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Russische Hofgeschichten II

Magnus Crusenstolpe: Russische Hofgeschichten II - Kapitel 6
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authorMagnus Jacob Crusenstolpe
titleRussische Hofgeschichten II
publisherGeorg Müller
year1917
editorJoachim Delbrück
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V.

Das politische Verhältnis Rußlands zu Dänemark und Schweden. – Reise König Gustavs III. nach Petersburg. – Verwicklungen in Konstantinopel. – Verabschiedung des Günstlings Soritsch. – Korsakow wird sein Nachfolger. – Katharinas Reise nach Mohilew. – Lanskoj wird Nachfolger Korsakows. – Joseph II. und der Sohn des Prinzen von Preußen in Petersburg. – Reise des Großfürsten durch Europa.

Seitdem Katharina II. den russischen Thron bestiegen hatte, war sie stets bemüht gewesen, die freundlichsten Beziehungen zum Kopenhagener Hofe aufrechtzuerhalten, d. h. mit anderen Worten, ihren Einfluß auf denselben mehr und mehr auszudehnen. Sie trat damit in die Fußtapfen Peters des Großen, der an demselben Werke eifrig gearbeitet hatte. Zwar hegte Katharina keineswegs den Haß Peters III. gegen Dänemark, auch wollte sie dessen Pläne nicht verwirklichen: sie griff Dänemark weder durch ihre Geschwader noch durch ihre Armeen an; aber sie ließ es lange in der peinlichsten Ungewißheit, ob sie ihm den Besitz von Schleswig streitig machen oder es in demselben unangefochten lassen werde. Es würde zu weit führen, alle die Intrigen wiederzugeben, die in diesem Zeitabschnitt von den russischen Gesandten am dänischen Hofe eingefädelt und durchgeführt wurden. Tatsache ist, daß Katharina sich bereden ließ, ihre Rechte auf Schleswig an Dänemark abzutreten. Man stellte der Kaiserin vor, daß es unter ihrer Würde sei, ein kleines Fürstentum zu behalten, das sie vom Deutschen Reiche abhängig mache. Katharina, welche sich wirklich durch eine derartige Abhängigkeit behindert wähnte, überließ darauf in ihres Sohnes Namen Holstein gegen die Erlangung der Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst an Dänemark.

Was Schweden betrifft, so hatte dieses jederzeit am Hof von Petersburg teils Ehrgeiz und teils Furcht erregt. Peter I. hatte schon den Plan gefaßt, diese Nation zu unterjochen, und auch der tapfere Widerstand Karls XII. konnte nicht verhindern, daß ihm die Provinzen Livland, Esthland, Karelien und Ingermannland geraubt wurden. Peters Nachfolger waren stets Erben seiner Eroberungspläne, und die russische Nation hegte immer noch einen unversöhnlichen Haß gegen ein Volk, das es mehr durch List und verräterische Verschwörungen, als durch seine kolossale Macht zu besiegen vermochte. Alle Kriege gegen Schweden mußten der Nation gefallen, und alle Mittel ihre Nebenbuhler zu ersticken, konnten dem russischen Hof natürlich nicht anders als lieb sein.

Der schwedische Adel, in der sogenannten Freiheitszeit in zwei Parteien geteilt, die man unter der Benennung »Mützen« und »Hüte« unterschied, begünstigte durch seinen törichten gegenseitigen Haß und seine Uneinigkeit Rußlands ehrgeizige Pläne. Die Partei der Mützen war Rußland ergeben, die der Hüte Frankreich. Als unter der Regierung der Kaiserin Elisabeth Graf N. J. Panin russischer Gesandter am Hof von Stockholm war, wußte derselbe durch die Gelder, die er mit verschwenderischen Händen ausstreute, und die Verbindung, in welche er mit der Fraktion der Mützen trat, einen Einfluß zu gewinnen, den er äußerst geschickt dazu benutzte, den schwedischen Reichsrat zur Opposition gegen den schwedischen Hof zu reizen. Er beherrschte den einen durch Intrigen und hielt den anderen durch Furcht im Zaum. Graf Ostermann Johann Ostermann, ein Sohn des unter Elisabeth Petrowna nach Beresow verbannten Ministers des Auswärtigen Heinrich Johann Ostermann. übertraf in manchen Stücken seinen Vorgänger. Lebhafter und namentlich tätiger, als Graf Panin, hielt er Schweden in einer wahrhaft zauberartigen Betäubung, und man kann sagen, daß, so lange Adolph Friedrich lebte, die russischen und französischen Gesandten abwechselnd, jeder in seinem Sinne, in Stockholm regierten. Der Plan des russischen Ministers ging dahin, Schweden zu einer russischen Provinz zu machen, und er schmeichelte dem Adel mit der Hoffnung, es zu einer unter dem Schutze Rußlands stehenden aristokratischen Republik umzuwandeln.

Durch den Einfluß Rußlands beleidigt und die schändlich mißbrauchte Gewalt des Rats in seinem Innersten tief verletzt, beschloß Gustav III. schon bei seiner Thronbesteigung, sich womöglich dieses doppelten Joches zu entledigen. Die russische oder Mützenpartei, welche zu jener Zeit das Übergewicht im Rate hatte, wußte dasselbe auch auf dem Reichstage des Jahres 1771 zu erlangen und zu behalten. Durch Erweiterung dieser Macht, die sie so oft unter Adolph Friedrich gemißbraucht hatte, Diese Partei, die von Rußland kräftig unterstützt wurde, hatte sich aller lohnenderen Ämter bemächtigt; sie beschränkte die königlichen Prärogative und wagte es sogar, sich in des Königs häusliche Angelegenheiten zu mischen. Es klingt unglaublich, ist aber dennoch wahr: eine politische Partei bestimmte, wieviel Wein täglich am Tische des Königs getrunken werden durfte, ja sie beraubte ihn sogar des Rechtes, sich seinen Beichtvater und Oberhofprediger zu wählen. (Anmerkung des Verfassers.) schrieb sie jetzt seinem Nachfolger eine Eidesformel vor, die verschieden von der war, die das Grundgesetz des Staates forderte. Gustav III. unterzeichnete diese Formel, ohne sie zu lesen; er las sie absichtlich nicht, um später die ihm mit diesem Eide aufgezwungenen Verbindlichkeiten ohne Bedenken brechen zu können. Der König beratschlagte mit den Grafen Ulrich Scheffer und Salza, welchen er vollkommen vertraute, sowie mit dem französischen Gesandten, Grafen Vergennes, gemeinschaftlich den Plan zu der Revolution, welche später wirklich ausgeführt wurde.

Als nicht unmittelbar zur Geschichte des russischen Hofes gehörend, müssen wir die Darstellung dieser sonst so interessanten Episode der schwedischen Revolution vom Jahre 1772 übergehen. Hier möge nur angeführt werden, daß sie vollkommen glückte, daß dabei kein Blut floß, und daß Gustav III. seinen Zweck erreichte: er vernichtete die usurpierte Gewalt des übermütigen Reichsrates und des sogenannten Sekretausschusses der Stände und stellte die königliche Macht in ihrer ganzen Würde und Kraft wieder her.

Als die geschlagene Partei sich von ihrer ersten Überraschung erholte, erkannte sie mit Bestürzung die einfachen Mittel, deren sich der junge König zu ihrer Unterwerfung bedient hatte: nur von drei- oder vierhundert Soldaten unterstützt, hatte er sich in den Besitz der höchsten Gewalt zu setzen gewußt. Der Mann in Stockholm, den die eingetretene Katastrophe jedoch am meisten beunruhigte, war der russische Gesandte Graf Ostermann. Die ganze Revolution war seinem sonst so scharfen Blicke entgangen und hatte ihn des größten Teils seines Einflusses beraubt. Noch am Morgen des Revolutionstages hatte er einen Kurier nach St. Petersburg abgesandt, um der Kaiserin die Versicherung zu überbringen, daß, ungeachtet einiger Unruhen in der Provinz Schonen, der Rat in Stockholm seine ganze Gewalt behalten würde. Um seinen verlorenen Einfluß wiederzugewinnen, wiegelte Ostermann nunmehr unaufhörlich Mißvergnügte auf und ermunterte sie, sich der Herrschaft des Königs zu entziehen, riet ihnen sogar, die Regimenter, welche ihnen treu geblieben wären, marschieren zu lassen und einen neuen Reichstag in einer entfernten Provinz zusammenzurufen. Alles das natürlich unter dem Versprechen eines kräftigen Beistandes von Seiten Rußlands.

Die bis zur Raserei aufgebrachten Häupter der Mützenpartei waren nur allzu geneigt, diesen gefährlichen Ratschlägen zu folgen. Gustav, der von den Anzettelungen Kenntnis erlangt hatte, beeilte sich ihnen durch List zuvorzukommen. Er ließ das Gerücht verbreiten, daß eine bedeutende Truppenmacht gegen Stockholm anrücke, ließ mehrere Tage hindurch Boote mit Proviant für die angeblich im Marsch begriffenen Truppen abgehen und erreichte so, daß, als die Truppen wirklich ankamen, in Stockholm alles ruhig war.

Die Geldmittel, welche König Gustav III. von Frankreich erhielt, mußten ihm dazu dienen, seine Partei zu verstärken und den Einfluß Rußlands zu schwächen. Dieses letztere unterließ indessen nicht, mit freigebigen Händen vollwichtige Rubel unter seine Anhänger auszustreuen. Katharina hatte kaum von dem Gelingen der Revolution erfahren, als sie dem Grafen Ostermann den Befehl erteilte, das alte von Gustav III. aufgehobene Regierungssystem um jeden Preis wiederherzustellen. Kühn und listig arbeitete Ostermann an dieser Sache. Aber seine eifrigsten Bemühungen blieben dennoch fruchtlos. Der König behandelte ihn mit auffallender Kälte, und als vollends Rußland in Kronstadt ein bedeutendes Galeerengeschwader ausrüstete, verbreitete sich in Stockholm lebhafte Unruhe.

Gustav III. ließ durch seinen Gesandten in Petersburg bei der Kaiserin nach der Veranlassung dieser Rüstungen fragen und erhielt zur Antwort: obschon man ihm keine Rechenschaft darüber abzulegen schuldig sei, wolle man ihm doch erklären, daß die Ausrüstung dieser Galeeren durchaus nicht Schweden gälte. Gustav war aber mit dieser ausweichenden Antwort keineswegs zufrieden, und um die wirklichen Absichten des russischen Hofes zu erfahren, beschloß er selbst darüber mit der Kaiserin zu konferieren. Er begab sich also, und zwar unter dem angenommenen Namen eines Grafen von Gotland, in Begleitung des Grafen Ulrich Scheffer, des Grafen Posse und einiger anderer seiner Hofleute nach St. Petersburg. Sein Gesandter am kaiserlich russischen Hofe, Baron Nolken, war der einzige Mensch, der in Petersburg vorher über diese Reise in Kenntnis gesetzt wurde. Der König stieg bei seinem Ambassadeur ab und ging sogleich zum Grafen Panin. Gustavs Ankunft erfolgte so unerwartet, daß er den alten Panin bei seinem Besuch im Bett antraf. Meyer, Briefe über Rußland, Göttingen 1778, Bd. II, S. 25.

Die Kaiserin befand sich gerade in Czarskoje Selo. Der König begab sich am Nachmittag dorthin und hatte eine lange Unterredung mit ihr, wobei es an großer gegenseitiger, natürlich verstellter Herzlichkeit nicht fehlte.

Eine Menge Festlichkeiten wurden zu Ehren des liebenswürdigen schwedischen Monarchen veranstaltet; ja Katharina bezeugte ihm so große Rücksicht, daß sie das Fest nicht begehen ließ, welches bis dahin jährlich zum Andenken an die Schlacht von Pultawa gefeiert wurde, und das zufälligerweise gerade in die Zeit fiel, wo der König in Petersburg war.

Gustavs Besuch in Petersburg vermehrte in keiner Beziehung die Achtung, die er vor der Kaiserin hegte, und auch diese selber wurde nur in dem Beschluß bestärkt, den jungen, stolzen und gefährlichen Nachbarn und Nebenbuhler ihrer Macht zu demütigen. »Ich glaube nicht,« schrieb der Großfürst an Panin, »daß der König bei uns in der Politik etwas erreicht hat; ich habe gesehen, daß französischer Ton noch nicht den Menschen ausmacht und nicht immer gelobt werden kann, besonders wenn die Sache eine gerechte, nicht aber bloß »jolis mots et belles phrases.« Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 149.

Indessen schien es, als ob unter den gekrönten und fürstlichen Häuptern jener Zeit Besuchsreisen nach St. Petersburg zu einer Modesache würden. Kaum war der König von Schweden abgereist, so sah man daselbst die Herzogin von Kingston, Elisabeth Chudleigh, Herzogin von Kingston, geb. 1720, gest. 28. August 1788. Vgl. Hitzig, Der neue Pitaval, Leipzig 1858, Bd. XXV, S. 1, 6ff., 69. eine Dame, die ebensowohl durch ihre hohe Schönheit und ihren Luxus, als durch ihre galanten Abenteuer berühmt war. Sie kaufte sogleich ein Lusthaus an dem Ufer der Newa und hielt sich für würdig, an Katharinas Hofe zu leben; aber die Kaiserin, die fürchtete, eine gefährliche Nebenbuhlerin oder auch eine Vertraute in ihr aufwachsen zu sehen, die ihre Geheimnisse später verraten könnte, nahm sie mit abstoßender Kälte auf, und die Herzogin begab sich höchst mißvergnügt und unzufrieden nach Italien, wo sie auf die Huldigung einer großen Schar Anbeter rechnen konnte.

Seitdem Katharina Schahingerai zum Chan der Krim ernannt hatte, waren die Verwirrungen in derselben stets im Wachsen geblieben. Rußland hatte Truppen zur Aufrechterhaltung und zum Schutze seiner Gewalt dorthin gesandt. Aber die krimschen Tartaren töteten, über eine solche Bewachung aufgebracht, einen großen Teil der Besatzungstruppen.

Diese Begebenheit sowie das Auftreten eines Gegenchans genügte, um das nicht ganz erloschene Feuer des Krieges von neuem wieder anzufachen, und die Kaiserin ließ augenblicklich neue Truppen in die Krim einrücken. Fürst Prosorowskij, der diese Truppen befehligte, griff die Tartaren an und zerstreute sie.

Während dieser Zeit hatte der russische Gesandte in Konstantinopel, Stakiew, von der Pforte die Abtretung aller ihrer Ansprüche bezüglich der Einsetzung eines Chans in der Krim gefordert; aber diese Forderung wurde abgeschlagen.

Die Regierung ließ darauf dem Diwan anzeigen, daß die Krim nur noch unter der Obergewalt und dem Schutz Rußlands stände, und daß die Kaiserin den Krieg wieder beginnen würde, um den von ihr daselbst eingesetzten Chan zu halten und zu unterstützen. Dieser Stolz schreckte die Türken aber nicht, vielmehr beschlossen sie, aufs neue zu den Waffen zu greifen. Der Ausführung dieses Entschlusses trat jedoch fremder Einfluß entgegen: ein französischer Minister, Graf von Vergennes, hatte sie bewogen, den letzten Krieg anzufangen; sein Nachfolger, der Graf von St. Priest, verhinderte sie jetzt, einen neuen zu beginnen. Als der russische Minister Konstantinopel verlassen wollte, widersetzten sich die meisten Ulemas, welche den Diwan bildeten, dieser Absicht.

Die Minister der anderen Mächte vermittelten mit Wärme und aufrichtigem Eifer beim Diwan, und dieser schwankte unter so verschiedenartigen Impulsen hin und her. Katharina hatte während dieser Zeit durch Geschenke und Versprechungen neue Anhänger in der Krim gewonnen. Trotzdem sie sich auf einen Krieg vorbereitete, wünschte sie dennoch demselben zuvorzukommen.

Der Diwan blieb lange unentschlossen. Das Volk in Konstantinopel wünschte den Krieg, und schon ließen sich Drohungen gegen den Kapudan-Pascha vernehmen, der mit der Flotte wieder nach dem Marmarameere zurückgefahren war.

Stakiew, der russische Gesandte bei der Hohen Pforte, wurde in der Nähe von Konstantinopel von zwei Galiongis (türkischen Matrosen), meuchlings angefallen, die ihn ermorden wollten. Sie wurden sogleich ergriffen und erdrosselt, aber ihr Unternehmen verriet hinlänglich den Geist der öffentlichen Meinung.

Die Türken konnten sich nicht daran gewöhnen, die Russen das Schwarze Meer beherrschen zu sehen, sowie dulden zu müssen, daß sich die Flagge derselben beinahe unter den Mauern Konstantinopels entfaltete und der blühende Handel Rußlands sich mit jedem Tage weiter ausdehnte. Die Eroberung der Krim war allein ein genügender Grund, um sie zu revoltieren.

Einige andere Mißhelligkeiten waren noch nebenher zwischen dem Hof von Petersburg und der Ottomanischen Pforte entstanden. Durch den letzten Friedenstraktat waren den in der Moldau und Walachei zerstreut lebenden griechischen Christen mehrere Privilegien ausgewirkt worden. Seit jener Zeit hatten mehrere Einwohner des anderen Donauufers, welche sich gleichfalls zur orthodoxen griechischen Religion bekannten, ihr Heimatland verlassen, um sich in jenen Provinzen anzusiedeln, in denen die neue Toleranz herrschte. Rußland wollte noch mehr tun: es arbeitete heimlich daran, die Donaufürstentümer von der Pforte unabhängig zu machen, und um dies zu erreichen, stellte es das Verlangen, daß die Gouverneure der Moldau und Walachei unter keinerlei Vorwand von der Pforte abgesetzt werden dürften.

Dieses Verlangen erschien den Türken nicht weniger ungerecht, als die erzwungene Abtretung der Krim. Indessen war schon die erste Vermittlung des französischen Ambassadeurs nicht ohne Erfolg gewesen, und seine jetzige war von noch größerer Wirkung. Er vermochte den Diwan, mehrere russische Schiffe freizugeben, die schon seit etwa einem Jahre in türkischen Häfen zurückgehalten worden waren. Kurz darauf wurde dann, ebenfalls durch seine Vermittlung, ein neuer Traktat unterzeichnet, in welchem zwar Rußland in einigen seiner übertriebenen Forderungen in Beziehung auf die Provinzen Moldau und Walachei etwas nachgab, die Pforte dagegen denjenigen ihrer Untertanen, die sich zur griechischen Religion bekannten, die Rechte zugestand, die sie reklamierten. Die Pforte erkannte gleichzeitig die Unabhängigkeit der Krim an und dehnte insbesondere das Privilegium aus, die ottomanischen Meere zu befahren.

Der Eifer, welchen der französische Gesandte bewiesen hatte, um die Unterzeichnung dieses Traktates zu beeilen, war lediglich eine Folge des Wunsches seiner Regierung, England der Unterstützung Rußlands zu berauben. Die Allianz, welche seit langer Zeit zwischen den Höfen von St. Petersburg und London bestanden hatte, wurde, wenn auch nicht gebrochen, doch wenigstens sehr geschwächt, und die Franzosen hatten die Gewißheit, eine Macht, welche ihnen für den Frieden zu danken hatte, nicht gegen sich unter die Waffen treten zu sehen.

Katharina war so erfreut über diesen Frieden, daß sie sowohl ihrem eigenen Minister in Konstantinopel als auch dem französischen Ambassadeur höchst kostbare Geschenke übersandte. Der russische Gesandte Stakiew erhielt unter anderem eine Dotation, die aus einem Gute mit tausend Bauern bestand, Graf de St. Priest den Stern des St. Andreasordens in Brillanten. Ferner sandte ihm die Kaiserin ihr Porträt, in Juwelen gefaßt, sowie schöne Perlen und einen sehr kostbaren Ring für die Gräfin de St. Priest, alles zusammen im Werte von mindestens sechzigtausend Rubeln. Graf de St. Priest erhielt außerdem noch eine jährliche Pension von sechstausend Rubeln. Als er später mit seiner Gemahlin in Stockholm war, ließ er in der Zeitung Dagligt Allehanda annoncieren, daß er für vierzehntausend Reichstaler Diamanten zu verkaufen habe. Am Tage darauf las man an mehreren Straßenecken folgenden Anschlag: »Die Ernte politischer Schmeicheleien und Spionierereien zu verkaufen für vierzehntausend Reichstaler, bei dem Grafen von St. Priest.« (Anmerkung des Verfassers.) Sie ließ auch dem Großherrn und seiner Favoritsultanin für mehr als dreihunderttausend Rubel Juwelen zustellen. Der Großwesir und die vornehmsten Mitglieder des Diwans empfingen gleichfalls auf Kosten des Staats Beweise von Katharinas und Potiomkins verschwenderischer Freigebigkeit.

Die Kaiserin wünschte sich zu einem Traktate Glück, der ihr vollständige Freiheit gab, sich ihren ehrgeizigen Vergrößerungsplänen und der anerkennenswerten Sorge für den Handel ihrer weit ausgedehnten Staaten zu überlassen. Trotz der Verschiedenheit des Klimas, des Mangels an Bevölkerung und der Unfruchtbarkeit einiger Provinzen erwuchsen dem Gesamtstaate unermeßliche Handelsvorteile aus ihrer Fürsorge. Auf Europa und auf Asien gleichzeitig gestützt, können die Russen mit Leichtigkeit den Tauschhandel für die ganze Welt besorgen. Das Kaspische Meer ist eine stets offene Straße nach Persien und nach Indien. Das Schwarze und das Asowsche Meer bieten ihm Gelegenheit, seine nordischen Produkte in den Häfen des mittelländischen Meeres abzusetzen, und umgekehrt die Waren der Levante dem Norden zuzuführen. Kamtschatka eröffnet ihm nach der einen Seite hin den Weg nach Amerika und nach der andern nach China und Japan; endlich setzen es das Weiße und das Baltische Meer in Verbindung mit allen europäischen Nationen, für die sein Handel notwendig ist.

Im Besitz des Rechts, auf so vielen Meeren segeln zu dürfen und einige derselben zu beherrschen, verletzte es Katharinas Stolz, daß eine andere Macht ihr diese Herrschaft streitig machen wollte. Neid über die maritime Überlegenheit der Engländer war eine der Hauptursachen, welche sie dieser Nation entfremdeten.

Indessen wollte die Kaiserin doch nicht die Vorteile einbüßen, welche ihr der englische Handel verschaffte, und während sie ruhig mit ansah, daß die Engländer ihre amerikanischen Kolonien verloren, lud sie jene ein, in Rußlands Häfen die Produkte zu suchen, welche sie nicht mehr direkt von dem amerikanischen Kontinent holen konnten. Bald hatte sie auch die Freude, englische Schiffe in größerer Zahl als bisher Archangel besuchen zu sehen. Gleichzeitig damit begünstigte sie aber die vereinigten Freistaaten von Nordamerika, und trotz der dringenden Vorstellungen des englischen Gesandten bewilligte sie denselben freie Schiffahrt in der russischen Ostsee, obwohl sie in einem sonderbaren Widerspruch ihre Selbständigkeit nicht anerkennen wollte. Die Jahrestage von Katharinas Thronbesteigung und die Geburtstage des Großfürsten wurden stets mit außerordentlichem Glanz gefeiert und in der Regel durch zahlreiche Beförderungen ausgezeichnet.

Katharina feierte auch mit vieler Pracht die Festtage ihrer verschiedenen Orden und bat es sich einmal aus, die Großmeisterfunktionen des englischen Bathordens bei dem Kapitel ausüben zu dürfen, in welchem dem englischen Gesandten Harris der Ritterschlag erteilt wurde. Zu dieser Zeremonie sandte ihr der englische Monarch die nötigen Insignien des Ordens zu.

Nachdem sie dem Ritterkandidaten mit einem reich mit Diamanten besetzten Degen einen Schlag auf die Schulter erteilt und nach den Statuten des Bathordens gesagt hatte: »Im Namen des höchsten Gottes sei ein würdiger und loyaler Ritter!« fügte sie hinzu: »Um zu zeigen, wie zufrieden ich mit Ihnen bin, Herr Ritter, empfangen Sie diesen Degen, mit welchem ich Ihnen die Ritterwürde erteilt habe.«

Einige Tage vor dieser Begebenheit hatte die Kaiserin ein großes Fest zur Erinnerung an die Seeschlacht bei Tschesme und die Verbrennung der türkischen Flotte gegeben und beschloß, durch ihre persönliche Gegenwart den Eifer und den Mut ihrer Marine anzufachen. Sie begab sich von Peterhof aus an Bord einer Jacht zur Flotte hinaus, die auf der Höhe von Kronstadt kreuzte. Der Admiral, der dieselbe kommandierte, empfing ebenso wie seine Offiziere verschiedene reiche Beweise der Zufriedenheit der Kaiserin.

Zu jener Zeit hatte eine Feuersbrunst ein ganzes Quartier in der Stadt Twer verheert. Die Kaiserin sandte sogleich einmalhunderttausend Rubel an die Einwohner, deren Häuser in Asche gelegt waren.

Ungeachtet aller ihrer politischen Unternehmungen beschäftigte sich Katharina stets mit der Einführung neuer Einrichtungen und ihren eigenen Vergnügungen. Schon im Jahre 1764 hatte sie den Grund zu einem Erziehungsinstitut, St. Katharinakloster genannt, gelegt, dessen Bestimmung die Aufnahme armer adliger Jungfrauen war, und das sie deshalb mit dem reichen jährlichen Einkommen von vierundzwanzigtausend Rubeln dotiert hatte. Die Anzahl der Schülerinnen durfte sich bis auf fünfhundert belaufen. Die Kaiserin wollte, daß sie fremde Sprachen, Musik, Tanz und das Aufführen von französischen Tragödien und Komödien betreiben sollten. Der Besuch dieser Schauspiele gehörte einige Zeit zu den Belustigungen Katharinas.

Soritsch

Aber es gab noch andere Vergnügungen, die sie ständiger fesselten. Obschon sie ihre Liebhaber oft wechselte, blieb ihre Leidenschaft dieselbe. Soritsch hatte sie ein ganzes Jahr hindurch zu befriedigen vermocht und neben dem Generalmajorsrang bedeutende Geschenke erhalten. Ja, Katharina schien mehr und mehr von ihrem Günstlinge eingenommen zu sein, als sie ihm ganz plötzlich den Befehl erteilte, den Hof zu verlassen. Eine unbedeutende Zänkerei, die Soritsch mit Potiomkin hatte, veranlaßte die Entfernung des ersteren. Potiomkin hegte keinen Groll gegen ihn, war nicht neidisch auf seine ungeheuren Reichtümer und fürchtete auch nicht sein schnell gewachsenes Ansehen, weil er wußte, daß Soritsch so unbedeutend war, daß er ihm schlechterdings nicht gefährlich werden konnte. Aber er wollte zeigen, daß man sich ungestraft auch nicht den Schein erlauben dürfe, ihm Widerstand zu leisten, und wollte durch ein Beispiel davor warnen, jemals einen solchen Gedanken zu fassen. Der Fürst stellte der Kaiserin vor, daß es für ihre aufgeklärten Ansichten demütigend sei, einen Mann von so beschränkten Kenntnissen, wie Soritsch, um sich zu haben, und machte ihr Vorschläge zur Wahl eines anderen Adjutanten, mit dem sie in diesem Punkte zufriedener sein könne. Da sie eben in dem Augenblick wenig Zuneigung zu Soritsch fühlte, nahm sie den Vorschlag des Fürsten an. Soritsch befand sich gerade in seinem Zimmer, als er den Befehl erhielt, sich sofort auf seine Güter zu begeben. Er war wie vom Schlage getroffen. Wie ein Pfeil drang er bis zu den Gemächern der Monarchin aber man verwehrte ihm den Eingang. Er bat um die Erlaubnis, Abschied nehmen zu dürfen, aber sie wurde ihm rund abgeschlagen. Nun eilte er zum Fürsten Potiomkin, aber dieser bestand darauf, daß er noch am nämlichen Abend auf seine Güter nach Livland gehe. Einwendungen halfen nicht. Er mußte abreisen und vertraute Bediente zurücklassen, die ihm seine Sachen nachbringen mußten. Heibig, Russische Günstlinge, S. 277.

Kaum war er fort, so beschäftigte sich Potiomkin damit, ihm einen Nachfolger zu suchen, der in Gestalt des ehemaligen Gardesergeanten Korsakow bald gefunden war. Dieser war mit einer schönen Figur begabt. Alle Offiziere, die schön gewachsen waren oder es zu sein glaubten, bemühten sich bei jeder Gelegenheit, Katharinas Blicke auf sich zu ziehen. Selbst am Hofe traten die Großen manchmal ihren Platz einem schönen Mann ab, da sie wohl wußten, daß ihrer erhabenen Souveränin nichts so sehr gefalle, als wenn sie ihre Gemächer zwischen zwei Reihen schöner Jungen durchschreite. Dies war ein Platz, um den man sich bewarb, indem man sich zeigte und wohlgebaute Schenkel zur Schau trug; und manche Familien setzten ihre Hoffnungen auf irgendeinen jungen Verwandten, den sie auf diese Weise auffällig zu machen sich bestrebten. Masson, Bd. II, 3. Abt., S. 95. Da er aber ohne Geist und ohne Kenntnisse war, konnte er ebensowenig als Soritsch Potiomkins Ansehen vermindern. Außerdem entwaffnete er den Neid des letzteren durch Befriedigung seiner unersättlichen Habgier. Ein einziger Zug dürfte hinreichend sein, um Korsakows Porträt zu zeichnen. Sobald er seinen Platz als Günstling eingenommen hatte, glaubte er, daß ein Mann, wie er jetzt sei, sich notwendigerweise eine Bibliothek anschaffen müsse. Sogleich ließ er einen der berühmtesten Buchhändler Petersburgs zu sich kommen und sagte ihm, daß er Bücher haben wolle, um sie in Wassiltschikows Palast aufzustellen, den ihm die Kaiserin geschenkt hatte. Der Buchhändler fragte ihn, welche Art von Büchern er denn haben wolle. »Das müssen Sie ja besser wissen als ich« – antwortete ihm der Günstling –, »das ist ja ihre Sache. Große Bücher für die unteren Fächer und kleine, um sie oben darüber und unten davor zu stellen. Ganz so, wie es in der kaiserlichen Bibliothek ist.«

Rimky-Korsakoff

Potiomkin erhielt sich bei alledem im Genuß der höchsten Gunst. Täglich vermehrten sich seine Einkünfte und Titel. Der Hof, die Armee, die Flotte, alles war ihm untertan. Nach seinem Gutdünken setzte er Minister ein und ab, ernannte Generale, alle höheren Beamten, und allein seine Laune bewirkte Gnade oder Ungnade.

Potiomkin pflegte seine Untergebenen rücksichtslos auszunützen. So befand sich in seinem Gefolge u. a. ein Oberoffizier namens Bauer, den der Fürst bald nach Paris schickte, um einen Tänzer, bald nach Astrachan, um Wassermelonen zu holen, bald nach Polen mit Aufträgen an seine Pächter, bald nach Petersburg mit Nachrichten für Katharina, bald in die Krim, um Weintrauben zu bringen usw. Der Offizier, der sein Leben auf diese Weise immer im Wagen zubrachte, verlangte eine Grabschrift für den Fall, daß er den Hals bräche. Einer seiner Freunde machte ihm folgende:

Cy gît Bauer sous ce rocher:
Fonette, cocher!
(Hier unter diesem Felsen liegt Bauer: Kutscher, fahr zu!). Masson, Bd. I. 3. Abt., S.88.

Unter scheinbar grober und oft brutaler Offenheit war Potiomkin doch eigentlich schmeichlerisch und listig. Er beherrschte die Kaiserin und diktierte ihr seinen Willen, schien aber dabei doch immer nur für ihren Dienst zu atmen. Er behandelte die ältesten Generale verächtlich und schonte die höchsten Würdenträger des Staates ebensowenig, wenn er glaubte, sie ungestraft beleidigen zu können, aber er war feige und nachgiebig denjenigen gegenüber, deren Mut und Keckheit er kannte.

Der Feldmarschall Rumiantzow war so ziemlich der einzige im weiten Russischen Reiche, der nicht vor Potiomkin kroch. Dieser fürchtete seine Unbeugsamkeit ebensosehr, wie er ihn um die Ehre beneidete, die der Besieger der Türken genoß. Der Haß, welchen er gegen Rumiantzow hegte, erstreckte sich auch auf die Schwester desselben, die Gräfin Bruce, Die im ersten Bande erwähnte Gräfin Praskowja Alexandrowna. eine der intimsten Vertrauten Katharinas. Der Undankbare vergaß ganz und gar, daß die Gräfin Bruce zu seiner ersten Verbindung mit der Kaiserin beigetragen und sie sehr begünstigt hatte. Während er mit der liebenswürdigen Gräfin, die ihm große Freundschaft schenkte, familiär umging, beobachtete er sie in allem, was sie sagte oder tat, und beschloß, sie bei der ersten Gelegenheit zu stürzen.

In dieser Zeit besaß Korsakow die Liebe der Kaiserin. Die Wohltaten, mit denen Katharina den Günstling überhäufte, hätten demselben, wenn auch vielleicht keine Liebe einflößen, so doch wenigstens das Gefühl der Dankbarkeit abnötigen sollen. Aber er war selbst verliebt, eitel und von allen Liebhabern Katharinas derjenige, welcher sich am meisten mit seiner Kleidung beschäftigte, die er über und über mit Diamanten zu bestreuen wußte. Die Gräfin Bruce, welche ihn täglich bei der Kaiserin sah, faßte bald eine Neigung zu ihm, der sie sich jedoch anfangs nicht zu überlassen wagte. Der Zwang, in dem die Liebhaber Katharinas zu leben gezwungen waren, machte ihnen kaum eine Untreue möglich. Potiomkin half der Gräfin Bruce alle Hindernisse überwinden, er gab ihr Gelegenheit, im geheimen mit Korsakow zusammenzutreffen, und ungeachtet er bisher diesen Günstling schützte und gern sah, beschloß er ihn dennoch zu opfern, in der Hoffnung, die Schwester Rumiantzows in seinen Fall zu verwickeln.

Sein Anschlag glückte ihm vollständig. Es dauerte nicht lange, so entdeckte die Kaiserin, daß sie sowohl von ihrem Liebhaber als auch von ihrer Freundin betrogen war. Sogleich erteilte sie dem ersteren den Befehl, augenblicklich das Reich zu verlassen, und der letzteren, sich nach Moskau zu begeben. Von diesem Augenblick an beschloß sie, sich nicht mehr an eine Freundin anzuschließen. Alexander Lanskoj, ein Offizier bei der Ritter-Garde, Die Ritter-Garde war eine Kompagnie, die aus sechzig Mann bestand, welche blaue Uniformen mit roten Revers und Silberstickerei auf allen Nähten trugen. Sie wurde nur zur Bewachung der inneren Räume des kaiserlichen Palastes benutzt. (Anmerkung des Verfassers.) mit einer ungewöhnlich schönen und interessanten Figur, war bei der Kaiserin auf der Wache, als der General Tolstoj, durch sein edles Äußere frappiert, die Aufmerksamkeit Katharinas auf ihn richtete. Von dem Augenblick an, da sie ihn scharf betrachtet hatte, war die Wahl Katharinas getroffen, und von allen Liebhabern, die sie jemals gehabt, war Lanskoj der, welchen sie am meisten liebte, und der auch in jeder Beziehung der Würdigste in der ganzen Reihe ihrer Liebhaber war.

Obschon Potiomkin keinen unmittelbaren Anteil an der Erhebung Lanskojs zur Günstlingsschaft gehabt hatte, forderte er dennoch von diesem den Tribut, den er für gesetzlich anzusehen schien, und der neue Günstling mußte im geheimen sein Wohlwollen für zweimalhunderttausend Rubel erkaufen.

Potiomkins Gier war so grenzenlos, daß er, um seine Habsucht zu sättigen, kein Bedenken trug, sich zu den schändlichsten Niedrigkeiten herabzulassen. Dieser ungeheuer reiche Mann bediente sich einmal einer von der Kaiserin in blanco ausgestellten Vollmacht, um einen Befehl für den Fürsten Wjasemskij, Fürst Alexander Alexejewitsch. 1727–1793. den ersten Schatzmeister des Reiches, darauf zu setzen, ihm einmalhunderttausend Rubel Silber auszuzahlen. Wjasemskij stellte ihm die Summe zu, zeigte aber einige Zeit darauf den schriftlichen Befehl der Kaiserin, welche, zwar über die Frechheit Potiomkins bestürzt, trotzdem nicht wagte, ihm dieselbe vorzuwerfen.

Aber diese Hofintrigen waren keineswegs die einzigen Beschäftigungen Potiomkins. Der ehrgeizige Despot hoffte zu erleben, daß die Kaiserin eines Tages in Konstantinopel gekrönt werden würde, und er wünschte dies noch sehnlicher als sie selbst, weil er dann glaubte, dort im Namen Katharinas herrschen zu können, wo er sich ohne Zweifel unabhängig gemacht haben würde. Er teilte der Kaiserin seine Pläne mit, aber um diese zu verwirklichen, mußte man in Übereinstimmung mit dem österreichischen Kaiser handeln. Katharina billigte Potiomkins Absichten. Als er mit diesen im Konseil herausrückte, sagte Panin, welcher einen hohen Wert auf das preußische Bündnis legte, daß man sich in große Gefahr begeben würde, wenn man sich diese Macht entfremden wolle. Demungeachtet wurde Potiomkins Plan gutgeheißen und verfolgt. Panin zog sich in der Folge von den öffentlichen Angelegenheiten zurück.

Besborodko Fürst Alexander Andrejewitsch, der spätere Reichskanzler, geb. 25. März 1747, gest. 17. April 1799. erhielt seine Stelle im Konseil. Er war, wie ehemals Sawadowskij, zunächst Sekretär beim Feldmarschall Rumiantzow gewesen und dann von dort aus im Kabinett der Kaiserin angestellt worden. Später wurde er zum Minister der inneren Angelegenheiten ernannt, und Ostermann, der nach seiner Rückkehr von Stockholm die Stelle des Vizekanzlers übernahm, verrichtete alle die Geschäfte, welche bisher Panin obgelegen hatten.

Katharina wünschte eine persönliche Zusammenkunft mit Joseph II., weil ihre türkischen Projekte eine geheime Konferenz mit ihm erforderten. Österreich selbst kam den Absichten der Kaiserin entgegen. Im Februar 1780 gab Joseph II. dem russischen Gesandten in Wien, Fürsten Dmitrij Golitzyn, zu erkennen, daß es ihm angenehm sein würde, der Kaiserin von Rußland bei Gelegenheit der Reise, welche sie in ihre neu erworbenen polnischen Provinzen zu machen beabsichtige, einen Besuch abzustatten und sie persönlich kennen zu lernen. Ende Mai 1780 fand seine erste Zusammenkunft mit Katharina in Mohilew statt.

Ein großer Teil der polnischen Großen hatte sich daselbst eingefunden. Die Pracht, welche Katharina umgab, und der Luxus des polnischen Adels bildeten einen starken Kontrast mit der Einfachheit in Tracht und Sitten, die den österreichischen Kaiser umgab. Er reiste unter dem angenommenen Namen »Graf Falkenstein« und ersuchte die Kaiserin um Befreiung von aller Etikette oder beschwerlichen Zeremonien, worin Katharina einwilligte.

Nachdem sie in mehreren geheimen Konferenzen die schwebenden Fragen miteinander besprochen, lud Katharina den Kaiser auf das verbindlichste ein, sich Rußland anzusehen, und Joseph II., der keine Gelegenheit versäumte, zu reisen und nützliche Kenntnisse zu sammeln, schlug den Weg nach Moskau ein, während sich die Kaiserin direkt nach Petersburg zurückbegab.

Vor der Abreise von Mohilew hatte Katharina den Kaiser gebeten, in ihrem Palaste Czarskoje Selo zu wohnen; er antwortete aber sogleich, wie sehr es ihm auch angelegen sei, die Kaiserin in diesem Lustschlosse zu sehen, müßte er sich dieses doch versagen, wenn sie ihm nicht gestatte, als Graf Falkenstein im dortigen Gasthause zu bleiben. Katharina willigte auch hierin ein. Als sie aber nach Czarskoje Selo zurückgekommen war, erteilte sie ihrem englischen Gärtner den Befehl, seinen Wohnsitz schnell in ein Wirtshaus zu verwandeln und es mit allem zu versehen, was nötig wäre, um einen Kaiser komfortabel aufzunehmen. Der Gärtner befolgte den Befehl und ließ ein Firmenschild anbringen, auf welchem sich das gemalte Wappen der Familie Falkenstein befand. Dort stieg Joseph II. bei seiner Ankunft in Moskau ab, und da er später oft die Sauberkeit und Eleganz in den russischen Hotels, die er bewohnt hatte, vor Reisenden erwähnte und rühmte, gab er mehrfach Gelegenheit, seinen Irrtum zu belachen. Und dies mit Recht. Bereits vier Tage vor der Abreise der beiden Herrscher aus Mohilew war ein kaiserlicher Befehl an Sievers ergangen, die Reisepaläste aufzuräumen und mit einfachen Möbeln und Tapeten zu versehen. In den Städten könne man auch Privathäuser zu des Grafen Empfang bestimmen; da er jedoch nur in Gasthöfen abzusteigen liebte, so solle Sievers an den Privathäusern Schilder befestigen lassen. Blum, Ein russischer Staatsmann, Bd. II, S.350.

Obgleich Katharina die Abneigung des Kaisers gegen allen Luxus kannte, veranstaltete sie ihm doch höchst prachtvolle Feste. Aber diese belustigten und interessierten Joseph II. weniger, als die Besichtigung nützlicher Einrichtungen und Kunstdenkmäler. Er hatte in Moskau den Kreml, die chinesische Stadt, die Hospitäler, die Bibliothek und die nordischen Archive besehen. Er hatte sich in Tula aufgehalten, um die Stahlfabrikation kennen zu lernen, an welcher Katharina nichts gespart hatte, und welche vielleicht an Güte der Arbeit und an Schönheit den englischen Fabrikerzeugnissen in nichts nachgibt.

Er besuchte ferner alles, was der Hafen von Petersburg und Kronstadt Betrachtenswertes darboten. Er untersuchte die Arsenale im Detail, ebenso die Werften und Manufakturen, und überall empfing er die schmeichelhaftesten Beweise von der Aufmerksamkeit der Kaiserin. Als er in die Akademie der Wissenschaften eintrat, präsentierte man ihm einen geographischen Atlas, unter dessen Karten schon die seiner Reise von Wien nach Petersburg aufgenommen war. In der Akademie der Künste sah er eine Sammlung von Gemälden, unter denen sich auch sein Porträt mit einer Unterschrift befand, die analog mit seiner Neigung für Reisen und seinem Charakter war. Sie lautete in den horazischen Versen:

»Multorum, provides urbes
Et mores hominum inspexit.«

Joseph II. verließ Rußland, ebenso in Erstaunen gesetzt durch das sonderbare Gemisch von Zivilisation und Barbarei, welches sich seinen Blicken enthüllt hatte, als über die Kraft und gleichzeitige Schwäche der Kaiserin. Er konnte es nicht fassen, daß ein Weib, deren Genie dazu geeignet schien, sich die Welt zu unterwerfen, mitten an ihrem Hof die ergebene Sklavin zweier Günstlinge war.

Kurz nach Josephs II. Abreise von Petersburg kam daselbst der Erbe von Preußen, der nachmals unter dem Namen Friedrich Wilhelm II. regierende König, Sohn des Prinzen von Preußen, an. Sein Aufenthalt in der nordischen Residenz bot nichts Merkwürdiges weiter dar, als daß man auch ihm zu Ehren die glänzendsten Feste veranstaltete, was am russischen Hofe so gewöhnlich ist. Anfang Juni schrieb Joseph II. an seine Mutter aus Smolensk: »Der Prinz von Preußen wird im September hierher kommen, um die Vorteile meines Hierseins zunichte zu machen.« – Schon die Ankündigung dieses Besuchs wurde von Katharina unmutig aufgenommen, und der Empfang des Gastes in Petersburg war dementsprechend. »Der Prinz von Preußen,« berichtete der englische Gesandte Harris unterm 11./22. September 1780 an Lord Viscount Stormont, »fühlt sich innerlich verletzt und wird es wahrscheinlich nie vergessen und vergeben, daß man ihn hier eine so erbärmliche Rolle spielen läßt.«

Als Katharina sah, daß so viele Prinzen ihre Staaten verließen, um fremde Länder zu besuchen, beschloß sie, den Großfürsten ebenfalls reisen zu lassen. Von ihres Sohnes Ehrfurcht und Ergebenheit überzeugt, fürchtete sie nichts von seiner Abwesenheit. Der Großfürst und die Großfürstin reisten durch Polen und Österreich nach Italien, von wo sie über Frankreich Hier wurden Großfürst und Großfürstin, die unter dem Namen »Graf und Gräfin Ssewerni« reisten, mit besonderer Pracht empfangen. Unter den zahllosen Festen, die man ihnen zu Ehren veranstaltete, war am glänzendsten eines, das Marie Antoinette am 26. Mai 1782 in Klein-Trianon gab. Bei diesem herrschte eine Ausstellung von Brillanten, durch deren Glanz die Augen förmlich geblendet wurden. Die Gräfin Ssewerni trug auf dem Kopf einen kleinen Vogel aus Edelsteinen, auf den man kaum direkt blicken konnte, so sehr glänzte er; derselbe wiegte sich hin und her und schlug mit den Flügeln auf eine Rose. An diesem Abend wurden zum erstenmal für Blumen kleine Gläser benutzt, in denen etwas Wasser enthalten war, um die natürlichen Blumen in dem Kopfputz frisch zu erhalten: »Das,« sagt die Baronin Oberkirch, eine Reisebegleiterin des großfürstlichen Paares, »war nicht immer möglich, wenn es aber gelang, bezaubernd. Der Frühling im Haar, inmitten des Schnees von Puder, war von wunderbarem Effekt.« Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 186. und Holland nach St. Petersburg zurückkehrten. Während der ganzen vierzehn Monate, die ihre Reise währte, wußte die Kaiserin stets alles, was geschah. Fast an jedem Tage wurde ein Kurier abgesandt, um sie über alles auf dem Laufenden zu halten.

Das Großfürstenpaar wünschte ohne Zweifel ebenso begierig zu erfahren, was sich in Petersburg ereignete, aber die Kaiserin wollte nicht, daß es darüber unterrichtet würde. Der Brigadegeneral und Flügeladjutant P. Bibikow, der in dieser Hinsicht Katharinas Willen zu trotzen gewagt hatte, wurde bald entdeckt. Seine Briefe, die an den Fürsten Alexander Kurakin, welcher den Großfürsten begleitete, gerichtet waren, wurden aufgefangen. Sie enthielten sehr genaue und wenig schonende Details der täglichen Vorfälle bei Hofe. Verschiedene Personen waren darin mit satirischen und charakterisierenden Namen belegt, wobei Potiomkin nicht zum besten wegkam. Es war dies genügend, um Bibikow sogleich nach Astrachan zu schicken, wo er hinreichend Muße hatte, seine Keckheit zu bereuen.

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