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Rundfunkarbeiten

Walter Benjamin: Rundfunkarbeiten - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Benjamin
titleRundfunkarbeiten
publisherSuhrkamp
seriesGesammelte Schriften
volumeSiebter Band. Erster Teil
printrunErste Auflage
editorRolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser
year1991
isbn3-518-28537-8
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein Berliner Straßenjunge

Ich glaube, wenn ihr nachdenkt, werdet ihr euch erinnern, schon manchmal Schränke gesehen zu haben, die auf ihren Türen bunte Darstellungen, Landschaften oder Porträtköpfe, Blumen, Früchte oder ähnliches in eingelegter Holzarbeit trugen. Intarsien nennt man solche Arbeiten. Solche eingelegten Bilder und Szenen will ich euch nun heute einmal nicht an einem Schrank, sondern in der Rede vorführen. Ich werde euch von der Jugend eines Berliners erzählen, der ungefähr vor 120 Jahren klein gewesen ist, wie der Berlin gesehen hat, was damals für Kinderspiele und für Lausbubenstreiche an der Tagesordnung gewesen sind. Aber mitten darein werde ich Einlagen machen und von einigen Dingen sprechen, die gar nichts mit unserer Sache zu tun haben, vielmehr so scharf und hoffentlich auch so bunt von der Jugendgeschichte von Ludwig Rellstab sich abheben wie Intarsien von getäfeltem Holze.

Ihr braucht euch nicht zu genieren, daß ihr diesen Namen, den Ludwig Rellstab, noch nie gehört habt. Fragt auch um Gottes willen nicht eure Eltern, die haben ihn auch noch nie gehört und wissen dann nicht, was sie antworten sollen. Dieser Rellstab war nämlich gar kein berühmter Mann. Oder vielmehr, um genau zu sein, zu seiner Zeit war er schon einer von den bekanntesten Leuten Berlins, aber kurz und gut: es ist wenig von ihm übriggeblieben, und heute kennt man von ihm sogar das Beste nicht, was er gemacht hat: nämlich seine Lebensbeschreibung. Aus der lese ich euch nachher ein paar Stellen vor.

Daß nun diese Lebensbeschreibung so schön ist, aber weiter von dem Mann, der sie schrieb, nicht gerade viel zu berichten, das ist gar nicht so wunderbar. Es sind nämlich bei weitem nicht immer die berühmtesten und begabtesten Leute, die die tiefste Liebe und die tiefste Erinnerung an ihre Kindheit behalten. Übrigens ist das bei einem Großstädter noch etwas viel Seltneres als bei einem Menschen, der auf dem Lande herangewachsen ist. Es ist nicht gerade häufig, daß ein Kind so harmonisch und glücklich mit einer Großstadt zusammenwächst, daß es dann später für den reifen Mann eine Freude ist, dieses Kinderleben sich in die Erinnerung zurückzurufen. Für Rellstab war das aber eine Freude. Man merkt das seinem Buch überall an, auch wenn er da nicht ausdrücklich gesagt hätte, daß seine Kindheit so besonders glücklich gewesen ist.

Und nun mitten hinein in diese Kindergeschichte. Was sagt ihr dazu, daß da steht, sein Vater habe »jeden Sommer mit der ganzen Familie eine Landwohnung bezogen«? Wo glaubt ihr wohl, daß die lag? Einfach im Tiergarten. Wie der zu einer Zeit aussah, wo man Sommerwohnung in ihm beziehen konnte, das werde ich euch jetzt vorlesen, wie er selber es aufschreibt: »So weit hinauf irgend meine Erinnerung reicht, sehe ich mich im Sommer in dem Grün des Tiergartens, der damals einen viel ländlicheren Charakter trug als jetzt. Er bleibt der schönste Schauplatz meiner frühesten und auch noch viel späterer Erinnerungen. Im übrigen war er damals zum Spielen noch viel geeigneter als jetzt. Der Wald bot große Strecken dar, wo alles dem freien Wuchs überlassen war. Außer der Straße nach Charlottenburg gab es noch gar keinen chaussierten Weg, nur tiefe Sandwege durchkreuzten die Gegend. Daher sah man selbst in den größeren Alleen verhältnismäßig wenig Wagen, und die bewegten sich langsam und schwerfällig daher. Wenn ich den Tiergarten jetzt betrachte, so grenzt es ans Unglaubliche für mich, daß er förmliche Wildnisse gehabt habe, wo die Himbeersträucher zwischen den gekappten Elsbüschen auf dem feuchten Wiesengrund wuchsen und ihre zahlreichen Früchte ruhig für uns Bewohner reifen konnten. Auch die Erdbeeren lieferten eine ergiebige Ausbeute. Uns dünkte das alles so fern von den Menschen und so einsam wie Urwälder. Wir nahmen sie förmlich in Besitz. Jeder von uns spielenden Jugendgenossen erwählte sich sein Plätzchen als Eigentum. Wir legten uns Rasenplätze an, richteten uns irgendein dichtes Elsgebüsch zur ländlichen Wohnung ein, klemmten Brettchen zu Sitzen zwischen die Zweige, umgrenzten auch wohl ein Fleckchen mit eingesteckten kleinen Holzstäben wie mit einem Gartenzaun, genug, schalteten und walteten dort ganz wie mit unserem Eigentum. Wochen konnten vergehen, ohne daß wir diese kleine Kolonie in der Wildnis besuchten, dennoch fanden wir stets unsere Anlagen unzerstört wieder; so einsam war damals der jetzt so geräuschvolle, von Menschen durchzogene Wald, vielmehr Garten, in den er sich ganz und gar verwandelt hat.«

So hat ein alter Berliner den Tiergarten von 1815 beschrieben. Ich finde diese Beschreibung sehr schön. Aber nun habe ich Lust zu einer Einlage. Nun möchte ich euch nämlich gern zeigen, wie ein Freund von mir, einer, der 80 Jahre später wie Rellstab geboren wurde, seinen Kinder-Tiergarten beschreibt. Und trotzdem dieser Tiergarten doch ganz anders war, zeigt diese Beschreibung, daß der echte Berliner nicht aufgehört hat, ihn zu lieben. Dieser neue echte Berliner ist also mein Freund Franz Hessel, und der schreibt in »Spazieren in Berlin«: »Immerhin ist es jetzt im veraltenden Halbdunkel noch so buschig und irrselig wie vor 30, 40 Jahren, ehe der letzte Kaiser den Naturpark in etwas Übersichtlicheres, Ansehnlicheres umschaffen ließ. Daß auf seinen Befehl das Unterholz gelichtet, viele Wege verbreitert und die Rasenflächen verbessert wurden, ist verdienstlich, aber darüber sind dem Tiergarten manche Schönheiten verlorengegangen, eine holde Unordnung, Zweigeknacken und das Rascheln vieler nicht gleich weggeräumter Blätter auf engen Pfaden. Doch ließ er noch kleine Wildnis genug, die bis in unsere Kindertage blieb. An diese Zeit erinnern mich am meisten die winzigen hochgeschwungenen Brückenstege über den Bächen, die manchmal bewacht sind von munteren Bronzelöwen, denen von Maul zu Maul Geländerketten hängen.« Und dann beschreibt Hessel den ganzen Tiergarten bis zu seiner Grenze an der Corneliusbrücke. Wenn wir Zeit hätten, wieviel ließe sich nicht zu alldem noch sagen, z.B. der Brücke, die auch heute noch das private, fast ländliche Aussehen bewahrt hat, während sie aus einer der unbegangensten, abgelegensten nun diejenige wurde, über die sich der ganze Autoverkehr von der City in den Westen ergießt. Es ist, wenn man darüber nachdenkt, ein Brückenschicksal so merkwürdig wie manches Schicksal von Menschen.

Nun aber wieder zu Rellstab. In seiner ganzen Jugendgeschichte gibt es eine Sache, über die er sich wieder und wieder beklagt und die er nie scheint ganz überwunden zu haben. Das sind die Musikstunden, zu denen sein Vater ihn zwang. Diese Stunden standen als schlimmster Teil des Tages, wenn er aus der Schule kam, vor ihm, und er erzählt, wie unglücklich er war, wenn sie ihn zwangen, den Spielen und Streichen fern zu bleiben, mit denen seine Schulkameraden ihren Heimweg in die Länge zu ziehen pflegten. Merkwürdig genug waren manche von diesen Spielen, und wir hören, daß sie im Unterricht schon fleißig vorbereitet wurden. »Denn«, sagt Rellstab, »wir hatten eine Zeitlang die Gewohnheit angenommen, schon in der Schule, in der letzten Stunde, Schiffchen von Papier oder auch Borke anzufertigen und diese, was besonders nach starkem Regen sehr spannend war, auf dem Rinnstein schwimmen zu lassen, bis sie an der Mohren- und Markgrafenstraßen-Ecke, wo die Gosse in einen unterirdischen Kanal einmündete, verschwanden. Es gab nichts Interessanteres, als den Lauf eines solchen Schiffchens zu verfolgen; atemlos sahen wir es unter einer langen Rinnsteinbrücke verschwinden, und mit Jubel wurde es begrüßt, wenn es an der anderen Seite hervorkam. Ich vermochte mich nicht davon loszureißen und allein den traurigen Weg zur Klavierstunde nach Hause zu wandern.« Ihr könnt euch vorstellen, daß es ihm nicht leichter fiel aufzuhören, wenn gerade Zillrad gespielt wurde. Aber was ist das, dies unaussprechlich zauberische Spiel, wie er es nennt. Gott sei Dank hat er es selbst erklärt, sonst könnte man wohl lange umsonst danach fragen. Die Sache bestand darin, daß eine Anzahl Knaben, je mehr je besser, einen leeren Leiterwagen, wie sie damals wohl vor den Haustüren zu stehen pflegten, bestieg; einer aber, der durch Abzählen bestimmt wurde, lief immer um den Wagen herum und versuchte, mit der Hand einen Schlag auf einen der Füße da oben anzubringen. Wer getroffen war, mußte dann herunter und seinerseits dasselbe versuchen.

Der Vater von diesem Rellstab muß ein ganz putziger Mann gewesen sein. Er war Redakteur an der Vossischen Zeitung. Da sollte er nun eines Abends die Vorstellung eines Zauberkünstlers besuchen, um für die Zeitung einen Bericht darüber zu schreiben. Er hatte aber keine Lust oder keine Zeit, jedenfalls schickte er seinen Sohn, der damals erst zwölf Jahre war, hin, ließ ihn dann zu Hause seine Eindrücke aufschreiben, verbesserte den Aufsatz ein bißchen und schickte ihn an die Vossische Zeitung. Das war Rellstabs erste gedruckte Arbeit. Dieser Besuch aber hatte eine merkwürdige Folge. Nach Schluß der Vorstellung nämlich hatte der Zauberkünstler einigen, die geblieben waren, ein paar seiner Tricks erklärt. Diese Erklärungen hatte der kleine Rellstab gehört und nun hatte er wochenlang nichts anderes im Kopf als Zaubern. Er machte auch einen Laden in Berlin ausfindig, wo Zaubersachen, Apparate mit einer geheimen Mechanik, Büchsen mit doppeltem Boden, Spielkarten mit verborgenen Kennzeichen zu haben waren. Dazu suchte er Bücher aller Art aufzutreiben, um die Zauberei richtig als Wissenschaft zu studieren.

Sehr weit ist er damit nicht gekommen, das sagt er selbst. Wer weiß aber, ob er nicht ein berühmter Zauberer geworden wäre, wenn es damals schon das famose Buch gegeben hätte, von dem ich euch jetzt als zweite Einlage etwas erzählen will. Denn ich glaube, viele Kinder interessieren sich noch immer trotz Technik, Auto, Dynamomaschine, Radio etc. für Zaubern. Natürlich ist die Blütezeit der Zauberei, die Zeit, wo in allen großen Badeorten jeden Sommer sich weltberühmte Zauberer, die Bellachini, Houdini usw. vor überfüllten Sälen sehen ließen, vorbei. Aber eben darum konnte erst jetzt ein Buch erscheinen, in dem die ganze Zauberei mit ihren Hunderten von verschiedenen Künsten genau dargestellt und alle Sachen bis zu den unbegreiflichsten und erstaunlichsten deutlich erklärt sind. Es heißt »Das Wunderbuch der Zauberkunst« und ist von Ottokar Fischer geschrieben, der sich »gewesenen ausübenden Künstler und Leiter des Kratky-Baschki Zaubertheaters in Wien« nennt. Man braucht nur einen Blick in das Inhaltsverzeichnis zu tun, da gehen einem die Augen über von dem, was es alles für Zaubereien gibt. Und ihr braucht keine Angst zu haben, daß euch Zaubervorstellungen keinen Spaß mehr machen, wenn ihr zu allem die Erklärungen wißt. Im Gegenteil: erst wenn man wirklich scharf zu beobachten weiß, sich nicht mehr von den fixen Reden des Zauberkünstlers einfangen läßt, sondern immer das im Auge behält, worauf es ankommt – erst dann kann man ja ihre unglaubliche Gewandtheit dabei verfolgen und erkennen, daß ihre Geschwindigkeit, in der so viel Übung und Fleiß steckt, manchmal doch eine Hexerei ist. Ich glaube, wir werden hier einmal ausführlich vom Zaubern sprechen, deshalb sage ich heute nichts mehr als ein paar Überschriften aus unserem Buch. Die unerschöpfliche Punschbowle – des Teufels Zielscheibe – die Königin der Luft – Schillers Glocke – die unzerstörbare Schnur – die Uhr des Sehers Swami – verbrannte, durchlochte und zersägte Damen – Ben Ali Beys Schaustücke – das Verschwinden von zwölf Personen aus dem Publikum – usw.

Nun ist es schon spät, und der Rellstab meldet sich wieder, weil er noch ein paar Lausbubenstreiche erzählen will.

»Wie ich mit meinen Tiergartengenossen noch manchen anderen Unfug ausübte: wie wir manchen verwegenen Raubzug gegen Obstbäume und Obstkammern gemacht, – eine Obstverkäuferin schwer geneckt, dadurch, daß wir in die Gartenklingel nach bekannter Weise einen Knochen mit etwas Fleisch banden, der unbemerkbar hinterm Zaun hing, und so jeden Hund zum Anklingeln verleitete, – wie wir abends neben einem Wirtshaus, aus dem die Gäste nicht selten ein wenig taumelnd heraustraten, Bindfaden quer über den Weg gezogen, bis eine Gruppe darüber hin in den nassen Rasen fiel und dann arglos, da wir sofort die Fäden losließen, der Ursache des Stolperns nachspürten, – das alles will ich nicht lange aufführen, sondern nur kurz erwähnen, um zu zeigen, daß ich auch nach dieser Richtung nicht besser war als andere, sondern eher schlimmer.«

Man sieht also, wie der, der das erzählt, sich als ein richtiger Berliner Straßenjunge von frühauf in der Stadt getummelt hat. Wie uns aber oft im späteren Leben die Dinge am besten gelingen, die wir am frühesten geliebt und geplant haben, so ist es auch bei Rellstab gewesen. Seine besten Sachen sind nicht die Musikkritiken, von denen er später gelebt hat, sondern die Dinge, die mit Berlin am engsten zusammenhängen. Und da ist neben diesen Jugenderinnerungen ein Buch, das heißt einfach »Berlin«. Eine Beschreibung der Stadt und ihrer nächsten Umgebung mit vielen schönen Stahlstichen. Auf dem Titelblatt ist ein Stahlstich, der stellt das Denkmal Friedrich Wilhelms III. im Tiergarten dar. Von allen Gegenden des Tiergartens ist mir die Stelle, wo dies Denkmal versteckt ist, die liebste. Als ganz kleines Kind habe ich da gespielt, und bis heute habe ich nicht vergessen, wie aufregend es damals für mich gewesen ist, auf den verschlungenen Wegen zum Denkmal der Königin Luise mich durchzuschlagen, die noch versteckter durch einen schmalen Wasserlauf von dem König getrennt in den Büschen steht. Die Gegend um diese beiden Denkmäler war das erste Labyrinth, das ich kennenlernte, lange bevor ich in der Schulstunde Labyrinthe auf meine Löschblätter oder auf die Bank zeichnete. Da hat sich, glaube ich, nichts geändert: und eure Löschblätter werden nicht anders aussehen als meine damals. Für die jedenfalls, die Labyrinthe gern haben, gibt es nun hier zum Schluß noch eine besondere Einlage. Ich will ihnen nämlich verraten, wo gerade jetzt die schönsten Labyrinthe, die mir je vorgekommen sind, zu sehen sind. Das ist bei dem Buchhändler Paul Graupe, der in seinem großen schönen Haus einen ganzen Saal für die schnurrigen Stadt-, Wald-, Berg-, Tal-, Burgen- und Brücken-Labyrinthe eingeräumt hat, die der Münchner Maler Hirth unglaublich sauber mit der Feder vor sich hin gekritzelt hat und in denen ihr lange mit den Augen spazieren könnt. Putzt euch aber die Stiefel schön ab, denn bei Paul Graupe ist es sehr vornehm. Wenn ihr dann zwischen den Stadtbildern, Landkarten und Plänen, die ihr dort findet, einen Blick zum Fenster herauswerft, so habt ihr gerade wieder den Tiergarten vor euch, und damit sind wir selber heute ganz labyrinthisch herumspaziert und kommen, ehe wir's uns versehen, da an, wo wir vor 25 Minuten begonnen haben.

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