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Rundfunkarbeiten

Walter Benjamin: Rundfunkarbeiten - Kapitel 12
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Benjamin
titleRundfunkarbeiten
publisherSuhrkamp
seriesGesammelte Schriften
volumeSiebter Band. Erster Teil
printrunErste Auflage
editorRolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser
year1991
isbn3-518-28537-8
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fontanes »Wanderungen durch die Mark Brandenburg«

Manche von euch werden es wissen, aber viele wird es doch sehr erstaunen, wenn ich euch sage: die Schönheiten der Mark Brandenburg hat die Berliner Jugend entdeckt. Nämlich ihr Vortrupp, die Wandervögel. Die Wandervogelbewegung ist jetzt ungefähr 25 Jahre alt, und genauso lange ist es her, daß die Berliner aufhörten, sich der »Streusandbüchse des lieben Gottes« – so hat man die Mark ja genannt – zu schämen. Und dann ging immer noch eine Zeit drüber hin, bis sie anfingen, sie wirklich zu lieben. Denn um sie lieb zu haben, muß man sie immerhin kennen. Das war aber im vorigen Jahrhundert etwas ziemlich Seltenes. Wanderungen machten früher nur Handwerksburschen und allenfalls die besseren Leute in den Alpen. Aber wenigen fiel es ein, in Deutschland oder gar in der Mark zu wandern. Bis eben um 1900 unter den Schülern Berlins diese große, wichtige Bewegung, der Wandervogel, begann. Man hatte genug, nicht nur von der Stadt, sondern auch von den feierlichen Sonntagsspaziergängen mit den Eltern, man wollte auch nicht immer dieselben abgegrasten Gegenden aufsuchen, sondern neue und wollte im Freien frei, unter sich sein. Geld hatte man nicht, man mußte schon in der näheren Umgebung bleiben, hatte ja auch nur den Sonntag dafür; wenn man aber diese kurze Zeit wirklich ausnutzen und genießen wollte, galt es, die Stellen zu finden, wo man vor den Berliner Spießbürgern sicher war. Gegenden also ohne Eisenbahn, ohne Hotels. Ihr wißt, wieviel solcher versteckten Orte es auch heute noch in der Mark gibt, trotzdem die Kleinbahnen immer enger das Land durchziehen. Aber vor den Eisenbahnen und vor den Schülern haben immer schon einzelne Dichter und Maler die Mark geliebt. Berühmte Maler der Mark waren im vorigen Jahrhundert Caspar David Friedrich und Blechen. Unter den Dichtern aber hat keiner mehr für diese Landschaft übrig gehabt als der Berliner Theodor Fontane, der gegen 1870 seine »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« herausgab. Das sind nicht etwa nur Landschaftsschilderungen oder öde Schloßbeschreibungen, das sind Bücher voll von Geschichten, Anekdoten, alten Schriftstücken und Porträts merkwürdiger Personen. Wie Fontane diese Wanderungen gemeint hat und wie er's anfing, die Mark so gut kennenzulernen, das hört ihr jetzt von ihm selber.

 

»›Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.‹ Das hab ich an mir selber erfahren, und die ersten Anregungen zu diesen ›Wanderungen durch die Mark Brandenburg‹ sind mir auf Streifereien in der Fremde gekommen. Die Anregungen wurden Wunsch, der Wunsch wurde Entschluß. Es war in der schottischen Grafschaft Kinroß, deren schönster Punkt der Leven-See ist. Mitten im See liegt eine Insel, und mitten auf der Insel, hinter Eschen und Schwarztannen halb versteckt, erhebt sich ein altes Douglas-Schloß, das in Lied und Sage vielgenannte Lochleven-Castle. Auf der Rückfahrt im Boot griffen die Ruder rasch ein, die Insel wurd ein Streifen, endlich schwand sie ganz, und nur als ein Gebilde der Einbildungskraft stand eine Zeitlang noch der Rundturm vor uns auf dem Wasser, bis plötzlich unsre Phantasie weiter in ihre Erinnerungen zurückgriff und ältere Bilder vor die Bilder dieser Stunde schob. Es waren Erinnerungen aus der Heimat, ein unvergessener Tag. Es war das Bild des Rheinsberger Schlosses, das, wie eine Fata Morgana, über den Leven-See hinzog, und ehe noch unser Boot auf den Sand des Ufers lief, trat die Frage an mich heran: So schön dies Bild war, das der Leven-See mit seiner Insel und seinem Douglas-Schloß vor dir entrollte, war jener Tag minder schön, als du im Flachboot über den Rheinsberger See fuhrst, die Schöpfungen und die Erinnerungen einer großen Zeit um dich her? Und ich antwortete: nein. Die Jahre, die seit jenem Tag am Leven-See vergangen sind, haben mich in die Heimat zurückgeführt, und die Entschlüsse von damals blieben unvergessen. Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Jeder Fußbreit Erde belebte sich und gab Gestalten heraus, und wenn meine Schilderungen unbefriedigt lassen, so werd ich der Entschuldigung entbehren müssen, daß es eine Armut war, die ich aufzuputzen oder zu vergolden hatte. Umgekehrt, ein Reichtum ist mir entgegengetreten, dem gegenüber ich das bestimmte Gefühl habe, seiner niemals auch nur annähernd Herr werden zu können. Und sorglos hab ich es gesammelt, nicht wie einer, der mit der Sichel zur Ernte geht, sondern wie ein Spaziergänger, der einzelne Ähren aus dem reichen Felde zieht.«

 

Soweit Fontanes Vorrede. Nun wollen wir sehen, wie er so ein kleines märkisches Nest, an dem nichts weiter zu bemerken scheint, schildert. Man kann aber eigentlich keine Sache schildern, die man nur sieht und von der man nichts weiß. Nicht immer braucht man das davon zu wissen, was die Fachleute wissen. Der Maler, der einen Apfelbaum malt, braucht zum Beispiel nicht zu wissen, welche Sorte Äpfel drauf wächst. Dafür weiß er dann eben, wie das Licht durch die verschiedenen Arten von Blättern hindurchfällt. Wie ein Baum zu den verschiedenen Tageszeiten sein Aussehen verändert. Wie tief oder wie durchlässig die Schatten auf Gras-, Stein- oder Waldboden fallen. Das sieht man zwar auch, sieht es aber nur, wenn man Erfahrung hat, also schon früher manches und mit Verstand gesehen hat. So ist es bei Fontane. Es gibt da nicht viel lyrische Naturbeschreibungen, keine Mondlichtschwärmerei, keine schönen Reden über Waldeinsamkeit und solche Sachen, mit denen ihr euch noch manchmal auf der Schule abquält. Dafür steht einfach das da, was Fontane gewußt hat. Und das war viel; nicht nur von Königen und Schloßbesitzern, von Feldern und Seen, sondern eben von den einfachsten Leuten. Wie sie leben, wovon, was sie für Sorgen haben und was ihre Pläne sind. Die meisten von euch kennen Caputh. Ihr könnt also ganz gut beurteilen, wie die Beschreibung gemacht ist, die ich jetzt vorlese.

 

»Caputh ist eines der größten Dörfer der Mark, eines der längsten gewiß; es mißt wohl eine halbe Meile. Daß es wendisch war, besagt sein Name. Was dieser bedeutet, darüber existieren zu viele Hypothesen, als daß die eine oder andere viel für sich haben könnte. So zweifelhaft indes die Bedeutung seines Namens, so unzweifelhaft war in alten Zeiten die Armut seiner Bewohner. Caputh besaß keinen Acker, und die große Wasserfläche, Havel samt Schwielow, die ihm vor der Tür lag, wurde von den Potsdamer Kiezfischern, deren alte Gerechtsame sich über die ganze Mittelhavel bis Brandenburg hin erstreckten, eifersüchtig gehütet und ausgenutzt. So stand es schlimm um die Caputher; Ackerbau und Fischerei waren ihnen gleichmäßig verschlossen. Aber die Not macht erfinderisch, und so wußten sich denn schließlich auch die Bewohner dieses schmalen Uferstreifens zu helfen. Ein doppeltes Auskunftsmittel wurde gefunden; Mann und Frau teilten sich, um von zwei Seiten her anfassen zu können. Die Männer wurden Schiffer, die Frauen verlegten sich auf Gartenbau. – Die Nachbarschaft Potsdams, vor allem das rapide Wachstum Berlins waren dieser Umwandlung, die aus dem Caputher Tagelöhner einen Schiffer oder Schiffsbauer machte, günstig, riefen sie vielleicht hervor. Überall an Havel und Schwielow hin entstanden Ziegeleien, und die Millionen Steine, die jahraus, jahrein am Ufer dieser Seen und Buchten gebrannt wurden, erforderten alsbald Hunderte von Kähnen, um sie auf den Berliner Markt zu schaffen. Dazu boten die Caputher die Hand. Es entstand eine völlige Kahnflotte, und mehr als sechzig Schiffe, alle auf den Werften des Dorfes gebaut, befahren in diesem Augenblicke den Schwielow, die Havel, die Spree. Das gewöhnliche Ziel, wie schon angedeutet, ist die Hauptstadt. Aber ein Bruchteil geht auch havelabwärts in die Elbe und unterhält einen Verkehr mit Hamburg. – Caputh – das Chicago des Schwielow-Sees – ist aber nicht bloß die große Handelsempore dieser Gegenden, nicht bloß End- und Ausgangspunkt der zauche-havelländischen Ziegeldistrikte, nein, es ist auch Stationspunkt, an dem der ganze Havelverkehr vorüber muß. Der Umweg durch den Schwielow ist unvermeidlich; es gibt vorläufig nur diese eine fahrbare Straße. Eine Abkürzung des Weges durch einen Nordkanal ist geplant, aber noch nicht ausgeführt. So wird denn das aus eigenen Mitteln eine Kahnflotte hinaussendende Caputh, das, wenn es sein müßte, sich selbst genügen würde, zugleich zu einem allgemeinen See- und Handelsplatz, zu einem Hafen für die Schiffe anderer Gegenden, und die Flottillen von Rathenow, Plaue, Brandenburg, wenn eine Havarie sie trifft oder ein Orkan im Anzuge ist, laufen hier an und werfen Anker. Am lebendigsten aber ist es auf der Caputher Reede, wenn irgendein großer Festtag einfällt und alte gute Sitte die Weiterfahrt verbietet. Das ist zumal um Pfingsten. Dann drängt alles hier zusammen; zu beiden Seiten ›Gemündes‹ liegen 100 Schiffe oder mehr, die Wimpel flattern, und hoch oben vom Mast, ein entzückender Anblick, grüßen hundert Maienbüsche weit in die Ferne. – Das ist die große Seite des Caputher Lebens; daneben gibt es eine kleine. Die Männer haben den Seefahrerleichtsinn; das in Monaten Erworbene geht in Stunden wieder hin, und den Frauen fällt nun die Aufgabe zu, durch Bienenfleiß und Verdienst im kleinen die Rechnung wieder ins gleiche zu bringen. – Wie wir schon sagten, es sind Gärtnerinnen; die Pflege, die der Boden findet, ist die sorglichste, und einzelne Kulturen werden hier mit einer solchen Meisterschaft getrieben, daß die ›Caputhschen‹ imstande sind, ihren Nachbarn, den ›Werderschen‹, Konkurrenz zu machen. Unter diesen Kulturen steht die Erdbeerzucht obenan. Auch ihr kommt die Nähe der beiden Hauptstädte zustatten, und es gibt kleine Leute hier, mit einem halben Morgen Gartenland, die in drei bis vier Wochen 120 Taler für Ananaserdbeeren einnehmen. Dennoch bleiben es kleine Leute, und man kann auch in Caputh wieder die Wahrnehmung machen, daß die feineren Kulturen es nicht zwingen und daß fünfzig Morgen Weizacker nach wie vor das Einfachste und das Beste bleiben.«

 

Es ist immer angenehm, wenn man in einem Buch nicht nur das findet, was der Titel verspricht, sondern allerhand Schönes, woran man nicht dachte, als man es vornahm. So ist es auch mit diesen »Wanderungen«. Fontane redet nicht nur von der Mark und ihren Bewohnern zu seiner Zeit, er hat auch versucht sich vorzustellen, wie es früher da aussah. Und dazu ist er ganz besonders den Schrullen und Merkwürdigkeiten der ehemaligen Märker nachgegangen. Unter den seltsamsten Geschichten, auf die er dabei gestoßen ist, sind die von den Verschwörungen, die es vor 1800 in dieser Gegend und besonders bei der Potsdamer Adelsgesellschaft gegeben hat. Es waren aber eigentlich nicht so sehr Verschwörungen, geheime Bündnisse gegen Menschen, als solche gegen die Natur. Man wollte nämlich der Natur das Geheimnis des Goldes entreißen. Wenn man erst künstliches Gold machen kann, so dachte man sich, dann ist man der Natur hinter all ihre Geheimnisse gekommen. Damals glaubten an die Möglichkeit, Gold zu machen, nur sehr phantastische Menschen. Heute halten das aber auch große Gelehrte nicht mehr für ganz unmöglich. Nur bildet sich niemand mehr ein, damit die ganze Natur in der Hand zu haben. Denn wir kennen eben unendlich viele technische Aufgaben, an denen ununterbrochen gearbeitet wird und deren Lösung praktisch für uns viel wichtiger ist als das Goldmachen. Damals ließ man sich aber von solchen Aufgaben, die mit der Krafterzeugung, dem Verkehrswesen, dem Bildfunk, der Herstellung künstlicher Heilmittel usw. zusammenhängen, nichts träumen. Darum interessierten sich die Leute so sehr für das Goldmachen. Und gerade in Potsdam saßen solche Gesellschaften, die den Stein der Weisen suchten. So nannte man das Zaubermittel, mit dessen Hilfe das Gold entstehen und welches seinen Besitzer nicht nur reich sondern auch weise und allmächtig machen sollte.

Von einer solchen Gesellschaft erzählt Fontane. Einen Orden, bei dessen Zeremonien die Harmonika eine große Rolle spielte, lernt man aus einem Brief kennen, der sich in einem alten Buch findet und in welchem wir lesen: »Sie verschafften mir, so schreibt der Held und Harmonikavirtuose, durch Ihre Adresse an Herrn N. eine sehr interessante Bekanntschaft ... Die Harmonika erhielt seinen ganzen Beifall; auch sprach er von verschiedenen besonderen Versuchen, was ich anfänglich nicht recht faßte. Nur erst seit gestern ist mir vieles natürlich. – Gestern gegen Abend fuhren wir nach seinem Landgute, dessen Einrichtung, besonders aber die des Gartens, außerordentlich schön getroffen ist. Verschiedene Tempel, Grotten, Wasserfälle, labyrinthische Gänge und unterirdische Gewölbe usw. verschaffen dem Auge so viel Mannigfaltigkeit und Abwechslung, daß man davon ganz bezaubert wird. Nur will mir die hohe, dies alles umschließende Mauer nicht gefallen; denn sie raubt dem Auge die herrliche Aussicht. – Ich hatte die Harmonika mit hinausnehmen und Herrn N..z versprechen müssen, auf seinen Wink an einem bestimmten Orte nur wenige Augenblicke zu spielen. Um diesen Augenblick zu erwarten, führte er mich in ein großes Zimmer im Vorderteil des Hauses und verließ mich, wie er sagte, der Anordnung eines Balls und einer Illumination wegen, die beide seine Gegenwart notwendig erforderten. Es war schon spät, und der Schlaf schien mich zu überraschen, als mich die Ankunft einiger Kutschen störte. Ich öffnete das Fenster, erkannte aber nichts Deutliches, noch weniger verstand ich das leise und geheimnisvolle Geflüster der Angekommenen. Kurz nachher bemeisterte sich meiner der Schlaf von neuem; und ich schlief wirklich ein. Etwa eine Stunde mochte ich geschlafen haben, als ich geweckt und von einem Diener, der sich zugleich mein Instrument zu tragen erbot, ersucht ward, ihm zu folgen. Da er sehr eilte, ich ihm aber nur langsam folgte, so entstand daraus die Gelegenheit, daß ich, durch Neugierde getrieben, dem dumpfen Ton einiger Posaunen nachging, der aus der Tiefe des Kellers zu kommen schien. – Denken Sie sich aber mein Erstaunen, als ich die Treppe des Kellers etwa halb hinuntergestiegen war und nunmehr eine Totengruft erblickte, in der man unter Trauermusik einen Leichnam in den Sarg legte und zur Seite einem weißgekleideten, aber ganz mit Blut bespritzten Menschen die Ader am Arme verband. Außer den hilfeleistenden Personen waren die übrigen in langen schwarzen Mänteln vermummt und mit bloßen Degen. Am Eingang der Gruft lagen übereinandergeworfene Totengerippe, und die Erleuchtung geschah durch Lichter, deren Flamme brennendem Weingeist ähnlich kam, wodurch der Anblick desto schauriger wurde. Um meinen Führer nicht zu verlieren, eilte ich zurück. Dieser trat soeben aus dem Garten wieder herein, als ich bei der Türe desselben ankam. Er ergriff mich ungeduldig bei der Hand und zog mich gleichsam mit sich fort. – Sah ich je etwas Feenmärchenähnliches, so war's im Augenblick des Eintritts in den Garten. Alles in grünem Feuer; unzählig flammende Lampen; Gemurmel entfernter Wasserfälle. Nachtigallengesang, Blütenduft, kurz, alles schien überirdisch und die Natur in Zauber aufgelöst zu sein. Man wies mir meinen Platz hinter einer Laube an, deren Inneres reich geschmückt war und wohinein man kurz darauf einen Ohnmächtigen führte, vermutlich den, dem man in der Totengruft die Ader geöffnet hatte. Doch gewiß weiß ich es nicht, weil die Gewänder aller Handelnden jetzt prächtig und reizend von Form und Farbe und mir dadurch wieder ganz neu waren. Sogleich erhielt ich das Zeichen zum Spiele. – Da ich nunmehr genötigt war, mehr auf mich als auf andere achtzugeben, so ging allerdings vieles für mich verloren. Soviel aber nahm ich deutlich wahr, daß sich der Ohnmächtige kaum nach einer Minute des Spielens erholte und mit äußerster Verwunderung fragte: ›Wo bin ich? wessen Stimme höre ich?‹ – Frohlockender Jubel und Trompeten und Pauken war die Antwort. Alles griff zugleich nach den Degen und eilte tiefer in den Garten, wo das Fernere für mich wie verschwunden war. – Ich schreibe Ihnen dieses nach einem kurzen und unruhigen Schlaf. Gewiß, hätte ich nicht noch gestern, ehe ich mich zu Bette legte, diese Szene in meine Schreibtafel aufgezeichnet, ich wäre sehr geneigt, dies alles für einen Traum zu halten. Leben Sie wohl.«

 

Jetzt wollen wir aber aus diesem unheimlichen Nachtfest uns wieder schleunigst zum hellen Tag wenden. Wir werden etwas über die Inspektion hören, die Friedrich der Große ungefähr um die gleiche Zeit, da diese Gespenstergeschichte spielt – genau: am 23. Juli 1779 – in der Gegend von Rathenow abhielt. Dort war das Überschwemmungsgebiet der Dosse. Der sogenannte Dossebruch war in jahrelanger Arbeit trockengelegt worden. 1500 Ansiedler waren dorthin versetzt, 25 neue Dörfer gegründet worden. Und wir haben den ganz genauen wörtlichen Bericht darüber, wie der König den Oberamtmann, Fromme hieß er, stundenlang hat neben seinem Wagen hergehen und sich alles berichten lassen. Man sieht, daß es manchmal gar nicht gemütlich gewesen sein muß, ihm zu antworten.

Als angespannt war, wurde die Reise fortgesetzt, und da Ihro Majestät gleich danach an meinen Gräben, die im Fehrbellinschen Luch auf königliche Kosten gemacht sind, vorbeifuhren, so ritt ich an den Wagen und sagte: »Ihro Majestät, das sind schon zwei neue Gräben, die wir durch Ihro Majestät Gnade hier erhalten haben und die das Luch uns trocken erhalten.«

König: »Sag mir einmal, hat Euch die Abgrabung des Luchs hier viel geholfen?«

Fromme: »O ja, Ihro Majestät!«

König: »Haltet Ihr mehr Vieh als Euer Vorfahr?«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät! Auf diesem Vorwerk halt ich vierzig, auf allen Vorwerken siebenzig Kühe mehr!«

König: »Das ist gut. Die Viehseuche ist doch nicht hier in der Gegend?« Fromme: »Nein, Ihro Majestät.«

König: »Habt Ihr die Viehseuche hier gehabt?«

Fromme: »Ja!«

König: »Braucht nur fein fleißig Steinsalz, dann werdet Ihr die Viehseuche nicht wieder bekommen.«

Fromme: »Ja, Ihro Majestät, das brauch ich auch; aber Küchensalz tut beinah ebendie Dienste.«

König: »Nein, das glaubt nicht! Ihr müßt das Steinsalz nicht kleinstoßen, sondern es dem Vieh so hinhangen, daß es dran lecken kann.«

Fromme: »Ja, es soll geschehen!«

König: »Sind sonst hier noch Verbesserungen zu machen?«

Fromme: »O ja, Ihro Majestät. Hier liegt die Kremmen-See. Wenn selbige abgegraben würde, so bekämen Ihro Majestät an achtzehnhundert Morgen Wiesenwachs, wo Kolonisten könnten angesetzt werden, und würde dadurch die ganze Gegend hier schiffbar, welches dem Städtchen Fehrbellin und der Stadt Ruppin ungemein aufhelfen würde; auch könnte vieles aus Mecklenburg zu Wasser nach Berlin kommen.«

König: »Das glaub ich! Euch wird aber wohl bei der Sache sehr geholfen, viele dabei ruiniert, wenigstens die Gutsherren des Terrains; nicht wahr?«

Fromme: »Ihro Majestät halten zu Gnaden: das Terrain gehört zum königlichen Forst, und stehen nur Birken darauf.«

König: »Oh, wenn weiter nichts ist wie Birkenholz, so kann's geschehen! Allein, Ihr müßt auch nicht die Rechnung ohne den Wirt machen, daß nicht die Kosten den Nutzen übersteigen.«

Fromme: »Die Kosten werden den Nutzen gewiß nicht übersteigen! Denn erstlich können Ihro Majestät sicher darauf rechnen, daß achtzehnhundert Morgen von dem See gewonnen werden; das wären sechsunddreißig Kolonisten, jeder zu funfzig Morgen. Wird nun ein kleiner, leidlicher Zoll auf das Floßholz gelegt und auf die Schiffe, die den Kanal passieren, so wird das Kapital sich gut verzinsen.«

König: »Na! sagt es meinem Geheimden Rat Michaelis! Der Mann versteht's, und ich will Euch raten, daß Ihr Euch an den Mann wenden sollt in allen Stücken und wenn Ihr wißt, wo Kolonisten anzusetzen sind. Ich verlange nicht gleich ganze Kolonien; sondern wenn's nur zwo oder drei Familien sind, so könnt Ihr's immer mit dem Mann abmachen!«

Fromme: »Es soll geschehen, Ihro Majestät.«

 

Wer diese Unterhaltung gehört hat, der hat eigentlich auch ein Bild von der Landschaft, die da frisch wie ein glänzend neu gewaschenes Tischtuch sich ausbreitet. Es lebt etwas außerordentlich Weitliniges in der märkischen Landschaft. Das kommt in dieser endlosen Reihe von Dörfern, Siedelungen sehr gut zum Ausdruck. Starke Formen läßt dieser Sand und Mergelboden nicht zu, obwohl man sich manchmal über schroff aufgerissene Schluchten und jähe Abstürze wundern darf. Aber die Ebene, die wie ein weites, graugrünes Meer von höheren Punkten mit ihren Kiefernwäldern und breiten Ackerflächen sich bis zum Horizonte erstreckt, die ist das Schönste an der märkischen Landschaft. Sie ist so schüchtern, zart und unaufdringlich, daß man sich manchmal bei einem Sonnenuntergang überm Wasser zwischen den Kiefernstämmen nach Japan, ein andermal in den Kalkbergen bei Rüdersdorf in die Wüste hineinträumen kann, bis einen dann die märkischen Dorfnamen in die Wirklichkeit wieder zurückrufen. Diese Dorfnamen hat Fontane in ein paar luftigen, hellen Versen aneinandergereiht, und mit denen schließen wir heute.

»Und an dieses Teppichs blühendem Saum
All die lachenden Dörfer, ich zähle sie kaum:
Linow, Lindow,
Rhinow, Glindow,
Beetz und Gatow,
Dreetz und Flatow,
Bamme, Damme, Kriele, Krielow, Petzow,
Retzow, Ferch am Schwielow,
Zachow, Wachow und Groß Behnitz,
Marquardt-Uetz an Wublitz-Schlänitz,
Senzke, Lentzke und Marzahne,
Lietzow, Tietzow und Reckahne,
Und zum Schluß in dem leuchtenden Kranz:
Ketzin, Ketzür und Vehlefanz.«

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