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Russische Frauen

Claude Anet: Russische Frauen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorClaude Anet
titleRussische Frauen
publisherVerlag C. Weller & Co.
printrun10.-12. Tausend
year1926
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070706
projectid08dd9bb9
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Sonja Grigorjewna

Ein Franzose, der in Rußland lebte, erzählte mir folgende Geschichte, die – wie man sehen wird – in diesen Betrachtungen über die russischen Frauen wohl ihren Platz verdient.

Ich kannte, so erzählte er, eine Schauspielerin, die in Petersburg außerordentlich beliebt war. Als ich ihr das erstemal begegnete, lebte sie mit einem gewissen Makarow, einem Mann zwischen dreißig und vierzig, einem wahren Riesen von Gestalt, der jene Art romantisch-wilder Schönheit besaß, wie sie auf viele Frauen eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt. Auch Sonja war ihr verfallen – Sonja Grigorjewna, so hieß sie. Seit mehr als zwei Jahren lebten sie miteinander und sie vertrugen sich recht schlecht. Wakarow war ein Spieler und Trinker und leistete sich so manchen Seitensprung. Sonja ihrerseits galt ebenfalls nicht als unnahbar. Heftige Szenen bildeten ein tägliches Ereignis und man erzählte sich, daß er ihr bei solchen Gelegenheiten selbst Handgreiflichkeiten nicht ersparte. Sie war eine zarte, elegante Frau, die selbst bei allen ihren Abenteuern einen gewissen Stolz und den guten Geschmack nie verletzte. – Doch alles dies wußte ich nur von Freunden, denn sie selbst sprach nie ein Wort über ihr häusliches Leben zu mir.

Sie gefiel mir ausnehmend, ich umwarb sie, oft begleitete ich sie ins Theater, wenn sie zu spielen hatte und manchmal soupierten wir gemeinsam, ehe ich sie zu ihrer Wohnung brachte. Eines Abends endlich, kurz nach dem Weihnachtsfest, nahm sie eine Einladung zu mir an und nach dem Abendessen gab sie sich mir mit einer entzückenden Selbstverständlichkeit. Gegen Mitternacht blickte sie auf ihre Uhr und eröffnete mir, daß sie nicht später als um ein Uhr zu Hause sein wolle. Es war eine eisige Nacht. Die behagliche Wärme des Bettes verlassen zu sollen, um mich in den Straßen dem kalten Winde auszusetzen, hatte wahrlich nichts Verlockendes. Aber ich konnte ja Sonja Grigorjewna nicht gegen ihren Willen bei mir behalten und nach allem Vorgefallenen war es schließlich meine Pflicht sie zu begleiten. So saßen wir denn im Schlitten. Die Straßen waren ausgestorben, denn die Kälte war wirklich unerträglich. Ganz durchfroren erreichten wir endlich auf der Fontanka nahe dem Newski jenes gewaltige Gebäude, das jeder Mensch kennt, den Tolstojhof, der mit zwei Fronten auf den Fontankanal und in die Dreifaltigkeitsstraße zu liegt. Ich glaube, er enthält mehr als zweihundert Wohnungen. Im zweiten Hof, vor dem Treppenaufgang der zu ihrer Wohnung führte, verabschiedete ich mich von Sonja Grigorjewna.

Allein geblieben, zögerte ich, in meine Wohnung zurückzukehren. Ich war halb erfroren und hatte das Bedürfnis nach etwas Alkohol, um mich zu erwärmen. Wie ich durch den ersten Hof ging, bemerkte ich im dritten Stock, in der Wohnung eines befreundeten grusinischen Fürsten, noch Licht. Ich ging hinauf und trat bei ihm ein. Es war eine zahlreiche Gesellschaft, die ich dort antraf; es wurde getrunken und gespielt. Auch ich fand bald eine Bridgepartie und spielte sehr lange mit meinem gewohnten Pech.

Endlich gegen drei Uhr nahm ich ermüdet Abschied.

Die Kälte hatte seit Mitternacht noch zugenommen. Der Alkohol im Thermometer mußte wohl schon unter dreißig Grad Réaumur gesunken sein. In der Toreinfahrt, auf der Fontanka, brannten Holzscheite in einem Kohlenbecken. Nahe dabei saß ein Dwomik auf seiner Bank, der in seinem enormen Pelzmantel kaum noch eine menschliche Gestalt verriet und reglos vor sich hinträumte.

Ich ging in der Richtung zum Newskiprospekt, um einen Schlitten zu finden. Der dunkle Himmel war von Sternen übersät. Der Wind schnitt mir ins Gesicht. Sie können sich denken, wie überrascht ich war, als ich unweit vor mir eine elegant gekleidete Dame gehen sah. »Zum Teufel«, sagte ich mir, »wie kommt die zu so später Stunde in einer so eisigen Nacht hierher?« Ich beeilte mich, sie zu überholen und wandte mich dann neugierig zurück, um sie zu betrachten. Ein günstiger Zufall wollte es, daß sie eben in diesem Augenblick an einer Straßenlaterne vorbeikam und ich erkannte – Sonja! Ihre Überraschung, als sie mich sah, war nicht geringer als meine und ich erriet sofort, daß ihr diese Begegnung alles eher als erwünscht war. »Ja, um Gottes willen, was treiben Sie hier?« rief ich, indem ich ihren Arm nahm.

Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort, gewiß überlegte sie, ob sie nicht böse werden und mich einfach fortschicken könne. Doch schließlich zuckte sie mit den Achseln und begann zu lachen. »Und Sie?« gab sie zurück, »Sie sind mir ja ein Feiner. Nur eine Frau genügt Ihnen also nicht für eine Nacht.« »Ich war noch eine Weile bei Tamamschew,« erwiderte ich, »habe Bridge gespielt, verloren, – doch das ist ja alles Nebensache. Aber Sie, Sonja Grigorjewna, erklären Sie mir doch, wieso ich Sie hier wieder treffe. Ich vermutete Sie schon längst in Ihrem warmen Bett. Haben Sie eine Szene zu Hause gehabt? Hat Makarow Sie nicht eingelassen?«

Und ich frug mich, nicht ohne ziemliche Unruhe, ob nicht gerade ich einen großen Teil der Schuld an den überraschenden Ereignissen, die sich abgespielt haben mochten, hätte und ob nicht ihr Besuch bei mir der eigentliche Grund dafür sei, daß ich Sonja jetzt, zu dieser Stunde, auf der Straße finden mußte.

Ich fühlte unter meiner Hand, wie der Arm der jungen Frau fröstelte. »Aber Sie holen sich ja den Tod in dieser Kälte,« sprach ich weiter, »kommen Sie, eilen wir zu mir nach Hause, es wird mir ein Vergnügen sein, Sie als meinen Gast aufzunehmen.« »Nein,« erwiderte sie, »das ist ausgeschlossen. Ich werde gleich in meine Wohnung zurückkehren, so wie es von vornherein meine Absicht war, es ist nicht das geringste vorgefallen, es ist mein vollkommen freier Wille, daß ich hier bin. Aber wenn es Sie nicht langweilt, leisten Sie mir noch eine Weile Gesellschaft.« »Aber Sie sind verrückt, liebe Freundin, reif fürs Irrenhaus. Dieser Kai wäre unser sicheres Grab. Gehen Sie nach Hause oder kommen Sie mit mir.«

»Nein, nein,« entgegnete sie hartnäckig. »Ich kann noch nicht heimkehren, ich muß noch eine Weile warten.«

In ihrer Stimme lag ein so fremdartiger Klang, daß ich voll Neugierde ein Geheimnis fühlte, das sie mir verbarg. Was konnte es wohl sein, wodurch eine so zarte, elegante Frau veranlaßt wurde, um drei Uhr morgens in einer der kältesten Nächte auf der Straße vor ihrem Hause umherzugehen? Und ich wollte sofort die Lösung dieses Rätsels erfahren.

In diesem Augenblick fuhr uns ein heftiger Windstoß entgegen und hüllte uns in eine Wolke von Schnee und Eis. Die Kälte drang uns bis ins Mark unserer Knochen.

»Sonja Grigorjewna,« begann ich nochmals mit Entschiedenheit, »ich erlaube unter keinen Umständen, daß Sie hierbleiben. Gehen wir, wohin immer Sie wollen, aber wir müssen ein Dach über unserm Kopf haben. Gibt es denn gar kein Kaffeehaus in der Nähe, das noch offen wäre?« »Alle sind schon geschlossen,« erwiderte sie, endlich nachgebend. »Aber gut, gehen wir zu Ihnen, doch der Schlitten muß warten, denn ich will um vier Uhr zu Hause sein.«

Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, gingen wir dem Newskiprospekt zu. Als wir in der Nähe der Brücke angelangt waren, kam uns ein Schlitten entgegen. Hinter dem Kutscher saß ein Mann, in seinen Pelz gehüllt, dessen aufgestellter Kragen fast bis zu den Augen und bis zu dem Rand seiner Pelzkappe reichte, die er tief über die Ohren gezogen und in die Stirn gedrückt hatte.

Sonja Grigorjewna stieß einen leisen Schrei aus, blieb augenblicklich stehen und folgte mit ihrem Blick diesem Schlitten, der vor dem Tolstojhof stehen blieb. »Nun,« mahnte ich schon sehr ungeduldig, »kommen Sie doch weiter.« »Nein,« gab sie zurück, »jetzt ist es nicht mehr nötig.«

Und sie ließ ihre Augen nicht von dem Schlitten, der etwa hundert Schritte weit von uns stand und aus dem der Fahrgast eben entstieg, um, nachdem er den Kutscher entlohnt hatte, ins Haustor einzutreten. Jetzt wandte Sonja sich wieder zu mir. »Ich gehe nun nicht mehr mit Ihnen, aber ich werde niemals vergessen, wie lieb Sie diese Nacht zu mir waren und ich komme ein anderes Mal, – wenn Sie mich noch mögen.«

Und ihr Gesicht, das erschreckend bleich war, lächelte mir zu. »Und jetzt schenken Sie mir bloß noch ein paar Minuten,« fügte sie hinzu und entnahm im Lichte einer Straßenlaterne ihrem Handtäschchen die Puderbüchse und einen kleinen Wandspiegel, den sie mir hinhielt. »Möchten Sie nicht eine Weile den Spiegel halten?« frug sie neckisch. Und sie begann, im matten Scheine der Straßenlaterne, mit ihren kleinen Füßen im Schnee versinkend, gegen den eisigen Wind nur notdürftig durch meinen Körper geschützt, sorgfältig ein wenig Rot auf ihre Wangen aufzulegen, Lippen und Augenbrauen mit den Stiften nachzuziehen und schließlich einen Hauch von Puder auf Stirn und Nase zu tupfen.

»Ist's gut so?« frug sie, kokett zu mir aufblickend, als diese feierliche Handlung endlich beendet war.

Ich war außer mir. Stellen Sie sich vor, wie ich da gegen vier Uhr morgens auf dem ungeschützten Kai der Fontanka stehen muß, um bei sibirischer Kälte dieser ganz verrückten Person zuzusehen, wie sie mit größter Gemütsruhe ihre Toilette beendet! Und überdies verstand ich doch von alledem nicht das geringste.

»Ich verlasse Sie nicht früher, bevor Sie mir nicht endlich erklärt haben, was diese ganze Geschichte eigentlich bedeuten soll.« Mein Ton war begreiflicherweise schon ziemlich unliebenswürdig.

»Aber nicht heute,« erwiderte sie lächelnd und ihre Hand strich mit leichter Zärtlichkeit über meine Wange. »Ein anderes Mal vielleicht – wer weiß...«

Und schon war sie davongehuscht. Ich eilte nach Hause und verwünschte heftig die unverständlichen Launen der russischen Frauen. – – –

Lange mußte ich nicht warten, um meine Neugier zu befriedigen. Es war eine sonderbare Tatsache, daß ich durch diese unerwartete Begegnung ein noch viel größeres Interesse für Sonja Grigorjewna gewonnen hatte. Wirklich reizen mich gerade solche Menschen, die nicht gleich auf den ersten Blick alle ihre Geheimnisse entschleiern. Hätte ich Sonja damals auf der Fontanka nicht unter so merkwürdigen Umständen nochmals getroffen, ich weiß nicht, ob ich später noch an sie gedacht hätte. So aber ließ es mir keine Ruhe, ich mußte ihre Geschichte kennen lernen. Ich machte ihr noch stärker als vorher den Hof und mit Erfolg, denn wenige Wochen nach diesem Erlebnis hatte sie die Wohnung Makarows verlassen, um in die meine einzuziehen. Ich will das Leben, das wir einige Monate zu zweit führten, mit Stillschweigen übergehen. Es war oft sonderbar, aber obwohl es einen ziemlich heftigen Abschluß fand, hinterließ es mir doch nur angenehme Erinnerungen.

Doch lassen Sie mich Ihnen weiter erzählen, da Sie sich nun einmal für das Seelenleben der russischen Frau zu interessieren scheinen, welches Geheimnis es war, das hinter jenem nächtlichen Spaziergang Sonja Grigorjewnas ruhte.

Sie selbst erzählte mir später einmal alles. Wahrscheinlich, weil auch sie, wie fast alle russischen Frauen, dem Verlangen nicht widerstehen konnte, von ihrer Vergangenheit zu sprechen und – teuflische Geisterbeschwörer, die sie sind – in den Armen ihres Geliebten die Geister aller seiner Vorgänger zu beschwören.

»Schon lange, bevor ich dich kannte,« gestand sie mir, »liebte ich Wakarow nicht mehr. Ich wußte, daß er mich betrog und es war mir gleichgültig. Ich meinerseits verheimlichte ihm nicht meine Untreue. Doch er tat so, als würde er meinen Abenteuern gar keine Bedeutung beimessen. Aber trotzdem war ich davon überzeugt, daß er nicht an sie glaubte. Er redete sich ein, daß ich ihn immer noch liebe und daß ich bloß aus Freude daran, ihn wütend zu machen, diese Lügen von allerlei Abenteuern ersann. Er hielt sich für unwiderstehlich, und daß ein Mann, wie er, nicht vergöttert werden sollte, kam ihm gar nicht in den Sinn. Noch so genaue Einzelheiten, die ich ihm erzählte, fanden keinen Glauben. Anfangs war ich darüber wütend. Dann später kam ich zu einer anderen Auffassung. – Wenn er meine Liebe als so selbstverständlich voraussetzt – überlegte ich – liegt der Grund vielleicht darin, daß er selbst mich im Innern wirklich noch liebt. Wenn es auch keinem Zweifel unterliegt, daß er gelegentliche Liebschaften nicht verschmäht, er kehrt doch immer wieder zu mir zurück. Mit mir lebt er gemeinsam, mich will er in der Wohnung finden, wenn er heimkommt. –

Und von da ab beschäftigte mich nur noch ein Gedanke, wie konnte ich mir die Überzeugung verschaffen, ob er mich noch liebte oder nicht!

In einem Punkt war er sehr empfindlich: er hielt unbedingt darauf, daß ich da war, wenn es ihm gefiel nach Hause zu kommen. Dabei mußt du wissen, daß wir selten beisammen waren ohne zu streiten. Natürlich hatte er hundert Argumente, um seinen Wunsch zu begründen. Der Samowar mußte vorbereitet sein, die Öfen gut geheizt und dergleichen mehr. – Nun, ich trachtete natürlich, soweit es irgend möglich war, zu der Stunde, zu der er zurückzukommen pflegte und besonders abends meine Zeit so einzuteilen, daß ich nicht vor ihm zu Hause war. Ich malte es mir aus, wie Wakarow mich in allen Zimmern suchte und schließlich wutentbrannt einige Möbel zerschlug ...«

Bei der Erinnerung an die Marter, denen sie ihren Freund ausgesetzt, funkelten Sonjas Augen vor Vergnügen. »An jenem Tag,« fuhr sie fort, »da ich zum ersten Wale bei dir war, hatte mir Makarow beim Fortgehen gesagt, er werde um Mitternacht nach Hause kommen und wolle etwas essen, bevor er zu arbeiten beginne. Du wirst dich erinnern, daß es mir sehr wichtig war, nicht vor ein Uhr heimzugehen. Aber du kannst dir meine Wut vorstellen, als ich in unsere Wohnung kam und er noch nicht da war. Ich zögerte keinen Augenblick und ging wieder fort ...«

»Und so bist du zwei Stunden vor dem Haus auf und ab gegangen, hast in der eisigen Nacht eine Lungenentzündung riskiert – einzig und allein, um eine lächerliche Genugtuung zu genießen, wenn du an die Enttäuschung Wakarows bei seiner Rückkehr dachtest... Aber, das ist doch kindisch, liebste Sonja!«

Sie blickte mich verständnislos, erstaunt an.

»Du bist ein Franzose ...«

Achselzuckend fielen diese Worte, nichts fügte sie hinzu, als würde damit auf den Abgrund, der uns trennte, genügend hingewiesen sein.

Aber ich wurde ärgerlich.

»Trotzdem verstehe ich manches besser als du meinst. Und vor allem sehe ich, daß du ihn immer noch liebtest, obwohl du es dir selbst nicht eingestehen wolltest. Und sicher liebte auch er dich. Und beide habt ihr voreinander Verstecken gespielt. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich jemals Leute sah, die solches Spiel mit einem derartigen Einsatz spielten. Du weißt doch, daß du damals nachts auf der Fontanka dein Leben riskiertest!«

Sie entgegnete nichts. Ein langes Schweigen entstand.

»Und als du dann heimgingest,« unterbrach ich endlich die Stille, »was geschah dann? – Da hast du wohl deine Szene gehabt, die Szene, die du erwartet hattest, die du provozieren wolltest, ohne die du scheinbar ebensowenig den Tag beschließen und ruhig schlafen konntest, wie ein Morphinist ohne seine Injektion?«

Sonja schmunzelte.

»Nein,« begann sie wieder zu sprechen, es gab nicht die geringste Szene, und der Schluß meiner Geschichte ist ein ganz anderer. Da dich solche Verrücktheiten zu interessieren scheinen, will ich ihn dir erzählen. – Du erinnerst dich, daß ich damals etwa zehn Minuten nach Wakarow nach Hause kam. Nun, ich leg' dir eins zu hundert, daß du niemals erraten wirst, wie ich ihn gefunden habe... Die Wohnung war finster, nicht in einem einzigen Zimmer brannte Licht. Makarow lag schon im Bett und er schlief mit geballten Fäusten. Er schlief! – Na, du kannst dir denken, daß ich nicht so dumm war ihm aufzusitzen. Er machte, als wenn er schlafen würde! Er wollte mich dadurch fühlen lassen, wie vollkommen gleichgültig es ihm sei, ob ich da war oder nicht, wie und wo ich meine Nächte zubringe, wenn nur sein Schlaf nicht gestört würde ... Ich aber konnte ein Lachen nicht zurückhalten, wenn ich daran dachte, in welcher fieberhaften Eile er sich ausgezogen haben mußte, ohne selbst seine gewohnte letzte Zigarette zu rauchen – nur, um schon schlafend zu scheinen, wenn ich zufällig knapp nach ihm kommen sollte. Und ich dachte über diesen Schwindel, den er mir vormachte, nach. Er wollte sich um jeden Preis den Anschein der Gleichgültigkeit geben – also war er es in Wahrheit durchaus nicht. Jetzt sah ich klar und jetzt wußte ich die Wahrheit: er liebte mich immer noch. O, ich kann dir nicht sagen, wie glücklich ich in diesem Augenblicke war. Alle Leiden, die die Kälte mir in den furchtbaren zwei Stunden des Wartens verursacht hatte, waren reichlich belohnt ... Und siehst du, trotzdem du nie eine Russin wirst begreifen können, vielleicht hattest du in dem, was du vorhin sagtest, nicht so ganz unrecht. – Bis zu jenem Tage, da ich mir endlich die Sicherheit verschaffte, in der Zeit, da ich noch an ihm zweifelte, da liebte ich ihn noch. Aber von dem Augenblicke an, da ich den Beweis seiner Gefühle hatte, verlor ich jedes Interesse an ihm. Er war jetzt einfach Luft für mich und ich konnte gar nicht begreifen, wieso ich mit diesem brutalen Menschen so lange hatte beisammen bleiben können ... Was dann weiter kam, das weißt du ja und den Beweis für die Wahrheit meiner Worte, den hast du vor Augen, denn sonst wäre ich jetzt nicht bei dir.«

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