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Rundfunkarbeiten

Walter Benjamin: Rundfunkarbeiten - Kapitel 18
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Benjamin
titleRundfunkarbeiten
publisherSuhrkamp
seriesGesammelte Schriften
volumeSiebter Band. Erster Teil
printrunErste Auflage
editorRolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser
year1991
isbn3-518-28537-8
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dr. Faust

Als Junge habe ich Geschichte aus dem Neubauer gelernt, den es an vielen Schulen, glaube ich, heute noch gibt, vielleicht sieht er jetzt aber anders aus als damals. Damals war das Auffallendste daran, daß die meisten Seiten in Groß- und Kleingedrucktes zerfielen. Das Großgedruckte waren die Fürsten, Kriege, Friedensschlüsse, Verträge, Jahreszahlen usw., das mußte man lernen, und es machte mir weniger Spaß. Das Kleingedruckte war die sogenannte Kulturgeschichte, das handelte von den Sitten und Gebräuchen der Leute in früheren Zeiten, ihren Überzeugungen, ihrer Kunst, ihrer Wissenschaft, ihren Bauten usw. Das brauchte man nicht zu lernen, sondern nur durchzulesen, und das machte mir Spaß. Von mir aus hätte es viel mehr sein können, wenn es auch noch viel kleiner wäre gedruckt gewesen. In der Stunde hörte man davon nicht viel. Der deutsche Lehrer sagte: das würden wir in Geschichte kriegen, und der Geschichtslehrer: das würden wir in der deutschen Stunde schon hören. Am Ende hörten wir meistens nichts.

Von Faust z.B. sagte man uns wohl, das große Drama von Goethe beruhe auf einer mehr als zweihundertjährigen Überlieferung von dem Lebens- und Teufelsbündnis des Erzzauberers Johann Faust, man sagte uns, daß sein Leben in zehn oder 20 Büchern beschrieben sei, die alle auf zwei zurückgingen, von denen das erste 1587 und das zweite 1599 erschienen sei, vielleicht sagte man uns sogar, daß der Dr. Johann Faust sicher gelebt hat, aber das war auch alles. Was in den ersten Büchern über ihn stand, die vielen Zaubergeschichten, Fahrten und Abenteuer, die er bestanden hatte, hörten wir nicht, trotzdem sie nicht nur wichtig sind, um den Faust von Goethe ganz zu verstehen, sondern auch Spaß machen.

Damit wir mitten hineinkommen, will ich euch gleich einmal eine von den wildesten Zaubergeschichten erzählen, hauptsächlich auch deswegen, weil sie mit gar nichts Ähnlichkeit hat, was ich in irgendwelchen Sagenbüchern gefunden habe. Freilich, das gibt es schon, daß ein Zauberer einem den Kopf abschlägt und ihn nachher auf wunderbare Art wieder ansetzt. Aber nun hört einmal diese Geschichte:

»Als Faust einmal im Wirtshaus von einigen guten Gesellen bewirtet wurde, begehrten diese, er solle ihnen die zauberische Enthauptung eines Menschen und das Wiederansetzen des Kopfes zeigen. Der Hausknecht gibt sich zu diesem Versuche her, und Faust schlägt ihm den Kopf ab. Als er ihn aber wieder ansetzen will, geht es nicht, woraus er ersieht, daß ihn einer der Gäste seinerseits durch Zauberei daran hindert. Faust verwarnt die Gäste und läßt, da der Schuldige den Zauber nicht aufhebt, eine Lilie aus dem Tisch hervorsprießen, deren Blüte er mit dem Messer abhaut. Alsbald fiel dem Gast, dessen Zauberei Faust gehemmt hatte, der Kopf vom Rumpf. Faust aber setzte dem Hausknecht den seinigen wieder auf und trollte sich von dannen.«

Solche Stücke nannte man damals mit einem gelehrten Namen Magia innaturalis, d.h. unnatürliche Zauberei. Im Gegensatz zur Magia naturalis, der natürlichen Zauberei, die das war, was wir heute Physik und Chemie und Technik nennen. Dem Faust, von dem wir im ersten Faustbuch hören, kam es mehr auf die erste Art der Magie an, auf krasse, unverschämte Zauberei, kraft deren er sich Geld in Hülle und Fülle, gute Speisen, teuere Weine, Reisen in ferne Länder auf einem Zaubermantel und ähnliche Dinge verschaffen wollte, während der Faust auf dem Theater, sowohl in dem Puppenspiel, von dem ihr nachher ein wenig hören werdet, wie auch in dem Drama von Goethe, kein Tunichtgut, sondern ein Mann ist, der sich dem Teufel verschreibt, um dafür der Geheimnisse der Natur, also der natürlichen Magie teilhaftig zu werden. Ja, das Puppenspiel fängt gleich so an, daß der Teufel in der Hölle sich mit seinem Minister Charon unterhält und ihm sagt, das wird ja schon langweilig, immer diese miserablen Schufte nur, die in die Hölle kommen. Ich möchte mal einen großen Mann hier unten herkriegen. Darauf begibt sich der Teufel Mephistopheles zu Faust, um ihn zu verführen.

Dieser Faust, um das kurz zu sagen, ist wahrscheinlich ungefähr 1490 in Süddeutschland geboren, hat sich dann später als Student schlecht und recht durchgeschlagen, bald mit Vorträgen, bald mit Schulunterricht, wie das in jener Zeit üblich war, und hat, das wissen wir aus den Registern der Universität, am 15. Januar 1509 in Heidelberg den Doktor gemacht. Nach diesem beginnt er wieder das alte Abenteurerleben, 1513 ist er nach Erfurt gekommen, wo er sich »Faust, der Heidelberger Halbgott« nennt, dann führte ihn sein Weg vielleicht nach Krakau, schließlich wahrscheinlich nach Paris, wo er im Dienste von Franz I. von Frankreich stand. Auch in Wittenberg ist er gewesen. In Luthers Tischreden ist an einer Stelle von Faust die Rede. Aus Wittenberg ist er aber geflohen, weil er seiner Zauberei wegen verfolgt wurde, und schließlich, wie wir aus der Zimmerschen Chronik wissen, um 1539 in einem württembergischen Dorf gestorben.

Aus dieser Chronik von dem Grafen Christof von Zimmern, derselben, in der wir die einzige Nachricht von Fausts Tod lesen, finden wir nun aber noch etwas viel Interessanteres. Da steht nämlich geschrieben, daß Faust eine Bibliothek hinterlassen hat. Die soll an den Grafen von Staufen gekommen sein, in dessen Land Faust gestorben sei. Nachher wären dann immer wieder Leute zu dem Grafen von Staufen gekommen, die hätten für teures Geld Bücher aus Fausts Nachlaß erwerben wollen. Wirklich wissen wir von einem Schwarzkünstler des 17. Jahrhunderts, daß er für einen sogenannten Höllenzwang 8000 Gulden ausgegeben hat.

Was ist nun ein Höllenzwang? Das sind die Beschwörungsformeln und Zauberzeichen, mit denen man den Teufel oder auch andere Geister, gute und böse, glaubte herbeirufen zu können. Ich weiß nicht, wie ich sie euch beschreiben soll. Die Zeichen sind weder Buchstaben noch Zahlen, höchstens erinnern sie bald an arabische, bald an hebräische Schrift, bald an verzwickte Figuren aus der Mathematik. Sinn haben sie überhaupt keinen außer dem, daß die Zaubermeister ihren Schülern, wenn diesen eine Geisterbeschwörung mißglückte, erklären konnten, sie hätten eben die Figuren nicht genau nachgezeichnet. Das wird oft richtig gewesen sein, denn sie sind so verwickelt, daß man sie eigentlich nur durchpausen kann. Die Worte aber von solchem Höllenzwang sind ein Kauderwelsch aus Lateinisch, Hebräisch und Deutsch, klingen sehr bombastisch, haben aber auch keinen Sinn.

Damals waren die Leute anderer Meinung, das könnt ihr euch denken. Ja, den Höllenzwang hielt man für so gefährlich, daß der Frankfurter Buchdrucker Johann Spieß, der 1587 das erste Buch über Faust druckte und mit einer Vorrede versehen hat, bemerkt, nach reiflicher Überlegung hätte er alles, was Ärgernis erregen könnte, weggelassen, also besonders die Beschwörungsformeln, die man in der Zauberbibliothek gefunden hätte. Ihr müßt euch so eine Zauberbibliothek, wie es wirklich viele im Mittelalter gegeben hat, nun weniger als eine Sammlung von Büchern, geschweige denn gedruckten, als vielmehr als einen Stapel handgeschriebener Hefte, beinahe wie Chemie- oder Mathematikhefte, vorstellen. Die Leute hatten nicht so unrecht, wenn sie den Besitz solcher Hefte als gefährlich ansahen, er war es. Aber nicht etwa, weil der Teufel in solche Häuser durch den Kamin gekommen wäre, sondern weil die Inquisition, wenn ihr zu Ohren kam, jemand besitze Zauberbücher, ihn verhaftete und wegen Zauberei anklagte. Wir kennen geschichtlich beglaubigte Fälle, in denen sogar der Besitz des Volksbuchs vom Dr. Faust für manche böse Folgen gehabt hat. Ja, noch ganz anderes konnte die bösesten Folgen haben. Wenn ihr später den Faust von Goethe lest, da werdet ihr finden, wie auf dem Osterspaziergang vor dem Stadttor dem Faust ein schwarzer Pudel zugelaufen kommt. Wie er dann später in seinem Zimmer ist, um zu studieren, stört der Pudel ihn durch sein lautes Treiben, und da spricht Faust bei Goethe zu ihm:

»Soll ich mit dir das Zimmer teilen,
Pudel, so laß das Heulen,
So laß das Bellen!
Solch einen störenden Gesellen
Mag ich nicht in der Nähe leiden.
Einer von uns beiden
Muß die Zelle meiden.
Ungern heb' ich das Gastrecht auf,
Die Tür ist offen, hast freien Lauf.
Aber was muß ich sehen!
Kann das natürlich geschehen?
Ist es Schatten? Ist's Wirklichkeit?
Wie wird mein Pudel lang und breit!
Er hebt sich mit Gewalt,
Das ist nicht eines Hundes Gestalt!
Welch ein Gespenst bracht' ich ins Haus!
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus,
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiß.
Oh! du bist mir gewiß!
Für solche halbe Höllenbrut
Ist Salomonis Schlüssel gut.«

Dieser Pudel ist ein verwandelter Teufel, der in den Zauberbüchern Praestigiar heißt, das könnte man auf deutsch ungefähr mit Zauberbold übersetzen. In den alten Büchern steht, auf Fausts Befehl habe dieser Pudel weiß, braun und rot werden können, und bei seinem Ende habe Faust ihn einem Abte in Halberstadt vermacht, der aber vom Besitz des Pudels keine Freude gehabt, vielmehr sehr bald sein Leben geendet habe. Wie fest nun damals im Volk der Glaube an dergleichen unsinnige Spukgeschichten gesessen hat, könnt ihr daraus sehen, daß ein großer Gelehrter – er hieß Agrippa von Nettesheim – von einem seiner Schüler ausdrücklich gegen den Vorwurf der Zauberei verteidigt werden mußte, den die Leute u.a. darauf begründeten, daß der Agrippa immer in Begleitung eines schwarzen Pudels zu sehen war.

Es gab in den ersten Faustgeschichten genug Stellen, die die Leute genauso aufnahmen, wie wir es heute tun, als seltsame, manchmal schauerliche, manchmal belustigende Geistergeschichten, über die man sich weiter den Kopf nicht zerbrach. Aber es gab auch andere Stellen und andere Leser. Wie ihr schon an der Bezeichnung sehen könnt, waren Physik und Chemie als natürliche Zauberei nicht in dem Sinne das Gegenteil von Zauberkunst, in dem sie es heute für uns sind. Wenn also beispielsweise die Zauberkunst von Faust in einigen Erzählungen sich darin erweist, daß er neugierigen Fürsten oder Studenten die Bilder der alten Griechen, Homer, Achill, der Frau Helena und anderer vorgeführt hat, und wenn auf der anderen Seite einige Leser solcher Geschichten vielleicht von der Laterna magica schon etwas gesehen oder gehört hatten, so war ein solches Wissen für sie keineswegs eine Widerlegung, sondern im Gegenteil eine Bestätigung der Zauberkünste von Dr. Faust. Die Camera obscura, auf deren Prinzip die Laterna magica beruht, verwenden zu können, das galt diesen Menschen eben als Zauberei, daher Laterna magica, Zauberlaterne; genauso war die Grenze zwischen den ersten Versuchen, die damals durch Ballons in der Luftschiffahrt unternommen wurden, und den Luftreisen von Faust auf dem Zaubermantel keine so scharfe wie für uns heute. Erst recht wurden natürlich viele medizinische Verordnungen, die uns heute vielleicht natürlich und vernünftig vorkommen, als zauberisch angesehen.

Zauberer und Gelehrte, das ging also damals ineinander. Man verabscheute den Zauberer, weil er den Bund mit dem Teufel geschlossen hatte, als Gelehrter aber blieb er trotzdem ein höheres Wesen, das hat für Goethes Faust später eine große Bedeutung erlangt. Aber auch das Puppenspiel hat auf seine Weise dasselbe zum Ausdruck gebracht. Damit nämlich auch die einfachsten Zuschauer recht sehr erkennten, was für ein ungewöhnlicher Mann dieser Faust ist, gab man ihm zum Kontrast den Hanswurst zur Seite, der auch einen Bund mit dem Teufel geschlossen hatte, aber dumm und albern wie vorher bleibt und schließlich sogar vom Teufel loskommt. Es ist die schönste Stelle des Puppenspiels, wie am Schluß von Fausts Leben der arme gehetzte Faust auf den dummen langweiligen Hanswurst trifft, für den der Teufel sich schon längst nicht mehr interessiert, während er den Faust in zwei Stunden holen will. Das lese ich euch jetzt vor:

Faust: »Nirgends find' ich Ruh noch Rast, überall verfolgt mich das Bild der Hölle. Oh, warum war ich nicht standhaft in meinem Vorhaben, warum ließ ich mich verführen. Doch der böse Geist wußte mich bei meiner schwächsten Seite zu fassen; unwiderruflich bin ich der Hölle verfallen. Auch Mephistopheles hat mich verlassen, gerade jetzt in der unglücklichen Stunde, wo ich Zerstreuung brauche. Mephistopheles, Mephistopheles, wo bist Du?«

Nun erscheint Mephistopheles als Teufel.

Mephistopheles: »Faust, nun wie gefalle ich Dir?«

Faust: »Was fällt Dir ein? Hast Du vergessen, daß Du verpflichtet bist, mir in Menschengestalt zu erscheinen.«

Mephistopheles: »Nein, nun nicht mehr, denn Deine Zeit ist verflossen. Noch drei Stunden, dann bist Du mein.«

Faust: »Wie, was sprichst Du, Mephistopheles? Meine Zeit wäre verflossen? Das lügst Du ja. Es sind erst zwölf Jahre verflossen, folglich sind noch zwölf Jahre, die Du mir dienen mußt.«

Mephistopheles: »Ich habe Dir 24 Jahre gedient.«

Faust: »Aber wie ist das möglich – Du wirst doch den Kalender nicht ändern wollen?«

Mephistopheles: »Nein, das kann ich nicht – aber höre mich geduldig an. Du verlangst noch zwölf Jahre.«

Faust: »Mit Recht. 24 Jahre steht doch in unserem Vertrag geschrieben.«

Mephistopheles: »Ganz recht, aber das haben wir nicht ausgemacht, daß ich Dir Tag und Nacht dienen soll. Du hast mich aber bei Tag und Nacht gehetzt, so rechne nur die Nächte dazu und Du wirst sehen, daß unser Vertrag zu Ende geht.«

Faust: »Oh, Du Lügengeist, da hast Du mich ja betrogen.«

Mephistopheles: »Nein, Du hast Dich selbst betrogen.«

Faust: »Laß mich nur noch ein Jahr leben.«

Mephistopheles: »Nicht einen Tag.«

Faust: »Nur noch einen Monat.«

Mephistopheles: »Keine Stunde mehr.«

Faust: »Nur noch einen Tag, damit ich von meinen guten Freunden Abschied nehmen kann.«

Aber Mephistopheles läßt sich nun auf gar nichts mehr ein. Er hat lange genug gedient; »um zwölf Uhr sehen wir uns wieder«, mit diesen Worten nimmt er Abschied von Faust.

Nun könnt ihr euch denken, wie spannend und aufregend es auf der Puppenbühne ist, wenn man auf einmal den Hanswurst langsam und bieder als Nachtwächter daherkommen sieht, der gemächlich die Stunden abruft. Dreimal.

»Hört Ihr Herr'n und laßt Euch sagen, die Glocke hat 10 Uhr geschlagen« und so weiter: die alten deutschen Nachtwächterlieder.

Also hat der Faust noch zwei Stunden zu leben, zwei Stunden bis zwölf, da trifft er in der letzten Viertelstunde auch den Hanswurst, und damit uns Faust, wenn ihn schließlich der Teufel holt, trotz all seiner Schandtaten nicht am Ende doch leid tut, auch damit wir seine ganze Verzweiflung handgreiflich zu spüren bekommen, läßt ihn der Dichter des alten Puppenspiels in einem ganz jämmerlichen Schwindel seine Rettung suchen. In welchem und wie der mißlingt, sollt ihr jetzt hören:

Hanswurst erblickt auf einmal den Faust und sagt: »Ach guten Abend, Herr Fäustling, guten Abend. Seid Ihr auch noch auf der Straße?«

Faust: »Ach ja, mein Diener, ich habe nirgends Ruh, weder auf der Straße noch zu Hause.«

Hanswurst: »Geschieht Euch schon recht. Seht, mir geht's auch elend jetzt – und Ihr seid mir das Kostgeld noch schuldig vom letzten Monat. Seid doch so nett und gebt's mir doch jetzt – ich brauche es doch so nötig.«

Faust: »Ach, mein Diener, ich habe nichts – der Teufel hat mich so arm gemacht, daß ich nicht einmal mehr selber mein Eigen bin. (Beiseite aber sagt er:) Ich muß suchen, durch diesen Narren mich noch vom Teufel loszureißen. – (Und nun will er den Hanswurst überlisten und sagt:) Ja, mein lieber Diener, ich habe zwar kein Geld, aber ich möchte doch nicht aus der Welt gehen, ohne Dich vorher bezahlt zu haben. Wollen wir es nicht so machen: Du ziehst Deine Kleider aus und ziehst Dir die von mir dafür an, so kommst Du zu Deiner Bezahlung und ich von meiner Schuld.«

Hanswurst aber schüttelt den Kopf: »Oh nein, da möchte der Teufel am Ende gar den Unrechten erwischen. Nein, eh' so ein großer Irrtum passieren sollte, will ich Euch lieber das Geld schenken. Dafür sollt Ihr mir einen Gefallen tun.«

Faust: »Gerne, und welchen?«

Hanswurst: »Grüßt mir meine Großmutter, sie sitzt in der Hölle Nummer 11, gleich rechts wenn man reingeht.«

Jetzt macht sich der Hanswurst aus dem Staube. Hinter der Bühne aber hört man ihn singen:

»Hört Ihr Herr'n und laßt Euch sagen,
Die Glocke wird gleich 12 Uhr schlagen.
Verwahrt das Feuer und die Kohl'n,
Bald wird der Teufel den Dr. Faust hol'n.«

Da schlägt es zwölf, und mit Donner, Schwefel und Blitz kommt aus der Hölle eine ganze Teufelskompanie, um Faust abzuholen. Dieses Puppenspiel hat Goethe als kleiner Junge gesehen. Noch ehe er 30 Jahre war, hat er angefangen, den Faust zu dichten, und als er 80 war, hat er ihn zu Ende geschrieben. Auch sein Faust hat einen Bund mit dem Teufel geschlossen, und auch ihn will der Teufel am Ende holen. Aber in den 250 Jahren vom Erscheinen des ersten Faustbuches bis zum Abschluß des Goetheschen Faust hatte sich die Menschheit verändert. Immer deutlicher hatte man erkannt, daß was die früheren Menschen zur Zauberei hingezogen hatte, oft nicht Habsucht, Schlechtigkeit oder Faulheit, sondern Wissensdrang und Geistesgröße gewesen war. Das hat Goethe an seinem Faust gezeigt, und darum muß der Teufel zuletzt vor einer Schar von Engeln sich zurückziehen, die die ganze Bühne füllen.

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