Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hugo Marti >

Rumänisches Intermezzo

Hugo Marti: Rumänisches Intermezzo - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleRumänisches Intermezzo
authorHugo Marti
year1926
firstpub1926
publisherA. Francke
addressBern
titleRumänisches Intermezzo
pages159
created20080707
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

5 Stadt und Kloster

Es war schon Abend und ringsum herbstlich frühe Dunkelheit, als mich die Eisenbahn über flaches Land der fremden Stadt zutrug. Mit erregter Neugier, die Mühsale und Ermüdungen der vieltägigen Reise in Körper und Geist vergessend, spähte ich ihr entgegen als dem rätselvollen Grund und Boden, auf dem mir neue, ungewohnte Pflichten das Neue, Ungewohnte der Luft, Sprache und Sitten nicht leichter erfaßbar machen würden. Die Aufgabe offenen Sinns zu meistern war mein Vorsatz; darum ließ ich hinter dem dunkel bewaldeten Gebirgskamm der Karpathen nicht nur ohne Reue ein ziellos vertanes Jugendleben zurück, sondern auch mit lächelndem Gruß, den mein Herz spendete, den letzten meinem Ohr verständlichen Laut der mütterlichen Sprache, die dort, versprengt unter fremdem Klang, sich weich erhalten hat. Ich ahnte in neuen Gesichtszügen, neuer Gewandung, die weiß hinter breitgehörnten Ochsen durch die herbstreife Landschaft schimmerte, und neuem Baugesetz, das sich in flachen schilfgedeckten Lehmhütten verkündete, den neuen Beginn eigenen Erlebens, kräftigen Wachstums und die jähe Erweiterung dessen, was mir anzueignen beglückende Möglichkeit war.

7 Von einem mitreisenden Offizier, der sich unaufgefordert als meiner Sprache kundig erwiesen und mich auf die Befestigungswälle aufmerksam gemacht hatte, die in weiten Kreisen die Stadt umzogen und deren baumlose Rundungen das Auge im Dämmer des Abends flüchtig erfaßte, ließ ich mir den Namen der Straße, wo ich abzusteigen hatte, und die Nummer des Hauses mehrmals vorsagen, bis meine Zunge den schnalzenden Klang mühelos hervorbrachte, nahm dann mein kleines Gepäck an mich und verließ, als der Zug unter heftigem Ruck und Schnauben endlich stille stand, den Wagen, der mich hergeführt und mich bisher des eigenen Entschlusses enthoben hatte, und suchte mir nun unter dem lauten Getümmel, das Bahnsteig und Halle erfüllte, den Weg. Da ich meine Ankunft vorher anzuzeigen bei der kriegerischen Verwirrung der Länder, durch die ich hergereist war, keine sichere Gelegenheit gefunden hatte, durfte ich nicht damit rechnen, erwartet oder gar abgeholt zu werden; doch war die Stunde noch nicht so sehr vorgerückt, daß ich es nicht hätte wagen dürfen, das Haus, in dem ich immerhin angemeldet war, noch am gleichen Abend aufzusuchen. Ich wußte, es war 8 geräumig genug und von so ausgiebiger Dienerschaft besorgt, daß auch für den spät und überraschend Eintretenden ein Raum zur Verfügung hergerichtet werden konnte.

Die Reihe der Wagen, die ich auf holprigem Pflaster vor dem rußigen Bahnhofgebäude vorgefahren fand, ließ mich zögern: die wohlgepflegten Pferde und die gewichtigen Kutscher, deren bauschige Samtröcke bis zu den Schuhen herabfielen und von farbigen Schärpen oder metallverzierten Gürteln lose zusammengehalten waren, kamen mir, beide auf ihre Art, von so edelm Gehaben und Geblüte vor, daß ich nicht glauben mochte, sie ständen zu allgemeinem Gebrauche da. Weil ich aber einen um den andern von laut rufenden Reisenden geheuert und mit hoch beladenem Gefährt abziehen sah, machte auch ich mich heran, schnalzte meinen Bestimmungsort hervor und bestieg entschlossen die schaukelnde Kalesche. Wohl wandte sich der bartlose Riese auf dem Bock herum und sprach mir mit demütig gedämpfter Fistelstimme eine längere Rede vor, doch da ich nicht antwortete, sondern nur wiederholt mein Ziel in seinen Redefluß hineinschnalzte, zuckte er die Schultern und raffte die Zügel. Holpernd fuhren wir davon.

9 Später erst erfuhr ich, daß die samtenen Pferdegewaltigen dieser Stadt einer verbreiteten, aus Rußland vertriebenen Sekte angehören, die ihrem Gott zu dienen hofft, indem sie der Natur und eigenen Anlage mit gewaltsamem Eingriff ein Schnippchen schlägt und ihre rundlich gedunsene und bartlos weibische Abart einer Nachkommenschaft vorzieht; später auch lernte ich erst, daß nicht der Wagenführer, der die ausgedehnte Stadt schlecht kennt, sondern der Fahrgast den Lauf der raschen Reise lenkt, indem er durch seinen Stock oder Schuh in entschlossenem Hieb und Stoß dem Samtklotz von einer Straßenecke zur andern die Richtung befiehlt.

Mein Kutscher schien zu meinem Glück von der Stadt ein mehreres, als gebührlich von ihm verlangt werden durfte, zu kennen; er führte mich durch breite, doch recht verwahrloste Straßen, die sich später als vorläufiges Vorstadtgelände erwiesen, und ich hatte, mit Auge und Ohr dem Leben um mich hingegeben, Gelegenheit, Bilder und Geräusche von allerdings fülliger Ungewohntheit aufzunehmen. Viel Volk zog straßenauf und -ab: die Männer in ihren weißgrauen Hemdkitteln, die ihnen bis 10 auf die Knie gehen, und mit jenen Lederhüllen an den Füßen, worin ihr Schritt das schlurrend behende Gleiten von Tierpfoten kriegt, die Frauen oft mit einer dunkleren, ärmellosen Jacke oder Fellweste eng um die breite Brust, am steilen Nacken schimmernden Tand von Steinen und Metallschmuck, auf nackten Sohlen mit federnder Leichte rasch ausschreitend, wobei der seitlich geschürzte Umwurf klaffend den straffen Knöchel und das feste Bein enthüllt; ein farbiges Kopftuch rahmt das ruhige Bild der Gesichtszüge und der groß und neugierdelos offenen Augen. Die balgenden, schreienden Kinder scheuchte der harte Prall der Pferdehufe auf dem buckligen Steinpflaster oder ein gedehnter Zuruf meines würdevoll mächtigen Kutschers, daß sie aufschnellend unter dem nickenden Kopf des Tiers entstoben und johlend dann hinter dem Wagen hertollten, mit schmutzigen Händchen nach dem Sitz greifend, in dem ich halb vorgebeugt einherrumpelte. Mir riß bald hier, bald dort ein Lichtschimmer aus offenem Gelaß, eine schwankende Laterne unter dem Bretterdach den Blick zur Seite: Handwerkerbuden mit schweren Trauben jener Lederschuhe, die hellbraun und biegsam geschickte 11 Arbeit verrieten, Trödelstätten mit farbigen Tüchern und Bändern – rote Bändchen sah ich zierlich in die Mähnen der Pferde geschlungen und um die Hörner der Ochsen gewunden, deren langsame Gespanne wir überholten –, saftiges Gemüse zu Haufen gestapelt, Lauch und Kohl, Eier in Spreuer gebettet, und daneben schwarze Pfannen über flackernden Feuern und glimmenden Kohlen, in denen Mais geröstet und Sonnenblumenkerne knusprig gedörrt wurden, offene Garküchen, die einen Schwall Fischgeruch ausdampften, und jene Bretterbuden ohne Wände, wo Männer auf wackligen Stühlen aus kleinen Tassen glühheißen, kräftigen Kaffee schlürften, der im Hintergrand umsichtig, beinah Schluck um Schluck, mit gezuckertem Wasser und staubfein gemahlenem Pulver zubereitet ward. Auch eine Auslage von Schmuckzeug, knolligen Uhren und aufgeschichteten Brillen nahm mein Auge mit rascher Befriedigung wahr; sie gab mir die Hoffnung, ich könnte hier vielleicht am nächsten Tage mein eigenes Sehstück, meine Brille flicken lassen, die mir in der Nacht vorher ein bulgarischer Offizier, mit dem ich das stinkende Quartier in einem siebenbürgischen Gasthof zu teilen gezwungen 12 war, unbrauchbar gemacht, als er sie, in Trunkenheit und Dunkel durch die Kammer tastend, vom Tisch herabgewischt und unter die stolpernden Stiefel getreten hatte.

Mählich erschienen mir nun die Straßen, durch die ich spazieren gefahren wurde, sauberer, und die Steinhäuser, die sich bald in fester Folge aneinander reihten, wichen nicht von der durchschnittlichen Häßlichkeit europäischen Geschmackes ab und versprachen in dieser Sache keine Aufregung mehr, so daß ich, zumal ein feiner Regen zu sprühen angefangen hatte, mich ermüdet vom Schauen unter das Halbdach der Kalesche zurückzog. Dort mochte ich beinahe leicht eingeschlummert sein, als der Wagen plötzlich, wie mir schien, stille stand und der Kutscher mit seiner Hand seitlich auf ein großes Gebäude zeigte, dessen weiße Front hinter dunkelm Buschwerk des Vorgartens aufstieg zum finstern, vom Widerschein der Stadt zuckend angeglühten Himmel. Ich stieg rasch aus, vertrauend darauf, daß ich am rechten Ort abgesetzt worden sei, entlöhnte und entließ den Samtkoloß mit seiner weichen Mädchenstimme und wandte mich durch die breite Einfahrt einer torgleichen Halle zu, wo ich die Haustür vermutete.

13 Indes mir beim Nähertreten ein Zweig wippend feucht ins Gesicht klatschte, hob ich nun jäh den Kopf und bemerkte endlich, was ich wohl schon längst stumpf gesehen hatte: daß in der ganzen Front, in den hohen Fenstern kein einziges Licht war und daß auch der seitliche Hof, in den ich durch die Halle hineinsah, vom stillsten und dichtesten Dunkel erfüllt schien. Eh ich noch Möglichkeiten und Folgen meiner absonderlichen Lage erwogen hatte, griff schon die Hand, eigenem Handeln erbötig, zum leuchtenden Metallknopf und schellte, daß es dröhnend irgendwo fern im weitläufigen Hause erklang. Aus der Hoffinsternis schoß, noch schwärzer als die Nacht, alsbald ein kugliges Tier bellend hervor und umkreiste mich kläffend und schnuppernd; doch schien es weniger gefährlich als erregt zu sein. Aus dem Hofe her zitterte nun auch ein Lichtstrahl durch die regenfeuchte Luft, eine Tür knarrte fern und ein Schritt ward laut. Der Hund stob zurück, scheltende Rufe wehrten seiner Zudringlichkeit, ich sah im Flackerschein ein ängstliches Frauengesicht, das umsonst die Nacht durchspähte und mich in Lauten, die ich nur dem Sinne nach erfaßte, anrief. Ich antwortete, 14 indem ich guten Abend wünschte, meinen Namen nannte und um Einlaß bat, da ich doch einzig zu diesem Zweck die weite Reise getan, auf Wunsch des mir noch unbekannten Hausherrn in solch unruhigen Kriegszeiten unternommen und vollbracht hätte. Diese von mir klar und deutlich gesprochenen Worte schienen zwar nicht verstanden, doch aber gebilligt zu werden; die Frau verschwand murmelnd, der Hund mit ihr, und bald erstrahlten da und dort im Hause Fenster: ich wurde eingelassen.

Auf der Flurtreppe stand ich der Frau wieder gegenüber. Beide zögerten wir, sprachen dann in verschiedenen Sprachen aufeinander ein, verstummten mit einem Lächeln, das Wohlwollen bezeugte und stille Musterung des andern gestattete. Das Weib, schon ältlich, grauen Haars, mochte eine Haushälterin oder Schaffnerin sein; dies schien mir auch ihr zwischen bissiger Strenge und weinerlicher Wehmut wechselnder Ausdruck zu sagen. Ihre notdürftig verhakten Kleiderstücke verrieten, daß sie wie offenbar das ganze Hausgesinde schon in gemächlicher Zurückgezogenheit den stilleren Betätigungen des Abends hingegeben gewesen war, etwa dem Schreiben eines Briefs an ferne 15 Verwandte oder gar der Andacht, aus welchen sie nun meine unvermutete Ankunft und der schrille Schrei der Hausglocke herausgestört hatten. Aus der Sprache ihrer Hände, dem ferienhaft verstaubten Aussehen des Flurs mit den nackten Kleiderständern und den verhängten Sesseln und Bildern verstand ich bald, daß ich in ein zurzeit verlassenes Haus geraten sei. Ich zuckte bedauernd die Achseln, fragte, schüttelte den Kopf; die Alte sah mich starr an, als bedächte sie bei sich einen Ausweg aus dieser Sackgasse der Unterhaltung, wandte sich dann rasch ab und rief gellend durch das hohe Treppenhaus hinauf: »Katinka!«

Wie ein hinter den Kulissen bereitgestellter Engel, der auf sein Stichwort wartet, glitt eine weiß flatternde Gestalt, auch sie offenbar der Bettruhe entrissen, über die Treppen herab, steckte sich im Flug das schwarze Haar hoch und begrüßte mich knixend: »Guten Abend, Herr. Sie belieben?« Daß ich lachend diesen Ausruf beglich, schien die Alte nicht zu billigen; streng sprach sie und eindringlich zu dem Wesen, das sich als notdürftig zweisprachig erwies und uns nun als Dolmetsch diente, nicht ohne, wie ich bald merken konnte, die sachlichen 16 Auskünfte, Entschuldigungen und Vorschläge der Wirtschafterin mit eigenen Meinungen, Ratschlägen und Scherzen zu verbrämen. Also plaudernd geleitete man mich über Treppen und durch Gänge in ein fernabliegendes Zimmer, das wohl für mich bestimmt sein mochte und wo die beiden Frauen eilig, doch unter stetem Geschwätz der jüngeren ein Bett herrichteten, Wasser in die Krüge sprudeln ließen und mich einquartierten.

Ein von mir unvorsichtig geäußerter Wunsch, ob nicht ein kaltes Abendbrot zu beschaffen wäre, wurde von Katinka eifrig und, wie ich wohl beobachtete, mit Uebertreibung in einen starren Befehl verwandelt, der die Haushälterin in Verlegenheit versetzte. Ihre Blicke lagen forschend auf mir, als wollten sie von meinem Aussehen die Ermüdung tagelanger Reisen ablesen, und dann kam aus ihrem Mund ein knapper, vernünftiger Bescheid, der mir so übermittelt wurde: »Du gehst in einen Gasthof essen, wo es fein ist; hier haben wir nichts für dich. Ich gehe mit dir; wir gehen beide in den Gasthof.«

Ich nickte zögernd, doch war es mir recht, da ich in so später Stunde keine Zeit zu eigener 17 Erkundung der Stadt übrig hatte. Rechtsumkehrt verschwand der Engel Katinka; was in wenigen Minuten wieder lächelnd erschien, war ein in zierlicher Bescheidenheit aufgeputztes Dämchen, mit breitem Hutrand über den dunkeln Augenbrauen, knapper Jacke über den Hüften, schmalem Schuhwerk und hellen Handschuhen, die es sich über die Finger streifte.

Hier griff die Schaffnerin entschlossen ein. Mit heftiger Stimme schalt sie Katinka aus, deren Augen halb spöttisch, halb Hilfe heischend nach mir gingen und mich zum befehlenden Wort ermunterten; doch schwieg ich, nicht willens, der Alten in ihren Machtbereich einzubrechen. Immer scheltend schob sie die murrend und kläglich Widerredende aus meinem Zimmer hinaus, dann hörte ich sie ferner rufen und pochen, und endlich kam sie mit einer dritten Frauensperson gesetzten Alters und stillen Aussehens zurück, stellte sie mir als Anika vor, gab ihr kurzen Befehl, dreimal den gleichen, und entließ uns.

Anika nun trippelte barfuß neben mir her die Treppen hinunter, band sich ihr helles Kopftuch fest um die noch dunkeln Haare und nahm mich, kaum hatte sie die Haustür hinter 18 uns ins Schloß gezogen, an der Hand; trocken hart, von den Spuren der täglichen Arbeit gefurcht, schlossen ihre Finger sich um die meinen, die ich ihr ruhig ließ. Sie schwatzte auch, und da ich ihr, die ich nicht verstand, keine Antwort zu geben hatte, blickte sie flüchtig zu mir empor, ließ sich jedoch keineswegs einschüchtern, sondern plauderte weiter, als ob sie damit ihre Pflicht ohne Aussicht auf Lohn oder Anerkennung vollbrächte.

Sie führte mich durch Straßen kreuz und quer, über Plätze und an öffentlichen Gärten vorbei, riß mich dann zum Verdeck einer vorbeiklingelnden Pferdebahn hinauf, wo sie das Fahrgeld für uns beide bezahlte, drehte den Menschen, die uns erstaunt begafften, den Rücken und schien sie halblaut zu schelten, wies mir dann wieder hellerleuchtete Auslagen, spazierende Uniformen, rollende Wagen; zerrte mich plötzlich vom Verdeck herab, überquerte die Straße und schob mich durch eine Drehtür in ein großes, von Menschen und Musik erbrausendes Speisehaus hinein. Als ich mich wartend umwandte, war und blieb sie verschwunden.

An meinem Tisch, der Stillung plötzlich erwachten Hungers dienend, überdachte ich 19 meinen Einzug in die fremde Stadt, sonderte Zufälliges von Wesentlichem, Natürliches von Gekünsteltem, und verweilte dankbar bei dem tröstlichen Bilde menschlicher Ungezwungenheit, mit der mich die Dienerin Anika ohne Scheu noch Geziertheit, fast mütterlich an der Hand zu dieser Stärkung des Leibes geführt hatte. Doch befielen mich, als ich nach einer geraumen Weile die Heimkehr beschloß, Zweifel und Angst, wie ich den weiten Weg, den ich ja nicht selber abgehaspelt, wieder zurückspulen würde. Rasch bezahlte ich meine Zeche, beklommen verließ ich das Haus, spähend auf und ab stand ich vor der stetsfort bewegten Türe.

Da löste sich seitlich von der Mauer, wo sie still auf ihren Fersen gekauert, vom rieselnden Regen kaum beschützt mich erwartet hatte, Anikas dunkle Gestalt aus dem Dunkel der fremden Nacht; ihr Mund lächelte zu mir empor, mit einem raschen Ruck schob sie das Kopftuch über die Stirn zurück, und ihre harte, trockene Hand ergriff wieder die meine, führte mich durch das Gewimmel der Straßen und des späten Treibens, führte mich heim, wo ich nun satt und müde, nach Nächten kärglichen Ruhens in ratternden Wagen, schmutzigen Herbergen, 20 das reinliche Linnen kühl um die schläfrigen Glieder genoß.

In der Zimmerecke mit letztem Blick, eh das Licht erlosch, sah ich die fremde, dunkelhäutige, östliche Mutter Gottes aus silberstarrendem Schmuckrahmen stille leuchten; ihr Auge, groß und neugierdelos offen, bekannte die stolze Demut der Dienerin Anika.

 

21 Wie ein leerer Raum breitete sich anfangs die Stadt, das fremde Land, das neue Leben um mich; ihn rasch zu durchschreiten und hinter mich zu bringen, galt es nun vor allem. So lange ich nicht den Gruß, daß er verstanden und erwidert wurde, sprach und den Rhythmus fühlte, der im Schritt des einzelnen, im Drang der Gasse und des Marktes pulste, war die gläserne Wand der Fremdheit wie ein lästiger Käfig um mich. Ich mußte vergessen, wer ich war, um zu erkennen, wo ich war.

Tagelang, vom frühen Morgen bis in die tiefe Nacht hinein, durchkreuzte ich das Gewirr der Stadt. Da mir der Zufall meinen Beruf, einen rumänischen Knaben in die Kniffe gangbarer westlicher Bildung einzuführen und ihn sonstwie zu dressieren und zu unterhalten, wohlwollend um einige Tage hinausgeschoben hatte, war ich Herr meiner Stunden. Nicht einmal zu jeder Mahlzeit kehrte ich in das stille Haus zurück, wo ich, allein in dem bedrückend weiten und hohen Saal an der Schmalseite des mächtig langen Tisches schmausend, keine andere Unterhaltung fand, als der Reihe nach die fünf in farbiges Holz geschnitzten Köpfe der Kinder zu betrachten, die vom dunkeln Wandgebälk 22 herab in mehrfacher Wiederholung in die dämmerige Halle starrten; wobei mir allerdings die gesprächige Katinka, die sich die Bedienung am Tisch nicht hatte nehmen lassen, wertvollen Aufschluß über Wesen und Art der Kinder und der Familie gab, so wie sie die Herrschaften nun einmal begutachtete. Lieber ließ ich mich in einer der vielen winkligen Speisestätten der inneren Straßen nieder, nachdem ich mir einige Zeitungen erstanden hatte; dort stellte ich mir meine Mahlzeiten nach Augenschein zusammen, holte mir aus Töpfen, Fässern und Körben, was mir gefiel und schmeckte, und vertraute mich bald mit dem Zwinkern des Einverständnisses der wohlmeinenden Sorge des Koches an, der seine Gäste eigenhändig bediente. Bei einem Albanesen, der in einer engen Nebengasse ein reiches Lager landesüblicher Leckereien verwaltete, fühlte ich mich besonders wohl; während ich, an einem umgestülpten Fasse sitzend, seine zarten Gemüse, strammen Fische und herben Früchte genoß, beriet er in einem Winkel mit aufgeregten Landsleuten das Schicksal seiner Heimat, die Möglichkeiten raschen Umsturzes und dringender Verbesserung. Von den Beschlüssen ihrer zischelnden, jäh 23 aufbrausenden und kummervoll verstummenden Beratungen gab er mir, als einem ungefährlichen Fremden, in säuselndem Deutsch geflüsterte Kenntnis, die er unvermittelt und in gleicher Leidenschaft mit kulinarischen Weisheiten spickte, etwa so: »Der fremde Herrscher hat unsere alten Rechte in den Boden getreten; müssen wir uns dies gefallen lassen? Sie denken gewiß wie ich und meine Brüder, die wir die Freiheit lieben wie Sie. Lieben Sie auch den Maiskolben, den ich am offenen Feuer geröstet habe? Mit Butter bestrichen natürlich. Er wird der Gewalt weichen müssen, wenn er dem eigenen Verstand nicht folgt. Versuchen Sie einmal diese Artischoke . . .«

In den Vormittagsstunden trieb ich mich auf dem Markt herum. Rumänische Bauern, hager und braun in ihren weißen Kitteln, schlenkerten ganze Bündel lebender Hühner, an den Beinen zusammengekoppelt, vor den Augen feilschender Weiber. Bulgarische Gärtner, denen die braunen Sackhosen tief zwischen den Knien hingen, stapelten saftiges Gemüse, pralle Wurzelknollen und wohlriechende Kräuter auf. Türken im roten Fes, ruhiger spähend im wogenden Gedränge, gruben blanke Eier 24 aus dem Spreuer ihrer Körbe. Im schmalen Schatten der Häuser hockten die Blumenmädchen, dunkle Zigeunerinnen, die mit kreischender Stimme einander beschimpften oder lachten, daß ihre weißen Zähne heller als die Glasperlen auf ihren Brüsten schimmerten; in flachen Bastkörben trugen sie wiegenden Ganges auf federnden Sohlen die rauschende Farbenpracht ihrer halboffenen Rosen durch die flimmernde Glut der Straßen. Die Kohlenverkäufer brüllten heiser an den Hausmauern empor, schmeichelnd sangen die Zuckerwarenhändler ihr blasses Schleckwerk aus, und die Wasserträger stapften wie mürrische Lasttiere durch die drängende Menschenflut, am Rücken und auf den breiten Schultern das blitzende Gefäß, am Gürtel die klirrenden Trinknäpfe.

In der Handelsstraße der Juden lagen die Warenballen, die Schuhstapel, die Kleiderhaufen weit über den Fußsteig hinaus. Jeder begehrliche oder musternde Blick wurde mit heftigen Gebärden eingefangen, angelockt und nur mit Bedauern wieder losgelassen. Meterstäbe fuchtelten wild in der Luft, rauschende Stoffe wurden dem Vorübergehenden umgeworfen, geschmeidige Opintschen nackten Füßen 25 angepaßt, hohe Fellmützen über strähnig wirres Haar gestülpt. Durch all diesen Trödelkram, durch die lärmende Geschäftigkeit und die wimmelnde Enge der Straßen stöckelte, Blick links, Blick rechts aus dunkel ummalten Augen, die wieselrege Bukaresterin, Gemisch aus entfesseltem Osten und nachgeäfftem Westen, von greller Mittagssonne das neueste Abendkleid, Modell aus Paris, unbekümmert bestrahlen lassend, den mattbraunen Wangenflaum angeborener Lieblichkeit unter Puder und Rot zwangvoll begrabend. Die Männer, Arm in Arm, auch im modisch gepufften bunten Rock schnürender Uniformen, stelzten gemächlich nach, warfen sich zu stundenlanger Rast auf die Stühle vor den Kaffeehäusern, schlürften durch das Röhrchen erfrischend kaltes Wasser und musterten langen Blickes, aus politischen Debatten und Skandalklatsch jäh verstummend, vorüberschaukelnde Hüften und straffe Fesseln.

Am dritten, vierten Tag hatte ich aus den Zeitungen die gebräuchlichen Schlagworte rumänischer Alltagssprache gelernt, aus dem Tingeltangel die vorletzten französischen Anzüglichkeiten und die kurantesten ungarischen Weisen, aus dem Lärm der Straße den 26 Herzschlag der Stadt herausgehört. Er war vom Fieber durchjagt. Der Weltkrieg preßte sich an die Grenzen des Landes. Der Hunger Europas schacherte um das Brot des rumänischen Ackers. Das Gold, mühelos gehäuft, kerkerte mit gleißender Mauer den freien Willen ein. Der Bruder traute dem Bruder nicht; Gier und Angst würgte beide.

Eines Abends, da ich müde von der Straße in die gespenstisch stillen Räume des Hauses zurückkehrte, rief mich telephonische Unterredung nach Sinaia hinauf. Ob ich nicht davor zurückschrecke, Herbst und Winter in der verlassenen Einsamkeit der waldigen Berge zu verbringen? Ich packte am nächsten Morgen meinen Koffer und verließ die Stadt. Ihr Lärm, mir lange noch im Ohr, ging unter in der großen Stille der Wälder.

 

27 Hier stand, hoch über dem Fluß und der fauchenden Eisenbahn, deren schriller Pfiff in die abgelegenen Täler zu Wolf und Bär drang, das Kloster. Es stand zuerst da, in einer Rodung des Waldes, auf der Kuppe eines Hügels, der in seiner Kegelform den Wallfahrer an den heiligen Gesetzesberg Sinai erinnern mochte. Von den Karpathenweiden herab ging der Weg in die Ebene an seiner engen Pforte vorbei, an den hell schimmernden Mauern, die Hof und Brunnen und Gotteshaus einschlossen und gegen Türkenwut und reißendes Wild bewahrten. Später kamen einige Hütten dazu; es wurde zum Paßdorf in den Wäldern, zum Rastort der Säumer. Die romantische Carmen Sylva entdeckte es für die Welt und für die Mode; sie brach in den Klosterfrieden ein und machte aus der Einsamkeit ihre Sommerfrische. An die weiße Wand der Zelle, in der sie wohnte, kritzelte sie mit steifem Bleistift die würdigen Spitzbärte des königlichen Hofstaates. Im Dämmer der alten Tannen, durch die der Wind machtvoll orgelt, spann sie ihre sentimentalen Träumereien. König Carol, auf die Dauer mönchischer Einfachheit wohl überdrüssig und hohenzollerschem Bauspleen gehorchend, protzte 28 ein üppiges Jagdschloß in die friedsame Wildnis, eine zusammengebackene Abbreviatur vieler Stile, und warf eine kleine Garnison, einen Troß Lakaien und sein Jagdgesinde in die menschenferne Stille des Hochtals. Ein verputztes Kasino am Fuße des Klosterberges, ein geräumiges Hotel und einige Fabrikschlote bewiesen bald, daß Sinaia Tagedieben wie Taglöhnern ein Auskommen zu bieten vermochte.

In eine Falte des grünen Klosterberges geschmiegt, lag das kleine Haus, in dem mir Unterkunft bereitet war. Eine Frau in rüstigen Jahren empfing mich; ihre Mutter, die alte Paraskiva, schob das magere Gesicht unter dem großen schwarzen Kopftuch durchs Fenster zu ebener Erde heraus und sprach mir in langer Rede den Willkommgruß, zum Schluß schlugen ihre gichtknotigen Finger über mir das Kreuz, langsam, dreimal. Bald erfuhr ich, daß sie mit dem Kloster enge Beziehungen pflog, kaum eine Messe versäumte und den letzten Bruder vertraulich kannte. Da sie gesprächig war, hielt ich mich gerne bei ihr auf, wenn sie etwa im Gärtchen die noch warme Herbstsonne suchte, und erfuhr so manches über die Mönche, ihr Leben und ihre Regeln. In einer Truhe bewahrte 29 sie sorgfältig als ihren teuersten Schatz ein Nonnengewand, das sie, ich weiß nicht mit welchem Recht, im Sarg dereinst zu tragen hoffte.

Eines Tages hatte sie es einzurichten gewußt, daß in ihrer Begleitung der Bruder Bibliothekar aus dem Kloster mich traf. »Bruder Justinian«, sagte sie, »will dir gerne Führer sein.« Ich suchte ihn bald darnach auf, und wir wurden gute Freunde.

Weithin ging von den breiten Bogenfenstern und der Wandelhalle der äußeren, neuen Klosterbauten der Blick über Berg und waldiges Tal, auf die buckligen Weidehöhen, wo in sömmerlicher Einsamkeit Schafherden monatelang weilten, und hinauf zu den machtvoll getürmten Felsenbergen und zu den gerippten silbernen Gräten, um deren Gipfel und Namen das Geheimnis uralter Opferstätten witterte.

Bruder Justinian schloß mir die Bibliothek auf. Es roch muffig in dem Raum, der Raritätenkabinett und Büchersaal zugleich war. Alte Tücher und Waffen hingen an den Wänden und in Schaukästen, dunkle Bilder und Steinseltenheiten, Kirchengeräte und Ikonen standen recht verwahrlost und verstaubt herum. In den 30 Regalen lagen alte Folianten, frühe Uebersetzungen der Bibel ins Kirchenslawische, Chroniken, Legendenbücher und Heiligengeschichten. Der Mönch zog die Werke hervor, seine Finger blätterten in ihnen, wiesen mir die farbigen Initialen, stießen die Bände wieder weg. »Dieses hier«, sagte er schmunzelnd, »habe ich in der Bücherei auf dem heiligen Berg Athos, wo ich Jahre lang gelebt, nicht gefunden.« Erstaunt griff ich zu und entzifferte mühsam aus den kyrillischen Buchstaben, daß es sich um Legenden handelte. »Nicht um die Legenden der Kirche«, sagte mein Mönch, »nicht um die Heiligengeschichten. Diese hier sind älter; die Kirche verdammt sie.« »Sie stehen hier im Kloster?«, staunte ich. »Warum nicht«, lächelte er. »Das Volk kennt sie doch und erzählt sie sich, und so bleiben sie bestehen bis in alle Ewigkeit. Selten werden sie aufgeschrieben; wozu auch? Was man so gedruckt lesen kann, und wenn es auch ein frommer Mann schrieb, – da weiß man nie, ob sich nicht sein Kopf geirrt oder seine Hand getäuscht oder seine Feder verschrieben hat; aber was der Vater dem Sohn und dieser dem Enkel übergibt, von Mund zu Mund, das kann nicht falsch und irrig 31 sein. Denn aus dem Mund spricht das Herz und aus diesem die ewige Wahrheit, mit der Feder aber der Kopf und der menschliche Aberwitz.«

So sprach der fromme Mann, der die Bücher des Klosters verwaltete; ich begriff bald, daß er die Geschichten besser erzählen als lesen konnte. In seiner unbekümmerten Weise erzählte er sie vorzüglich und mischte ihre abergläubische Märchenweisheit mit so köstlicher weltoffener Bauernklugheit, daß mir die ganze warme Erdennähe seines Standes und seines frommen Berufes auch aus den weltlichen Geschichten entgegenstrahlte, die er, einmal zum Sprechen gebracht, an langen Abenden zwischen der letzten Tagesandacht und der Mitternachtsmesse mir in seiner kümmerlich kahlen Zelle vortrug, die Hände fröstelnd vergraben in den weiten Aermeln seiner schäbigen schwarzen Kutte, den graubärtigen Kopf mit der hohen Mütze leicht zur Seite geneigt, im flackernden Licht einer trüben Oelampel.

Früh fiel der Schnee auf die breiten Kuppen der Berge. An klaren Tagen schimmerten sie blendend über die dunkeln Tannenwälder herab, in hellen Nächten, wenn ich spät durch den verlassenen Park vor den verrammelten 32 Sommervillen schlenderte oder vom Kloster den Hang hinab in mein Häuschen heimkehrte, standen sie wie mattglänzende Stufen, die in den Himmel stiegen. Zu Pferd und zu Fuß war ich über die weiten Weideplätze gezogen, selten menschlicher Behausung oder Spur begegnet. Dann jagten winterliche Stürme durch die Wälder, der Schnee engte das Dorf zusammen, im Eis starrten die Bäche. Die Welt des Kriegs und die Stadt der gesellschaftlichen Freuden war fern. In meiner Hütte brodelte der türkische Kaffee, wölkte sich der Rauch der Pfeife. Die Tage, die Wochen versanken weich in die flockige Stille des Bergwinters.

Am heiligen Abend – ich hatte meine Stunden erteilt, der orthodoxe Kalender ließ ihn hier erst dreizehn Tage später fällig werden – trieb es mich in den Wald. Ich brach einen Zweig von einer schneegebeugten Tanne, roch den herben Duft, zerrieb die Nadeln in meinen frostklammen Händen, lauschte in die stumme Nacht hinaus. Keine Glocke, kein Licht. In meiner Stube hockte Einsamkeit und fragte nach der Heimat. Ich floh, stieg zum Kloster hinauf.

Ein Mönch lief eilig um die alte Kirche, schlug mit dem Stab auf das Holzbrett, 33 langsam: tak tak, immer schneller: tak tak tak, dann in kunstvoll gedehntem und gestautem Rhythmus: tak – tak tak – tak tak tak – tak tak tak – und verschwand durch den hastig geöffneten Türspalt in die spärlich erleuchtete Kirche. Ich folgte ihm.

An einem Holzpfeiler nahe dem Eingang ließ ich mich nieder. Von kärglichem Licht erhellt, glommen an den Wänden die alten Bilder: der Stifter des Gotteshauses mit seinen Söhnen, in starrer Haltung die braunen Gesichter und die bauschigen Gewänder, auf der andern Seite der Tür seine Gattin und die Töchter, die schmalen Hände über der Brust gefaltet. Der Rauch unzähliger Kerzen hatte das niedere Gewölbe gedunkelt. Um das Lesepult herum standen vier Brüder. Wechselweise schoben sie sich den Psalter zu, näselnden Tones sang jeder seine Seite hinunter, zu vollem Klang und straffer Kadenz die Stimme erst gegen das Ende hin hebend, wenn er den dösenden Nachbar wecken wollte, damit dieser zur fugenlosen Fortsetzung bereit sei. Rund um den eisernen Ofen, durch dessen klaffende Tür laut knatternder, zuckender Schein hastig brennender Holzklötze flackerte, hockten auf kreisrunden 34 Bastmatten einige Mönche, in der dumpfen Wärme müd eingeschlafen. In der Mitte des kleinen Gotteshauses, auf steinernen Fliesen, kniete ein Bauer, den wohl Geschäfte aus dem fernen Waldwinkel in das Klosterdorf geführt hatten und der nun mit leisem Gemurmel der beschleunigten Litanei folgte; sein weißer Fellmantel floß breit und fürstlich von den gebeugten Schultern auf den staubgrauen Boden, und sein langer Wanderstab ragte hoch über die gefalteten, alten Hände empor. Im fremden, singenden Klang der brüchigen Stimmen hörte mein Herz die frohe Botschaft, die zu gleicher Stunde aus den fernen Glocken der Heimat dröhnend scholl und über peinvoll stummen Schützengräben zagend weilte. Kalt und verloren tropfte aus knisterndem Sterngefunkel winterliches Licht über die Wälder und über den mitternächtigen Pfad, den ich durch knirschenden Schnee in meine warme Hütte stapfte.

Und es fuhren die Stürme des Frühlings über das Land, leckten mit heißen Zungen aus der Ebene, vom Meer empor in die schattigen Waldtäler, brachen das Eis der Bäche, schmolzen die weiße Last der Hänge, schnellten die Tannwipfel in laue Luft empor.

35 Noch waren die Wege feucht und vom Schmelzwasser zerrissen, schon spiegelte sich auf der Promenade der erste bunte Sonnenschirm in der himmelblau schimmernden Pfütze.

Ostern kündigte sich im fleischlosen Speisezettel an. Die alte Paraskiva schob mir früh am Tage geweihte Kuchen aus ungebackenem Teig auf die Schwelle des Zimmers. Die Dienstmädchen gingen stöhnend mit schwindenden Kräften ihren Pflichten nach. Jedes Gespräch war mit Knoblauch gewürzt.

In der Osternacht füllte sich der weite Platz vor der Kirche mit einer murmelnd verharrenden Menge. Die Pforte stand offen, dunkel war der Raum des Gotteshauses. Auf den Stufen der Kirchentreppe, hinter schwarzbeschlagenem Altar, ragte die Gestalt des Abtes; sein weißer Bart zitterte im nächtlichen Wind. Jeder, Mönch und Bauer, Soldat und Bürger, trug in gefalteten Händen eine lichtlose Kerze. Golden schimmerte über die Häupter das nackte Kreuz.

Da, mit dem Schlag der Mitternacht: jauchzender Gesang aus dem Dunkel der grabestoten Kirche, der aufbrausende Jubel: Christ ist erstanden! Ein Licht flackert auf, Kerze entzündet sich an Kerze, mir reicht es eine 36 fremde Hand, ich gebe es einer fremden Hand weiter, im Hof wogt ein See von Flammen, aus der Kirche bricht strahlender Schein. Langsam umwandelt Geistlichkeit und Gemeinde das Haus, zieht ein in die festliche Halle, kniet nieder zu stundenlangem Gebet.

Fast dämmert schon der Morgen herauf, da ich heimkehre. Die alte Paraskiva humpelt mir nach, an der wackligen Gartenpforte legt sie ihre zitternden Arme um meine Schultern, ihre eiskalten Lippen drücken mir den Osterkuß auf die Wange, und selig lächelnd flüstert sie an meinem Ohr: »Christ ist erstanden!« Ich antworte ihr: »Wahrhaftig, er ist auferstanden.« Dann führt sie mich an der Hand zum übervoll gedeckten Tisch, zum fettglänzenden Hammelbraten, zum weißen heiligen Brot.

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.