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Rundfunkarbeiten

Walter Benjamin: Rundfunkarbeiten - Kapitel 23
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Benjamin
titleRundfunkarbeiten
publisherSuhrkamp
seriesGesammelte Schriften
volumeSiebter Band. Erster Teil
printrunErste Auflage
editorRolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser
year1991
isbn3-518-28537-8
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Untergang von Herculanum und Pompeji

Habt ihr mal vom Minotaurus gehört? Das war das abscheuliche Ungetüm, das in Theben mitten in einem Labyrinth hauste, in das ihm zum Opfer jedes Jahr eine Jungfrau verstoßen wurde, die sich aus allen den Irrgängen, die sich hundertfach verzweigten und durchkreuzten, nicht mehr herausfand und schließlich von dem Ungeheuer gefressen wurde; bis Theseus von der thebanischen Königstochter ein Knäuel in die Hand bekam; den machte er vorm Eingang fest, so daß er sicher war, den Rückweg wiederzufinden, und da erschlug er den Minotaurus. Die Königstochter von Theben hieß aber Ariadne. So einen Faden der Ariadne könnte man gut brauchen, wenn man das heutige Pompeji betritt. Es ist das größte Labyrinth, der größte Irrgarten der Erde. Wohin das Auge schweift, findet es nichts als Mauern und Himmel. Vor 1800 Jahren, ehe Pompeji verschüttet wurde – schon damals muß es nicht leicht gewesen sein, sich in der Stadt auszukennen. Das alte Pompeji nämlich bestand aus, wie beispielsweise Karlsruhe bei uns, einem regelrechten Netz rechtwinklig sich kreuzender Straßen; die Merkmale aber, an denen man sich ehemals zurechtfinden konnte, Läden und Wirtshausschilder, erhöhte Tempel und Gebäude, das alles ist verschwunden. Wo früher Treppen und Wände die Bauten gliederten, geben heut nach allen Seiten Breschen im Gemäuer den Weg frei. Wie oft ist es mir nicht passiert, wenn ich mit einem meiner Freunde aus Neapel oder Capri durch die tote Stadt ging und ihn auf ein verblaßtes Gemälde an der Wand oder auf ein Mosaikbild zu meinen Füßen aufmerksam machen wollte – daß ich da mit einem Mal mich allein fand und wir mit Rufen uns verständigen mußten, um nach ängstlichen Minuten wieder der eine auf des andern Spur zu kommen. Ihr müßt nicht denken, daß man in diesem toten Pompeji spazieren geht wie in einem Museum für Altertümer. Nein, in der Schwüle, die dort meistens herrscht, in den breiten einförmigen, schattenlosen Straßen, wo das Ohr keinem Laut und das Auge nur matten Farben begegnet, kommt der Besucher bald in eine merkwürdige Verfassung. Er schrickt zusammen, sobald er nur Schritte hört oder ein anderer einsamer Spaziergänger unversehens vor ihm auftaucht. Und die uniformierten Wächter mit ihren neapolitanischen Spitzbubengesichtern machen die Sache auch nicht gemütlicher. Fenster haben die Häuser der alten Griechen und Römer fast nie gehabt; Licht und Luft kamen aus dem Lichthof im Innern, einer Öffnung im Dach, der auf dem Erdboden ein Bassin entsprach, in das der Regen fiel. Die fensterlosen Mauern, die schon immer etwas Strenges hatten, machen jetzt, da alle Farbe von ihnen verschwunden ist, die Straßen doppelt ernst. Der Vesuv aber mit seinen Wäldern am Fuß und den Weinbergen in der Höhe sieht nirgends schöner und lieblicher aus, als wenn er hier über den starren Mauern oder in der Öffnung eines der drei oder vier Tore von Pompeji, die heute noch stehen, erscheint.

So lieblich und gar nicht furchtbar ist der Vulkan auch jahrhundertelang den Pompejanern erschienen, deren Stadt er eines Tages vernichten sollte. Wohl gab es eine uralte Überlieferung, nach der in der Gegend Kampaniens, wo Pompeji und Herculanum liegen, die Eingänge in die Unterwelt zu finden seien. Von einem Ausbruch des Vesuvs aber hatte man, seit es eine Geschichtsschreibung gibt, keine Kunde. Viele Jahrhunderte hat der Vesuv geruht; die Hirten weideten in seinem grünen Krater ihr Vieh, und der Sklavenführer Spartakus hat sich darinnen mit seinem ganzen Heer verborgen. Erdbeben hat es in Kampanien immer gegeben, aber daran war man gewöhnt. Auch scheinen sie lange schwach und auf einen kleinen Umkreis beschränkt gewesen zu sein. Gestört wurde der jahrhundertealte Frieden, den hier die Erde mit den Menschen geschlossen zu haben schien – die Menschen untereinander waren damals vom Frieden ebensoweit entfernt wie heute –, gestört also wurde dieser Frieden zum ersten Male im 64. Jahre nach Christi Geburt durch ein fürchterliches Erdbeben. Damals bereits wurde Pompeji zum großen Teil vernichtet. Und als dann 16 Jahre später die Stadt für mehrere Jahrhunderte völlig von der Erde verschwand, da war es nicht eine Stadt wie andere. Vielmehr war ganz Pompeji zur Zeit des Vesuvausbruchs in völliger Erneuerung und Umgestaltung begriffen. Denn es geschieht ja niemals, daß Menschen eine vernichtete Stadt so wieder aufbauen, wie sie vorher gewesen ist; immer wollen sie dem Unglück wenigstens irgendeinen Nutzen abgewinnen und suchen das Alte sicherer, besser, schöner aufzubauen als vorher. So geschah es auch in Pompeji. Das war damals eine Landstadt mittlerer Größe mit ungefähr 20 000 Einwohnern. Die Samniter, ein kleines italisches Volk, lebten dort bis kurz vor Christi Geburt ganz für sich, und als dann ungefähr 150 Jahre vor dem Untergang der Stadt die Römer die Gegend sich unterwarfen, hatte Pompeji nicht grade viel zu leiden. Es wurde nicht erobert, man siedelte nur eine Anzahl römischer Untertanen dort an, mit denen die Samniter ihre Äcker teilen mußten. Diese Römer begannen nun bald, sich und die Stadt nach ihren Bräuchen und Gewohnheiten einzurichten, und da sie nun schon einmal am Verändern und Umbauen waren, machten sie sich das Erdbeben natürlich zunutze. Kurz, von den alten Samnitern ist in dem untergegangenen Pompeji nicht mehr viel erhalten geblieben, und es gibt wissensdurstige Gelehrte, denen wäre es lieber gewesen, es wäre nicht erst zu dem Erdbeben gekommen, sondern die alte samnitische Stadt wäre gleich vom Vesuv verschüttet und uns damit so wohl erhalten geblieben, wie es mit dem römischen Pompeji der Fall war. Römische Städte kennen wir nämlich auch sonst noch, samnitische aber gar nicht.

Man kann sagen, daß wir über den Untergang von Pompeji so genau Bescheid wissen, als wenn er in unsern Tagen vor sich gegangen wäre. Und zwar wissen wir davon aus zwei Briefen, die ein Augenzeuge des Vesuvausbruchs an den römischen Geschichtsschreiber Tacitus gerichtet hat. Diese Briefe sind wohl die berühmtesten, die je auf der Welt geschrieben wurden. Man erkennt an ihnen nicht nur, was sich damals ereignete, sondern ebenso wie die Menschen es aufnahmen. Die Briefe hat der jüngere Plinius geschrieben, ein großer Naturforscher, der, als das Unglück sich ereignete, 18 Jahre war und damals mit seinem Onkel in Misenum dicht bei Neapel sich aufhielt. Sein Onkel, der ältere Plinius, war Befehlshaber der römischen Flotte und ist bei dem Ausbruch umgekommen. Aus dem einen Brief nun lese ich euch jetzt vor:

»Seit einer Stunde schon mußte es Tag sein, und doch herrschte ringsum nur ein fahles Zwielicht. Die Häuser in unserer Nachbarschaft wankten so, daß der Aufenthalt in dem engen Hof, in den wir geflüchtet waren, gefährlich wurde. Wir entschlossen uns also, die Stadt zu verlassen. Die Menge folgte uns; sie war kopflos vor Angst und hielt es wie in solchen Fällen oft: sie glaubte klug zu handeln, wenn sie sich nach jemand anderm richtete. Es war eine riesige Masse, von der wir gedrängt und gestoßen wurden. Sobald wir aus dem Bezirk der Häuser heraus waren, blieben wir stehen; auch da aber Unerhörtes, neue Schrecken, auf die wir stießen. Die Gegend war völlig eben. Die Wagen aber, die wir hatten kommen lassen, um uns auf ihnen zu flüchten, schwankten von einer Seite auf die andere. Nicht einmal mit Hilfe von Steinen, die wir ihnen unterlegten, gelang es uns, sie an Ort und Stelle zu halten. Das Meer schien in seinen Schoß zurückfluten zu wollen, es war, als stieße der Strand es von sich. Jedenfalls war er viel breiter geworden, und viele Seetiere lagen auf dem trockenen Land. Uns gegenüber aber stand eine grauenhafte schwarze Wolke; große gezackte Feuerströme zerrissen sie zeitweise, dann schloß sie sich und ging von neuem auseinander, und es erschienen wieder Flammen in ihr, die Blitzen ähnelten, nur viel größer waren.«

So schreibt Plinius, und gleich werdet ihr mehr von ihm hören. Aber wie ich euch sagte: er sah die Sache von weitem an. Die feurige Wolke, von der er schreibt, stand über dem Vesuv; sie hat Pompeji nicht berührt. Pompeji ist nicht zugrunde gegangen wie Anfang unseres Jahrhunderts die Insel Martinique, die förmlich von einer glühenden Wolke verzehrt wurde. Das Feuer hat Pompeji nicht ergriffen. Ja, nicht einmal Lavaströme, welche die letzten Ausbrüche des Vesuvs so verheerend machten, haben die Stadt berührt, sondern sie ist ganz eigentlich durch einen Regen verschüttet worden. Das war nun ein seltsamer Regen. An einer anderen Stelle seines Briefs erzählt Plinius, wie die Wolke überm Vesuv bald schwarz, bald hellgrau aussah. Die Ausgrabung von Pompeji hat uns gezeigt, woher dieses Schauspiel kam. Der Vulkan nämlich hat abwechselnd schwarze Asche, dann wieder ungeheure Mengen grauen Bimssteins ausgeworfen. Die Schichten kann man in Pompeji genau unterscheiden. Es hat mit ihnen aber eine besondere Bewandtnis. Den Aschenschichten verdanken wir etwas, was auf der ganzen Erde sich nie wieder fand: vollkommen scharfe, lebenswahre Abbilder von Menschen, die vor 2000 Jahren gelebt haben. Das kam folgendermaßen. Während der Bimsstein die Menschen, auf die er niederging, förmlich erschlug, so sehr sie sich auch mit Tüchern und Kopfkissen, die sie umnahmen, dagegen zu schützen suchten, hat der Aschenregen die Pompejaner erstickt. Zwischen den Bimssteinen faulten die Leichen, und als man nachgrub, stieß man nur auf Skelette. Ganz anders in den Aschenschichten. Sei es, daß die Asche aus dem Innern des Kraters feucht war, wie manche vermutet haben, sei es, daß Wolkenbrüche nach dem Vulkanausbruch sie durchfeuchteten – jedenfalls hat sie sich ganz genau an jede Kleidfalte, in jede Windung der Ohren, überall zwischen Finger, Haare, Lippen der Menschen eingeschmiegt. Dann aber ist sie sehr viel schneller, als die Leichen sich zersetzt hatten, erstarrt, und so besitzen wir heut eine Fülle von lebenswahren Abdrücken der Menschen, wie sie im Laufe niederfielen und gegen den Tod ankämpften oder aber sich friedlich, wie wir es an einem Mädchen sehen, mit unterm Kopf verschränkten Armen niedergelegt hatten, um auf das Ende zu warten. Von den 20 000 Einwohnern sind bei der Katastrophe kaum mehr als der zehnte Teil umgekommen, und bei vielen sehen wir, daß die Sorge um ihr Eigentum es gewesen ist, die sie verhindert hat, zur rechten Zeit für ihre Sicherheit zu sorgen. Sie haben sich mit ihren Gold- und Silberschätzen in den Kellern eingeschlossen, und als der Ausbruch dann zu Ende war, waren sie verschüttet; es gab kein Mittel mehr, die Tür zu öffnen, sie sind verhungert. Andere sind unter den Säcken mit Schmuck und Silbergeschirr, die sie sich aufgeladen hatten, zusammengebrochen. Viele, so auch der Onkel von Plinius, aus dessen Brief ich euch nun weiter vorlese, haben, anstatt landeinwärts sich zu flüchten, am Meer gewartet, um bei der ersten besten Gelegenheit fortzurudern. Das Meer aber blieb, vom Erdbeben aufgewühlt, unnahbar, und so wurden die Wartenden am Strande verschüttet.

»Nur noch kurze Zeit«, schreibt Plinius, »und die Wolke, die über uns stand, sank zur Erde, bedeckte das Meer, sie verhüllte Capri und alle Berge des Festlandes. Ich sah mich um, hinter uns her wälzte sich drohend, wie ein entfesselter Strom, schwarzer Rauch. ›Laß uns querfeldeingehen, solange man noch etwas sehen kann, sagte ich zu meiner Mutter, wenn wir auf der Landstraße bleiben, werden wir in der Finsternis von den Massen erdrückt werden.‹ Kaum aber haben wir halt gemacht, umgibt uns Nacht. Nicht eine mondlose Nacht oder eine von Wolken verfinsterte, sondern die Nacht einer Kammer, die keine Fenster hat. Man hört nichts als die schrillen Schreie der Frauen, das Jammern der Kinder, das Stöhnen der Männer. Die einen rufen nach ihren Eltern, andere nach ihren Kindern, wieder andere nach ihrer Frau, denn nur an den Stimmen erkennt man sich. Manche weinen um ihr eigenes Schicksal, manche wieder um das der Ihren. Aus Angst vor dem Tod wünschen viele den Tod herbei. Wieder andere heben die Hände zu den Göttern auf, aber viele glauben auch, daß es keine Götter mehr gibt und daß jetzt für die ganze Welt die letzte Nacht hereingebrochen ist, die ewige. Als es endlich ein klein wenig heller wurde, meinten wir, das sei nicht das Tageslicht, sondern es seien die Flammen, die näher kämen. Aber sie erreichten uns nicht. Dann wieder Finsternis, wieder ein Regen gewaltiger Aschenmassen. Von Zeit zu Zeit mußten wir aufstehen und sie abschütteln, sonst wären wir unter ihnen begraben, ja unter ihrer Last zerquetscht worden. Von mir darf ich sagen, daß ich in solcher Gefahr nicht eine Klage vernehmen ließ und kein Wort, das als Schwäche hätte erscheinen können. Ich stellte mir vor, nun müsse ich mit allen andern und alle andern müßten nun mit mir umkommen. Und das war ein jammervoller, aber großer Trost.«

Niemand, das kann man aus diesem Brief erkennen, ahnte im Augenblick des Unglücks dessen Ursache; manche meinten, die Sonne sei im Begriff, auf die Erde zu stürzen, andere, die Erde sei in den Himmel davongeflogen, manche glaubten auch, wie ein späterer Geschichtsschreiber uns erzählt, in den feurigen Wolken Giganten zu sehen und meinten, ein Aufstand der alten Götter gegen die herrschenden sei ausgebrochen. Aschenspuren des ungeheuren Ausbruchs gelangten bis nach Rom, Ägypten und Syrien. Und in großem Abstand folgte ihnen die Kunde von dem Naturereignis. Dann kehrten die Überlebenden wieder zurück; nicht um sich dort anzusiedeln, das war auf diesem Boden, wo die Asche 15 bis 30 Meter hoch lag, nicht möglich, wohl aber, um auf gut Glück nach ihrer Habe zu wühlen. Dabei sind von neuem viele ums Leben gekommen, indem sie von herabstürzenden Schottermassen verschüttet wurden. Viele Jahrhunderte ist dann die Stadt aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden. Und als sie endlich im vorigen Jahrhundert mit ihren Läden, Wirtshäusern, Theatern, Ringschulen, Tempeln, Bädern wieder aus der Erde hervortrat, da erschien der Vesuvausbruch von 79 n. Chr., der sie vor zwei Jahrtausenden zerstört hat, in einem ganz neuen Licht. Denn so wahr er für die damaligen Menschen die Vernichtung einer blühenden Stadt gewesen ist, so wahr ist er für die heutigen deren Bewahrung. Eine Bewahrung, die bis ins kleinste und einzelne geht, so daß wir in den Hunderten kleiner Inschriften, mit denen die Pompejaner ihre Wände bedeckten, so wie wir mit Anschlägen die unsern, einen Blick in ihr alltäglichstes Leben tun: ihre Streitigkeiten in der Stadtverordnetenversammlung, ihre Tierkämpfe, ihre Zänkereien mit Vorgesetzten, ihre Gewerbe, ihre Schenken. Unter diesen Hunderten Inschriften aber stoßen wir schließlich auf eine, von der wir uns wohl vorstellen können, es sei die letzte gewesen, und angesichts des drohenden Feuerscheins, der schon über die Stadt fiel, habe ein Jude oder ein Christ, der dahin verschlagen gewesen, sie an die Mauer gemalt. »Sodom und Gomorrha« heißt diese letzte unheimliche Mauerinschrift Pompejis.

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