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Rundfunkarbeiten

Walter Benjamin: Rundfunkarbeiten - Kapitel 22
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Benjamin
titleRundfunkarbeiten
publisherSuhrkamp
seriesGesammelte Schriften
volumeSiebter Band. Erster Teil
printrunErste Auflage
editorRolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser
year1991
isbn3-518-28537-8
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neapel

Wenn man Neapel sagt, woran denkt ihr da wohl zuerst? Ich glaube, an den Vesuv. Werdet ihr nun sehr unzufrieden sein, wenn ihr von mir gar nichts über den Vesuv hört? Ja, wenn mein größter Wunsch je in Erfüllung gegangen wäre – ein häßlicher Wunsch, aber ich hatte ihn nun einmal – einen Ausbruch des Vesuvs zu erleben, das wäre natürlich was anderes. Acht Monate habe ich in der Gegend gesessen und immer gewartet. Bin auch auf den Vesuv gestiegen, habe in den Krater hineingeguckt. In Neapel aber war alles, was ich an Aufregendem zu sehen bekam, ein roter Feuerschein, der bisweilen, wenn ich nachts in einem Wirtshausgarten, neben der höchsten Höhe der Stadt, dem Castel St. Elmo saß, am Himmel aufzuckte. Und tagsüber? Ja denkt ihr, in Neapel bleibt einem viel Zeit, sich nach dem Vesuv umzugucken? Man ist ja froh, wenn man mit heiler Haut aus dem Treiben von Autos, Droschken, Motorrädern, mit heilen Nerven aus dem Getöse der Ausrufer, Signalhupen, der rasselnden Klingeln der Elektrischen, dem langgezogenen Schrei der Zeitungsjungen herauskommt. Gar nicht so einfach, da von der Stelle zukommen. Gerade als ich zum ersten Mal in Neapel ankam, wurde die Untergrundbahn eröffnet. Ich dachte mir: fein, da kann ich ja mit meinen Koffern gleich von der Bahn bis in die Gegend von meinem Hotel fahren. Da kannte ich aber Neapel noch schlecht. Wie der U-Bahnzug in die Halle einfuhr, hingen an allen Fenstern und Türen, saßen und standen auf allen Plätzen neapolitanische Straßenbengel. Denen machte das Spaß, daß die Bahn vor zwei oder drei Tagen eröffnet war. Ob für sie oder nicht eher für ernste erwachsene Leute, die ihren Geschäften nachgehen, war ihnen ganz egal. Sie sparten sich die paar Soldi zusammen, und dann ging's immer lustig zwischen den Stationen hin und her. So wimmelten die neuen Züge von Menschen, ohne daß die, denen es eilig war, an ihre Bestimmungsorte gelangt wären.

Ohne wimmelndes Volk können die Neapolitaner das Dasein sich gar nicht vorstellen. Ich will euch ein Beispiel sagen: wenn alte deutsche Maler die Anbetung der heiligen drei Könige malten, so sieht man Melchior, Kaspar, Balthasar, allenfalls ihr Gefolge, mit den Geschenken dem Christkinde nahen. Die Neapolitaner aber stellen sich die Anbetung als riesigen Volksauflauf vor. Ich spreche davon, weil gerade diese Darstellungen in der ganzen Welt berühmt wurden. Aus Neapel stammen nämlich die schönsten Krippen. Dort marschiert am 6. Januar, dem Dreikönigstage, von jeher ein ungeheures Aufgebot von Puppen auf, und die ausgestellten Krippen überbieten einander an Masse und an Lebenswahrheit der Figuren. Dabei muß man freilich nicht an die alten Juden denken: die Neapolitaner interessierte vielmehr die getreue und lebendige Darstellung dessen, was sie alltäglich vor sich hatten, und so sind diese Krippen nach Tracht und Treiben des kleinen Volkes mehr ein lebendiges Abbild der Stadt Neapel als des Morgenlandes. Freilich, Wasserverkäufer, Hausierer, Gaukler gibt es hier wie dort. Aber die Makkaroniverkäufer, die Muschelhändler, die Fischer, die wir unter dem Krippenvolk finden, sind echt Neapolitaner Erscheinungen. Daß ein solches Menschengewühl nicht nur aus Engeln besteht, aus braven Mustermenschen, werdet ihr euch selbst sagen. Wollt ihr aber wissen, wie die wirklich gefährlichen Leute in Neapel aussehen, so dürft ihr nicht an wilde, schwarzbärtige Banditen, an die Rinaldo Rinaldinis denken. Nein, die schlimmsten neapolitanischen Bösewichte machen den Eindruck von ehrlichen Spießern, haben auch oft ein ganz harmloses Gewerbe. Sie sind nicht Verbrecher auf eigene Faust, sondern Mitglieder einer geheimen Gesellschaft, die nur eine gewisse Anzahl von richtigen Dieben und Mördern ihr eigen nennt und deren übrige Mitglieder nichts zu tun haben, als diese wirklichen Verbrecher vor der Polizei zu schützen, sie bei sich zu beherbergen, sie zu verständigen, wenn ihnen Gefahr droht, Gelegenheit zu neuen Schandtaten ihnen zu melden. Dafür beziehen sie dann einen Anteil der Beute. Diese weitverzweigte Verbrechergesellschaft heißt die Camorra.

Da wir nun einmal bei den schlechten Seiten der Neapolitaner sind, wollen wir uns umsehen, wie sie denn gegen die übrigen Italiener abschneiden. Da gibt es eine alte Liste der sieben Todsünden; wie die sich auf die sieben wichtigsten Städte Italiens verteilen. Habt ihr einmal von den sieben Todsünden gehört? Ihr werdet gleich hören, welche das waren. Die Italiener haben sie nämlich über ganz Italien verteilt. Alle großen Städte haben dabei etwas abbekommen: der Hochmut sollte in Genua wohnen, der Geiz in Florenz, die Üppigkeit in Venedig, der Zorn in Bologna, die Fresserei in Mailand, der Neid in Rom, in Neapel aber die Faulheit. Die treibt nun wirklich in dieser Stadt die merkwürdigsten Blüten. Es ist nicht einfach so, daß die armen Leute, die nichts zu tun haben, in der Sonne liegen und schlafen und, wenn sie aufwachen, sich am Hafen oder in den Gegenden, wo die Fremden verkehren, ein paar Centimes zusammenbetteln. Manchmal passiert es doch auch, daß so ein armer Bursche Arbeit bekommt. Was machen die Neapolitaner dann? Sie verzichten auf zwei Drittel ihres Verdienstes und werben dafür einen anderen an, den sie die Arbeit tun lassen. Ihnen selbst ist es lieber, wenn sie mit fünf Lire in der Sonne liegen können, als daß sie 15 verdienen. Vielleicht kommt es auch von der Faulheit, daß in Neapel das Lottospiel eine so große Leidenschaft ist wie kaum irgendwo sonst. Natürlich meine ich nicht das Bilderlotto: in Italien heißt Lotto das, was wir hier Lotterie nennen. Jeden Sonnabend um vier Uhr drängt man sich auf dem Vorplatz des Hauses, wo die Nummern gezogen werden. Und immer wieder versuchen die Leute ihr Glück, so oft sie auch allen Prophezeiungen der Kartenlegerin, allem Aberglauben an Glücksnummern zum Trotz schon hereinfielen.

Vielleicht hängt es nicht nur mit dem Klima zusammen, daß die Neapolitaner faul sind. Und überhaupt gilt das nur von der körperlichen Arbeit, die machen sie nicht gern. Beim Handeln dagegen, Geschäfte vermitteln, da sind sie ganz in ihrem Element. Die Neapolitaner sind ganz große Handelsleute, und die Bank von Neapel ist über 500 Jahre alt, eine der ältesten von Europa. – Aber das wollte ich sagen: die Neapolitaner arbeiten ungern körperlich, nicht nur weil man des Klimas wegen einen Teil des Jahres ganz gut ohne ein Dach über dem Kopf auskommen kann, nicht nur weil von dem überreichen Vorrat von Früchten und Seetieren, den man auf offener Straße aufgespeichert findet, immer mal etwas abfällt, sondern auch weil die Arbeit, in den Fabriken wenigstens, besonders hart ist. Die Industrie von Neapel ist nämlich heute noch, trotzdem die Stadt bald eine Million Einwohner haben muß, sehr zurückgeblieben. Man darf da nicht an neue, saubere, helle Fabrikgebäude denken, wie es sie in Deutschland in den großen Städten jedenfalls vielerorts gibt. Man muß nur einmal die trostlosen Baracken in Portici, Torre Annunziata, Biscragnano und Nocera, kurz in irgendwelchen der zahllosen Vorstädte angesehen haben, muß die endlosen staubigen Straßen, an denen sie liegen, in der Sonnenhitze selber gegangen sein und den Versuch gemacht haben, sich in einer von ihnen zurechtzufinden, um zu verstehen, daß viele selbst den elendesten Müßiggang der Industriearbeit unter solchen Verhältnissen vorziehen. Fabriziert werden in Neapel vor allem einmal Lebensmittel. Zunächst werden die vielen Früchte, die auf den Abhängen des Vesuv reifen, daneben auch Tomaten zu Konserven verarbeitet. Weiter fabrizieren sie dort Makkaroni in allen Größen und Formen. Diese Erzeugnisse gehen vor allem nach Indien und nach Amerika, weil die anderen Länder am Mittelmeer ähnliches hervorbringen und anbieten. Daneben gibt es vor allem große Webereien; die stellen aber nur die billigsten Stoffe her. Gegründet sind sie auch nicht von Neapolitanern, sondern meistens von Ausländern. Von einem Artikel aber merkt man es nach dem ersten Tag in Neapel, daß er an Ort und Stelle fabriziert wird, so voll sind die Straßen davon: nämlich von Möbeln und vor allem von Betten. Andere Handelsgegenstände dagegen findet man viel mehr in einzelnen ganz bestimmten Straßen beieinander, wo es dann zehn oder 20 Läden gibt, die mit den gleichen Gegenständen handeln. Man sollte meinen, damit schaden die Händler sich gegenseitig, aber das scheint nicht so zu sein, sonst fände man ähnliches nicht auch in anderen Städten. So gibt es besondere Straßen, wo man vor allem Lederhandlungen findet; andere, da werden in jedem dritten Laden alte Bücher verkauft. Wieder in einer anderen sitzen die Uhrmacher aufeinander.

Aus allen diesen Läden drängt die Ware ins Freie: Bücher liegen in kleinen Kästen vor den Buchhandlungen. Betten und Tische stehen zur Hälfte schon auf dem Pflaster. Strümpfe und Kleider hängen im Hausgang und an den Häuserwänden. Ein guter Teil des Neapolitaner Handels kommt aber überhaupt ohne Läden aus und begnügt sich ganz mit der Straße. Ich erinnere mich an einen Mann, der stand auf einer ausgespannten Kutsche an einer Straßenecke. Alles drängte sich um ihn. Der Kutschbock war aufgeklappt, und der Händler entnahm ihm irgend etwas unter beständigen Anpreisungen. Was es eigentlich war, konnte ich gar nicht herauskriegen, denn ehe man es noch zu sehen bekam, verschwand es jedesmal in einem rosa oder grün gefärbten Papierchen. So hielt er es hoch in der Hand, und im Nu war es gegen einige Soldi verkauft. Ich fragte mich, ob da vielleicht Lose in den Papieren waren oder kleine Kuchen, in denen Münzen versteckt waren, oder Wahrsagesprüche. So geheimnisvoll war die Miene des Mannes wie die eines Krämers aus 1001 Nacht. Aber das Geheimnisvollste an dieser Sache war, wie ich schließlich merkte, nicht die Ware, sondern die Kunst des Händlers, der sie so schnell los wurde. Was war in den bunten Papierchen? Was wickelte er in die bunten Papierchen? Nur eine Zahnpasta. – Ein andermal, wie ich gerade früh auf war, sah ich einen Straßenhändler ankommen, der gerade den Koffer mit seinem Kram auspackte. Aber wie er das tat, das war schon eine richtige Theatervorstellung. Regenschirme, Hemdenstoffe, Umschlagtücher, jedes Stück stellte er einzeln seinem Publikum vor, mißtrauisch, als müsse er selbst erst die Ware prüfen – dann begann er scheinbar vor Bewunderung, vor Überraschung, wie schöne Sachen er da hätte, sich zu erhitzen, breitete ein Tuch aus, verlangte 500 Lire – das wäre ungefähr 80 Mark. Dann auf einmal schlug er es gelassen wieder zusammen, mit jedem Faltenschlag ging er im Preis herunter und schließlich, wie es ganz klein in seinem Arm lag, kam er mit seinem letzten Preis heraus: 50 Lire.

Wenn es so schon an einer beliebigen Straßenecke zugeht, dann könnt ihr euch vorstellen, wie in Neapel ein Markt aussieht. Von allen Märkten ist der Fischmarkt der seltsamste. Seesterne, Krebse, Polypen, Schnecken, Tintenfische und vieles andere Gewürm, bei dessen bloßem Anblick euch eine Gänsehaut herunterlaufen wird, wird da als Leckerbissen geschlürft. Ich kann euch sagen, für mich ist es nichts Leichtes gewesen, mir das erste Stück Tintenfisch aus der roten gepfefferten Brühe, in der er schwamm, mit dem Löffel herauszuangeln. Nur war ich immer der Meinung, in fremden Ländern genüge es nicht, die Augen aufzumachen und, wenn man es kann, die Sprache der Leute zu sprechen. Vielmehr muß man versuchen, möglichst sich den Gewohnheiten des Landes in Wohnen, Schlafen, Essen anzupassen. Hat man das eine Weile getan, dann schmeckt einem Tintenfisch jedenfalls wundervoll. Warum sollte es auch nicht? Die Neapolitaner sind sehr große Sachverständige im Essen. Was man in Deutschland nur in den feinsten Restaurants findet: daß man das Fleisch, die Fische usw. zu sehen bekommt, bevor sie zubereitet werden, das findet ihr in Neapel in der ärmlichsten Kneipe. Überall liegt der kleine Vorrat, den der Gastwirt gerade für den Tag eingekauft hat, im Fenster. Ganz große Fressereien gibt es am 7. September. Da wird in Neapel Piedigrotta, ein altes römisches Fest der Fruchtbarkeit, welches bis auf den heutigen Tag sich erhalten hat, gefeiert. Und wie machen es nun die armen Leute, damit sie und ihre Familie an diesem Tage auch etwas Gutes in ihrer Schüssel haben? Das ganze Jahr zahlen sie Woche für Woche dem Krämer 20 oder 30 Soldi über ihre Wochenrechnung hinaus. Der Überschuß wird am Tage von Piedigrotta zusammengezählt, und dafür haben sie dann ihr Stückchen Ziegenbraten, ihren Käse, ihren Wein. So versichert man sich in Neapel für das Nationalfest, wie man sich bei uns gegen Alter oder Unfall versichert.

Wie das aber bei Piedigrotta im übrigen zugeht, davon kann man wahrhaftig kaum einen Begriff geben. Stellt euch vor, daß in einer Stadt von einer Million Einwohner alle Jungens und Mädels sich verschworen haben, beim Einbruch der Dunkelheit straßauf, straßab in Haustoren, auf Plätzen, unter Brücken und Bogen den erdenklichsten Höllenspektakel zu machen und vor Morgengrauen nicht damit aufzuhören. Stellt euch weiter vor, daß sich die meisten eine von den schauerlichen bunten Tuten, die zu fünf Centimes an allen Straßenecken ausgeboten werden, gekauft haben. Daß sie in Banden herumlaufen und nichts im Kopf haben, als harmlose Leute abzufangen, ihnen den Weg zu versperren, sie in die Mitte zu nehmen und ihnen von allen Seiten die Ohren voll zu tuten, bis die Opfer halbtot umfallen oder bis es ihnen gelingt zu entwischen. Zur Entschädigung dafür gibt es dann allerdings anderswo für die Ohren Süßes und Angenehmes. An diesem Tage ist nämlich in Neapel eine Art Wettsingen der Liederdichter. Die meisten der Lieder, die von Akkordeons und Holzklavieren tagaus, tagein in den Straßen verbreitet werden, kommen zum ersten Male am Piedigrotta-Feste heraus, und die schönsten von ihnen werden von den Sachverständigen preisgekrönt. Schön singen zu können, macht in Neapel einen Mann beinahe ebenso angesehen wie in Amerika gut boxen zu können.

Es gibt aber nicht nur die großen Feiertage. In dieser Stadt ist beinahe jeden Tag etwas los. Jedes Stadtviertel hat nämlich seinen besonderen Heiligen, unter dessen Schutze es steht, und am Namenstag dieses Heiligen wird von früh an gefeiert. Ja, es beginnt schon einige Tage vorher, wenn die Masten errichtet werden, an denen man dann die grünen, blauen oder roten Glühbirnen anbringt, wenn die Girlanden aus Papier von einer Straßenseite zur anderen gezogen werden. Papier in allen Farben spielt im Straßenbild die größte Rolle; sein Glanz, seine Beweglichkeit und sein schneller Verschleiß entspricht genau dem lebhaft launischen Wesen der Einwohner. Rote, schwarze, gelbe und weiße Fliegenwedel, Altäre aus farbigem Glanzpapier an den Mauern, grüne Papierrosetten an den blutigen rohen Fleischstücken fallen allerorten ins Auge. Die fahrenden Leute, von denen die Straßen hier niemals leer werden, haben schnell ausgekundschaftet, in welcher Stadtgegend gerade gefeiert wird, und wenden sich natürlich am liebsten dorthin. Auf was für Gesellschaft bin ich nicht da gestoßen: vom Feuerfresser, der auf dem Trottoir einer breiten Straße seelenruhig seine brennenden Schüsseln um sich herumbaut, um von einer nach der anderen die Flammen zu schlucken, bis zum Silhouettenschneider, der sich im Schatten einer Torfahrt angesiedelt hat und seine Modelle ins grelle Licht stellt, um ihnen gegen Zahlung einer Lira das sprechend ähnliche Profil in schwarzes Glanzpapier zu schneiden. Ich spreche nicht von den Wahrsagern und Athleten; solche Leute könnt ihr auf Jahrmärkten hier wohl auch treffen. Aber von einer sonderbaren Art Maler will ich erzählen, wie ich ihr außerhalb von Neapel niemals begegnet bin. Zuerst sah ich nicht etwa ihn, den Maler, sondern nur eine Menschenmenge, in deren Mitte es leer zu sein schien. Ich trat näher. Da kniete in der Mitte dieses Menschenknäuels ein kleiner, unscheinbarer Kerl und malte mit bunter Kreide auf den Stein einen Christus, darunter den Kopf der Madonna. Er nimmt sich Zeit. Man sieht, er will seine Arbeit genau machen; er überlegt sich, an welchen Stellen er grüne, gelbe oder braune Kreide anlegt. Nach einer ganzen Weile erhebt er sich und beginnt nun, stumm neben seinem Werk zu warten, eine Viertelstunde, auch eine halbe, bis allmählich Glieder, Kopf, Rumpf seiner Zeichnung mit je zwei oder drei Kupfermünzen, die ihm Bewunderer dahinein geworfen haben, bedeckt sind. Dann sammelt er sein Geld auf, und die Zeichnung ist bald unter den Tritten der Leute verschwunden. – Jedes Fest aber wird bekrönt mit einem Feuerwerk über dem Meere. Genauer müßte man wohl sagen, wurde bekrönt. Damals jedenfalls im Jahre 1924, als ich zum erstenmal da war. Später kam dann die Regierung darauf, welche Unsummen so Jahr für Jahr in die Nachtluft hinausflogen, und man gab den Befehl, die Feuerwerke etwas einzuschränken. An jenen früheren Abenden aber lief ein einziger Feuerstreif von Juli bis September die Küste zwischen Neapel und Salerno entlang. Bald über Sorrent, bald über Minori oder Praiano, immer aber über Neapel standen feurige Kugeln. Und jede Kirchengemeinde suchte das Fest der benachbarten mit neuen Lichteffekten zu übertrumpfen.

Da habe ich euch ein bißchen vom Alltag und ein bißchen vom Festtag Neapels erzählt, und das Merkwürdigste ist, wie beide ineinandergehen, wie an jedem Alltag die Straßen etwas Festliches haben, voll von Musikstücken und von Müßiggängern sind, über denen die Wäsche wie Fahnen flattert, und wie auch noch der Sonntag etwas vom Werktag hat, weil jeder kleine Krämer seinen Laden offen halten kann bis in die Nacht. Um die Stadt ganz kennenzulernen, müßte man wahrscheinlich auf ein Jahr sich in einen Neapolitaner Briefträger verwandeln können. Da würde man mehr Kellerlöcher, Mansarden, Hinterhöfe, Schlupfwinkel kennenlernen als in vielen anderen Städten zusammen. Und doch auch der Briefträger würde Neapel niemals ganz kennenlernen. Wie viele Zehntausende leben da, die im Jahr nicht einen einzigen Brief bekommen, die nicht einmal eine Wohnung haben. Das Elend ist groß in der Stadt und der ganzen Gegend. Aus ihr stammen denn auch die meisten italienischen Auswanderer. Als Zwischendeckpassagiere eines Amerikadampfers haben Zehntausende schon den letzten Blick auf ihre Heimatstadt geworfen, die im Abschied noch einmal so schön mit ihren unabsehbar gestaffelten Treppen, ineinander geschachtelten Höfen, den Kirchen, die im Häusermeer verschwinden, daliegt. Mit diesem Blick auf die Stadt wollen auch wir sie heute verlassen.

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