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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 89
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Zwölftes Kapitel.
Die Scheidestunde schlug.

Als die Baronin durch die Hecke geschlüpft – sie hoffte, unbemerkt von den Verfolgern –, befand sie sich in einem schmalen Gange, der eigentlich nicht zum Spazierengehen, sondern, zwischen der beschnittenen Baumhecke und einem alten Plankenzaune, mit Unkraut bewachsen und für den Kehricht des Gartens bestimmt war. Ihre Absicht war auch wohl gewesen, wenn das Wilde Heer vorüber, in die Allee zu ihrem Freunde zurückzukehren. Davon wurde sie zu ihrem Schreck durch einen andern Mann, den sie nicht als ihren Freund betrachtete, abgehalten. Nein, sie fürchtete oder verabscheute den alten Herrn von Bovillard und glaubte dazu hinlänglichen Grund zu haben, denn hatte nicht der Legationsrat in einer vertrauten Stunde ihr – wir sagen nicht, alles, aber doch vieles vertraut, was sie nie erfahren durfte, wenn man nicht ohnedem wüßte, daß das Amtssiegel der Verschwiegenheit über die geheimen Staatsangelegenheiten in der Hinterstube des Geheimrat Bovillard nur zu oft erbrochen war.

Und diesen selben Bovillard, der mit ihr und dem Rittmeister ein so grausames Spiel gespielt, dem sie in ihrer Entrüstung geschworen, nie mehr ins Gesicht zu sehen, traf sie an dem einsamen Orte, er kam grad auf sie zu und hob grade den Kopf, den er gesenkt trug, ehe sie ausweichen konnte. Zu andrer Zeit kochte es in ihr, ihm Sottisen oder die Wahrheit zu sagen, was sollte sie ihm jetzt sagen, wenn er mit seinem medisanten Witze sie raillierte!

Ach, aber der Geheimrat war ein anderer, in kurzer Zeit schien er um Jahre älter geworden. Wohin war der elastische Schritt, die Jugendlichkeit, die er im Umgang affektierte? Er ging bedächtig und gesenkten Hauptes. Er litt an fixen Ideen, sagte man. War es sein Stammbaum, dessen Wurzeln bis zur Schöpfung der Welt zurückwuchsen, was seinen Blick auf der Erde wurzeln ließ? Man hielt es nur für eine momentane Phantasie des aufgeklärten Lebemannes; er benutzte sie, um seinem Dépit gegen die Verbindung seines Sohnes mit der Demoiselle Alltag einen scheinbaren Grund unterzulegen. Er litt, wer sollte es glauben, an einer andern Idee, die er zwar nicht deutlich aussprach, aber aus seinen hervorgestoßenen Reden erschien es, daß er an gewissen Tagen sich für vergiftet hielt, von wem anders als der Lupinus! Auf vernünftige Vorstellungen gab der vernünftige Mann zu, daß dies unmöglich sei, da er jede gesellige Berührung mit ihr vermieden hatte; aber er nahm doch in jenen Tagen viele und starke Laxanzen. Er, der erklärte Gegner der Romantik und allen Mystizismus, las in Büchern, die man nicht auf seinem Tisch erwarten sollen, und an Ärzte, die sich jener Richtung näherten, stellte er die verblümte Frage, was sie von dem bösen Blick hielten, an den die südlichen Nationen glauben, und ob nicht eine physische Möglichkeit sei, daß er der Gesundheit anderer schaden könne? Der Geheimrat Bovillard war bereits als malade imaginaire sprichwörtlich. Sein Gönner, der Minister mit der aufrechten Haltung, hatte ihm seine Universalkur, Karlsbad, wiederholentlich empfohlen, der Geheimrat den Rat aber von der Hand gewiesen – für jetzt. Er fürchte, es werde ihm als Furcht ausgelegt, wenn er sich aus Preußen entferne, er sei ein Patriot, darum müsse er es zeigen. Darum zeigte er sich an öffentlichen Orten; wenn auch nicht grade an dem, wo die Baronin ihm begegnete.

»Ach, meine gnädige Frau«, sagte er, nachdem von seiner Seite weder eine freudige noch eine andre Überraschung stattgefunden, er brachte die Worte vielmehr mit einer Art innerem Gähnen heraus, indem er neben ihr herging. »Ach, meine gnädige Frau, die Moralisten sagen, alles in der Welt ist eitel; aber es ist nur die Wirkung aus der Ferne. Ich sehe in der Welt nicht ab, warum das eitel sein soll, was ich genieße, und es schmeckt mir. Eitel, das heißt, es verdirbt und vergeht, wird es nur durch die Einflüsse von außerhalb. Könnte jeder seinem Penchant nachgehen, dann gäbe es keine Eitelkeit und keine Sünde, nur vergnügte Menschen. Sie lieben im Frühling die Veilchen, ich die Maibutter, wie schön duften sie am Morgen, wie aromatisch und frisch schmeckt sie zum Frühstück! Da muß ein Weltkörper, viele Millionen Meilen von uns entfernt, so einwirken, daß das Veilchen am Abende welk ist, meine Butter ist ranzig und zerflossen. Das Übelste ist, auch die Philosophie hilft dagegen nicht. Der böse Magnet, Dämon, was es sei in der Ferne, unsre Pfeile erreichen ihn nicht, und was noch schlimmer, wir wissen gar nicht, wo unser Feind ist. So ist der Klügste nicht sicher, woher's ihn einmal überkommt, ob er auf dem Eis einbrechen oder im Tanzsaal ein Bein brechen soll. Was ist der Krieg? Die Soldaten bilden sich ein, sie trügen ihn, und sie bluteten für uns. Aber, konträr, sie haben das Vergnügen, und der Zivilist hat die Leiden; er muß zahlen und zahlen, Handel und Gewerbe stocken und wir müssen Spott, Übermut und Einquartierung ertragen, bis wir aus der Haut fahren. Ich will mich nicht um die Welthändel kümmern, sagt der gute Bürger. Und hat er dazu nicht ein Recht? Was er nicht eingerührt hat, braucht er nicht aufzuessen. Hat der Weizenbauer in Pyritz die Französische Revolution gemacht, hat er konsentiert zur Pillnitzer Alliance, oder hat er Napoleon zum Kaiser ausgerufen? Gott bewahre, er weiß von alledem nichts, hat nie was von dem wissen wollen; aber büßen muß er jetzt: seine Pferde werden ihm ausgespannt, Fourage muß er liefern, seine Söhne hergeben zum Totschießen, und wenn die Franzosen gewinnen, frißt und prügelt ihn die Einquartierung, sie schmeißt ihn am Ende aus Haus und Bett, wenn er eine junge Frau hat, alles das die Wirkung aus der Ferne, und niemand weiß, meine teuerste Baronin, wo das Übel ihm sitzt und von wo es kommt.«

Die Baronin schenkte ihm einen Blick, der zu verraten schien, daß sie wenigstens die Ferne kenne, aus welcher sie die Wirkung empfunden. Der Geheimrat hatte für solche Blicke keine Augen und kein Gefühl.

»Meine Beste«, sagte er, das Gesicht in eigentümlicher Weise verkneifend und beide Hände gegen die Seiten stemmend, »denken wir nicht an vergangene Torheiten. Sie sollten nach Karlsbad. Hier, Gott weiß, was hier kommt; die schwere Luft, und niemand weiß, was er in den Sonnenstäubchen runterschluckt, die er einatmet, wenn er den Mund auftut. – Da – da – können Sie ungeniert und frei leben. Ich ginge ja auch herzensgern, aber – ein Staatsmann und die Rücksichten. – Excüse!«

Mit einem raschen Sprung war er in den Gang zurück, aus dem er die Baronin unter so liebenswürdigem Gespräch bis in den Garten zurückgeführt hatte. Da trafen sich im Gewühl viele Bekannte, die wieder auf die Estraden stiegen. Die Stopfung auf der Straße war gelöst. Der Abendwind trieb den Staub nach einer jenseitigen Richtung. Herr von Fuchsius, der die vereinsamte Frau zuerst gewahrte, hatte ihr seinen Arm angeboten. Sie hätte wohl einen besseren Führer gewünscht, sagte er lächelnd, aber in dem Gedränge müsse man sich schon dem ersten besten anvertrauen. »Wer in der Gefahr vereinsamt steht, ist verloren.« Überall Abschiedsszenen, Tränen, Tücher. »Sie waren eben Zeugin einer der tragischsten Abschiedsszenen!« Die Baronin sah ihn verwundert an.

»Herr von Bovillard scheint förmlich von seinem Verstande sich geschieden zu haben. Es ist der Abschied eines Verschwenders von seinem verschleuderten Gute. Er ist auf dem Wege, ein vollständiger Hypochonder zu werden. – Aber beachten Sie den Abschied dort, er ist weit trauriger, zwischen Vater und Sohn.«

»Zieht der junge van Asten auch ins Feld?« fragte die Baronin, denn dieser war es, dem sein Vater nach einem langen, wie es schien, eindringlichen Gespräch plötzlich den Rücken wandte.

»Nur in die Freiheit – und der Alte vielleicht ins Schuldgefängnis.«

Das Verhältnis war stadtkundig: »Mein Gott, wer hat denn da nun recht? Der junge Walter ist auch ein so braver Mann!«

Der Rat zuckte die Achseln: »Baroneß, das sind Fragen, auf die nur der liebe Gott Antwort weiß.«

Die Baronin drückte plötzlich die Hand ihres Begleiters, und der Freudenstrahl in ihrem Auge schien zu sprechen, daß der liebe Gott wohl Antwort gegeben habe. Der alte van Asten, der noch eben den Stock mit beiden Armen unmutig auf die Erde gestampft und den Hut tief in die Stirn gedrückt hatte, um den Garten zu verlassen, war plötzlich stillgestanden. Ebenso rasch wandte er sich um und fiel dem Sohn, der ihm wehmütig nachgesehen, um den Hals.

Ob sie etwas gesprochen und was, wer konnte das hören, besonders jetzt, wo wieder ein feierlicher Marsch von Blaseinstrumenten durch die einbrechende Dämmerung schmetterte. Die Baronin riß ihren Führer auf die Estrade. War erst jetzt die Order gekommen? Die Gendarmen zogen aus der Stadt, um in einem benachbarten Dorfe Nachtquartier zu halten. Noch war es hell genug, um sich zu erkennen, und ein letzter roter Schimmer färbte die Federbüsche und Gesichter der Reiter. Die Baronin ließ ihr Tuch wehen, er sah es und salutierte mit dem Degen. Sie sprach kein Wort, aber unverwandten Blicks starrte sie hin, bis die Gestalt sich in der Menge verlor, dann lehnte sie sich, wie erschöpft, auf die Schulter des Rates. »Wir werden uns wiedersehen!« kam es wie aus tiefster Brust. – Unfern von ihr schrie eine andre weibliche Stimme: »Ich werde ihn nie wiedersehen! Was soll aus mir werden!« Charlotte war auf eine Bank gesunken. Zum Glück stand jetzt neben ihr ein ältlicher Herr – denn unter den übrigen Zuschauern schien keiner sich um den andern zu kümmern, ihre Blicke und ihre Gedanken gehörten den schönen, jungen ausmarschierenden Reitern allein an. Der ältliche Herr klopfte ihr auf die Schultern: »Charlotte, weine Sie nur nicht, gebe Sie sich zur Ruhe, es wird sich schon alles finden, und ich verlasse Sie nicht.«

Es war eine besondere Stimmung unter allen, sehr verschieden von der lauten beim Vorüberziehen der frühern Regimenter. Hatte der Abend sie gemacht? Waren die Gendarmen grade die Lieblinge der Zuschauer? Man hörte keine lauten Hurras, keinen jubelnden Zuruf, nur unterdrücktes Schluchzen. Vielleicht tat's die Regimentsmusik, sie spielte die Melodie eines alten Volksliedes von Morgenrot und frühem Tod. Nachher flüsterte man sich zu: Prinz Louis sei in seinem Mantel verhüllt unter dieser Schwadron in der Stille mit ausmarschiert.

In den Sälen, die als sehr bescheidene Pavillons des auch bescheidenen Restaurationsgebäudes in den Garten ausliefen, hatten einzelne Familien und Gesellschaften zum Abendbrot sich vereinigt. Die Lichter wurden schon angezündet, es sah aber wenig festlich aus, trotz der Astern und anderer Herbstblumen, die eine sorgende Hand wohl hie und da auf den Tisch gestellt. Luft und Boden, die Dielen auf dem Erdreich liegend, waren kalt und feucht, die Frauen hatten ihre Enveloppen, die Männer ihre Oberröcke umgetan. Es war auch sonst ein Etwas, was die helle Freude nicht aufkommen ließ.

In einem dieser Pavillons hatte der Geheime Kriegsrat Alltag seine Familie und einige Bekannte vereinigt. Als Fuchsius die Baronin vorbeiführte, um sie nach ihrer Equipage zu geleiten, rief sie, durch die hellen Fenster blickend: »Herrje – da geht ja Adelheid mit dem jungen van Asten.«

»Er war ihr hochverehrter Lehrer«, sagte der Rat, »und der alte Alltag hat zum Abschied alle nächsten Angehörigen zu sich gebeten.«

»Geht er auch mit in den Krieg?«

»Er nicht, aber seine Tochter. Die Königin folgt ihrem Gemahl ins Hauptquartier, und Mamsell Alltag ist, als Gesellschafterin der Viereck, bestimmt, Ihre Majestät zu begleiten.«

»Das ist eigen«, sagte die Baronin, »das schöne, junge Mädchen in den Krieg! Was man nicht erlebt! Wissen Sie wohl, was ich glaube?«

»Gewiß etwas Richtiges.«

»Der Alte mochte damals nicht die Brautschaft. Jetzt, glaube ich, gäbe er etwas drum, wenn die Adelheid beim jungen Asten geblieben wäre. Er ist ein solider Mensch, und die Leute meinen, er wird eine gute Karriere machen. Hübsch ist er nicht, aber es ist so etwas in ihm – man traut ihm aufs Wort.«

Möglich, daß die Baronin das Richtige getroffen hatte. Der alte Alltag, der schweigsam in der Gesellschaft umherging, drückte bei einer Gelegenheit ganz besonders die Hand des jungen Asten, er dankte ihm mit gerührter Stimme, daß er seine Tochter zu dem gemacht, was sie sei. Rührung war weder sonst noch jetzt das Departement des Geheimen Kriegsrates. Die Geheimrätin brachte selten das Tuch von den Augen. Sie unterhielt sich mit dem alten Rittgarten, er mußte ihr vom Krieg erzählen, wie weit man sich herangetrauen könne ohne Gefahr, ob die Franzosen auch auf Frauenzimmer schössen? Nie war sonst ihren Gedanken etwas entfernter gewesen. »Sie ist noch gar nicht gereist, das Kind, einmal nur bis Potsdam, und nun muß ihre erste Reise gleich in den Krieg sein! Wer hätte das nur als möglich gedacht; es wird doch alles anders, als es sonst war.«

»Alles – alles!« sagte der alte Major, den Kopf schüttelnd, die Pfeife mußte ihm heut nicht schmecken.

»'s ist Fügung des Himmels; das muß uns wohl trösten«, sagte die Geheime Kriegsrätin, »aber – aber –«

»Der Himmel fügt es, daß alles aus dem Gefüge geht, und es wird noch mehr losgehen. Er weiß, warum. Es muß wohl nicht recht zusammengefügt gewesen sein.«

Eine Konversation kam nicht auf. Wer zu sprechen anfing, brach plötzlich ab, im Gefühl, daß es Wichtigeres zu sprechen gab, und die Zeit war kostbar. Und dann hatte jeder mit dem andern etwas Besonderes zu sprechen. Wenn er fortgegangen, fiel ihm ein, daß er das vergessen, was ihm besonders auf dem Herzen lag. Welch ein Strom mütterlicher Ermahnungen war von den Lippen der Mutter geflossen, und immer besann sie sich, daß sie doch noch etwas anderes, etwas Neues zu sagen hatte.

Jetzt nahte die Scheidestunde. Adelheid konnte nicht zum Abendessen bleiben, der Wagen der Hofdame, der sie nach dem Palais bringen sollte, war angemeldet. Der Vater hatte eigentlich am wenigsten mit ihr gesprochen. Jetzt legte er seine Arme auf ihre Schultern: »Du, mein geliebtes Kind, mein Bijou! Nun ich dich verlieren soll, begreife ich erst, was ich in dir gehabt habe. Und was ich hätte in dir haben können! Liebe Adelheid, ich hätte dich mehr lieben können, dann wäre ich dir mehr gewesen und du mehr mir. Ich hätte dich besser verstanden, und manches wäre besser – vielleicht! Aber es hat nicht sein sollen. Andre sagen, der Mensch gehöre zuerst sich selbst und seiner Familie und dann erst seiner Pflicht gegen den Staat. Ich verstand es anders. Gott wird wissen, wer recht hat. Wenn alles in der Welt wechselt, so wechseln wohl auch die Ansichten über die Pflichten. Aber ich glaube doch, wer das tut, was er gelernt hat, daß es recht sei, der tut recht, und der himmlische Vater wird ihm vergeben, wenn er dabei auch mal unrecht tut.«

Adelheid an seinem Halse wollte nichts davon wissen, daß ihr Vater gegen sie unrecht getan; sie habe sich anzuklagen, daß sie nicht alle Pflichten eines Kindes gegen ihn erfüllt.

Er schüttelte den Kopf: »Du warst ein ausgezeichnetes Kind, und für die hat die Vorsehung wohl besondere Gesetze. Sie führt sie Wege, die uns nicht gut dünken, aber sie leiten zum Ziel, das wir nur nicht sehen. So ist's mit dir gekommen, und so wird es noch weiter kommen. Es wird vieles besser werden, als wir denken – und – wir werden uns wiedersehen, und froher als heut –«

Da brachen die Kleinen in Tränen aus, jede wollte zuletzt die liebe, schöne Schwester ans Herz gedrückt haben. Dem Alten ward zu weh ums Herz. Er konnte die Tochter nicht an den Wagen führen; er drückte ihr nur die Hand mit abgewandtem Gesicht und warf sich auf einen Stuhl. Die Mutter auch, nachdem sie ihr den mütterlichen Segen gegeben. Aber es fiel ihr noch etwas ein, als Adelheid die Glastür schon geöffnet:

»Und das mußt du mir heilig versprechen, Adelheidchen, daß du immer wollene Strümpfe trägst. Die Oktobernächte werden schon so kalt. Die Königin ist so gut, die pure Menschenfreundlichkeit! Sie wird schon ein Auge zudrücken.«

Adelheid hatte alles versprochen, sie mußte aber immer wieder dasselbe und Neues versprechen: gleich zu schreiben, wenn ihr was passiert, kein unreifes Obst zu essen, was jetzt so viele Leute krank mache, nie zu nahe gehen, wo sie schießen.

Endlich mußte doch die Glastür geschlossen werden, von der Zugluft schmolzen schon die Talglichter. Die Geschwister wollten mit; anfänglich die Mutter auch, sie fühlte sich zu schwach. Die Kinder aber konnten sich im Gedränge und der Finsternis verlieren. So machte es sich denn wie von selbst, daß van Asten seine ehemalige Braut allein nach dem Wagen begleitete.

Die Sterne funkelten hell am klaren Herbsthorizont, als sie aus dem Baumgang traten. An der Hinterpforte stand der Wagen.

Sie reichte ihm die Hand. Mit ihrer Silberstimme sprach sie: »Walter, hinter uns ist es klar; ich hoffe, es wird auch vor uns immer klar bleiben.«

Er schlug ein: »Es werden noch viele Nebel aufsteigen, bewahre deinen hellen Blick, und dann bleibt es zwischen uns klar.«

»In keinem Fältchen deines Herzens ist ein Groll«, sprach sie, »nicht wahr? – Das gibt mir Mut. Aber –« Sie zauderte.

»Sprich es aus!« sagte er. »Es soll gar kein Fältchen zwischen uns bleiben.«

»Ich möchte dich auch ganz zufrieden, ganz klar mit dir selbst verlassen. Bin ich's noch, Walter, die wie eine Nachtwolke zwischen dir und deinem Vater schwebt, den Wünschen des Mannes, dessen Glück und Frieden dir das Teuerste sein müßte?«

»Und wenn du es wärest, was kannst du dafür? Kann der Nordpol dafür, daß der Magnet nach ihm zeigt? Es wäre die Arbeit eines Narren, den Magnet zwingen zu wollen, daß er nach einer andern Himmelsgegend weist. Das sind ewige Notwendigkeiten, vor denen sie sich beugen sollen und müssen, die nicht Mut haben, sie freiwillig anzuerkennen. Dieser überreichen Welt an allem fehlt nur etwas – Charaktere. Ich bilde mir nicht ein, sie bessern zu wollen, dazu fühle ich mich zu schwach, aber ich bin stark genug, mich nicht von ihr bilden, fortreißen zu lassen.«

»Lebe wohl, Walter!« sprach sie mit erstickter Stimme. »Ich habe den Glauben: es ist kein Lebewohl für immer. Wir sehen uns wieder.«

»Ich sehe dich nicht wieder, denn ich sehe dich immer. Du bleibst bei mir, wie du bei mir warst. Was wären wir, wie hielten wir's aus unter den täglichen Hammerschlägen in dem wirren Mühlengetriebe des Egoismus und der Erbärmlichkeit, ohne den Glauben an eine vollkommene Welt, die nur den Ungeweihten unsichtbar ist, die auch wir nur in Momenten erblicken, aber dann so klar, stabil, ineinandergefügt, daß wir Trost schöpfen am Born dieses ewigen Organismus und lächeln mögen über uns, daß wir uns von den Widerwärtigkeiten, dem Schmutz, den Nebeln irren ließen und verzweifelten! – Das sollen wir nicht, es ist unsre Aufgabe, den Schmutz fortzukehren, die Dünste wegzublasen und den Spiegel in uns klar zu halten für jenen Silberblick. Arbeit kostet es, ein furchtbar Ringen, Selbstkämpfe mit unsern schönsten Illusionen, aber auch sie sind ein falscher Trost, sie müssen erst überwunden sein, bis wir schauen – den unsichtbaren Staat, die unsichtbare Kirche, bis die unsichtbare Weltordnung so klar vor uns liegt wie dort der gestirnte Himmel über uns. Es ist nur Stückwerk, Adelheid, wohin unser Auge dringt, aber atmet nicht deine Brust froher auf? Die Sterne irren nicht, aber sie wandeln. Wir wandeln auch, aber wir sind glücklicher als jene, die, wenn der Wandellauf sich erfüllt, Wunder sehen, hier Abgründe, dort flammende Berge. Wir lassen uns nicht erschrecken, wir vergehen nicht in Jubel; wir wußten, es mußte so kommen, und stehen gerüstet für das, was darauf folgt. – Es wird noch viel Schlimmes folgen, du wirst gerüstet sein, du wirst ihm klar ins Auge blicken.«

»Lebe wohl, Walter!« wiederholte sie und drückte, sich auf den Zehen hebend, einen Kuß auf seine Stirn; dann schwebte sie in den Wagen, er rollte fort.

In einem andern Pavillon des Gartens war eine militärische Gesellschaft versammelt, ihr Mittelpunkt der General, den wir vorhin auf der Estrade sahen. Es gibt Momente, wo auch ein Feldherr genötigt ist, ein Auge zuzudrücken. Solch ein Moment war's, als der General es geraten fand, das tölpelhafte Betragen der Trainknechte nicht zu sehen. Er hatte mit den andern – des Staubes wegen, der nichts mehr zu sehen erlaubte, den Balkon verlassen.

Jetzt nahm die Erzählung eines jungen Offiziers, der erst später zu diesem Kreise getreten, die Aufmerksamkeit in Anspruch. Er war aus Mitteldeutschland, wohin er in einem Auftrage gesandt gewesen, zurückgekehrt und berichtete über die Streitkräfte des Feindes, welche sich am Main und Rhein sammelten.

»Und halten Sie diese Kerle nun, wie Sie dieselben schildern, für stark genug, mit einer disziplinierten preußischen Armee es aufzunehmen?«

»Exzellenz, trotz alledem sind es nicht mehr die ›windigen‹ Franzosen, wie wir sie ehedem nannten. Es ist wahr, sie stehen in Reih und Glied nicht wie eine Mauer, sondern ich möchte sie einem Ährenfeld vergleichen, das bei jedem Windesspiel sich bewegt. Das ist ihre natürliche Alertität, aber sie stehen ihren Mann, und, was gefährlicher, sie fliegen, während Österreicher und Preußen marschieren, und vermöge der Leichtigkeit ihrer Bewegungen steht im Augenblick ihre Front, wo der Feind seine Flanke und seinen Rücken hat. Ich hatte oft Gelegenheit, sie auf dem Marsche zu beobachten, und wenn man dies gruppenweise Hintänzeln sieht, dies bunte Durcheinander, dazu das Lachen, die Geschwätzigkeit, wird man zum Glauben verführt, daß es ein leichtes sei, mit ihnen ein neues Roßbach zu spielen, daß eine unvorhergesehene Reiterattacke sie aufrollen müßte. Aber vermöge dieser Leichtigkeit sind sie ebenso schnell wieder in Ordnung und zum Angriff bereit.«

»Sie sagen uns da nichts Neues.«

»Noch vermesse ich mich, dies sagen zu wollen. Aber wenn ich heut unsre schwerfällige Bagage sah, und so traf ich es auf dem ganzen Wege nach Magdeburg, und einen Marsch der Franzosen damit vergleiche, so wird mir mancher ihrer Erfolge erklärlich, der uns wunderbar bedünkte. Mit Erstaunen sah ich bei ihnen, Exzellenz, daß nur der Regimentskommandeur oder der Bataillonschef reitet. Einige Adjutanten neben ihm, das sind die einzigen Pferde. Ihre kleinen Tornister auf dem Rücken, spazierte oder tanzte das Offizierskorps in anmutigem Gespräch bergauf, bergab.«

»Wo haben sie denn ihre Kampagnepferde, Herr von Müffling?«

»Das fragte ich auch und ward ausgelacht. Sie haben keine.«

Der General musterte die Gesichter der Offiziere, auf denen hie und da eine Zustimmung zu liegen schien. Er schüttelte den Kopf: »Das mag relativ seine Vorteile haben und für diese da passen, die aus dem Strudel einer Revolution geboren sind, aber ein preußischer Edelmann, Herr von Müffling, wird sich nie dazu verstehen, zu Fuß zu gehen.«

Damit war die Sache abgemacht, es verstand sich, daß keine andere Meinung erlaubt war. Aber bei der Tafel erlaubte man sich doch Bemerkungen, daß die Armee unverhältnismäßig viel Bagage mitschleppe, daß das Auge des großen Königs nicht alles würde gutgeheißen haben, was die Offizierswagen enthielten. Der General fand es für gut, darauf zu bemerken, daß Friedrichs Kriege und Märsche aus einem besondern Gesichtspunkte angesehen werden müßten. Hier komme es nicht darauf an, durch forderte Märsche und Schwenkungen einen Feind zu überraschen, sondern durch die Wahrheit ihm zu imponieren. »Das geschieht, wenn wir ihm das ganze Gros der preußischen Kriegsmacht mit allem Apparat gegenüberstellen. Und da kommt es denn auf einige Bagagewagen mehr nicht an.«

»Aber das ist doch zu toll«, erlaubte sich ein anderer General zu bemerken, »der Lieutenant Wolfskehl hat, wie ich eben höre, ein Klavier in seinem Reisewagen mitgenommen.«

Man lachte, der erste General auch. Zu andrer Zeit würde er vielleicht nicht mitgelacht und gegen einen Lieutenant seines Regiments in ähnlichem Falle gedonnert haben; aber er war bei guter Laune: »Sind die Ritzengnitze so musikalisch? – Im übrigen, meine Herren, es drückt doch eine Assurance aus, die ich beim Militär liebe. Entweder – die zwei Fälle haben wir vor uns, die Schlacht ist nicht entscheidend, dann beziehen wir Winterquartiere, oder wir schlagen die Franzosen aufs Haupt, dann ist die Jahreszeit zu weit vorgerückt zur Poursuite, und wir beziehen auch Winterquartiere. Und ist denn das was Unziemliches, in den Winterquartieren Musik zu machen? Der junge Mensch will sich bei Prinz Louis insinuieren. Lassen wir's ihm.«

Der General war sogar bei froher Stimmung. Die Zahl der leeren Rheinweinflaschen hatte sich hinter den Stühlen vermehrt. Als die Aufwärter abgetreten und ein Wink auch die Ordonnanz entfernt hatte, blickte die Exzellenz, das Glas ergreifend, schlau um sich und sah dann auf einen bekränzten Kupferstich vor ihnen auf der Wand. Er stellte den Prinzen Louis Ferdinand vor:

»Meine Herren Kameraden, wir sind unter uns. Braunschweigs Plane plaudre ich nicht aus, denn er teilt sie niemand mit. Aber es gibt Lineamente, die ein gutes Auge von selbst entdeckt. Unser Gros steht bei Weimar und Erfurt, wir schieben unsre Tete bis Eisenach vor. Auf diese wirft sich Bonaparte mit seinem gewohnten Ungestüm; wir wollen zugeben, daß wir anfänglich etwas zurückweichen. Das können wir mit guten Ehren, verstehen Sie mich, bis wir stehenbleiben, aber dann stehen wir auch. Inzwischen hat Prinz Louis, der die Saale scheinbar okkupiert, einen Flankenmarsch am Thüringer Walde effektuiert, und wenn wir ihn geschlagen haben, ist nur die Frage, wo er das Loch finden soll, um zu echappieren. Der Prinz wird's ihm verlegen, meine ich, und dann ist die zweite Frage: was mit dem Kerl anfangen, wenn wir ihn haben? Wir haben ihn, sage ich Ihnen, wie unter diesem Hut, und der Prinz, ich gönne ihm die Ehre des Tages. Angestoßen, Kameraden, Prinz Louis Ferdinand!«

Von der Erschütterung der Aufstehenden oder vom Klang der Gläser fiel das Bild von der Wand, das Glas zerbrach. Die Trinker hatten es wohl nicht gemerkt.

 

»Da lesen Sie!« rief der Minister ihm entgegen, als Walter spät zurückkehrte, und warf ein gedrucktes Blatt auf den Tisch. »Alles verloren, alles aufgegeben, alles aus!«

»Unmöglich!« Es war das Manifest aus dem Hauptquartier Erfurt, d. d. 9. Oktober. »Verloren, Exzellenz –«

»Nenne ich eine Sache, die so angefangen, aufgegeben, die so verteidigt wird. Da haben wir's, Lombards Meisterstück, kulanter, glänzender Stil, süße Suade, ein junger schüchterner Advokat könnte nicht besser seine erste Proberede halten.«

»Aber der Inhalt!«

»Lesen Sie! Entschuldigungen, daß wir so dreist sind, Bonaparte den Krieg zu erklären, falls er nicht so höflich ist, den wirklich unangenehmen Übelständen abzuhelfen, deren Gründe wie ein Rabulist sie aus den Winkeln zusammenklaubt, und zwischen jeder Zeile die Bitte, er möchte es ja nicht übelnehmen.«

»Hier finde ich doch eine Stelle, die mich bei Lombard in Erstaunen setzt: ›Es ist Preußen erlaubt, an seine hohe Bestimmung zu glauben.‹«

»Die ist wohl aus Versehen stehengeblieben oder aus Complaisance gegen Müller, oder wer sonst an einem Entwurf sich versucht. Und es ist ihm ›erlaubt!‹ Oh, es ist himmelschreiend, nein, diabolisch lächerlich, mit solchem Wisch von Deduktion einem Napoleon entgegenzutreten. Ich getraue mir in seiner Stelle – nein, er braucht nur die Schreiber seiner Schreiber die Feder ins Tintenfaß tauchen zu lassen, und sie können Europa haarklein aus unsrer eignen Schrift beweisen, daß wir im Unrecht sind. Was handelt es sich denn hier um Recht und Unrecht! Was ist hier Recht und Unrecht? Wir streiten nicht, wer zuerst die Pfefferbüchse nehmen, wer zuerst im See fischen darf, wir streiten –«

»Um das, was sie nicht auszusprechen wagen.«

»Sie müssen's, sie mußten's. Die ganze Sprache der Entrüstung in die Waagschale getan, die Sympathien, die heiligsten und heimlichsten Gefühle der Nation mußten angerufen, Deutschland, wo es ist, sitzt, wie es heißt und wie es spricht, aufgerufen werden, mit Flammen mußten sie schreiben, mit Scheidewasser, das in die Nieren dringt. Auf dies diplomatische Machwerk erhebt sich kein Arm, und die ehedem wollten, ziehn ihn wieder zurück, denn wo können sie vertrauen? Wenn er uns morgen ein Kompliment schickt, müssen wir übermorgen den Degen in die Scheide stecken. Wo kann nur ein Alliierter noch auf uns bauen, wenn wir nicht jetzt wenigstens uns selbst in Aufrichtigkeit und Aufopferungsmut überboten, die Schiffe hinter uns verbrannten, die Scheide wegwarfen. Wir taten's nicht, wir verspielten wieder – alles, weil wir wieder nur halb einsetzten.«

»Alles?« rief Walter. »Der Degen ist aus der Scheide, und der Herzog von Braunschweig –«

»Ein Greis, zitternd vor den Schauern der Vergangenheit. Wenn ein Schwindel in der Schlacht ihn überkommt, wenn er ohnmächtig wird, so müssen wir die Schlacht aussetzen, denn wie ein eigensinniger Arzt hält er auf Arkana, will sein Rezept niemand mitteilen, und diesem einen muß der unglückliche Fürst sein Vertrauen, sein Reich, sein alles übergeben, ohne ihm eigentlich zu trauen. Wär's nicht zu fürchterlich, klänge es wie eine bittere Satire – ein arabisches Märchen –«

»Wenn auch Sie, gnädiger Herr, die Hoffnung aufgeben!«

»Ich gebe nichts auf«, sprach der Minister mit Stolz, »nicht die Hoffnung, nicht meine Plane, nicht einmal mein Vertrauen zu diesen Menschen, denn ich hatte es nie. Komme, was da will, es muß darauf wieder anders kommen, und vielleicht ist es gut, in Gottes Ratschluß, daß das Nächste schlecht ist, unerträglich schlecht, daß sie in Verzweiflung sich zerreißen, daß – daß – aber Sie, van Asten«, sprach er und legte die Hand ihm auf die Schulter, »Sie dürfen nie verzweifeln, nie den Kopf sinken lassen, mir nie den Stuhl vor die Tür setzen, auch wenn ich Sie im Unmut einmal zur Tür hinauswürfe. – Die Augen auf! Wenn ein Unglück geschieht, haben wir alle Hände voll zu tun. Jetzt gehen Sie schlafen, damit Sie morgen wach sind.«

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