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Russische Frauen

Claude Anet: Russische Frauen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorClaude Anet
titleRussische Frauen
publisherVerlag C. Weller & Co.
printrun10.-12. Tausend
year1926
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070706
projectid08dd9bb9
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Wera Alexandrowna

Ture Ekman, Chefredakteur einer einflußreichen Stockholmer Tageszeitung, hatte im Verlaufe des dritten Kriegsjahres den Wunsch, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, wie die Dinge in Rußland ständen und bemühte sich deshalb um eine Einreisebewilligung. Da seine Zeitung – in Schweden ein Ausnahmsfall – sich den Alliierten gegenüber stets wohlwollend verhalten hatte, erhielt er ohne Schwierigkeiten seinen Paß und traf Ende Dezember 1916 in der russischen Hauptstadt ein. Wohl fehlten ihm nicht mancherlei Beziehungen in den offiziellen Kreisen und in der Gesellschaft, aber er sprach nicht Russisch noch verstand er es und dies bereitete ihm große Verlegenheit, wenn er seinen Berufspflichten gewissenhaft nachkommen wollte. Er war nicht imstande, sich auf der Straße nach seinem richtigen Weg zu erkundigen, noch vermochte er den Debatten in der Duma zu folgen und auch die Nachrichten in den Petersburger Zeitungen mußte er sich immer Wort für Wort mühsam übersetzen. Besonders dieser letzte Umstand störte ihn, denn seit zwanzig Jahren war er gewohnt, des Morgens, bevor er sein Tagewerk begann, ein ganzes Dutzend Zeitungen schnell, aber mit geübtem Blick zu durchfliegen. Er klagte seinen Ärger einem in Petersburg ansässigen Freunde und bat ihn, ihm einen Sekretär zu besorgen. Um diese Zeit aber gab es wenig junge Leute in der Stadt und so schlug sein Freund ihm vor, ein kluges und gebildetes junges Mädchen für seine Arbeit zu verwenden.

»So haben Sie auch Gelegenheit«, meinte er, »das Beste im ganzen Zarenreiche, das russische Mädchen kennenzulernen. Und wenn Sie mit ihr plaudern, werden Sie für Ihre Zwecke viel mehr Material bekommen, als wenn Sie sich die ganze ›Nowoje Wremjao; vorlesen lassen.«

Ture Ekman nahm diesen Vorschlag an. Oft schon hatte er Frauen bei seiner Zeitung beschäftigt, und ihre Arbeit hatte ihn im allgemeinen befriedigt. Er war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, von behäbigen Gewohnheiten und einer blühenden Gesundheit, der sich ohne viel Erfolg gegen eine gewisse Wohlbeleibtheit, die mit dem Alter zunahm, verteidigte. Er war verheiratet, Familienvater, und des Abends, wenn er seine Geschäfte erledigt hatte, kehrte er ohne Umwege in seine Villa in einem Vorort Stockholms zurück, zog seine Hausschuhe an, entzündete eine Pfeife und las nach Tisch bei einem Glase Punsch seiner Frau und seiner älteren Tochter mit lauter Stimme aus einem geschichtlichen Werk oder – allerdings seltener – aus einem Roman vor. Er führte ein behagliches Leben, besaß ein eigenes Automobil und war, wenn er seine Freunde empfing, ein großzügiger Wirt.

Es waren keine achtundvierzig Stunden vergangen, als sein Freund wieder bei ihm erschien. »Ich habe etwas für Sie gefunden«, berichtete er nach den ersten Begrüßungsworten. »Es ist die Tochter eines hohen Beamten im Ministerium für Landwirtschaft, sie ist achtzehn Jahre alt und hat eben das Gymnasium verlassen. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, selbst ihr Taschengeld zu verdienen, obzwar ihre Verhältnisse sie durchaus nicht dazu nötigen. Nur eine Schwierigkeit besteht: sie kann kein Wort Schwedisch! Aber Französisch spricht das Mädchen geläufig und Sie sprechen es doch natürlich auch. Also werden Sie sich ohne Schwierigkeit mit ihr verständigen können. Sie heißt Wera Alexandrowna Orlowa. Ob sie klug und gebildet ist, das weiß ich allerdings nicht, aber sie ist bezaubernd, eine wahre Schönheit und dann... Wissen Sie, lieber Freund, diese russischen Mädchen haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit unseren. Sie haben so etwas Besonderes an sich, wie man es in keinem anderen Lande findet. Geben Sie nur acht, daß Sie sich nicht verlieben!«

Als er diese Warnung hörte, brach Ture Ekman in ein lautes Lachen aus. Der Gedanke, sich in seinem Alter in ein junges Mädchen zu verlieben, schien ihm der beste Scherz, den man machen konnte. Politik und Geschäft, das war sein Fall, da stellte er seinen Mann. Aber in Fragen des schönen Geschlechts, da erklärte er sich als nicht kompetent. Er hatte übrigens auch gar kein Interesse für sie. Er dachte an seine würdige Gattin, die fast im gleichen Alter war wie er selbst, an seine Tochter, die zwei Jahre älter war als seine zukünftige Sekretärin... »Schicken Sie diese Wera Alexandrowna nur ruhig zu mir, ich habe viel Arbeit, und wenn sie tüchtig ist, werden wir uns rasch verstehen. Wenn aber nicht, und wäre sie Venus in eigener Person, dann werden Sie sich doch nach einer anderen umschauen müssen.«

Am nächsten Morgen gegen elf Uhr meldete ihm der Portier durchs Zimmertelephon, daß eine Dame ihn zu sprechen wünsche.

Er wagte nicht recht, sie in seinem Zimmer zu empfangen, und ging deshalb in die Hall hinunter. Hier fand er sich einer Gestalt von mittlerer Größe gegenüber, die trotz eines großen Pelzmantels, in den sie eingehüllt war, die schlanke Linie ihrer Figur erraten ließ und der erste Eindruck, den er gewann, war der eines kultivierten Wesens. Sie stand vor dem Fenster, und er bemerkte zunächst nur die Umrisse ihres kleinen Kopfes und in einem edelgeschnittenen, bleichen Gesicht zwei auffallend große Augen von unbestimmter Farbe, die ihm prüfend und offen entgegenblickten. Mit einer Bewegung voll Natürlichkeit streckte sie ihm die Hand entgegen und weder Vertraulichkeit noch Schüchternheit lagen in dieser Geste. Eher war es Herr Ture Ekman, bei dem man in diesem Augenblick eine gewisse Verlegenheit hätte beobachten können, denn er wußte wirklich nicht recht, wie er sich dieser eleganten, jungen Dame gegenüber, die in seine Dienste treten wollte, zu benehmen habe.

Er entschuldigte sich, sie nicht in seinem Zimmer empfangen zu können und schlug vor, in den Lesesaal einzutreten. Hier war es aber so voll und lärmend von all den Menschen, die kamen und gingen, in den Zeitungen blätterten oder sich unterhielten, daß sie nur mit Mühe einen Platz fanden, wo sie sich niedersetzen konnten. An Arbeit war in so einem Gewimmel nicht zu denken.

Ekman wandte sein gutmütiges Gesicht eines ruhigen, gutgenährten Mannes dem jungen Mädchen zu und begann zu lachen. »Nun, was sollen wir tun, Wera Alexandrowna?« »Was Sie wünschen.«

Er zögerte einen Augenblick. »Wir müssen zu mir hinaufgehen. Sie sehen doch nichts Unpassendes darin?« »Und warum sollte ich?« gab das Mädchen zurück. »Nun gut. Gedulden Sie sich hier nur ein paar Augenblicke, vielleicht suchen Sie indes aus den letzten Nachrichten der ›Nowoje Wremja‹ das Interessanteste heraus, ich komm' sofort zurück.«

Er ging in sein Zimmer, um zu sehen, ob es schon aufgeräumt sei, ließ einen Wandschirm bringen, den er vor dem Bett ausstellte, eilte wieder hinunter, kaufte beim Portier einen ganzen Stoß Zeitungen und kam ganz erhitzt von so viel Tätigkeit zu dem jungen Mädchen zurück, um sie hinaufzuführen.

Im Zimmer legte sie ihren Hut und ihren Mantel ab und jetzt konnte auch er bemerken, daß sie wirklich ausgesprochen schön sei. Sie hatte kurzgeschnittene, braune Locken, ein ovales Gesicht, dessen etwas bleicher Teint sich oft in anmutiger Weise färbte, ihre großen, grauen Augen blickten unschuldig und träumerisch und der Kleine, feingezeichnete Mund ließ, sobald sie lächelte oder sprach, eine Reihe blendend weißer Zähnchen sehen. Die langen, schmalen Hände waren sorgfältig gepflegt. Der gute Ture Ekman war etwas verblüfft und er dachte bei sich: wie wird's bei dieser verwöhnten, jungen Dame wohl mit der Arbeit ausschauen? Er bereitete sich darauf vor, ihr Geduld und Nachsicht in großem Maße entgegenzubringen.

Indessen ließ er Wera Alexandrowna in einem bequemen Fauteuil Platz nehmen, suchte ihr die »Nowoje Wremja« heraus und setzte sich selbst mit einem Bleistift in der Hand und einem Blatt Papier vor sich, an den Tisch. »Nun, was gibt's Neues vom Krieg?« frug er.

Das junge Mädchen begann in der dicken Zeitung zu blättern und fand nicht ohne einige Schwierigkeit endlich die Meldung des großen Hauptquartiers. Sie begann zu übersetzen, aber vor den vielen technischen Ausdrücken, die in dem Bericht enthalten waren, stutzte sie, suchte krampfhaft nach den französischen Ausdrücken, und es kostete sie die größte Mühe, um all das Sperrfeuer und die vielen Schützengräben zu überwinden. Ihre Pausen wurden immer länger und schließlich blieb sie in den Stacheldrahtverhauen ganz und gar hilflos hängen. Die Anstrengungen, die sie machte, um wieder loszukommen, färbten ihre Wangen purpurn und Ture Ekman, der ihr zu Hilfe kommen wollte, erreichte nichts weiter, als sich nun ebenfalls darein zu verwickeln. Nach einer Viertelstunde hartnäckigster Arbeit waren sie beide erschöpft und vollkommen am Ende ihrer Kräfte und hatten von ihrem Arbeitspensum erst ein winziges Stück erledigt.

Wera Alexandrowna seufzte. »Ich hätte nicht gedacht, daß es gar so schwer sei,« sagte sie, »so gern wäre ich Ihnen nützlich gewesen, aber ich glaube, daß es mir niemals gelingen wird.«.

Ihr Bedauern war so anmutig und ihr Eifer so offenbar, daß das Herz des guten Schweden ganz gerührt wurde. Schließlich sei dies ebenso eine Fertigkeit, die man erlernen müsse, wie jede andere, sie dürfe nicht gleich verzagen, gewiß werde sie die Schwierigkeiten, denen man am Anfang immer begegne, bald überwinden. Er verwandte so viel Mühe darauf, sie zu beruhigen, daß sie sich endlich überzeugen ließ und sich an den Leitartikel, der von der äußeren Politik handelte, heranwagte. Aber auch hier fehlte ihr bald der französische Wortschatz, um die spitzfindigen Betrachtungen des offenbar sehr gelehrten Verfassers des Artikels zu übersetzen. Sie faltete die Zeitung zusammen.

»So kommen wir nicht weiter, Herr Ekman. Wie sollen wir's anfangen?«

Ihr reizender Lockenkopf sank nach vorne und ihr Gesicht in beide Hände stützend, begann sie mit einer so angestrengten, ernsten Miene nachzugrübeln, daß Ture Ekman sogar seinen Atem dämpfte, um sie nicht zu stören. »Ich glaub', ich hab's gefunden,« rief sie endlich, »ich werde die Zeitungen, ehe ich zu Ihnen komme, bei mir zu Hause lesen, die wichtigsten Neuigkeiten anstreichen und Worte, die ich nicht übersetzen kann, werde ich mir im Wörterbuch heraussuchen.«

»Oder Sie werden Ihren Vater fragen,« schaltete Ekman ein, »denn allein werden Sie vielleicht nicht zustandekommen.«

»Meinen Vater,« rief das junge Mädchen mit offenbarem Schrecken, »was fällt Ihnen ein! Der würde schöne Augen machen, wenn er erführe, daß ich arbeite, um ein wenig Geld zu verdienen. Nein, nein, daß muß zwischen uns ein streng behütetes Geheimnis bleiben, Herr Ture Ekman, und ich bitte Sie sehr, verraten Sie mich ja nicht.«

Sie war sichtlich erregt, und Ture Ekman bemühte sich nach besten Kräften sie zu beruhigen. Aber die Worte, die Wera Alexandrowna gesprochen hatte, erlaubten ihm wenigstens eine Frage zu stellen, die ihm schon lange auf der Zunge brannte, aber zu der er bisher nicht den richtigen Übergang gefunden hatte. Die Frage ihres Gehaltes. Sie wurde glühend rot und senkte die Augen zu Boden, sowie er dieses peinliche Thema berührte.

»Oh, ich weiß wohl, was ich für Sie tun kann, hat nicht den geringsten Wert.«

Der gutmütige Ekman unterbrach sie, um ihr zu erklären, daß sie gar keinen Grund habe so hoffnungslos zu sein, und daß er überzeugt sei, sie werde sich viel schneller einarbeiten, als sie ahne. Schließlich verdiene jede Arbeit ihren Lohn, besonders, wenn sie ihm ihre ganzen Vormittage widme. Wenn er ihr ein monatliches Gehalt bestimmen wollte, so würde es mit zweihundert Rubel gewiß nicht zu hoch bemessen sein, da er aber nicht wisse, wie lange sein Aufenthalt in Petersburg dauern werde, wolle er ihr zehn Rubel als tägliches Entgelt vorschlagen, wenn ihr dies ausreichend erscheine.

Als Wera Alexandrowna diesen Betrag nennen hörte, wurde sie sehr ernst. »Ich schäme mich wirklich, so viel Geld anzunehmen, aber leider brauche ich es gerade jetzt sehr nötig, und wenn Sie mir so viel geben wollen, wie Sie sagen, dann will ich Ihnen auch versprechen, mein möglichstes zu tun und Sie zufriedenzustellen.«

Damit endete ihre erste Begegnung, die in beiden einen zufriedenen Eindruck hinterließ und sie verabredeten eine neue Zusammenkunft für zehn Uhr vormittags des nächsten Tages.

Diesmal konnte Wera Alexandrowna tatsächlich große Fortschritte aufweisen. In den zwei Stunden, die sie im Hotel Europe tätig war, gelang es ihr beinahe fehlerlos eineinhalb Spalten der »Nowoje Wremja« zu übersetzen. Das war wirklich ein großer Erfolg und Ture Ekman nahm an ihrer Freude darüber herzlich Anteil.

Trotzdem brauchte ein Mann, wie Ture Ekman, der zu arbeiten gewohnt war, nicht lang zu überlegen, um einzusehen, daß Wera Alexandrowna, vom rein beruflichen Standpunkte betrachtet, ihm nicht viel helfen könne. Da er sie indes reizend fand und auch nicht das Herz hatte, sie zu verletzen, ließ er es dabei bewenden und setzte die gemeinsame Tätigkeit fort. Immerhin war es eine große Erleichterung für ihn, als ein anderer seiner Freunde ihm einen sehr gewandten jungen Mann empfahl, der Mitarbeiter der »Birgevie Wjedomosti« war. Er vereinbarte mit diesem, daß er täglich mit ihm speise und erfuhr auf diese Weise während des Mittagessens sämtliche Neuigkeiten, die für ihn von Wichtigkeit waren.

Wera Alexandrowna aber fuhr fort, am Vormittag bei ihm zu arbeiten. Sie kam meist mit einiger Verspätung gegen halb elf mit der »Nowoje Wremja«, als einziger Zeitung in ihrer Tasche, die sie stets mit ernster Würde auf ihren Knien entfaltete. Ture Ekman hätte sich keine bessere Unterhaltung denken können, als ihr zuzusehen, wie sie die Spalten der Zeitung graziös und vorsichtig, gleich einem jungen Kätzchen, das sich in fremder Umgebung fühlt, durchlief. Manchmal vermochte er sich nicht zurückzuhalten und brach in ein so helles, jeden Hintergedanken entbehrendes und ansteckendes Lachen aus, daß das junge Mädchen vergeblich versuchte, eine gekränkte Miene zu zeigen. »Sie machen sich lustig über mich»das ist gar nicht nett von Ihnen«, und sie begann selbst mitzulachen.

Eines Tages indes war sie nervös und statt, wie gewöhnlich, in das Lachen Ture Ekmans einzustimmen, begann sie diesmal zu weinen. Als der gutmütige Schwede die schönen Augen seiner kleinen Freundin voll Tränen sah, zog sich ihm das Herz zusammen und er eilte zu ihr. »Aber, liebste Wera Alexandrowna.« redete er ihr zu. »Bitte, bitte, verzeihen Sie mir, ich bin ein ganz roher Kerl. Aber Sie wissen doch, daß ich um keinen Preis der Welt Ihnen absichtlich Kummer bereiten würde und darum bitte ich Sie nochmals, beruhigen Sie sich.«

Er streichelte dabei ihre Hand und sprach mit einer so ehrlichen Rührung, daß das junge Mädchen ihre Ruhe wieder gewann und er sehr bald das Vergnügen hatte sie wieder lächeln zu sehen.

Von diesem Tage ab herrschte eine große Vertrautheit zwischen ihnen und sie wurden ausgezeichnete Freunde.

Bald ließ er auch die Komödie des Übersetzens beiseite und zog es vor, sich mit Wera bloß zu unterhalten und fand, daß er auf diese Weise viel wertvollere Aufschlüsse über das russische Leben, die russische Häuslichkeit, die Sitten und die jungen Mädchen erhielt, als es in zwanzigjähriger, täglicher Zeitungslektüre möglich gewesen wäre. Doch beobachtete er, daß Wera Alexandrowna, trotzdem sie sehr rückhaltlos über ihre Familie und über alles, was sich rings um sie abspielte, zu sprechen pflegte, sobald ihr eigenes Leben und ihre eigene Person berührt wurden, äußerst verschlossen und karg in ihren Worten blieb. Es schien, als schildere sie ihm nur ein Schauspiel, dem sie bloß zusehe, ohne selbst daran teilzunehmen. Er gewann den Eindruck von ihr, daß sie, ein reines, gesunddenkendes, junges Mädchen, inmitten einer komplizierten, Überspanntheiten zuneigenden und alles in allem nicht ganz puritanischen Gesellschaft lebe. Daß die Kraft ihrer Jugend sie bisher vor allem Unrechten bewahrt habe und sie, wohl von vielem schon wissend, selbst noch nichts erlebt habe. Diese Frische und Unschuld des Gemütes, die ihr geblieben waren, gefielen Türe Ekman ungemein. Er erinnerte sich der Worte seines Freundes: »Geben Sie nur acht, daß Sie sich nicht verlieben!« Aber welche Gefahr hätte ihm von diesem unschuldigen Kind drohen können? Sie suchte ihm nicht zu gefallen und sie versuchte auch nicht ihn zu erobern, jede Koketterie war ihr fremd.

Ture Ekman wäre sehr erstaunt gewesen, wenn man ihm gesagt hätte, daß er trotz alledem doch auf dem besten Weg sei, sich in seine Sekretärin zu verlieben. Jedesmal, wenn er die junge Russin sah, dachte er an seine gute Gattin und an seine Töchter und er war im innersten Herzen froh, daß die Atmosphäre, in der jene lebten, so grundverschieden von der war, die er hier in Petersburg kennen lernte. Und wenn er das Schicksal überlegte, dem Wera Alexandrowna entgegenging, empfand er ein herzliches Mitleid mit ihr. Wohl wußte er, daß ihr Vater eine hohe Stellung bekleidete und in geordneten materiellen Verhältnissen lebte, aber aus einigen Worten, die ihr hie und da entschlüpft waren, hatte er erraten, daß dieser Häuslichkeit doch so manches fehlte, was uns Westeuropäern vielleicht wichtiger erscheint. Sie müßte bald einen braven Mann heiraten, der ihr ein glückliches Heim bereiten könnte. Aber würde sie denn unter ihren Landsleuten einen finden, der ihr die Sicherheit für all das Glück bot, zu dem sie berechtigt war? Eines Tages stellte er aus diesen Gedanken heraus sogar die Frage an sie, ob sie nicht mit ihm nach Schweden kommen wolle, wo sie ganz gewiß einen ihrer würdigen Gatten wählen könnte.

Als Wera Alexandrowna diesen etwas sonderbaren Vorschlag hörte, blickte sie ihn ganz erstaunt an und ihren Kopf schüttelnd, erwiderte sie mit einer gewissen Schwermut: »Ich kann nur hier leben.« –

Ture Ekman fand an der Gesellschaft dieses reizenden Mädchens schließlich so viel Geschmack, daß er sie bat, ihn auf seinen Wegen, die er nachmittags zu machen halte, zu begleiten. Als Vorwand diente ihm vor ihr und auch vor sich selbst, daß er sie als Dolmetsch benötige.

So gingen sie jetzt öfters nachmittags aus, besuchten gemeinsam das Kino und nahmen ihren Tee im Hotel Astoria. Ture Ekman wußte ihr tausend Aufmerksamkeiten zu erweisen. Er kaufte ihr Blumen und Bonbons und gab sich ihr gegenüber ganz als väterlicher Freund. Dies berechtigte ihn natürlich zu viel größerer Vertraulichkeit und auch das junge Mädchen spielte eine solche Komödie gern mit. Im übrigen war etwas in ihrer Haltung, in der ganzen Stimmung, die sie um sich verbreitete, in ihrer unbeschreiblichen Miene, die trotz aller kindlichen Offenherzigkeit doch im gegebenen Augenblick stets alles Persönliche abzuweisen verstand, was in dem guten Schweden die feste Überzeugung hervorrief, daß sie zwar ebenso unberührt, aber auch ebenso kalt sei, wie der Schnee ihres nördlichen Vaterlandes.

Er gefiel sich darin, diese Gedanken weiter auszuspinnen, als plötzlich ein neues Ereignis eintrat, das seine schöne Überzeugung wanken machte und ihn zwang, die Richtigkeit der Hypothese, die er für seine entzückende Freundin aufgebaut hatte, stark in Zweifel zu ziehen.

Er war eines Abends zufällig in dem Bezirk, den Wera Alexandrowna bewohnte, bei Freunden zum Abendessen gewesen. Es war ein angeregter Abend, man hatte viel getrunken und es wurde fünf Uhr früh, ehe Ture Ekman sich endlich, ein wenig benommen, entschloß, den Heimweg anzutreten. Der Weg vom Prospekt Kaminow Ostrow, so hieß die Straße, in der seine Freunde wohnten, bis zum Hotel Europe war weit, auf seinen Beinen fühlte er sich nicht mehr ganz sicher, so nahm er einen Schlitten und genoß ein lebhaftes Vergnügen, als er, in seinen schweren Pelz gehüllt, vom langsamen Trab des Pferdes auf dem hartgefrorenen, unebenen Schnee geschaukelt, die eisige Winterluft über Stirn und Wangen streichen fühlte. »Ich habe nicht mehr viel Zeit zum Schlafen,« dachte er, »Wera Alexandrowna kommt ja zu ihrer gewohnten Stunde, was für ein liebes Geschöpf. ... Oh, wie müde bin ich, wenn ich nur rechtzeitig aufwache.«

Indessen begann ihn doch das Leben, zu dem die schlafende Stadt ringsum erwachte, aus seinen Träumen zu reißen. Trotz der Kälte, trotz der tiefen Finsternis, die noch herrschte, sah man allenthalben schon Gestalten vorbeihuschen. Hauptsächlich waren es Frauen, die ganz in ihre gefütterten Mäntel geduckt, mit einem warmen Schal am Kopf, den Mauern entlang glitten. Es waren Arbeiterfrauen oder Dienstmädchen, die schon zu dieser frühen Stunde der Tür eines Bäckerladens zustrebten, um dort nach unendlich langem Warten ihre kleine Ration täglichen Brotes zu erhalten. Ganz traurig wurde unser guter Schwede bei dem Gedanken an die Leiden dieser Unglücklichen, an die Geduld, mit der sie Tag für Tag ihre Qualen ertrugen. Heftige Worte fand er in seinen Gedanken für die Unfähigkeit der Behörden, der die Bevölkerung der Hauptstadt es zu danken hatte, daß sie bei zwanzig und dreißig Grad Kälte Stunden auf der Straße verbringen mußte. Unbeweglich standen in düsteren Reihen die Frauen, eine hinter der anderen, an die Mauer gelehnt, nur selten sah man Männer unter ihnen, dagegen waren selbst Kinder mit dabei. Ture Ekman zählte vor einem Laden mehr als hundert solcher wartender Personen und nur wenige Häuser weiter, auf der gegenüberliegenden Straßenseite ebenso viele vor einem zweiten Geschäfte.

Eine große, elektrische Bogenlampe warf ihr bleiches, zuckendes Licht auf die Gesichter der abgehärmten Weiber, die sich, Schutz gegen den Frost suchend, hart aneinanderdrängten.

Plötzlich fuhr er auf. Deutlich hatte er inmitten des Gedränges das Gesicht seiner eleganten Freundin erkannt. Sie war in den gleichen Pelzmantel gehüllt, den er ihr täglich sorgfältig von den Schultern nahm, um ihn auf sein Bett hinter den Wandschirm zu legen, doch statt eines Hutes trug sie, wie alle anderen, einen grauen Wollschal rund um den Kopf geschlungen, der nur die bleichen Züge ihres Gesichtes freiließ. Sie schien furchtbar müde. Ture Ekman wollte kaum seinen Angen trauen. Um sicher zu sein, wandte er sich nochmals aus dem dahingleitenden Schlitten halbaufgerichtet nach ihr um. – Ja, es war kein Zweifel möglich, sie war es. »Oh, mein Gott«, hallte sein erschrockener Ausruf, den er nicht zu unterdrücken vermochte, durch die Nacht. Beim Klang dieser Worte einer bekannten Stimme wandte das junge Mädchen den Kopf nach ihm und er begriff, daß sie ihn erkannt habe. Sein Schrecken aber war so groß und die Gedanken verwirrten sich derart in seinem Kopf, daß er sich nicht rechtzeitig zu einer Tat aufzuraffen vermochte. Und als er endlich so weit gefaßt war, um seinen Kutscher halten zu lassen, war es schon zu spät, denn der Schlitten war indes eine große Strecke weitergeglitten und so ließ er ihn denn seinen Weg zum Hotel fortsetzen. Doch trotz der Kälte blieben seine Augen weit geöffnet, wie immer, wenn er angestrengt nachdachte.

Er schlief wenig und unruhig. Zeitlicher als sonst erhob er sich, kleidete sich hastig an und eilte ins Kaffeehaus des Hotels hinunter, damit man sein Zimmer in Ordnung bringen könne.

Ein wenig vor elf Uhr trat Wera Alexandrowna, die »Nowoje Wremja« unterm Arm, bei ihm ein. Auf ihrem jungen Gesicht las man nicht die geringste Spur von Verlegenheit und Ture Ekman, der ihre Züge mit besonderer Sorgfalt prüfte, begann an seinem nächtlichen Erlebnis zu zweifeln und fast zu vermuten, daß es die schweren Weine gewesen waren, die ihm auf dem Kaminow Ostrow bloß einen Spuk vorgezaubert hatten. Als Wera ihre Augen zu ihm erhob, wandte er aus Furcht zudringlich zu erscheinen, seinen grübelnden Blick rasch ab. Indessen aber fieberte er danach, zu erfahren, ob sie es nicht doch gewesen war und welche Umstände sie wohl hatten zwingen können, sich in jener traurigen Gesellschaft der grimmigen, nächtlichen Kälte auszusetzen. Nach langem Zögern und vielen Überlegungen entschloß er sich endlich, sie vorsichtig darüber zu fragen. Aber dieser erfahrene Geschäftsmann war Frauen gegenüber von einer unglaublichen Schüchternheit, wie man übrigens schon bemerkt haben wird, und wußte nicht, in welcher Form er die nächtliche Begegnung erwähnen könnte. Über und über rot werdend, stotterte er endlich verlegen:

»Habe ich Sie heute nicht schon gesehen, Wera Alexandrowna?«

Das junge Mädchen blickte ihm mit größter Ruhe in die Augen.

»Ach, waren Sie es also wirklich, Herr Ekman, heute früh, auf dem Kaminow Ostrow? Ich dachte gleich, Ihre Stimme zu erkennen. – Aber Sie gehen wirklich zu spät schlafen.«

Und damit versenkte sie sich auch schon in die vor ihr ausgebreitete Zeitung und begann, ihm die neuesten Nachrichten vorzulesen.

Der etwas schwerfällige Schwede war durch die Worte Wera Alexandrownas und durch den Ton, in dem sie diese gesprochen hatte, jetzt vollkommen vor den Kopf geschlagen. Er wußte nicht um das mindeste mehr, als bevor er die peinliche Frage gestellt hatte, im Gegenteil. Die Unbefangenheit ihrer Antwort machte das Rätsel, dessen Lösung er näherkommen wollte, nur noch komplizierter. Er schritt einige Male im Zimmer auf und ab, hüstelte ein- oder zweimal und nahm endlich, vor dem Tisch stehen bleibend, die Zeitung, in die sie eifrig blickte, auf, faltete sie zusammen und begann Aug' in Auge mit dem jungen Mädchen zu sprechen.

»Wollen Sie mir nicht erklären, warum Sie um fünf Uhr früh im tiefsten Petersburger Winter vor der geschlossenen Tür eines Bäckers stehen müssen? Haben Sie denn keine Dienstboten? Weiß Ihr Vater davon?« (Er bemerkte, wie Wera Alexandrowna zusammenzuckte.) »Sind Sie in Nöten? Sprechen Sie doch offen zu mir, ich bitte Sie darum, Sie wissen doch, meine teure Wera Alexandrowna, daß ich große Sympathie für Sie fühle...« Ture Ekman ward ein wenig verwirrt... »Vielleicht könnte ich Ihnen zu Hilfe kommen, wenn Sie in zufällige Schwierigkeiten geraten sind. Vertrauen Sie sich mir an, mein Kind.«

Er hatte ihre Hand ergriffen und seine Stimme zitterte in starker Erregung. Auch Wera Alexandrowna verriet stärkere Gemütsbewegung, als sie jemals in seiner Gegenwart gezeigt hatte. Zum ersten Male schien es, als hätte sie sich nicht vollkommen in der Gewalt, ihr Gesicht belebte sich, ihre Brust hob und senkte sich in rascheren Atemzügen.

Ture Ekman, der dies bemerkte, verstärkte seine Bemühungen. Er legte so viel Überredungskunst in seine wiederholten Bitten, eine so teilnahmsvolle Wärme in seine Stimme, daß er freudig beobachten konnte, wie ihre Zurückhaltung nach und nach dahinschmolz. Die schönen, grauen Augen des jungen Mädchens wurden trübe und füllten sich bald mit Tränen. Das Herz des armen Ekman pochte in schmerzlichen Schlägen. Er ahnte ein tragisches Geheimnis.

»Verraten Sie mir Ihren Kummer,« drängte er mit noch größerer Entschiedenheit, »und wenn es von mir abhängt, wird Ihnen geholfen werden.«

»Sie sind so gut,« flüsterte sie endlich zu ihm geneigt. »Es ist schon allzulange, daß ich alles allein ertragen muß, ohne eine Seele zu haben, der ich mich anvertrauen kann; daß ich mich vor allen verschließen muß. Ich kann nicht mehr...« Sie seufzte. »... Ich will Ihnen alles sagen, wie einem guten Freund.«

Sie stockte einen Augenblick, um Ordnung in ihre verwirrten Gedanken zu bringen, dann begann sie, den Ellbogen auf den Tisch gestützt, ihr reizendes Gesicht in die Hand geschmiegt, mit viel Schwermut und vielleicht auch ein wenig zu feierlich, zu sprechen, denn es ist schwer in solchen Augenblicken einfach und natürlich zu bleiben.

»Herr Ture Ekmann, ich habe einen Freund, einen Freund, den ich liebe, den ich anbete und dem ich mich ganz gegeben habe.«

Als der brave Schwede diese Einleitung hörte fühlte er sich von einer bisher ungekannten Verwirrung gequält. Seine Brust zog sich zusammen, ihm wurde kalt und heiß. Die Klarheit dieses Geständnisses ließ leider nicht den geringsten Zweifel offen. Er wußte nicht, was er von dem Gefühl halten sollte, das diese Beichte in ihm hatte erwachen lassen und wagte doch auch nicht, sich darüber Klarheit zu geben. Wera Alexandrowna hatte einen Geliebten! War das zu glauben? Doch konnte er daran zweifeln? Und doch – was suchte sie zu nächtlicher Stunde vor dem Bäckerladen? Wie erklärte ihre Enthüllung jenen Umstand? Ture Ekman begriff nicht. Sie fuhr indes fort:

»Mein Freund ist ein junger Künstler, er heißt Paul. Ein Maler, von genialer Begabung, er wird sehr berühmt werden. Jetzt hat er noch keinerlei Einkommen und lebt in dürftigster Armut. Natürlich hat er gegen die ganze Clique zu kämpfen. Man versucht ihn zu unterdrücken, keine Zeitung erwähnt seinen Namen, keine Ausstellung nimmt seine Bilder. Man fürchtet ihn, eine ganze Verschwörung arbeitet gegen ihn, er steht ganz allein, aber er wird siegen!...«

Wera Alexandrowna sprach sich immer mehr in Eifer. Sie war stolz auf ihren Geliebten und wütend über die Dummheit des Publikums. Ihre schönen Augen schossen Blitze, die Empörung machte sie beredt. Niemals vorher hatte Ture Ekman sie so schön gesehen. Ganz glücklich, mit jemand von ihren Sorgen sprechen zu können, erzählte sie ihm alles. Den Beginn ihrer Liebe, wie sie Paul zufällig auf den Inseln kennen gelernt hatte, wo er im Freien malte, ein »herrliches, wundervolles Bild, ganz von Poesie erfüllt. Wenn man es ansah, glaubte man das Wasser rauschen und die Vögel zwitschern zu hören« – so schwärmerisch drückte sie sich aus. Sie waren einander nähergekommen, hatten gemeinsam Ausflüge gemacht und dann hatte sie ihn auch in seinem elenden Zimmer besucht und hier an einem Tage, da er tief unglücklich war und an sich selbst verzweifelte, hatte sie sich ihm ganz geschenkt, um ihm seinen Stolz und seine Kraft wiederzugeben, nur allzuglücklich darüber, einem gottbegnadeten Genie durch den Besitz ihres Körpers, den niemand vorher berührt hatte, einige Freude geben zu können... »Ich überließ ihm, was an mir das Wertvollste war,« sprach sie mit leuchtenden Augen weiter, »aber er erschloß mir seine Seele dafür, und was ist die armselige Gabe, die ich ihm brachte, im Vergleich zu dem wundervollen Besitz, den ich dafür eintauschte.«

Ture Ekman verlor in diesen überirdischen Regionen, in die das Mädchen entschwebte, den Boden unter seinen Füßen. Erst als sie einen Augenblick in ihrer Erzählung innehielt, kam wieder Klarheit in sein Denken und er brachte das Gespräch gewaltsam in die brutale Wirklichkeit zurück.

»Warum aber, Wera Alexandrowna, standen Sie heute morgen auf der Straße?«

Wera wurde durch diese Unterbrechung ihres Schwärmens nicht im mindesten verlegen. Ture Ekman hatte übrigens bei sich selbst festgestellt, daß keines ihrer Worte einen Versuch der Rechtfertigung darstellte und daß sie sich vollkommen darauf beschränkt hatte, ihm ihre Lage zu schildern. »Wie ich Ihnen schon erklärte.« erwiderte sie, »besitzt Paul keinerlei Einkünfte. Er wohnt bei recht armen Leuten, die ein Zimmer an ihn vermietet haben und die keine Dienstboten halten. Er müßte sich also selbst in aller Morgenfrühe anstellen, um sein Brot zu bekommen. Und Sie werden doch auch begreifen, daß dies ganz unmöglich wäre. Das Leben eines Künstlers stellt seine besonderen Anforderungen. Könnte ein Mann wie er, in dessen Kopfe die höchsten Gedanken entstehen, sich so weit herablassen, an nichtige Fragen des täglichen Lebens zu denken? Und außerdem hält Paul nicht viel aus, er macht zwar einen recht kräftigen Eindruck, das ist wahr, aber seine Lungen sind angegriffen. Die kleinste Verkühlung könnte schwere Folgen haben. Nun werden Sie verstehen, daß er sich nicht ein oder zwei Stunden dieser furchtbaren Kälte einer Petersburger Nacht aussetzen darf.«

Ture Ekman betrachtete das junge Mädchen. Sie war zart, fast gebrechlich. Er begann Paul zu verabscheuen. Was mußte das für ein Mensch sein, der imstande war, sich von einem Mädchen wie Wera, die im Luxus aufgewachsen und wahrlich ein Engel war, solche Dienste erweisen zu lassen. Und im gleichen Augenblick, da der gute Ekman voll Mitleid und Bewunderung für seine geliebte Wera war, setzte sich unabweislich der Gedanke in ihm fest, daß Pauls Genie diese Opfer des jungen Mädchens nicht wert sei. Er beschloß den Maler zu besuchen und seine Bilder anzusehen. Er wollte selbst diesen Mann beurteilen, der imstande gewesen war, seiner Freundin ein solches Maß an Liebe und Bewunderung einzuflößen.

»Sie wissen,« sprach er, seinen Gedanken ausführend, »daß ich für Bilder ein besonderes Interesse habe und – ich kann es sagen, ohne unbescheiden zu sein – auch einiges davon verstehe. Zu Hause habe ich eine kleine Sammlung moderner Gemälde. Vielleicht könnte ich sie durch ein Werk Ihres Freundes ergänzen, wenn seine Forderungen nicht allzu hohe sind. Doch abgesehen davon, würde ich mich glücklich schätzen, die Bekanntschaft eines Künstlers von solcher Bedeutung zu machen.«

Das Gesicht Wera Alexandrownas leuchtete auf vor Freude.

»Wie gut Sie sind«, rief sie und drückte dankbar seine beiden Hände. »Das wäre so lieb von Ihnen, aber ist es auch wahr, daß Sie etwas von Bildern verstehen? Sagen Sie es nicht bloß mir zulieb? Sind Sie wirklich ein Kenner?«

Ture Ekman versicherte, daß er sich viel mit Malerei beschäftigt habe und als Sammler einen gewissen Ruf genieße. Wera Alexandrownas Glück war nach dieser Erklärung unbeschreiblich. Sie verabredeten, gleich morgen zusammen zu Paul zu gehen. –

Und wie vereinbart, nahmen sie am nächsten Tage nach ihrer gemeinsamen Arbeit im Hotel Europe einen Schlitten und fuhren zusammen ihrem Ziele entgegen. Während des ganzen Weges plauderte das junge Mädchen fröhlich darauf los und der einzige Gegenstand all ihrer Worte und Gedanken war Paul.

Endlich langten sie vor dem Hause des Helden an. Es war eine jener riesigen Mietskasernen, die aus vielen, durch Höfe abgeteilten Trakten bestehen. Sie durchschritten zwei dieser Höfe und erstiegen dann eine nach den Begriffen Ekmans sehr enge, düstere Dienertreppe bis zum vierten Stock. Hier läuteten sie an einer niedrigen Tür und mußten lange warten, ehe ein mürrisches, schlampig gekleidetes Weib ihnen öffnete und sie in ein vollkommen kahles Vorzimmer einließ, aus dem ihnen ein übler Geruch von Sauerkraut entgegenschlug. Sie folgten einem mit Körben und Koffern angefüllten Gang, an dessen Ende Wera Alexandrowna die nur angelehnte Tür eines Zimmers aufstieß. Bei ihrem Eintritt erhob sich ein junger Mann aus einem alten Fauteuil und trat ihnen einige Schritte entgegen. Er war groß und stark, mit einem bleichen Gesicht, in dem eine hervortretende Nase und enge, kleine Augen auffielen. Seine ganze Haltung drückte gleichzeitig Verlegenheit und Genugtuung aus. Er schien noch sehr jung. Im Zimmer befanden sich nur wenige und elende Möbel, aber davon abgesehen, war es maßlos unordentlich und schmutzig. Zigarettenreste und Asche lagen überall herum, schmutzige Wäsche war in einem Winkel angehäuft, zertretene Farbentuben bedeckten den Boden. Das Herz des guten Ture Ekman krampfte sich bei dem Gedanken zusammen, daß seine angebetete Freundin, dieser reine, gute Engel sich in einer derartigen Umgebung den Zärtlichkeiten eines solchen Mannes überlassen hatte. Vielleicht aber verbarg Paul unter dieser wenig liebenswürdigen Hülle ein wirkliches Talent, eine kostbare Originalität, Gaben des Geistes, die alles andere aufwogen? Leider wurde Ture Ekman nur allzubald aller Zweifel enthoben. Paul zeigte seine letzten Schöpfungen. Es waren die geschmacklosesten Kompositionen, die man sich denken konnte! Nichts, als seichte, phantasielose Landschaften, ganz ähnlich den schablonenmäßigen Farbendrucken, wie man sie auf billigen Bonbonnieren häufig findet. Ture Ekman erkannte auf den ersten Blick, daß Paul keinerlei Talent und keinerlei Zukunft vor sich habe. Es fiel ihm schwer, seine Erbitterung beim Anblick dieser Arbeiten zu verbergen, die Gegenwart Pauls war ihm unerträglich geworden und er erhob sich ein wenig heftig, um Abschied zu nehmen.

In diesem Augenblick begegnete er den Augen des jungen Mädchens, die mit einem so sprechenden Ausdruck zitternder Angst und Erwartung auf ihn gerichtet waren, daß ihn ein Schauer überlief. Ja, es war unverkennbar, daß ihre Seele voll banger Sorge seinem Urteil entgegenblickte. Die wundervolle Sicherheit, die im Hotel aus ihren Worten geklungen hatte, war jetzt ganz verschwunden. Nur wie ein armes kleines Mädchen stand sie vor ihm, das die Furcht fast tötete, die Werke ihres Geliebten könnten von einem Manne, dessen Wohlwollen sie kannte und dessen Urteil ihr maßgebend war, schlecht gefunden werden. Ture Ekman fühlte sich in peinlichster Verlegenheit. Er räusperte sich einige Male, um seine Fassung wiederzugewinnen, machte einige Schritte durchs Zimmer, griff dann plötzlich nach einem kleinen Bild und frug Paul mit gepreßter Stimme, welchen Preis er dafür bestimmt habe.

Paul zögerte einen Augenblick und sprach dann heiser:

»Hundert Rubel.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, entnahm Ture Ekman seiner Brieftasche diesen Betrag und händigte ihn dem jungen Manne ein. Dann verabschiedete er sich von Wera Alexandrowna und Paul, wobei er dem jungen Mädchen nicht in die Augen zu blicken wagte und ging, sein Bild unter dem Arm, aus dem Zimmer.

Ein rascher Blick, mit dem er Wera gestreift, hatte den Ausdruck eines schmerzlich verzogenen, verschlossenen Gesichtes in sein Gedächtnis geprägt. Bekümmert überdachte er das unglückliche Los dieses prächtigen Wesens, das, wie in unverständlichem Wahnsinn ihr Leben einem unwürdigen, brutalen Egoisten geopfert hatte, der sie bedenkenlos ausnützte. Ekman selbst war von dieser Tragödie, in die er verstrickt wurde, heftig erregt. Erst, als er wieder auf der Straße stand, atmete er freier und übersetzte die vielen peinigenden Gedanken, die ihn bestürmten, in einen heftigen Fluch seiner heimatlichen Sprache.

Den ganzen Tag noch verfolgte ihn die Erinnerung an die Szene im Atelier, bei der er die Hauptrolle hatte übernehmen müssen. Er vermochte den angstvoll auf ihn gerichteten Blick des jungen Mädchens nicht loszuwerden. »Die arme Kleine«, wiederholte er immer wieder und war glücklich, daß es ihm gelungen war, seine wahren Gefühle zu verbergen.

Aber am nächsten Morgen verstand er, sobald Wera Alexandrowna bei ihm eingetreten war und er ihr bleiches, ernstes Gesicht sah, daß ein Drama sich abgespielt haben mußte. Die müde Art ihrer Begrüßung, die tiefe Melancholie ihres Blickes zeigten Ture Ekman eine Wera, wie er sie bis dahin nicht gekannt hatte. Er mußte nicht lange warten, um die Ursachen einer so erschreckenden Veränderung zu erfahren. Ehe sie noch ihren Mantel abgelegt hatte, begann sie zu sprechen:

»Ich habe alles begriffen, Herr Ture Ekman, ich danke Ihnen, Sie sind ein wundervoller Mensch.«

Der arme Ekman verstand nichts von dem, was Wera sagte, aber er fühlte, daß dies ein feierlicher Augenblick sei, in dem sie einander inniger verbunden waren als je zuvor, und sein Herz schlug heftiger, als er gewünscht hätte.

Wera sprach weiter:

»Paul ist kein Talent. Jetzt weiß ich es. Es war bloß Barmherzigkeit, daß Sie ihm ein Bild abgenommen, haben. Sie haben in einer peinlichen Situation mit größtem Zartgefühl gehandelt. Die hundert Rubel aber will ich Ihnen zurückgeben.«

Die Stimme des jungen Mädchens zitterte ein wenig, denn Wera verbarg einen Teil der vollen Wahrheit. Das Geld zu beschaffen, das sie Ekman jetzt entgegenreichte, war ihr nicht leicht gewesen. Es war der Erlös eines ihrer wenigen kleinen Schmuckstücke, den sie eben von einem Juwelier in der Nähe des Hotels erhalten hatte.

Da Ture Ekman widersprach, die Zurücknahme des Geldes ablehnte und wiederholt versicherte, daß das Bild außerordentlich interessant sei, unterbrach sie ihn ungeduldig und erregt:

»Lügen Sie nicht, ich bitte Sie darum! – Sie wissen gar nicht, was Sie mir für einen großen Dienst erwiesen haben. Ich habe mich in Paul geirrt, jetzt habe ich es verstanden, ich habe mit ihm gebrochen, ich will ihn nie mehr im Leben sehen... Ich war sehr unerfahren, Herr Ekman, ich glaubte wirklich, daß er ein großer Künstler sei – es war eine Lüge. Und Ihnen verdanke ich es, daß mir die Augen aufgingen. – Aber noch eines habe ich gestern begreifen gelernt, daß Sie ein wahrhaft edler Mensch sind und es gibt nichts Selteneres auf der Welt.«

Der gute Schwede errötete, seine Überraschung war so groß, daß er nicht wußte, wie er sich verhalten solle. Dieses entzückende, junge Mädchen stand hier neben ihm, fast an ihn geschmiegt, ihre Stimme sprach so warme, vertrauensvolle Worte, und was er in ihren groß auf ihn gerichteten Augen, auf dem Grunde ihrer Seele erraten konnte, ließ ihn fast erschrecken. Wahrlich, ein anderer, kühnerer an seiner Stelle hätte diesen Augenblick nicht ungenutzt verstreichen lassen. Die Erregung, in der sich Wera befand, seine eigene Gemütsbewegung, dieses stille Zimmer, in dem sie allein waren, er fühlte, daß seine Gedanken sich zu verwirren begannen, riß sich gewaltsam aus seiner Stimmung und eilte zum Fenster.

»Wir werden zusammen ausgehen, meine verehrte Wera Alexandrowna«, sprach er, »ich habe einen Besuch zu machen, wollen Sie mich begleiten?«

»Alles will ich tun, was Sie wünschen,« war ihre Entgegnung.

Sie schritten über die vereisten Straßen von Petersburg. Ture Ekman sprach jetzt voll Eifer. Er erzählte dem jungen Mädchen seinen Lebensgang und sie lauschte ihm mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit. Er hatte ihren Arm ergriffen und fühlte, wie ihre Gestalt sich an ihn schmiegte. Dies war der schönste Spaziergang in Ture Ekmans Leben. Er endete vor dem Hause Weras, bis wohin Ekman sie begleitet hatte.

Von dort führte ihn sein Weg in das nahe Reisebureau, wo er für den nächsten Morgen ein Schlafwagenbillett nach Stockholm erstand, dann trat er bei einem Juwelier ein, wählte dort ein kleines Armband mit Diamanten und Perlen, kehrte ins Hotel zurück und schrieb bedächtig folgenden Brief:

»Liebe, verehrte Wera Alexandrowna!

Ein eben erhaltenes Telegramm zwingt mich, ohne Verzug nach Stockholm zurückzukehren. Ich bin außerordentlich betrübt, nicht vor meiner morgigen Abreise persönlich von Ihnen Abschied nehmen zu können. Die Tage, die ich in Ihrer Nähe verlebte, werden mir stets in kostbarer Erinnerung bleiben. Ich hoffe, daß meine eifrige Sekretärin zur Erinnerung an die Mühe, die sie mit mir hatte, dies kleine Andenken freundlichst annehmen wird.«

Brief und Schmuck übergab er dem Hotelportier am nächsten Morgen erst in dem Augenblick zur Besorgung, als er den Schlitten bestieg, um zum Finnländer Bahnhof zu fahren.

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