Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Benjamin >

Rundfunkarbeiten

Walter Benjamin: Rundfunkarbeiten - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/benjamin/radio/radio.xml
typenarrative
authorWalter Benjamin
titleRundfunkarbeiten
publisherSuhrkamp
seriesGesammelte Schriften
volumeSiebter Band. Erster Teil
printrunErste Auflage
editorRolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser
year1991
isbn3-518-28537-8
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120810
projectid29ba0c35
Schließen

Navigation:

Die Zigeuner

Vielleicht hat noch keiner von euch den Mut gehabt, an den Radspeichen hochzuklettern und in die Fenster eines Zigeunerwagens hineinzusehen. Aber gewünscht werdet ihr es euch doch schon alle haben, genauso wie ich es mir wünschte; bis heute wünsche, wenn ich so einen Wagen von weitem auf der Landstraße hinschleichen sehe. Wißt ihr übrigens, wo man in Deutschland auf solche Wagen am häufigsten stößt? In Ostpreußen. Warum? Weil die Gegend wenig besiedelt ist, die Landbewohner es viel zu weit in die Städte haben, um wegen der Zerstreuung sie aufzusuchen. Das wissen die fahrenden Leute, und darum trifft man sie gerade in diesen Gegenden sehr häufig. Natürlich sind es nicht alles Zigeuner, diese fahrenden Leute, aber es gibt doch eine ganze Menge unter ihnen, ja, wir treffen Zigeuner heutzutage eigentlich nur noch in solchen kleinen Gruppen als Seiltänzer, Feuerfresser, Bärenführer an. Die Zeit, da sie in großen Banden beinahe wie ein wehrhafter Volksstamm in Deutschland unter Kaiser Sigismund einfielen, liegt ja 500 Jahre zurück, und seitdem ist ihr Zusammenhalt, so treu sie an Sprache und Sitten gehangen haben, immer loser geworden, so daß es jetzt kaum mehr größere Zigeunerbanden, sondern zumeist nur einzelne große Familien gibt.

Groß sind diese Familien, denn die Zigeuner haben furchtbar viel Kinder. Sie sind, weiß Gott, nicht darauf angewiesen, kleine Kinder von fremden Leuten zu stehlen. Natürlich wird im Laufe von Jahrhunderten auch so etwas hin und wieder einmal vorgekommen sein. Aber man kann den Zigeunern so viele böse Streiche mit Recht nachsagen, daß man es gar nicht nötig hat, sie da anzuschwärzen, wo sie unschuldig sind. Diesen schlechten Ruf haben sich die Leute nun redlich verdient. Wie sie nämlich 1417 in großen Horden über die deutsche Grenze kamen, hat man sie zuerst einmal gar nicht so schlecht aufgenommen. Von Kaiser Sigismund bekamen sie einen Schutzbrief, wie man ihn Fremden bisweilen in jener Zeit ausstellte. Ihr wißt vielleicht, daß auch die Juden hin und wieder solche Schutzbriefe von den deutschen Kaisern bekamen. Ob sie ihnen immer geholfen haben, ist eine andere Frage. Aber jedenfalls gab solcher Schutzbrief eine Anzahl von wichtigen Rechten, wer mit ihm kam, konnte nicht vertrieben werden; er unterstand dem Kaiser direkt; er konnte an seiner eigenen Gerichtsbarkeit festhalten. So geschah es auch den Zigeunern. Ihre Könige oder Woiwoden, wie sie genannt wurden, behielten die Rechtsprechung über ihre Leute und genossen freies Geleit. Aber mit was für listigen Erfindungen hatten die Zigeuner sich das verschafft. Einmal erklärten sie, was ihre Herkunft angeht, sie seien aus Klein-Ägypten gekommen. Kein Wort davon ist wahr. Aber man hat es ihnen jahrhundertelang geglaubt, bis im 19. Jahrhundert ein großer Sprachforscher – ein Freund der Gebrüder Grimm, deren Namen ihr kennt – sich hinsetzte und sich viele Jahre mit der Sprache der Zigeuner beschäftigte. Da fand er denn heraus, daß die aus Hindustan, einem westasiatischen Hochland, stammen. Sie müssen sehr sehr Böses in uralten Zeiten durchgemacht haben, denn in ihren Überlieferungen findet man kaum eine Spur mehr von dieser ihrer Vergangenheit. Sie haben – und das ist etwas sehr Seltsames – bis auf den heutigen Tag einen ungeheueren Stolz auf ihr Volkstum, aber so gut wie gar keine geschichtliche Erinnerung, nicht einmal in Sagen, bewahrt. Warum erzählten sie nun aber in Deutschland, daß sie aus Klein-Ägypten gekommen seien? Sehr einfach, Ägypten war nach dem allgemeinen Glauben der damaligen Europäer das Ursprungsland der Zauberei. Und eben die Zauberei war es, mit der die Zigeuner von Anfang an sich in Respekt zu setzen verstanden. Das muß man nicht übersehen, daß sie dem äußeren Anschein zum Trotz ein schwaches, unkriegerisches Volk waren; sie mußten sich auf andere Weise als mit äußerer Gewalt zur Geltung bringen. So war ihr Zauberschwindel also nicht nur ein Mittel, den Lebensunterhalt zu gewinnen, sondern ein Ausweg, den ihr Selbsterhaltungstrieb fand. Der jahrhundertelange Kampf, den die deutsche Polizei gegen sie geführt hat, hätte niemals so lange und meist so vergeblich sich hinziehen können, wenn nicht die Zigeuner oft beim ungebildeten Volk, vor allem den Bauern, einen Anhalt gefunden hätten. Von einem Hause, in dem eine Zigeunerin mit einem Kinde zur Welt kam, glaubte man, es sei feuerfest; wenn Pferde krank wurden und sonst nichts mehr half, wandte man sich, mit der Bitte um Hilfe, wenn möglich an einen Zigeuner; hatte ein Bauer von Schätzen im Acker, im nahen Walde oder einer Schloßruine reden hören, so ließ er sich am liebsten von einem Zigeuner beraten, weil man ihnen die größten Fähigkeiten im Schatzheben zutraute. Denen gab das natürlich Gelegenheit zu den ertragreichsten Prellereien. Ein sehr beliebter Trick war es, wenn sie in eine neue Gegend kamen, zunächst einmal durch künstliche Schäden ein Pferd oder ein Stück Vieh krank zu machen, um dann dem jammernden Bauern gegen gute Belohnung die sofortige Heilung des Tieres zu versprechen. Und weil sie wußten, was es mit der Krankheit für eine Bewandtnis hat, konnten sie das im Handumdrehn. So gründete sich der Ruf ihrer Zauberkraft immer fester. Anders wieder verfuhren sie, wenn sie sich mit großen Herren über Angelegenheiten ihres Stammes zu einigen hatten. Da wiesen sie Briefe vor, in denen zu lesen stand, ursprünglich hätten sie in Ägypten im Christenglauben gelebt, dann aber seien sie abgefallen und es hätte ihnen der Papst auferlegt, ihren Abfall durch eine siebenjährige Wanderung zu büßen. Daher dürften sie an keinem Ort festen Fuß fassen. Manche erfanden noch Großartigeres: ihre Väter hätten Maria, als sie mit dem Christkind nach Ägypten auf der Flucht war, die Aufnahme verweigert. Darum müßten sie nun auf der Erde, ohne Ruhe zu finden, umherwandern. Was es mit dem Christenglauben der Zigeuner für eine Bewandtnis hat, könnt ihr euch denken. Er war nur eine Erfindung, um das Mitgefühl oder, in jener Herodesgeschichte, das Grauen der abendländischen Menschen zu wecken. Die Zigeuner haben gewiß einmal eine Religion gehabt. Wie die aber aussah, läßt sich heute aus dunklen Gebräuchen nur schwer und aus den Sagen, die sie erzählen, überhaupt kaum erkennen, weil, wenn die Bräuche schon halbwegs rein und unvermischt geblieben sind, die Sagen aus Eigenem und Fremdem zusammengestoppelte Phantasien sind. Daß die Zigeuner heute keine eigentliche Religion mehr haben, zeigt sich darin am deutlichsten, daß sie gar keine Schwierigkeiten machten, überall, wo es ihnen zugemutet wurde, den üblichen Verhaltungsweisen sich anzupassen, sich vom Pastor trauen, auch ihre Kinder taufen zu lassen, ohne dem die geringste Bedeutung beizumessen. In alten Polizeierlassen wird sogar bei der Taufe von Zigeunerkindern besondere Sorgfalt verlangt, weil sich öfter herausgestellt hatte, daß sie ihre Kinder des Patengeschenks wegen, das sie bei der Gelegenheit erhielten, mehrmals taufen ließen.

Der Schutzbrief, den die Zigeuner vom Kaiser bekommen hatten, ist nicht lange gültig geblieben. Sie wurden zu lästig, und schon 1497 haben wir einen Reichstagsabschied, binnen der und der Zeit hätten alle Zigeuner Deutschland zu verlassen; wer nach der Frist noch würde angetroffen werden, der sei vogelfrei; jeder könne mit ihm ungestraft nach Belieben verfahren. Solche Beschlüsse hat es dann jahrhundertelang bald für ganz Deutschland, bald für einzelne Gebiete immer wieder gegeben. Noch am 31. März 1909 wurde im deutschen Reichstag darüber verhandelt, wie man am zweckmäßigsten mit den Zigeunern verfahren könne. Die allgemeinen Drohungen und Verbote hatten sich als wirkungslos erwiesen. Polizeimänner, Missionare, Lehrer dachten über die Möglichkeit nach, mit einem milden menschlichen Verfahren bessere Erfolge zu erzielen. Was ihnen vorschwebte, war, die Zigeuner dazu zu bringen, daß sie in einzelnen Gruppen weit voneinander verteilt in Siedlungen festen Fuß faßten. Es zeigte sich, daß alles gut ging, solange die Erziehungsarbeit in den Anfängen steckte. Als die ersten Zigeunerschulen gegründet wurden, war es kaum möglich, die erwachsenen Zigeuner, die ihre Kinder zur Schule gebracht hatten, wieder zum Gehen zu veranlassen. Sie wollten durchaus in der Klasse bleiben und mit ihren Kindern mitlernen. Sowie es aber darum ging, sie irgendwo seßhaft zu machen, scheiterten die Versuche. Wo man Zigeunern eine Hütte hinbaute, zogen sie, wenn nicht gerade der härteste Frost war, aus, um sich neben der Hütte in einem Zelt niederzulassen. Mit ungeheurem Eigensinn haben sie immer auf dieser Freizügigkeit bestanden. Sie sind nicht faul, wissen sich als Kesselflicker, Schuster, Siebmacher, Drahtarbeiter zur Not durchs Leben zu bringen, sind aber unter keinen Umständen zum Ackerbau zu bewegen. Das mußte auch der Kaiser Josef II. von Österreich erfahren, der der erste war, mit menschlicheren Mitteln die Verbesserung der Zigeuner in Angriff zu nehmen. Der Anlaß dazu war eine fürchterliche Zigeunerverfolgung in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts in Ungarn. Damals kam das Gerücht dort auf, die Zigeuner seien heimliche Menschenfresser. Es wurden viele von ihnen gefangen und hingerichtet, bis Josef II. eingriff. Er wollte aber mehr tun, die Zigeuner zu seßhaften Bürgern, vor allem zu Landarbeitern heranziehen, und daher verbot er im ganzen Reich alle Schaustellungen und Gaukeleien der Zigeuner; es sei denn bei schlechtem Wetter, wenn man auf dem Felde nicht arbeiten könne. Das half aber gar nichts. Die Zigeuner blieben bei ihren Kreuz- und Querzügen. Die Regierung wollte sie um so weniger dulden, als sie sich in Kriegszeiten schon als gefährliche Spione erwiesen hatten. Ihr Spürsinn und ihre außergewöhnliche Kenntnis des Landes hatte sie oft zu Helfern feindlicher Heerführer werden lassen. Besonders hatte sich Wallenstein im dreißigjährigen Kriege ihrer bedient. So blieb es beim alten, und selbst im Winter zogen die Zigeuner den Häusern jeden anderen Unterschlupf vor. Meist hausten sie dann in Erdhöhlen, die mit Brettern oder Tüchern gegen das Draußen abgedichtet waren. Sorgfältig vermied man es, frische Luft ins Innere dringen zu lassen. In der Mitte brannte ein Feuer, und ringsherum lagen die halbnackten Gestalten bunt durcheinander. Von Waschen, Reinigen, Flicken war nicht die Rede; gebacken wurde höchstens ein flacher Kuchen in der Asche, ohne Pfanne natürlich. Und ihre einzigen Beschäftigungen waren Kochen, Braten, Essen, Tabakrauchen, Schwatzen und Schlafen. So behauptet es wenigstens ein Schulmeister aus Langensalza, der 1835 ein sehr unfreundliches Buch gegen die Zigeuner schrieb, um die Behörden zu schärferem Einschreiten gegen sie aufzumuntern. Man braucht ihm aber nicht alles aufs Wort zu glauben. Niemand kann von den Zigeunern weniger verstehen als ein Schulmeister alten Schlages. So irrt er sich auch, was ihren Müßiggang angeht.

Ich weiß nicht, ob ihr einmal von Zigeunern die seltsamen Drahtgeflechte angeboten bekommen habt, die sie in der Stille ihrer Winterhöhlen zusammengebastelt haben. Man findet sie nur noch selten. Es sind aber kleine Wunderwerke. Mit einem Griff verwandelt sich da eine Obstschale in ein Vogelbauer, das Vogelbauer in einen Lampenschirm, der Lampenschirm in einen Brotkorb, der Brotkorb wieder in die Obstschale. Die Haupt- und Staatskunst der Zigeuner aber ist die Musik. Man kann sagen, daß sie ganze Länder mit ihrer Geige erobert haben. Besonders in Rußland konnte man sich kein großes Gelage und keine Hochzeit ohne Zigeunermusik vorstellen, und es ist vorgekommen, daß Zigeunerinnen durch Heirat mit den Bojaren in die höchsten Kreise der Hofgesellschaft gekommen sind. Jeder Zigeuner ist ein geborener Violinist. Dabei kennt er in den meisten Fällen nicht einmal Noten. Sein musikalischer Instinkt ersetzt ihm alles, und man behauptet, daß die feurigen ungarischen Melodien von keinem so wie von ihm gespielt werden. Er ist auch niemals stolzer als mit der Geige in Händen. Man erzählt eine Geschichte, wie einmal ein Zigeuner in einem ungarischen Herzogsschlosse beim Staatsrat in der Tür des Beratungszimmers erschien, um an die Versammelten die Frage zu richten, ob sie ihn hören wollten. Und obwohl es eine schwierige Sache war, mit der man zu tun hatte, die Frage des Zigeuners klang so stolz und so unwiderstehlich zugleich, daß man ihn nicht abweisen konnte. Der Chronist, bei dem diese alte Geschichte steht, behauptet, während des Spiels sei dem Herzog erst der erlösende Gedanke gekommen, um den er sich vorher mit seinen Räten vergeblich bemüht hätte.

Zigeunermusik ist meist schwermütig. Sie sind überhaupt ein schwermütiges Volk. In ihrer Sprache soll es kein Wort für Freude oder Ausgelassenheit geben. Vielleicht kommt diese Schwermut nicht nur aus dem, was sie an vielen Orten erlitten haben, sondern auch aus dem dunklen Aberglauben, der ihren ganzen Alltag durchdringt. Habt ihr einmal Zigeunerweiber, wenn sie über die Straße gehen, beobachtet? Ist euch nicht aufgefallen, wie dicht sie mit den Händen ihre beiden Röcke an den Körper gerafft halten? Das tun sie, weil nach der Lehre der Zigeuner alles, was mit den Kleidern von einer Frau in Berührung kommt, nicht mehr gebraucht werden darf. Darum stehen auch die Kochgeschirre der Zigeuner in ihren Wagen nicht etwa auf Tischen oder in Konsolen in der Wand, sondern sie hängen hoch oben an der Decke, damit sie versehentlich von Kleidern nicht gestreift werden. Ähnlicher Aberglauben spinnt sich um den silbernen Becher, der das kostbarste Besitztum jeden Zigeuners ist und in welchem sie eine Art von Zauberkraft wohnen glauben. Dieser Becher darf nie auf die Erde fallen; denn die Erde ist heilig. Hat der Becher sie einmal berührt, so verfällt er ihr und darf nicht mehr benutzt werden. Am allerseltsamsten spiegelt die Schwermut ihres Daseins sich in der Liebe, wo sie eine Menge stumme, beredte und ernste Zeichen kennen, mit denen sie einander das Wichtigste mitteilen. Hat sich z.B. ein Paar entzweit und wünscht der Mann oder die Frau mit dem anderen sich wieder zu vertragen, so wirft er, wenn er mit dem anderen zusammenkommt, ein Kartenblatt oder auch nur ein Stückchen Papier in die Höhe. Greift dann der andere danach, um es zu fangen, so sind sie wieder versöhnt. Rührt er aber die Hand nicht, so ist alles auf immer zwischen ihnen vorbei. Solche Bräuche ließen sich noch viele erzählen. Goethe, der als junger Mann, während er in Straßburg studierte, ein leidenschaftlich liebevolles Interesse für die fremdesten, unkultiviertesten Volksstämme hatte, hat sich auch mit den Zigeunern beschäftigt. Im »Götz von Berlichingen« hat er von ihnen gesprochen. Zur selben Zeit schrieb er das unheimliche, traurige, wilde »Zigeunerlied«, das ihr in seinen Gedichten findet. Ihr könnt es einmal aufschlagen; es würde laut gelesen so schaurig sich anhören, daß ich es euch nicht vorlesen will. Aber es wird euch an vieles erinnern, was ich euch heute erzählt habe.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.