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Russische Hofgeschichten II

Magnus Crusenstolpe: Russische Hofgeschichten II - Kapitel 7
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authorMagnus Jacob Crusenstolpe
titleRussische Hofgeschichten II
publisherGeorg Müller
year1917
editorJoachim Delbrück
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VI.

Ein Sohn Orlows und Katharinas. – Schutz der Jesuiten in Rußland. – Einfall der Russen in Taurien. – Panins und Grigorij Orlows Tod. – Die Beziehungen Rußlands zu Persien, China und Japan. – Lanskojs Tod. – Jermolow wird Günstling. – Das Toleranz-Diner. – Mamonow wird Nachfolger Jermolows. – Katharina kauft die Bibliothek Voltaires.

Alexander Lanskoj

Schon seit geraumer Zeit hatten sich Grigorij und Alexej Orlow vom Hofe ferngehalten. Sie erschienen plötzlich wieder an demselben, wurden jedoch beinahe wie Fremde aufgenommen. Beide hatten sich während dieser Zeit vermählt, Grigorij mit seiner jungen Kusine Sinowiew, einem Hoffräulein der Kaiserin. Er konnte jedoch den Anblick seines allmächtigen Rivalen nicht vertragen und entfernte sich von neuem.

Damals kam Bobrinskij an den Petersburger Hof. Dieser geliebte Sohn, Er war am 18./29. April 1762 geboren. Gleich nach seiner Geburt nahm der Kammerdiener Schkurin den Knaben zu sich und erzog ihn, bis er in die Kadettenakademie kam. Um diese Zeit war es schon unter der Hand bekannt, daß er ein Sohn der Kaiserin sei. Katharina selbst gab die Veranlassung zu dieser Publizität. Seinen Namen erhielt Bobrinskij von der Herrschaft Bober oder Bobrin in Rußland, die man für ihn kaufte, überdies wurde noch eine Million Rubel für ihn auf der Leihbank in Petersburg deponiert. Im April des Jahres 1782 verlieh die Kaiserin ihm ein besonderes Wappen. Dieses war dadurch bemerkenswert, daß darin Teile vom anhaltischen (Katharinas eigenem) und vom russischen Reichswappen enthalten waren. Vgl. Helbig, Russische Günstlinge, S. 193. Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 202. den die Kaiserin mit Grigorij Orlow erzeugt hatte, schien von ihr zu den höchsten Würden des Reichs bestimmt. Aber lasterhafte Neigungen, die er in der Kadettenakademie eingesogen und entwickelt hatte, verhöhnten die Zärtlichkeit der Kaiserin und machten die mütterliche Sorgfalt zuschanden, mit der sie über seiner Erziehung gewacht hatte.

Als Bobrinskij seine Studien beendet hatte, wollte ihn Katharina einem Manne anvertrauen, dessen Aufgeklärtheit, Gelehrsamkeit und Weisheit ihn solchen Vertrauens würdig machte. Um diesen Mann zu finden, wandte sie sich an J. J. Betzkij, einen ihrer eifrigsten Schmeichler.

Betzkij war auf die Beförderung seiner Familie bedacht, und da er meinte, daß der natürliche Sohn Katharinas seinen Gouverneur notwendigerweise mit Glückgütern überhäufen würde, so versicherte er der Kaiserin, daß der Oberstleutnant Ribas, sein Schwiegersohn, ihm besonders zu diesem Posten geeignet scheine. Die Kaiserin glaubte das, Bobrinskij wurde unter die Vormundschaft Ribas gestellt und, jung und gelehrig, durch ihn bald in die verderbten Sitten und Liederlichkeiten eingeweiht, Grimm, dem die Kaiserin während seines Aufenthalts in Petersburg 1776/77 den Vorschlag gemacht hatte, die Erziehung Bobrinskijs zu übernehmen, lehnte diese Ehre ab. Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 101/02. denen dieser selbst sich schamlos überließ.

Bobrinskij

Nach einiger Zeit wünschte Katharina, daß Bobrinskij Frankreich und England bereisen solle, und gab ihm den Oberst Buschujew zum Begleiter, welcher seinen Eleven jedoch, da er ihn weder bessern noch seine Ausschweifungen ertragen konnte, in Paris verließ, wo er mit einem öffentlichen Mädchen zusammenlebte, Er teilte darin nur den Geschmack der übrigen in Paris lebenden Ausländer. Der bekannte Vonvisin, der die Seinestadt 1778 besuchte und ausführlich beschrieb, sagt: »Es herrscht hier gar keine Ordnung in betreff der Einteilung der Zeit; der Tag wird zur Nacht und die Nacht zum Tage gemacht. Spiel und le beau sexe nehmen jede Minute in Anspruch. Wer nicht jeden Augenblick sich der Gefahr unterzieht, Vermögen und Gesundheit zu verlieren, wird hier ein Philosoph genannt. Von Russen kann ich kühn behaupten, gibt es nur zwei Philosophen. Alle übrigen leben auf französische Art, wovor uns Gott behüte. Morgens sehr spät aufstehend, zieht der männliche Teil einen Frack mit einem Kamisol an. Ganz unordentlich gekleidet, läuft er ins Palais Royal, wo, eine Masse Loretten findend, er eine oder mehrere mit sich zum Mittagessen nimmt. Diese unnütze Begleitung führt er für seine Rechnung ins Theater, nach dem Theater aber nimmt er seine Lorette mit nach Hause und verliert sein Geld und seine Gesundheit unwiederbringlich. Zwei Dinge ziehen die jungen Leute hierher: Theater und Lorette. Nimmt man ihnen diese beiden Anziehungspunkte, so würden zwei Drittel der Ausländer sofort Paris verlassen.« Ebendaselbst. S.204/205. und allein nach Petersburg zurückkehrte. Bobrinskijs Leichtsinn erschöpfte die Geduld der Kaiserin. Sie beschloß, die Beziehungen zu ihrem Sohn und Betzkij abzubrechen, und befahl dem russischen Gesandten in London, Grafen S. Woronzow, Bobrinskij nach Rußland zu schicken. Als letzterer im April 1788 an der Grenze eintraf, wurde ihm der Befehl erteilt, sich nach Reval zu begeben. Ebendaselbst, S. 207/208.

Während ihrer Reise nach Mohilew hatte die Kaiserin bemerkt, daß die Bewohner von Weißrußland sich nicht nur zum römischen Katholizismus bekannten, sondern auch den Jesuiten große Verehrung bewiesen. Es für wenig gefährlich haltend, diese Mönche in einem Winkel ihrer weit ausgedehnten Staaten leben zu lassen, und im Gegenteil erkennend, wie vorteilhaft es sei, der öffentlichen Meinung ihrer neuen Provinzen zu schmeicheln, ernannte sie Sestrenzewitsch-Bogusch zum römisch-katholischen Bischof von Mohilew und gab ihm einen Jesuiten, mit Namen Benilawskij, zum Koadjutor. – Ebenso erlaubte sie daselbst ein Jesuitenseminar zu errichten, dessen Leitung sie dem Pater Gabriel Denkiewitsch anvertraute, der zum Generalvikar seines Ordens ernannt wurde.

Benilawskij wurde bald darauf als Gesandter des russischen Hofes nach Rom gesandt. Er hielt bei Pius VI. Giovanni Angelo Braschi, als Papst Pius VI. 1775–1799, geb. 27. Dezember 1717. um Wiederherstellung der Jesuitengesellschaft an und stellte ihm ein Schreiben der Kaiserin zu, welches sie allerdings mit Rücksicht auf die griechisch-orthodoxen Christen in der Gazette de Petersbourg vom 21. April 1783 ableugnete, das jedoch nichtsdestoweniger eigenhändig von ihr aufgesetzt sein soll. Es lautete:

»Ich weiß, daß Eure Heiligkeit durch mein Verlangen in Verlegenheit geraten werden; aber Zweifel oder Furcht gehören nicht zu Ihrem Charakter, und gegen Ihre Würde muß die Politik im Kampfe unterliegen, so oft dieselbe die Religion verletzt. Das ist aber jetzt nicht der Fall. Die Motive, durch welche ich veranlaßt werde, den Jesuiten meinen Schutz angedeihen zu lassen, sind auf die Gerechtigkeit gegründet und auf die Hoffnung, daß sie meinen Staaten nützlich werden sollen. Dieses verfolgte Häuflein stiller und unschuldiger Männer soll in meinem Reiche leben, weil es unter allen römisch-katholischen Ordensgesellschaften die dienlichste ist, um meine Untertanen zu unterrichten und neben wahrhaft menschlichen Gefühlen auch die allein wahren Prinzipien der christlichen Religion einzuflößen.

»Ich habe beschlossen, diese Geistlichen, gegen welche Macht es auch immer sei, zu beschützen und zu unterstützen, und erfülle darin nur meine Schuldigkeit, da ich jetzt die Regentin derselben bin und sie für nützliche und treue Untertanen ansehe. Ich verlange um so mehr vier derselben mit dem Rechte bekleidet zu sehen, in Moskau und Petersburg die Beichte zu hören und zu konfirmieren, als die beiden römisch-katholischen Kirchen dieser Städte ihrer Obhut anvertraut sind. Wer weiß, ob nicht die Vorsehung diese frommen Leute zu den Werkzeugen ausersehen hat, um die so lange gewünschte Vereinigung zwischen der griechischen und römischen Kirche herbeizuführen? – Möchten doch Eure Heiligkeit alle Furcht verbannen; denn ich will mit meiner ganzen Macht die Rechte verteidigen, die Sie von Gott empfangen haben.«

Der französische und spanische Ambassadeur, die mit Erstaunen einen russischen Gesandten in Rom akkreditiert sahen, suchten zu entdecken, was der eigentliche Gegenstand der Negoziationen desselben sein möchte. Pius VI. entdeckte es ihnen endlich selbst und fragte sie um Rat, welche Antwort er erteilen solle. Die Gesandten holten sich nun Instruktionen von ihren Höfen ein, die sich aber beide nicht öffentlich mit dieser Angelegenheit befassen wollten. Der Papst teilte darauf beiden Ambassadeuren ein Manifest mit, welches alles bisher Festgestellte, als gegen die von Clemens XIV. Giovanni Vincenzo Antonio Ganganelli, als Papst Clemens XIV. 1759-1774, geb. 31. Oktober 1705. betreffs der Jesuiten gegebenen Verordnungen streitend, aufhob. Zur selben Zeit sandte er den Nuntius Archetti nach Petersburg, welcher in Mohilew den Erzbischof und Koadjutor weihte und im Namen des Papstes alles bewilligte, was Katharina verlangte. Zur Belohnung für seine Bereitwilligkeit verlangte und erhielt Katharina für Archetti den Kardinalshut.

Die Kaiserin legte deshalb so großes Gewicht auf diese Unterhandlung, weil sie hoffte, daß alle Jesuiten Europas und Amerikas ihre Schätze und ihre Industrie sogleich nach Weißrußland bringen würden. Aber diese Hoffnung schlug fehl, denn nichts von dem reichen Ertrage Paraguays kam nach Mohilew. Die Jesuiten waren zu schlau, um sich und ihre Reichtümer einer Herrscherin anzuvertrauen, deren Despotismus und Habgier sie kannten.

Die Kaiserin vollendete endlich die Einteilung ihrer Provinzen und führte in ihnen die Reglements ein, die sie früher schon für die Gouvernements Twer und Smolensk gestiftet hatte. Jedes Jahr ihrer Regierung war durch Eroberungen oder neue Einrichtungen gezeichnet.

Das Jahr 1782 zeichnete sich durch die Enthüllung und Einweihung der berühmten Statue Peters des Großen aus, eines Werkes, in welchem das Genie Falconets Maurice Etienne Falconet, geb. 1716, gest. 4. Januar 1791. Katharinas Absichten in glücklicher Weise unterstützte.

Der Künstler griff die Idee auf, Peters Standbild auf einen rohen, zerklüfteten, unbehauenen Granitblock zu stellen, ein emblematisches Piedestal, welches die Nachwelt an die Unwissenheit und die Hindernisse erinnern sollte, die der Gesetzgeber Rußlands zu überwinden hatte, um zu seinem großen Ziele zu gelangen.

Ein so neuer und erhabener Gedanke konnte nicht anders als Beifall finden, und unverzüglich begann man nach einem Felsblock zu suchen, dessen Masse und Form der Größe des Projekts entspräche.

Der Zufall, der das Genie so oft begünstigt, kam Falconet zu Hilfe. Mitten in einem Sumpf, nahe bei einem Dorfe in Karelien und nicht weit von einem Hafen, den der finnische Meerbusen bildete, fand man einen völlig isoliert stehenden Felsblock, der sich einundzwanzig Fuß über den Erdboden erhob und in der Länge zweiundvierzig Fuß und in der Breite vierunddreißig Fuß maß.

Man beeilte sich das Erdreich rund herum abzutragen und entdeckte mit Erstaunen, daß es ein großer Steinblock war, der nicht mit einem anderen Felsen zusammenhing, sowie auch, daß in dem ganzen Sumpf keine Steine weiter zu finden waren, daß die Natur also gleichsam durch ein Wunder das, was man suchte, hierhergeschafft hatte.

Es schien jedoch fast unmöglich, eine so ungeheure Masse nur zu heben, geschweige denn von der Stelle zu bringen: man schätzte das Gewicht derselben auf drei Millionen und zweimalhunderttausend Schiffspfund.

Alle bedeutenden Mechaniker Petersburgs wußten nur unzureichende Mittel anzugeben, um diesen Koloß zu bewegen; endlich machte ein einfacher Schmied den sinnreichen Vorschlag, unter dem Felsen dicke Balken von Eichenholz anzubringen, welche eine Rinne bilden sollten, die dann mit Kanonenkugeln auszufüllen sei, und darauf durch Winden und Spillen, durch Menschen- und Pferdekräfte in Bewegung gesetzt, mit starken Kabeltauen und Ketten, den Steinblock auf die Kugeln zu ziehen. Dies Mittel glückte schon bei dem ersten Versuch auf das vollständigste, und ungeachtet der Sumpf, in welchem der Fels gefunden worden war, elf Werst von Petersburg entfernt war, und trotz des Umstandes, daß er über Anhöhen, auf gekrümmten und ungebahnten Wegen und über Bäche und Schluchten hinweggeschafft werden mußte, um endlich in eine besonders dazu konstruierte Fähre auf die Newa gebracht zu werden, erreichte er schließlich doch glücklich den Ort seiner Bestimmung.

Eine Seite des Felsens war vom Blitz getroffen, und als man den Meißel anwendete, um die schadhaften Teile wegzunehmen, sah man, daß er nicht aus einem homogenen Stoff bestand, sondern ein Konglomerat vieler kostbarer Steinarten war, wie Bergkristall, Achat, Granit, Topas, Karneol, Granat, Amethyst und dergleichen mehr. Viele der vornehmsten und elegantesten Damen des Petersburger Hofes machten es zur Modesache, sich mit Arm- und Halsbändern zu schmücken, deren Steine diesem merkwürdigen Felsblock entnommen waren.

Peter der Große ist auf dem Standbilde mit der römischen Toga bekleidet und hat den Kopf mit einem Lorbeerkranz geschmückt. Das Pferd, auf welchem er sitzt, scheint sich zu bäumen, und beide Vorderfüße sind wie zum Sprunge in die Luft gestreckt. Mit den Hinterfüßen tritt es auf eine bronzene Schlange, das Symbol des Neides. Diese Schlange, in den wehenden Schwanz des Pferdes beißend, sichert das Gleichgewicht der Statue.

Der Kopf, von einer bewundernswürdigen Schönheit, ist von Mademoiselle Collot modelliert, welche später Falconets Schwiegertochter wurde.

Auf der einen Seite des Piedestals liest man die lateinische Inschrift:

»Petro primo, Catharina secunda, 1782.«

Auf der anderen Seite dieselbe Inschrift in russischer Sprache:

»Petru pervamu, Ekaterina vtoraia, 1782.«

Kurze Zeit darauf stiftete Katharina den Sankt Wladimirsorden zur Belohnung für diejenigen ihrer Untertanen, welche mit Auszeichnung in einem Zivilamt gedient hatten. Schon früher hatte sie den St. Georgs-Militärorden eingesetzt, dessen großes Band lediglich Generalen verliehen wird, die eine Schlacht gewonnen haben. Unleugbar ist, daß die Hoffnung auf diese Belohnung Rußland manche Siege erworben hat, und niemand hat es vielleicht besser begriffen, als Katharina, wie sehr glänzende Dekorationen imstande sind, den Ehrgeiz anzureizen und zu stacheln.

Rußland sah die Vorteile, welche ihm aus seinen letzten Eroberungen erwachsen waren, in überraschender Schnelle zunehmen. Sein Handel auf dem Schwarzen Meere machte unaufhörliche Fortschritte. Russische Schiffe segelten durch die Dardanellen und brachten ihre Produkte nach Aleppo, nach Smyrna und in alle italienischen Häfen, wo sie dieselben im Detailhandel absetzten. Griechische Weine wurden als Rückfracht genommen, in Weißrußland eingeführt und überschwemmten von dort aus ganz Polen.

Katharina hatte den Grund zu der Stadt Cherson an den Ufern des Dnjeprs legen lassen, und Potiomkin betrieb die Arbeiten zum Aufbau derselben mit unglaublicher Schnelligkeit. Man sah ihn oft im Fluge von Petersburg an die Ufer des Dnjepr eilen und in kürzerer Zeit wieder nach Petersburg zurückkehren, als man sonst gewöhnlich zu einer Reise nach Moskau und zurück zu gebrauchen pflegte. Die alte Stadt Cherson hatte einige Meilen südwestlich von dem Ort gelegen, wo die Russen Stadt und Festung Sebastopol angelegt hatten. Das neue Cherson, welches 1778 aufgeführt wurde, liegt an der Mündung des Dnjepr. Die Stadt zählte bald vierzigtausend Einwohner, und von den Werften derselben gingen nicht nur Handelsfahrzeuge, sondern auch Kriegsschiffe aus, in der Absicht, das Ottomanische Reich zu bedrohen.

Diese Erfolge belebten den Ehrgeiz der Kaiserin und Potiomkins noch mehr. Sie wünschten beide mit gleich großem Eifer die Eroberung eines Landes, ohne welches sie ihre weiteren, auf eine nicht allzu entfernte Zukunft verschobenen Pläne gegen die osmanische Herrschaft nicht ausführen konnten. Dieses so wichtige Gebiet, das Katharina zum Schemel dienen sollte, um zu einer gewaltsamen Kraftanstrengung festen Fuß zu fassen, war die Halbinsel Krim.

Sobald Katharina dieses Land von der Türkei losgerissen hatte, beschloß sie es sogleich zu unterwerfen und Rußland für ewige Zeiten einzuverleiben. Sie hatte Schahingerai Schahingerai, der zweiundfünfzigste Chan. Vgl. Hammer-Purgstall, Geschichte der Chane der Krim, Wien 1856, S. 232ff. nur deshalb zum Chan der Krim erhoben, um in ihm ein Werkzeug ihrer Interessen zu besitzen, das freilich auch bald genug ein Opfer derselben werden sollte. Sie überhäufte ihn mit Wohltaten, um ihn desto sicherer opfern zu können. Die Tartaren im allgemeinen hegten einen Abscheu vor den Russen, ihren Gebräuchen und ihrer Regierung. Der Chan aber, ein milder, schwacher und offener Charakter, war weit davon entfernt, den Absichten der Kaiserin zu mißtrauen. Man hatte ihm die Gunst des Hofes zu kosten gegeben, hatte ihm Geschmack an europäischen Moden eingeimpft und wußte ihn durch Begünstigungen mancherlei Art zu bestechen; man verweichlichte seinen Charakter durch ungewohnte Vergnügungen und durch die Genüsse des Luxus. Er verachtete bald die einfachen Sitten seiner Väter und seines Landes, nahm einen russischen Koch an und ließ ihn seine Mahlzeiten auf Schüsseln anrichten, die er dann mit Messern und Gabeln von Tellern verzehrte. Statt zu reiten, wie seine übrigen Landsleute, fuhr er in einer eleganten Berline. Nicht bedenkend, daß er sich erniedrige und immer mehr in Abhängigkeit gerate, verlangte der unglückliche Fürst einen Rang und Titel in der russischen Armee, und die Kaiserin ernannte ihn bereitwillig zum Oberstleutnant bei der Preobrashenskij-Garde, deren Uniform sie ihm zugleich mit dem Bande des St. Andreasordens übersandte. Wassilitskij und Konstantinow, zwei russische Agenten, oder vielmehr besoldete Spione, die man als Gesandte an den Hof des Schwächlings sandte, waren nacheinander die Ratgeber des leichtgläubigen Chans und also diejenigen, welche am meisten zu seinem Sturze beitrugen, indem sie ihn fortwährend zu Fehltritten und Frivolitäten, Barbareien und närrischen Schritten fortrissen und so in den Augen seiner Untertanen herabsetzten. Sie flößten ihm, der schon auf seinem Thron wankte, den Gedanken ein, sich eine Marine zu schaffen, um das Schwarze Meer zu beherrschen. Und während das bedeutende Anwachsen der Ausgaben schon lautes Murren hervorrief, hörte der russische Gesandte in seiner Doppelintrige nicht auf, gleichzeitig die Torheiten des Chans und die Verschwörungen der Myrzas zu ermutigen. Die Tartaren verurteilten seine Lebensweise und seine russischen Sympathien mit lauter Stimme, aber in alter Stammesanhänglichkeit und Erinnerung seiner persönlichen Milde und früheren Gerechtigkeit, schrieben sie seine Verirrungen mehr auf Rechnung der ihn umgebenden Christen, als auf die seinige.

Indessen bedurften die Russen eines Vorwandes, um ihre Truppen in der Krim einrücken lassen zu können. Sie suchten deshalb durch Aufwiegelung der Volksmasse und wirkliche Aufstände den Chan zu veranlassen, ihren Schutz zu verlangen und sich ihnen gänzlich zu überliefern. Geld, Versprechungen und heimlich mitgeteilte Ratschläge ihrer Emissäre erweckten dem sorglosen Chan bald gefährliche Feinde, und zwar im Schoß seiner eigenen Familie. Zwei seiner Brüder, von welchen der eine, mit Namen Behadirgerai, Gouverneur von Kuban war, überrumpelten ihn in der Stadt Kaffa und zwangen ihn, nach Taganrog zu fliehen. Sogleich eilte eine russische Armee zu seiner Hilfe herbei, die Behadirgerai zwang, sich der Macht zu entkleiden, die er sich angemaßt hatte.

Der Chan Schahingerai begab sich wieder nach der Krim zurück, und nachdem er den größten Teil der Tartarenchefs zusammenberufen hatte, überlieferte er ihnen dreizehn der Hauptrebellen, welche sogleich gehängt wurden. Darauf sagte er: »Wen wünscht ihr zum Regenten – mich oder einen meiner Brüder? Sprecht euch frei und offen aus; ich unterwerfe mich eurer Wahl.« Alle Tartaren schwuren nun Schahingerai aufs neue Treue und Gehorsam.

Dies Verhältnis stand eigentlich dem Hofe von Petersburg gar nicht an; aber mochten die Tartaren eine Partei ergreifen, welche sie wollten, das Geschick der Krim war trotzdem beschlossen: sie sollte unwiderruflich Rußland einverleibt und wie eine eroberte Provinz behandelt werden.

Die Kaiserin verstärkte ihre Armeen in Polen und in der Ukraine und bereitete alles zum Kriege vor. Endlich befahl sie Bulgakow, ihrem Minister in Konstantinopel, weit größere Vorteile zu verlangen, als in dem Friedensschlusse stipuliert waren, und den Diwan zu dem Versprechen zu bewegen, daß, welches auch immer das Schicksal der Krim werden möchte, er sich später nicht in dasselbe mischen möchte. Der Gesandte tat mehr als dies, er bewog den unvorsichtigen Schahingerai, die Abtretung von Otschakow zu verlangen.

Der Diwan, über diese Forderung im höchsten Grade aufgebracht, trotzdem aber schwach und unentschlossen, drohte, statt sich still zu bewaffnen. Er sandte jedoch einen Pascha ab, um die Insel Taman in Besitz zu nehmen. Schahingerai, durch die Russen gemahnt und aufgestachelt, ließ dem Pascha gebieten, sich zurückzuziehen, dieser aber ließ, statt zu gehorchen, dem Gesandten des Chans den Kopf abschlagen. Die Russen verlangten nun, um den Chan zu rächen, freien Durchzug, um die Türken anzugreifen. Kaum waren sie aber von allen Seiten bis in das Herz seiner Staaten eingedrungen, als sie, statt gegen Taman zu marschieren, stehenblieben und sich über die ganze Halbinsel ausbreiteten. General Balmain, ein Schotte von Geburt, nahm Kaffa ein, wo sich der Chan befand, und zwang alle Imams und Myrzas der Tartaren, der Kaiserin den Eid des Gehorsams zu schwören.

Während dieser Zeit unterwarf General Ssuworow Alexander Wassiljewitsch Ssuworow, Graf Rimninskij, Fürst Italijskij, der spätere Generalfeldmarschall, geb. 25. November 1729, gest. 18. Mai 1800. die Tartaren im Kuban. Potiomkin, der nach dem Kuban gekommen war, und dem man den Entwurf des Planes und die geheime Leitung der Ausführung des Einfalls in die Krim, wie die von Katharina gebilligte Absicht zuschrieb, sich zum König von Taurien krönen zu lassen, empfing dort die Huldigung des Sultans Behadirgerai, sowie der Horden, welche auf diesen weit ausgedehnten Steppen umherschweiften.

Die Russen schmeichelten dem Chan der Krim noch eine Zeitlang und versprachen ihm eine jährliche Pension von hunderttausend Rubeln. Obwohl er vorher ein Einkommen von drei Millionen besessen hatte, unterwarf er sich dennoch den ihm gebotenen Bedingungen.

Jetzt floß in der Krim das Blut, aber nicht in Gefechten, denn kein Sieg ehrte diese Eroberung, sondern auf Schafotten wurde der Lebenssaft von Tausenden edler Tartaren verspritzt, die unter den Augen ihres verratenen Chans umkamen, und dies durch die Hand derer, welche sie selbst zu Erhebungen und Aufständen getrieben hatten. Der unglückliche Schahingerai sah zu spät das Elend ein, das infolge des Zwiespaltes mit seinen Untertanen über ihn hereingebrochen war, und erkannte den Abgrund, in den ihn Täuschungen geschleudert hatten. Die Zeit der Schmeichelei war vorüber, man machte ihm keine Versprechungen mehr, er wurde jetzt auch des letzten Schattens seiner Souveränität beraubt.

Selbst diese Invasion, die gegen alles Völkerrecht verstieß und unter dem trügerischen Vorwande einer rächenden Gerechtigkeit und schützenden Freundschaft bewerkstelligt wurde, vermochte die Ottomanische Pforte nicht aus ihrer Trägheit aufzurütteln. Sie griff auch dann nicht zu den Waffen, als Katharina ein Manifest ausfertigen ließ, welches dem übrigen Europa gegenüber mit Sophismen die Gewaltschritte rechtfertigen sollte, die sie dem unglücklichen Schahingerai gegenüber verübt hatte, und welches die Türken geradezu anklagte, den Traktat von Kustjuk-Kainardsche gebrochen zu haben, den sie doch selbst durch die blutige Usurpation verletzt hatte. Im Recueil de Martens tom. IV pag. 444 heißt es: Suivant ce manifeste, »c'était l'amour du bon ordre et de la tranquillité qui avoit amené les Russes en Crimée... L'inquiétude naturelle aux Tatares affaibli et ruine l'édifice que les soins bienfaisans de Cathérine avaient élevé pour leur bonheur, en leur procurant la liberté et l'indépendance sous l'autorité d'un chef élu par eux-mêmes... Sie schloß ihr Manifest mit dem Versprechen, den Tartaren völlige Glaubensfreiheit zu lassen, und ermahnte diese, in Ergebenheit, Eifer und Treue den Völkern zu gleichen, welche schon seit längerer Zeit im Vollgenuß des Glückes ständen, unter ihrem milden Zepter zu leben. Aber die meisten Tartaren verachteten ihre Versprechungen und Ermahnungen und beschlossen, sich von dem Joch zu befreien, das ihnen die russischen Generale auferlegt hatten. Potiomkin, durch ein gutes Spionagesystem von ihrem Vorhaben in Kenntnis, gesetzt, befahl dem Fürsten Prosorowskij, sich ihrer zu bemächtigen und einige ohne weiteres hinrichten zu lassen. Aber Prosorowskij hatte den edlen Mut, ihm zu antworten, daß er kein Büttel sei und seine Hände nicht mit einem solchen Blutbade beflecken wolle. Potiomkin wandte sich darauf an seinen Neffen, den General Paul Potiomkin, der dreißigtausend Tartaren jeden Alters und Geschlechts morden ließ.

Die Ottomanische Pforte wurde inzwischen durch den Einfluß ihres alten Alliierten, des Kabinetts von Versailles, von der gesunden Politik einer tapferen Gegenwehr zurückgehalten, und zwar durch Hinweis auf die Bereitwilligkeit des deutschen Kaisers, Rußland mit zweimalhunderttausend Mann zu unterstützen. Sie beschloß zu temporisieren, statt sich zu verteidigen. Der Großherr erließ auf Katharinas Manifest eine Antwort, welche, aus einer christlichen Feder geflossen, die offenbare Ungerechtigkeit der Forderungen der Kaiserin und ihr treuloses Verhalten darstellend, die Loyalität der Anhänger Mohammeds besser nachwies, als es der beredtes Imam hätte tun können. Die Antwort der Pforte war von dem englischen Gesandten in Konstantinopel redigiert und wurde in ihrer Art als ein Meisterstück betrachtet. (Anmerkung des Verfassers.) Zu was aber sollte ein solcher Schriftwechsel dienen? Die Zwiste der Könige werden nur mit dem Säbel in der Faust geschlichtet, und schon lange hatte sich die Türkei desselben gegen Rußland nur zu unglücklich bedient. So wagte sie auch nicht, die Unterzeichnung eines neuen Allianz- und Handelstraktats, den die Kaiserin dem Diwan durch Bulgakow, ihren Gesandten in Konstantinopel, präsentieren ließ, zu verweigern, eines Traktats, der der Antwort förmlich widersprach, welche die Pforte abgegeben hatte.

Trotz dieses Vergleichs hatte Katharina ihre Absicht nicht aufgegeben, den Türken baldmöglichst den Krieg zu erklären, und nur die Furcht, daß der König von Schweden die Entfernung der russischen Armee benutzen möchte, sie anzugreifen, hielt sie davon zurück. Sie wußte, daß die Schweden gegen die Russen einen unauslöschlichen Haß nährten, der durch die Wegnahme der schwedischen Kornprovinzen hervorgerufen war und durch die von Zeit zu Zeit deshalb eintretende Hungersnot immer neue Nahrung erhielt. Katharina wünschte mit dem unruhigen Gustav III. ein Übereinkommen zu treffen und hatte ihm dies schon mehrere Male, aber immer vergeblich, vorstellen lassen. Sie schlug ihm jetzt eine persönliche Zusammenkunft vor, und bestimmte Fredrikshamn zu dem Orte ihres Begegnens.

Dieses Fredrikshamn ist eine kleine, aber gut befestigte Stadt am Finnischen Meerbusen und die äußerste Festung, welche die Russen damals an der Grenze gegen Schweden besaßen. Gustav wollte sich anfangs dieser Begegnung entziehen, indem er vorgab, daß er sich bei einem Sturz mit dem Pferde den Arm gebrochen habe. Katharina ließ ihm darauf antworten, daß, falls er nicht nach Finnland kommen könne, sie ihn in Stockholm besuchen wolle. Ein so kostspieliger Besuch lag aber noch weniger im Sinne des Königs, er begab sich also nach Fredrikshamn, wo er während der ganzen Zeit seines dortigen Aufenthaltes den Arm in einer Binde trug, denn er hatte denselben wirklich beschädigt. Die Kaiserin kam in einer Lustjacht an den Ort der Zusammenkunft. In ihrer Begleitung befanden sich Graf Iwan Tschernyschew, der erste Sekretär Besborodko, der erste Hofstallmeister Naryschkin, der Günstling Lanskoj und die Fürstin Daschkow, welche seit einiger Zeit die Freundschaft Katharinas wiedergewonnen zu haben schien. Memoiren der Fürstin Daschkow, Hamburg, Bd. II, S. 59ff.

Gustav III. hatte in seinem Gefolge den Grafen Creutz, ehemaligen schwedischen Gesandten in Spanien und in Frankreich, den General Armfeld Gustav Moritz Graf von Armfeld, geb. 31. März 1757, gest. 19. August 1814. und einige andere Offiziere.

Die Kaiserin hatte zwei aneinanderstoßende Häuser mieten lassen, die höchst elegant möbliert wurden, und zwischen denen eine Verbindung mittels einer bedeckten Gallerie angebracht war. Das eine Haus war für sie, das andere für den König von Schweden bestimmt, so daß die hohen Personen während der vier Tage, die sie sich in Fredrikshamn befanden, zu jeder Stunde frei miteinander verkehren konnten. Die Kaiserin, welche Gustav III. mit Artigkeiten und Schmeicheleien überschüttete, ließ unter anderem durch den damals hochgeschätzten dänischen Maler Hoyer ein Gemälde anfertigen, auf welchem Katharina und Gustav sitzend und freundschaftlich miteinander konversierend dargestellt sind. Das Original dieses Gemäldes sah Castéra in dem schwedischen Lustschloß Drottningholm, eine Kopie davon in Kopenhagen bei Hoyer selber. Castéra, Bd. II, S. 153.

Bevor die Kaiserin Fredrikshamn verließ, verlieh sie dem Grafen Creutz ihr in Diamanten gefaßtes Miniaturporträt, und auch die anderen schwedischen Offiziere erhielten ihrem Range entsprechende Beweise ihrer Freigebigkeit. Gustav teilte auch seinerseits Geschenke an die russischen Hofleute aus. Der Günstling Lanskoj wurde mit dem Großkreuz des Nordsternordens dekoriert, und die Fürstin Daschkow erhielt einen Ring mit dem in Brillanten gefaßten Porträt des Königs.

Während dieser Zeit hatte Potiomkin an den Grenzen der Krim siebzigtausend Mann zusammengezogen. Repnin hatte den Befehl über weitere vierzigtausend Mann, die bereitstanden, Potiomkin zu unterstützen, und der Feldmarschall Rumiantzow hatte mit einer dritten Armee sein Hauptquartier in Kiew. Das russische Geschwader im Schwarzen Meere war vollständig ausgerüstet, und zehn Linienschiffe und mehrere Fregatten warteten nur auf das Signal, um sich von der Ostsee aus an das mittelländische Meer zu begeben.

Der Hof von London bemühte sich vergeblich, den Diwan zur Ergreifung der Waffen zu bewegen. Frankreich und Österreich verhinderten es, und statt männlich für sein Recht zu kämpfen, ließ man sich auf Negoziationen ein. Durch einen neuen in Konstantinopel unterzeichneten Traktat zwischen dem russischen Gesandten Bulgakow und den Ministern des Sultans wurde der Kaiserin die Souveränität über die Krim, die Insel Taman und einen großen Teil vom Kuban zugesichert. Die Türken erkannten auch das Recht an, welches sie auf die Herrschaft über das Schwarze Meer und die freie Durchfahrt durch die Dardanellen zu haben behauptete. Auf diese Weise erwarb Katharina, ohne eigentlichen Krieg, weit ausgedehnte Länder und anderthalb Millionen neuer Untertanen.

Die Kaiserin gab der Krim und dem Kuban ihre alten Namen wieder: die erstere wurde Taurien, der letztere Kaukasien genannt.

Bei allen diesen Unternehmungen vergaß Potiomkin sein eigenes Interesse keinen Augenblick. Schon damals Besitzer von unermeßlichen Landstrecken in den meisten Provinzen Rußlands, erwarb er noch weitere reiche Domänen in Podolien und Lithauen, welche früher den Fürsten Lubomirski und Sapieha gehört hatten. Seine Feinde glaubten, er wolle sich für alle Eventualitäten einen Zufluchtsort in Polen sichern. Nie aber stand er fester in der Gunst Katharinas, nie war er durch Titel, Würden und Ämter enger mit Rußland verbunden, als gerade jetzt. Die Kaiserin beehrte ihn mit dem Beinamen der Taurier und erhob ihn zum Gouverneur von Taurien sowie zum Großadmiral über das Schwarze Meer.

Da die Zahl derer, welche Katharina lange Zeit ihre Dienste gewidmet hatten, sich bedeutend verminderte, so erkannte sie dankbar den Wert derselben an. Sie verlor zu gleicher Zeit zwei der Hauptführer der Verschwörung, welche sie auf den Thron erhoben hatte: Panin und Grigorij Orlow starben, der eine in Petersburg Ende März, der andere in Moskau zu Anfang April 1783. Von allen Ministern Katharinas II. war Panin derjenige, der sich am wenigsten bereicherte. Bei seinem Tode reichte seine Hinterlassenschaft nicht einmal zur völligen Bezahlung seiner Schulden hin. Und doch hatte die Kaiserin es nie unterlassen, ihm auch dann noch ihre Dankbarkeit zu beweisen, als er nicht mehr im Vollbesitz seines Einflusses war und auf Grund der veränderten Politik des russischen Staats nur noch seinen Namen hergab, also nur scheinbar seine Ämter und Würden behielt. Er genoß alle Auszeichnungen und Vorrechte der von ihm abgelehnten Kanzlerwürde, war zum Wirklichen Geheimen Rate ernannt und hatte eine Schenkung von hunderttausend Silberrubel bar und Grundbesitzungen von neuntausendfünfhundert Bauern, deren Ertrag man auf achtundzwanzig bis neunundzwanzigtausend Rubel jährlich schätzte, ein jährliches Gehalt von vierundvierzigtausend Rubel, und endlich ein völlig möbliertes und auf ein Jahr mit allen Wirtschaftsbedürfnissen versehenes Hotel in St. Petersburg, sowie zwanzigtausend Rubel zur Anschaffung von Silbergeschirr erhalten.

Seine Uneigennützigkeit und die Habgier anderer hatten dieses Vermögen verzehrt. So führt man als Beispiel seiner Uneigennützigkeit an, daß er, als er eines Tages von der Kaiserin jene Güter mit den neuntausendfünfhundert Bauern als Geschenk erhalten habe, diese neuen Erwerbungen, die einst Polen angehörten, sogleich dreien seiner vornehmsten Sekretariatsbeamten geschenkt habe, und zwar deshalb, weil er ein Gegner der Teilung Polens war.

Noch am 30. März 1783 hatte Graf Panin Gesellschaft bei sich gehabt, sich, wie er es gewöhnlich tat, um Mitternacht zurückgezogen und in seinem Schlafzimmer zum Lesen gesetzt. Um vier Uhr morgens am 31. März schellte er seinem Bedienten, ließ sich auskleiden, näherte sich dem Bette und fiel bewußtlos in dasselbe, er blieb in diesem lethargischen Zustande bis um elf Uhr des Morgens, wo er verschied. Der Großfürst Paul eilte sogleich zu seinem erkrankten Lehrer, blieb bis zu dessen Tode bei ihm und küßte die Leiche mit tränenden Augen. (Anmerkung des Verfassers.)

Grigorij Orlow ereilte ein schreckliches Geschick. Wennschon mit Wohltaten von Seiten der Kaiserin überhäuft und mit einem jungen, schönen und liebenswürdigen Weibe vermählt, war ihm doch die Macht eines neuen herrschenden Günstlings unerträglich. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre auf Reisen und hielt sich im Jahre 1782 in Lausanne auf, wo seine Gattin starb. Dieser Verlust versenkte ihn, da er sie wahrhaft geliebt zu haben scheint, in die finsterste Melancholie. Er kam wieder an den Hof zurück, aber nur um dort das traurige Schauspiel einer an Wahnwitz grenzenden Torheit zu geben. Bald überließ er sich der übertriebensten Freude, welche Gelächter und Hohn erweckte, bald wieder überhäufte er die Kaiserin mit den bittersten Vorwürfen, die sie in Verwirrung setzten, ihr schmerzlich waren und alle zum Beben brachten, die zu unfreiwilligen Ohrenzeugen derselben wurden. Endlich brachte man ihn nach Moskau, wo Gewissensqualen den Ausbruch des vollkommenen Wahnsinns veranlaßten. Der blutige Schatten des unglücklichen Peter III. verfolgte ihn, er sah ihn unaufhörlich strafend vor sich und verschied in Verzweiflung und Raserei. Unter dem Eindruck der noch frischen Gräber Orlows und Panins sprach Katharina einen bemerkenswerten Nachruf, der folgenden charakteristischen Wortlaut hatte: »Ich habe lange Jahre hindurch mit diesen beiden Ratgebern gelebt, von denen jeder mir sein eigenes Lied sang, und doch gingen die Staatsgeschäfte vorwärts und gingen vollen Ganges. Dagegen war ich oft gezwungen, wie Alexander der Große mit dem gordischen Knoten zu verfahren, und dann erst kamen die Meinungen zur Übereinstimmung. Die Kühnheit des Geistes des einen und die gemäßigte Vorsicht des anderen und Ihre gehorsame Dienerin, die im Kurz-Galopp zwischen ihnen vorschritt, gaben Geschäften von großer Wichtigkeit Eleganz und Lösung. Sie fragen mich: was wird jetzt sein? Darauf antworte ich: wie wir können. Jedes Land ist fähig, Männer, die notwendig für die Tat sind, zu schaffen, und da alles auf der Welt menschliches Tun ist, so werden die Menschen auch damit zurechtkommen.« Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 216.

Die Nachbarschaft des Kaspischen Meeres lud die Russen ein, Handel mit Persien zu treiben, und durch Persien konnte sich derselbe dann leicht nach Indien ausdehnen. Es würde zu weit führen, wollten wir uns in die Details der vielen Kriege einlassen, welche Rußland mit Persien geführt hat. Wie die Ländergier der russischen Regenten sich von jeher nach allen Seiten der Windrose gerichtet hat, wie sie stets bestrebt waren, sich die Meere zu unterwerfen, so war es auch seit langem ihre Absicht, Persien ihr Joch aufzuzwingen. Hier dürfte es genug sein, anzudeuten, daß sich Peter I. der ganzen Westküste des Kaspischen Meeres bemächtigte und Derbent, die Hauptstadt von Daghestan, einnahm, welches ihm nicht mehr Widerstand leistete, als später, wo es im Jahre 1796 von Valerian Subow Valerian Alexandrowitsch, der jüngere Bruder des weiter unten erwähnten Günstlings Platon A. Subow, 1795 General en chef der Infanterie, gest. 1804. erobert wurde. Peters des Großen Armee hatte aber nicht nur bei Derbent, sondern auch bei der reichen Stadt Baku gesiegt, und drei Provinzen Persiens blieben unter russischer Herrschaft, bis sie Biron unter der Regierung der Kaiserin Anna zurückgab.

Die Unterbrechung des russischen Handels mit Persien währte fast bis zum Jahre 1766, wo Katharina durch den in London abgeschlossenen Handelstraktat den Engländern das ihnen von Elisabeth genommene Recht, auf dem Kaspischen Meere Handel zu treiben, wieder freigab. Aber die heimlichen Hindernisse, die man ihnen in den Weg zu legen wußte, fügten es, daß sie sich des bewilligten Rechtes nur mit geringem Vorteil zu bedienen vermochten. Die Russen blieben die einzigen, welche aus dem Kaspischen Meere sowohl durch einen einträglichen Fischfang, als auch durch eine Menge Fahrzeuge Gewinn zu ziehen wußten, die Seide und Wolle von Guilan, Matten und kostbare Zeuge von den anderen Provinzen holten und im Austausch den Persern Eisen, Stahl, Färbestoffe und Pelzwerk brachten.

Der Handel, welchen die Russen mit China betrieben, war nicht weniger vorteilhaft für sie, als der auf dem Kaspischen Meere. Sie bildeten Karawanen, welche durch die chinesische Tartarei bis Peking zogen, wohin sie ihre Waren, besonders Pelzwerk, brachten und sie gegen Gold, Silber, Zeuge, Tee und alle die mannigfachen von den Chinesen erfundenen Gegenstände austauschten, denen ihre bizarre Industrie oft eine so große Vollkommenheit gibt.

Katharina, welche die Notwendigkeit erkannte, diesen Handel zu beleben, schlug dem Kaiser von China eine auf bestimmte Bedingungen gegründete Allianz vor. Er nahm dieselbe an, und im Jahre 1770 wurde die kleine Stadt Kiachta der Ort der Zusammenkünfte zwischen den chinesischen und russischen Kaufleute. Die Kaiserin sandte mehrere junge Russen nach Peking, um dort die chinesische Sprache zu studieren. Sie befahl zu gleicher Zeit, in gewissen Entfernungen bis zu der chinesischen Grenze Dörfer anzulegen, wohin man dann Kolonisten sandte, die jedoch meist als Opfer der Raubgier russischer Gouverneure umkamen.

Katharina begünstigte auch, soviel sie es vermochte, die See-Expeditionen nach Kamtschatka. Nach dem Beispiel der Engländer, welche Pelzwerk auf der nordwestlichen Küste von Nordamerika kauften, begaben sich auch einige russische Schiffe in jene Gewässer und handelten dort mit großem Vorteil.

Es war aber noch ein anderes Land, mit welchem Katharina ganz besonders Handelsverbindungen anzuknüpfen wünschte. Die nordöstlichsten Küsten Rußlands, und besonders die Kolonien desselben auf mehreren Inseln des nordischen Archipel, näherten es Japan. Der Zufall begünstigte unerwarteterweise die Absichten der Kaiserin.

Eine japanische Barke strandete an der Kupferinsel und wurde gänzlich zertrümmert, aber die Besatzung rettete sich an die russische Küste. Ein Einwohner von Irkutsk führte einen dieser Japaner nach Petersburg. Katharina begegnete ihm mit Güte, ließ ihm in der russischen Sprache Unterricht erteilen, und man lernte auch andererseits von ihm so viel, um Handelsbeziehungen anzuknüpfen. Jedoch führte diese Begebenheit nicht zu dem Erfolg, den Katharina erwartet hatte, nämlich sich mit den Holländern in den vorteilhaften Handel nach Japan zu teilen.

Während Katharina in dieser Art ihrem Reiche neue Hilfsquellen zu eröffnen trachtete, belebten sich die Kabalen an ihrem Hof aufs neue. Die Mißvergnügten wandten alle möglichen Mittel an, um den Großfürsten gegen seine Mutter und diese gegen ihren Sohn aufzureizen. Der Großfürst verbrachte in der Regel die Herbstzeit in Gatschina, einem Lustschloss, zehn Werst von Czarskoje Selo entfernt, welches Katharina nach dem Tode Grigorij Orlows gekauft und ihrem Sohn geschenkt hatte. Plötzlich verbreitete sich das Gerücht, daß der Großfürst dort eine Stadt anzulegen beabsichtige und allen seinen Leibeignen, die sich darin ansässig machen würden, die Freiheit geben wolle. Der Großfürst geriet nicht wenig in Erstaunen, plötzlich eine Menge Bauern zusammenströmen zu sehen, um sich dieser Wohltaten teilhaftig zu machen. Aber er verabschiedete sie vorsichtig und wohlwollend und zerstreute die erregten Besorgnisse, indem er eine schlau berechnete Erhebung schon in ihrem Entstehen unterdrückte, zu deren Teilnehmer man ihn ohne Zweifel zu machen gehofft hatte.

Besborodkos Intrigen und Eifer machten ihn der Kaiserin notwendig. Er hatte die Grundsätze seines Vorgängers Panin als Erbteil bekommen. Nahe verbunden mit der Familie Woronzow, war er im geheimen ein Feind Potiomkins, der alle seine Widersacher verachtete, ihnen offen trotzte und sie wie Marionetten und Werkzeuge seiner Launen behandelte.

Lanskoj lebte im besten Einverständnis mit Potiomkin und wurde mit jedem Tage dem Herzen der Kaiserin teurer. Die Erziehung dieses Günstlings war in seiner Jugend sehr vernachlässigt worden, aber Katharina ließ diesem Mangel sorgfältig abhelfen. Sie bereicherte seinen natürlichen Verstand mit den nützlichsten Kenntnissen und bewunderte in ihm ihr eigenes Werk. Aber auch diese Befriedigung erreichte ihr Ende. Lanskoj, der zuletzt Potiomkins Neid erregt hatte und diesem mächtigen Despoten eine gewisse Verachtung bewies, wurde von einer heftigen Krankheit ergriffen und starb Am 25. Juni 1784. in seinem besten Alter in den Armen der Kaiserin, welche ihn bis zum letzten Augenblick mit der liebevollsten und zärtlichsten Sorge umgab.

Als der junge Mann gestorben war, überließ sie sich der bittersten Trauer, mußte das Bett hüten, weigerte sich mehrere Tage etwas zu genießen und wollte ihrem Geliebten in einem schnellen Tode folgen. Während längerer Zeit verließ sie den Palast von Czarskoje Selo nicht einen Augenblick.

Sobald der Großfürst und die Großfürstin Lanskojs Tod erfuhren, begaben sie sich nach dem Lustschloß, aber als man sie anmeldete und sie in das Schlafzimmer der Kaiserin eintreten wollten, sagte diese mit matter Stimme, daß sie ihnen für ihre Teilnahme danke, jetzt aber ihren Besuch nicht anzunehmen imstande sei. Sie mußten wieder nach Gatschina zurückkehren, ohne die Kaiserin gesehen zu haben.

Katharina ließ dem Andenken Lanskojs ein schönes Grabdenkmal errichten, und noch zwei Jahre darauf sah man sie in heiße Tränen ausbrechen, als sie das Monument besuchte.

Es wurde auch eine goldene Medaille auf Lanskoj geschlagen, von der jedoch nur zwölf Exemplare geprägt und von der Kaiserin persönlich an die nächsten Verwandten und aufrichtigsten Freunde des Verstorbenen verteilt wurden. Das von dem geliebten Günstling hinterlassene Vermögen belief sich auf sieben Millionen Rubel. Er hatte dasselbe der Kaiserin zu freiem Schalten und Walten testamentarisch vermacht, welche es jedoch der Schwester des Verstorbenen überließ und nur die Gemälde, Medaillen und die Bibliothek, die sie ihm geschenkt hatte, behielt. Lanskoj war einer der schönsten Günstlinge der Kaiserin. Ein Bild von ihm, das in der Eremitage hängt, stellt ihn in der rot und schwarz mit Silber gestickten Uniform der Artillerie vor. Er hat den Generaladjutantenstock in der Hand und steht vor einem Tisch, welcher die Büste der Kaiserin trägt. Wie Heibig (Russische Günstlinge, S. 288) berichtet, gibt das sonst vortreffliche Bild die Schönheit Lanskojs nicht vollkommen wieder.

Am Hofe war man begierig, zu erfahren, wer den durch Lanskojs Tod erledigten Günstlingsposten erhalten würde, um sich beizeiten der Gunst desselben zu empfehlen. Die Fürstin Daschkov suchte die Stelle für ihren Sohn zu erlangen, und einen Augenblick schien auch ein günstiger Erfolg ihre Intrigen belohnen zu wollen.

Der junge Fürst Daschkow Paul Daschkow, Sohn des 1764 verstorbenen Fürsten Michael Kondratij Iwanowitsch Daschkow. war mit einer Figur begabt, welche Eindruck auf das Herz der Kaiserin machen konnte. Er war in Edinburg unter Obhut und Pflege berühmter Professoren erzogen worden und selbst Mitglied der königlichen Sozietät zu London. Aber demungeachtet war er in vieler Beziehung borniert zu nennen. Er hatte vor einigen Jahren den Oberstengrad erlangt und war nach Mohilew gesandt worden, wo seine Taten darin bestanden, die Gelder, welche zur Bekleidung und zum Unterhalte seines Regiments bestimmt waren, im Hause des Gouverneurs Passek im Spiele zu verlieren.

Potiomkin, welcher die Mittel und Wege erkannte, die man einschlug, um den jungen Daschkow zum Günstling zu erheben, widersetzte sich diesem Vorhaben, wenn auch nicht offen, da er fürchten mußte, ihn gerade durch seinen Widerspruch Katharina angenehm zu machen. Vielmehr schien auch er den Obersten Daschkow zu begünstigen und näherte sich seiner Familie, mit welcher er bisher auf wenig freundschaftlichem Fuß gelebt hatte. Aber er verstand es vortrefflich, im geheimen Personen herabzusetzen und, was das gefährlichste ist, sie lächerlich zu machen. Er tat dies auch jetzt mit der Fürstin Daschkow und deren Sohne, wodurch die Kaiserin höchlich belustigt wurde. Am folgenden Tage sandte Potiomkin nacheinander zwei Gardeoffiziere, Alexander Jermolow und Alexander Mamonow, in irgendeiner unwesentlichen Angelegenheit zur Kaiserin, lediglich in der Absicht, daß sie dieselben sehen solle. Katharina entschied sich sogleich für den ersteren.

Bei Hofe fand ein Ball statt, und der junge Daschkow entwickelte auf demselben ein ungeheure Pracht. Die Hofleute glaubten schon, daß ihm sein Triumph sicher sei, und erwiesen ihm bereits die gewöhnliche Huldigung als Günstling. Potiomkin verdoppelte seine Aufmerksamkeiten der Fürstin Daschkow gegenüber, welche dadurch so befriedigt wurde, daß sie ihm am folgenden Tage ein Billett mit dem Ansuchen sandte, ob er nicht ihren Schwestersohn, den jungen Grafen Buturlin, unter die Zahl seiner Adjutanten aufnehmen wolle. Potiomkin antwortete ihr, daß alle Adjutantenstellen bei ihm bereits besetzt seien, und daß erst ganz kürzlich die letzte derselben dem Leutnant Jermolow verliehen wäre.

Mamonoff

Dieser Name und die Person, die ihn trug, waren der Fürstin Daschkow ebenso fremd als neu; aber schon an demselben Tage gingen ihr die Augen auf, als sie Jermolow bei der Kaiserin in der Eremitage sah.

Von den Reisen, welche Katharina in dieser Zeit unternahm, war die Inspizierung des berühmten Kanals am wichtigsten, welcher die Wolga mit dem Ilmensee, diesen mit dem Ladogasee und folglich das Kaspische Meer mit der Ostsee vereinigt. Potiomkin, Jermolow, Besborodko und die Gesandten Englands, Österreichs und Frankreichs begleiteten sie auf dieser Reise.

Bevor die Kaiserin nach Petersburg zurückkehrte, begab sie sich nach Moskau und wurde dieses Mal besser empfangen, als bei ihren früher dorthin unternommenen Reisen. Die Zeit und die glorreichen Erfolge ihrer Regierung hatten das Andenken an ihre Ursurpation fast ganz verwischt. Unter den Personen, die sich an ihrem Hofe einfanden, war auch Gudowitsch, dessen höchst einfaches Kostüm unter der Menge mit Goldstickereien, Sternen, Groß- und Ritterkreuzen überladenen Hofleuten besonders stark ins Auge fiel. Dieser Umstand, wie überhaupt seine Gegenwart, erinnerten wieder lebhaft an die Zeiten Peters III.

Elisabeth Romanowna Woronzow, die ehemalige Maitresse Peters III., war schon lange aus ihrer Verbannung zurückgekehrt. Die Gerechtigkeit verlangt es, zu bemerken, daß diese Frau, welche so sehr verleumdet worden ist, ihren Einfluß auf Peter nie dazu verwendet hat, sich zu bereichern: ein unbedeutendes Landgut und einige Diamanten waren alles, was sie durch ihre prekäre Stellung erworben hatte. Von ursprünglich sanfter Gemütsart und Anspruchslosigkeit, die nur unter den eigentümlichen Verhältnissen verloren gegangen, hatte sie sich seit ihrer Vermählung bescheiden, anständig und ihre Pflichten als Gattin und Mutter stets auf das genaueste erfüllend, betragen. Die Kaiserin lud sie aber trotzdem nicht an den Hof, bat sich indessen ihre Tochter aus, die sie, wie schon erwähnt, zu einem ihrer Hoffräuleins ernannte.

Nicht zufrieden damit, einen römisch-katholischen Erzbischof ernannt und ein Jesuitenseminar errichtet zu haben, dokumentierte die Kaiserin ihre Toleranz dadurch, daß sie die Bewohner der Krim den Islam ungehindert bekennen ließ. Sie gab in jedem Jahre einmal ihrem Volke ein feierliches Zeichen des Schutzes, den sie der Religionsfreiheit angedeihen ließ. Am 6. Januar, dem Tage vor dem religiösen Fest der Wasserweihe, versammelte ihr Beichtvater auf ihren Befehl Geistliche jeden christlichen Bekenntnisses um sich und beehrte dieselben mit einem großartigen Mittagsmahl, welches Katharina ihr »Toleranzdiner« zu nennen pflegte. Hierbei sah man, um einen und denselben Tisch vereinigt, den Patriarchen von Gurgistan, den Bischof von Georgien oder Grusinien, den russisch orthodoxen Bischof von Poloczk, die griechisch nicht unierten Erzmandriten, einen römisch-katholischen Bischof und einen Prior desselben Glaubensbekenntnisses, einen armenischen Priester, Franziskanermönche, Mitglieder des Jesuitenordens, lutherische, kalvinistische und anglikanische Prediger.

Während Katharina sich in dieser Weise beschäftigte, versäumte sie auch die Erziehung ihrer jungen Enkel nicht. Sie leitete jene persönlich und widmete ihr täglich auf das Gewissenhafteste einen Teil ihrer Zeit. Die Ausbildung der jungen Prinzessinnen war der Witwe des Generalmajors Lieven anvertraut, einer Dame von ausgezeichnetem Verstande und wahrhaft großem Verdienst. Nach dem Tode ihres Mannes lebte Frau Lieven in der Nähe von Riga, wo sie sich ganz der Erziehung ihrer Kinder widmete. Den Vorschlag Katharinas, ein Amt bei Hofe anzunehmen, schlug sie hartnäckig aus und wurde fast gegen ihren Willen nach Petersburg gebracht. Im Palais traf sie einen der Staatssekretäre der Kaiserin und teilte ihm ihren Kummer mit, und wie schwer es sei, sich von den eigenen Kindern zu trennen. Katharina hörte dieses Gespräch hinter einer Gardine mit an, und, plötzlich hervortretend, bestimmte sie ihre Wahl schließlich mit den Worten: »Sie sind eben die Frau, die mir nötig ist!«, ein Urteil, dessen Richtigkeit sich in der Folge erwies. Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 220. Auch die beiden Großfürsten hatten Männer zu Lehrern, die man als würdig genug ansehen mußte, diesen wichtigen Posten einzunehmen. Die Kaiserin setzte selbst verschiedene historische und moralische Entwürfe für die Prinzen auf, die später unter dem Titel: »Bibliothek der Großfürsten Alexander Alexander Pawlowitsch, geb. I2./23. Dezember 1777. und Konstantin« Konstantin Pawlowitsch, geb. 8. Mai 1779. gesammelt sind. Katharina war häufig bei den Lektionen ihrer Enkel zugegen, redete mit den Lehrern und ließ sich die Exerzitienbücher vorlegen, in denen sie gewöhnlich ihre Bemerkungen niederschrieb, die bald für die Zöglinge, bald für die Erzieher bestimmt waren. Eines Tages trat sie in das Arbeitszimmer der Prinzen und fand, daß der Vortrag, der älteren Befehlen zufolge durch ihr Kommen, bis auf die augenblickliche Störung, nicht weiter unterbrochen werden durfte, die Geschichte der Schweizerrepublik zum Gegenstande hatte. Sie hörte zu und erkannte, daß der Lehrer über dieselbe als ein Mann redete, der sehr wohl alle Vorteile zu schätzen wußte, welche die Freiheit einem Volke verleiht. Sie schrieb auf ein Papier, welches ihr bei ihrer Anwesenheit immer vorgelegt werden mußte: »Fahren Sie fort, Herr La Harpe, Fréderic César La Harpe, geb. 6. April 1754, gest. 30. März 1838, seit 1783 Erzieher der Großfürsten Alexander und Konstantin. Ihre Vorträge in dieser Weise zu halten. Ihre Gefühle und Grundsätze gefallen mir vorzüglich.«

Alle diese Details dürften für eine russische Hofgeschichte vielleicht kleinlich erscheinen; wenn man aber offen Katharinas Schwächen und Fehler aufzählt, darf man es gerechterweise auch nicht unterlassen, ihre Vorzüge anzuführen.

Jermolow hatte den höchsten Gipfel der Gunst erreicht, von welchem ihn aber seine Unvorsichtigkeit bald wieder stürzte. Er zeigte sich Potiomkin gegenüber, dem er sein Glück zu danken hatte, von einer beleidigenden Arroganz, ergriff jede Gelegenheit, ihm Schaden zuzufügen, und die Kaiserin, die mit den zunehmenden Jahren ihren Geliebten gegenüber immer schwächer und schwächer wurde, bewies Potiomkin eine gewisse Kälte.

Besborodko und einige andere Hofleute trugen viel dazu bei, den Günstling durch Intrigen gegen Potiomkin zu reizen. Ein Zufall kam ihnen zu Hilfe. General Lewaschew, ein Onkel Jermolows, wurde von Potiomkin wegen eines Zwistes bei einer Spielpartie beschimpft. Der Geliebte Katharinas beklagte sich darüber und appellierte an die Kaiserin, die auch schwach genug war, sich einzumischen und Potiomkin sein Benehmen vorzuwerfen. Dieser wurde dadurch so aufgebracht, daß er stolz sagte: »Sie müssen entweder Jermolow oder mich wegjagen, denn so lange Sie diesen weißen Mohren beibehalten, setze ich meinen Fuß nicht wieder über Ihre Schwelle.« Potiomkin pflegte Jermolow spöttisch »einen weißen Mohren« zu nennen, weil er sein blondes wolliges Haar auffallend kraus trug. Wirklich erhielt Jermolow bald darauf seinen Abschied und den Befehl, zu reisen. Dieser Befehl kam Jermolow nicht unerwartet, da er seinen Fall voraussah. Als Katharina ihm eines Tages den eben für ihn aus Polen eingetroffenen Weißen Adlerorden umhing, sah er diesen für eine Art von Abschiedszeichen an und sagte: malum signum. Die Kaiserin wollte seine Äußerung nicht bemerken, aber die Folge zeigte, daß Jermolows Ahnung richtig gewesen war. Helbig, Russische Günstlinge, S. 291. Mamonow wurde sein Nachfolger.

Während seiner Forschungszüge im Innern Rußlands hatte der Gelehrte Pallas eine Menge naturhistorischer Gegenstände gesammelt und sich ein kostbares Kabinett daraus gebildet. Die Kaiserin kaufte es, wie sie auch schon vor einigen Jahren die Bibliotheken d'Alemberts und Diderots angeschafft hatte.

Sogleich nach dem Tode Voltaires befahl Katharina ihrem Korrespondenten in Paris, auch die Bibliothek des Verfassers des Mahomet für sie anzukaufen. Madame Denis, welche diese Büchersammlung geerbt hatte, erklärte, daß sie sich derselben käuflich nicht entäußern könne, es aber als eine große Gnade ansehen würde, wenn die Kaiserin derselben einen Platz in den Zimmern ihres Palastes gestatten wolle. Katharina schickte als Erwiderung ihrem Korrespondenten in Paris, Herrn Grimm Melchior Freiherr von Grimm, geb. 26. Dezember 1723, gest. 19. Dezember 1807, Herausgeber der bekannten »Correspondance littéraire, philosophique et critique« (vollständige Ausgabe von Tourneux, Paris 1877–82, 16 Bde.) ein eigenhändiges, höchst verbindliches Schreiben für Madame Denis und ließ derselben überdies noch kostbare Präsente zustellen und den Wunsch aussprechen, sie möge für sie die Zeichnung der Fassade und innern Einrichtung des Schlosses Ferney sowie auch des Gartens und der Umgebung desselben anfertigen lassen, weil sie, die Kaiserin, sich vorgenommen habe, ein ebensolches Gebäude nebst Anlagen im Parke von Czarskoje Selo aufführen zu lassen, ein Plan, welcher jedoch nie verwirklicht wurde.

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