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Rundfunkarbeiten

Walter Benjamin: Rundfunkarbeiten - Kapitel 21
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Benjamin
titleRundfunkarbeiten
publisherSuhrkamp
seriesGesammelte Schriften
volumeSiebter Band. Erster Teil
printrunErste Auflage
editorRolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser
year1991
isbn3-518-28537-8
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Bootleggers

Die Bootleggers – was das wörtlich heißt, werden wir nachher hören. Es war klug von der Rundfunkzeitung, daß sie gleich »oder die amerikanischen Alkoholschmuggler« daneben gesetzt hat. Sonst hättet ihr die Eltern erst fragen müssen. Die wissen, was für Leute Bootleggers sind, und haben grade in diesen Wochen wieder viel von dem berühmten Jacques Diamond gelesen, dem reichen Bootlegger, der vor seinen Feinden nach Europa geflohen war, aber in Köln verhaftet und nach Amerika zurücktransportiert wurde. Für diese Art Leute, die mit allen Hunden gehetzt und mit allen Wassern gewaschen sind, interessieren sich also vielleicht die paar Erwachsenen, die sich in diese Jugendstunde verirrt haben. Und vielleicht interessieren sie sich auch noch für etwas anderes, die Frage nämlich: soll man Kindern überhaupt solche Geschichten erzählen? Von Schwindlern, von Verbrechern, die die Gesetze übertreten, um ein Dollarvermögen zu machen, und noch dazu gelingt es ihnen auch oft. Ja, so kann man schon fragen, und ich hätte wirklich kein gutes Gewissen, wenn ich mich nun einfach hinstellen und euch so eine Räuberpistole nach der andern vor den Ohren losknallen würde. Ich muß schon ein paar Worte über die großen und wichtigen Absichten und Gesetze euch sagen, die den Hintergrund der Geschichten bilden, in denen die Alkoholschmuggler die Helden sind.

Ob ihr schon von der Alkoholfrage gehört habt, weiß ich nicht. Aber ihr habt alle schon Betrunkene gesehen, und man braucht solche Wesen ja nur anzusehen, um zu verstehen, wie Männer dazu kamen, sich die Frage zu stellen, ob man nicht von Staats wegen den Alkoholausschank verbieten könne. Jedenfalls hat man das in den Vereinigten Staaten im Jahre 1920 durch ein verfassungsänderndes Gesetz wirklich getan. Seitdem gibt es drüben die sogenannte Prohibition, das heißt ein Verbot, Alkohol zu verabreichen, außer zu Heilzwecken. Wie ist es zu diesem Gesetz gekommen? Das hat eine ganze Menge Gründe, und wenn man ihnen nachgeht, erfährt man nebenbei allerhand Wichtiges von den Amerikanern. Vor 300 Jahren landeten mit dem kleinen Schiff Mayflower an einem Dezembertag an dem felsigen Ufer des heutigen Staates Massachusetts, wo Plymouth liegt, die ersten europäischen Ansiedler, die Ahnen der weißen Amerikaner. Heute nennt man sie die Hundertprozentigen, und damit meint man ihre Überzeugungstreue, ihre Strenge, die Unerschütterlichkeit ihrer religiösen und sittlichen Grundsätze. Diese ersten Einwanderer gehörten nämlich der Sekte der Puritaner an. Ihre Nachwirkungen sind noch jetzt in Amerika deutlich spürbar. Eine von diesen Auswirkungen christlich-puritanischen Wesens ist die Prohibition. Die Amerikaner nennen sie das edle Experiment. Für viele von ihnen ist die Prohibition nicht nur eine gesundheitliche oder wirtschaftliche Angelegenheit, sondern gradezu eine religiöse. Sie nennen Amerika Gottes eigene Heimat und sagen, das Land sei sich dies Gesetz schuldig. Einer seiner größten Anhänger ist der Automobilkönig Ford. Der nun nicht, weil er Puritaner wäre, sondern er sagt: ich kann meine Autos so billig nur verkaufen, weil wir die Prohibition haben. Warum? Früher trug der Durchschnittsarbeiter einen großen Teil seines Wochenlohnes in die Kneipe. Jetzt, wo er sein Geld nicht mehr vertrinken kann, muß er sparen. Hat er einmal angefangen zu sparen, so sieht er, es wird bald für ein Auto reichen. So, sagt Ford, habe ich durch die Prohibition meinen Absatz an Autos vervielfacht. Und wie er denken viele amerikanische Fabrikanten. Aber nicht nur, daß die großen amerikanischen Unternehmen durch das Alkoholverbot mehr verkaufen, sie können auch billiger fabrizieren. Ein Arbeiter, der nicht trinkt, ist natürlich viel leistungsfähiger als einer, der es regelmäßig, wenn auch nicht viel, tut. So wird in derselben Zeit von derselben Arbeitskraft mehr hergestellt als früher, und wenn dieses Mehr auch nur ein sehr kleines ist: für die Volkswirtschaft eines Landes multipliziert sich diese winzige Mehrleistung des einzelnen mit der Zahl aller Arbeitenden und aller Arbeitsstunden im Lauf von zehn Jahren.

Nun genug, jetzt wißt ihr, was Prohibition ist, jetzt wißt ihr, warum man sie eingeführt hat, jetzt wollen wir sehen, was es mit den Bootleggers für eine Bewandtnis hat. Diese Leute heißen »die Stiefelschäftler« in Erinnerung an die Goldgräberzeit in Clondyke, wo jeder Mann die Schnapsflasche im Stiefelschaft stecken hatte. Wenn ich euch nun ein paar von den unzähligen Tricks verrate, mit denen die Leute arbeiten, müßt ihr nicht denken, daß es nun deshalb überall in Amerika eine Kleinigkeit sei, Wein, Bier oder gar Schnaps zu kriegen. Das ist es nicht, zumal nach amerikanischem Gesetz nicht nur der Verkäufer, sondern auch der Verbraucher strafbar ist. Natürlich sind aber die Strafen gegen die ersteren die schärferen. Die Grausamkeit dieser Strafen ist sogar einer der Gründe, mit denen die Gegner der Prohibition sich gegen dieses Gesetz wenden. Sie hat zur Folge, daß nur eine Art von Elite unter den Gewissenlosen, die Allerunerschrockensten und Kühnsten, Bootlegger werden. Wir folgen ihnen nun zuerst auf das Meer, wo sie ihre Tätigkeit aufnehmen. Die Gesetze bestimmen, daß kein Schiff, das Alkohol führt, der amerikanischen Küste sich auf mehr als 14 Meilen nähern dürfe. Da beginnen die sogenannten Territorialgewässer, und an dieser Grenze müssen sogar die gewöhnlichen Passagierdampfer, die aus Europa kommen, ihre Alkoholvorräte unter Siegel verschließen. Die großen Exportgeschäfte, die ihren Alkohol in Amerika absetzen wollen, denken nun gar nicht daran, die Gefahren des Schmuggels selber zu übernehmen. Sie schicken ihre Frachtschiffe mit der Ordre, außerhalb der Territorialgewässer sich vor Anker zu legen. Da werden sie von den amerikanischen Zollkuttern zwar gesichtet, tun aber können ihnen die nichts. Doch vor allem werden sie von den kleinen Schmugglerbooten der Bootleggers gesichtet, die Tag und Nacht die Rumstraße, so nennt man wegen des Schmuggels mit Rum diese Grenzlinie, durchschießen. Deren Aufgabe ist es nun, die Aufmerksamkeit der Zollschiffe irrezuführen, jeden kleinsten Umstand, Nebel, mondlose Nächte, aber genausogut die Bestechlichkeit eines Zollbeamten oder besonders stürmischen Seegang, der die Verfolgung erschwert, sich zunutze zu machen, um mit ihrer Ladung einen geheimen Anlegeplatz auf dem Festlande zu erreichen. Polizei und Schmuggler müssen dabei an Geistesgegenwart und List einander ständig zu übertreffen suchen. Hier erzähle ich zwei kleine Schnurren, in denen mit einem ähnlichen Trick einmal die Schmuggler und einmal die Zollwächter Oberwasser bekamen. Ein Kutter der Kriegsmarine verfolgte eines Tages ein Petroleumboot, dessen Ladung ihm verdächtig schien. Als er das Boot, dessen Motoren nicht sehr stark waren, fast erreicht hatte, kamen die Schmuggler auf einen unvorhergesehenen Einfall: sie warfen einen der Ihren über Bord. Und während der Kutter stockte, um den Mann zu retten, entfernte sich das Boot blitzgeschwind und ließ hinter sich nur eine majestätische Furche zurück. Aber nicht immer hat, wie gesagt, die Zollbehörde das Nachsehen. Da gibt es die Geschichte von dem Dampfer Frederic B. aus Southampton, der 100 000 Kisten Liköre und Champagner im Werte von 180 Millionen Francs geladen hatte. Dieses Schiff mit seinem geheimnisvollen, unter dem Namen Jimmy bekannten Kapitän war der Schrecken der schlaflosen Nächte der Zollbeamten. Die amerikanische Verwaltung versprach demjenigen, der sich Jimmys bemächtigen würde, einen hohen Preis. Ein ganz junger Mann, Paddy mit Vornamen, ließ sich auf das Abenteuer ein. Mit einigen Dollars und einem Händedruck im Namen der gesamten Zollbehörde der Vereinigten Staaten fuhr er ab. – Einige Tage darauf stieß ein stattlicher Frachtdampfer, nämlich eben der Frederic B. aus Southampton, der in der Rumstraße in der Nähe des Bahama-Archipels herumlungerte, mit einer Fischerbarke zusammen. Der Dampfer nahm natürlich die Schiffbrüchigen auf, vier Männer und einen Schiffsjungen namens Paddy. Die vier Fischer wurden auf ihren Wunsch gelandet, der Schiffsjunge jedoch erbat und erhielt die Erlaubnis, auf dem Dampfer Dienst zu nehmen. Kaum aber war die zweite Nacht gekommen, so ließ der Schiffsjunge ein Tau herab, das vier energischen Männern als Leiter diente. Mit dem Revolver in der Hand bemächtigten sie sich des Steuerruders und des Telefons. Das Spiel war gewonnen. Im Maschinenraum glaubte man, den Befehlen des Kapitäns Jimmy zu gehorchen, und der Frederic B. aus Southampton fuhr in den Hafen von Miami ein, wo die Zollbehörden ihn in Empfang nahmen und die Ladung von 180 Millionen Franken im Meer versenkten.

Die Rumstraße, die ständig von ungefähr 400 Küstenschiffen kontrolliert wird, ist aber nur eine der Fronten, an denen der Kampf zwischen Alkoholbanditen und Staat sich abspielt. Da gibt es im Innern, an der Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten, die großen Seen. Dort spielt sich die Sache für gewöhnlich folgendermaßen ab: die Zollbehörden haben, sagen wir: drei Schiffe. Dann setzen die Schmuggler zwölf ein. Die drei können im besten Falle vier oder fünf Schmugglerschiffe in Schach halten oder verfolgen. Die Verfolgten kehren, wenn die Sache gefährlich wird, auf halbem Weg um und fahren ganz friedlich wieder nach Kanada zurück. Die sieben oder acht andern dagegen landen unbehelligt irgendwo am Ufer des Staates Illinois. »Ja, warum setzen die Zollbehörden denn nicht ebenfalls zwölf Kutter ein«, fragte ich den amerikanischen Freund, der mir diese Geschichte erzählte. Der sah mich an, lächelte und erklärte: »Dann würden die Schmuggler eben 36 einsetzen.« Mit andern Worten: die Verdienste der Leute sind so groß, daß sie keine Unkosten zu scheuen haben. Rosig aber darf man sich deshalb ihr Dasein noch lange nicht vorstellen. Ja, wenn die Zollbehörden ihre einzigen Gegner wären, ließe sich's am Ende noch machen. Aber die wahren gefürchteten Feinde stehen woanders. Das sind die Hijackers, so nennt man eine Sorte Banditen, die sich die Alkoholvorräte, mit denen sie ihre Geschäfte machen, nicht wie die Bootleggers von den Schiffen, sondern von den Bootleggers selbst holen. Aber ohne Bezahlung durch Raub. Der Interessengegensatz zwischen Schmugglern und Räubern, denn darauf kommt es im Grunde hinaus, hat jahrelang die berühmte und berüchtigte Unterwelt von Chicago beherrscht. Die meisten Morde, die da auf offener Straße vorfielen, regelten die Privatangelegenheiten zwischen diesen beiden Sorten von Gentlemen. In Chicago spielt auch die abenteuerliche Geschichte, die ein amerikanischer Journalist, ein gewisser Arthur Moss, erzählt hat. Er war grade im Begriff, in seinen Klub zu gehen, als er bemerkte, wie eine Mannschaft anständig aussehender Fischer von einem nach Meersalz riechenden Lastwagen eine ganze Ladung kleiner Haifische ablud. Nun sind zwar Haifischflossen eine beliebte Delikatesse, aber doch eine ziemlich ausgefallene, und Herr Moss wunderte sich, seit wann sie denn so begehrt sei, daß man solchen Vorrat von Haifischen nötig habe. Während er da noch darüber nachdachte, fiel ihm die Sorgfalt auf, mit der jeder einzelne der kleinen Haifische auf einer schiefen Ebene vom Wagen herabgerollt und von aufmerksamen Händen in Empfang genommen wurde. Da trat auch schon ein anscheinend sanfter und harmloser Herr an den Wagen, und trotz des wenig zuvorkommenden, ja mürrischen Wesens der Seeleute bestand er darauf, einen der von ihnen so achtungsvoll behandelten Fische zu betasten. Es stellte sich heraus, daß der Herr Mitglied der Polizei war und daß im Innern jedes Fisches eine Flasche Whisky steckte.

Was sich die Bootleggers alles ausgedacht haben, um ihr Nasses ins Trockne zu bringen, geht ins Blitzblaue. Als Polizisten verkleidet, überschreiten sie die Grenze und haben die Whiskyladung in ihrem Helm. Sie veranstalten Leichenbegängnisse, nur um den Schnaps in Särgen über die Grenze zu kriegen. Sie tragen Unterwäsche aus Kautschuk, der mit Likör gefüllt ist. In Restaurants lassen sie Püppchen oder Fächer verkaufen, die im Innern eine Likörflasche tragen. Es gibt bald keinen noch so harmlosen Gegenstand, Regenschirm, Photoapparat, Stiefelleisten, in dessen Innern die Zollpolizei nicht einen Whiskyvorrat vermuten würde. Die Polizei und schließlich auch die Amerikaner. Man erzählt da eine hübsche Geschichte von einer Eisenbahnstation in der Nähe von New Orleans. Kleine Negerlein gehen an einem Zug, der dort hält, entlang und verbergen unter ihrer Kleidung Gefäße von verschiedenen Formen, auf denen groß »Kalter Tee« zu lesen ist. Ein Reisender macht ein Zeichen und kauft um den Preis eines Anzuges das Gefäß, das er geschickt versteckt. Noch einer, dann zehn, zwanzig, fünfzig. »Vor allem Ladys and Gentlemen«, flehen die Negerlein, »trinken Sie den Tee erst, wenn der Zug fährt.« Alle zwinkern, man weiß, was das heißen soll ... Ein Pfiff, der Zug fährt los, im Nu haben alle Reisenden das Gefäß an der Lippe, alle Nasen sind ellenlang geworden, denn was man da trank, war wirklicher, echter Tee.

Vor ein paar Wochen haben die amerikanischen Wahlen zum Repräsentantenhaus stattgefunden. Dabei hat auch die Prohibition eine Rolle gespielt. Die Wahlen haben gezeigt, daß sie viele Gegner hat. Und zwar nicht nur, wie ihr vielleicht denkt, unter den Leuten, die durchaus saufen wollen, sondern unter sehr klugen, nüchternen, nachdenklichen Menschen, die gegen Gesetze sind, die von der Hälfte aller Bewohner eines Landes übertreten werden, die die Erwachsenen zu unartigen Kindern machen, die etwas tun, nur weil es verboten ist, Gesetze, deren Ausführung den Staat ungeheuer viel Geld und deren Übertretung viele das Leben kostet. Unbedingt für die Beibehaltung dieser Gesetze sind die Bootleggers, die an ihnen reich wurden. Wir Europäer aber, die wir uns die Sache aus der Entfernung ansehen, werden uns überlegen, ob die Schweden, die Norweger, die Belgier, die weniger radikal und mit sehr viel milderen Gesetzen den Alkoholverbrauch in ihren Ländern bekämpft haben, nicht weiter gekommen sind als die Amerikaner mit Gewalt und mit Fanatismus.

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