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Russische Hofgeschichten II

Magnus Crusenstolpe: Russische Hofgeschichten II - Kapitel 8
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authorMagnus Jacob Crusenstolpe
titleRussische Hofgeschichten II
publisherGeorg Müller
year1917
editorJoachim Delbrück
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VII.

Katharinas Reise nach der Krim. – Schahingerais Ermordung. – Die Türkei erklärt Rußland den Krieg. – Gustav III. greift Katharina an. – Die Einnahme von Otschakow. – Der Frieden von Werelä. – Die Belagerung von Ismaïl. – Mamonow fällt in Ungnade. – Subow wird Günstling. – Der Frieden von Jassy. – Potiomkins Tod.

Im Jahre 1787 führte Katharina einen lange gefaßten Entschluß aus: sie unternahm ihren in der russischen Geschichte so berühmt gewordenen Zug in die Krim. Die Absicht dieser Reise war, ihren zweitgeborenen Enkel an die Tore des orientalischen Reiches zu führen, das sie ihm dereinst bestimmt hatte. Die schon durch so viele Gewalttaten begonnene Zerstörung des Ottomanischen Reiches schwebte dem Hofe von Petersburg stets als Ziel vor Augen. Der Name der Türkei war in allen russischen Kreisen dem Hasse und der Lächerlichkeit geweiht. Alle Künste verherrlichten die Zerstörung des Osmanischen Reiches und der Religion der Kalifen; die Presse erzeugte Tausende von Teilungsplänen; die bildende Kunst stellte Katharina dar, wie sie, die Fahne des Propheten unter ihre Füße tretend, die Ruinen Griechenlands wieder herstellte. Nie hatten diese ehrgeizigen Pläne im Herzen der Kaiserin geruht, und im Hinblick darauf gab sie eben diesem erwähnten zweiten Enkel, der sich als Großfürst später in der polnischen Revolution so berüchtigt machte, den Namen Konstantin, in dem kühnen Wahn ihm durch dieselben Armeen ein griechisches Kaisertum mit der Hauptstadt Konstantinopel zu erobern, die für Potiomkin aus den türkischen Donauprovinzen und Taurien ein Königreich Dazien gründen sollten. Katharinas Absichten bezüglich Konstantinopels standen so fest, daß sie in den Tagen der Invasion des Königs von Schweden gesagt haben soll: »Puisqu'il est décidé à me chasser de Saint Petersburg, j'espère qu'il me permettra de me réfugier à Constantinople.« – In ihrer letztwilligen Verfügung vom Jahre 1792 heißt es ausdrücklich: »Meine Absicht ist, Konstantin auf den Thron des griechischen orientalischen Reiches zu setzen.« Memoiren Katharinas II., Inselverlag, Bd. II, S. 342.

Der Prinz hatte die alte und die neugriechische Sprache mit vieler Fertigkeit reden gelernt, und eine in Petersburg errichtete griechische Kadettenanstalt erhielt durch ihn Bestand und Glanz.

Alles war zu der Reise bereit, als der junge Großfürst Konstantin plötzlich an den Masern erkrankte und in Petersburg zurückbleiben mußte. Dasselbe Schicksal traf seinen Bruder Alexander, der ebenfalls an der Reise der Kaiserin hatte teilnehmen sollen. Die Erkrankung der Kinder bewahrte übrigens Paul und seine Gemahlin vor dem Schmerz, sich von diesen trennen zu müssen, ein Umstand, der bereits eine erregte Korrespondenz zwischen Katharina, dem großfürstlichen Paare und Potiomkin hervorgerufen hatte. Vgl. Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 253/54.

Katharina wollte sich in Cherson als Beherrscherin von Taurien krönen lassen; aber die neuen Feindseligkeiten, die kürzlich zwischen den Tartaren und Russen ausgebrochen waren, zwangen sie, diesen prunkhaften Plan wieder aufzugeben.

Das Gerücht von der Reise, bei welcher eine Armee von vierzigtausend Mann zur kaiserlichen Eskorte bestimmt war, während zwanzig Völkerschaften ihrer Heimat entrückt, auf den einzuschlagenden Weg versetzt wurden, machte trotz alledem auf die Georgier, Zirkassier, Lesghier, Mingrelier und andere Bewohner dieser weit ausgedehnten und wenig bekannten Länder nicht den Eindruck, den man davon erwartet hatte. Statt schmeichelnd und von ihrer Gegenwart geblendet vor ihr zu erscheinen, betrachteten diese Völker in natürlichem Instinkt das prunkvolle Unternehmen als Zeichen einer drohenden Gefahr, und nachdem sie ihre bestehende Einigung erneuert hatten, faßten sie den einhelligen Beschluß, mit ihrer ganzen Kraft und Macht den Bedrückungen der Russen Widerstand zu leisten.

Katharina trat die Reise an; in ihrer Begleitung befanden sich ihre Hofdamen, ihr Günstling Mamonow, ihr Oberhofstallmeister Naryschkin, der Minister Iwan Tschernyschew und eine Menge anderer Hofleute, sowie auch der österreichische, Johann Ludwig Joseph Graf von Cobenzl, geb. 21. November 1753, gest. 22. Februar 1809, 1779–97 Botschafter am russischen Hof. französische Louis Philipp Graf von Ségur d'Aguesseau, geb. 10. Dezember 1753, gest. 27. August 1830; seit 1783 Gesandter in Petersburg. und englische Lord Fitz-Herbert, bis 1788 Gesandter in Petersburg. Gesandte. Potiomkin, der alles angeordnet hatte, war ein Hofmann ersten Ranges, und niemand verstand es besser als er, die mise en scène einer Komödie zu leiten. Eine Menge Pferde standen auf allen Stationen bereit, und große Feuer, die in nur kurzen Entfernungen voneinander brannten, erleuchteten den ganzen Weg während der Nacht. Am siebenten Tage kam die Kaiserin in Smolensk an Schon auf dieser ersten Etappe gab Potiomkin vollendete Proben seiner Kunst als Regisseur. In allen Dörfern und Städten, wo die Kaiserin durchreiste, waren häßliche Winkel oder Straßen mit Wänden von Fichtensträuchern oder mit hohen bretternen, gemalten Wänden verkleistert. In Smolensk wurden alte Häuser gelblich angestrichen, wenn auch nur auf der Seite, die in die Straße reichte, durch welche die Kaiserin fuhr. »Ihr müßt alle eure Häuser neu anstreichen,« befahl der Gouverneur vor der Ankunft des Hofes; »ihr müßt dadurch zeigen, daß ihr im Wohlstande seid!« – »Wir haben aber keinen Rubel im Hause,« antworteten manche Bürger, »und sollen zehn Rubel für das Anstreichen bezahlen!« So sprachen sie und – strichen ihre Häuser an. Taurische Reise der Kaiserin von Rußland Katharina II., Koblenz 1799, S. 35/36. und vierzehn Tage darauf in Kiew, wohin sich die Fürsten Sapieha, Lubomirski, Potocki, Branicki sowie eine große Menge anderer Rußland ergebener Polen begeben hatten, um der Kaiserin ihre Aufwartung zu machen.

Louis Philipp Graf von Ségur d'Aguesseau

Potiomkin war vorausgereist und traf erst hier mit Katharina wieder zusammen; ebenso hatte es der Prinz von Nassau-Siegen Karl Heinrich Nikolaus Otto Prinz von Nassau-Siegen, geb. 5. Januar 1745, gest. 10. April 1808, Admiral in russischen Diensten. gemacht. Auch der Feldmarschall Rumiantzow fand sich dort ein. In Kiew schiffte sich Katharina auf kostbar geschmückten Galeeren ein und fuhr den Dnjepr aufwärts, nachdem man Klippen, die der Fahrt hätten hinderlich oder gefährlich werden können, fortgesprengt hatte. Zu Beginn des Frühlings begab sie sich nach Krementschuck und fand dort einen für sie bereiteten und mit dem raffiniertesten asiatischen Luxus geschmückten improvisierten Palast vor. Hier veranstaltete man große Festlichkeiten. Unter anderem gaben zwölftausend neu eingekleidete Soldaten das Schauspiel eines Scheingefechts.

Die Kaiserin ging darauf wieder an Bord, und die Flotille warf am folgenden Tage ihre Anker gerade vor Kaniew aus. Der König von Polen, welcher unter seinem alten Namen Graf Poniatowski, als dem bei gekrönten Häuptern üblichen offiziellen Inkognito, dorthin gekommen war und einmalhunderttausend Rubel zur Bestreitung seiner Reisekosten erhalten hatte, begab sich sogleich an Bord der Galeere, welche mit der kaiserlichen Flagge geschmückt war. Beim ersten Anblick des alten Geliebten schien Katharina etwas verlegen zu sein; aber Stanislaus behielt vollkommen seine Geistesgegenwart bei und sprach mit vieler Sicherheit. Bald blieben sie allein in der Kajüte der Kaiserin und hatten eine Konferenz, die eine ganze Stunde währte. Sodann begaben sie sich auf eine andere Galeere, auf welcher sie zusammen dinierten. Als sie von Tisch aufstanden, nahm Stanislaus den Fächer und die Handschuhe der Kaiserin aus der Hand des Pagen, der sie hielt, und reichte sie ihr dar. Katharina nahm sogleich den Hut des Königs, welchen ein anderer Page hielt, und reichte denselben Stanislaus hin. »Ah Madame!«, sagte er mit einer Anspielung auf die polnische Krone, »Sie haben mir einen weit schöneren Hauptschmuck verliehen.« Katharina dekorierte noch an demselben Tage ihren alten Liebhaber mit dem großen Bande des St. Andreasordens.

Potiomkin, der den polnischen Monarchen noch nie gesehen hatte, schien ganz entzückt von demselben zu sein, und vielleicht war der günstige Eindruck, den der König bei diesem ersten Zusammentreff en auf den allmächtigen Favoriten machte, die Ursache, daß er noch für einige Jahre im Besitz seines Thrones blieb. Am Abende zog er sich höchst befriedigt zurück und ließ auf dem Ufer des Dnjepr ein von ihm veranstaltetes und trefflich geglücktes Feuerwerk abbrennen. Bei dieser Gelegenheit war es auch, wo die Kaiserin nach der Verteilung zahlreicher Orden und anderer Gnadenbeweise zu Ssuworow sagte: »Und Sie, General, wünschen Sie denn gar nichts?« – »Daß Eure Majestät mir meine Miete bezahlen möchten!«, antwortete Ssuworow ohne langes Besinnen. Der Preis seiner Zimmer belief sich auf monatlich zwei Rubel Silber. (Anmerkung des Verfassers.) Vgl. Castéra, Bd. II, S. 183.

Die Reise, welche weiter auf dem Dnjepr bis Cherson fortgesetzt wurde, war höchst angenehm, und die Ufer des Flusses boten der Kaiserin einen beständigen Wechsel der reizendsten Dekorationen dar. Wie in modernen Opern und Ballets bildeten phantastisch gekleidete Bauern und Bäuerinnen überall die Staffage der Landschaft; es waren Sklaven, die aus den entferntesten Provinzen herbeigeschleppt waren und denen man reiche Kostüme hatte anfertigen lassen. Die Kostümfrage spielte während der ganzen Reise eine nicht unbeträchtliche Rolle. Um den Herren, die zu Hofe kamen, die Möglichkeit zu geben, für sich und ihre Bedienten neue Uniformen anschaffen zu können, hatte das Gouvernement in Kiew – und wahrscheinlich auch anderwärts – die Gehälter auf vier Monate vorausbezahlt. Taurische Reise, S. 68/69. Und damit es an Romantik nirgends fehle, waren verschiedene Häuser gezimmert, die vielfache Änderungen in ihrer Konstruktion gestatteten, und vor denen die Kaiserin von blökenden Schafen und brüllenden Rindern begrüßt wurde, die anscheinend Wiesen und Felder belebten. Auf jeder wüsten Steppe, wo sich sonst höchstens ein Hirt mit seinem brüllenden Gefolge hatte sehen lassen, waren jetzt wie auf einen Zauberschlag blühende Dörfer entstanden, welche, von der Galeere der Kaiserin aus betrachtet, ein wunderbar liebliches Bild darboten. Die armen Bauern wurden aber, wie das Wild des Waldes, von einem Orte zum andern gehetzt, um am folgenden Tage in näherer oder weiterer Ferne dieselbe Komödie zu spielen, die sie am Tage zuvor gespielt hatten. Daß mehrere derselben auf dieser Hetzjagd zusammenbrachen und dem Tode erlagen, kümmerte niemand. Die Schönheit der Jahreszeit erhöhte dieses magische Schauspiel, und mit ihrer Hilfe hatte Potiomkin in der Tat diese Wüsten in ein entzückendes Land verwandelt.

Katharina ließ sich wirklich betrügen; sie glaubte vollkommen, daß ein bisher gänzlich unkultiviertes Land unter ihrer segensreichen Regierung den höchsten Grad der Kultur erreicht hätte, der sich auch auf den ersten Anblick in sichtlichem Wohlstand und fröhlichem Glück ausspräche. So blind macht Eitelkeit selbst die geistvollsten Fürsten.

Kaiser Joseph II., welcher, wie schon auf seiner früheren Reise nach Petersburg, den Namen eines Grafen Falkenstein angenommen hatte, war vor Katharina in Cherson angekommen und eilte ihr nun entgegen, in Kaidak mit ihr zusammentreffend. Sie stieg sogleich ans Land und begab sich auf dem Landwege mit ihrem Gast nach Cherson. Die Kaiserin wohnte dort im Admiralitätshause, wo man einen Thron für sie aufgeschlagen, der allein vierzehntausend Rubel gekostet hatte. Die ganze Reise nach der Krim nahm sieben Millionen Rubel hinweg. Um einige wenige Augenblicke der Eitelkeit der Herrscherin zu schmeicheln, mußte das Reich die verschwenderische Pracht des in allem ausschweifenden Potiomkin büßen.

Cherson schien eine reiche Stadt zu sein. Sie besaß mehrere wohl versehene Magazine, aber die Waren derselben waren dem größten Teile nach nur für diese Gelegenheit von Warschau und Moskau aus dorthin gebracht; der Hafen war mit Schiffen angefüllt, und vortreffliche Werften erzeugten Leben und Bewegung. Ein Schiff von vierundsechzig Kanonen und eine Fregatte von vierzig Kanonen liefen in Gegenwart der Kaiserin vom Stapel. Als Katharina in ihrem Wagen eine Spazierfahrt unternahm und durch das südliche Tor der Stadt hinausfuhr, las sie auf demselben die Inschrift: »Hier geht der Weg nach Byzanz.«

Eine Menge Fremder hatte sich natürlicherweise bei dieser Gelegenheit in Cherson zusammengefunden. Man sah daselbst Griechen, Tartaren, Franzosen. Die Belgier wurden durch den berühmten Prinzen de Ligne Karl Joseph Fürst von Ligne, k. k. Feldmarschall, Verfasser der »Mélanges militaires, littéraires et sentimentaires (Wien u. Dresden 1795 – 1809, 32 Bde.), geb. 23. Mai 1735, gest. 13. Dezember 1814. Er stand in hoher Gunst bei Katharina, die ihm den Rang eines russischen Feldmarschalls verlieh. vertreten; Spanien, England und vorzüglich Polen hatten eine Menge ihrer Großwürdenträger gesandt. Einige hatten sich nur aus Neugierde dorthin begeben, andere aber, um der Kaiserin ihre ergebensten Huldigungen darzubringen.

Bevor diese von Cherson wieder abreiste, hatte sie den Diwan über ihre bevorstehende Ankunft in der Krim unterrichten lassen. Der Diwan wurde sehr beunruhigt und sah diese Reise als den Vorläufer eines Angriffs an. Man bereitete sich darauf vor, denselben zu verhindern, und während die Kaiserin noch Hof in Cherson hielt, kreuzten vier Linienschiffe und sechzehn Fregatten unter ihren Augen in der Mündung des Dnjepr. Diese Schiffe wollten oder konnten zwar nichts unternehmen, aber schon ihr Anblick war der Selbstherrscherin unangenehm, da er sie in dem Genuß der ihr dargebrachten Schmeicheleien störte. Trotz ihres Ärgers konnte sie die Augen nicht von ihnen abwenden, und um ihre Verachtung auszudrücken, sagte sie: »Seht! Es scheint, als ob sich die Türken Tschesmes nicht mehr erinnerten!«

Der Kaiser begleitete die Kaiserin, welche Cherson verließ, nun auch in das Innere der Krim. An der Grenze wurde die Kaiserin von den vornehmsten Myrzas empfangen, deren Truppen in ihrer Gegenwart verschiedene Evolutionen ausführten. Plötzlich umgaben einige Tausend Tartaren den Wagen der Kaiserin und bildeten eine dichte Eskorte. Joseph II., der nichts von diesem unerwarteten Manöver wußte, zeigte einige Unruhe. Katharina aber, die wohl ebenso überrascht sein mochte, blieb, wenigstens äußerlich, vollkommen ruhig. Die Tartaren, mochte sie denken, sind von Potiomkin geschickt; wenn sie irgendeine feindliche Absicht hätten, wie würden sie es wagen, eine solche auszuführen, da sie doch wußten, daß sich Potiomkin nicht weit davon mit einer Armee von einmal hundertundfünfzigtausend Mann befand?

Die Kaiserin zog mit aller erdenklichen Pracht in Baktscheserai ein und wohnte dort mit ihrem Gefolge im Palaste der Chane. Am Abend genoß sie das Schauspiel eines illuminierten, oder richtiger gesagt, künstlichen Feuer speienden Berges. Überall suchte man ihre Blicke auf sich zu ziehen und zu erfreuen, und sie selbst bemühte sich aller Herzen zu gewinnen. Sie setzte Fonds aus, um zwei neue Moscheen zu erbauen und verteilte an alle Myrzas kostbare Geschenke. Die tartarischen Häuptlinge zeigten ihr die untertänigste Ergebenheit, aber einige Wochen darauf unterstützten sie nichtsdestoweniger die Türkei.

Auf ihrer Rückreise nach Petersburg besuchte Katharina auch Pultawa. Sie hatte dort zwei Armeen zusammengezogen, die einander in einem Scheingefecht bekämpfen mußten, um den Zuschauern eine Vorstellung von der berühmten Schlacht zu geben, in welcher Peter I. Karl XII. besiegte.

Während dieses Schauspiels sagte Katharina zu einigen Generälen, welche Bemerkungen über einen und den anderen von den Schweden begangenen Fehler machten: »Sehen Sie, meine Herren, auf welch kleinen Umständen unsere Macht beruht. Ohne diese an sich unbedeutenden Fehler befänden wir uns jetzt nicht auf diesem Platze.«

Ende Juli kam die Kaiserin nach Petersburg zurück. Ihre Abwesenheit hatte sechs Monate gewährt.

Der unglückliche Chan Schahingerai war nicht in der Krim, während seine russische Protektorin daselbst ihren Aufenthalt genommen hatte. Nachdem er seiner Krone beraubt worden war, hielt er sich eine Zeitlang in Cherson bei Potiomkin auf, wo der unvorsichtige Tartar täglich die Uniform der Preobrashenskij-Garde trug und sich mit einem russischen Ordensband schmückte. Endlich verwies man ihn nach Kaluga, hörte auf, ihm seine Pension zu zahlen, und zwang ihn, sein Vaterland zu verlassen, so daß er sich, dem tiefsten Elend und der barbarischsten Behandlung ausgesetzt, in die Arme der Türken warf, die er für seine Todfeinde hätte halten müssen, wenn dies nicht die Russen gewesen wären.

Er flüchtete sich anfangs nach der Moldau, wo ihm ein Hospodar und ein türkischer Kapidi-Bachi lange vergeblich anrieten, sich nach Konstantinopel zu begeben. Der russische Kommandant der Festung Kamieniez, eine Kreatur Potiomkins, vereinigte seine Überredungsgabe mit der der beiden anderen. Aber Schahingerai weigerte sich standhaft. Ohne Zweifel sah er instinktartig das traurige Geschick deutlich voraus, das seiner harrte. Man bemächtigte sich seiner mit Gewalt und führte ihn auf die Insel Rhodos. Dort rettete er sich eines Tages zum französischen Konsul, von welchem die Türken seine Auslieferung verlangten. Der Konsul, in dem Glauben, daß man es nicht wagen würde, das durch das Völkerrecht geheiligte Asyl seines Hauses zu verletzen, hatte den Mut, auf dies Begehren nicht einzugehen und den nicht herauszugeben, der sich unter seinen amtlichen Schutz gestellt hatte. Aber man drohte ihm sein Haus anzuzünden, und indem man einen Augenblick benutzte, in welchem er abwesend war, nahm man von seiner Tür das französische Wappen ab, welches man an ein danebenstehendes Haus befestigte, stürzte sich in seine Wohnung, fand den unglücklichen Chan, ergriff ihn und erdrosselte ihn auf der Stelle. Auf solche Weise rächten die Türken seinen Abfall, auf solche Art belohnten die Russen die Abtretung seiner Staaten.

Inzwischen wollte Potiomkin die Pforte um jeden Preis bewegen, die Feindseligkeiten zu beginnen. Abgesehen von der Hoffnung, das Ottomanische Reich zu zerstückeln, veranlaßte ihn ein heimlicher Grund, den Krieg zu wünschen, ja machte ihm denselben sogar notwendig. Mit Ämtern, Titeln, Würden und Orden überhäuft, fehlte ihm noch immer eine Auszeichnung, nämlich das große Band des St. Georgenordens; er wollte auch dies noch haben und trachtete sehnsüchtig darnach. Um aber mit diesem Orden dekoriert werden zu können, mußte man statutenmäßig den Oberbefehl über eine größere Armee geführt und einen Sieg erfochten haben. Was galten aber in Potiomkins Augen Not und Elend, die von einem Kriege unzertrennlich sind, was waren mehrere Tausende von Menschenleben im Vergleich zu einem Bande, welches seinem Hochmute schmeichelte?

Bulgakow, der russische Gesandte in Konstantinopel, war nach Cherson gekommen, um der Kaiserin Bericht über seine geheimen Operationen und das Vorhaben des Diwans abzustatten. Dieser Diplomat hatte sich durch den Baron Tholus, den russischen Generalkonsul in Alexandrien, großen Einfluß in Ägypten verschafft. Ein anderer Konsul, den Rußland in Smyrna unterhielt, arbeitete an diesem Ort für die Interessen seines Landes. Ein dritter suchte die Moldau aufzuwiegeln. Russische Schiffe mißbrauchten die Privilegien, welche die Pforte ihnen zugestanden hatte, und der Hof von Petersburg ermunterte die Übertreter in ihrem sträflichen Beginnen.

Der Diwan, mißvergnügt über dies Benehmen und durch die Entdeckung einer Korrespondenz zwischen Ibrahim Bey in Kairo und dem russischen Minister noch mehr gereizt, trug dem Kapudan-Pascha Hassan auf, die Ordnung in Ägypten wiederherzustellen. Einige Tage darauf begehrte der Großwesir eine Konferenz mit dem Gesandten Bulgakow und stellte ihm eine Note zu, auf welche er sogleich eine Antwort verlangte. Bulgakow wich dieser Beantwortung aus und verlangte Aufschub, um Zeit zu gewinnen und Rat und Instruktionen von seinem Hofe einzuholen. Man mußte ihm dies bewilligen. Aber bald wurde der Diwan aufs neue versammelt und fand, daß es keinen Zweck habe, die Antwort von Petersburg abzuwarten. Der Krieg wurde nach türkischem Brauch in Konstantinopel proklamiert: man sperrte Bulgakow als Gefangenen in das Schloß der »sieben Türme«.

Der Internuntius des Hofes von Wien, Baron Herbert, und der französische Ambassadeur, Choiseul-Gouffier, Graf Marie Gabriel Auguste Laurent, geb. 27. September 1752; gest. 20. Juni 1817. suchten vereint die Freigebung Bulgakows zu erreichen; aber ihre Bemühungen blieben vollständig fruchtlos. Englands Gesandter besaß mehr Macht als jene, und der Hof von St. James war über den zwischen Rußland und Frankreich abgeschlossenen Handelstraktat verstimmt, der England an seiner Achillesferse, dem Krämerinteresse, verletzt hatte.

Die Türken bereiteten sich mit der größten Tätigkeit auf den Krieg vor und ließen vierundzwanzigtausend Mann marschieren, um Otschakow Otschakow liegt an der Mündung des Bug und des Dnjepr; es war besonders wichtig für die Absichten, die Katharina in bezug auf Polen hegte. (Anmerkung des Verfassers.) zu decken. Eine große Armee rückte an die Ufer der Donau vor, und der Großwesir entfaltete die grüne Fahne Mohammeds vor den osmanischen Truppen.

Eine Flotte von sechzehn Linienschiffen, acht Fregatten und mehreren andern Fahrzeugen kreuzte im Schwarzen Meere unter dem Befehl des Kapudan-Paschas Hassan.

Dieser Admiral kam direkt aus Ägypten zurück, wo er die beiden rebellischen Beys Ibrahim und Murad unterworfen hatte, dieselben, welche später General Bonaparte Napoleon Bonaparte, geb. 15. August 1769, gest. 5. Mai 1821, als Kaiser der Franzosen 1804–1814. bei seiner Ankunft in Ägypten besiegte. Aber dieser Erfolg hatte Hassan nicht übermütig gemacht, vielmehr erinnerte er sich mit Schmerz der Niederlage bei Tschesme, und bevor er nach der Krim segelte, versammelte er sämtliche Kapitäne und Offiziere seiner Flotte und sagte zu ihnen:

»Ihr wißt, woher ich komme, und was ich getan habe. Ein neues ehrenvolles Feld ruft mich sowie auch euch, um unseren letzten Blutstropfen für unsere Religion, für den Sultan und für die Nation zu vergießen. Um diese heilige Pflicht zu erfüllen, trennte ich mich willig von meiner Familie, die mir so lieb ist. Ich habe allen meinen Sklaven beider Geschlechter die Freiheit gegeben und sie nach Verdienst belohnt. Ich habe meiner Gattin ein letztes Lebewohl gesagt und suche nun den Kampf mit dem festen Entschluß, zu siegen oder zu sterben. Wenn ich wieder zurückkehre, betrachte ich es als eine große Gnade des Allmächtigen. Und ihr, die ihr immer meine treuen Freunde gewesen seid, euch habe ich zusammenberufen, um euch zu ermahnen, meinem Beispiel bei dieser entscheidenden Gelegenheit zu folgen. Wenn sich jemand unter euch befindet, der sich den Mut nicht zutraut, auf dem Felde der Ehre zu sterben, so mag er es frei erklären, und ungefährdet soll er sogleich seinen Abschied erhalten. Denn diejenigen, welche später Feigheit beweisen und bei einer Schlacht nicht aufs genaueste meine Befehle befolgen werden, haben keine Schonung zu erwarten; ich schwöre es bei Mohammed und bei dem Sultan, daß ich ihnen den Kopf abhauen werde. Derjenige dagegen, der bei Erfüllung seiner Pflicht Mut beweist, kann im voraus eines reichen Lohnes sicher sein. Mögen alle, welche unter diesen Bedingungen mir folgen wollen, den rechten Arm erheben und mir treu zu sein schwören.«

Alle Kapitäne schwuren, mit ihrem Großadmiral zu siegen oder zu sterben. Die Türken mißtrauten den Griechen und entwaffneten sie. Sie erließen auch ein Manifest, in welchem sie die Tartaren einluden, wieder unter die Herrschaft des Großherrn zurückzukehren. Dieses Manifest hatte den gewünschten Erfolg, denn die Tartaren verabscheuten das russische Joch. Katharina hatte vergebens reiche Geschenke an sie verschwendet, vergebens hatte sie den Koran für sie drucken und ihnen Moscheen bauen lassen. Alle Myrzas wurden versammelt, und diese wählten einen neuen Chan, der bald eine Armee von einigen tausend Mann unter seinem Befehle hatte.

Die türkische Kriegserklärung wurde in Petersburg mit großer Freude aufgenommen. Die Kaiserin hatte sie nicht nur vorausgesehen, sondern mit großer Ungeduld erwartet. Alle Vorbereitungen waren mit Umsicht getroffen. Sie hatte schon eine Menge Truppen im Kuban, andere marschierten gegen die Krim, und ihre Armeen bedeckten das Land von Kamieniez bis Balta. Potiomkin als Generalissimus hatte Ssuworow, N. W. Repnin, Kamenskij, Kachowskij und eine Menge anderer Generale zur Seite. Der Feldmarschall Rumiantzow, der sich nicht subordinieren oder zu Potiomkins Ehre etwas beitragen wollte, weigerte sich unter dem Vorwande seines zu hohen Alters, einen Befehl anzunehmen; er sandte aber einen seiner Söhne zur Armee.

Eine Flotte von acht Linienschiffen, zwölf Fregatten und fast zweihundert Schebecken oder Kanonenschaluppen war im Schwarzen Meere versammelt, und zwei starke Geschwader, unter den Befehlen der Admirale Kruse und Greigh, sollten von Kronstadt abgehen, das eine, um in der Ostsee zu kreuzen, das andere, um sich ins mittelländische Meer zu begeben.

Die Allianz mit Joseph II. sicherte der Kaiserin einen mächtigen Beistand. Der Kaiser wünschte nicht weniger als sie selbst den Krieg mit den Türken. Achtzigtausend Österreicher marschierten gegen die Moldau, und alles schien den Untergang des Ottomanischen Reichs zu verkünden.

Inzwischen suchte Katharina ihr Verfahren durch ein Manifest zu rechtfertigen, in welchem sie den Türken vorwarf, daß sie die alten Traktate übertreten hätten. Dieses Manifest wurde von einem zweiten begleitet, des Inhalts, daß sie sich gezwungen gesehen habe, gegen die Feinde des christlichen Glaubens und Namens zu den Waffen zu greifen, und jene nun mit dem Vertrauen auf den gerechten Gott, der so lange und so mächtig Rußland geschützt habe, aufsuchen wolle.

Zur Unterstützung dieses Manifestes, durch welches Katharina die Mächte des Himmels und der Erde gegen die Türken aufschrie, bediente sie sich der in Rußland üblichen, stets erfolgreichen Mittel: des Aberglaubens des Volkes und der Betrügereien der Popen. Man publizierte Prophezeiungen der alten Patriarchen Jeremias und Nicon, welche den baldigen Untergang Konstantinopels und die Verjagung der Türken aus Europa verkündet hatten. Aber auch die Ottomanen hatten einen Propheten, mit Namen Bey-Mansur, welcher unter dem Vorgeben, daß ihm ein Engel mitten in einem Walde erschienen sei, glücklich eine Armee sammelte und alle Volksstämme Kaukasiens und die Tartaren der Krim gegen die Russen zur Erhebung brachte.

Als Katharina die Regenten Europas aufforderte, sich gegen die Türken zu bewaffnen, rechnete sie nicht darauf, daß alle ihre ehrgeizigen Pläne unterstützen würden. Sie glaubte aber mit Gewißheit voraussetzen zu können, daß sie wenigstens Zuschauer ihrer Triumphe bleiben würden. Sie war nicht in Unkenntnis darüber, daß England die Türkei unterstützte, sie wußte auch, daß Preußen weder Österreichs noch Rußlands Vergrößerung geduldig mit ansehen werde; was sie aber durchaus nicht vorausgesehen hatte, war die Kriegserklärung des Königs von Schweden.

Seitdem Ostermann Stockholm verlassen hatte, waren seine Nachfolger in seine Fußtapfen getreten. Keiner von allen diesen hatte sich aber mit einer so unverschämten Kühnheit benommen, wie Andreas Rasumowskij. Um Katharinas verscherzte Gunst wiederzugewinnen, war dieser Gesandte unermüdlich beschäftigt, Haß und Zwietracht unter dem schwedischen Adel zu säen, von welchem der größte Teil mit seinem König unzufrieden und nur zu sehr geneigt war, Rußlands treulosem und oft auch klingendem Rate ein williges Ohr zu leihen.

Gustav III. sah mit gerechtem Unwillen diesem Treiben zu, und seine Verachtung gegen den russischen Hof stieg aufs höchste, als er den General von Sprengtporten, der, nachdem er bei der Revolution des Jahres 1772 tätig gewesen und sich später nicht genug hervorgezogen und belohnt glaubte, am russischen Hofe mit solchem Wohlwollen und solchen Gunstbeweisen aufgenommen sah, daß er sein Vaterland verließ und in russische Dienste trat, wo er es dann an eifrigen Bemühungen nicht fehlen ließ, das schwedische Finnland aufzuwiegeln.

Der König beschloß sich zu rächen, und noch ehe die Türken Rußland den Krieg offen erklärt hatten, erteilte er seinem Gesandten in Konstantinopel, Heidenstam, den Befehl, mit ihnen einen Offensiv-Allianz-Traktat abzuschließen. Ein solcher Vertrag existierte schon seit dem Jahre 1739, war aber während des russisch-türkischen Krieges 1768–74 nicht akut geworden. Als es im Jahre 1788 darauf ankam, einen Vorwand zum Angriffskriege gegen Rußland zu finden, griff Gustav III. auf jenen Vertrag von 1739 zurück, welcher Schweden die Pflicht auferlegte, als Bundesgenosse der Türkei aufzutreten. Vgl. Brückner, Katharina II., S. 376. Die Türken erinnerten sich noch mit tiefer Ehrfurcht der Siege Karls XII. Sie sahen ein, wie wichtig auch jetzt eine Diversion des schwedischen Königs für sie werden könnte. Sie versprachen daher Gustav bedeutende Subsidien, die allerdings nur zum Teil bezahlt wurden. Außerdem streckte Preußen ihm Geld vor, und England versprach, Schweden mit einem Geschwader zu unterstützen. Der König bereitete sich also ernstlich darauf vor, zu den Waffen zu greifen.

Zeuge der vielfach in und außerhalb Stockholm vorgenommenen Kriegsrüstungen, fragte Andreas Rasumowskij stolz nach der Veranlassung derselben. Gustav antwortete ihm aber mit noch größerem Stolze, daß er auf der ganzen Erde keiner fremden Macht Rechenschaft über sein Tun und Lassen schuldig sei, und ließ Rasumowskij den Befehl erteilen, Stockholm sogleich zu verlassen. Aber der Russe fand unter allerlei Vorwänden die Mittel, seine Abreise noch aufzuschieben und den von schwedischer Seite offen geführten Krieg auf geheime und nichtswürdige Weise fortzusetzen.

Demungeachtet wurden die Kriegsrüstungen mit dem größten Eifer fortgesetzt. Die große Flotte lag in Karlskrona zum Auslaufen bereit, die Truppen, welche auf derselben eingeschifft werden sollten, wurden in der Umgegend der Hauptstadt gesammelt, und andere gingen nach Finnland ab. Man verbreitete absichtlich das Gerücht, daß Schweden zu seiner Selbstverteidigung bereit sein müsse, da der Hof von Petersburg damit gedroht habe, es anzugreifen, wenn Gustav den Russen keine Hilfstruppen gegen die Türken stellen würde. Die schwedischen Soldaten brannten vor Begierde, sich mit einer Nation zu messen, die so oft von ihren Vätern besiegt worden war. Endlich waren alle Truppen an Bord genommen, und die Flotte langte in Finnland an, wohin sich Gustav schon vorausbegeben hatte.

Kaum war die schwedische Armee an den Grenzen Rußlands angekommen, als ein kleines Detachement russischer Jäger Miene machte, einige Schweden von einer Brücke zu vertreiben, welche diese besetzt hatten. Es wurden einige Gewehrschüsse gewechselt, welche Gustav sofort als Kriegsgrund nahm. In Stockholm erzählte man später, der König habe, um für den angegriffenen Teil gelten zu können, dieses Scharmützel selbst arrangiert, indem er einen Haufen seiner Truppen in russische Uniformen stecken und einen Scheinangriff' auf die schwedischen Vorposten machen ließ. Hermann Bd. VI, S. 188. Seine Flotte bemächtigte sich zweier russischer Fregatten, welche auf der Höhe von Sveaborg kreuzten, um die russischen Marinekadetten einzuüben.

Der König beschloß gegen Fredrikshamn zu marschieren. Da man aber das schwere Geschütz vom Karlskronageschwader noch nicht hatte an Land bringen können, so faßte er den Plan, diese Stadt von zwei verschiedenen Seiten anzugreifen und im Sturm zu nehmen.

Schrecken und Angst hatten sich in Petersburg verbreitet. Alle Armeen der Russen waren gegen die Türken marschiert, die Kaiserin konnte augenblicklich nur einige Invaliden und zwei Detachements ihrer Garden zur Rettung Fredrikhamns senden. Man zweifelte nicht, daß sich Gustav dieser Stadt bemächtigen und dann gleich weiter gegen die Hauptstadt rücken würde. Katharina selbst war unruhig, aber sie verbarg, wie gewöhnlich, ihre Sorgen unter dem Schein äußerster Kaltblütigkeit. Als eines Tages der französische Gesandte ihr aufwartete, fragte sie ihn, was man sich Neues in der Stadt erzähle?

»Daß sich Eure Majestät nach Moskau zu begeben die Absicht hätten,« antwortete er.

»Aber Sie glauben dies doch nicht?« sagte sie sogleich. »Ich habe allerdings befohlen, eine Menge Postpferde bereitzuhalten, aber nur um Truppen und Kanonen nach Finnland zu schicken.«

Sie hatte wirklich einige Truppen aus den nächstliegenden Garnisonen zusammengezogen und ließ sie den Detachements nachrücken, die sich bereits nach Finnland begeben hatten. Den Oberbefehl über diese irreguläre Armee vertraute sie Mussin Puschkin an, einem unerfahrenen General, eine Maßregel, die die Einwohner Petersburgs keineswegs beruhigte.

Einige Tage darauf schrieb sie an den Prinzen von Ligne, der der russischen Armee als österreichischer General attachiert war. Stets schmeichelnd hatte er der Kaiserin die Benennung: »die Unerschütterliche« beigelegt; mit Beziehung darauf ließ sie in ihren Brief den Passus einfließen: »Es geschieht im Kanonendonner, der die Fensterscheiben meiner Residenz erzittern macht, daß Ihnen Ihre Unerschütterliche schreibt.« Sie sandte mit demselben Kurier, der diesen Brief überbrachte, Potiomkin den Plan zu den Dispositionen, die sie gegen den König von Schweden entworfen hatte, und schrieb unter denselben mit eigener Hand: »Sind Sie damit zufrieden, mein – Meister?«

Paul Petrowitsch

Der Großfürst Paul Petrowitsch hatte bei seiner Mutter aufs eifrigste um die Erlaubnis nachgesucht, mit gegen die Türken kämpfen zu dürfen. Aber die Kaiserin, in der Furcht, daß diese Wünsche einen gefährlichen Plan verbergen möchten, schlug ihm sein Gesuch ab, und zwar bediente sie sich der Lage der Großfürstin, die sich gerade in gesegneten Leibesumständen befand, die aber trotzdem ihren Gemahl begleiten wollte. Katharina meinte, der Eifer, den er beweise, um sich zur Armee zu begeben, sei ein genügendes Zeugnis seines Mutes und seiner Vaterlandsliebe, aber die Pflichten, welche ihm seine Stellung als Sohn, Gatte, Vater und Thronerbe auferlegten, geböten, seine Abreise wenigstens bis zur Niederkunft der Großfürstin aufzuschieben.

Marie Fedorowna von Wurtemberg

Diese Zärtlichkeit seiner Mutter beruhigte Paul Petrowitsch nicht. Er erneuerte sein Verlangen und schloß seinen Brief folgendermaßen: »Meine Absicht ist es, gegen die Ottomanen zu kämpfen; dies ist bekannt; was wird Europa sagen, wenn es sieht, daß ich dieselbe nicht ausführe?« Katharina antwortete: »Europa wird sagen, daß der Großfürst von Rußland, wie es sich gebührt, ein gehorsamer und ehrfurchtsvoller Sohn ist.« Vgl. den Wortlaut dieser Antwort bei Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 265.

Sobald die Armee in Finnland versammelt war, erlaubte die Kaiserin dem Großfürsten, sich zu derselben zu begeben. Sie übertrug ihm jedoch kein Kommando und umgab ihn überdies mit Spionen. Paul verließ deshalb Finnland bald wieder und erkrankte bei seiner Rückkehr nach Petersburg aus Ärger, was seine Mutter durchaus nicht zu rühren schien.

Katharina hatte sich beeilt, eine Erklärung abzugeben, in der sie sich über das Verfahren des Königs von Schweden bitter beklagte und die Notwendigkeit nachwies, gegen ihn zu rüsten. Sie suchte ihre Schwäche zu verbergen, indem sie behauptete, daß die Garnisonen der verschiedenen finnischen Städte schon seit langer Zeit auf die Eventualität eines Angriffs der Schweden hin verstärkt worden seien.

Gleichzeitig ließ sie dem schwedischen Gesandten an ihrem Hofe, dem Baron Nolken, seine Pässe zustellen, mit dem Befehl, sofort die Grenzen des Russischen Reiches zu verlassen.

Die schwedische Flotte, aus sechzehn Linienschiffen, fünf Fregatten und mehreren Korvetten bestehend, kreuzte bis dicht vor Kronstadt und forderte das russische Geschwader keck heraus, welches die Absicht hatte, sich in das mittelländische Meer zu begeben. Die Rüstungen der Schweden hatten diese Bestimmung verändert, und unzweifelhaft beging Gustav III. einen großen Fehler, daß er in seiner Ungeduld die Feindseligkeiten eröffnete, ehe dieses Geschwader abgesegelt war. Hätte er diesen Zeitpunkt eintreten lassen, so würde er zum Herrn der Ostsee geworden sein. Der Admiral Greigh erhielt Befehl, auszulaufen, aber ein eigener Zufall verhinderte ihn, diesem Befehl Folge zu leisten.

Die Kaiserin hatte nämlich den Befehl eines Linienschiffes einem Kaperkapitän, namens Paul Jones, John Paul Jones, geb. 6. Juli 1747, gest. 18. Juli 1792, der Held des Cooperschen Romans »The Pilot«, 1788 – 89 in russischen Diensten. anvertraut, welcher sich durch seine Kühnheit im amerikanischen Kriege ausgezeichnet hatte. Die auf der russischen Flotte angestellten englischen Offiziere waren davon nicht in Kenntnis gesetzt worden. Es muß dahingestellt bleiben, ob sie entweder ein englischer Agent aufgeregt hatte oder ob sie es wirklich für eine Demütigung ansahen, mit einem Manne zusammen zu dienen, den sie als einen Seeräuber und Verräter betrachteten; genug sie begaben sich zum Präsidenten der Admiralität und erklärten ihm, daß sie nicht bei einem Geschwader bleiben könnten, in dem sich Paul Jones befände. Die Kaiserin, von diesem Schritt in Kenntnis gesetzt und einsehend, daß sieben oder acht ihrer Schiffe bei Abgang der Engländer ohne Offiziere bleiben würden, verbarg ihren Ärger über dies Benehmen und willfahrte dem Gesuch. Um aber nicht den Anschein zu geben, als gäbe sie den Umständen nach, beschloß sie Paul Jones auf dem Schwarzen Meere zu verwenden und sandte ihn zu Potiomkin. Paul Jones zeichnete sich darauf in der Schlacht bei Liman aus und erhielt das Band des St. Annenordens. Als er aber den Prinzen von Nassau-Siegen anklagte, seine vorteilhafte Stellung nicht gehörig ausgenutzt zu haben, entzweite er sich mit diesem Admiral und kam wieder nach Petersburg zurück, wo man bald ein Mittel fand, sich seiner zu entledigen. Man schickte ihm nämlich ganz einfach in das Haus, welches er bewohnte, ein junges Mädchen, das ihm einige Kleinigkeiten zum Verkaufe anbieten und dabei kokettierend Inviten machen mußte, denen zu entsprechen er nicht lange zögerte. Das Mädchen machte darauf Lärm, und Polizeibeamte, die als dienstbereite Geister an dem Komplott teilgenommen hatten, traten rechtzeitig ein, um Paul Jones eines Angriffs auf die Sittlichkeit eines unbescholtenen Mädchens zeihen zu können; er mußte infolgedessen Rußland verlassen. Ein sonderbarer Grund in einer Zeit und einem Lande, wo Moral und sinnliche Vergehungen so leicht genommen wurden, aber in der Politik heiligt stets der Zweck die Mittel!

Die russische Flotte, vom Admiral Greigh kommandiert, setzte endlich Segel, und es kam bald darauf zu einer Seeschlacht bei Hogland. Die Russen schrieben sich den Sieg zu, obschon sie ein Schiff von vierundachtzig Kanonen einbüßten, wofür sie allerdings eins von derselben Stärke nahmen, welches noch dazu von dem tapfern Vizeadmiral Wachtmeister kommandiert wurde. Ein anderes Schiff von vierundsechzig Kanonen, auf welchem der Kapitän Christjernin, ein verdienter Offizier, den Befehl hatte, wurde verbrannt. Die Schweden zogen sich darauf nach Sveaborg zurück.

Während so die kriegführenden Mächte zur See ihre Kräfte maßen, rückte der König selber gegen Fredrikshamn vor. Als er seine Truppen zum Angriff gegen diese Festung dirigieren wollte, erklärten einige höhere Offiziere: sie seien der festen Überzeugung, daß der König keinen Offensivkrieg ohne die Einwilligung der Nation unternehmen dürfe und daß sie zwar gern bereit seien, ihr Blut für das Vaterland zu vergießen, nicht aber einen Nachbarn anzugreifen, der den Krieg nicht hervorgerufen hätte.

So hatten die Sieger von Narva nicht gesprochen. Gustav III. geriet über die Sprache dieser Offiziere in Erstaunen, antwortete ihnen aber, daß er sich unbedingten Gehorsam zu verschaffen wissen werde. Die Elenden jedoch, die sich einer feindlichen Macht verkauft hatten, blieben taub gegen Ehre und Pflicht und opferten das Wohl ihres Vaterlandes, indem sie das Banner ihres Souveräns in der Stunde der Gefahr verließen.

Bestürzt über diesen Widerstand wandte sich der König an die Soldaten selbst. Ein Regiment legte sogleich die Waffen nieder, und ein großer Teil der Armee folgte dem verräterischen Beispiel, die Stimme ihres Kriegsherrn überhörend, der sie zum Siege zu führen gedachte. Am folgenden Tage wurden die rebellischen Offiziere nach Stockholm gesandt, wo sie mit tiefster Verachtung empfangen und sogleich verhaftet wurden.

Das war ein neuer Mißgriff Gustavs III. Er hätte sofort vor Fredikshamn ein Exempel statuieren müssen. Tat er dies, so war es mehr als gewiß, daß seine Soldaten unweigerlich marschiert wären, und er würde vielleicht nach wenigen Tagen als Sieger in Petersburg eingezogen sein.

Es ist unzweifelhaft, daß der Teil des schwedischen Adels, welcher die alte Regierungsform wünschte, diese Gelegenheit benutzte, um dieselbe wiederherzustellen. Ebenso unzweifelhaft ist es aber auch, daß er hierin in Übereinstimmung mit Rußland handelte, dessen Rubel dabei eine große Rolle spielten, und dessen Intrigen und Aufhetzungen, durch Andreas Rasumowskij in schamloser Verletzung der Gastfreundschaft offen gepredigt, eine sehr nachteilige Wirkung hatten. Man entdeckte sogar eine Korrespondenz, die einige höhere schwedische Offiziere mit dem russischen Hof unterhalten hatten.

Diese schwedische Verräterei war für Katharina ein größerer Erfolg, als es eine gewonnene Schlacht gewesen wäre; aber noch nicht mit der Intrige zufrieden, die in Gustavs Hauptstadt und Lager getragen wurde, reklamierte sie Dänemarks Beistand gegen Schweden, und diese Macht war jetzt, wie jederzeit, bereit, ihren Nachbar anzugreifen. Durch einen Einfall von Norwegen aus bedrohten die Dänen Götaborg. Aber sobald der englische Gesandte in Kopenhagen, Elliot, davon in Kenntnis gesetzt war, eilte er ins dänische Lager, und von dem preußischen Gesandten, Grafen Rhode unterstützt, bewirkte er durch seine entschiedene Sprache und durch Drohungen, daß ein Waffenstillstand abgeschlossen wurde und die Armee des dänischen Kronprinzen sich sogleich nach Norwegen zurückzog.

Während dieser Zeit hatten die russischen Armeen im Süden mehrere ruhmvolle Siege über die Türken und Tartaren gewonnen, aber das Kriegstheater zeigte ein schreckenerregendes Schauspiel. Hunger, Pest und gräßliche Blutbäder hatten Taurien und die Grenzen Rußlands verheert. Alles, was zum Unterhalt der Armeen nötig war, mußte von weither nachgeschafft werden.

Potiomkin belagerte seit längerer Zeit Otschakow. Eine starke Festung, hinreichende Vorräte, eine zahlreiche Garnison und die Strenge der Jahreszeit schienen diesen Platz uneinnehmbar zu machen. Plötzlich aber befahl Potiomkin einen allgemeinen Sturm, Am 5./16. Dezember 1788 stellte der Dejour-General Rachmanow dem Fürsten Potiomkin vor: »auf den morgenden Tag sei in der Armee kein Stück Holz zur Feuerung mehr,« und der Oberproviantmeister, General Kachowskij, fügte hinzu: »alle Vorräte seien erschöpft und nicht für einen Tag mehr Brot.« So blieb dem Fürsten nichts anderes übrig, als am nächsten Morgen stürmen zu lassen. Hermann, Bd. VI, S. 178. und während er selbst mit seinen Mätressen im Lager zurückblieb, stürmten vier Kolonnen unter dem Oberbefehl des Fürsten Repnin die Verschanzungen und drangen in die Stadt ein. Man schlug sich lange auf den Wällen und in den Straßen der Stadt. Die türkischen Soldaten verteidigten sich mit der hartnäckigen Tapferkeit, die sie als Defensionstruppen von jeher auszeichnete, und starben fast alle mit den Waffen in der Hand. Die übrigen wurden massakriert, und ein großer Teil der unglücklichen Einwohner der Stadt erduldete dasselbe Schicksal. Der im Sturm genommene Ort wurde der Plünderung überlassen, und die Russen drangen in alle Häuser ein, mordeten die Besitzer und überließen sich den greulichsten Verbrechen und wildesten Ausschweifungen. Während dreier Tage und Nächte gestattete Potiomkin diese blutigen Szenen, bei welchen mehr als fünfundzwanzigtausend Türken umkamen. Otschakows Belagerung hatte den Russen übrigens auch zwanzigtausend Mann gekostet, von denen ungefähr sechstausend bei dem Sturme getötet wurden. Davon kamen allein 2000 auf die Sturmkolonne, die als erste in das Fort Hassan-Pascha eindrang und fast bis auf den letzten Mann niedergemacht wurde. Hermann, Bd. VI, S. 178.

Man ersieht daraus, daß diese Eroberungen fast ebenso verderblich für die Sieger wie für die Besiegten waren. Aber Katharina wurde dadurch nur zu größerem Eifer in der Fortsetzung des Krieges angespornt und befahl eine neue Truppenaushebung in allen ihren Staaten. Sie wollte gleichzeitig ihre Armeen in der Krim und an den Ufern der Donau verstärken, eine ganz neue in Polen aufstellen und eine bedeutende Macht gegen Schweden marschieren lassen. Aber die Rekruten stellten sich nicht in hinreichender Zahl ein, und man holte aus den Wüsten Sibiriens einen Teil der dorthin Verwiesenen zurück, um sie unter die Truppen zu stecken.

Während dieser Zeit beschäftigte sich Gustav III. mit neuen Rüstungsplänen. Er konnte Katharina die verräterischen, frechen Schritte Andreas Rasumowskijs in Schweden nicht verzeihen, und auch Dänemark trug er den Beistand nach, den es Rußland geleistet hatte.

So wurde denn gleich nach Beginn des Frühjahrs 1789 der Krieg mit verdoppeltem Eifer fortgesetzt. Da die Operationen als allgemein bekannte Tatsachen vorausgesetzt werden können, so braucht hier nur folgendes kurzes Resümee derselben mitgeteilt zu werden:

Admiral Tschitschakow

Die Flotten der beiden Nationen liefen auf der Höhe von Bornholm zusammen, aber ungünstige Winde ließen eine Schlacht nicht zu. Bald darauf stießen sie wieder in der Nähe von Gotland aufeinander, und ungeachtet der russische Admiral Tschitschakow Wassilij Jakoblewitsch Tschitschakow, 1726–1809. und der schwedische Admiral Liljehorn beiderseits einer ernsthaften Affäre ausweichen wollten, kam es doch zwischen den Arrieregarden beider Flotten zu einem Treffen, welches durch die Schuld des schwedischen Admirals unentschieden blieb.

Nicht so gut kam die schwedische Schärenflotte weg; zweimal, am 24. August bei Frederikshamn und am 1. September bei Högfors vom Prinzen von Nassau angegriffen, erlitt sie namentlich in der ersteren Schlacht einen sehr bedeutenden Verlust.

Aber Gustav ward dadurch nicht entmutigt, vielmehr beschloß er, sobald er neue Kräfte gesammelt haben würde, abermals in Rußland einzudringen. Im Frühling 1790 suchte eine große schwedische Flotte, unter dem Befehl des Herzogs von Södermannland, nachmaligem König Karl XIII., die russische im Hafen von Reval auf. Diese Unvorsichtigkeit kostete ihr zwei Schiffe, und der Herzog beging einen noch größeren Fehler, als er beide Flotten, die große sowohl als die Schärenflotte, die Gustav III. selbst kommandierte, in die Bucht von Wiborg führte. Der völlige Untergang der schwedischen Marine schien unausbleiblich, wurde aber durch die beiden russischen Admirale Tschitschakow und Nassau selbst vereitelt.

Tschitschakow nämlich, der ein weit zahlreicheres Geschwader als die ganze schwedische Flotte kommandierte, hatte versäumt, an den Ufern des schmalen Sundes, durch den die Schweden allein entkommen konnten, Batterien aufführen zu lassen. Die Schweden, welche in Ermangelung von Proviant nicht länger in der Bucht von Wiborg liegen bleiben konnten, setzten bei günstigem Winde Segel und sandten einen Brander voraus, der die Russen zwingen mußte, sich zu verstreuen. Aber der Brander geriet unglücklicherweise auf Grund und tat den Russen keinen Schaden, zündete vielmehr im Gegenteil mehrere schwedische Schiffe an, welche der heftige Wind zu nahe an ihn herangetrieben hatte. Neun Schiffe, drei Fregatten und mindestens zwanzig Schärenfahrzeuge gingen durch diesen unglücklichen Zufall zugrunde.

Die schwedische Schärenflotte hatte sich indessen hinter die Klippen von Svenskasund zurückgezogen, die mehrere kleine Inseln bilden. Der Prinz von Nassau-Siegen, dessen Flottendivision doppelt so stark war als die König Gustavs, näherte sich letzterer und griff sie an. Seine Unerfahrenheit gab den Schweden einen unschätzbaren Vorteil. Er wurde vollkommen geschlagen und verlor die Hälfte seiner Schiffe und mehr als zehntausend Menschen.

Die für die Schweden sehr ehrenvolle Schlacht bei Svenskasund beschleunigte den Friedensabschluß. Gustav III. sah die ganze Unvorsichtigkeit seines Verhaltens ein. Er hoffte nicht mehr, daß der Krieg, den er Rußland erklärt hatte, glückliche Folgen für ihn haben oder eine wesentliche Diversion zugunsten der Türkei herbeiführen könne, da er in dem ungleichen Kampf allein gelassen, seine Soldaten unzuverlässig und die versprochene Hilfe von Preußen und England auf die Hemmung Dänemarks und auf leere Versprechungen, sowie auf schwache diplomatische Intrigen beschränkt fand. Nicht stark genug, eine Rebellion niederzuschlagen, fürchtete er, daß die Russen die Schwächung seiner großen Flotte, den schlechten Zustand seiner Finanzen, die Unzufriedenheit und teilweise feile Käuflichkeit des schwedischen Adels benutzen würden, um den Krieg über die Grenzen seines eigenen Reiches zu tragen. Er zögerte daher jetzt nach drei wechselvollen Jahren eines unter den günstigsten Auspizien begonnenen Krieges, mit Erfolgen und Niederlagen gemischt, nicht, die Propositionen anzunehmen, welche ihm die Kaiserin vorschlagen ließ.

Am 14. August des Jahres 1790 wurde der Friedensschluß zu Werelä von den Generalen Igelström auf russischer und Armfeld auf schwedischer Seite unterzeichnet.

Alle, die sich in den Feldzügen der letzten Jahre ausgezeichnet hatten, wurden von Katharina fürstlich belohnt, wobei natürlich die Besieger der Türken an erster Stelle standen. Potiomkin erhielt hunderttausend Rubel und einen Kommandostab, der mit Diamanten besetzt und mit einem Lorbeerkranz umwunden war, dessen Blätter aus massivem Golde bestanden. Kurze Zeit darauf wurde er zum Hetman der Kosaken ernannt, ein Titel den zuletzt der alte Rasumowskij innegehabt hatte.

Dem Fürsten Repnin schenkte die Kaiserin einen Degen, dessen Griff mit großen Brillanten geschmückt war, und dem General Ssuworow einen gleichfalls mit Diamanten reich besetzten Hut. Dieses Geschenk an Ssuworow war um so sonderbarer, als er sich die Liebe seiner Soldaten durch die größte Einfachheit erworben hatte. Mit einer echten Kosakenphysiognomie ausgestattet, war er in seinem ganzen Wesen ein alter unsauberer Russe, auf das Lächerlichste übertrieben und karikiert. Er schmeichelte dabei aber doch der Kaiserin auf eigentümliche Art und kroch vor dem geringsten Popen im Staube, weshalb ihn diese als einen äußerst frommen Mann priesen. Aber er teilte alle Beschwerlichkeiten mit den Soldaten und wurde dadurch unüberwindlich.

Die anderen Generale und Offiziere erhielten ebenfalls Gunstbeweise, und alle Soldaten, welche an der Erstürmung von Otschakow Anteil genommen hatten, wurden mit einer silbernen Medaille belohnt, die im Knopfloch zu tragen war.

Diese Belohnungen dienten unleugbar dazu, in der russischen Armee einen regen Wetteifer zu erzeugen, sich in Erfüllung seiner Pflichten hervorzutun. Jeder Schritt war jetzt durch einen neuen Sieg ausgezeichnet. Ssuworow schlug die Türken bei Fokschany, und als er erfuhr, daß die österreichische Armee vom Großwesir geschlagen und zurückgedrängt worden war, setzte er sich an die Spitze von achtausend Russen und eilte den Österreichern zu Hilfe. Diese letzteren waren bereits auf der Flucht und wurden von den Türken verfolgt, als der kühne Ssuworow anlangte und das Geschick des Kampfes änderte. »Freunde!« schrie er seinen Soldaten zu, »schaut nicht den Feinden ins Auge, sondern auf die Brust, dahin, wo eure Bajonette ihn treffen müssen!« Und in demselben Augenblick stürzte er über die Türken her, richtete ein gräßliches Blutbad unter ihnen an und blieb Herr des Walplatzes. Dieser Sieg, nahe an den Ufern des Flusses Rimnik gewonnen erwarb Ssuworow den Ehrennamen »Rimninskij« und den doppelten Titel eines Grafen des Russischen und Römischen Reiches. Die Rapporte Ssuworows über seine Schlachten lauteten immer höchst eigentümlich und lakonisch. Als er in dem vorhergehenden Kriege die Stadt Turtukaj in Bulgarien eingenommen hatte, schrieb er der Kaiserin diese vier Sätze: »Gott gehört die Ehre! – Katharina der Ruhm. – Turtukaj ist genommen. – Ssuworow ist dort!«

Der wilde General Kamenskij überlieferte alle Plätze, die er einnahm, der Plünderung und verheerte sie durch Feuer und Schwert. So wurde auch die schöne Stadt Galatz in Asche gelegt. Er war besonders grausam gegen die Priester, die er wie Pferde als Zugvieh an die Troßwagen spannen ließ. Die Juden waren Gegenstand seiner besonderen Grausamkeit. Er marterte sie im strengsten Winter durch Übergießen ihres Kopfes mit eiskaltem Wasser.

Ismail widerstand noch den Russen und mußte erst erobert werden. Seit sieben Monaten hatte Potiomkin bereits diese Stadt und Festung belagert und war in wahrer Raserei darüber, daß er sie noch immer nicht hatte einnehmen können. In seinem Lager wie ein orientalischer Satrap vergangener Jahrhunderte lebend, war er von einer Menge liederlicher Männer und leichtfertiger Weiber umgeben, die sich bemühten, ihm Zerstreuungen zu verschaffen. Eines dieser Weiber, welches behauptete, die Gabe zu besitzen, den Schleier der Zukunft heben und das Geschick eines Menschen aus einem Spiele Karten lesen zu können, hatte ihm vorausgesagt, daß es ihm erst in drei Wochen gelingen würde, die belagerte Stadt einzunehmen. Potiomkin antwortete lachend, daß er ein viel sichereres Mittel hätte, als auf Prophezeiungen zu lauschen. In dem Augenblick erteilte er Ssuworow den Befehl, innerhalb drei Tagen Ismail einzunehmen. Am dritten Tage sammelte Ssuworow seine Soldaten, und nachdem er ihnen gesagt hatte: »Kinder! Unser Proviant ist zu Ende! Kein Pardon!«, unternahm er augenblicklich die Erstürmung. Zweimal wurden die Russen mit großem Verlust zurückgeschlagen. Endlich aber kletterten sie über die Wälle, drangen in die Stadt ein und ließen alles, was darinnen war, über die Klinge springen. Fünfzigtausend Russen und fünfunddreißigtausend Türken mußten die blutigen Lorbeeren mit ihrem Leben bezahlen. Der General schrieb damals seinen Bericht an die Kaiserin mit den kurzen Worten: »Das stolze Ismail liegt zu Eurer Majestät Füßen!«

Die Grausamkeiten, welche die Armee Ssuworows bei dieser Plünderung von Ismail ausübten, werden als ewiges Monument der Wildheit russischer Soldaten in den Tafeln der Geschichte stehen. Sie erwarben Ssuworow den Beinamen: »Muley Ismail«, eine Anspielung auf den Kaiser von Marokko, der diesen Namen trug, und der, wie man weiß, der blutgierigste und grimmigste Barbar gewesen ist, der je gelebt hat.

Mehrere französische Offiziere hatten tätigen Anteil an der Erstürmung von Ismail genommen, wurden aber von Potiomkin mit Undank behandelt. Einige Tage darauf nahm dieser an einem Gespräch teil, welches über die französische Revolution geführt wurde, die ihm wie der Mehrzahl der an tyrannische Selbstherrschaft und sklavischen Gehorsam gewöhnten vornehmen Russen als ein schlimmeres Verbrechen galt, wie selbst Kirchenschändung und Vatermord, und sagte zu dem seit 1789 in russischen Diensten stehenden Grafen Langeron: Graf Alexander Langeron, geb. 13. Januar 1763, gest. 4. Juli 1831. Er erhielt für seine im türkischen Kriege bewiesene Tapferkeit von Katharina einen Ehrendegen. »Oberst! Ihre Landsleute sind verrückte Narren. Ich möchte dort sein. Meine Pferdeknechte würden genügen, sie zur Vernunft zurückzuführen!« Langeron, obgleich Emigrant, war doch mit dem ganzen Stolze des Franzosen begabt. Es empörte ihn, daß man so wegwerfend von seinen Landsleuten redete. Er antwortete: »Fürst! Das würde Ihnen sicherlich nicht glücken! Nicht einmal mit allen Ihren Armeen, mit allen ihren Tartaren, Kosaken und Baschkiren.« Bei diesen Worten sprang Potiomkin rasend vor Wut in die Höhe und drohte, Langeron nach Sibirien zu schicken. Dieser entfernte sich klüglicherweise augenblicklich und ging dem Fürsten aus dem Wege, bis dessen Zorn verraucht war.

Als Katharina von dem neuen Triumph ihrer Waffen erfuhr, fühlte sie ihren Stolz verdoppelt. Sie sah im Geiste Polen unter dem Joch, das sie für dasselbe längst in Bereitschaft hatte, sie sah Preußen entschieden, sie in dieser Absicht zu unterstützen, sie sah das Kabinett von Wien sich immer mehr der widernatürlichen russischen Allianz zuneigen, ja sie sah sich bereits vor den Toren von Byzanz. Was Wunder, daß sie jeder Art von Unterhandlungen auswich oder sie laut verwarf, daß sie die eitlen und unfruchtbaren Drohungen, die ihr der englische Minister Withworth im Namen seiner Regierung überbrachte, nur mit höhnischen und ironischen Grüßen an Master Pitt William Pitt, der Jüngere, geb. 28. Mai 1759, gest. 23. Januar 1806, seit 1783 englischer Premierminister. beantwortete.

Potiomkin kehrte nach Petersburg zurück, um seinen Triumph zu genießen. Die Kaiserin empfing ihn mit Enthusiasmus, sie überhäufte ihn mit Geschenken, veranstaltete ihm die glänzendsten Feste und gab ihm außer einem Palast, der der »Taurische« genannt und mit seiner Einrichtung auf sechsmalhunderttausend Rubel geschätzt wurde, ein mit Diamanten reich besetztes Staatskleid, welches zweimalhunderttausend Rubel gekostet hatte. Potiomkin entwickelte nun einen Luxus, der alles verdunkelte, was man an den verschwenderischsten Höfen Europas in dieser Beziehung je gesehen. Eine bizarre Idee war es, daß dieser so unermeßlich reiche Mann trotzdem höchst selten seine Schulden bezahlte. Wenn sich die Lieferanten bei ihm einfanden um ihr Geld zu empfangen, sagte er zu seinem Privatsekretär Popow: »Weshalb bezahlst du diesen Mann nicht?«, und durch ein Zeichen gab er ihm zu verstehen, wie er den Eigentümer der Forderung behandeln solle. Wenn er die Hand öffnete, so hieß das soviel, als Popow möge das Geld auszahlen, wenn er sie aber schloß, so erhielt der Mann trotz seiner Rechnung nicht das geringste. Castéra, Bd. II, S. 212. Seine Mittagstafel kostete täglich achthundert Rubel; dafür war sie aber auch stets mit den leckersten Gerichten besetzt, und die seltensten Früchte prangten auf derselben. Mitten im Winter bekam er zuweilen das Gelüst, Kirschen zu essen. Sie mußten geschafft werden, und er bezahlte die einzelne nicht selten mit mehreren Rubeln. Bei einem Fest, welches er der Kaiserin gab, ließ er auf den Gassen Silbermünzen unter das Volk verteilen.

Bald aber verließ er die Hauptstadt wieder, um zur Armee zurückzukehren. Mit Ehren- und Gunstbeweisen überschüttet, von Wollust und Vergnügungen aller Art übersättigt, war ihm zuletzt alles zum Ekel geworden. Eine düstere Ahnung schien ihn zu verfolgen. Es genügte ihm weder die an Vergötterung grenzende Ergebenheit, die man ihm bewies, noch freute er sich über die Wohltaten Katharinas, am allerwenigsten aber war er mit sich selbst zufrieden. Das Vorhandensein eines neuen Günstlings verdroß ihn ganz besonders.

Dieser Günstling war Platon Subow. Fürst Platon Alexandrowitsch, Generalfeldzeugmeister und Generaladjutant, 1767–1822. Die Veranlassung zu seines Vorgängers Ungnade, und zu seiner eigenen Erhebung war folgende:

Mamonow war von der Kaiserin herzlich geliebt, aber er erwiderte ihre Gefühle nicht. Wie Potiomkin, war auch er nicht zufrieden mit den reichen Geschenken, die ihm Katharina gab, sondern betrog sie außerdem noch um unermeßliche Summen. Er lebte daher an ihrer Seite wie ein Sklave, und die Ketten drückten ihn darum nicht weniger, weil sie von Gold waren. Sein Herz war überdies nicht gefühllos. Unter Katharinas Hoffräuleins befand sich eine Prinzessin Schtscherbatow, ein junges, schönes und geistreiches Mädchen. Es dauerte nicht lange, so war Mamonow von ihrer Anmut eingenommen. Aber noch hatte die Leidenschaft nicht die Grenzen der Ehrfurcht überschritten, als er eines Tages Potiomkin mit feurigem Enthusiasmus die Reize und den Geist der Prinzessin Schtscherbatow rühmen hörte. Mamonow bebte. Er kannte Potiomkins Allmacht, er wußte, daß, wenn derselbe einen Wunsch hegte, er sich durch nichts an seiner Verwirklichung beirren lasse. Mamonow beeilte sich, der Prinzessin seine Liebe und seine Verzweiflung zu gestehen, und diese, um ihn zu beruhigen, bewilligte ihm, was er fürchtete von seinem Nebenbuhler geraubt zu sehen. Als Potiomkin sich zur Armee begab, fühlte Mamonow sich vollkommen sicher im Besitz seiner Geliebten.

Diese Intrige spielte merkwürdigerweise lange, und obschon sie der ganze Hof kannte, hatte Katharina doch nicht das geringste gemerkt. Neid übernahm es endlich, sie über ihre Verblendung aufzuklären und das gefährliche Geheimnis zu entschleiern. Sie erhielt bald die unzweideutigsten Beweise von Mamonows Verrat. Wennschon sie sich durch diese Entdeckung auf das tiefste beleidigt fühlte, beobachtete sie dennoch Verstellung. Es war im Sommer 1789. Der Hof befand sich gerade in Czarskoje Selo, und die Tochter des Grafen Bruce, eine der reichsten Erbinnen des Reiches, wurde ihr eines Tages vorgestellt.

Katharina benutzte diese Gelegenheit und sagte zu Mamonow, sie wolle ihn mit der jungen Gräfin Bruce vermählen. Er bat sie, das nicht zu tun, und auf ihre Frage nach der Ursache seiner Weigerung gestand er endlich in großer Verwirrung, daß er bereits der Prinzessin Schtscherbatow Treue geschworen habe. Diese offene Erklärung entwaffnete den Zorn der Kaiserin. Die Verlobung der beiden Liebenden wurde dem Hofe sogleich bekannt gemacht, und schon einige Tage darauf wurden sie in der Kapelle des Palasts getraut. Graf Nikolaj Iwanowitsch Saltykow, Nikolaj Iwanowitsch Saltykow, General en chef, geb. 24. Oktober 1736, gest. 28. Mai 1816. der Gouverneur der beiden jungen Großfürsten Alexander und Konstantin, war im Auftrage der Kaiserin Zeuge der heiligen Zeremonie. Die beiden jungen Gatten begaben sich unmittelbar nach derselben nach Moskau. An Brautgeschenken gab die Kaiserin dem neugebackenen Ehemann einhunderttausend Rubel in bar, einen Ring für fünftausend Rubel und zweitausensiebenhundert Bauern in der schönen Statthalterschaft Nischni-Nowgorod. Ihre Verschwendung in dieser Hinsicht rechtfertigte Katharina für gewöhnlich mit Gründen finanzpolitischer Art. So sagte sie zum Fürsten Ligne, der sie Katharina den Großen zu nennen pflegte: »Meine angebliche Verschwendung ist Sparsamkeit; alles das bleibt im Lande und kommt eines Tages wieder an mich zurück.« Mémoires et mélanges ... par le Prince de Ligne, Paris 1827, Bd. II, S. 358; Masson, Bd. I, 3. Abt., S. 98.

An demselben Tage, an welchem Mamonow in Ungnade fiel, wurde Platon Subow Günstling, der bis dahin als Offizier bei der Garde zu Pferde gestanden hatte. Potiomkin vernahm das mit dem größten Ärger. Er schrieb der Kaiserin darüber und tat alles mögliche, um sie zur Verabschiedung ihres neuen Liebhabers zu bewegen. Aber von dem ersten Tage seiner Erhebung an hatte Subow es verstanden, Katharina so für sich einzunehmen, daß er keinen Nebenbuhler zu fürchten brauchte. Die Kaiserin antwortete Potiomkin, daß, solange sie keinen Anlaß habe, mit Subow unzufrieden zu sein, sie ihn nicht verabschieden könne. Potiomkin blieb jedoch bei seinem Verlangen. Er sagte eines Tages zu einem Offizier, den er mit Depeschen an die Kaiserin schickte: »Sage ihr, daß ich einen Zahn habe, der mir viel Schmerzen und Unruhe verursacht, und daß ich mich nicht eher zufrieden geben werde, als bis ich von demselben befreit sei.« Es war dies ein Wortspiel: das Wort »Sub(ow)« bedeutet im Russischen »Zahn«.

Der am 20. Februar 1790 eingetretene Tod Kaiser Josephs II., Folge einer fieberartigen Krankheit, welche er sich in den Sumpfgegenden der unteren Donau zugezogen hatte, verwandelte Österreich in eine mehr zuschauende als kriegführende Macht und verwies Katharina daher bei Bekämpfung der Ottomanen auf ihre eigenen Kräfte. Josephs Nachfolger Leopold II., Leopold ll., 1790–1792, geb. 5. Mai 1747. dessen erleuchtetem Geiste der ungewisse Besitz einiger Provinzen nicht die Gefahr der Nachbarschaft eines vergrößerten Rußlands aufwog, wünschte einen Krieg zu beenden, in welchen ihn der ungezügelte Ehrgeiz seines Vorgängers geworfen hatte. Er gab den Vorstellungen Preußens und noch mehr den Wünschen seines eigenen Landes bereitwillig nach, welches der ungerecht begonnene und unglücklich geführte Kampf verheert hatte, beeilte sich, sich von Rußland zu trennen, und schloß, nachdem in der Konvention zu Reichenbach der erste Schritt zur Annäherung geschehen war, einen Separatfrieden mit der Türkei.

Friedrich der Große lebte nicht mehr. Er hatte am 17. August 1786 sein taten- und ruhmreiches Leben beschlossen. Fünf Jahre waren bereits verstrichen, seit das Los aller Erdengeborenen auch ihn ereilt hatte. Aber ungeachtet er nicht mehr atmete, herrschte doch noch sein Geist im Kabinett zu Berlin. Einige Zeit bevor Leopold mit den Türken Frieden machte, hatte Friedrich Wilhelm II. Friedrich Wilhelm II., König von Preußen, 1786–1797, geb. 25. September 1744. beschlossen, denselben durch eine zu ihren Gunsten unternommene Diversion Luft zu schaffen. Um zuerst Österreich von Rußland abzuziehen, bedrohte er Böhmen. Katharina sah sich daher plötzlich in der Lage, nicht nur einen Bundesgenossen verloren zu haben, sondern auch von der Gefahr bedroht, durch einen neuen Feind angegriffen zu werden. Dieser Feind zog zwar nicht direkt sein Schwert gegen sie, reizte und beunruhigte sie darum aber nicht weniger. Er benutzte die unzufriedenen Polen, um durch sie Einfluß zu gewinnen und Rußlands Verlegenheit zu vergrößern. Thorn und Danzig waren die Ziele, die ihm in die Augen stachen. Aber er wollte sie lieber durch eine freiwillige Abtretung erlangen, als durch eine neue Verbindung mit Katharina. Der preußische Gesandte Girolamo Lucchesini, Marchese, geb. 7. Mai 1751, gest. 20. Oktober 1825, seit 1789 preußischer Gesandter in Warschau. mußte deshalb in Warschau versichern, daß es Friedrich Wilhelms Absicht sei, Polen seinen alten Glanz, Ruhm und seine Freiheit wiederzugeben und Europa gegen den Ehrgeiz der nordischen Barbaren zu schützen. Nachdem er den Abschluß eines Bündnisses zwischen Polen und Preußen vermittelt hatte, ließ dieses seine Armeen an die Grenzen rücken und bemächtigte sich endlich unter dem Vorgeben, sie verteidigen zu wollen, der Städte Danzig und Thorn.

Die Kaiserin sah ein, daß ihre Siege sie ruinierten, und daß ihre Eroberungen im Süden sie leicht die Provinzen verlieren lassen könnten, die sie in Polen besaß. So nahm sie denn die Vermittelung der Kabinette von London, Berlin und dem Haag an, die der Pforte die Friedensbedingungen der Kaiserin deklarierten und erklärten, daß, wenn der Diwan diese nicht annehmen werde, sie seine Sache verlassen und es ihm anheimgeben müßten, selbständig den Krieg gegen Rußland fortzusetzen.

Ein Kongreß, anfangs in Sistowa versammelt, wurde bald wieder aufgelöst. In Galatz, wo er später wieder zusammentrat, wurden endlich die Friedenspräliminarien vom Fürsten Repnin und dem Großwesir Jussuf unterzeichnet; der definitive Traktat folgte am 9. Januar 1792 in Jassy.

Dieser Frieden erregte in England und seinem Parlament große Mißstimmung, besonders weil er Rußland im Besitz Otschakows ließ und dadurch zum Herrn des ganzen östlichen Polens machte, sowie ihm einen günstigen Stützpunkt für fernere Unternehmungen gegen Konstantinopel gab. Gemäß diesem Traktat wurde der Dnjestr die Grenze beider Reiche. Die Privilegien der Moldau und Walachei wurden aufrechterhalten.

Österreich hatte während des Krieges, dem der Frieden von Jassy ein Ende machte, viermalhundertunddreißigtausend Soldaten verloren und dreihundert Millionen Gulden geopfert. Rußland verlor zweimalhunderttausend Menschen, fünf Linienschiffe, sieben Fregatten, achtzig andere kleinere Fahrzeuge und verausgabte dreihundert Millionen Silberrubel. Die Türken verloren dreimalhundertunddreißigtausend Menschen, sechs Linienschiffe, vier Fregatten, mehrere kleinere Fahrzeuge und brachten an Geldopfern zweihundertundfünfzig Millionen Piaster.

Potiomkin erlebte die Ehre nicht, den Frieden zwischen Rußland und der Pforte abzuschließen. Zwar hatte er sich noch zum Kongress nach Jassy begeben, war aber sogleich von dem dort herrschenden epidemischen Fieber ergriffen worden und konnte sich also nur wenig mit den Negoziationen beschäftigen. Das war ein Glück für die Türken, denn seine unbeugsame Hartnäckigkeit und sein stolzer Übermut hätten ihnen gewiß drückendere Bedingungen auferlegt, als sie sie wirklich erreichten. Ein deutlicher Beweis dafür war die Behandlung, die der Großwesir Jussuf von Potiomkin erfuhr. Jener ersuchte ihn nämlich, die äußere unwesentliche Form einiger Friedensbedingungen in etwas abzuändern, weil er sonst mit ihnen zugleich sein Todesurteil unterschreiben müßte. Potiomkin aber antwortete dem Großwesir, daß er zwar von der Richtigkeit seiner Auffassung überzeugt sei, jedoch die Bedingungen trotzdem nicht ändern würde.

Potiomkin hatte die berühmtesten und geschicktesten Ärzte aus Petersburg zu Rat gezogen, aber er beachtete ihre Vorschriften nicht, sondern überließ sich nach wie vor der ausschweifendsten Lebensweise. Bis zur Übertreibung unmäßig, aß er zum Frühstück mehrere Eier, große Portionen geräucherten Rindfleisches oder fetten Schinkens, trank eine Bouteille Wein oder Danziger Likör und dinierte später mit derselben Gier. Nicht seiner Unmäßigkeit, die allein daran Schuld war, sondern der Luft von Jassy schrieb er es zu, daß seine Krankheit sich fortwährend verschlimmerte. Er wollte dem nachteiligen Einfluß derselben durch einen Luftwechsel entgehen und beschloß daher, sich nach Nikolajew zu begeben. Am zweiten Tage seiner Reise, kaum drei Meilen von Jassy entfernt, befand er sich viel schlechter. Er stieg aus dem Wagen und gab mitten auf der Landstraße unter einem Baum seinen Geist auf. Er starb in den Armen einer seiner Nichten, der Fürstin Golitzyn, geborenen von Engelhardt, am 16. Oktober 1791 im Alter von fünfundfünfzig Jahren. Seine Leiche wurde von Jassy nach Cherson geführt und dort begraben. Die Kaiserin bewilligte die Summe von hunderttausend Silberrubeln zur Errichtung eines Mausoleums für ihn; dies Denkmal wurde indessen nicht errichtet, vielmehr ließ Kaiser Paul späterhin den Leichnam des Günstlings seiner Mutter aus dem Sarge reißen und in den Festungsgraben werfen. Alexander I. sorgte für seine Wiederbestattung.

In Petersburg behauptete man, Potiomkin sei an Gift gestorben. Aber bei der Leichenöffnung, die man in Jassy vornahm, ergab die Untersuchung des Magens und der Eingeweide nicht das geringste, was diesen Verdacht gerechtfertigt hätte.

Sobald der Riese gefallen, kritisierten die Zwerge, welche sich bei seinen Lebzeiten vor seinem Blick verkrochen hatten, mit scharfer Zunge seine geringsten Handlungen, ja sie schämten sich der Ehrfurcht, die er ihnen eingeflößt hatte. Sie konnten es gar nicht begreifen, wie ein Mann, der außer allen erdenklichen Lastern nichts weiter besessen hatte, als Kühnheit und Talent zu Intrigen, so lange das Reich und die Kaiserin hatte beherrschen können.

Potiomkin sah, seit er vom gemeinen Soldaten zum Günstling avanciert war, die Leidenschaft Katharinas mehrere Male wechseln, aber er verlor den Einfluß nicht, den er auf sie und ihre Handlungen ausübte. Er diente ihr mit Enthusiasmus, denn wie sie anfangs das Idol seines Herzens gewesen war, wurde sie später die Quelle seines Ruhms. Die Natur schien diese beiden seltenen Charaktere zu gegenseitiger Ergänzung erschaffen zu haben. In einem Briefe Potiomkins an Katharina heißt es: »Wundere Dich nicht, daß ich mich wegen unserer Liebe beunruhige. Außer Deinen zahlreichen Wohltaten mir gegenüber hast Du mich auch in Dein Herz eingeschlossen. Ich will da einer sein, der höher steht als alle früheren!« Dazu hat Katharina die Randbemerkungen gemacht: »Sei ruhig!« und »Fest und sicher bist du das und wirst es sein!« Memoiren Katharinas II. Inselverlag, Bd. II, S. 336. Als Liebe sie nicht mehr vereinigte, banden sie Ehrgeiz, Politik und Freundschaft, und seit dieser Zeit waren die Geliebten der Kaiserin kaum etwas anderes, als die Lustdirnen Potiomkins.

Seine Würden, sein Ansehen und seine Reichtümer nahmen unaufhörlich zu. Fast alle Regenten Europas überhäuften ihn mit Gunstbeweisen, ohne daß er dafür dankbar gewesen wäre: er schmückte sich mit ihren Orden und nahm ihre Geschenke als schuldige Tribute an. In seinen Kriegs- oder Friedensplänen wurde er nur von seinem Ehrgeiz und seiner Habgier geleitet und war daher von fremden Mächten zu erkaufen.

In seinem Ehrgeize war er unbeständig und launisch, da der höhere Zweck des Staatswohls ihm fremd war, und er nichts als äußeren, die Augen der Menge blendenden Glanz erstrebte, mit dem er sich bedeckte, während er sich den Anschein gab, als verachte er ihn. Seine Pläne wurzelten darin, Herzog von Kurland und König von Polen zu werden, und erst, als er diese Regenten eine untergeordnete Rolle spielen sah, kam er auf den Gedanken, die Ottomanen aus Europa zu vertreiben und aus den Trümmern ihres Reichs und aus griechischen Elementen neue Reiche zu bilden, deren eines er zu erlangen oder doch in Katharinas Namen zu beherrschen hoffte.

Von dem ersten Augenblick seiner Gunst und Gewalt an behandelte er alle, die ihm nahten, auf despotische Weise. Er allein wollte der Mächtige sein und wußte dies mit rohem Übermut zu zeigen, indem er jeden durch Verdienst, Geburt oder Reichtum Ausgezeichneten durch Grobheit niederhielt und ohne Rücksicht auf Rang die Eingeborenen mit Worten und Schlägen mißhandelte. In einem einfachen, oft schmutzigen Schlafrock und mit nackten Beinen auf einem Sofa ausgestreckt, empfing er die Würdenträger des Reichs, angesehene Fremde, auswärtige Gesandte, die ihm ihren Besuch machten, und hörte die Vorträge derselben mit dem Stolz eines Herrschers an.

Bis zum Überdruß gesättigt durch sinnlose Lust, sah Potiomkin seine Größe darin, sich alles zu erlauben, und fand nur noch Erholung und Ermunterung in den Aufregungen des Spiels. Nichts konnte er sich versagen, und mit grenzenloser Vergeudung der Staatsgelder, mit mutwilliger Aufopferung des Lebens anderer Menschen suchte er jede Laune des Augenblicks zu befriedigen. Wir zeigten schon, bis zu welchem Grade von Niedrigkeit ihn seine Habsucht fortriß. Obschon ihm die Monarchin jeden Wunsch erfüllte und die Summen, welche sie ihm schenkte, allen Glauben überstiegen, scheute er sich doch nicht, Gelder, die ihm für andere Zwecke anvertraut waren, zu behalten, ja er erdichtete sogar Zahlungsbefehle der Kaiserin an die Kassen, um Gelder an sich zu reißen, deren er für seine zeitweise an Wahnsinn grenzende Verschwendung bedurfte, oder die er der Leidenschaft des Spiels opferte.

Als er sich eines Tages in Mohilew befand, wo Passek der wegen seiner Beteiligung an der Entthronung Peters III. zum Kommandanten ernannt war, Bank hielt, pointierte er ungemein hoch. Passek suchte durch das Schlagen einer Volte die ihm ungünstige Karte wegzuschaffen. Potiomkin merkte es, faßte Passek beim Kragen und prügelte ihn tüchtig durch. Alle, die Zeugen dieses eklen Vorfalls waren, glaubten Passek verloren. Aber er hatte eine Tochter, die Kammerfräulein bei der Kaiserin und sehr schön war. Dies genügte, um ihm bei Katharina sowohl als bei Potiomkin Gnade auszuwirken.

Gegen die Kaiserin selbst bewies Potiomkin solchen Trotz, daß man sogar erzählte, er habe seine Gebieterin zu schlagen gewagt. Gewiß ist, daß er sich ihren Wünschen oft widersetzte und geflissentlich das Gegenteil tat. Dagegen täuschte er sie wieder durch kühne Schmeicheleien, wie sie nur dem phantastischen Sinn des gebildetsten Hofmannes entspringen können. Katharina wußte übrigens recht gut, wie sie mit ihm dran war. Aber sie stellte sich, als merke sie seine Schwächen und Fehler nicht: ein Opfer ihres ersten Vertrauens, ließ sie ihn schließlich aus Gewohnheit im Besitz desselben, bis sie es für gefährlich halten mußte, es ihm wieder zu entziehen. Nachdem sie ihn gebraucht hatte, um die Prätensionen Grigorij Orlows zu bekämpfen, wußte er sie in der Meinung zu erhalten, daß er für ihre Sicherheit unentbehrlich sei. Sie sah in ihm nur den entschlossenen, vor nichts zurückschreckenden Mann, der durch Gewalt und Kühnheit jeden Gedanken an Widerstand niederschlug. Der Großfürst, den die Kaiserin fürchtete, Graf Panin und die Ersten der Nation haßten Potiomkin, aber gerade in diesem Haß wurzelte der Einfluß, ja die in den letzten Jahren unumschränkte Macht des Günstlings, vor welcher selbst die Kaiserin zitterte.

Potiomkins Charakter bildete ein Gemisch der heterogensten Eigenschaften. Er war eitel und verwegen, großartig und kleinlich, hochfahrend und schmeichlerisch, offen und falsch, verschwenderisch und geizig, roh und wieder Bildung und Künste fördernd (die Musik liebte er so, daß er stets achtzig Musiker in seinem Gefolge hatte). Natürlich ist er deswegen auf die verschiedenste Weise beurteilt worden. Einige erblickten in ihm einen außerordentlichen Menschen, dessen Fehler nur als Mißverhältnisse seiner an sich großen Eigenschaften anzusehen wären. Andere dagegen sahen in ihm nur einen gemeinen Menschen ohne jeden sittlichen Halt und nur von außerordentlichen Umständen begünstigt, in großen Verhältnissen wirken zu können. Der preußische Gesandte, Graf Görtz, Johann Eustach Graf von Schlitz, genannt von Görtz, geb. 5. April 1737, gest. 7. August 1821, 1779–85 Gesandter in Petersburg. sagt von ihm: »C'est un homme, qui a du génie et des talents, mais dont l'esprit et le caractère n'invitent pas à l'aimer ni à l'estimer.«

Graf de Ségur, der französischer Gesandter am Hofe Katharinas II. war, hat folgendes Porträt des allmächtigen Günstlings geliefert:

»Fürst Grigorij Alexandrowitsch Potiomkin war einer der außerordentlichsten Männer seines Jahrhunderts; um aber eine so merkwürdige Rolle spielen zu können, als er sie wirklich gespielt hat, mußte er in Rußland geboren sein und zur Zeit der Regierung Katharinas und an ihrem Hofe gelebt haben. In jedem anderen Lande, zu jeder anderen Zeit und unter jedem anderen Souverain würde er nicht am Platze gewesen sein; aber der Zufall schuf diesen Mann gerade in dem Zeitabschnitt der für ihn der passendste war. Er rief alle notwendigen Umstände hervor und vereinte in seiner Person auch die sich widersprechendsten Mängel und Vorzüge. Er war geizig und verschwenderisch, despotisch und volkstümlich, hart und mitleidig, hochmütig und demütig, liederlich und abergläubisch, kühn und feige, verschlossen und indiskret. Freigebig gegen seine Verwandten und seine Mätressen, bezahlte er oft seine Gläubiger nicht. Sein Kredit beruhte stets auf einem Weibe, – und diesem Weibe war er immer untreu. Nichts konnte mit der Lebendigkeit seiner Seele oder der Leichtigkeit seines Körpers verglichen werden. Keine Gefahr vermochte seinen Mut herabzustimmen, keine Schwierigkeit die Ausführung eines Planes zu verhindern; aber der Erfolg desselben mißfiel ihm oft.

»Er ermüdete das Reich durch die Menge seiner Ämter und durch seine grenzenlose Macht. Er selbst war aber unter der Schwere seines Daseins ermattet, beneidete dennoch alles, was er nicht selbst tat, und ermüdete bei allem, was er unternahm. Er wußte weder die Ruhe zu schätzen, noch einen Genuß aus seinen Beschäftigungen zu ziehen. Alles an ihm war schwankend, Arbeit, Vergnügen, Charakter und Haltung. In der Gesellschaft zeigte er sich mit verlegener Miene, und seine Gegenwart fiel jedermann beschwerlich. Er versprach immer, hielt selten und vergaß nie. Niemand hatte weniger gelernt als er; aber wenige waren vielwissender. Niemand hatte es besser verstanden als er, im Gespräch mit anderen Männern, die in allen Beschäftigungen, Wissenschaften und Künsten bewandert waren, sich das Wissen derselben anzueignen. Er überraschte in der Konversation oft Schriftsteller, Fachgelehrte, Künstler und selbst Theologen. Seine Gelehrsamkeit war keine tiefe, aber eine umfassende.

»Die Verschiedenheit seiner Launen machte sein Verlangen, sein Betragen und seine Lebensweise bizarr. Er baute prächtige Paläste, wollte sie aber meist schon wieder verkaufen, noch ehe sie halb fertig waren. Eines Tages träumte er nur von Krieg und war allein von Offizieren, Tartaren und Kosaken umgeben. Am folgenden Tage dachte er nur an Politik und wollte alle Kabinette Europas in Bewegung setzen. Dann wieder zu einer anderen Zeit beschäftigte er sich mit dem Hofe und dessen Intriguen, schmückte sich mit allen möglichen Ordensbändern, strahlte von Brillanten und gab ohne Veranlassung üppige Feste. Und wieder zu einer anderen Zeit sah man ihn einen ganzen Monat hindurch jeden Abend bei einem jungen Mädchen in der Stadt verbringen und alle Staatsangelegenheiten und jeden Anstand vergessen. Während mehrerer Wochen schloß er sich dann wieder in seinen Zimmern ein, auf einem Sofa liegend und Schach oder Karten mit seinen Schwestertöchtern spielend. In einen schmutzigen Schlafrock gekleidet, ohne Halstuch, mit dunkler Stirn und zusammengezogenen Augenbrauen, stellte er denen, die ihn besuchten, das Bild eines groben und unsaubern Kosaken dar.

»Alle diesen Eigenheiten mißfielen oft der Kaiserin, machten ihn ihr aber um so pikanter. Solange er jung war, hatte er sie durch sein feuriges Temperament und seine männliche Schönheit eingenommen, im reiferen Alter gefiel er ihr noch, indem er Katharinas Stolz schmeichelte, ihre Furcht stillte, ihre Macht befestigte und ihre Träume von einem orientalischen Reich und der Vertreibung der Barbaren aus Europa unterhielt.

»Mit achtzehn Jahren Unteroffizier, bewog er an dem Revolutionstage Potiomkin war 1736 geboren und damals also sechsundzwanzig Jahre. Auch Katharina spricht irrtümlicherweise von einem »Unteroffizier von siebzehn«. Memoiren Katharinas II., Inselverlag, Bd. II, S. 328. die Schwadron der Garde zu Pferde, in welcher er diente, zu den Waffen zu greifen. Bald der Nebenbuhler Orlows, tat er für seine Herrscherin alles, was eine romantische Leidenschaft eingeben kann. Von dem erwähnten Rivalen verjagt, suchte er den Tod auf dem Schlachtfelde, begegnete aber nur der Ehre auf demselben. Als glücklicher Liebhaber gab er seine heuchelnde Rolle auf und suchte selbst nach neuen Liebhabern, die er der Kaiserin zuwandte, und wurde ihr Vertrauter, ihr Freund, ihr General und ihr Minister.

»Potiomkin starb plötzlich in der Moldau, und, wie man ein leuchtendes Meteor bald mit einem flüchtigen Glanze verschwinden sieht, so folgte auch ein tiefes Vergessen der Erscheinung Potiomkins. Dieser Despot, welcher alles anfing, ohne irgend etwas zu vollenden, hatte die Finanzen zerstört, die Armeen desorganisiert, das Land ruiniert und mit neuen Wüsten bereichert; doch der Ruhm der Kaiserin nahm durch ihre Eroberungen zu, – die Bewunderung fiel auf sie zurück, aber der Haß auf ihre Minister. Die Nachwelt, stets gerechter als die Zeitgenossen, wird sie jedoch mit gleichem Maße messen. Sie wird Potiomkin nicht groß nennen, aber ihn nichtsdestoweniger immer als einen außerordentlichen Mann erwähnen; und wenn man ihn wahrheitsgetreu schildern will, kann man ihn als ein wirkliches Emblem, als ein lebendes Bild des Russischen Reiches darstellen.

»Er war kolossal, wie es Rußland selbst ist. Er zeigte, wie dieses, Kultur und Barbarei; man sah in ihm den Asiaten und Europäer, den Tartaren und Kosaken, die Roheit des elften Jahrhunderts und die Verderbtheit des achtzehnten. Oberflächlichkeit in Wissenschaft und Kunst – und klostergleiche Unwissenheit; einige äußere Spuren von Zivilisation, aber noch mehr von Barbarei; und man kann sagen, daß auch sein eines offenes und sein anderes geschlossenes Auge an das immer offene und stürmische Schwarze Meer und an das stillere eisbedeckte Weiße Meer erinnerten.«

Dieses Porträt kann gigantisch erscheinen; aber diejenigen, die Potiomkin kannten, mußten bezeugen, daß es ihm unverkennbar glich. Er hatte große Fehler; aber ohne diese hätte er nicht herrschen können, weder über die Selbstherrscherin noch über ihr Land. Der Zufall machte ihn, wie er sein mußte, um über eine so außerordentliche Frau, wie Katharina II. sie war, herrschen zu können.

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