, als man ihn zu prügeln anfing, wurde böse auf den Edelmann und sprach: »Ei, Herr, befiehl, mir mein Körbchen wieder zu geben, sonst wird es euch allen schlecht gehen.« Allein er sah, daß man nicht aufhörte ihn zu prügeln und schrie: »Fünf auf Jeden aus dem Faß! prügelt sie tüchtig!« – Sogleich sprangen fünf Bursche auf Jeden und fingen an, sie unbarmherzig zu prügeln. Der Edelmann fürchtete, daß man ihn zu Tode prügeln möchte, und schrie aus vollem Halse: »Bauerchen, laß sie nur aufhören, uns zu prügeln.« Als der Bauer dies hörte, rief er: »He, Bursche, geht alle zurück in's Faß!« Da hörten die Bursche sogleich auf zu prügeln, und verkrochen sich im Fasse. Der Edelmann befahl sogleich seinen Bedienten, das Körbchen zu holen und zurück zu geben. Es geschah auf der Stelle. Der Bauer nahm sein Körbchen, ging nach Hause und lebte mit seiner Frau in großer Zufriedenheit und Ruhe.

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