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Russische Hofgeschichten II

Magnus Crusenstolpe: Russische Hofgeschichten II - Kapitel 10
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authorMagnus Jacob Crusenstolpe
titleRussische Hofgeschichten II
publisherGeorg Müller
year1917
editorJoachim Delbrück
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IX.

Katharinas Regierung und ihr Einfluß auf Rußlands Entwicklung. – Katharina als Frau.

Hier noch mit weiteren Ausführungen den Charakter Katharinas II. zeichnen zu wollen, wäre überflüssig, da derselbe schon in der vorhergehenden Darstellung des Lebens an ihrem Hofe und ihrer Regierungsweise deutlich genug geschildert wurde. Aber etwas bleibt uns dennoch übrig, was uns einer Anführung würdig scheint. Es sind dies die Folgen ihrer Politik und ihrer Administration auf ihr Reich und endlich ihre Persönlichkeit, welch letztere von uns bisher weniger berührt worden ist.

Mehrere Schriftsteller haben versucht, der Nachwelt ein Porträt Katharinas II. zu überliefern. Entweder erkauft, oder durch ihren blendenden Glanz, durch eigne vorgefaßte Meinungen und andere Umstände verführt und bestochen, oder endlich aus reiner Gefälligkeit haben sie dasselbe als mit allen Gaben der Natur überreich ausgestattet, dargestellt. Andere wieder haben es aus persönlichem Widerwillen oder mit einem aus unbekannten Motiven entlehnten Haß jedes Schmucks beraubt und es durch alles entstellt, was Laster und Verbrechen an Scheußlichem darbieten. Wie fast immer in dieser Welt, muß man die Wahrheit zwischen beidem suchen. Auf einer niedrigen Stufe der menschlichen Gesellschaft stehend, würde Katharina alle Reize einer liebenswürdigen Frau dargeboten haben; in ihrem politischen Leben bot sie mitten unter den Exzessen eines ausschweifenden Ehrgeizes alle Eigenschaften eines großen Monarchen dar.

Tochter eines kleinen deutschen Fürsten, in einer preußischen Garnison geboren, zu einer Zeit, in der des großen Friedrichs philosophischer Geist sich überall geltend machte, konnte sie, von der Natur mit einem Geschmack für wollüstige Vergnügungen ausgestattet und nach den Grundsätzen einer laxen Moral und freigeistigen Ideen erzogen, dem Einfluß dieser Umstände nicht entgehen. In die Nähe des russischen Thrones berufen, mit der Aussicht, ihn gesetzlich wenigstens teilen zu dürfen, beliebte sie, russische Sitten, den Anstand einer Familienmutter, als welche sie eine Dynastie zu begründen hoffte, und vor allem die Gebräuche der griechischen Religion anzunehmen. Später opferte sie ihren Gatten; einem höheren Richter, der, wie die Schrift es verheißt, »Herz und Nieren prüft«, muß es zu beurteilen überlassen bleiben, ob in dem Wunsche, selbst zu herrschen, oder nur aus dem Gefühle, für ihre persönliche Sicherstellung Sorge tragen zu müssen.

Durch die Art ihrer Thronbesteigung und die Tatsache, daß sie, ihres Gatten Mörder mit Gunstbezeugungen überschüttend, das sonst in jedem Weibesherzen als süßeste Empfindung vorherrschende natürliche Gefühl zugunsten ihres Ehrgeizes verdrängte, schien Katharina einen Tyrannen zu verkünden, der das Reich, das er unterjocht hatte, mit eiserner und blutiger Geißel lenken würde. Aber diese Furcht, welche ihre ersten Schritte dem Volke einflößen mußten, war glücklicherweise eine Täuschung; sie zeigte sich weniger grausam als ruhmgierig. Die Gewalttat, welche den Beginn ihrer Herrschaft bezeichnet, ist nicht der einzige Vergleichspunkt, den ihr Leben mit dem jener stolzen Königin von Babylon darbietet, deren Namen und fabelhafte Größe man ihr so gern beilegte. Voltaire nannte Katharina nie anders als: »Semiramis des Nordens.«

Bei der Beurteilung von Katharinas Charakter darf man die schwache, sinnliche Frau nicht mit der kühnen nur für die Größe ihres Staates wirkenden Monarchin verwechseln; aber unparteiisch beurteilt flößt das eine nicht mehr und nicht weniger Achtung ein, als das andere. Es muß indessen zugegeben werden, und dies ist bei einem Weibe immerhin etwas Anerkennenswertes, daß sie sich den Augen der Welt gegenüber ebensowenig als Monarchin wie in Beziehung auf ihr Geschlecht mit einem Heiligenschein umgeben wollte. Sie zeigte sich meist offen und unverschleiert, ganz so wie sie war.

Charakteristisch für die freimütige Offenheit Katharinas ist die von ihr im Jahre 1788 verfaßte Grabschrift, die folgendermaßen lautet:

Hier ruht
Katharina die Zweite,
             21. April
geboren in Stettin am – – – – – 1729.
              2. Mai
Sie ging im Jahre 1744 nach Rußland, um Peter III. zu heiraten. Im Alter von vierzehn Jahren faßte sie den dreifachen Vorsatz, ihrem Gemahl, Elisabeth und der Nation zu gefallen. Sie unterließ nichts, um darin Erfolg zu haben.

Achtzehn Jahre voller Langweile und Einsamkeit veranlaßten sie, viele Bücher zu lesen.

Als sie den Thron von Rußland bestiegen hatte, wollte sie das Gute und suchte ihren Untertanen Glück, Freiheit und Besitz zu verschaffen.

Sie verzieh leicht und haßte niemand. Sie war nachsichtig, leichtlebig, von heiterer Gemütsart, republikanischer Gesinnung und gutem Herzen. Sie hatte Freunde. Die Arbeit fiel ihr leicht, Geselligkeit und Künste gefielen ihr. Memoiren Katharinas II., Inselverlag, Bd. II, S. 340.

Die besonders hervortretenden Gelegenheiten, welche gerade ihrer Regierung einen so großen Glanz verleihen, charakterisieren ihre Staatskunst so vollkommen, daß es eine nutzlose Sache wäre, viel Worte darüber zu verlieren. Ihre diplomatische Virtuosität lag daher weniger in einem undurchdringlichen und feinen Gewebe, als in unternehmenden Handgriffen, deren grobe, leicht durchschauliche Verhüllung und verwegene Durchführung alle feineren und vorsichtigeren Widersacher derselben verhöhnte. Die Begebenheiten, welche von uns aufgezählt wurden, beweisen dies zur Genüge, und ihr Verfahren gegen das bejammernswerte Polen, gegen das Osmanische Reich und gegen das Herzogtum Kurland, wodurch die gegenwärtige russische Macht eigentlich erst begründet wurde, zeigt durchaus keine tief angelegten Kombinationen, deren Triebwerk verborgen gehalten war, sondern alles darin und daran war von so ungeschliffener Natur, daß sie keinen Menschen damit betrügen konnte, der mit fünf Sinnen begabt und nur imstande war, sie zu gebrauchen. Der Sorglosigkeit, Uneinigkeit und Unentschlossenheit der anderen Nationen ist es in erster Linie zuzuschreiben, daß Katharina fast immer das ihr vorschwebende Ziel glücklich erreichte. Es fehlte gewiß in Europa nicht an Männern, die mit hinreichender Staatsklugheit ausgestattet waren, um aus den ersten Schritten, welche von der russischen Politik gegen Polen und die Türkei getan wurden, bereits das letzte Ziel des russischen Ehrgeizes zu erkennen und die darin für das übrige Europa schlummernde Gefahr richtig zu beurteilen. Aber den Kassandrastimmen dieser Propheten zum Trotz wurde jeder neue Versuch, den Rußland auf der einmal eingeschlagenen Bahn unternahm, zu einem neuen Triumph seiner Staatskunst, und die auswärtige Politik der westeuropäischen Mächte die Weisheit und Tätigkeit ihrer Kaunitz, Wenzel Anton, Reichsfürst von Kaunitz-Rietberg, geb. 2. Februar 1711, gest. 27. Juni 1794, seit 1753 österreichischer Staatskanzler. Hertzberg und Choiseul wurden von den Kunstgriffen der aus dem Staube hervorgegangenen und ohne staatsmännische Schulung gebliebenen Orlows, Potiomkins und Repnins besiegt. Diese waren – ob mit oder ohne staatsmännische Schulung – allein in ihrer Eigenschaft als Kraftnaturen den europäischen Kollegen von der Diplomatenzunft überlegen. Katharina besaß eben das Talent, Menschen aux grandes idées herauszufinden, durch ihre persönlichen Eigenschaften aber verstand sie deren Tätigkeit Richtung zu geben und sie untereinander in Übereinstimmung zu bringen, wodurch Rußland erhoben und ihre eigene Macht vergrößert wurde. Kobeko, Der Cäsarewitsch, S. 344.

So glänzend und blendend die Regierung Katharinas II. in den Annalen der Geschichte sich auch auf den ersten Blick zeigen mag, so war sie bei näherem Zusehn für Rußland in mancher Hinsicht unglücklich Das lag weniger an Katharina selber, als vielmehr an der Verdorbenheit des Hofes und dem Charakter der Nation, die sie beherrschte. Wie hätte eine Frau zustandebringen sollen, was dem rührigen Stock und dem mörderischen Beil Peters des Großen nicht gelungen war? Masson, Bd. I, 2. Abt., S. 50. und für sie selber demütigend. Ihr Verstand behielt bis an das Ende ihres Lebens seine volle Stärke, aber ihr Charakter war eitel Schwäche geworden. Wir zeigten, wie sie von mehreren ihrer Liebhaber mißhandelt wurde, und daß sie nur Tränen und Klagen hatte, um sich der Tyrannei derselben zu widersetzen. Die Russen sahen es zwar mit Scham und Ärger, daß Orlow ihre Kaiserin brutal behandelte, aber sie ertrugen es, weil er ihr wenigstens erlaubte, nach ihrem Willen zu regieren. Als sie aber sahen, wie sich Potiomkin des ganzen Umfanges ihrer Macht bemächtigte, wie er, auf seiner usurpierten Stellung fußend, als absoluter Despot zu herrschen begann, da erbebten sie vor Schrecken und beugten sich in stummer, knechtischer Demut vor einem Manne, vor dem sie den Erben ihres Thrones und auch die Kaiserin sich beugen sahen. An sein Joch und seine Herrschaft gewöhnt, machte es ihnen dann wenig Eindruck, ihm einen anderen, aus gleichem Stoff gebildeten Günstling, der nicht weniger befehlshaberisch auftrat und nicht weniger mächtig war, folgen zu sehen.

Katharina trat, wie erwähnt, als Gesetzgeberin auf und stiftete Reglements für die von der äußersten asiatischen Grenze ihres Reichs herbeigerufenen Baschkiren, Kalmücken und Samo jeden, die in ihrem wilden Zustande, nach altem Brauch und Recht sich selbst beherrschend, deren nicht bedürftig waren, die sie anhörten, ohne sie zu verstehen, und die Verordnungen in ihren Ländern nicht einmal bekannt werden ließen. Katharinas unumschränkte Gewalt ging nicht soweit, daß sie in diesen fernen Teilen ihres Reiches auch den von ihr gegebenen Gesetzen Gehorsam hätte verschaffen können. Höchst eigentümlich ist dabei die Erscheinung, daß diese Fürstin, welche danach strebte, Gesetze zu geben, um die Sitten und die geistige Erleuchtung ihrer Untertanen zu verbessern, diese dennoch unter einem schweren Druck seufzen ließ und wenig tat, um ihr Schicksal zu verbessern, ihre Befreiung vorzubereiten und ihre abergläubische Unwissenheit aufzuklären. Auch hierin zeigte sich der durch alle ihre Taten gehende Zug der Eitelkeit, die damit befriedigt ist, die Augen des großen Haufens auf sich zu ziehen; sie schien in allen ihren Institutionen mehr den Glanz, als die Solidität zu suchen. Man könnte Katharina mit einem theoretischen Schriftsteller vergleichen, der seine Ideen der Welt zu verkünden sich berufen fühlt, Theorien über Regierung und Gesetzgebung aufstellt, aber der Mittel gänzlich entbehrt, um sie praktisch durchzuführen.

Es ist leicht einzusehen, daß eine aus so vielen Nationen, Sitten, Sprachen und Religionen zusammengewürfelte Bevölkerung, die sich über ein so weitläufiges Territorium ausbreitet, nur durch das kräftigste Gouvernement zusammengehalten werden kann. Und solches war im wahrsten Sinne des Worts nach Katharinas eignem Willen das russische Gouvernement. Ihre »Instruktion zur Bildung eines Gesetzbuches« enthielt mehr asiatische als europäische Formen. Zwar blieben, das ist nicht zu leugnen, in den provinziellen Adelsversammlungen noch einige Spuren der Rechte erhalten, welche sich die Bojaren in der Zeit zwischen der Erlöschung des Rurikschen Stammes und der Erhebung Michael Feodorowitsch Romanows angemaßt hatten. Aber diese auf eitle Formalitäten zurückgedrängten Rechte zeigten ihr Leben nur noch in Verschwörungen. Es gab weder Reichsstände noch Landtage, noch eine von der Person des Czaren getrennte gesetzgebende Gewalt. Nur zwei Grundsätze erkannte das Kaisertum Katharinas an: »die unbegrenzte Herrschermacht und das Erbrecht.« Die Geschichte hat bewiesen, daß sie sich in das erste verschmelzen ließen, das zweite aber nicht immer anerkannt wurde. Die Russen haben ein altes Sprichwort, welches noch heut gebräuchlich, das Bild wiedergibt, das sie sich von der Autorität und dem Charakter ihrer Herrscher machen. Es lautet: »Nahe beim Czaren, nahe beim Tode.« Der leitende Senat wurde nichts als ein höherer Gerichtshof, mit einem Worte, es gab weder eine geschriebene Grundlage des Rechts, noch irgendeine Schranke zwischen der Krone und dem Volke. Diese von Katharina vorgefundenen Zustände hatten es ihr, wie so oft an asiatischen Höfen, möglich gemacht, durch eine im Innern des Palasts gebildete Verschwörung den Souverän zu entthronen, die Thronfolge umzustoßen und das Regierungssystem zu ändern. Alles in wenigen Stunden. Sie selbst hat daran nichts geändert, und schon ihr Nachfolger wurde ein neues Opfer dieser Möglichkeit.

Trotz dieser unumschränkten Herrschaft und des Prinzips des Despotismus, bot die öffentliche Verwaltung doch europäische Regierungsformen dar. Sie bildete sich aus einem geheimen Rate. Ministerien, Kollegien, die mit der speziellen Leitung der politischen, bürgerlichen, militärischen und kommerziellen Verhältnisse betraut waren, und fünfzig, wieder in Kreise zerlegte, Gouvernements erleichterten die lokale Administration der Provinzen. Aber ein Fluch lastete auf dem so zahlreich geschaffenen Beamtentum in Katharinas Lande. Jeder einzelne Bedienstete sah sich für einen unumschränkten Souverän auf seinem Platze an und legte weder Rechenschaft über seine Verwaltung noch über die Summen ab, über welche er disponierte. Das ganze Reich war den raubgierigen Günstlingen der Kaiserin und den ihrem Beispiele in nichts nachgebenden Kreaturen als Beute überlassen. Überall herrschte Straflosigkeit, überall sah man die Übertreibungen der Laxheit und des Despotismus, überall flüchtige Launen und niedrige Interessen, welche an Stelle von Gesetzen galten. Reichtum wuchs bis zur Unermeßlichkeit ebenso schnell, als er verschwand. Das Elend war gleich unerhört, wie der Luxus.

In den volkreichsten Städten waren unter der Herrschaft Katharinas zwar Zivil- und Kriminalgerichtshöfe errichtet worden, aber die Laufbahn der Richter war durch den indolenten Stolz des Adels meist Leuten niedriger Geburt, ohne Verdienst, ohne Erziehung und ohne Ehrlichkeit überlassen. Daher zeigten sich die Männer des Rechts als die Unwissendsten von allen, die in Rußland auf Zivilisation Anspruch machten, außerdem noch als die Unehrenhaftesten und Verderbtesten. Die schon an und für sich unvollkommenen, ungerechten und bedrückenden Gesetze wurden auf schändliche Weise gehandhabt, so daß man, mochte eine Sache noch so gerecht und klar sein, keine andere Aussicht hatte, sie zu gewinnen, als durch das Erkaufen der Richter. Im »Antidote« sieht Katharina mit Stolz und einer Art Eitelkeit auf den Umstand zurück, daß es in Rußland weniger Prozesse und Strafen gab, als in jedem anderen Lande, aber ihr hieraus auf die Sitten ihres Landes gezogener Schluß ist zu günstig. Sie vergaß, daß die Willkür der Herren und die innere und häusliche Polizei fast jedes Verbrechen und Vergehen im stillen und unbesprochen straft und die Gerichte sich nur mit den angezeigten Verbrechen einer geringen Zahl Freier beschäftigt sahen. Dem Kodex Katharinas spendeten zwar die Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts wegen seiner Weisheit das exaltierteste Lob, aber die Spuren der Gesetzgebung des elften Jahrhunderts sprechen sich deutlich in den Geldbußen aus, die für Vergehungen, je nach Besitz und Stand der Beleidigten, bemessen sind. Wie weit die bevorzugten Klassen die Würde und Macht der Gesetze und Gerichte anerkannten, erhellt daraus, daß ein Gläubiger, der seinem hochgestellten Schuldner eines Tages drohte, er würde das Gesetz in Anspruch nehmen, um zu seiner gerechten Forderung zu gelangen, von dem frechen Debitor die Antwort erhielt: »Weißt du denn nicht, daß mich meine Stellung über das Gesetz erhebt?« Wenn auch an der Richtigkeit der Theorie möglicherweise zweifelnd, war doch der Kreditor von der Wahrheit seiner Behauptung in der Praxis so überzeugt, daß er es nicht wagte, sich an die Gerichtshöfe zu wenden.

An der Regelung der Finanzen, einer Herstellung des Gleichgewichts der Einnahmen und Ausgaben, würde selbst der Geist der Kaiserin gescheitert sein, wenn ihre Ordnungsliebe ihre Weisheit erreicht oder übertroffen hätte. Die Unwissenheit, Unordnung und Unehrlichkeit der Beamten, die Unregelmäßigkeit in den Einnahmen, die Ungenauigkeit und schwankenden Sätze der Etats, die Schwierigkeit einer allgemeinen Übersicht, da das Defizit des vergangenen Jahres im voraus auf das Einkommen des zukünftigen angewiesen wurde, dies alles waren hemmende Gründe für die Herstellung einer geregelten Finanzverwaltung. Aber sie waren es nicht allein. Sechsundvierzig bis fünfzig Millionen Rubel soll die durchschnittliche Staatseinnahme Katharinas gewesen sein, aber diese Summe reichte bei weitem nicht zu den riesenhaften Projekten der Kaiserin, und jedes Jahr führte ein größeres Defizit herbei. Zu Anfang der Regierung Katharinas (1763) hatten die Staatsausgaben siebzehn Millionen Rubel betragen. Zu Ende ihrer Regierung (1796) war der Staatsbedarf auf siebzig bis achtzig Millionen gestiegen. Brückner, Katharina II., S. 520. Ihre Kriege mußte sie führen, um ihren Ruhm zu erhalten, der wieder ihre Pracht bedingte. So wurden Auswege geschafft, die zwar das Verschwinden des Goldes, Silbers und der übrigen wertvollen Metalle ersetzten, aber das Reich ruinierten. Die Steuern wurden verdoppelt. Die Münzen bekamen einen schlechteren Gehalt, und die schon vorhandenen Papiere verloren so an Wert, daß der Rubel Papier auf kaum die Hälfte des Rubels Silber sank. So schreibt sich der unglückliche finanzielle Zustand Rußlands von Katharina her, die bei ihrem Tode eine Staatsschuld von zweiundvierzig Millionen Rubel hinterlassen hat. Das Elend des Volkes war auch während des Wachsens ihres Ruhmes und des höher strahlenden Glanzes ihres Throns im steten Zunehmen geblieben. Der Preis der nötigsten Lebensmittel steigerte sich bis ins Unerhörte, und trotz des eisigen Klimas war die Menge in Lumpen gehüllt. Danach scheint die Äußerung des Fürsten Schtscherbatow gerechtfertigt, die er in einem Gespräch über die Kaiserin wagte: »Wenn diese Frau noch ein Menschenalter gelebt hätte, würde sie Rußland ins Grab geführt haben.« Unzweifelhaft ist es, daß die zunehmende Erschöpfung Rußlands und das Bewußtsein, die Habgier der Menge von eingeborenen und fremden Abenteurern nicht mehr sättigen zu können, viel zu dem Entschluß beitrug, die gänzliche Unterwerfung und letzte Teilung Polens vorzunehmen. Die, welche auf Belohnungen und Geschenke Anspruch hatten, ließen sich dort durch Spezialgesetze für ihre eigenen Personen und Anhänger die Güter, Paläste und Häuser verleihen, die ihnen gerade gefielen. Diejenigen der unglücklichen Einwohner Polens, welche entweder ihr Vaterland verlassen, die Waffen getragen oder durch Rat und Tat gegen die Russen gewirkt hatten, sahen ihre friedliche Heimat von einer rohen, zügellosen Soldateska überschwemmt. Man zeigte ihnen die kaiserlichen Ukase, welche ihre Besitzungen den Russen verliehen, worauf die plündernden, blutdürstigen Soldaten die rechtmäßigen Besitzer nebst ihren weinenden Gattinnen und ihren nackten Kindern von ihrem ererbten Herde verjagten. Diese unberechenbaren, lediglich nach Lust und Laune verübten Räubereien und Plünderungen waren ebenso grausam, wie die mit der eisigsten Ruhe befohlenen und in Ausführung gebrachten Blutbäder in den Vorstädten Warschaus, namentlich dem ewig zur Rache auffordernden Praga. Bei ihrer Rückkehr aus dem Kriege wurden die Generale, welche sich am grausamsten bewiesen hatten, mit besonderer Gunst empfangen und reichlich aus den Besitztümern der Mißhandelten belohnt, diejenigen aber, die Menschlichkeit bewiesen hatten, wurden fast angesehen, als ob sie die Interessen ihres Vaterlandes verraten hätten.

Der Handel, den Katharina sich schmeichelte, in ihrem Lande geschaffen zu haben, war, durch Intrigen bewirkt, von ihr selbst, vielleicht ihrer besseren Überzeugung entgegen, in die Hände der Engländer übergegangen. Diese ließen sich auch in Rußland nieder, aber nur um schließlich ihr durch Fabrikanlagen gewonnenes Vermögen in ihr Vaterland zurückzuführen. Die Produktion des Erdbodens hatte sich nicht vermehrt, aber die Bedürfnisse des halbzivilisierten Landes hatten eine gewaltige Steigerung erfahren und brachten es dahin, daß die Summe der Einfuhr bedeutend die der Ausfuhr überstieg.

Militärisches Wissen und Kriegskunst, welche beide in den Tagen Münnichs und Rumiantzows bedeutende Fortschritte gemacht hatten, wurden von Katharina gehegt und gepflegt. Sie fühlte, daß die Armee die Hauptsäule war, auf der der Tempel ihres Ruhmes stand. Am Schluss ihrer Regierung wurde der Bestand der regulären Armee auf mehr als fünfmalhunderttausend Menschen angegeben, die Zahl der unregelmäßigen Truppen grenzte ans Fabelhafte. Die Aushebung war in der Zeit ihrer Herrschaft von einem von Fünfhundert durchschnittlich auf einen von Hundert gestiegen und erreichte während des Türkenkrieges sogar einen von Fünfunddreißig. Der innere Zustand der Armee blieb vermöge der mangelnden soldatischen Eigenschaften der zum Heere Ausgehobenen, welche den Zustand ihres elenden Sklavenlebens der Einreihung in die Regimenter vorzogen, ein schlechter, so daß jede Rekrutierung zu einem Schrecken und allgemeinen Unglück wurde. Den Mangel an Mut wußte die Kaiserin durch Offiziere und Unteroffiziere zu ersetzen, die, hinter die Glieder gestellt, die Soldaten an der Flucht verhinderten und jene Resignation erzeugten, die ihre Siege erfocht, aber dennoch die Resignation der Knechtschaft blieb und nie zu dem glänzenden Feuer des Mutes aufloderte. Doch war es ihrer Zeit vorbehalten, durch Ssuworow in der Armee einen fanatischen Charakter zu entflammen. Was die Unteroffiziere und Offiziere betraf, blieben die Einrichtungen Katharinas II., so hoch man dieselben immerhin stellte, doch weit davon entfernt, gute Offiziere aus der russischen Nation heranzubilden. Auch in den höchsten Graden hatte kaum einer den Willen, seine Schuldigkeit zu tun, und meist fehlte auch ihnen, die gemeiniglich dem niederen Adel und der Bürgerschaft angehörten, infolge einer vernachlässigten Erziehung die Möglichkeit dazu. Sie kannten weder den Nachahmungstrieb, der die Tapferen erzeugt, noch das militärische Ehrgefühl, welches ihrem Stande die Achtung sichert. Ebenso fehlte es ihnen an Mut, denn die drei Hauptbedingungen, die die Soldaten Katharinas standhaft machten, die Gewohnheit der Knechtschaft, der Glaube an die Vorherbestimmung und das Bewußtsein, dem sicheren Tode zu verfallen, wenn sie dem ungewissen sich durch die Flucht entziehen wollten, fielen bei ihnen weg. Von diesen Offizieren traten die einen nur in die Armee, um einen Rang zu erhalten und sich dann auf ihre Güter zurückzuziehen, die anderen, um an die Spitze eines Regiments zu gelangen, denn diese Stellen wurden zu einer Quelle so reichen Einkommens, daß man nur mit Bedauern zu dem höheren Grade eines Generals überging. Die Mehrzahl dieser jungen Obersten waren aus dem Gardekorps hervorgegangene militärische Parvenüs oder aus dem Adjutantenkorps und dem Range eines Stabsoffiziers an die Spitze der Regimenter gestellt, ohne taktische Erfahrungen und militärische Kenntnisse anderswo als auf dem Parkett der Salons gesammelt zu haben. Darum mußte auch die stolze Herrscherin, trotz des Zeitraumes, welcher Peters des Großen und das Ende ihrer Regierung trennt, wie jener sehen, daß ihre Untertanen zu fremden Offizieren mehr Vertrauen hatten, als zu denen ihrer eigenen Nation, und mußte namentlich die höheren und wissenschaftlichen aus der Fremde entlehnen. An rationeller Artillerie und einem Ingenieurkorps gebrach es zu ihrer Zeit gänzlich, und bei Verteidigung, wie bei der Belagerung von Städten mußte der in ihrer Armee gering angeschlagene Wert von Menschenleben die fehlenden Kenntnisse ersetzen. Wir sahen schon, um welchen Preis Ssuworow die Einnahme von Ismaïl erkaufte. Die Russen waren in mehreren Stürmen abgeschlagen, und über Hügel von Leichen, welche die Gräben ausfüllten, erkletterten sie die Mauern. Im Andenken an diese Tat ermutigte Ssuworow, vor Praga angelangt, im Jahre 1795 auch seine Soldaten durch den Zuruf: »Drauf Kinder! Wie bei Ismaïl!«

Die Heeresverwaltung vertraute Katharina einem besonderen Minister an, der in seinem Departement ein Kollegium hatte, welches aus einem Präsidenten, mehreren Mitgliedern und einem zahllosen Heere von Subalternbeamten bestand, die alle einen höheren oder niedereren militärischen Rang einnahmen. Jedes Regiment hatte seine Kanzlei, in der jeder von oben kommende Befehl, jeder Rapport der einzelnen Offiziere und selbst Unteroffiziere kopiert wurde, und die zur Quelle unendlicher Verwirrung und Verzögerungen werden mußte. Die Aufrechterhaltung eines von Peter I. herrührenden Befehls, wonach nur schriftlicher Order Gehorsam zu leisten sei, war die Ursache, daß am Tage der Schlacht untergeordnete Generale dem Oberbefehlshaber das zu verweigern wagten, was er ihnen nur mündlich befahl. Die Nachlässigkeit und Unordnung in den Bureaus des Kriegsministeriums waren bis zu dem Grade gestiegen, daß während der letzten Regierungsepoche Katharinas ein Infanterieregiment verlorengegangen war, ohne daß man wußte, was aus ihm geworden sei. Man sandte Kuriere in alle Provinzen und erfuhr endlich, daß es seit dem Friedensschlusse von Kustjuk-Kainardsche an den Grenzen des Kuban vergessen war, da man versäumt hatte, ihm Befehl zuzusenden, welche Garnison es beziehen solle. Der Umstand, daß die Verpflegung und Ökonomie jedes Regiments von diesem selbst abhing, lockerte natürlicherweise auch die Bande der Disziplin so stark, daß die Sitten, welche die Soldaten, die sich im Kriege leichter und besser ernährt sahen, gegen ihre Feinde angenommen hatten, nun auch im eigenen Lande vorherrschend wurden und sie die dort erteilte Erlaubnis zum Rauben und Plündern auch als ein in der Heimat geltendes Recht betrachteten. So sah man ein Regiment, welches zur Verstärkung der Armee nach Persien marschieren sollte, russische Provinzen wie von Barbaren eroberte Länder behandeln. Die Kaiserin hatte sich die Macht entschlüpfen lassen, die Verbrechen der Armee zu strafen, und es lag nun nicht mehr in ihrer Hand, sie wiederzugewinnen.

Was das Seewesen anbelangt, brachte Katharina II. den ungeheuren Anstrengungen Peters des Großen ähnliche erstaunenswerte Opfer, aber sie erreichte darum nichts anderes, als daß sie ihren Stolz um einige unfruchtbare Triumphe bereicherte. Ihre Marine wurde dadurch nicht beträchtlicher. Trotz des Besitzes ausgedehnter Küsten, des Überflusses an Schiffsbauholz liefernden Wäldern, einer ausgedehnten inneren Schiffahrt boten die fast an Stumpfsinnigkeit grenzende Unwissenheit des russischen Bauern, sein entschiedener Widerwille gegen das Meer und der Mangel einer Matrosen bildenden Handelsmarine der Entwicklung einer Seemacht Hindernisse, welche das Genie der Kaiserin ebensowenig zu besiegen vermochte, wie dies einst das Genie Peters des Großen vermocht hatte. Rußland hatte alle zur See erreichten Erfolge, sowohl den Türken als den Schweden gegenüber, lediglich Fremden zu verdanken, die es in seine Dienste rief. Aber in den von Ausländern geleiteten Schulen lernte der Russe darum doch nichts. Das Fehlen des von Peter übersehenen notwendigen Elements einer Handelsmarine als Basis der des Krieges machte sich unter seinen Nachfolgern rächend bemerkbar. Der unfruchtbare Ruhm, den er Rußland durch den Besitz befestigter Häfen und einer Flotte erworben hatte, erschöpfte unter seinen Nachfolgern, als eine künstliche, den Staat mehr belastende als nützliche Einrichtung, sein Reich, und in einem nicht natürlichen Bedürfnis wurzelnd, konnten weder der Sieg bei Tschesme, noch der edle Ehrgeiz der Kaiserin, Europa ein Seegesetz zu erteilen, das Absterben der Flotte verhindern und sie zu neuem Aufblühen bringen.

Der Zustand des bebauten Landes blieb unter Katharina so elend wie je zuvor. Wie kann ein Land blühen, in welchem der Anbau des Bodens in den Händen von Sklaven ist? Und hatten die Sklaven der Krone durch die von der Kaiserin gegebene Ordnung es verhältnismäßig gut, so waren die Leibeigenen des Adels doch immer von dem Charakter ihres Herrn abhängig, und oft war nur das Gefühl des eigenen Interesses der Schutz, den sie gegen Härte, Ungerechtigkeit und barbarische Behandlung von Seiten ihrer Herren besaßen. Wahr ist es, daß schon zur Zeit der Kaiserin das Gesetz den Eigentümern nicht mehr das Recht über Leben und Tod ihrer Leibeigenen gestattete und die hohe Justiz den Woiwoden des Kreises zustand. Wahr ist es, daß die Geschichte selbst zwei oder drei Beispiele von Herren anführt, die wegen ihrer Barbarei gegen Leibeigene bestraft wurden. Aber selten und fast unmöglich blieb es, daß die kaiserliche Gerechtigkeit in die fernsten Schlupfwinkel der Tyrannei eindrang, und die Rechte, welche das Gesetz den Besitzern bewahrt hatte, die Ausübung der Polizei namentlich, die Besteuerung nach Willkür und dergleichen mehr, erreichten fast die unbeschränkteste Gewalt. Eine Art Munizipalorganisation verlieh Katharina den Leibeigenen in Gestalt der Institution der Starosten oder Ältesten, die durch sie selbst und aus ihren Leidensgenossen erwählt wurden, um unter sich zum Rechten zu sehen und die innere Polizei zu handhaben. Weiterzugehen vermochte die Kaiserin nicht, denn als auf der gesetzentwerfenden Versammlung nur die Rede davon war, es den Leibeigenen leichter zu machen, sich die Freiheit zu erwerben, erklärten die Russen laut, daß ihre Dolche den ereilen würden, der es wagen sollte, in dieser Versammlung die Freigebung der Sklaven vorzuschlagen. Stolz und Geiz des Adels besiegten so den Wunsch der Herrscherin, das Los ihrer elendesten Untertanen zu erleichtern. Wenn auch ein Teil der schweren Verantwortlichkeit für das Elend der Bauern auf der Kaiserin lastet, wird man doch nicht leugnen dürfen, daß diese Verantwortlichkeit durch das in den höheren Ständen der russischen Gesellschaft herrschende Rechtsbewußtsein sehr wesentlich eingeschränkt wird. Die Haltung der Konservativen war für die Kaiserin eine Lebensfrage, andererseits aber die Bauernemanzipation ein gefährliches Ding, dessen Tragweite kaum abzusehen war. Denn wer konnte wissen, ob die Leidenschaft der Volksmassen mit dem ihnen zu bewilligenden Maß von Freiheit und Grundeigentum sowie mit der Zeitdauer bei allmählich durchzuführenden Reformen sich begnügen werde? Katharina sah diese Gefahr voraus und schlug einen Mittelweg ein, dessen theoretisch liberaler Färbung ein gewisses ethisches Moment nicht abzusprechen ist, wenn die Bemühungen der Kaiserin auch schließlich erst in einem späteren Jahrhundert Frucht tragen sollten. Auf der anderen Seite aber warf Katharina in die östlichen Teile ihres Staates Tausende von Sklaven, Sandkörnern gleich, als Opfer für ihren Stolz und ihre politischen Anschauungen, doch dachte sie daran, dieselben durch freie Ansiedler zu ersetzen, und zog in dieser Absicht mit ungeheuren Kosten aus allen Teilen Europas Unglückliche herbei, die an den wüsten Ufern der Wolga verkamen. Sie gründete Kolonien und Städte, deren Namen pomphaft auf den Karten ihres Reiches prangten, die aber kaum eine längere Dauer hatten, als die ephemeren Bevölkerungen, die Potiomkin während des Triumphzuges nach Taurien an den Dnjepr verpflanzt hatte. Es wurde bereits in einer Anmerkung über den Städtebau erwähnt, auf welche Weise die wohlmeinenden Absichten der Kaiserin vereitelt wurden. Dreimalhunderttausend Seelen, meist deutscher Nation, kamen so nach Rußland, aber zehn Jahre später waren kaum noch dreißigtausend beiderlei Geschlechts vorhanden, die in der Umgegend von Saratow, Kiew und Czaritzyn lebten. In den von den Russen während der Regierung Katharinas eroberten Ländern war der Verlust an Menschenleben kaum abzuschätzen, und die Bevölkerung derselben war oft um mehr als die Hälfte vermindert. So hatte die Krim früher einmalhundertundzwanzigtausend Einwohner gezählt, besaß aber bei dem Tode der Kaiserin nur noch dreißigtausend.

Unzweifelhaft in der Tiefe ihres Herzens ohne alle Religion, heuchelte Katharina doch eine tiefe Ehrfurcht für die orthodoxe griechische Kirche, machte aber nichtsdestoweniger der Unterdrückung derselben in der Wiederherstellung der Patriarchenwürde kein Ende. Sie fühlte sich im Besitz des Präsidiums der Synode wohl, welcher Peter der Große die volle Autorität des gänzlich unterdrückten Patriarchats übertragen hatte. Die unermeßlichen Reichtümer, welche die regulierte Geistlichkeit besessen hatte, verschmolz die Kaiserin mit der Krone, und die Erzbischöfe und Bischöfe mußten sich mit einem jährlichen Gehalt und bestimmten Privilegien begnügen. Das leichtfertige und selbst lasterhafte Benehmen dieses Patriarchen im Unterrock, und das Spiel, welches er mit den Gebräuchen der Religion trieb, konnten nicht verfehlen, viele rechtgläubige Russen an der Heiligkeit des Patriarchats irrezumachen. Auch die Geistlichkeit selbst gab sich allen möglichen Ausschweifungen und Lastern hin und vergrößerte, mehr auf die äußeren Zeremonien, die Gesänge der Litanei, das Schlagen des Kreuzeszeichens, die Fasten, Kniebeugungen, Bußen und dergleichen, als auf die geheiligten Dogmen sehend, die Zahl der Sekten Rußlands, deren es, wie Katharina im »Antidote« selbst angibt, mehr als fünfzig geben soll.

Teils Ursache, teils Rückwirkung dieser geringen religiösen Ausbildung war der in Rußland herrschende bedauernswerte Zustand der Erziehung. Katharina sind in dieser Beziehung schöne Institutionen zu verdanken, aber sie waren nicht durchgreifend und nur für besondere Objekte bestimmt. Sie richtete zwar Kollegien, die Universitäten entsprechen sollten, und Gymnasien in verschiedenen Städten ein, aber in so kleiner Anzahl, daß ihre Wirksamkeit in dem ungeheuren Reiche gleich Null war. Auch gab es zu wenig gebildete Lehrer, vielmehr war die große Mehrzahl derselben selbst so unwissend, daß sie völlig unfähig zum Unterrichten waren. Der zahlreichen Masse des Volkes war das Wissen ganz verschlossen. Der Adel und selbst die niedere Geistlichkeit vermochten nicht einmal in ihrer Muttersprache das Evangelium zu lesen. Die Erziehung der Edelleute, wenn man die dem Hofe nahestehenden Großen ausschließt, zeichnete sich wenig vor der großen Masse des Volkes aus. Gewöhnlich nahmen sie ohne Prüfung irgendeinen Fremden, der bei ihren Kindern die Funktionen zu verrichten hatte, die über die wichtigsten Dinge ihres Lebens entscheiden sollten. Oft lag diesem verantwortungsschweren Amt nichts ferner als die Beschäftigung, die der neue »outschitel« in seinem Vaterlande ausübte. Das kümmerte aber wenig; genoß er auch keine wirklich geachtete Stellung, war er nur der erste Sklave im Hause seines Herrn, so erhielt er doch ein beträchtliches Gehalt, aß an der Tafel seiner Zöglinge und genügte seiner Pflicht, wenn er diesen einige Worte einer fremden Sprache, die Kunst des Lesens, die Aufzählung einiger wissenschaftlicher Werke und oberflächlicher historischer Tatsachen beibrachte. Die Regierungszeit Katharinas ist voll pikanter Anekdoten von Friseuren, Köchen, Lakaien und noch schlimmeren Personen, denen die Erziehung russischer Großer anvertraut war. Meist waren es Franzosen, und daher schrieb sich die Vorliebe, die am russischen Hof für Frankreich, seine Sitten und Künste herrschte; daher der Umstand, daß selbst die unterrichteten Russen besser in der französischen Sprache und Geschichte zu Hause waren, als in der ihres eigenen Vaterlandes. Sah man am Hofe Katharinas einen Russen lesen, so konnte man gewiß sein, daß es ein frivoler französischer oder ein englischer, ins Französische übersetzter Roman war. In dieser mangelhaften Grundlage wurzelte denn auch der erstaunenswerte Aberglaube, der den russischen Adel bis in die höchsten Schichten beherrschte, und merkwürdig ist es, daß Katharina selbst, die so viel Mut und hellen Verstand bewiesen hatte, mit zunehmendem Alter auch diesem Aberglauben verfiel und in ihren letzten Lebensjahren von finsteren Ahnungen gepeinigt wurde. An eine Weissagung glaubend, daß im Jahre 1796 eine hohe Person sterben würde, die einflußreich auf ihren Weltteil gewirkt, hielt sie sich selbst für bedroht. Man weiß ferner, daß ein Phänomen, welches eines Tages, als sie ein von dem Generalprokurator des Senates veranstaltetes Fest besuchte, am Himmel sichtbar war, ihre Furcht so vermehrte, daß sie seitdem unaufhörlich von dieser doch ganz natürlichen Erscheinung sprach und ihren Schreck nicht verbergen konnte. Die Sitten der vornehmen Russen aus der Zeit Katharinas konnten äußerlich wenig von denen anderer, geschliffenerer Nationen unterschieden werden, aber alles war eben nur äußerlich, ein Beweis der Biegsamkeit ihrer Geistes und des Nachahmungstalentes, welches ein charakteristischer Zug ihrer Nationalität ist. Unter der glänzenden Außenseite strotzte es von Unsauberkeit, und aus den Augen der feingebildeten Kaiserin vom Hof auf ihre Güter zurückgekehrt, wandten sie sich wieder ihren nationalen Sitten und gemeinen Gewohnheiten zu. In Petersburg das europäische Gesellschaftsleben nachahmend, lebten die Besitzer ungeheurer Vermögen in russischer Pracht, das heißt einem halbasiatischen Luxus. In Moskau, der russischen Stadt par excellence, unterhielten sie eine Schar von Dienern, einen Tisch, an dem ein Heer von Parasiten lungerte, und der für jeden Freien gedeckt dastand, reich besetzt war mit den kostbarsten Schüsseln und den groben Gerichten ihres nationalen Geschmacks. Die dort herrschende Sitte überstieg auch ohne das vom Hof gegebene Beispiel die Verderbnis, welche Rom in den Tagen seiner Entwürdigung darbot, und welche in dem schamlosesten Treiben neuerer Zeiten zu finden war. Laster aller Art herrschten vor, denn weder Gerechtigkeit, Gewissen oder Ehre legten ihren Leidenschaften einen Zwang auf. Allgemeine Menschenverachtung, Kriechen vor Mächtigeren, Bedrücken der Niederen, insolenter Stolz, Schamlosigkeit, Mangel jeden Sinnes für das öffentliche Wohl und selbst Vaterlandsliebe, Spielsucht und Lust am Verschwenden, Hang zum Diebstahl, rohe Sinnlichkeit waren die Eigenschaften, die die Männer nicht weniger als die Frauen auszeichneten. Letztere überließen sich ihren Leibeigenen, und ihre Wahl wurde nur durch eine kräftige Konstitution und die Laune ihres Geschmacks bestimmt. Mädchen von zwölf und dreizehn Jahren feierten schon Orgien.

Ein anderes Verhältnis herrschte in den Kreisen, die unmittelbar unter den Augen des Hofes lebten. Waren Treue und Enthaltsamkeit, Ehrlichkeit und Offenheit auch hier nicht die Tugenden, die glänzten, so hatten doch feinere Sitten den Adel gehoben, und die Frauen – eine Folge des Geschlechtes der Herrscherin – übertrafen die Männer bedeutend. Sie waren sanft, liebenswürdig, oft wahrhaft unterrichtet, gemeiniglich schön, wohingegen bei näherer Bekanntschaft die Männer sich aller Eigenschaften entblößt zeigten, die sie liebenswürdig machen können. Die Künste, durch Luxusgegenstände ermutigt, waren zu einem Bedürfnis der Gesellschaft geworden und wirkten, durch Fremde ausgeübt, vorteilhaft auf diese zurück. Trotzdem bot Petersburg unter Katharina mehr als je den Kontrast zwischen Zivilisation und Barbarei. An diesem nordischen Hofe, unter dem Einfluß eines eisigen Klimas, wollte man den Glanz des Orients mit dem graziösen Luxus des Versailler Hofes verbinden. Man erheuchelte Geschmack, übertrieb aber die Gebräuche des modernen Athen. Man erschöpfte sich in Prahlereien, und die Verschwendung in der Schwelgerei glich der, die von der Geschichte aus den Tagen der römischen Kaiser bewahrt wird. Diese Verderbnis stieg, ohne die sie verhüllenden feineren Sitten, in die niederen Kreise der Hauptstadt hinunter und verbreitete sich im Lande.

Das war der berühmte Hof Katharinas II., deren Regierung durch beispiellose Usurpationen und maßlose Ausgaben Nach einer Berechnung, die Castéra schätzungsweise anstellt (Bd. II, S. 253-57), beliefen sich allein die Ausgaben für Katharinas Günstlinge auf 88 820 000 Rubel. ebenso gerühmt und gepriesen wurde, wie er vielleicht zerstörend für das russische Volk, ja für Europa gewesen ist. Dies war der gefeierte Hof, äußerlich geglättet, anscheinend glücklich und glänzend, aber doch nur zu vergleichen mit dem berüchtigten Eispalast, der an den unfruchtbaren Ufern der traurigen Newa als grausamer Czarenscherz zur Vermählungsfeier für den unglücklichen, zum Hofnarren erniedrigten Fürsten Golitzyn errichtet war. Wie aber dachte Katharina, welche sterbend Rußland zwei schreckliche Zuchtruten, den Krieg und den Staatsbankrott, zu hinterlassen schien, selbst über diese ihre Regierung? Sie fühlte nur das Glänzende derselben und war verblendet und überrascht durch ihr eigenes Genie, sie sprach von ihrer Person mit derselben Bewunderung, wie ihre Schmeichler, nur mit dem Unterschiede, daß sie von dem, was sie darüber sagte, überzeugt war. Auf dieses Bewußtsein und ihre weibliche Eitelkeit gründete sich der Zorn und die Rachsucht, die Frankreich und seinem Minister Choiseul nie vergeben konnten, daß man ihr den Titel »Kaiserin« verweigert hatte. Dieser Titel war Elisabeth und ihrem Nachfolger nur gegen die Ausstellung von Reversalien bewilligt, die versicherten, daß dieser Titel nichts an dem bisher bestandenen Zeremoniell ändern sollte. Ein solches Reversal auszustellen, verletzte den Stolz Katharinas, und daher rührte Choiseuls Weigerung ihrer Anerkennung. Nach einem bitteren Notenwechsel gab die Kaiserin ein für allemal eine Erklärung ab, die dem Sinn des Reversals entsprach und für ewig gelten sollte, die aber nicht verhinderte, daß in kurzem und wiederholt Zwiste über den Vortritt zwischen dem russischen und französischen Gesandten entstanden. Um diese Zwiste fernerhin unmöglich zu machen, sandte Katharina dorthin, wo Frankreich einen Ambassadeur hatte, fortan nur einen Ministerresidenten.

Um das Bild der mächtigen Kaiserin zu vollenden, bleibt nun nichts mehr übrig, als einige wenige Worte über sie als Frau anzuführen. Katharina war in ihrer Jugend schön gewesen und behielt auch noch bis in ihre letzte Lebenszeit hinein Anmut und Majestät der Erscheinung bei. Sie war eher klein, als hoch gewachsen, aber von ausgezeichneter Proportion, und da sie sich jederzeit sehr gerade hielt und den Kopf in die Höhe gehoben trug, machte sie fast den Eindruck einer großen Gestalt. Ihre Stirn war hoch und offen, ihre Nase etwas gebogen, ihr Mund anmutig, aber ihr Kinn war ein wenig hervorstechend, ohne jedoch darum entstellend zu werden. Ihr Haar war von glänzend brauner Farbe, die Augenbrauen dunkel, stark und hoch gewölbt. Ihre lichtgrauen, mitunter ins Blaue schimmernden Augen strahlten oft von affektierter Milde, verrieten aber noch öfter ungebändigten Stolz und selbst Falschheit. Die markierten Züge und eine gewisse Falte an der Nasenwurzel im Verein mit dem etwas groben und harten Unterteil des Gesichts verliehen ihrem Ausdruck etwas Finsteres, ohne jedoch darum zu verraten, was in ihrer Seele vorging, ein Zug, den sie im Gegenteil kannte und geschickt dazu benutzte, um ihre Gefühle zu verbergen. Ihre Bewegungen und ihr ganzes Wesen zeugten namentlich in unbewachten Augenblicken von Wollust und Sinnlichkeit.

Zwei vorzugsweise berühmte Bilder haben ihre Züge der Nachwelt erhalten. Das erste, das wir bereits erwähnten, zeigt sie in der Zeit ihrer Thronbesteigung, im Alter von dreiunddreißig Jahren, in der Uniform der Gardeinfanterie, geschmückt mit dem blauen Bande des Andreasordens, auf dem Hute einen Eichenzweig, die Haare fliegend, mit einer einfachen Schleife und auf einem weißgrauen Tigerhengste reitend. Das andere durch den berühmten Maler Lampi, einige Zeit vor ihrem Tode angefertigt, ist zwar von großer Ähnlichkeit, aber etwas geschmeichelt. Als nämlich Katharina merkte, daß die unglückliche Falte, die ihre Physiognomie so charakteristisch machte, auf diesem Bilde nicht vergessen war, war sie sehr unzufrieden und behauptete, Lampi habe ihr eine zu strenge und böse Miene gegeben. Der Maler mußte sich dem kaiserlichen Willen beugen, das Bild retouschieren und verdarb es, da es jetzt einer jungen Nymphe gleicht.

Katharina trug gewöhnlich russische Tracht, die sie trefflich kleidete: eine kurze grüne Robe, welche nach vorn zu eine Art Weste bildete, und deren enge Ärmel bis zur Handwurzel hinunterreichten. Ihr leicht gepudertes Haar ließ sie auf die Schulter hin abfallen und schmückte es mit der kleinen, vorn auf dem Haupte wie ein anschließender Halbmond aufrecht stehenden Mütze, die ihre Größe scheinbar vermehrte. Diese Mütze war stets mit Brillanten besät. In den letzten Jahren ihres Lebens bediente sie sich vieler Schminke und suchte auf jede Art die Spuren des Alters auf ihrem Antlitz zu verwischen. Sie wollte immer jung erscheinen, und dies war wahrscheinlich der Grund, warum die sonst so ausschweifende Frau eine mäßige und geregelte Diät beobachtete. Sie frühstückte leicht, aß sparsam zu Mittag und nie zu Abend. Als sie in den Zeitungen las, daß sie, mit der Wassersucht behaftet, nicht mehr lange leben könne, gab sie sich wohl äußerlich den Anschein, als lache sie darüber, innerlich aber beunruhigte sie sich sehr.

An Zeremonientagen vereinigte sie in ihrer Person wie an ihrem Hofe alles, was europäischer Geschmack asiatischem Glanz hinzuzufügen imstande war. Ihr Haar wie ihre Kleidung waren dann mit Brillanten übersät, ihr Haupt mit einer Krone von unschätzbarem Werte geschmückt, und sie zeigte sich nicht allein mit blitzenden Diamantsternen, sondern trug dazu alle Bänder ihrer großen Orden.

Königlich wie ihre Art zu leben, war auch ihre letztwillige Verfügung, die sie für den Fall ihres Todes im Jahre 1792 niederschrieb:

»Falls ich in Czarskoje Selo sterben sollte, so legt mich auf dem städtischen Friedhof in Sofia zu Grabe.

Falls – – in der Stadt St. Peters – – im Newskij-Kloster in der Kathedrale oder Bestattungskirche.

Falls – – in Pella, so bringt mich auf dem Wasserwege nach dem Newskij-Kloster.

Falls – – in Moskau – – im Donskoj-Kloster oder auf dem nahen städtischen Friedhof.

Falls – – in Peterhof – – im Sergijew-Kloster.

Falls – – an einem anderen Ort – – auf einem nahen Friedhof.

Den Sarg sollen Garden zu Pferde tragen und niemand anders.

Man soll meinen Leib bestatten in einem weißen Kleide, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, darauf soll mein Name stehen ...«

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