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Russische Hofgeschichten II

Magnus Crusenstolpe: Russische Hofgeschichten II - Kapitel 3
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authorMagnus Jacob Crusenstolpe
titleRussische Hofgeschichten II
publisherGeorg Müller
year1917
editorJoachim Delbrück
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II.

Mißhelligkeiten zwischen Grigorij Orlow und Panin. – Verabschiedung des Kanzlers Woronzow. – Polnische Händel. – Ein Abenteuer des englischen Gesandten. – Das Turnier. – Die Pockenimpfung des Großfürsten. – Anwesenheit des Prinzen Heinrich von Preußen in Petersburg. – Der Krieg zwischen Rußland und der Türkei. – Die Fürstin Tarakanow.

Während Katharina Polen Gesetze vorschrieb, Österreich Hoffnungen machte, sich mit Preußen versöhnte und mit England negoziierte, suchte sie in gutem Einverständnis mit den übrigen europäischen Höfen zu bleiben, arbeitete aber inzwischen eifrig daran, sich auf jede erdenkliche Weise gefürchtet zu machen. Sie vermehrte ihre Armee, ihre Marine und suchte vor allen Dingen die Sitten ihres immer noch mehr als halbrohen und barbarischen Volkes zu heben. Aber von den Großen des Reiches schlecht unterstützt und von denen, die sie umgaben, nicht einmal ganz begriffen, machten ihre Reformen anfangs nur langsame Fortschritte. In Petersburg herrschte der Geist der Revolution und der Zersplitterung. Die Rebellionen, die man dämpfen oder bestrafen mußte, machten Katharina die Männer immer notwendiger, denen sie für ihre Thronbesteigung schon zu Dank verpflichtet war, und die Gunstbezeugungen, die sie diesen gierigen und trotzig auf die von ihnen geleisteten Dienste pochenden Dienern beweisen mußte, verdoppelten das allgemeine Mißvergnügen. Neue Verschwörungen bildeten sich, doch wurden die Gefahren, so drohend sie sich zeigten, von dem Glück, oder richtiger gesagt durch die unglaubliche Geschicklichkeit der Kaiserin, zunichte gemacht. Die Strafen wurden nunmehr im geheimen verhängt, und die Urheber eines Komplottes konnten höchst selten daran denken, sich an einem zweiten zu beteiligen.

Was jedoch Katharina seit dem Tode Iwans am meisten beunruhigte, war die Mißhelligkeit, die zwischen ihrem Günstling und ihrem ersten Minister herrschte, denn die Ergebenheit und die Kühnheit des einen war für sie nicht minder nötig und nützlich, als der Name und die staatskluge Geschicklichkeit des andern. Graf Panin hatte ohne Zweifel auch seine großen Fehler, aber er war der einzige, der wirklich die Staatsangelegenheiten zu leiten vermochte. Seine unerschütterliche Kaltblütigkeit, seine finstere Gemütsart, sein Hochmut und vor allem seine große Bequemlichkeit mißfielen Katharina; aber sie ließ seinen ausgezeichneten Talenten Gerechtigkeit widerfahren und hielt ihn jederzeit im Besitz ihres Vertrauens. Außerdem wußte Panin immer die richtigen Mittel anzuwenden, um, wenn die Kaiserin mit ihm unzufrieden war, sich ihre Gunst bald wiederzugewinnen.

Orlows Ansehen stand auf anderer und zwar heißerer Grundlage, aber er untergrub dieses Ansehen allmählich. Als ein vom Glück übersättigter Liebhaber, schien die anhaltende Leidenschaft, die Katharina in der Liebe erforderte, ihm mit der Zeit beschwerlich zu fallen. Er brachte ganze Wochen auf der Bärenjagd zu und wagte es sogar, sich Seitensprünge zu erlauben, die er vor seiner Herrscherin nicht einmal zu verbergen suchte oder auch vermochte, und dadurch bewirkte er mehr und mehr, daß sich dieselbe mit der Zeit auch ihrerseits geneigt fühlte, seinem Beispiel zu folgen, was sie solange nicht getan, als ihre Neigung erwidert wurde.

Ungeachtet Panin in hohem Ansehen stand und aus seiner Stelle als Gouverneur des Großfürsten und dem Titel eines ersten Ministers reiche Ernten zu ziehen wußte, verursachte ihm doch die Rückkehr des Kanzlers Woronzow, dessen Amt er während der Zeit seines Urlaubs ad interim verwaltet hatte, großen Verdruß. Es lag ihm so viel daran, im Besitz seiner vollen Macht zu bleiben und den Glanz einer Repräsentation zu genießen, die in seinen Augen von höchstem Werte war, daß er sich jetzt so weit herabließ, demselben ihm verhaßten Günstling zu schmeicheln, den er noch kurz vorher hatte stürzen wollen. Orlow war nicht schwer zu gewinnen. Sich immer mit Ärger an die Schritte erinnernd, die der Kanzler Woronzow seinerzeit getan, um ihn daran zu verhindern, sich auf den russischen Thron zu schwingen, forderte er nunmehr unbedingt, daß die Kaiserin Woronzow von den Staatsangelegenheiten fernhalten solle, und so wurde er der Apologist eines weniger offenen und ehrlichen, aber dafür desto geschickteren Feindes. Katharina empfing den zurückkehrenden Kanzler mit großer Kühle, und statt ihn wieder in sein früheres Amt im Ministerium einzusetzen, worüber er bei seiner Abreise das bestimmteste Versprechen erhalten hatte, gab sie ihm deutlich zu verstehen, daß er einen Platz verlassen möge, den er fortan nicht mehr zu ihrer Befriedigung auszufüllen im Stande wäre. Der Kanzler zögerte, ihrem Wunsch Folge zu leisten, gab aber endlich doch in Erwägung der Umstände und auf den Rat seiner Freunde nach. Er verlangte seine Entlassung, und nun zeigte man ihm gegenüber über den Verlust, der den Staatsdienst durch seinen Abgang träfe, ein Bedauern, das ebensowenig aufrichtig war, als das von ihm angegebene Motiv der Sehnsucht nach Ruhe. Um sich für die Freude erkenntlich zu zeigen, welche sein Gehorsam verursachte, bewilligte man ihm eine außerordentliche Gratifikation von fünfzigtausend Rubeln und eine jährliche Pension von siebentausend.

Neben den unzähligen Mitteln, deren sich Katharina bediente, um die Anstifter der Komplotte ans Licht zu ziehen, von denen ihre Ruhe unaufhörlich gestört wurde, versäumte sie nicht den Briefwechsel der in Petersburg beglaubigten Gesandten und Minister ausspionieren zu lassen. Die Korrespondenz des französischen Envoyés Beranger war ihr verkauft worden; sie besaß persönlich den Schlüssel zu seiner Chiffre und fand in seinen Briefen, wenn auch nicht eine offenbare Teilnahme an den Manövern der Verschwörer, so doch wenigstens eine genaue Kenntnis von alledem, was sich um sie herum im geheimen zutrug. Ihr Stolz war verwundet, ihr Haß gegen den Hof von Versailles wurde dadurch verdoppelt, und die beleidigende Kälte, welche sie dem Agenten dieses Hofes bewies, machte es für denselben nicht nur wünschenswert, sondern bald auch notwendig, sich aus ihrer Nähe zu entfernen.

Ludwig XV. sandte darauf den Marquis de Beausset, einen eingebildeten und bornierten Menschen, nach St. Petersburg, über den sich die Minister Katharinas bald beklagten. Da Beausset des wirklichen Anlasses dieser Klage vollkommen unkundig war, so richtete er wenig Aufmerksamkeit darauf und suchte einer Erneuerung derselben gar nicht zuvorzukommen.

Katharina hörte nie auf, Voltaire François Marie Arouet de Voltaire, geb. 21. November 1694, gest. 30. Mai 1778. und d'Alembert zu schmeicheln, welch letzterer es jedoch, wie schon früher erwähnt, ablehnte, die Stelle eines Gouverneurs des Großfürsten anzunehmen. Als die Kaiserin erfuhr, daß Diderot Denis Diderot, geb. 5. Oktober 1713, gest. 30. Juli 1784. ohne alles Vermögen sei und, um seine einzige Tochter mit einer Mitgift zu versehen, seine Bibliothek verkaufen wolle, ließ sie diese für sich erstehen, doch unter der Bedingung, daß sie für Diderots Lebenszeit völlig zu dessen Disposition bleibe, und ernannte ihn mit einem bedeutenden Gehalt zu ihrem Bibliothekar. Einige Zeit vorher hatte sie dem berühmten Chirurgen Morand eine Sammlung aller goldenen und silbernen Medaillen, welche in Rußland geschlagen waren, gesandt, um ihm ihre Befriedigung über die anatomischen Präparate und chirurgischen Instrumente zu beweisen, die er ihr für die Petersburger Sammlungen verschafft hatte. Fast alle ausgezeichneten Schriftsteller und Künstler in Paris empfingen Zeichen ihrer Freigebigkeit, und ihre Wohltaten bewundernd, ließen sie ihren Ruhm laut in die Welt erschallen.

Im Jahre 1765 nahm auch der geheime Plan, welchen Katharina bei der Erhöhung Stanislaus Poniatowskis zum König von Polen im Auge gehabt hatte, festere Formen an. Ihre Prätensionen waren übertrieben, aber Truppen, welche sie marschieren ließ, unterstützten dieselben, und sie begann einen befehlenden Ton anzunehmen. Drohungen und Äußerungen des Mißvergnügens waren die Folge, und man forderte das Volk geradezu auf, zu den Waffen zu greifen. Der König selbst, entweder über die Opfer errötend, welche man von seiner Erkenntlichkeit verlangte, oder vielleicht auch nur von der Furcht bewogen, seine Nation zu revoltieren, erklärte auf das bestimmteste, daß er diesen unerwarteten Prätensionen nie beipflichten könnte.

Auf diese Antwort hatte Katharina nur gewartet, und von diesem Augenblick an nahm sie die Teilung Polens als ein Faktum, das ihr vorher wohl nur als im Bereich einer späteren Möglichkeit liegend vorgeschwebt hatte. Ihre Maßregeln waren so vorsichtig getroffen, daß der König von Preußen, von keinem geringeren Ehrgeiz beseelt als sie, sich beeilte, ihre Absichten und Pläne zu unterstützen, und die Kabinette von London, von Stockholm und Berlin zollten den räuberischen Taten Rußlands lauten Beifall.

König Stanislaus Poniatowski, der seinen Untertanen weder Vertrauen einflößen konnte, noch die Freundschaft der Russen wiederzugewinnen vermochte, wurde von allen Parteien angeklagt und lebte eher als Gefangener wie als König in seiner eigenen Hauptstadt. Fürst Repnin befahl despotisch in Warschau und versäumte keine Gelegenheit, den schwachen und unglücklichen König zu demütigen. Ein einziger Zug dürfte hinreichend sein, um den Beweis zu liefern, wie wenig Achtung der russische Ambassadeur dem Könige von Polen bewies. Eines Tages, als der König im Schauspiel war, zögerte der Ambassadeur, sich auch dorthin zu begeben. Da man sah, daß er nicht kam, ließ man den Vorhang in die Höhe gehen und das Spiel beginnen. Der erste Akt und ein Teil des zweiten waren schon aufgeführt, als Repnin in seine Loge trat. Darüber beleidigt, daß man seine Ankunft nicht abgewartet hatte, ließ er das Schauspiel unterbrechen und das Stück sogleich von neuem beginnen.

Indessen geriet ganz Europa über das Benehmen des russischen Hofes in Erstaunen. Man konnte die Möglichkeit nicht fassen, daß Katharina so plötzlich die Feindin eines Königs geworden sein sollte, den sie doch selbst auf den Thron gehoben hatte. Aber was vermochte wohl die schwache Erinnerung an eine erloschene Liebe in dem Herzen eines ehrgeizigen Weibes, das, als sie die Fesseln Polens schmiedete, allen nordischen Mächten dominieren und sich den südlichen furchtbar machen wollte?

Sie war sich darüber im klaren, daß der König von Preußen ihre Pläne begünstigte. »Mit Hilfe Ew. Majestät bin ich des Erfolges aller meiner Unternehmungen sicher,« schrieb sie an den König. »Keiner meiner Vorgänger hat sich der Bundesgenossenschaft eines Königs Friedrich erfreut.« Magazin der Hist. Ges. XX, S. 206. Schweden und Dänemark beherrschte sie ganz nach Behagen: das erstere durch ihre Intrigen, das letztere durch die Vorspiegelung, daß sie ihm Holstein abtreten würde. Sie schmeichelte England mit der Aussicht auf einen vorteilhaften Handelstraktat, und alles schien dazu beizutragen, sie in ihren ehrgeizigen Plänen zu begünstigen.

Ludwig der XV. von Frankreich

Frankreich war der erste Staat, der die geheimen Absichten Katharinas kreuzte, denn der Herzog von Choiseul Etienne François Herzog von Choiseul-Amboise, Marquis von Stainville, 1719–1785, 1758 französischer Minister des Auswärtigen, seit 1761 Kriegs- und Marineminister. sah ein, daß der Zuwachs an Macht, den sie zu erwerben suchte, notwendigerweise die Bedeutung des Hofes von Versailles vermindern mußte. Um Katharinas gefährliche Pläne zu verhindern, beschloß er das Ottomanische Reich zum Kriege gegen sie zu reizen.

Der französische Ambassadeur in Konstantinopel, Graf von Vergennes Charles Gravier Graf von Vergenne, geb. 28. Dezember 1717, gest. 13. Februar 1787, 1771 französischer Gesandter in Stockholm, 1774 Minister des Auswärtigen. stellte den türkischen Ministern vor, wie ungerecht und gefährlich es sei, daß Rußland die Rechte der polnischen Nation zu kränken und sich mehrerer Provinzen derselben zu bemächtigen wage. Er zeigte, daß die Demarkationslinie, welche der Hof von Petersburg fordere, auch für die Besitzungen des Türkischen Reiches am Schwarzen Meere gefährliche Folgen heraufbeschwören würde, und ermahnte die Hohe Pforte, so kräftig als möglich gegen die Durchführung dieser Demarkation anzukämpfen. Die Ränke der Franzosen in der Türkei reizten den Zorn der Kaiserin in hohem Grade. In einem Schreiben an Alexej Orlow verglich sie die Aktion der französischen Staatsmänner mit tollen Katzen. Ein andermal ist von den »french dogs« die Rede. Brückner, Katharina II., S. 289.

Katharina schloß nun einen Allianztraktat mit dem Hof von London ab, um sich Englands Beistand während des in Aussicht stehenden Krieges gegen die Türkei zu sichern. Aber gerade während sie der englischen Nation am meisten schmeichelte, behandelte sie den Ambassadeur dieses Volkes an ihrem Hof in Petersburg ohne alle Schonung. Um besser in die geheime Politik der Kaiserin einzudringen, unterhielt der Gesandte einen geheimen Liebeshandel mit einem ihrer Hoffräuleins. Diese Intrige war lange Zeit ein Geheimnis geblieben, aber das junge Fräulein befand sich endlich in einer gewissen, unter den obwaltenden Verhältnissen höchst unangenehmen Lage, und da das Abenteuer schließlich eine so große Publizität erhalten hatte, daß es der Kaiserin völlig unmöglich war, den Vorfall mit Stillschweigen zu übergehen, so befleißigte sie sich der äußersten Strenge, verwies die Verbrecherin auf schimpfliche Weise von ihrem Hof und verbot auch dem Ambassadeur für einige Zeit, sich vor ihren Blicken zu zeigen.

Diese Strenge kontrastierte gar zu sehr mit dem, was sie sich selbst in Liebesangelegenheiten erlaubte, und sie betrog sich in der Meinung, dadurch ihr eigenes Betragen in den Augen der großen Masse zu verbessern. Schon früher hatte es sich als nichts Ungewöhnliches gezeigt, daß sie zuweilen ebensoviel Heuchelei in ihren Sitten als in der Religion bewies. Eines Abends sprachen zwei Hofdamen auf einem Maskenball gar zu laut über ihre Liebhaber. Die Kaiserin näherte sich und befahl ihnen mit strengem Ton und finsterer Miene, den Ball zu verlassen, wenn sie es nicht besser verständen, den Anstand zu beobachten.

Alles dieses erregte Mißvergnügen und entfachte den Funken im Verborgenen glimmender Verschwörungen, als deren Herd die alte Hauptstadt des Reiches, Moskau, galt. Über die dortigen Umtriebe unterrichtet, beschloß Katharina, sie durch ihre Gegenwart zu ersticken. Der strenge Winter verhinderte sie jedoch vorläufig daran, die lange Reise zu unternehmen, und während der dadurch veranlaßten Verzögerung suchte sie die Mißvergnügten durch den Glanz der Vergnügungen zu blenden, welche ihr Hof darbot. So wurden in Petersburg zwei oder drei festliche Turniere veranstaltet, bei welchen die russischen Hofleute, in den Rüstungen der alten Ritter und mit deren Waffen geschmückt, den denkbar größten Luxus entwickelten, und mit mehr Stärke als Geschicklichkeit einigen Puppen, die Mohren darstellten, den Kopf abhieben und mit ihren Lanzen Tiger und wilde Schweine von Pappe durchbohrten. Diese kostbaren, aber bei alledem toten und verächtlichen Schauspiele fanden bei dem großen Haufen mit seiner Geschmacklosigkeit außerordentlichen Beifall. Auch hatte man nichts unterlassen, was denselben irgendeinen Glanz oder Interesse verleihen konnte. Ein Amphitheater befand sich vor dem für die Übungen der Ritter bestimmten Kampfplatz, und man hatte neben demselben zwei prachtvoll dekorierte Logen errichtet, die eine für die Kaiserin und ihren Hof, die andere für den Großfürsten. Mitten auf der Bahn befand sich ein Thron, der von den Kampfrichtern eingenommen wurde, die von vierzig Rittern umgeben waren, und vor ihnen saßen vier Herolde und acht Trompeter. Sogar Damen des Hofes nahmen an den ritterlichen Übungen teil. Die Wettkämpfer waren in vier Quadrillen geteilt, von denen jede eine andere Nationalität darstellte. Man sah darunter Slawonier, Indier, Römer und Türken, alle prächtig gekleidet und mit Perlen und Juwelen bedeckt. An der Spitze der beiden letzten Quadrillen standen Grigorij Orlow und sein Bruder Alexej.

Der Feldmarschall Münnich, der zum ersten Kampfrichter ausersehen war, wendete sich damals an die Gräfin Buturlin, welche den ersten Preis gewonnen hatte und sagte zu ihr: »Sie sind es, Gräfin, welcher Ihre Kaiserliche Majestät mir befohlen hat, den höchsten Preis für bewiesene außerordentliche Geschicklichkeit und ausgezeichnete Anmut zu überreichen. Erlauben Sie mir, der erste zu sein, der Ihnen zu dieser ehrenden Auszeichnung Glück wünscht, welche Ihnen das Recht gibt, mit Ihren siegreichen Händen die anderen Preise an die Damen und Ritter zu verteilen.

»Für mich, der ich in fünfundsechzig Dienstjahren unter den Waffen ergraut und der älteste General in sämtlichen europäischen Staaten bin, ist es eine hohe Ehre, welche alle meine Taten krönt, heut nicht nur Zeuge, sondern auch Richter über eine so überlegene und dabei doch so graziöse Geschicklichkeit zu sein.«

Die holde gekrönte Siegerin war die dritte des oft erwähnten Schwesterpaares Woronzow, das berufen war, so oft in die innere Geschichte Rußlands einzugreifen, nämlich der Fürstin Daschkow und Elisabeth Romanownas, der Maitresse Peters III. Ihr Mann glich ihr in mehr als einer Beziehung, und sie teilte mit ihm an diesem Hofe den zweifelhaften Ruf, als die ausschweifendste Person Petersburgs angesehn zu werden.

Auch zur Zeit dieser Spiele und Vergnügungen wußte sich Katharina persönlich mit würdigeren Gegenständen zu beschäftigen, die wohl dazu geeignet waren, ihre Macht zu festigen. Sie reformierte die Rechtspflege durch Einrichtung neuer Gerichtshöfe; sie gründete Schulen, »Was öffentliche Schulen betrifft,« heißt es in einer Konstitutionsakte für die innere Verwaltung des Russischen Reiches vom Jahre 1775, »muß das Kollegium sich bestreben, 1. daß in allen Städten und volkreichen Dörfern Schulen seien, zu deren Besuchung aber weder Eltern noch Kinder zu zwingen sind; 2. daß die Armen unentgeltlich, Vermögende für mäßige Bezahlung unterrichtet werden; 3. daß der Unterricht sich über Lesen, Zeichnen, Schreiben, Rechnen, Religion und Moral erstrecke; 4. daß die Schulzimmer reingehalten, täglich gekehrt und auch Winters gelüftet werden; 5. daß, Sonn- und Festtage und die Nachmittage am Mittwoch und Sonnabend ausgenommen, täglich vier Stunden lang zu zweien Malen unterrichtet werde; 6. daß die Lehrer die Kinder mit keinen Leibesstrafen belegen, und 7. daß die Lehrer das Ihrige bekommen, und die fahrlässigen und unordentlichen abgesetzt werden.« Annalen der Regierung Katharinas der Zweyten, Leipzig 1798, Bd. I, S. 64. Hospitäler und legte Kolonien im Innern des Reiches an, um das Land zu bevölkern und Ackerbau und Industrie zu heben. Sie suchte ihrem Volk Liebe zu den Gesetzen einzuhauchen und durch Unterricht dessen Sitten zu heben. Im Gegensatz hierzu findet sich bei Dolgorukow (Wahrheit über Rußland, S. 179) ein von diesem persönlich zur Kenntnis genommenes Schreiben der Kaiserin an den Feldmarschall Saltykow, das folgenden charakteristischen Satz enthält: »Man muß dem gemeinen Volk keinen Unterricht geben; wenn es so viel wüßte, Herr Feldmarschall, wie Sie und ich, so würde es uns nicht mehr so gehorchen, wie es uns jetzt gehorcht.« Sich nach einer Macht ohne Grenzen sehnend und nach jeder nur möglichen Ehre strebend, wollte sie gleichzeitig Eroberin und Gesetzgeberin sein. Mitten unter den Vorbereitungen zu einem Kriege, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen schienen, und unter sinnlichen Genüssen und leichtfertigen Zerstreuungen, versäumte sie dennoch nicht, sich Ehrfurcht und Bewunderung zu erzwingen.

In keinem zweiten Lande der Welt ist die Gesetzgebung so verwickelt, so finster, eigenwillig und despotisch gewesen, als in Rußland. Das von Alexej Michajlowitsch gestiftete Gesetzbuch war, wenn auch nicht förmlich aufgehoben, so doch wenigstens verändert. Unzählige Edikte und Ukase widersprachen ihm, die unter den verschiedenen Regierungen nach der Laune des Augenblicks oder von hundertfach sich kreuzenden Interessen diktiert waren. Der Senat, die Kollegien, alle Gerichtshöfe des Reichs, durch so viele sich widerstreitenden Gesetze in Verwirrung gebracht, zogen die Prozesse so in die Länge, daß sie der Verewigung entgegen zu gehen schienen, und wenn sie endlich einmal entschieden wurden, so geschah es oft ohne alle Billigkeit. Mit diesen Übelständen vereinigte sich ein noch größerer, nämlich der, daß die Richter sich auf die leichteste Weise von der Welt – durch Geld – zum Schweigen bringen ließen. Außerdem waren sie oft so unwissend, daß sie nicht einmal lesen konnten. Trotz alledem besaßen sie unumschränkte Macht und verurteilten ohne Untersuchung zur Knutenstrafe oder Verbannung nach Sibirien.

Katharina beschloß allen diesen Unordnungen abzuhelfen und tat es auch nicht ohne Erfolg. Um den Richtern jeden Vorwand zu nehmen, mit dem sie ihre Versäumnis und ihre Bestechlichkeit hätten entschuldigen können, vermehrte man die Gehälter derselben, Nur daß diese, wie schon erwähnt, nicht pünktlich ausbezahlt wurden. – ein Mittel, das leider nicht immer hinreichend ist, welches aber klar beweist, daß Katharina den Geist sehr wohl kannte, der in der russischen Nation herrschte und noch herrscht. Katharina tat aber noch mehr: sie setzte Pensionen für die Richter fest, wenn sie durch Alter oder Krankheit genötigt sein sollten, ihre Ämter niederlegen zu müssen.

Später beschäftigte sich die Kaiserin auch selbstständig mit der Abfassung eines neuen Gesetzbuchs. Alle Provinzen Rußlands und auch die barbarischen Volksstämme, welche in den entlegensten Teilen dieses weit ausgedehnten Reiches leben, erhielten den Befehl, Deputierte nach Moskau zu senden, um dort ihre Meinung betreffs der für sie dienlichsten Gesetze vorzutragen. Es war ein interessantes Schauspiel, die Deputierten von so zahlreichen Völkerstämmen, so verschieden an Sitten, Trachten und Sprache, über Gesetze diskutieren zu sehen, während sie vorher nie etwas anderes gekannt hatten, als dem selbstherrlichen Willen eines Herrschers zu gehorchen, den sie in den meisten Fällen nicht einmal kannten.

Man rühmte nun Katharina laut wegen ihrer Aufgeklärtheit, ihrer Weisheit und Menschlichkeit; aber Schmeichelei und Furcht hatten mehr Anteil an diesem Ruhme, als Bewunderung. Man wollte die Gunst der Kaiserin gewinnen, oder wenn dies nicht möglich sein sollte, wenigstens versuchen, Sibirien zu entgehen. Die Samojeden waren übrigens die einzigen unter den versammelten Nationalitäten, die sich wirklich frei zu äußern wagten. Einer von ihnen sagte im Namen der übrigen: »Wir sind einfache Leute, aber frei; wir weiden in der Stille und Abgeschiedenheit unsere Renntiere und brauchen keine neuen Gesetze; stiftet aber ein solches, das die Russen, die unsere Nachbarn sind, und die Gouverneure, die man uns sendet, verhindert, ferner ihre Räubereien auszuüben.«

Die Zusammenkünfte gaben übrigens bald Gelegenheit zu stürmischen Auftritten. Man fing an von der Freiheit der Bauern und der Abschaffung der Leibeigenschaft zu reden. Mehrere Millionen dieser armen Unterdrückten waren bereit, mit ihrer ganzen Kraft diese Forderungen zu unterstützen. Der Adel aber fürchtete eine allgemeine Erhebung, glaubte eine Verminderung seiner Reichtümer voraussehen zu müssen, und einige wagten die Äußerung zu tun, daß sie den ersten niederstoßen würden, der die Befreiung ihrer Sklaven im Ernste verlangen sollte. Graf Scheremetew, der reichste Privatmann in Rußland, Er besaß 120 000 Bauern. Seine jährlichen Einkünfte wurden auf 600 000 Rubel veranschlagt. sagte dagegen, daß er für seine eigene Person sehr gern in diese allgemeine Freigebung willigen würde. Die Gemüter wurden erhitzt, und es ließen sich leicht gefährliche Folgen voraussehen. Die Kaiserin hatte den Deputierten so große Vollmacht gegeben, daß jene mit einiger Geschicklichkeit – wie sie die späteren Zeiten bei parlamentarischen Versammlungen entwickelt haben – auch sie selbst, die sie zusammenberufen hatte, hätten absetzen können. Einige ließen es auch merken, daß sie die ihnen eingeräumte Macht in vollster Ausdehnung verstanden hätten. Katharina kam zur Einsicht des gefährlichen Schrittes, den sie unbewußt gewagt, und sehr bald wurden die Deputierten wieder in ihre Provinzen zurückgeschickt.

Bevor sie auseinander gehen mußten, verlangte man jedoch von ihnen, daß sie einen glänzenden Beweis ihrer Erkenntlichkeit geben sollten. Sie fügten, um sich dieser Pflicht zu entledigen, dem Titel der Kaiserin die Prädikate: »groß«, »weise«, »Mutter des Vaterlandes« zu. Als man Katharina bat, diese Titel anzunehmen, antwortete sie mit verstellter Bescheidenheit: »daß, falls sie sich der ersten Benennung würdig gemacht haben würde, es der Nachwelt zukäme, ihr jene zu verleihen, daß Weisheit aber eine Gabe des Himmels sei, für welche sie Gott danke, ohne zu wagen, sich das Verdienstliche des Besitzes anzumaßen; was aber den Titel einer Mutter des Vaterlandes beträfe, so wäre ihr dies der liebste, ja es sei der einzige, den sie annehmen könne, da sie ihn als die ehrenvollste Belohnung aller ihrer Mühen und Sorgen für ein geliebtes Volk ansähe.

Die Kaiserin ließ einem jeden der Deputierten als Andenken an diese denkwürdige Versammlung eine goldene Medaille überreichen, deren Prägung den Beweggrund, aus welchem sie zusammenberufen waren, der Nachwelt in sinnig allegorischer Weise überliefern sollte, die aber trotz ihrer Absicht und der Schönheit in der Ausführung von den meisten dieser rohen Menschen ihres baren Wertes halber an die Goldschmiede verkauft wurde.

Zur selben Zeit faßte die Kaiserin auch den nützlichen Gedanken, mehrere Gelehrte in das Innere ihrer sich weit erstreckenden Staaten zu senden, um die geographische Lage der wichtigsten Orte zu bestimmen, die Temperatur zu beobachten und die Natur des Erdbodens zu untersuchen, über seine Produktionen und die Reichtümer seines Inneren Kenntnis zu erwerben und sodann zu verbreiten, ebenso die Sitten, Gebräuche und Charaktere der verschiedenen Volksstämme, die sie bewohnten, zu schildern. Mit allem hinreichend versehen, was zu einem glücklichen Erfolge eines so nützlichen und edlen Vorhabens führen konnte, reiste Pallas Peter Simon Pallas, berühmter Naturforscher, 1741 – 1811, Verfasser der »Reisen durch verschiedene Provinzen des russischen Reiches« (Petersburg 1771 –1776). im Anfange des Jahres 1768 in die Distrikte an der Wolga und in die Gouvernements Orenburg, Jekatherinenburg und Kasan ab. Gmelin Samuel Gottlieb Gmelin, geb. 4. Juli 1744 in Tübingen. Er geriet auf der Rückreise in die Gefangenschaft des Chans der Chaitaken und starb am 27. Juli 1774 im Kerker von Achmetkend im Kaukasus. und Güldenstedt Anton Johann von Güldenstedt, 1745 – 1781, Präsident der Ökonomischen Sozietät in Petersburg. begaben sich zur selben Zeit nach Süden und bereisten den Dnjepr sowie das ganze Land, welches sich von Astrachan bis an die Grenzen von Persien ausdehnt. Davon überzeugt, daß eine Nation sich weniger durch kriegerische Taten, als durch Wissenschaften und Künste einen glänzenden Platz in den Annalen der Geschichte erwerben kann, ermunterte Katharina mit nie erlöschendem Eifer Schriftsteller und Künstler. So setzte sie unter anderem eine Summe von fünftausend Rubel jährlich dazu aus, Schriftsteller für die Übersetzung fremder wissenschaftlicher Werke in die russische Sprache zu belohnen. Sie erteilte der Akademie der Wissenschaften zu Petersburg neue Privilegien Vgl. den interessanten Stiftungsbrief der Akademie im »Neuveränderten Rußland«, Bd. I, S. 180 ff. und berief an sie mehrere berühmte europäische Gelehrte.

Es verdient die vollste Anerkennung, daß Katharina alle gemeinnützigen Unternehmungen mit warmem Eifer förderte, und daß sie mit kühner Entschlossenheit als heilbringend erprobte Entdeckungen ihren Untertanen zugute kommen ließ.

Die Pockenimpfung begann eben in Europa bekannt zu werden. Aber die Methode erschreckte die meisten, die von einem vermeintlich frevelhaft in den Körper gebrachten Gifte reden hörten, und noch hatte kein Regent gewagt, sich derselben zu unterwerfen. Da beschloß Katharina, sie sogleich bei ihrem Sohne anwenden zu lassen. Bevor sie es aber mit ihm versuchte, ließ sie sich selbst von dem Doktor Dimsdale, einem berühmten englischen Arzte und Chirurgen, impfen. Nachdem die Pocken abgefallen und sie außer jeder Gefahr war, bewog sie den Großfürsten leicht dazu, sich ebenfalls impfen zu lassen. Auch an ihm glückte die Operation auf das vollständigste. Der Senat ordnete ein Freudenfest zur Verherrlichung dieser Begebenheit an; Auch in Kiel nahm man von diesem Ereignis gebührend Notiz. Da nämlich Paul Petrowitsch als Herzog von Holstein zugleich Rektor der Kieler Universität war, beging letztere den glücklichen Verlauf der Pockenimpfung mit einer feierlichen Rede, die der Dekan der philosophischen Fakultät W. E. Christiani am 12. Januar 1769 in der Aula des Universitätsgebäudes hielt. Bilbassow, Katharina II. im Urteile der Weltliteratur, Bd. I, S. 120 Europa aber pries den erhabenen Mut und die sorgsam zärtliche Mutterliebe der Kaiserin. Doktor Thomas Dimsdale wurde reich belohnt, zum russischen Baron erhoben, erhielt den Staatsratstitel und die Bestallung eines Leibarztes der Kaiserin, mit einer jährlichen Pension von fünfhundert Pfund Sterling, die in England auszuzahlen war. Als ein besonderes Gnadengeschenk wurden ihm gleichzeitig noch zehntausend Pfund Sterling und die Porträts der Kaiserin und des Großfürsten, in kostbare Brillanten gefaßt, auf höchst schmeichelhafte Weise überreicht. Sein Sohn, der ihm nach Petersburg gefolgt war, wurde ebenfalls baronisiert und erhielt eine Dose mit dem Bilde der Kaiserin von Diamanten umgeben.

Der Generalfeldzeugmeister Graf G. G. Orlow, dieser Held, der den Römern aus der schönsten Zeit der Republik zu gleichen trachtete, und der die Pocken noch nicht gehabt hatte, überlieferte sich nun auch mutig den Händen des englischen Arztes. Einige Tage nach der Operation ging er bereits bei kaltem Wetter und tiefliegendem Schnee auf die Jagd. Mehrere andere angesehene Personen des Hofes folgten seinem Beispiel, und es wurde nun in Petersburg gewissermaßen Modesache, sich impfen zu lassen. –

Friedrich Wilhelm II. von Preußen

Lange vor der Verwirklichung der Teilung Polens sahen Katharina sowohl als König Friedrich von Preußen die Notwendigkeit ein, über diesen großen und wichtigen, ja in seinen Folgen unberechenbaren Plan persönlich zu konferieren. Da sie sich aber beide nicht verhehlen konnten, daß ihr Zusammentreffen leicht den Verdacht der übrigen Mächte erwecken würde, und Neid, wirkliche Scharfsicht, Verrat oder andere Wege vielleicht das Motiv desselben ergründen könnten, so hielten sie es für passend, von diesem Vorhaben abzustehen.

Gelegenheit zu einem persönlicheren Meinungsaustausch als dem, welchen Briefe oder Verhandlungen durch Diplomaten zu bieten vermochten, gab eine Reise des Prinzen Heinrich von Preußen Friedrich Heinrich Ludwig, drittältester Sohn Friedrich Wilhelms I., geb. 18. Januar 1726, gest. 3. August 1802. nach Schweden zu seiner Schwester, der Königin Ulrike. Luise Ulrike, 1720-1782, seit 1744 vermählt mit Adolf Friedrich, König von Schweden. Als Katharina im Sommer des Jahres 1770 erfuhr, daß der Prinz in Stockholm sei, ersuchte sie Friedrich in einem eigenhändigen Schreiben, seinen Bruder zu einem Abstecher nach Petersburg zu veranlassen. Dem Brief an Friedrich vom 19./30. Juli 1770, worin der Wunsch nach einem Besuch des Prinzen Heinrich in Petersburg ausgedrückt ward, folgte am 13./24. August ein Schreiben an den Prinzen selber: »Je n'ai pu voir V. A. R. dans une si grande proximité de mes états, sans désirer une entrevue avec un prince pour lequel j'ai conçu la plus haute estime. Je me suis adressée au Roi, Votre frère, pour avoir l'agrément de S. M. et sur ma proposition et sur la démarche que je fais aujourd'hui. Son amitié dont j'ai déja eu tant de preuves me l'a accordé«. Krauel, Briefwechsel zwischen Heinrich Prinz von Preußen und Katharina II. von Rußland, Berlin 1903, S. 45.

Nachdem er vom Könige die nötigen Instruktionen empfangen, begab sich Prinz Heinrich an Bord einer schwedischen Galeere, die ihn nach Abo in Finnland hinüberführte; den ersten Tag nach seiner Abreise brachten seine Neffen, der damalige schwedische Kronprinz und nachmalige König Gustav III. Gustav III., ältester Sohn Adolf Friedrichs von Schweden, geb. 24. Januar 1746, als König von Schweden 1771 –1792. und Prinz Friedrich von Ostergotland bei ihm auf der Galeere zu; der dritte Bruder derselben, Karl von Södermannland, später Regent und endlich als Karl XIII. König, Karl XIII., zweitältester Sohn Adolf Friedrichs von Schweden, geb. 7. Oktober 1748, als König von Schweden 1809-1818. wurde in jener Zeit gerade durch die verführerische Anmut einer Tänzerin in Paris zurückgehalten. Von Abo aus wurde die Reise direkt nach Petersburg fortgesetzt. Einer der Kammerherren der Kaiserin empfing den hohen Gast schon an der russischen Grenze. Die Ankunft des Prinzen in Petersburg wurde unter der Form, daß er einer der berühmtesten sieg- und lorbeergekrönten Helden sei, der Hauptstadt durch Kanonendonner verkündet, und überall empfing er während der ganzen Dauer seiner Anwesenheit dieselben Ehrenbeweise, die sonst nur gekrönten Häuptern zugestanden zu werden pflegen.

Am folgenden Tage begab er sich mit einem zahlreichen Gefolge an den Hof und dinierte öffentlich mit der Kaiserin. Alles ging hierbei mit der strengsten Zeremonie zu; späterhin wurde aber alle Etikette beiseite geworfen, und die Kaiserin und der Prinz sahen sich fortan ohne den mindesten Zwang.

Ein jeder Tag zeichnete sich durch irgend ein großartiges Fest oder ein neues Schauspiel aus. Einzelne Details des Festes, welches in Czarskoje Selo gegeben wurde, verdienen mit Rücksicht auf die Pracht desselben hier angeführt zu werden.

Czarskoje Selo war früher ein einfaches Dorf. Katharina ließ dort verschiedene Monumente errichten; so sieht man noch heute daselbst einen marmornen Obelisk, welcher an den Sieg bei Kagul erinnert, den der Feldmarschall Rumiantzow im Jahre 1770 erfocht; ferner eine Säule zur Erinnerung an die Verbrennung der türkischen Flotte bei Tschesme; einen Triumphbogen zu Ehren Grigorij Orlows, dessen eifrigen und wirklich aufopfernden Bemühungen es gelang, die Pest in Moskau zu hemmen; ein Monument, welches die Eroberung von Morea verherrlicht, und viele andere.

An dem erwähnten Festtage nahmen die Kaiserin, der Großfürst, Prinz Heinrich von Preußen und sechszehn der höchsten Würdenträger des Hofes Plätze in einem ungeheuren bedeckten Schlitten, der von sechzehn Pferden gezogen und auf allen Seiten mit geschliffenen Spiegeln versehen war, welche die umgebenden Gegenstände in unzähligen Bildern zurückgaben. Dieser Schlitten, dem mehr als zweitausend andere nachfolgten, führte die hohe Gesellschaft von Petersburg hinweg. Alle Eingeladenen waren maskiert und in buntfarbige Dominos gekleidet.

Sobald die Schlitten eine Werst von Petersburg entfernt waren, passierten sie einen reich erleuchteten Triumphbogen. Ferner fand man auf jeder weiter zurückgelegten Werst eine große, kunstreich erleuchtete Pyramide und gerade gegenüber derselben ein nur für diese Gelegenheit errichtetes offenes Wirtshaus vor, in welchem junge Bauern und Bauernmädchen tanzten. Jedes dieser Wirtshäuser war von einer anderen Nationalität bevölkert, deren Kostüm, Tanz und Musik leicht zu erkennen waren.

Eine halbe Werst von dem Schlosse Czarskoje Selo erhob sich ein hoher Berg, den Vesuv darstellend, der im Begriff war, seine flammenden Lavaströme auszuwerfen. Dieser künstliche Ausbruch währte die ganze Zeit, während der sich die Schlitten in der Nähe des feuerspeienden Berges befanden.

Das Innere des Schlosses war mit unzähligen Wachslichtern erleuchtet. Man tanzte in zwei verschiedenen großen Sälen. Plötzlich ließ sich ein Kanonenschuß vernehmen, der Ball hörte auf, die Wachslichter erloschen, und alle eilten an die Fenster, um einem prachtvollen Feuerwerke beizuwohnen. Endlich gab die Kanone wieder ein Signal, auf welches die Lichter von neuem angezündet und ein üppiges Souper serviert wurde. Als man von Tisch aufstand, wurde abermals bis zum Morgen getanzt.

Prinz Heinrich, der von Natur kühl und verschlossen war, schien von derartigen Festen in Petersburg nicht mehr als anderswo belustigt zu sein, was ihm im Verborgenen den Hohn der Jugend und namentlich des schönen Geschlechtes zuzog. »Er soll gar klein und mager sein,« schreibt Frau von Sievers, die Gemahlin des bekannten Staatsmanns, »ganz schwarzbraun, mit sehr großen Augen; seine Verbeugungen nichts weniger als tief – die Uniform höchst einfach, dunkelblau mit gelben Aufschlägen. Diamantener Stern, keine Stiefeln, sondern Schuhe mit hohen Absätzen, und ein sehr hohes, schlichtes Toupet. Man sagt, er sei nichts weniger als ein Adonis, wie wohl mehrere unserer jungen Damen erwarten. Er ist sehr ernst, spricht nicht viel, aber was er sagt, ist gut.« Und ein paar Tage später: »Ich sah den Prinzen in der Nähe – schön ist er nicht, das muß ich gestehen, sondern äußerst häßlich – aber man sagt, er habe Geist, und das macht ihn denen gegenüber hübsch, die das Äußere nicht stört.« Blum, Ein russischer Staatsmann, des Grafen J. J. Sievers Denkwürdigkeiten, Leipzig u. Heidelberg 1857, Bd. I, S. 312/13. Auf einem maskierten Ball, den ihm die Kaiserin gab, befand sich auch eine Maske, die einen Papagei darstellte, der unter anscheinend harmlosem Geplapper Impertinenzen verbarg und alle sehr belustigte. Er redete die französische, englische und russische Sprache. Prinz Heinrich allein behielt seinen Ernst. Der Papagei, dadurch beleidigt, schlug Prinz Heinrich, der sich unerkannt und sicher maskiert glaubte, mit den Flügeln auf die Schulter und rief: »Henrik! Henrik!« Alle, die es sahen, brachen, als der Prinz Verlegenheit darüber zeigte, in ein lautes Gelächter aus. Vgl. W. Richardson, Anecdoten wegens Rusland, Amsterdam 1784, XXXV. Brief, S. 69/70.

Die Abende brachte Prinz Heinrich immer in den Lieblingsgemächern der Kaiserin zu, welche sie ihre »Eremitage« nannte. Diese Räume enthielten unter einer bescheidenen Benennung alles, was es an ausgesuchtem Luxus und Kostbarkeiten gab. Sie nahmen einen ganzen Flügel des kaiserlichen Palastes ein. Man trat durch eine Gallerie ein, die mit den ausgezeichnetsten Gemälden geschmückt war. Die anderen Räume bestanden aus zwei elegant möblierten Salons und einem Speisesaal, in welchem man auf vielen kleinen Tischen ausgesuchte Mahlzeiten servierte. Kein Domestik durfte sich in diesem Saale sehen lassen. Man stieß leicht auf den Fußboden, sogleich öffnete sich derselbe, und es wurden durch ein Maschinenwerk Tische heraufgebracht, die mit allem bedeckt waren, was man sich nur wünschen konnte. Dieser Speisesaal stand in unmittelbarer Verbindung mit einem Wintergarten, in welchem man auf dicht mit weißem Sande überstreuten Wegen unter grünen Bäumen spazieren gehen und mitten unter blühenden Sträuchern und reifenden Fruchtbäumen wandeln konnte. Dieser Garten war hoch überwölbt, und durch Heizapparate wurde eine gleichmäßige und behagliche Wärme verbreitet, so daß man auch in der kältesten Jahreszeit die schönsten Rosen und andere Sommerblumen, sowie Stachelbeeren, Johannisbeeren, kurz jedes Strauchobst und edle Früchte, wie Pfirsich, Trauben und Ananas pflücken konnte. In dem Raum über diesem Wintergarten war auf einer Terrasse ein zweiter Garten in asiatischem Geschmack angelegt, der aber nur in den Sommermonaten zu besuchen war.

In der Eremitage befand sich auch ein Theater, wo man Stücke aufführte, die sehr oft bittere Sarkasmen gegen die fremden Höfe oder satirische Anspielungen auf hochgestellte Personen in Petersburg enthielten, die sich auf irgendeine Weise lächerlich gemacht hatten.

Prinz Heinrich wünschte auch Moskau zu sehen, und kaum hatte er diese Absicht geäußert, als man sich beeilte, seinem Wunsche zu willfahren. Nach dreiwöchentlicher Abwesenheit kehrte er wieder nach Petersburg zurück.

Unter der Menge von Präsenten, die er von der Kaiserin empfing, war der Crachard des St. Andreasordens, mit großen Brillanten übersät, von denen ein einziger Diamant auf vierzigtausend Rubel geschätzt wurde, nicht das bedeutendste. Die Kaiserin schenkte ihm außerdem noch eine kostbare Sammlung goldener Medaillen von außerordentlicher Schönheit und die trefflichsten Pelze. Alle im Gefolge des Prinzen befindlichen Personen erhielten gleichfalls ihren Rangverhältnissen entsprechende Geschenke.

Inzwischen hinderten weder Festlichkeiten noch Vergnügungen den Prinzen Heinrich daran, den geheimen Zweck seiner Reise zu erfüllen. In besonderen Gesprächen mit der Kaiserin wurde die Teilung Polens berührt und verabredet. Katharina und Friedrich hatten ein gleich großes Interesse daran, dieselbe vorzunehmen, aber sie konnten sie nicht ohne die Teilnahme Österreichs wagen. Joseph II., der jetzt die Macht Maria Theresias teilte, ließ sich nach einigen Schwierigkeiten gewinnen. Die Türkei, Frankreich, England hätten wohl die Traktate schützen können, die sie garantiert hatten; aber diese Mächte waren so leicht zu betrügen oder so gleichgültig gegen das Geschick anderer Nationen, daß Katharina zum Prinzen äußerte: »Ich will die Türkei erschrecken, England schmeicheln, übernehmen Sie es aber Österreich zu erkaufen, was dann sicherlich Frankreich einschläfern wird.«

Diese Worte waren die Richtschnur für das fernere Verfahren. Doch wurde der Traktat zwischen den drei Reichen erst zwei Jahre darauf, im Monat Februar des Jahres 1772, unterzeichnet.

Der Krieg zwischen Rußland und der Türkei hatte in dieser Zeit schon an den Grenzen beider Reiche mit der vollsten Raserei zu wüten begonnen.

Es liegt außerhalb der Grenzen dieser Schilderung, in die Details der rein politischen Verwicklungen einzugehen und die Kriege, die Rußland in den erwähnten Regierungsperioden mit seinen Nachbarn führte, darzustellen; aber um den historischen Zusammenhang nicht zu unterbrechen und der Charakterschilderung der handelnden Personen keinen Abbruch zu tun, teilweise auch deshalb, weil das Übergewicht der russischen Politik im Orient eigentlich erst in jener Zeit begründet wurde, dürfte eine kurze Zusammenfassung der Operationen während der russisch-türkischen Kriege in den Jahren 1768 bis 1774 hier am rechten Orte sein.

Statt den Krieg sogleich zu beginnen, zögerten die Türken zwei volle Monate mit der Eröffnung der Feindseligkeiten, wodurch die Russen vollkommen Zeit gewannen, ihre Armee zu konzentrieren. Nach langer Überlegung wurde man endlich auf Seiten der Pforte darüber einig, die Türken im Verein mit den Tartaren gegen den Dnjepr marschieren zu lassen, um die Russen auf ihrem eigenen Gebiete anzugreifen, während eine zweite Armee zur Unterstützung der polnischen Konföderierten in Polen einrücken sollte. Der Großwesir mußte Bender besetzen, um von dieser Stellung aus nach Umständen beide Operationen unterstützen zu können.

Die Russen stellten ihrerseits drei Armeen auf. Die eine in Podolien, unter dem Befehl des Fürsten Golitzyn, Fürst Alexander Michajlowitsch, Feldmarschall und Gouverneur von Petersburg, 1718 –1783. sie sollte Choczym einnehmen und sodann die Moldau besetzen. Aber der Anführer war dieser Aufgabe durchaus nicht gewachsen. Die zweite unter Peter Alexandrowitsch Rumiantzow sollte die russischen Grenzen zwischen dem Dnjepr und dem Asowschen Meere gegen die Tartaren decken und die Festungen Asow und Taganrog wieder aufbauen, welche nach den Friedensschlüssen von Belgrad und am Pruth hatten verlassen werden müssen. Die dritte war gegen Polen bestimmt, wohin man, um die Konföderierten zu bewegen, sich nicht mit den Türken zu vereinigen, im Jahre 1769 den Fürsten Michael Wolkonskij gesandt hatte, einen Mann von milderer Gemütsart, als sie der brutale Repnin besaß. Die Türken befolgten schon damals die kluge Taktik, welche ihnen in späterer Zeit so glänzende Früchte eingetragen hat; sie wichen nämlich beharrlich allen Hauptschlachten aus, beunruhigten aber die Russen unaufhörlich in kleinen Treffen, aus welchen sie meistenteils als Sieger hervorgingen. Der Feldzug des ersten Jahres war indessen für keine der beiden Parteien besonders erfolgreich gewesen, und beide Feldherren wurden deshalb abberufen. Ihr ferneres Geschick wurde jedoch ein sehr verschiedenes. Golitzyn, ungeachtet er durch sein ewiges Hin- und Hermarschieren ein ganzes Jahr unnütz hatte verstreichen lassen und sich zweimal über den Dnjestr hatte zurückziehen müssen, Das erstemal nach einem verunglückten Angriff auf Choczym, der Golitzyn das Gelächter der Welt und eine hübsche Anekdote eintrug, die zu jener Zeit in der russischen Gesellschaft zirkulierend, von Carlyle (Geschichte Friedrichs II., Bd. VI, S. 472) in Anlehnung an den bereits erwähnten Richardson mitgeteilt wird: Golitzyn konnte aus Kummer über Choczym nicht schlafen und hörte, als er eines Nachts in seinem Zelt umherwanderte, einen Soldaten der Schildwache draußen an der Türe seine Träume erzählen. »Ein seltsamer Traum,« sagte der Soldat. »Mir träumte, daß ich in einer Schlacht war, daß mir der Kopf abgehauen wurde, daß ich starb und in den Himmel kam. Ich klopfte an die Tür; Peter kam mit einem Bund Schlüssel und rasselte so damit, daß er Gott aufweckte, der heftig in die Höhe fuhr und sagte: ›Was gibt es?‹ ›Nun‹, sagte Peter, ›es ist ein großer Krieg auf Erden zwischen den Russen und den Türken.‹ ›Und wer befehligt meine Russen?‹ fragte das höchste Wesen. ›Graf Münnich,‹ erwiderte Peter. ›Gut, dann kann ich wieder einschlafen!‹ – Aber dies war nicht das Ende meines Traumes,« fuhr der Soldat fort, »ich schlief ein und träumte wieder gerade dasselbe wie vorher, nur daß es nicht Münnichs Krieg war, sondern der Krieg, den wir jetzt führen. Als daher Gott fragte: ›Wer befehligt meine Russen?‹, antwortete Peter: ›Fürst Golitzyn‹. ›Golitzyn? Dann hol' mir meine Stiefel,‹ sagte das höchste Wesen.« wurde zum Feldmarschall ernannt; dem Großwesir hingegen, der seine Leute geschont und durch sein Zögern und seinen Guerillakrieg mehr gewonnen hatte, als man durch eine Hauptschlacht hätte erreichen können, wurde gleich nach seiner Absetzung in Adrianopel der Kopf vom Rumpfe getrennt. Zu seinem Nachfolger als Großwesir wurde der Pascha Moldowandschi ernannt, der es durch seine dummdreiste Unvorsichtigkeit noch zu Anfang des Monats September dem Fürsten Golitzyn oder eigentlich, richtiger gesagt, dem Oberst Weißmann möglich machte, alles das zu erreichen, was Fürst Golitzyn während der Dauer eines ganzen Jahres vergeblich erstrebt hatte. Weißmanns Verdienst wurde, wie es im Kriege so häufig geschieht, Golitzyn zugute geschrieben und veranlaßte, daß dieser mit dem Feldmarschallsrange und anderen Auszeichnungen geehrt wurde.

Rumiantzow, welcher Golitzyn im Oberbefehl nachfolgte, traf erst am 28. September bei seiner Armee ein, während schon in den ersten Tagen dieses Monats das Kriegsglück für die Russen eine entscheidende Wendung genommen hatte. Der neue Großwesir war höchst unbedacht den sich wieder zurückziehenden Russen bis über den Dnjestr gefolgt, woselbst er es mit dem Oberst Weißmann zu tun bekam. Dieser ließ am dritten und in den folgenden Tagen des erwähnten Monats jede Abteilung der türkischen Armee ohne Widerstand über den Fluß gehen, schlug aber diese Abteilungen, sobald sie auf dem anderen Ufer angelangt waren. Als später eine durch Sturm herbeigeführte heftige Flut die Brücke mit sich fortriß (17. September), machte Weißmann alles nieder, was sich auf dieser Seite des Flusses fand, und nachdem er darauf wieder zurückgegangen war, tötete er oder machte in mehreren darauf folgenden Gefechten über dreißigtausend Mann zu Gefangenen. Eine noch größere Anzahl, besonders Asiaten, verließen nach dem allbekannten Gebrauch ihrer Nationalität im Herbst die Fahnen, um für die Winterzeit in ihre Heimat zu eilen. Die Russen verfolgten die Retirierenden und wurden aufs höchste überrascht, als sie sich Choczym näherten und fanden, daß die ganze Besatzung dieser starken und wichtigen Grenzfestung, von einem panischen Schrecken ergriffen, entflohen war, und es also den Russen freistand, ohne die mindeste Gegenwehr in dieselbe einrücken zu können. Dies führte Weißmann aus, bevor Golitzyn noch den Oberbefehl an Rumiantzow übergeben hatte. Die Russen, die diesen Sieg im Anfang kaum für möglich gehalten hatten, drängten nun rasch vorwärts und besetzten die Moldau und Walachei ohne Schwertschlag.

Die Türken hatten vorher arg in den Donaufürstentümern gehaust, und aus diesem Grunde war die Stimmung daselbst zu jener Zeit so entschieden russisch, wie sie es späterhin niemals wieder geworden ist. Sie war durch geheime Missionare bearbeitet worden, die aus wirklich geweihten oder auch nur vorgeblichen Priestern und Mönchen bestanden, die durch Erhitzung der Gemüter die Eroberung vorbereiteten und das Land mit solchem Erfolg gegen die Herrschaft der Türken aufreizten, daß die Einwohner der ganzen Moldau und Walachei die Russen mit wahrhaftem Enthusiasmus aufnahmen. Die türkische Militärmacht in den Donaufürstentümern war so beschaffen, daß fünfzehnhundert Mann Russen hinreichend waren, eine osmanische Arme bei Galatz zu sprengen und zu vertreiben.

Als man nun Miene machte, das Land in Besitz zu nehmen, war es nicht schwer, eine moldauisch-walachische Deputation zusammenzubringen, welche mit einer der russischen Selbstherrscherin untertänigst zu Füßen gelegten Danksagungsadresse für die Befreiung dieser Länder demütig um Einverleibung derselben in das mächtige Czarenreich bat.

Die Siege der russischen Waffen hatten den Mut der Kaiserin gehoben, und sie beschloß daher auf dem Wege der Eroberung die Krim den Türken zu entreißen, deren Besitz später, wie sie mit richtigem Blick voraussah, die Pforte mit gebundenen Händen der Gnade oder Ungnade Rußlands preisgeben würde. Aber die Eroberung der Halbinsel Krim war keine leichte Aufgabe, denn wie China mit einer Mauer gegen die Tartaren umgeben und befestigt war, so war die Krim gegen die Russen durch die sogenannten »Linien« geschützt, welche von der Stadt Perekop, die durch sie gedeckt wurde, ihren Namen erhalten hatten. Diese Linien bestanden aus einer über die Landzunge hinweggehenden, von Meer zu Meer geführten breiten Erdumwallung, die ein siebzig Fuß breiter und zweiundzwanzig Fuß tiefer Graben umschloß. Wie wenig eine solche Befestigung nützen und der europäischen Kriegskunst, sowie der Tapferkeit einer gut angeführten russischen Armee widerstehen konnte, hatten die Tartaren schon einmal im Jahre 1736 erfahren, als Münnich ohne weiteres diese Linien überschritt, und sie erfuhren es jetzt aufs neue, als Dolgorukij Fürst Wassilij Michajlowitsch, General en chef, 1722 – 1782. mit vierzigtausend Mann dagegen anrückte. Der Chan mit seiner ganzen Macht, der sich noch siebentausend Mann Türken beigesellt hatten, die ihm vom Großwesir zu Hilfe gesendet waren, mußte vor den stürmenden Russen weichen, und innerhalb der kurzen Frist eines Monats war die ganze Krim in ihrer Gewalt. Sie hatten Perekop erobert, sobald sie die Linien überschritten hatten, nahmen die Hauptstadt des damaligen Tartarenreiches, Kaffa, ein, besetzten nach einer Erstürmung Jenikale und Kertsch, und schlossen sodann, als Einleitung zu künftigen Eroberungen, einen kurzen Frieden mit den Tartaren. Diese hielten nun eine große Zusammenkunft, bei welcher, auf dieselbe Art wie Poniatowski unter russischem Einfluß zum König von Polen gemacht worden war, ein neuer von Rußland abhängiger Chan gewählt und an Stelle des abgesetzten installiert wurde. Die Krim kam bald darauf unter die unumschränkte Oberherrschaft Rußlands. Die Russen befestigten sogleich den Hafen von Sebastopol und erhoben diesen Waffenplatz zu einer der wichtigsten und stärksten Festungen des Russischen Reiches. Katharina rühmte sich späterhin, daß sie dem Russischen Kaiserreich die Halbinsel Krim als Mitgift eingebracht habe.

Fürst Wassilij Michajlowitsch

Inzwischen war eine russische Flotte aus Kronstadt ausgelaufen, um die Türkei vom Mittelmeer her anzugreifen. Zur Unterstützung dieser Aktion waren mit denselben Mitteln, wie man sie in den Donauländern angewendet hatte, die Griechen aufgewiegelt worden; man hatte ihnen Hoffnung auf Unterstützung durch eine russische Flotte gemacht, welche an den Küsten von Morea ihrem Kampfe gegen die Osmanen Nachdruck verleihen sollte, ein Gedanke, welchen Graf Alexej Orlow zuerst gefaßt hatte. Die Griechen, durch ein Manifest von Orlow hingerissen, in welchem der griechischen Nation Befreiung von dem Joch der Ungläubigen feierlichst verheißen wurde, mußten jedoch ihre Leichtgläubigkeit bitter bereuen. Schon einen Monat nach der Veröffentlichung dieses Orlowschen Kreuzzugsmanifestes ließ Rußland die unglückliche Nation im Stich, auf welcher nun der Druck der Osmanen noch fürchterlicher lastete als vorher; mehr als zwanzigtausend Griechen mußten aus ihrer Heimat fliehen. Indessen verdient dieser romantische Kreuzzug hier etwas näher beschrieben zu werden.

Alexej Orlow, welcher den Operationsplan entworfen, wurde als Generalissimus und Generaladmiral mit dem Oberbefehl über die ganze russische Flotte im Mittelländischen Meere betraut; sein Bruder Feodor wurde zum Zweiten nächst ihm im Kommando ernannt. Die eigentliche Leitung und dazu erforderliche Kenntnis und Erfahrung hatten, außer dem Admiral Spiridow, die fast auf allen Schiffen befindlichen englischen Seeoffiziere, insbesondere der Admiral Elphingstone. Spiridow segelte im Juli des Jahres 1769 mit zehn Linienschiffen und vier Fregatten, gefolgt von einer Menge Transportfahrzeugen mit Landungstruppen, ab, und zwar zuerst nach einem englischen Hafen, sodann nach Port Mahon und Minorka. Elphingstone folgte ihm mit fünf Linienschiffen, zwei Fregatten und einer Anzahl anderer Fahrzeuge mit Truppen. Alexej Orlow verbrachte seine Tage auf dem Karneval in Venedig, ließ aber während dieser Zeit durch Emissäre, welche in priesterlicher Kleidung der Aufmerksamkeit zu entgehen wußten, die Mainoten und die Einwohner des Peloponnes aufwiegeln.

Die russische Flotte litt gewaltig durch die Herbst- und Winterstürme, noch mehr aber durch die ans Unglaubliche grenzende Ungeschicklichkeit der russischen Seeoffiziere und Steuermänner; doch waren einzelne von den Schiffen schon im Monat Februar im Ägäischen Meere angekommen, und Morea befand sich in vollem Aufstande, als Alexej Orlow endlich im April des Jahres 1770 dort anlangte. Weder er noch sein Bruder Feodor wußten sich hier große Lorbeeren zu erwerben, weil die Griechen, von mehreren Bataillonen Russen, die man ans Land setzte, unterstützt, durchaus nichts Wesentliches und Bedeutendes vorzunehmen wußten, sondern nur unmenschliche Grausamkeiten gegen die Türken verübten, welche später von diesen durch Verheerung des ganzen Landes gerächt wurden. Die Griechen konnten nur zu räuberischen Streifzügen verwendet werden, aber nicht in einem regulären Kriege; die Russen waren aber allein nicht zahlreich genug, und die Türken verteidigten sich hinter Hecken, Wällen und Gräben nach ihrer alten Gewohnheit besser als im offenen Felde. Die Belagerung von Koron mußte aufgehoben werden, ein Zug nach Tripolitza scheiterte, und schon am Ende des Monats Mai schifften sich die Russen plötzlich wieder ein und überließen die unglücklichen Griechen ihrem nun doppelt traurigen Geschick. Dies wurde um so schrecklicher, als die zur Rache gereizten Türken jetzt mit den wieder Unterjochten gerade so verfuhren, als sie im Laufe des letzten Krieges mit den Inselbewohnern von Chios und anderen Orten verfahren hatten.

Samuel Greigh

Zur See hingegen waren die Russen mit dem Erfolge ihres Planes glücklicher, denn unter dem Generaladmiral Alexej Orlow kommandierten der Kapitän Greigh, Samuel Greigh, der spätere Admiral, 1736 – 1788. welcher den Befehl auf seinem Admiralsschiff führte, und der Vizeadmiral Elphingstone die Flotte, welche die Türken aus dem Inselmeer vertreiben und die asiatische Küste heimsuchen sollte. Die türkische Flotte, welche sechzehn Linienschiffe, sechs Fregatten und elf Schebecken zählte, wurde von Elphingstone mit acht Linienschiffen und zwei Fregatten übel zugerichtet und genötigt die Flucht zu ergreifen, auf der sie endlich Schutz unter den Kanonen von Napoli suchte und fand. Aber auch in diesem Asyl beschoß Elphingstone sie noch während der Dauer zweier Tage unaufhörlich, konnte aber nichtsdestoweniger nicht verhindern, daß sie glücklich entkam und nach Chios segelte. Die russische Flotte folgte ihr nun dorthin, sobald sie die in Morea an Land gesetzten Truppen wieder eingeschifft hatte. Die Türken sandten darauf dreißigtausend Arnauten und Bosniaken nach Morea, welche das unglückliche Land auf das gräßlichste verheerten. Während dieser Zeit waren die griechischen Inseln in vollem Aufstande und hielten Ende Juni förmlich um den Schutz der Russen an, deren Flotte lange vergeblich die türkische gesucht hatte, sie aber endlich am 24. Juni 1771 in dem Kanal bei Chios, welcher diese Insel von Kleinasien scheidet, entdeckte und einholte.

Schon am 5. Juli griff Spiridow die Übermacht von fünfzehn türkischen Linienschiffen mit zehn russischen an; das türkische Admiralsschiff wurde in die Luft gesprengt und der Sieg von den Russen gewonnen. Der russische Admiral hatte jedoch das Unglück, daß sein eigenes Schiff in Brand geriet, als es mit den türkischen zu nahe aneinandergeraten war, und bis auf den Wasserspiegel niederbrannte; nur die Offiziere wurden gerettet, aber die ganze Besatzung von siebenhundert Mann kam um. Die Türken, durch ihre Niederlage erschreckt, begingen die Unvorsichtigkeit, die Taue zu kappen und in die enge Bucht von Tschesme einzulaufen, in der ihre Schiffe dann so dicht aneinandergedrängt lagen, daß sie sich in ihren Bewegungen hinderten und zuletzt in einen einzigen Knäuel zusammengedrängt wurden, in welchem sie sich nicht zu rühren vermochten. Dies veranlaßte die Engländer, welche den Befehl auf den russischen Fahrzeugen führten, den Versuch einer Verbrennung der ganzen türkischen Flotte zu wagen. Die Ausführung des Plans war ein Verdienst der Engländer, zu denen auch der Kapitän Kruse gehörte, der als Führer auf dem Admiralsschiff Spiridows diente. Die Russen eigneten sich den Ruhm der Tat an, und die Brüder Orlow ernteten den Glanz und die Ehre von dem Wirken anderer.

Drei Engländer leiteten die ganze Affäre bei Tschesme: Elphingstone schloß zuerst die türkischen Schiffe ein, Greigh ordnete das Feuer gegen die eingeschlossenen Schiffe an, und der Schiffsleutnant Dugdale erhielt den gefährlichen Auftrag, die Brander zu führen, welche die Schiffe anzünden sollten. Im Augenblick der Ausführung verließen die Russen, welche sich mit Dugdale in den Brandern befanden, ihre Fahrzeuge, ließen den Offizier feige im Stich, sprangen ins Wasser und schwammen ans Land, Die kleinmütige Haltung der Russen, insbesondere Alexej Orlows Untätigkeit bei der Affäre von Tschesme ist von anderer Seite als jeder Grundlage entbehrend bezeichnet worden. Ssolowjew hebt die Verdienste Iljins um die Verbrennung der türkischen Flotte hervor. er allein steuerte nun den Brander, den die Türken ruhig auf sich zukommen ließen, Der Baron von Tott spricht in seinen »Nachrichten von den Türken und Tartaren« (Frankfurt und Leipzig 1787, Bd. I, S.272) von zwei Brandern und erzählt mit Hassan Beg, dem zweiten Flottenkommandanten, als persönlichem Gewährsmann, die Türken hätten bei Erscheinen der Russen mehr daran gedacht, sich an Land zu retten, als ihre Fregatten zu verteidigen. »Doch der Anblick zweier kleiner Schiffe, die ihren Weg nach dem Hafen zu nahmen, machte bei ihnen das Verlangen nach Eroberungen wieder rege. Sie hielten selbige für Überläufer. Weit daher gefehlt, sie in den Grund zu bohren, wünschten sie, daß sie nur glücklich einlaufen möchten, des Vorsatzes, die Mannschaft in Fesseln zu schlagen, um sich hernach das Vergnügen zu machen, sie im Triumph nach Konstantinopel zu führen. Inzwischen liefen diese vermeinten Ausreißer in den Hafen ein, worauf sie ihre Steuerruder befestigten, sich mit Enterhaken aneinander hingen und sogleich ganze Feuerwirbel ausspien, welche die gesamte Flotte in Brand setzten.« zündete glücklich eins der feindlichen Schiffe an und setzte in der Tat dadurch die ganze türkische Flotte in Brand, von der nur ein Schiff von fünfzig Kanonen und fünf Schebecken unversehrt den Flammen entkamen, jedoch später von den Russen eingeholt, genommen und mit fortgeführt wurden. Im ganzen wurden 15 Schiffe, 9 Fregatten und 8–9000 Menschen ein Raub der Flammen. Vgl. v. Hammer, Des Osmanischen Reiches Staatsverfassung, Wien 1815, Bd. II, 5. Hauptstück, S. 356. Auch die Stadt Tschesme, die Festung und die Batterien wurden von den Russen eingenommen. Nichtsdestoweniger blieb dieser Sieg ohne alle wichtigeren Folgen, weil die Russen weder den Peloponnes erobert hatten, noch bis zu den Dardanellen vorgedrungen waren; aber, mochte dem für den Augenblick sein, wie ihm wollte, jedenfalls ist durch das ganze Ereignis den russischen Plänen für spätere Zeiten großer Vorschub geleistet worden.

Zur Erinnerung des Sieges bei Tschesme erhielt jeder Offizier, Soldat und Matrose, welcher sich auf den russischen Schiffen befunden hatte, eine Medaille, die auf der linken Brust getragen werden mußte und auf der einen Seite die Inschrift: »Tschesme«, auf der anderen die lakonischen Worte: »Ich war dort!« trug.

Ein Kurier, der direkt an die Kaiserin adressiert war, brachte die Neuigkeit von der Verbrennung der türkischen Flotte, und Katharina war daher die erste Person in ganz Petersburg, welche diese wichtige Begebenheit erfuhr. Graf Iwan Tschernyschew, Iwan Grigorjewitsch, Generalleutnant, 1726–1797 welchen die Kaiserin von London wieder zurückgerufen, und dem sie das Departement der Marine anvertraut hatte, befand sich damals gerade in einem Zwiespalt mit der Admiralitätsbehörde, und dieser Zwist hatte die an sich unbedeutende Verzögerung einer Expedition veranlaßt. Katharina, welche Tschernyschews Ungeduld über den Aufschub kannte, hatte den Minister rufen lassen, um ihm in eigener Person die Nachricht von dem Siege bei Tschesme mitzuteilen, und er, der glaubte, daß die Kaiserin noch etwas Weiteres mit ihm über seinen Zwist reden wollte, rief schon im Eintreten aus: »Ich versichere Eure Majestät auf Pflicht und Gewissen, daß es nicht mein Fehler ist.«

»Ich weiß es,« antwortete sie, »aber es ist nichtsdestoweniger gewiß.«

»Ach ja, leider läßt es sich nicht leugnen, und ich bin höchst betrübt darüber!« entgegnete Tschernyschew.

»Wie? Du bist betrübt darüber, daß die Türken keine Flotte mehr haben?«, antwortete sie ihm lächelnd und teilte ihm nun die Depeschen mit, die sie soeben erhalten hatte.

Die Freudenbezeugungen am Hofe von St. Petersburg erreichten einen ganz außerordentlichen Grad. Prächtige Feste wurden veranstaltet, um den Triumph von Tschesme zu feiern, und die Kaiserin ließ später einen Palast erbauen, um das Andenken an eine so ehrenvolle Begebenheit zu heiligen.

Alexej Orlow beeilte sich, wieder nach Petersburg zurückzukehren, um dort seine Triumphe zu feiern und neue Mittel zu verlangen, um seine Eroberungen im griechischen Archipelagus weiter auszudehnen. Sobald er in der Hauptstadt anlangte, wurden die Festlichkeiten erneuert, und die Kaiserin schmückte ihn eigenhändig mit dem großen Bande des St. Georgsordens.

Er legte dem Konseil einen Plan vor, nach welchem er beabsichtigte, sich ganz Griechenlands zu bemächtigen und dem Ottomanischen Reiche Ägypten zu entreißen. Er sagte darin, daß er die Idee habe, durch die Dardanellen vordringen zu wollen, und daß er, um alle diese Entwürfe auszuführen, nur zehn Millionen Rubel bedürfe.

»Ich bewillige euch zwanzig,« rief Katharina sogleich aus, »denn ich will, daß ihr nichts entbehren sollt.«

Man befahl nun die Ausrüstung eines neuen Geschwaders, um jenes zu verstärken, das sich schon im Mittelländischen Meere befand.

Stolz über die Gunst der Kaiserin, auf die Siege, deren Ehre er sich zugeeignet und auf die, welche er sich noch ferner versprach, begab sich Alexej Orlow von Petersburg wieder auf den Weg, um nach dem Archipelagus zurückzukehren. Auf der Reise dorthin hielt er sich einige Zeit hindurch in Wien auf und entwickelte daselbst einen wahrhaft asiatischen Luxus. Von Wien ging er nach Livorno, wo die russische Flotte ihn erwartete, und wennschon sie sich in verfallenem Zustande befand, fuhr diese Flotte dennoch fort, Handel und Seemacht der Türken zu zerstören.

Die Kaiserin hatte Alexej Orlow den Auftrag erteilt, ihr in Italien vier Gemälde anfertigen zu lassen, welche die Kämpfe seines Geschwaders und den Brand der türkischen Flotte darstellen sollten. Orlow wandte sich an einen in jenen Tagen hinsichtlich dieses Kunstgenres hochberühmten Maler, mit Namen Hackert, Jakob Philipp Hackert, geb. 15. September 1737, gest. 28. April 1807. Als dieser Künstler ihm erwiderte, daß er nie ein Schiff habe in die Luft fliegen sehen, zögerte der wilde Russe nicht, ihm ein solches Schauspiel im Hafen von Livorno zu geben, damit er das Auffliegen des türkischen Admiralsschiffes völlig treu wiedergeben könne. Diese vier Gemälde befinden sich jetzt im Audienzsaale von Peterhof. –

Wildheit ist keineswegs Verbrechen; aber es fand sich leider auch kein Verbrechen, zu welchem der brutale Alexej Orlow nicht imstande gewesen wäre. Letzteres beweist sein Verhalten bei der Verhaftung jener Prätendentin, die unter dem Namen Elisabeth Tarakanow im Jahre 1774 in Italien auftrat, und deren eigentliche Herkunft bis auf den heutigen Tag unbekannt geblieben ist. Von einigen für eine Tochter Elisabeth Petrownas und Iwan Schuwalows, Helbig, Russische Günstlinge, S. 172. von anderen für ein Liebespfand aus Elisabeths Ehe mit Alexej Rasumowskij Castéra, Bd. II, S. 17ff. gehalten, galt die junge Fremde dem russischen Hofe lediglich als eine Abenteurerin, Dieser Anschauung ist die neuere Forschung beigetreten. Vgl. Brückner, Katharina II., S. 208ff. deren Beseitigung aus politischen Gründen notwendig erschien. Als Alexej Orlow der Kaiserin das Auftreten einer Tochter Elisabeths meldete (Brief vom 27. Sept. 1774), schrieb er u.a.: »Ob eine solche Person auf der Welt ist oder nicht, ist mir unbekannt; wenn es aber eine solche gibt und sie darnach strebt, was ihr nicht gehört, so wäre meine Ansicht: einen Stein an den Hals gebunden und ins Wasser ... Meine Absicht ist, sie auf ein Schiff zu locken und direkt nach Kronstadt zu schicken.« Katharina antwortete unter dem 12. November 1774: »Locken Sie die Spitzbübin an einen Ort, wo es Ihnen leicht wäre, sie auf eines unserer Schiffe zu setzen und unter guter Bewachung herzuschicken. Ist sie noch in Ragusa, so bevollmächtige ich Sie hierdurch, ein Schiff oder mehrere hinzuschicken, mit der Forderung, diese Kreatur herauszugeben, die so frech sich einen unmöglichen Stand und Namen angelogen, und im Fall des Ungehorsams erlaube ich Ihnen, Drohungen anzuwenden, wenn aber eine Züchtigung nötig, so können ein paar Bomben in die Stadt geworfen werden.« Vgl. Die vorgebliche Tochter der Kaiserin Elisabeth Petrowna, nach den Akten des Kaiserlich Russischen Reichsarchivs, Berlin 1867, Beilagen D. Nr. XX, 1, F. Nr. XXII, 1.

Sobald Alexej Orlow nach Livorno gekommen war, beeilte er sich, der Fürstin Tarakanow eine Falle zu stellen. Nachdem er den Aufenthaltsort der jungen Prinzessin entdeckt hatte, sandte er einen Agenten zu ihr. Anfangs sagte dieser, daß er gekommen sei, einer Fürstin seine Aufwartung zu machen, deren Geschick ihn, wie alle seine Landsleute, interessiere. Er zeigte sich höchst gerührt über die wahrhaft dürftige Lage, in welcher sie sich befand, und bot ihr Hilfe an, soweit dieselbe zu leisten in seinen Kräften stände.

Dann, als er glaubte, daß er sich hinreichend in ihr Vertrauen eingeschlichen habe, sagte er ihr, daß er von dem Grafen Alexej Orlow gesandt sei, um ihr, als einer Tochter der Kaiserin Elisabeth, den Thron anzubieten, welchen ihre Mutter innegehabt hätte. Er erzählte ferner, daß die Russen mit Katharina unzufrieden seien, daß aber Orlow vor allen anderen ihre Undankbarkeit und Tyrannei nicht länger ertragen könne, und daß, wenn die junge Fürstin die Dienste des mächtigen Grafen annehmen und ihn dafür dereinst durch die freiwillige Gabe ihrer liebenswürdigen Hand belohnen wolle, Mit welchem Zynismus Alexej Orlow seine Rolle als Liebhaber der Tarakanow spielte, beweist ein späteres Schreiben an Katharina aus Livorno: »Die Weibsperson ist nicht groß, sehr mager, weder weißer noch brauner Gesichtsfarbe, mit großen und weitgeöffneten dunkelbraunen Augen, dunkeln Flechten und Augenbrauen und einigen Sommersprossen ... Sie hatte den Anschein, mir sehr wohlzuwollen, weshalb ich mich denn auch bemühte, sehr verliebt zu erscheinen; endlich versicherte ich sie, daß ich sie gerne heiraten würde, und zum Beweise der Wahrheit erklärte ich mich für denselben Tag dazu bereit ... Ich gestehe, Allergnädigste Kaiserin, ich hätte mein Versprechen selbst erfüllt, wenn ich nur auf diese Weise den Befehl Ew. Majestät hätte vollziehen können. Sie meinte jedoch, daß es noch nicht an der Zeit sei, weil sie noch im Unglück; sei sie aber einmal auf dem ihr gebührenden Platze, werde sie auch mich beglücken. Mir fiel dabei meine einstmalige Braut die Schmitt ein: ich kann mich jetzt rühmen, reiche Bräute gehabt zu haben.« (14./25. Februar 1775.) Die vorgebliche Tochter der Kaiserin Elisabeth Petrowna, Beilage D. Nr. XX, 4. sie bald die Revolution, welche er schon hinreichend vorbereitet habe, ausbrechen sehen würde.

Durch diese und andere Vorspiegelungen ließ die Fürstin sich dazu verleiten, im Februar 1775 nach Livorno zu reisen, eben an den Ort, wohin Alexej Orlow sie hatte haben wollen.

In Livorno angelangt, stieg sie bei dem englischen Konsul John Dick ab, welcher für sie in seinem eigenen Hause Zimmer hatte in Bereitschaft setzen lassen und sie mit allen Zeichen der tiefsten Ehrfurcht empfing. Des Konteradmirals Greighs und des Konsuls Gattinnen fanden sich sogleich bei ihr ein und verließen sie dann auch nicht wieder. So sah sie sich bald gewissermaßen von einem kleinen Hofe umgeben, welcher allen ihren Wünschen zuvorkam und nur damit beschäftigt zu sein schien, ihr unaufhörlich neue Vergnügungen zu bereiten. Wenn sie ausging, drängte sich das Volk auf ihren Weg, und im Schauspiel waren aller Blicke auf ihre Loge gerichtet. Alles dieses ließ auch nicht den leisesten Gedanken an eine ihr drohende Gefahr in ihr aufkommen.

Es ist bezeichnend, daß ein englischer Admiral, ein Konsul derselben Nation und deren Frauen niedrig und unmenschlich genug waren, sich an dem hinterlistigen Intrigenspiel Orlows zu beteiligen. Denn alles beweist, daß sie mindestens zur Hälfte in das gegen die Fürstin Tarakanow geschmiedete Komplott eingeweiht waren und ihr nur Vertrauen einzuflößen suchten, um sie desto sicherer betrügen zu können.

Die Prinzessin war so weit davon entfernt, eine Treulosigkeit zu ahnen, daß sie, nachdem sie einige Tage unter fortwährenden Belustigungen und Zerstreuungen verbracht hatte, Orlows Einladung annahm, das russische Geschwader zu besuchen. Nach einem opulenten Mahl beim englischen Konsul begab sie sich zum Hafen, und man ließ sie in eine mit einer Menge vielfarbiger Flaggen geschmückte Schaluppe steigen. Die Frauen des Admirals und des Konsuls setzten sich zu ihr. Eine andere Schaluppe führte Alexej Orlow und den Konteradmiral, und eine dritte, mit russischen und englischen Offizieren angefüllt, beschloß den Zug. Die Schaluppen verließen das Ufer unter dem Zuruf und dem Jubel einer Menge Menschen und wurden bei ihrer Ankunft von dem Geschwader mit Musik, Artilleriesalven und dem üblichen dreifachen Hurra empfangen. Als sich die Fürstin einem im voraus bestimmten Schiffe näherte, wurde ein eleganter Fauteuil herabgelassen, in welchem sie sodann vorsichtig an Bord gehißt wurde.

Aber kaum hatte sie das Schiff betreten und sich an den Manövern der Flotte ergötzt, als man ihr ihre Verhaftung ankündigte und ihre Hände mit eisernen Ketten fesselte. Vergeblich flehte und bat sie um Erbarmen. Man führte sie hinunter in den Kielraum, und am dritten Tage ging das Schiff unter Segel, um nach Rußland zurückzukehren.

Nach ihrer Ankunft in Petersburg (24. Mai 1775) wurde Elisabeth Tarakanow in ein Gewahrsam der Festung gebracht, wo sie am 4. Dezember 1775 starb. Zwei Jahre nach ihrem Tode trat ein unerwartet starkes Hochwasser der Newa ein, welches die tiefer gelegenen Zellen der Festung überschwemmte. Die hinterlistig geheimnisvolle Art, mit der die Regierung gegen Elisabeth Tarakanow bei Lebzeiten verfahren war, zeitigte nach ihrem Tode die reichsten Früchte: man erzählte, die unglückliche Gefangene sei von den plötzlich hereinbrechenden Fluten der Newa hilflos in ihrem unterirdischen Gefängnis ertränkt worden, und schrieb Katharina, wie es in solchen Fällen üblich, die Schuld an diesem neuen Morde zu.

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