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Rundfunkarbeiten

Walter Benjamin: Rundfunkarbeiten - Kapitel 25
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Benjamin
titleRundfunkarbeiten
publisherSuhrkamp
seriesGesammelte Schriften
volumeSiebter Band. Erster Teil
printrunErste Auflage
editorRolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser
year1991
isbn3-518-28537-8
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Theaterbrand von Kanton

Ich habe euch von dem Ausbruch des Vesuv erzählt, der das alte Pompeji verschüttet hat, und das letzte Mal von dem Erdbeben, das im 18. Jahrhundert die Hauptstadt von Portugal zugrunde gerichtet hat. Heute will ich von einem Ereignis sprechen, das sich vor bald 100 Jahren in China zutrug. Wollte ich euch nur von irgendeiner Katastrophe erzählen, deren Schauplatz China gewesen ist, so könnte ich, wie ihr nur allzugut wißt, andere und neuere herausgreifen als jenen Theaterbrand in Kanton. Ihr braucht nur an die Kämpfe zu denken, von denen jetzt tagtäglich die Zeitungen voll sind, oder an die Überschwemmungen des Jangtsekiang im vorigen Jahr, über die wir natürlich viel ausführlichere Berichte als von jenem alten Theaterbrand haben. Aber mir kommt es darauf an, von einer Sache zu sprechen, bei der ihr wirklich die Chinesen ein wenig kennenlernt, und das kann man vielleicht nirgends besser als in einem Theater. Damit meine ich nicht etwa die Stücke, die aufgeführt werden, oder die Schauspieler – die auch, aber das kommt später – sondern vor allem die Zuschauer und den Raum selbst: das chinesische Theater, das mit nichts Ähnlichkeit hat, was wir uns unter einem Theater vorstellen. Wer als Fremder da in die Nähe kommt, der würde sich überall eher als vor einem Theater glauben. Er hört einen wüsten Lärm von Trommeln, Zimbeln und quietschenden Saiteninstrumenten. Erst angesichts eines solchen Theaters oder wenn er eine der Grammophonplatten kennt, auf denen man chinesische Theatermusik aufzeichnete, glaubt der Europäer zu wissen, was Katzenmusik ist. Tritt er dann ins Theater ein, so geht es ihm wie jemandem, der ein Restaurant betritt und dabei zuerst durch eine schmutzige Küche muß: er stößt auf eine Art Waschraum, in dem vier oder fünf Männer über dampfende Bottiche gebeugt stehen und Handtücher waschen. Diese Handtücher spielen im chinesischen Theater die größte Rolle. Mit ihnen wischen sich die Leute vor und nach jeder Tasse Tee, jeder Schüssel Reis ihr Gesicht und die Hände ab, und Diener sind andauernd dabei, die gebrauchten Handtücher heraus-, frische hereinzubefördern, oft mit geschickten Schleuderwürfen über die Köpfe des Theaterpublikums hinweg. Gegessen und getrunken also wird während der Vorstellung und damit kommen die Chinesen leicht über den Mangel an alldem hinweg, was uns Bequemlichkeit und feierliche Stimmung im Theater verschafft. Bequemlichkeit verlangen die Chinesen nicht, weil sie auch zu Haus keine haben. Sie kommen aus der ungeheizten Wohnung ins ungeheizte Theater, sitzen auf Holzbänken, mit den Füßen auf Steinplatten, und das ficht sie nicht an. Auf die Feierlichkeit aber pfeifen sie. Denn dazu sind sie viel zu große Theaterkenner, um nicht die Freiheit zu verlangen, jederzeit ihre Meinung über die Vorstellung kundzugeben. Wollten sie es nur bei der Erstaufführung – wie es bei uns geschieht – da könnten sie lange warten, denn in China gibt es Theaterstücke, die werden vier- oder fünfhundert Jahre hintereinander immer wieder gegeben, und selbst die neuen sind meist nur Bearbeitungen von Geschichten, die jeder kennt und in Form von Romanen, Gedichten oder anderen Stücken halb auswendig kann. Also Feierlichkeit gibt's im chinesischen Theater nicht, und Spannung gibt's auch nicht; wenigstens nicht die auf den Ausgang einer Handlung. Dafür aber eine andere, die wir am besten mit der vergleichen können, die wir fühlen, wenn wir im Zirkus Akrobaten am Trapez sich schwingen oder Jongleure auf einem Stock, den sie auf der Nase tragen, einen Stoß Teller balancieren sehen. Eigentlich muß jeder chinesische Schauspieler Akrobat und Jongleur zugleich und außerdem noch Tänzer, Sänger und Fechter sein. Warum, das werdet ihr gleich verstehen, wenn ich euch sage, daß es auf dem chinesischen Theater keine Dekorationen gibt. Der Schauspieler muß nicht nur seine Rolle, sondern er muß auch die Ausstattung spielen. Wie macht er das? Das werde ich euch erklären. Muß er z.B. eine Schwelle überschreiten, durch eine Tür gehen, die doch gar nicht da ist, so hebt er die Füße etwas über den Boden, so als wenn er über etwas hinübertritt. Dagegen bedeuten langsame Schritte mit Hochheben der Füße z.B., daß er eine Treppe hinaufgeht. Oder wenn ein General einen Hügel besteigen muß, um die Schlacht zu beobachten, so klettert der Schauspieler, der ihn darstellt, auf einen Stuhl. Einen Reiter erkennt man an einer Peitsche, die der Schauspieler in der Hand hält. Ein Mandarin, der in einer Sänfte getragen wird, wird dargestellt von einem Schauspieler, der über die Bühne geht, und um ihn sind vier andere Schauspieler, die gebückt gehen, als trügen sie eine Sänfte. Machen sie aber plötzlich eine ruckartige Bewegung, so heißt das: der Mandarin ist aus der Sänfte ausgestiegen. Schauspieler, die so viel leisten müssen, haben natürlich auch eine lange Lehrzeit, meist an die sieben Jahre. Da lernen sie nicht nur singen, Akrobatik und all die andern Dinge, sondern auch die Rollen von ungefähr 50 Stücken, in denen sie jederzeit müssen auftreten können. Das ist darum notwendig, weil man selten sich mit der Aufführung eines einzigen Stückes begnügt. Vielmehr wird eine Szene aus dem einen, eine aus dem andern in bunter Folge zusammengestellt, so daß an einem einzigen Abend oft ein Dutzend Theaterstücke an die Reihe kommen. Andererseits würde ein einziges, wenn man es ganz aufführen wollte, oft zwei oder drei Tage in Anspruch nehmen, so lang sind sie. Dagegen gibt es dann auch wieder ganz kurze, in denen nur ein einziger Mann auftritt, und von diesem lese ich euch jetzt eines vor. Es heißt: »Der Traum und ein alter Mann spricht.«

»Ich will euch eine schöne Geschichte erzählen. Es ist bedauerlich, wie ungerecht der Himmel ist; er läßt zwar Regen und Schnee herunterkommen, aber keine Silberbarren. Gestern abend lag ich auf dem Ofenbett aus Lehm; ich wälzte mich hin und her und konnte nicht einschlafen. Ich lag von der ersten bis zur zweiten Nachtwache wach und wieder von der zweiten, bis die dritte geschlagen wurde. Als die dritte Nachtwache geschlagen, hatte ich einen Traum. Mir träumte von einem Schatz im Süden des Dorfes. Ich nahm daher Spaten und Hacke und ging aufs Feld hinaus, um den Schatz auszugraben. Ich hatte wirklich Glück; nach einigen wenigen Spaten- und Hackenschlägen grub ich den Schatz aus. Ich grub einen ganzen Keller von Silberschuhen aus; darüber war eine große Binsenmatte gedeckt. Ich hob die auf und sah darunter. Ach, da mußte ich lachen: da war ein Korallenstock, 15 m hoch, echter roter Karneol und weißer Achat. Da nahm ich sieben bis acht Säcke von Diamanten an mich, sechs große Körbe voll Katzenaugenedelsteinen, 33 Schlaguhren, 64 Damenuhren, schöne Stiefel und Mützen, schöne Jacken und Überwürfe, schöne neumodische Täschchen, 72 große Goldbarren und noch dazu 33333 Silberschuhe. Da hatte ich soviel Gold und Silber, daß ich nicht wußte, wo ich es lassen sollte. Sollte ich dafür Land kaufen und bebauen? Da fürchtete ich mich vor Dürre und Überschwemmung. Oder sollte ich eine Getreidehandlung auftun? Da könnten die Mäuse mir alles fressen. Sollte ich Geld auf Zinsen ausleihen? Da fehlte es an Bürgen. Sollte ich ein Pfandgeschäft aufmachen? Da fürchtete ich, ich würde Geld zusetzen müssen; denn wenn mir der Geschäftsführer mit dem Geld durchging, wo sollte ich ihn dann suchen? All diese tausenderlei Schwierigkeiten machten mich so aufgeregt, daß ich vor Aufregung aufwachte: da war es nur ein Traum gewesen! Ich hatte mit beiden Händen nach dem Ofenbett getastet; dabei hatte ich das Feuerzeug erwischt: das waren die Silberschuhe gewesen! Dann hatte ich die messingne Pfeife erwischt: das waren die Goldbarren gewesen! Nachdem ich so eine ganze Weile hin und her getastet hatte, war ich an einen großen Skorpion mit grünem Kopf geraten, und der stach mich, daß ich laut aufheulte.«

Natürlich sind es nur die vorzüglichsten Schauspieler, die in solchen kleinen Stücken allein vor das Publikum treten. Der Ruf solcher Schauspieler ist gewaltig. Wo sie sich blicken lassen, werden sie mit den größten Ehren empfangen. Sehr häufig sind es reiche Kaufleute oder Beamte, die sie einladen, mit ihrer Truppe in ihrem Hause zu spielen. Und dennoch würde wohl kein europäischer Künstler mit ihnen tauschen wollen. Denn so groß ist der Ehrgeiz und die Leidenschaft der chinesischen Schauspieler, daß die anerkannten Meister unter ihnen in fortwährender Angst vor den Anschlägen leben müssen, die eifersüchtige Nebenbuhler gegen sie planen. Unmöglich, einen Schauspieler oder eine Schauspielerin zu veranlassen, außerhalb ihrer Wohnung das Geringste zu sich zu nehmen. So überzeugt sind sie, daß die geringste Unachtsamkeit sie zum Opfer eines Giftmordes machen kann. Der Tee, den sie während der Vorstellung trinken, wird im geheimen und jedes Mal in einem anderen Laden besorgt. Das Wasser, in dem er gekocht wird, bringen sie in einem eigenen Teekessel von Hause mit, und das Abkochen darf nur von einem ihrer Angehörigen besorgt werden. Die großen Stars würden auch nie daran denken aufzutreten, wenn nicht ihr eigener Kapellmeister dirigiert, weil sie die Bosheit eines Nebenbuhlers fürchten, der ihnen durch falsches Dirigieren oder irreführende Bewegungen während der Vorstellung Fallen stellt. Das Publikum aber paßt höllisch auf und hat für die kleinste Entgleisung Hohn und Spott in Bereitschaft. Auch kommt es ihm gar nicht darauf an, mit Teetassen nach den Künstlern zu werfen, wenn es mit ihren Leistungen nicht zufrieden ist.

Der Brand nun, von dem ich euch diesmal erzählen will, war der größte Theaterbrand aller Zeiten. Das war in Kanton am 25. Mai 1845. Das Theater bestand, wie üblich, aus Bambuspfählen, die mit Matten beflochten waren. Es war für die besondere Festvorstellung erbaut, mit der der Kriegsgott Kwan Jü geehrt werden sollte. Zwei Tage sollte die Vorstellung dauern. Das Theater stand in der Mitte eines großen Platzes, auf dem Hunderte von ähnlichen, nur sehr viel kleineren Buden sich befanden. 3000 Personen gingen hinein. Am Nachmittag des zweiten Tages, als alles überfüllt war, sollte die Bühne einen Tempel des Kriegsgotts darstellen. Da es aber, wie ich euch schon erzählte, in China keine Dekorationen gibt, so war das nur an einem Opferfeuer kenntlich, das da offen in der Mitte der Bühne flackerte. Da ließ ein Schauspieler im Abgehen eine von den beiden Türen im Hintergrund offen, und ein starker Windstoß, der so ins Innere des Theaters hineinfuhr, setzte ein paar in der Nähe des Feuers auf der Bühne liegende Matten in Brand. Im nächsten Augenblick stand die ganze Bühne in Flammen, und schon in wenigen Minuten hatte das Feuer den gesamten Bau ergriffen. Nun war das Furchtbare, daß es im ganzen Theater nur einen einzigen Ausgang gab. Wer zufällig in dessen Nähe war, konnte sich retten, wer aber weiter vorn saß, war verloren. Kaum waren einige hundert Menschen ins Freie gelangt, da brannte bereits die Tür. Vergebens rückte man mit Spritzen und Wassereimern heran. In einer Viertelstunde war es vor Hitze schon nicht mehr möglich, sich dem Brandherd zu nähern, und so gingen über 2000 Menschen zugrunde. Der Europäer, der von solchen Dingen hört, denkt natürlich mit Stolz und Befriedigung an seine großen steinernen Theater, die unter strenger Aufsicht der Baupolizei stehen, in denen bei jeder Vorstellung ein paar Feuerwehrleute anwesend sind und alles für die Sicherheit der Zuschauer getan wird. Wenn doch einmal ein Unglück geschieht, so kann es kaum so schreckliche Formen annehmen, sei es auch nur, weil unsere Theater ja viel weniger Zuschauer fassen. Aber das ist es eben: in China sind alle großen Veranstaltungen, seien es nun Arbeiten oder Feste, auf ungeheure Menschenmassen zugeschnitten. Und das Gefühl, einer aus der Masse zu sein, ist bei den Chinesen viel stärker, als es je bei europäischen Menschen sein kann. Daher die für uns unvorstellbare Bescheidenheit, die die Haupttugend der Chinesen ist und keineswegs mit einer geringen Einschätzung ihrer selbst verbunden zu sein braucht, sondern nur das stete Bewußtsein von der ungeheuren Größe der Volksmasse ist, der sie angehören. In den Lebensregeln und Lehrbüchern ihrer großen Weisen Konfuzius und Laotse ist diese Bescheidenheit streng begründet und in ganz bestimmte Vorschriften des Verhaltens gekleidet worden, die jeder lernen und verstehen kann. Und diese großen Lehrer der Chinesen haben zugleich mit dieser Bescheidenheit ihre Mitbürger angewiesen, so sich zu benehmen, daß sie das Leben der großen Masse, der sie angehören, erleichtern; sie haben ihnen einen ganz ungeheuren Respekt vor dem Staat und vor allem vor dessen Beamten eingeflößt, die wir uns aber nicht wie europäische Beamte vorstellen dürfen. Vielmehr verlangen die Examina, denen chinesische Beamte sich unterziehen mußten, nicht nur wie die unsrigen Fachkenntnisse sondern genaue Vertrautheit mit der ganzen Dichtung und Literatur und vor allem mit den Vorschriften der Weisen, von denen ich sprach. Ja, wenn man will, sind es diese Überzeugungen der Chinesen, die ihre Theater so schäbig und feuergefährlich machen. Wenigstens sagte mir ein Chinese, mit dem ich einmal über diese Dinge gesprochen habe: »Bei uns ist man der Überzeugung, das haltbarste und ansehnlichste Haus jeder Stadt habe das Regierungsgebäude zu sein. Danach kommen bei uns die Tempel. Aber die Vergnügungslokale sollen die Aufmerksamkeit nicht auf sich lenken, denn dann würde man ja denken, Ordnung und Arbeit wären in solcher Stadt nur Nebensache.« Und jetzt sind sie wirklich, wie ihr wißt, in vielen Städten Chinas Nebensache. Aber wir müssen hoffen, daß das blutige Theater, vor dem sie zurücktreten, bald sein Ende gefunden hat.

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