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Russische Hofgeschichten II

Magnus Crusenstolpe: Russische Hofgeschichten II - Kapitel 9
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authorMagnus Jacob Crusenstolpe
titleRussische Hofgeschichten II
publisherGeorg Müller
year1917
editorJoachim Delbrück
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VIII.

Der russische Hof beim Tode Potiomkins. – Kosciuskos Erhebung. – Die letzte Teilung Polens. – Ermordung Gustavs III. – Der Tod Leopolds II. – Die französischen Emigranten in Rußland. – Gustavs IV. Reise nach Petersburg. – Die Eroberungen in Persien. – Tod Katharina II.

Als Lanskoj, der Geliebte der Kaiserin, gestorben war, schloß sie sich in ihre Zimmer ein und wollte, sich der bittersten Trauer überlassend, vor Hunger sterben. Als sie Potiomkins Tod erfuhr, schloß sie sich auch wieder ein, aber nur um sich mit der Administration des Reiches zu beschäftigen. Sie arbeitete ohne Unterbrechung fünfzehn Stunden und verteilte die verschiedenen Ämter, welche Potiomkin verwaltet hatte, unter ihre Minister.

Besborodko wurde auf den Kongreß nach Jassy gesandt und schloß dort den Frieden ab. Bei seiner Rückkehr wurde er an die Spitze der auswärtigen Angelegenheiten gestellt und genoß im Anfang seiner neuen Tätigkeit großes Vertrauen.

Der Günstling Platon Subow, der bisher allen Staatsangelegenheiten fremd geblieben war, nahm jetzt auch an denselben teil. Er verlangte Rat von dem intriganten Arkadij Markow, und erhielt ihn auch, da Markow nach Macht und Einfluß strebte. Markow wurde dafür durch das unbegrenzte Vertrauen des Günstlings und der Kaiserin belohnt. Sie bildeten eine geheime Kamarilla, in welcher die wichtigsten Angelegenheiten verhandelt wurden, und von welcher Besborodko ausgeschlossen blieb, wodurch er bald sehr viel von seinem Einfluß einbüßte.

In den Zusammenkünften der Kamarilla, welche aus Subow, Markow, dem Kriegsminister Nikolaj Saltykow und einigen anderen bestand, befaßte man sich damit, die von Katharina schon seit langem vorgeschlagene gänzliche Auflösung Polens und die Einverleibung der meisten Provinzen dieses Reiches in den russischen Staat zu verwirklichen.

Die Kaiserin konnte es den Polen nicht verzeihen, daß sie vor ihr eine Allianz mit Preußen abgeschlossen hatten, die ihre Eifersucht auf diesen Staat und seinen neu gewonnenen Einfluß lenken mußte. Noch unverzeihlicher aber war in ihren Augen der große nationale Aufschwung, der in jenen Tagen die polnischen Provinzen durchbrauste. Überall war nur die Rede von der Organisation einer weiseren Regierung, um unter ihrer Leitung die Ketten der Tyrannei zu brechen. Der russische Gesandte, dessen Hotel in Warschau sonst stets belebter zu sein pflegte, als selbst das des Königs, sah sich plötzlich vereinsamt. Der Adel brachte Opfer, die Bürger legten ihr Hab und Gut auf den Altar des Vaterlandes und boten ihre Arme an. Ein kluger und patriotischer Reichstag beschäftigte sich mit den notwendigen Reformen, der König teilte den allgemeinen Enthusiasmus, unterstützte die großmütigen Anstrengungen, und die am 3. Mai 1791 verkündete Konstitution war das Resultat des Nationalwillens, aber auch ein neuer Grund, das unglückliche Polen zum Ziel des tätigen Ehrgeizes Katharinas zu machen. Von ihren Racheplänen erfüllt, befahl sie ihrem Gesandten in Warschau, Bulgakow, in ihrem Namen mit Androhung von Gewaltmaßregeln als Schützer der alten beseitigten Verfassung Polens aufzutreten.

Der versammelte Reichstag nahm diesen Schritt mit ruhiger Würde auf, der alsdann ein edler Enthusiasmus für die kräftigste Verteidigung folgte. Die ganze Nation teilte die Gefühle des Reichstages. Der König selbst schien von dem allgemeinen Eifer mit fortgerissen zu werden, und man glaubte, daß er seinen alten Servilismus gegenüber Rußland, sowie seine gewohnte Trägheit aufgeben und sich zum Verteidiger der Freiheit aufwerfen würde. Man sammelte in größter Eile eine Armee, deren Befehl dem Fürsten Poniatowski Joseph Anton Poniatowski, geb. 17. Mai 1763, gest. 19. Oktober 1813. anvertraut wurde, dessen geringe Erfahrung allerdings wenig Erfolg versprach.

Polen konnte gegen Katharina fünfzigtausend Mann aufbringen. Aber diese Macht, die in mehrere Detachements geteilt werden mußte, sah sich bald zwischen einer Armee von achtzigtausend Russen, die aus Beßrabien vorrückte, und einer zweiten von zehntausend, die um Kiew gesammelt war, und einer dritten von dreißigtausend, welche in Lithauen eindrang, zusammengedrängt.

Es kann hier nicht die Rede davon sein, die verschiedenen Kämpfe zu schildern, welche die polnische Erde so reich mit Blut getränkt haben. Es war in jenen Tagen, wo Thaddäus Kosciusko, Geb. 12. Februar 1746, gest. 15. Oktober 1817. damals noch als Unteranführer, an der Seite des Fürsten Poniatowski die Eigenschaften entwickelte, welche ihm das Vertrauen seiner Nation, den Haß der Russen und die Achtung des ganzen übrigen Europas erwarben.

Während dieser Zeit hatte Katharina durch ihren Gesandten im geheimen dem König von Preußen die definitive Teilung Polens vorgeschlagen. Der König mochte sie möglicherweise ebenso sehr wünschen als sie selbst, aber er hatte sich im Jahre 1790 verpflichtet, Polen zu verteidigen, die Intregrität des Reiches und die Freiheit der Reichstage zu garantieren und zu schützen, und zögerte daher, den Vorschlag Katharinas anzunehmen. Inzwischen gewann die Kaiserin heimlich in Polen selbst die beiden Brüder Kassakowski, den Hetmann Branicki, Franz Xaver Graf von Branicki, 1764 Generaladjutant und Großkronjägermeister. den Woiwoden Severin Rzewuski und vor allem Felix Potocki, Stanislaus Felix Graf von Potocki, 1745 – 1805, 1788 Großfeldherr der polnischen Artillerie. Mitglieder des hohen Adels, die in ihrem Ehrgeiz mit Ärger und Bedauern die Hoffnung schwinden sahen, den Thron besteigen zu können. Sie wurden Sklaven Rußlands und bildeten den Kern der berüchtigten Konföderation zu Targowice, 14. Mai 1792. welcher man die letzten Unglücksfälle Polens zuschreiben muß. Kaum war diese Konföderation organisiert, so zwang Katharina den König Stanislaus, öffentlich die Erklärung abzugeben, daß er, der Übermacht der russischen Armee weichend, derselben beiträte.

Offene feindselige Schritte und geheimer Privatbriefwechsel zwischen der Kaiserin und ihm brachten den unglücklichen Monarchen dahin, sich dieser tiefen Erniedrigung zu unterwerfen: er befahl seiner Armee, die Waffen niederzulegen. Aber selbst diese Demütigung verschaffte ihm keine schonendere Behandlung von Seiten der Frau, der er einst so nahe gestanden.

Ungeachtet der traurigen Lage konnte man doch noch glauben, daß die edle Entschlossenheit der Polen und die Geschicklichkeit ihrer Führer die Unabhängigkeit des Landes sichern und den ihrer Krone angetanen Schimpf rächen würden. Da aber erlahmte die nationale Energie unter den heimtückischen Streichen, die man gegen sie übte, mit einem Male, man verlor die Frucht der ersten Erfolge, spaltete sich in Parteien, kühlte das Interesse der Alliierten am Schicksale Polens ab, und alles war verloren, die Russen zogen in Warschau ein.

Das Ausland, das dem unglücklichen Reich eben erst zu seiner Verfassung Glück gewünscht, ihm die Unabhängigkeit und Integrität garantiert hatte, ließ diesen neuen Gewaltstreich Rußlands zu seiner Vergrößerung geschehen, denn England hatte durch Vermittelung des Friedens von Jassy den Untergang Polens herbeigeführt. Friedrich Wilhelm II., den man sich noch schmeichelte, für das Interesse des unglücklichen Volkes gewinnen zu können, sah sich jetzt in die Notwendigkeit versetzt, die Prätensionen Katharinas zu bekämpfen oder mit ihr an der Zerstückelung Polens teilzunehmen. Er glaubte sich berechtigt, einen Souverän zu verlassen, der an seiner eigenen Sache verzweifelte, verließ die Unterdrückten und ging zu den Unterdrückern über, wobei der Schrecken keine geringe Rolle spielte, den die französische Revolution ihm einflößte. Denn diese verbot ihm, einen Krieg im Osten mit Rußland zu beginnen, wo er von den Ereignissen gezwungen werden konnte, ihn nach Westen gegen Frankreich zu tragen.

Nun erschien eine Deklaration Rußlands und Preußens, die Österreichs Beitritt voraussetzen zu dürfen glaubte und erklärte, daß ihre eigene Sicherheit es gebieterisch erheische, Polen auf die engsten Grenzen zu beschränken. Der König von Preußen ließ im Verein mit Katharina eine Armee in Polen einrücken. Die polnischen Anhänger Rußlands wurden zu einer Konföderation in Grodno versammelt und hatten die Demütigung, mit anzusehen, daß eine Armee von zwanzigtausend Russen sie umgab, und daß sich ein russischer General auf den Thron setzte, der bald umgestürzt werden sollte. Der russische Gesandte Sievers Jakob Johann Sievers, geb. 30. August 1731, gest. 23. Juli 1808, seit 1781 Gesandter in Polen. behandelte den in Grodno gefangengehaltenen König Stanislaus gemäß des von ihm selbst unterzeichneten Traktats wie einen Begnadigten. Daß es Sievers, der zwar ein treuer Diener der Kaiserin, aber ein Mann von vornehmem Charakter war, nicht immer leicht fiel, den Pflichten seines Amtes nachzukommen, bezeugt ein Brief an seine Tochter vom 7. September, der folgenden Satz enthält: »Einen König einsperren und einen gesamten Reichstag! für einen fremden König. Das tut dem Herzen nicht wohl.« Blum, Ein russischer Staatsmann, Bd. III, S. 371.

Jakob Johann Sievers

Die russische Armee verbreitete sich über das ganze Reich, besetzte alle Städte und verübte schreckenerregende Untaten, in einer Weise, wie sie die Geschichte nur in wenigen Beispielen aufbewahrt. Warschau selbst wurde der Schauplatz barbarischer Grausamkeiten. Der russische General Igelström, ein brutaler und unersättlich habgieriger Mann, gebot daselbst. Er gestattete seinen Soldaten alle erdenklichen Ausschweifungen und ließ die unglücklichen Einwohner der Stadt die ganze Schwere seiner Barbarei fühlen. Und dennoch sprach man in dieser Zeit den Polen gegenüber immer noch von Reformen, Bündnissen und Verfassung. Allerdings war der Umstand, daß jede Veränderung der Verfassung nur mit Bewilligung der Kaiserin vorgenommen werden durfte, nur zu geeignet, dem Volke, dessen Unterjochung man vollenden wollte, als eine höhnende Beleidigung zu erscheinen.

Die ihrem Vaterlande als treu bekannten oder auf dem Reichstage zu Grodno die Rechte Polens verteidigenden Personen wurden, wenn sie nicht als Flüchtlinge fremde Erde erreichen konnten, aufgegriffen und nach Sibirien gesandt, unter ihnen auch der französische Legationssekretär Bonneau. Ihre Besitztümer wurden konfisziert und ihre Familien zur Knechtschaft verurteilt. Gleichzeitig verkündete man ein russisches Manifest des Inhalts, daß die Kaiserin alle polnischen Provinzen, welcher sich ihre Armeen bemächtigen würden, ihrem Reiche einverleiben werde, und daß sie verlange, die polnischen Militärkräfte bis auf sechszehntausend Mann zu reduzieren.

So viel Elend machte das gerüttelte Maß überlaufen. Einige faßten den Entschluß, das Vaterland von dem russischen Druck zu befreien. Die Landboten erklärten es feierlichst als ein Vermächtnis für die kommenden Generationen, die Sorge der nationalen Rache auf sich zu nehmen. Ihr Aufruf hallte in allen Provinzen wieder, und wie ein Sturm über die wüsten Ebenen zieht, brauste die Erhebung durch das unglückliche Land. Die Regimenter, welche von der durch Rußland befohlenen Reduzierung betroffen waren, verweigerten Fahnen, Waffen und Uniformen abzulegen, die wenigstens noch einen Schimmer von Nationalität verkörperten. Die Landleute, welche lange genug von den fremden Soldaten ausgesogen waren, scharten sich freiwillig um das alte Banner ihres Vaterlandes. Edle Polen, die verbannt, verstoßen oder flüchtig waren, strömten von allen Seiten herbei, und schlugen Kosciusko vor, sich an ihre Spitze zu stellen.

Kosciusko hatte sich schon früher mit Kolontaj, Zajonczek und Ignaz Potocki, Graf Ignaz Potocki, geb. 1751, gest. 20. August 1800. einem sehr aufgeklärten Manne und in allem das gerade Gegenteil seines Cousins Felix, nach Leipzig zurückgezogen. Diese vier Männer billigten die Beschlüsse ihrer Landsleute. Sie fühlten aber, daß man, um zu einem glücklichen Ziele zu gelangen, den Bauern, die bisher wie das Lastvieh behandelt waren, die Freiheit geben müsse.

Kosciusko und Zajonczek beeilten sich, die polnische Grenze zu erreichen. Der letztere kam heimlich nach Warschau und hatte daselbst Konferenzen mit den Häuptern der Verschwörung. Ein Bankier, der ein kühner und patriotischer Mann war, erklärte für die Stimmung der Hauptstadt gutsagen zu können, streckte Gelder vor und bearbeitete mehrere Offiziere, von denen er wußte, daß sie das russische Joch verabscheuten: Endlich war alles zur Erhebung bereit, als Kosciuskos inzwischen bekannt gewordener Aufenthalt an der Grenze Verdacht erregte und die Maßnahmen des russischen Befehlshabers ihn nötigten, die Eröffnung der Feindseligkeiten aufzuschieben.

Um das Mißtrauen der Russen zu täuschen, begab sich Kosciusko nach Italien und Zajonczek nach Dresden, wo auch Ignaz Potocki und Kolontaj sich aufhielten. Bald aber erschien Zajonczek wieder in Warschau. Der König Stanislaus selbst unterrichtete den Grafen Igelström davon, der dann Zajonczek befahl, Polen sogleich zu verlassen. Jetzt mußte man handeln, oder den ganzen Plan aufgeben. Zajonczek erwählte das erstere.

Kosciusko wurde aus Italien zurückgerufen und kam in größter Eile nach Krakau, wo er als Befreier Polens empfangen wurde. Trotz dem Befehl der Kaiserin hatte der Oberst Madalinski sein Regiment nicht aufgelöst, und einige andere Offiziere hatten sich mit ihm vereinigt. Kosciusko wurde zum General dieser kleinen organisierten Armee proklamiert, die aus dreitausend Mann Infanterie und zwölfhundert Kavalleristen bestand, und die Insurrektionsakte wurde am 24. Mai 1794 in Krakau verkündet, welches die Russen am Abend, von dem Jubel der Polen erschreckt, verließen.

Mehrere Hundert mit Sensen bewaffneter Bauern stellten sich unter die Fahne Kosciuskos, und dieser, vor Kampfeslust brennend, geriet bald in einen Strauß mit den Russen, welche nach einem kräftigen Widerstand in die Flucht geschlagen wurden.

Als man in Warschau Kosciuskos Erfolge vernahm, ließ der russische General Igelström alle diejenigen verhaften, von denen er glaubte, daß sie der Aufruhrspartei zugetan sein könnten. Aber dieser Schritt reizte die Verschworenen nur zu noch kühnerem Widerstand. Die Erhebung brach in allen Straßen gleichzeitig und mit ungeahnter Wut aus: zweitausend Russen fielen ihr zum Opfer. Igelström, in seinem Hause belagert, begehrte zu kapitulieren, und einen kurzen Aufschub, den man ihm bewilligt hatte, geschickt benutzend, rettete er sich in das preußische Lager, welches sich in nur kurzer Entfernung von Warschau befand.

Wilna, die Hauptstadt von Lithauen, folgte dem Beispiele Warschaus, »Wir haben eine entsetzliche Nacht durchgemacht,« schrieb der Vizepräsident Lachnicki am 24. April 1794 an Michael Oginski, den Verfasser der bekannten Memoiren; »das Blut fließt noch stromweise in den Straßen; es sind keine Russen mehr in Wilna. Die, welche entweichen konnten, haben sich außerhalb der Stadt versammelt und zünden alles an, was ihnen auf der Straße aufstößt. Freudengeschrei erschallt in allen Teilen der Stadt.« Michael Oginskis Denkwürdigkeiten über Polen, Belle-Vue, bei Konstanz 1845, 1. Teil. S. 336. und der Oberst Jasinski, welcher dort an der Spitze der Insurgenten stand, operierte so geschickt, daß er zahlreiche Russen zu Gefangenen machte, ohne selbst große Verluste zu erleiden. Die Bevölkerung in den Provinzen erklärte sich gegen die Russen, und drei polnische Regimenter, welche in russischen Diensten standen, gingen zu den Insurgenten über.

Kosciusko bemühte sich stets, seine Armee durch Bauern zu rekrutieren und denselben Vertrauen für seine Sache einzuflößen. Er trug ihre Tracht und aß mit ihnen aus einer Schüssel. Aber diese Menschen, durch die lange Gewohnheit ihres elenden Loses versklavt, waren der Freiheit, die man ihnen bot, nicht wert. Sie mißtrauten den Absichten des Adels, und dieser wollte seinerseits die meisten seiner Privilegien festgehalten wissen.

Stanislaus und seine Anhänger vermehrten den Unwillen des Adels gegen Kosciuskos Absichten. Sie stellten diese als für sie selbst schädlich und die ganze Insurrektion als die einer jakobinischen Fraktion dar, die eine Gemeinschaft mit den Pariser Bluthorden suche oder schon hätte. Der König von Polen ging so weit, gegen die Freiheit seiner Nation für die Todfeinde derselben, die Russen, zu kabalisieren.

Eine detaillierte Schilderung der polnischen Unternehmungen gehört nicht in dieses Werk, aber soviel sei erwähnt, daß oft die beträchtliche Artillerie der Russen, ihre strenge Disziplin und ihre anerkannte Standhaftigkeit dem ungeordneten Angriff und dem wilden Mute der Polen weichen mußte. Die polnischen Fahnen erschienen in allen ihren alten Besitzungen, und die Kaiserin mußte beständig neue Truppen und ihre besten Generale nach Polen senden.

Der König von Preußen, von Katharina ohne Unterstützung allein gelassen – es lag in der Absicht der Kaiserin, Preußen durch die Unterdrückung Polens selbst zu erschöpfen – sah sich genötigt, die Belagerung von Warschau aufzugeben. Einen Augenblick konnte man glauben, daß Polen seine Wiedergeburt feiern würde. Da wollte Kosciusko die Vereinigung der russischen Generale Ssuworow und Fersen verhindern, sah sich aber plötzlich von diesen selbst bei Maciejowice angegriffen und von dem polnischen General Poninski, der ihn unterstützen sollte, verlassen. Kosciuskos ganze Geschicklichkeit, Tapferkeit und Verzweiflung konnte der Übermacht nicht widerstehen: fast seine ganze Armee kam um oder legte die Waffen nieder. Er selbst, mit Wunden bedeckt, brach auf dem Schlachtfelde zusammen und wurde zum Gefangenen gemacht. Die Nachricht von Kosciuskos Verwundung und Gefangennahme verbreitete sich mit Blitzesschnelle in ganz Warschau. Oginski kam am gleichen Tage mit dieser Kunde in der Hauptstadt an und versichert, nie ein rührenderes, herzzerreißenderes Bild gesehen zu haben. Auf allen Straßen, in allen Kreisen der Gesellschaft hörte man die Worte wiederholen: Kosciusko ist nicht mehr!, und lautes Schluchzen begleitete diesen Ausruf, der in ganz Polen widerhallte. Mehrere Familienmütter taten bei Empfang der Kunde Fehlgeburten, Männer verfielen in Fieber und Wahnsinn; auf den Straßen begegnete man Menschen, welche die Hände rangen, mit den Köpfen gegen die Mauer rannten und verzweiflungsvoll ausriefen: »Kosciusko ist nicht mehr! Das Vaterland ist verloren.« Oginski, Denkwürdigkeiten, 2. Teil, S. 41. Mit seinem Fall wich das Glück von den polnischen Fahnen. Die sechzigtausend Menschen, die, von dem Wunsch nach Ruhm und Unabhängigkeit geleitet, Taten verrichtet hatten, die der Tage des Glanzes ihrer Nation würdig waren, hörten nach kaum einem Monat den Sterbeseufzer ihrer jungen Freiheit.

Alle, welche den Siegern hatten entkommen können, schlossen sich in der Vorstadt von Warschau, Praga, ein, wurden aber von General Ssuworow dorthin verfolgt. Die Belagerung währte nicht lange. Ssuworow schritt zum Sturm, und nachdem er, auf den Leichen seiner und der feindlichen Krieger die Mauern erklimmend, sich Pragas bemächtigt hatte, richtete er ein unmenschliches Blutbad an. Zwei ganze Tage waren alle Schrecken des Todes nicht nur gegen die Soldaten, sondern gegen alle Einwohner jeden Alters und Geschlechtes losgelassen. Der entwaffnete Mut der Väter, Gatten und Kinder wurde durch Raub, Schändung und Ermordung gestraft. Neuntausend brave Vaterlandskämpfer hatten ihr Leben in Verteidigung der Straßen gegen die Stürmenden verloren, und dreißigtausend Unschuldige fielen als Opfer der entmenschten Wut des russischen Generals und seiner Krieger. Der Oberst Liewen, der ein Regiment bei dem Sturm kommandierte, erzählte später mit Entsetzen, daß er selbst gegen Ende des Gefechts einen Grenadier getroffen, der in der linken Hand sein Gewehr gehalten, jedem Polen ohne Unterschied das Bajonett durch den Leib gerannt und sogar die Blessierten nicht verschont habe, und in der Rechten eine Axt, mit der er sodann jedem einen Gnadenhieb über den Schädel gegeben habe. Der Oberst schalt die Unmenschlichkeit des Soldaten und sagte ihm, er solle Bewaffnete erschlagen, nicht aber Verwundete und Wehrlose. »Ei was, Herr,« entgegnete der Wütende, »sie sind alle Hunde, die gegen uns gefochten haben, und müssen sterben!« Oginski, Denkwürdigkeiten, 2. Teil, S. 49, Anm. 1.

Den Tagen des Mordes folgten die der Schande. In tödlicher Erschöpfung unterwarf sich die Stadt Warschau und bot ihre Schlüssel dem wilden Ssuworow an, der vom Blut der Gemordeten übersättigt, ihren Deputierten höhnend antwortete, daß »er Rebellen gestraft habe, aber nicht im Kriege mit der Republik läge«. Darauf ergriff er die Schlüssel und zog mit seiner Armee als Triumphator durch die wüsten Straßen der Hauptstadt, in der er die Huldigung des Monarchen empfing, den er entthronte. Stanislaus wurde aus seiner eigenen Residenz verwiesen.

Die entkommenen Reste der polnischen Kämpfer wurden bis in die Tiefe ihrer Wälder verfolgt, zerstreut und gezwungen, den Boden ihres Vaterlandes ihren Bedrückern zu überlassen. Polen verschwand aus der Reihe der Staaten.

Ssuworow wurde von Katharina zum Feldmarschall erhoben, indem sie ihm in ihrer schmeichelnden Weise schrieb: »Sie wissen, daß ich nie jemand außer der Tour befördere; aber Sie haben sich selbst durch die Eroberung Polens zum Feldmarschall gemacht.«

Die Höfe von Petersburg, Berlin und Wien teilten sich nun in den Rest des unglücklichen Polens. Die Teilung sollte den Anschein der Gleichmäßigkeit haben, geschah aber in Wahrheit in auffallender Ungleichheit. Rußland nahm den Löwenanteil für sich in Anspruch, sowohl was den Umfang als was den Wert des Landes betraf. Die Hälfte des alten polnischen Reiches war nun sein.

Die Generale Katharinas und andere Werkzeuge ihrer habgierigen Pläne zankten sich nun um die Besitztümer der Menge der Proskribierten und bereicherten sich. Während der unglückliche König Stanislaus, nach Grodno verwiesen, von einer elenden Pension leben mußte, welche ihm die Kaiserin gab, entwickelte Repnin, der Generalgouverneur der eroberten Provinzen, einen unerhörten Luxus.

Zajonczek und Kolontaj hatten sich auf österreichisches Gebiet gerettet, sahen aber das Gastrecht bezüglich ihrer Person auf schmachvolle Weise gekränkt: man hielt sie gefangen. Kosciusko, Ignaz Potocki und einige andere wurden nach Petersburg geführt und dort in schaudererregende Gefängnisse geworfen. Unter diesen Unglücklichen befand sich auch der junge Dichter Niemcewicz , Julian Ursyn Niemcewicz, geb. 1758, gest. 21. April 1841, Verfasser der »Historischen Gesänge der Polen« (Warschau 1816). der Freund Kosciuskos und durch seinen Geist ebensosehr, wie durch seine Tapferkeit ausgezeichnet. Daß er sein Blut für sein Vaterland vergossen und, wie Tyrtäus einst die Griechen, durch begeisterte Schlachtgesänge den Mut seiner Landsleute angefeuert hatte, war nicht sein einziges Vergehen. Katharina hatte Niemcewiez noch Schlimmeres vorzuwerfen. Er hatte sie in satirischen Versen besungen, und deshalb ließ sie ihn erst in der Zitadelle von Petersburg schmachten, von wo sie ihn nach Schlüsselburg sandte, wo er noch barbarischere Mißhandlungen erdulden mußte. Paul Petrowitsch entließ ihn im Jahre 1796 aus der Gefangenschaft.

Übrigens erfuhren nicht alle, die Katharina persönlich beleidigten, dieselbe Strenge. Mitunter verstellte sie sich so sehr, daß sie Leute belohnte, die sie im geheimen die Absicht hegte zu bestrafen, und die sie auch bestrafte, sobald sie eine passende Gelegenheit dazu fand.

Nachdem die Friedenspräliminarien in Galatz unterzeichnet worden waren, begab sich Fürst Repnin, der mit der Kaiserin und Potiomkin unzufrieden war, in ein freiwilliges Exil nach Moskau. Alle in dieser Stadt lebenden zahlreichen Mißvergnügten erkannten ihn in der Stille als ihr Haupt an.

Repnin hatte sich einer Illuminatensekte angeschlossen, welche sich unter dem Namen Martinisten gleich einer ansteckenden Krankheit von Norddeutschland aus verbreitete. Er bildete einen Klub, in den er nur diejenigen aufnahm, von denen er gewiß wußte, daß sie seinen Haß gegen den Hof in Petersburg teilten. Man behauptete, das Ziel dieser Mißvergnügten sei gewesen, eine Staatsreform zu bewirken und Katharina zu zwingen, die Krone an ihren Sohn abzutreten. Durch ihre Spione wurde die Kaiserin bald in Kenntnis gesetzt, daß kabbalistische Mysterien nicht die einzigen Beschäftigungen der Martinisten in Moskau wären. Plötzlich wurden mehrere derselben verhaftet, ihrer Ämter entsetzt und ein Teil nach Sibirien verwiesen, die anderen aber in die Provinzen geschickt, denen sie angehörten. Zur selben Zeit wurden alle ihre Papiere verbrannt, um jede Spur einer Verschwörung zu vertilgen.

Repnin, an den Hof berufen, glaubte sich natürlicherweise verloren. Aber die Kaiserin empfing ihn, trotzdem sie ihn verabscheute, mit lächelndem Antlitz, überhäufte ihn mit Ruhm und ernannte ihn zum Gouverneur von Livland, von wo er nach der letzten Teilung Polens als Generalgouverneur nach Lithauen versetzt wurde. Repnin schlug seine Residenz in Grodno auf, wo der schwache und bejammernswerte Stanislaus sich befand.

Nach dem Tode Katharinas lud Paul I. Stanislaus nach Petersburg ein, empfing ihn daselbst freundschaftlichst, ließ ihn in dem sogenannten Marmorpalast wohnen und gab ihm denselben Stackelberg zum diensttuenden Kammerherrn, der ihn während seiner Ambassade in Warschau so verächtlich behandelt hatte. Es war dies eine öffentliche Genugtuung ähnlich der Art, wie sie Paul den irdischen Resten seines unglücklichen Vaters zuteil werden ließ, als er bei deren feierlicher Überführung zwei der noch lebenden Kaisermörder, Alexej Orlow und den Fürsten J. S. Bariatinskij, zwang, vor dem Sarge ihres Opfers die Reichsinsignien zu tragen. Stanislaus starb am 12. Februar des Jahres 1798.

Inzwischen verfolgte Katharina unausgesetzt ihre Vergrößerungspläne für das Reich. Von jeder Furcht vor Frankreich befreit, schüchterte sie Preußen ein, ermutigte Österreich, setzte sich wieder mit England ins Vernehmen und schritt fast ohne Hindernis ihrem Ziel entgegen. Ihr nächstes Ziel war nach Beseitigung Polens ihr nordwestlicher Nachbar Schweden.

Hier hatte inzwischen ein Thronwechsel stattgefunden. Der schwedische Adel, zu einem großen Teile seiner eigensüchtigen Mitglieder noch immer mit der Revolution des Jahres 1772 unzufrieden, legte einen Beweis davon in dem sogenannten Anjala-Bündnis ab; Gustav III. aber, der die bei Fredrikshamn zutage getretene Verräterei zu milde strafte, hatte dadurch nur den Mißvergnügten größere Kühnheit verliehen, sich Rußland schamlos zu ergeben, das sie durch verdecktes und offnes Intrigenspiel unaufhörlich gegen ihn aufreizte. Drei junge Männer, die Grafen Hörn, Ribbing und der Kapitän Ankarström, beschlossen, den König zu ermorden, und zogen das Los über die abscheuliche Ehre, ihm den ersten Schlag zu versetzen. Ein Maskenball, auf welchem sich Gustav einzufinden beabsichtigte, begünstigte ihren verbrecherischen Anschlag. Die drei Verschworenen trafen sich auf dem Ball, und Ankarström, den Augenblick benutzend, in welcher eine dichte Menge den König umgab, schoß ihn mit einem scharf geladenen Pistol in die Weiche des Rückens. Diese Schandtat geschah in der Nacht vom 16. zum 17. März 1792, der König starb jedoch erst am 29. desselben Monats.

Gustav IV. von Schweden

Sein Sohn, Gustav IV., Gustav IV. Adolf, geb. 1. November 1778, gest. 7. Februar 1837, als König von Schweden 1796–1809. damals erst vierzehn Jahre alt, wurde sein Nachfolger; sein Vormund und väterlicher Oheim, der Herzog von Södermannland, übernahm die Regierung.

Leopold II. von Österreich

Nur wenige Tage vor diesem traurigen Ereignisse hatte Leopold II. plötzlich in Wien sein Leben beschlossen Am 1. März 1792. und die kaiserliche Krone nebst den Königreichen Ungarn und Böhmen seinem Sohne Franz II. Franz II. Joseph Karl, als Kaiser von Österreich Franz I., 1792 bis 1835, geb 12. Februar 1768. hinterlassen.

Der Tod der beiden Häupter der königlichen Ligue gegen Frankreich versetzte die französischen Emigranten in Verzweiflung, und eine große Anzahl derselben begab sich nach Petersburg, um dort Unterstützung durch Truppen nachzusuchen, welche die Kaiserin zu versprechen nicht unterlassen hatte, nie aber wirklich zu schicken beabsichtigte.

Kein Souverän hatte mit größerer Energie die Absicht ausgesprochen, dem revolutionären Frankreich den Krieg zu erklären, als Katharina. Seitdem sie sich 1790 mit dem König von Schweden versöhnt hatte, schmeichelte sie ihm damit, den ersten Schlag durch ihn führen zu lassen, um ihm die Ehre dieser schönen Expedition zu gönnen. Unmittelbar nach dem Frieden von Jassy versprach sie den deutschen Mächten, eine Armee an den Rhein zu schicken, verwirklichte aber diese Verheißung nicht. Keine andere Absicht leitete sie dabei, als Österreich und Preußen sich in einem Kriege erschöpfen zu lassen, dessen Früchte sie zu ernten hoffte. Sie stand hinter den Armeen dieser ihrer Verbündeten, wie sie Unteroffiziere hinter ihren eigenen Bataillonen stehen ließ, um Feigheit zu unterdrücken und Flüchtige zu strafen. Auf das geringste Zeichen des Abfalls, wie in dem Augenblick, wo König Friedrich Wilhelm die erste Koalition verließ, drohte sie mit ihrer Rache und wollte ihn an den Rhein zurückwerfen. Wie sie alle ihre Unternehmungen aufmerksam im Auge behielt, konnte man sie mit dem Haupt eines großen Körpers vergleichen, dessen Glieder die übrigen Staaten Europas waren, unter denen jetzt Österreich und Preußen ihr als Arme dienen mußten.

Indessen nahm Katharina für ihre eigene Person lebhaften Anteil an den Ereignissen der französischen Revolution. Obschon sie auf bestem Fuße mit den französischen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts stand, deren Schriften zu einem großen Teil der Revolution des Jahres 1789 den Weg bahnten, trat sie doch später mit fast krankhafter Reizbarkeit gegen die Staatsumwälzungen in Frankreich auf und begnügte sich nicht allein, Rußland vor dem ansteckenden Gift der grassierenden gefährlichen Freiheitssucht strenge abzusperren, sondern wollte auch Frankreich erobern, um es mit Gewalt der gepriesenen Legitimität zurückzuführen. Katharina, die durch einen Gewaltstreich den alten Thron der Czaren usurpiert hatte, erklärte sich jetzt bereit, für die Sache der legitimen Fürsten zu kämpfen. Alle Franzosen, die sich ihrer alten Regierung und deren verwerflichem System ergeben zeigten, wurden wohlwollend von ihr aufgenommen, während sie die anders Gesinnten wegjagte. Der französische Gesandte Graf de Ségur verließ Petersburg, und obschon Katharina die Meinungen und Ansichten dieses gewiegten Diplomaten tadelte, konnte sie es doch nicht unterlassen, seinen Tugenden, seinen glänzenden Eigenschaften und seinen liebenswürdigen, eleganten Sitten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sie sagte zu ihm, als er Abschied nahm: »Ich bin Aristokratin, denn das gehört einmal zu meinem Geschäft.« Kurze Zeit darauf rief sie ihren Gesandten, Simolin, aus Paris zurück. Sie versagte ferner dem französischen Chargé d'Affaires, Gennet, den Zutritt zu den Kreisen ihres Hofes und verbot ihren Ministern, mit ihm zu konferieren. Ihr Unwille gegen die Franzosen und gegen diejenigen, welche die Revolution derselben billigten, schien auch für La Harpe, dem, wie schon beiläufig erwähnt wurde, die Erziehung der jungen Großfürsten Alexander und Konstantin anvertraut worden war, schädlich werden zu sollen, denn daß derselbe, als geborener Schweizer und Philosoph, der Freiheit ergeben war, scheint eine natürliche Sache. Die französischen Emigranten und Agenten der Koalition bemühten sich eifrig, bei Katharina Verdacht gegen ihn zu erregen. Aber es glückte ihnen damit nicht, denn entweder aus Politik oder aus Stolz weigerte sich Katharina, einen Mann aufzuopfern, der sich seit langer Zeit ihre vollste Achtung erworben hatte, obschon er oft in ihrer Gegenwart, und selbst gegen ihre eigene Meinung in gemessener, würdevoller, aber gebührend feiner Weise seine Prinzipien zu verteidigen gewagt hatte. Wie fest seine Stellung bei Katharina war, beweist eine Anekdote, die Brückner der Autobiographie La Harpes entnommen hat: Als einige Emigranten sich bei Hofe in Lobeserhebungen über das »ancien régime« in Frankreich ergingen und niemand ihnen zu widersprechen wagte, unterbrach der Großfürst Konstantin, welcher damals vierzehn Jahre zählte, die Franzosen und bewies, daß ihre Auffassung von den vorrevolutionären Zuständen in Frankreich eine grundfalsche sei. Alle Mißbräuche und Übelstände der Privilegien der höheren Stände zählte der Großfürst her. Auf die Frage, wie er sich denn über diese Verhältnisse unterrichtet habe, entgegnete Konstantin, er habe mit La Harpe darüber in den »Mémoires posthumes« von Duclos gelesen. Die Kaiserin applaudierte ihrem Enkel, und die Emigranten waren in nicht geringer Verlegenheit. Brückner, Katharina II., S. 554/55.

Von den zahlreichen Emigranten, die zu jener Zeit Katharinas Hof bevölkerten, gelang es vornehmlich einem, persönlichere Beziehungen zur Kaiserin zu gewinnen. Es war dies Sénac de Meilhan, Gabriel Sénac de Meilhan, 1736–1803. Proben aus der im Staatsarchiv befindlichen Korrespondenz Katharinas mit S. de M. teilt Dr. E. Boehme in seiner Ausgabe der Memoiren der Kaiserin, Inselverlag, Bd. II, S. 34, 338, mit. ehemaliger Intendant in Valenciennes, bekannt durch die Herausgabe der Arbeiten des Akademikers Duclos. Charles Pinot Duclos, französischer Historiker, geb. 12. Februar 1704, gest. 26. März 1772, seit 1747 Mitglied der französischen Akademie.

Als die hinterlassenen Werke Friedrichs des Großen herauskamen und ihm den Beinamen des Einzigen erwarben, beneidete die Kaiserin diesen Monarchen noch im Grabe um die Ehre, durch seine Schriften ebenso unsterblich geworden zu sein, als durch seine Taten. Sie wollte deshalb, daß auch ein Werk, das mit ihrem Namen als Verfasserin geschmückt, der Nachwelt die Bewunderung abnötigen sollte, von welcher sie selbst für sich erfüllt war. Seit langer Zeit hatte sie Noten über die hauptsächlichsten Ereignisse ihrer Regierung gesammelt. Da sie sich aber nicht hinreichend auf ihre stilistische Begabung verlassen zu können glaubte, wünschte sie im geheimen die Arbeit durch eine geübtere Feder redigieren zu lassen. Sie beauftragte also ihren Korrespondenten Grimm in Paris, ihr einen Mann zu senden, der ihr diesen Wunsch erfüllen könnte. Grimm sandte ihr zu diesem Zweck Sénac de Meilhan.

Bevor Katharina ihn zur Ausführung ihrer Absicht heranzog, wollte sie seinen Geist und seinen Charakter genauer kennen lernen. Sie empfing ihn wohlwollend und sprach oft und lange mit ihm über die verschiedensten Gegenstände, um ihn zu studieren. Bei dieser Prüfung genügte er aber ihren Ansprüchen nicht. Er war durchaus nicht so bescheiden und demütig, wie es die Kaiserin haben wollte; vielmehr offenbarte Sénac eine übermäßige Eigenliebe und ließ seine Hoffnung, als russischer Gesandter nach Konstantinopel gesandt zu werden, gar zu deutlich durchschimmern. Diese Kühnheit verletzte Katharina. Sie vertraute Sénac de Meilhan daher ihre Memoiren nicht an, sondern beeilte sich vielmehr, ihn mit einer jährlichen Pension von fünfzehnhundert Rubeln Silber zu verabschieden.

Die Werke, welche Katharina in französischer Sprache niedergeschrieben hat, zeigen sie sämtlich als geistvoll, aufgeklärt und von einem gründlichen Fleiß beseelt. In erster Reihe muß man ihre: »Instruction pour la formation d'un Code de loi« nennen, welche allerdings in der Hauptsache eine Kompilation der Werke Montesquieus und Bekkarias ist; dann die dramatischen Arbeiten, die sie für das Theater der Eremitage verfaßte, Von diesen sind am bemerkenswertesten: Die Oper »Koßlaw«, in der die Rüstungen des Königs von Schweden lächerlich gemacht wurden, »Morton et Crispine«, eine Satire auf den großsprecherischen Herzog Karl von Södermannland, ferner die Märchenoper »Fuflyga Bogatyr«, die am 29. Januar 1789 in Gegenwart der ausländischen Gesandten mit großem Erfolg aufgeführt wurde, endlich die Dramen »Der Lügner«, »Der Sorglose«, »Oleg«, »Rurik« und andere, die in der Mehrzahl einen publizistisch-polemischen Charakter hatten. und ganz besonders ihre umfassende und weitverzweigte Korrespondenz. Unter ihren Korrespondenten nahmen Friedrich II., Joseph II., Voltaire, Grimm, Zimmermann, Falconet, die Damen Geoffrin und Bjelke die erste Stelle ein; daneben sind zu nennen: Diderot, d'Alembert, Olssufjew, Stackelberg, Potiomkin, der Großfürst Paul, die Großfürstin Maria, Nassau-Siegen, de Ligne, Tschernyschew u.a. Ihr stilistisches Talent war besonders in der französischen Sprache bedeutend zu nennen; sie hatte unbedingt Anlagen zu literarischer Tätigkeit.

Katharina überhäufte sowohl russische als ausländische Künstler und Gelehrte mit Wohltaten. Indessen ist anzunehmen, daß sie in Wahrheit weder die Wissenschaften noch die Künste liebte, sie betrachtete vielmehr auch diese nur als Instrumente ihres Ruhmes. Die gelehrten Produktionen der Russen ihres Zeitalters waren übrigens, wenn man die unschätzbaren Reisewerke als köstliche Früchte eines unermüdlichen Mutes und scharfen Beobachtungsgeistes ausnimmt, mittelmäßig. Die Musen hatten Elisabeths Tage mit einem günstigeren Auge betrachtet. Unter ihre Regierung fiel die Blütezeit der berühmten Lomonossow, Michael Wassiljewitsch Lomonossow, der »Vater der russischen Grammatik und Literatur«, geb. 1711 (1712), gest. 4./15. April 1765. Sumarokow Alexander Petrowitsch Sumarokow, geb. 14./25. November 1718, gest. 1./12. Oktober 1777. und einiger anderer, deren Namen kaum in Europa bekannter geworden sind als ihre Arbeiten, obschon es einige der letzteren verdienten.

Die Kaiserin gab jährlich zehntausend Rubel aus ihrer Privatkasse, um diejenigen zu belohnen, welche die besten Bücher des Auslandes ins Russische übertrugen, und mit dem Nachahmungsgenie, welches die ganze Nation charakterisiert, und der herrlichen Sprache, die, eine Mischung des Griechischen und des Altslawischen, wie die deutsche jede Wendung der kräftigsten Fülle und zartesten Weichheit gestattet, wurde die russische Literatur an trefflichen Übersetzungen bald ungemein reich.

Die Hofleute, die stets den Geschmack ihrer Herrscher nachahmen, wollten, um Katharina zu gefallen, auch ihrerseits Sinn für gelehrte Dinge beweisen und wurden höchst mittelmäßige Skribenten. Jedoch muß man den Grafen Andreas Schuwalow ausnehmen, der in französischen Versen ein höchst elegant verfaßtes Schriftchen über Voltaire und auch ein ähnliches über Ninon de Lenclos Ninon (Anne) de Lenclos, geb. 15. Mai 1616, gest. 17. Oktober 1706 herausgab. Man behauptet zwar, daß ein gefälliger und gutbezahlter französischer Poet dem Russen bei der Verfertigung geholfen habe. Aber diese Vermutung dürfte der Begründung entbehren, da der Pfau unter der Hand, oder nach der Krähe Tod, sich seine Federn gewiß zurückgefordert haben würde.

Die Kaiserin hatte in diesem Zeitabschnitt ihren Enkel Alexander mit der Prinzessin Luise von Baden Luise Maria Augusta, Prinzessin von Baden, 1779–1826, 1793 vermählt mit Alexander Pawlowitsch. vermählt, die, als sie dem russischen Gesetz zufolge zur griechischen Lehre übertrat, den Namen Elisabeth Alexejewna annahm. Sie wollte auch dem Großfürsten Konstantin eine Gattin geben und bestimmte diesem die Prinzessin Juliane Juliane, Prinzessin von Sachsen-Koburg, geb. 1781, 1796 vermählt mit Konstantin Pawlowitsch, 1820 geschieden. von Sachsen-Koburg zur Gemahlin, die als Großfürstin den Namen Anna Feodorowna erhielt.

Wir erwähnten bereits den Tod des Königs von Schweden durch Mörderhand. Die Nachricht von diesem Ereignis überbrachte der General Klinxspore nach Petersburg. Er wiederholte Katharina den Wunsch des verstorbenen Königs, sich fester mit dem russischen Hofe zu verbinden, und sie begann ernstlich für die Verwirklichung dieses Planes tätig zu sein. Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 337. Nach nahezu vierjährigen Verhandlungen gelang es ihr, Gustavs III. Nachfolger zu bewegen, nach Petersburg zu kommen, wo sie eine Verbindung des jungen Königs mit der Großfürstin Alexandra Alexandra Pawlowna, geb. 9. August 1783, gest. 16. März 1801. zustande zu bringen hoffte.

Alexandra Pawlowna

Am 13. August 1796 langten Gustav IV. Adolph unter dem Namen eines Grafen von Haga, der Herzog von Södermannland unter dem des Grafen von Wasa in Petersburg an und stiegen bei dem schwedischen Gesandten Generalleutnant von Stedingk ab. Die Kaiserin, die gerade den Taurischen Palast bewohnte, begab sich sogleich nach der Eremitage, um ihren hohen Gast daselbst zu empfangen und zu bewirten. Bei ihrer ersten Begegnung schien sie ganz entzückt von ihm, und – ihren eigenen Worten nach – »fast in ihn verliebt«. Der junge galante Monarch wollte ihr die Hand küssen, sie entzog sie ihm jedoch, indem sie sagte: »Nein, ich kann eine solche Huldigung nicht zulassen, denn ich werde nie vergessen, daß der Graf von Haga ein König ist.«

»Wenn Eure Majestät,« antwortete Gustav Adolph ebenso gewandt als verbindlich, »es nicht als Kaiserin gestatten wollen, so mögen Sie es wenigstens als Dame erlauben, der ich schuldigerweise die größte Verehrung und Bewunderung zolle.«

Das Zusammentreffen mit der jungen Großfürstin war noch merkwürdiger. Beide wurden außerordentlich verlegen, und ihre Befangenheit wuchs, je mehr sie fühlten, daß die Augen des ganzen Hofes auf sie gerichtet waren. Sie hegten in der Tat vom ersten Augenblick zärtliche Gefühle für einander, und es war seit langem der Lieblingswunsch Katharinas gewesen, eine der jungen Großfürstinnen mit dem schwedischen Thronfolger zu vermählen. Die Großfürstin Alexandra war mit der Hoffnung aufgewachsen, einst Königin von Schweden zu werden. Alles, was sie umgab, bestärkte sie in dieser Vorstellung und beschäftigte ihre Einbildungskraft unablässig mit dem Bilde des jungen Gustav, dessen frühzeitige Entwicklung und ausgezeichnete Eigenschaften ihr stets im glänzendsten Lichte gezeigt wurden. Die Kaiserin selbst erzählte ihr oft lächelnd und herzlich von dem Erben des schwedischen Throns. Eines Tages zeigte sie ihr ein Album, das mehrere Porträts junger Prinzen enthielt, und fragte sie, welchen von allen sie sich zum Gemahl wünsche. Die Kleine errötete und zeigte auf den, von welchem man ihr bereits so viel Schönes erzählt, und dessen Bild ihre eben erwachende Einbildungskraft erfüllte. Die gute Großmutter, welche nicht daran dachte, daß ihre junge Enkelin lesen konnte und den Kronprinzen von Schweden aus der Unterschrift des Bildes erkannt hatte, nahm diese Wahl für eine Eingebung des Herzens und willigte mit Freuden ein.

Alexandra Pawlowna war mit vierzehn Jahren schon erwachsen und ausgereift. Ihre Gestalt war edel und majestätisch und von allem Liebreiz ihrer Jugend und ihres Geschlechts verschönt; ihre Züge waren regelmäßig, ihre Haut blendend weiß, und auf ihre Stirn hatten Ruhe und Aufrichtigkeit ihren göttlichen Stempel gedrückt; lichtbraunes Haar fiel, wie von Feenhand geordnet, auf ihre Schultern herab. Ihre Kenntnisse, ihr Witz und ihr Herz entsprachen vollkommen diesem holdseligen Äußern. Ihre Erzieherin hatte die Eigenschaften ihrer Seele und ihres Verstandes zur reinsten und edelsten Entwicklung gebracht. Geistesschärfe, Munterkeit und eine Fülle und Weichheit des Gefühls, die weit über ihre Jahre ging, hatten sie von Kindheit an ausgezeichnet und fesselten alle, die in ihre Nähe kamen.

Es wäre andererseits aber auch schwer gewesen, nicht nur einen König, sondern überhaupt einen Jüngling zu finden, der einnehmender gewesen wäre, eine bessere Erziehung verraten und zu so ausgezeichneten Hoffnungen berechtigt hätte, als der König von Schweden. Er war achtzehn Jahre alt, groß und schlank gewachsen, hatte einen edlen, verständigen und milden Ausdruck, allen Reiz der ersten Jugend, ohne die Mängel, die sie zu begleiten pflegen, und dabei eine Würde, die bei seinem Alter ebenso selten als anziehend war. Seine Artigkeit war verbindlich und ungekünstelt. Alles, was er äußerte, war verständig und überlegt. Den meisten Dingen widmete er eine Aufmerksamkeit, die man von der Jugend in den wenigsten Fällen erwarten darf; er zeigte eine Tiefe der Einsicht, welche die sorgfältigste Erziehung bekundete, und eine gewisse Würde, die ihn nie verließ, erinnerte auf natürliche Weise jederzeit an die Höhe seines Ranges. Die Pracht des Kaiserstaates, welche man bemüht war, vor seinen Augen auszubreiten, schien ihn durchaus nicht zu blenden. Er zeigte sich an diesem großen und glänzenden Hof ungezwungener, als selbst die Großfürsten, die durchaus keine Konversation zu machen verstanden. Auch Hof und Stadt stellten Vergleiche an, die äußerst schmeichelhaft für den fremden Monarchen ausfielen. Die Kaiserin ließ ihn nicht undeutlich merken, wie sehr der Unterschied zwischen ihm und ihrem zweiten Enkel sie betrübe, und die Kindereien und Unschicklichkeiten desselben erzürnten sie so sehr, daß sie ihm einige Male während der Anwesenheit des Königs von Schweden Arrest gab.

Bei mehreren Gelegenheiten, wo der König sich öffentlich mit den jungen Großfürsten zeigte, waren die Russen sehr verwundert über den Unterschied, der zwischen diesen hohen Herrschaften zu bemerken war. Bei einer Waffenübung der jungen Artilleriekadetten, welcher Gustav Adolph die größte Aufmerksamkeit schenkte, und wobei er alles Beachtenswerte mit den Generalen besprach, die ihn und den Großfürsten Alexander umgaben, der bei dieser Gelegenheit den Wirt machte, sah man den Großfürsten Konstantin die Soldaten mißhandeln und schelten, sie schlagen und stoßen, wodurch er sich natürlich Zurechtweisungen zuzog.

Der vornehme Adel Rußlands bemühte sich, der Kaiserin zu zeigen, wie sehr er ihre Freude teilte. Sie wählte diejenigen selbst aus, welche ihrem hohen Gaste Festlichkeiten geben sollten, und bestimmte die Tage dazu. Die Grafen Strogonow, Ostermann, Besborodko und Ssamojlow zeichneten sich durch die Pracht und die Kostbarkeit ihrer Feste aus. Die Herren und Damen des Hofes überboten sich in Glanz und Reichtum ihrer Toiletten, und die Generalität bemühte sich, dem Könige kriegerische Schauspiele zu geben. Vor allen anderen zeichnete sich der alte General Melissino Peter Iwanowitsch Melissino, 1726–1797, seit 1790 Generalleutnant und Generaldirektor des Artilleriekadettenkorps. durch ein Manöverfeuerwerk aus. Eine fortgesetzte Bezauberung umgab den König. Dabei benutzte er die Morgenstunden auf eine höchst verständige Weise: er durchwanderte zu Fuß die Stadt und nahm mit dem Regenten alles in Augenschein, was wichtig und lehrreich war. Überall zeigten seine Fragen und Antworten, wie sorgfältig seine Erziehung gewesen und welche ausgezeichneten Früchte sie getragen.

Es läßt sich denken, daß bei den Festlichkeiten, die in ununterbrochener Reihe aufeinander folgten, die beiden Liebenden manche Gelegenheit fanden, miteinander zu sprechen und zu tanzen; sie wurden immer vertrauter und schienen von einander ganz entzückt. Die Kaiserin fühlte sich höchst vergnügt, seit Jahren hatte sie nicht so viel Freude und Glück erlebt. Die beabsichtigte Verbindung blieb nicht länger ein Geheimnis; sie bildete das Gespräch des Tages. Katharina behandelte den jungen König und ihre Enkelin bereits wie Verlobte und schützte und bestärkte sie in ihrer Liebe. Eines Tages ermunterte sie beide sogar in ihrer Gegenwart zum ersten Kusse. Es war der erste, den die jungfräulichen Lippen der Prinzessin empfingen, und der einen so tiefen Eindruck auf ihr Herz machte, daß es später noch lange daran litt.

Indessen arbeitete man daran, die Verlobung zum Abschluß zu bringen. Der einzige Punkt, der einige Schwierigkeiten zu machen schien, war die Religion. Katharina hatte bereits ihren Hof geprüft und sogar den Erzbischof befragt, ob ihre Enkelin wohl ihren Glauben ändern dürfe. Statt einer bestimmten Antwort, die sie erwartete, beschränkte sich dieser zu sagen: »Eure Majestät sind allmächtig.« Da die Kaiserin sich als Oberpatriarchin des Russischen Reiches in dieser Angelegenheit von ihrer Priesterschaft, die sie willfähriger geglaubt hatte, nicht unterstützt sah, zeigte sie sich orthodoxer und russischer, als die Russen selbst, und beschloß, mehr um dem Nationalstolz zu schmeicheln, als aus Verehrung der griechischen Lehre, den Schweden eine Königin griechischer Religion zu geben. Je demütigender für Schwedens Volk und Regierung dieser Plan sein mußte, desto mehr schmeichelte er ihrer und ihrer Minister Eitelkeit; außerdem sollten die Popen und die anderen Personen, mit denen sie die junge Königin zu umgeben beabsichtigte, aus zuverlässigen Leuten bestehen, die ihre Fürstin stets zum Vorteile Rußlands zu leiten verständen. Der König war verliebt und verblendet; der Herzog-Regent schien gänzlich gewonnen, wie war es also nach den bereits geschehenen Schritten denkbar, daß man sich weigern würde, Bedingungen anzunehmen, welcher Art sie auch immer sein mochten? Bei den Privatgesprächen hatte man diesen kitzeligen Punkt nur leicht berührt. Eine persönliche Erörterung der Konfessionsfrage zwischen Katharina und Gustav war auf einem Ball beim Generalprokureur Ssamojlow am 26. August erfolgt. Schon damals hatte der König erklärt, daß die Grundgesetze Schwedens verlangten, die Königin müsse gleicher Religion mit dem König sein. Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 340. Die Kaiserin, überzeugt, daß alles in dieser Angelegenheit feststehe, trug daher ihrem Günstling Subow und ihrem vertrauten Minister Markow die Sorge für den Heiratskontrakt auf, den sie ganz ihren Ansichten gemäß und in der erwähnten Art aufsetzen sollten. Unterdessen hielt der schwedische Gesandte Generalleutnant von Stedingk in einer dazu anberaumten Audienz förmlich um die Hand der jungen Prinzessin für den König, seinen Herrn, an, und die Verlobung ward auf den Abend des 21. September festgesetzt.

Dieser Tag brachte der Kaiserin einen Verdruß und eine Demütigung, wie die glückliche hochbetagte Katharina sie nie zuvor erfahren hatte. Der ganze Hof hatte Befehl, sich in höchster Gala im Thronsaale einzustellen. Die junge Großfürstin, als Braut geschmückt und von ihren jüngeren Schwestern umgeben, die Großfürsten mit ihren Gemahlinnen, der Großfürst Paul, der Vater der Braut, sowie seine Gemahlin, die von Gatschina zur Verlobung ihrer Tochter gekommen, fanden sich mit allen Herren und Damen des Hofes pünktlich um sieben Uhr im Thronsaale ein. Die Kaiserin selbst zeigte sich in ihrer ganzen Pracht; es fehlte nur noch der junge Bräutigam, dessen Unpünktlichkeit bereits Verwunderung erregte. Das häufige Kommen und Gehen des Fürsten Subow, sowie die sichtbare Unruhe der Kaiserin steigerten diese Verwunderung bald zur gespanntesten Neugierde. Man konnte nicht begreifen, daß der junge König, falls er nicht von einer ernsten Krankheit ergriffen sei, die Selbstherrscherin auf diese Weise in ihrem Thronsaal, in Gegenwart des ganzen Hofes warten lasse. Gustav Adolph erschien indessen nicht. Es hing damit wie folgt zusammen:

Der König hatte sich um sieben Uhr an den Hof begeben sollen. Um sechs Uhr brachte ihm der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Markow, den Ehekontrakt und die Artikel, welche er mit dem Fürsten Subow aufgesetzt hatte, zur Unterschrift. Nachdem Gustav Adolph sie gelesen, schien er verwundert, Forderungen darin zu finden, über welche er mit der Kaiserin nicht übereingekommen war, wie vorzugsweise die Artikel, daß die Großfürstin ihre eigene Kapelle im Schloß, sowie ihren eigenen Geistlichen haben sollte, und gewisse Bedingungen, denen zufolge Schweden schärfer gegen Frankreich auftreten mußte, und die man bisher geheimgehalten hatte. Er fragte: ob man ihm diese Papiere mit Zustimmung der Kaiserin zur Unterschrift vorlege?

Auf Markows bejahende Antwort äußerte der König, die Sache gehe unmöglich an. Er wolle dem Gewissen der Prinzessin zwar keinen Zwang auflegen; sie möchte ihre Religion immerhin behalten, er könne ihr aber weder eine eigene Kapelle, noch eine besondere Priesterschaft im Schlosse zugestehen; ja sie müßte sich im Gegenteil äußerlich wenigstens zu der Religion seines Landes bekennen. Markow geriet in sichtliche Bestürzung und Verlegenheit. Er war genötigt, die Papiere wieder mitzunehmen und dem Fürsten Subow zu melden, daß der König die Unterschrift verweigere. Bald kehrte er indessen in der größten Aufregung zu dem jungen Bräutigam zurück, um zu sagen: die Kaiserin befände sich bereits, von ihrem ganzen Hofe umgeben, in dem Thronsaal; es sei unmöglich, sie noch zu sprechen; sie erwarte jeden Augenblick den König! Seine Majestät werde es doch jetzt nicht noch zu einem Bruche kommen lassen und die Monarchin, die junge Prinzessin und das ganze Kaiserreich so unerhört beleidigen. Auch Besborodko und mehrere andere stellten sich nach und nach ein; sie beschworen den König, fielen ihm zu Füßen und baten ihn, nachzugeben; alle Schweden, die man herbeirief waren geneigt, die Bedingungen anzunehmen. Der Herzog-Regent ließ es bei dem Ausspruch bewenden, die Entscheidung hinge einzig und allein von dem König selbst ab; er nahm ihn beiseite, ging einige Male mit ihm auf und ab und schien ihn mit leiser Stimme zu überreden. Der König antwortete jedoch ganz laut: »Nein, nein, ich will es nicht, ich kann es nicht! Ich unterschreibe nicht!« Er widerstand allen Vorstellungen und allen Bitten der russischen Minister.

Als er endlich ihrer Zudringlichkeiten müde war, zog er sich in ein Kabinett zurück und verschloß die Tür, nachdem er noch einmal und bestimmt wiederholt hatte, er werde niemals eine Bedingung unterzeichnen, die gegen die Gesetze seines Landes sei. Die russischen Minister blieben stumm vor Erstaunen über die Kühnheit des königlichen Jünglings, der sich dem Willen der Selbstherrscherin zu widersetzen wagte, und überlegten miteinander, wie ihr diese Katastrophe am besten mitzuteilen sei.

Die Beratschlagungen zwischen dem König und den Ministern der Kaiserin hatten beinahe bis zehn Uhr gedauert. Katharina und ihr Hof warteten noch immer, denn sie mochte es nicht glauben, daß die Schmeicheleien und Vorstellungen, über die anstößige Klausel hinwegzugehen, unterstützt durch den Eifer der jungen Schweden in Gustav Adolphs Gefolge, die durch persönliche Rücksichten und Aussichten auf glänzende Hochzeitsgeschenke gewonnen waren, sowie durch die schlaue Politik des Herzog-Regenten, der fürchtete, sich der unmittelbaren Rache der Kaiserin auszusetzen, an der Entschlossenheit und Charakterfestigkeit des Königs scheitern würde. Sie selbst war zu oft durch Liebe blind gemacht, um dem siebzehnjährigen Jünglinge eine Beherrschung seiner Leidenschaft zuzutrauen. Endlich sah man sich genötigt, ihr anzuzeigen, daß alles abgebrochen sei. Fürst Subow nahte sich ihr geheimnisvoll und flüsterte ihr einige Worte ins Ohr. Sie stand vor Wut erbleichend hastig auf, versuchte zu sprechen, wankte und ging hinaus. Der Großfürst, die Großfürstin und ihre Kinder folgten ihr. Kaum in ihren Gemächern angelangt, ward ihr unwohl, und sie bekam einen gelinden Anfall von der Krankheit, die sie wenige Wochen später ins Grab brachte. Nachdem die Kaiserin sich zurückgezogen, wurde der Hof unter dem Vorwand einer plötzlichen Unpäßlichkeit des jungen Königs entlassen. Indessen wurden die wahren Ursachen bald bekannt. Einige waren empört über die Dreistigkeit des »kleinen« Königs von Schweden, andere über die Unvorsichtigkeit der sonst so weisen Katharina, daß sie sich leichtsinnig einem solchen Auftritte ausgesetzt; besonders aber zürnte man Subow und Markow, die sich eingebildet hatten, die Schweden auf so plumpe Weise zu überlisten, daß sie glauben konnten, jene würden einen Ehekontrakt unterzeichnen, ohne ihn gelesen zu haben.

Das traurigste Opfer dieser törichten Hinterlist und dieses unerhörten Hochmutes war jedoch die reizende Großfürstin Alexandra. Sie wurde am 30. Oktober 1799 mit dem Erzherzog Joseph, Palatin von Ungarn, vermählt und starb nach kaum zweijähriger Ehe im Wochenbett. Sie hatte kaum Kraft genug, in ihre Gemächer zurückzukehren, woselbst sie, außerstande, ihre Tränen länger zu verbergen, sich einem Schmerze überließ, der ihre Umgebung tief bewegte und das holde Wesen auf das Krankenlager warf. Drei Tage nach der unvorhergesehenen Lösung eines so schönen Verhältnisses war der Namenstag von Konstantins Gemahlin Anna Feodorowna. Die Hofetikette schrieb für diesen Tag einen Ball vor; niemand hatte jedoch Lust, zu tanzen. Der junge König erschien indessen ebenso wie die Kaiserin, die jedoch kein Wort mit ihm sprach. Fürst Subow benahm sich abstoßend gegen den König von Schweden; man konnte die Verlegenheit auf allen Gesichtern lesen. Alexandra war krank und nicht gegenwärtig. Der König tanzte mit den anderen Großfürstinnen, sprach kurze Zeit mit dem Großfürsten Alexander und verließ das Fest, nachdem er noch artiger als gewöhnlich die Anwesenden gegrüßt. Das war das letztemal, wo er bei Hofe erschien. Die heiteren Tage der Pracht und Festlichkeit hatten sich nur zu schnell in Tage der Trauer und Stille verwandelt; niemals hat vielleicht ein König so trübe und unangenehme Stunden an einem fremden Hof verlebt. Alle Welt war krank oder gab vor, es zu sein. Das Interesse, welches Gustav Adolph verdiente und Alexandra in aller Herzen erweckte, stimmte die Gemüter zu ihren Gunsten. Man beklagte sie als Opfer der Eitelkeit und Torheit, man beklagte ihn, daß er gezwungen sei, ein Opfer zu bringen, welches seinem Herzen so schwer ward. Subow und Markow wurden laut und allgemein angeklagt, und das Benehmen Katharinas konnte niemand begreifen; sie selbst war ein Raub des tiefsten Grams. Es wurde behauptet, ihre gedemütigten Günstlinge hätten gewagt, ihr vorzuschlagen, gegen den jungen Fürsten, welchen sie in ihrer Macht hatte, Gewalt zu gebrauchen. Sie verschloß sich einen ganzen Tag im Taurischen Palast unter dem Vorwand, den Stiftungstag ihrer Kapelle in Ruhe und Sammlung zu feiern; eigentlich geschah es aber nur, um den Augen der Welt die Qualen ihrer Seele zu verbergen und mit ihren Priestern und Günstlingen eine letzte Beratung über die Verlegenheit zu pflegen, in der man sich befand.

Man versuchte eine leise Annäherung. Der König sprach die Kaiserin allein, und die Minister hielten mehrere Beratungen. Gustav Adolph erklärte nochmals, er könne die Wünsche der Kaiserin, welche dem Gesetze seines Landes widersprächen, nicht erfüllen; er beabsichtige indessen, die Stände des Reiches darum zu befragen, die er nach seiner Mündigkeit sogleich zusammenberufen wolle; hätten die Stände nichts gegen eine Königin griechischen Glaubens, so würde es sein höchstes Glück sein, die Großfürstin zur Gemahlin zu erhalten.

Der russische Stolz, außer sich, einen König so sprechen zu hören, mahnte ihn vergebens, den Ständen des Reiches zu trotzen, und bot ihm Hilfe für den Fall eines dadurch herbeigeführten Aufruhrs an. Der König dankte für diese Hilfe.

Das waren die Folgen einer Reise, von der man so viel erwartet hatte. Der König reiste an dem Tage ab, an welchem eine große Festlichkeit zum Geburtstag des Großfürsten Paul stattfand, acht Tage nach dem unglücklichen Bruch. Er ließ Kummer und Verstimmung bei der Kaiserin, Schmerz und Liebe in dem Herzen der jungen Großfürstin, die krank und schwermütig wurde, sowie allgemeine Achtung bei den Unbefangenen zurück. Trotz der unerwarteten Katastrophe tauschte man mit der gewöhnlichen höfischen Courtoisie die hergebrachten Geschenke aus, um sich in den Augen der Welt nicht allzusehr bloßzustellen, und die Russen waren von den geschmackvollen und kostbaren Geschenken des Königs von Schweden um so mehr überrascht, als man gewohnt gewesen, ihn für arm und etwas geizig zu halten.

Die beabsichtigte Heirat gab wieder einmal Gelegenheit, die Art von mütterlicher Liebe zu offenbaren, welche Katharina für ihren Sohn empfand. Vom Großfürsten Paul, obschon er der Vater der jungen Prinzessin war, war bei der ganzen Angelegenheit gar nicht die Rede; er hatte ebensowenig über seine Tochter zu gebieten, als er in Staatsangelegenheiten mitsprechen durfte. Er bewohnte sein Schloß zu Gatschina, und während der ganzen sechs Wochen, die der König in Rußland zubrachte, sah man den Großfürsten Paul nur einige Male in Petersburg. Er hielt sich nie länger als vierundzwanzig Stunden in der Hauptstadt auf, sondern fuhr, wenn er an einer Festlichkeit teilgenommen, am andern Tage abends wieder nach Gatschina zurück. Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 443. Die Großfürstin dagegen, seine Gemahlin, machte diese langweilige und beschwerliche Reise drei- bis viermal in jeder Woche, um die Feste zu besuchen und wenigstens dem Anschein nach ihre Rechte als Mutter zu behaupten. Sie äußerte einmal: »Wenn mir alle meine Töchter so viel Mühe bei ihrer Verheiratung machen, wie diese, so finde ich meinen Tod auf der Landstraße.« Der König besuchte Gatschina und Paul auch einmal. Aber Paul, der König und der Herzog-Regent waren zu ungleiche Naturen, um zueinander zu passen, und zum ersten Mal im Leben teilte der Großfürst bei dieser Gelegenheit die Ansichten seiner Mutter, ja er überbot ihren Eifer für die griechische Kirche noch.

Man hatte geglaubt, daß die verletzte Eigenliebe Katharinas für diesen Schimpf baldmöglichst eine glänzende Rache nehmen würde, denn bei der russischen Art, Motive zum Kriege vom Zaune zu brechen und scheinbar auf andere abzuwälzen, konnte es nicht an einer Gelegenheit dazu fehlen, aber man hatte sich getäuscht. Als kluge Regentin wußte sie ihre eigenen Gefühle der Staatsräson unterzuordnen. Einesteils fürchtete sie die Koalition zu stören, welche sie noch immer gegen Frankreich begeisterte, andernteils hatte sie noch einen anderen Zweck. Sie tröstete sich daher vorläufig mit den Siegen, die ihre Armeen ebenso wie ihre Intrigen errungen und die ihr fast die Hälfte von Polen, die Krim, den Kuban und einen Teil der Grenzländereien der Türkei eingebracht hatten. Sie gab es auf, das edle Rechtsgefühl und den selbstverleugnenden Mut des jungen Königs von Schweden zu brechen.

Jener andere Plan, der sie beschäftigte, ging dahin, nicht mit Lärm und Waffengewalt, sondern mehr durch Intrigen das Herzogtum Kurland zu usurpieren, jene reiche und bevölkerte Provinz, nach der die lüsterne Begierde aller ihrer Vorgänger schon lange getrachtet hatte. Es glückte ihr damit besser, als mit den schwedischen Plänen, denn seit der Zerstörung Polens war das Herzogtum Kurland absichtlich ohne Oberlehnsherrn gelassen: ohne Kampf und Mühe nahm Katharina das schöne, wohlangebaute Land in Besitz. Des barbarischen Herzogs Biron schwacher Sohn Peter, der derzeitige Regent von Kurland, dankte ab.

Diese neue Erwerbung, die Katharina ihrem intriganten Genie verdankte, muß man als eine Vervollständigung des Raubes betrachten, den Rußland aus der Zerstückelung Polens davongetragen hatte. Bei den gewaltigen Ereignissen im europäischen Westen nahm man in politischen Kreisen kaum davon Notiz. Die Kaiserin sandte sogleich einen Gouverneur nach Kurland. Es hatten sich dort mehrere Adelsmitglieder unzufrieden gezeigt, aber der geringste Widerspruch verhängte Proskription über die Malkontenten, und die Besitztümer der Verbannten verwandte Katharina in der doppelten Absicht, einmal, um ihre Hofleute zu belohnen, und dann, um national-russische Gesinnungen und russisches Blut in das Herzogtum einzuführen. Der Günstling Platon Subow und sein Bruder Valerian befanden sich unter denen, die einen großen Teil dieser reichen Beute erhielten.

Die unblutig vollzogenen Usurpationen neuer Provinzen genügten jedoch dem Ehrgeiz Katharinas keineswegs; ihr tatkräftiger Geist bedurfte einer ernsteren Beschäftigung. Stets von kriegerischem Ehrgeiz geplagt, träumte sie davon, ihre Waffen nach Persien zu tragen, um die Provinzen wiederzuerobern, welche unter der Regierung der Kaiserin Anna dem Reiche verloren gegangen waren.

Katharinas Absicht ging dahin, sich des Kaspischen Meeres und der es umgebenden Provinzen zu bemächtigen. Der russische Gesandte in Konstantinopel erhielt den Befehl, seinen Einfluß auf den Diwan dahin geltend zu machen, daß die Pforte sich entschlösse, diesem Plan ihre Unterstützung angedeihen zu lassen. Der Reis-Effendi, Reschid-Mahomed, war auch wirklich dazu geneigt, aber der Divan blieb unerschütterlich. Katharina ließ sich dadurch nicht abhalten, die Expedition zu unternehmen, die wieder glänzender für ihren Ruhm, als nützlich für ihr Reich und Volk auslief.

Valerian Subow drang sogleich an der Spitze einer zahlreichen Armee in Daghestan ein und belagerte Derbent. Er griff zunächst einen hohen und starken Turm an, durch welchen die eigentliche Stadt verteidigt wurde. Nachdem er sich desselben bemächtigt hatte, ließ er die ganze Garnison über die Klinge springen und bereitete sich darauf vor, das stark befestigte alte Derbent selbst zu stürmen. Die Perser waren durch die ersten Erfolge der Russen und ihre Grausamkeit so in Schrecken gesetzt, daß sie zu kapitulieren verlangten und die Stadt ohne Schwertstreich übergaben.

Nachdem die Kaiserin mit ihrem so schon ungeheuren Reiche, durch die Kraft ihrer Waffen, die Schärfe ihres Geistes und die feinen Schlingen ihrer staatsweisen Politik die Krim, den Kuban, mehrere persische Provinzen, Kurland und beinahe die Hälfte Polens vereinigt hatte, hoffte sie noch größere Triumphe zu feiern. Schon mit einem Fuß im Grabe stehend, entwarf sie Pläne, die an Kühnheit des jüngsten Heldengeistes würdig waren. Aber der Tod setzte ihnen ein unerwartetes Ziel.

Am Morgen des 6./17. November stand die Kaiserin wie gewöhnlich auf, widmete ihrem Günstling noch einige Augenblicke und zeigte sich fröhlicher Laune, trank, wie sie es stets zu tun pflegte, ihren Kaffee und ging darauf in ihr Kabinett. Da die Damen, welche den Dienst bei ihr hatten, sie nach einer halben Stunde nicht wieder herauskommen sahen, wurden sie unruhig. Sie gingen in das Kabinett und fanden die Kaiserin auf dem Fußboden ausgestreckt liegend, mit den Füßen gegen die Tür gewendet. Man ließ augenblicklich ihren ersten Leibarzt, den Doktor Rodgerson herbeirufen. Als dieser erkannte, daß es ein Schlaganfall sei, von dem die Kaiserin betroffen worden, ließ er derselben sogleich zweimal zur Ader, sah auch das Blut bald fließen und Katharina wieder etwas zum Leben zurückkehren. Aber es blieb ihr trotz aller Sorgfalt und gewissenhaft angewendeten Hilfsmittel der ärztlichen Kunst unmöglich, nur ein einziges Wort hervorzustammeln. In der zehnten Abendstunde schloß sie die Augen zum letzten Mal, und ihr unruhiger Geist verließ die Welt, welche er so oft in Sorgen und Bewegung versetzt hatte, um in höheren Gefilden vor seinem Richter Rechenschaft von seinem Tun zu geben.

Der Großfürst Paul befand sich zur Zeit dieses Ereignisses auf seinem Lustschlosse Gatschina. Sobald er darüber in Kenntnis gesetzt wurde, daß das Leben seiner erhabenen Mutter in Gefahr schwebe, eilte er nach Petersburg und kam dort an, noch ehe sie verschieden. In demselben Augenblick, wo die Brust der Kaiserin zu atmen aufgehört hatte, wurde er unter dem Namen »Paul der Erste« zum Selbstherrscher Rußlands ausgerufen.

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