Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.
Auch ein Satz in die Löwenhöhle.

Er war symbolisch die Treppe hinuntergeworfen. Er machte sich keine Illusionen darüber. Aber warum? – Weil er das ästhetische Gefühl der Fürstin verletzt? Weil grade diese Rivalität ihren Schönheitssinn empörte? – Ein höhnisches Lächeln schwebte auf seinen Lippen. Er litt zum ersten Male ungerecht. Er hatte nie im Ernst an die Heirat gedacht; vielleicht, weil auch seine Ästhetik sich dagegen sträubte, vielleicht, weil er wußte, daß die reiche Braunbiegler eine Festung sei, die mit den Künsten und Mitteln, über welche er gebot, nicht zu erstürmen sei.

Unrecht leiden und die Wahrheit nicht aussprechen dürfen, die uns frei machte, ist eine Marter. Die Lüge, um die er verstoßen war, gehörte zu einem System oder Gewebe, das noch nicht zerrissen war. Aber er hatte zu diesem Schmerz, der edleren Seelen vorbehalten ist, keine Zeit. Es waren ganz andere Vorstellungen, die seiner sich bemeisterten.

War es nur eine Weiberlaune, welche plötzlich in ihr aufgestiegen, und hatte die Aufwallung einer Phantasie so lange, künstliche, wenn auch nie ganz feste Bande gesprengt? Oder lag etwas Bestimmtes zum Grunde?

Mit jedem Schritte gewann die letzte Vorstellung an Gewicht. Eine fürchterliche Überzeugung, aus Kettengliedern zu einer Kette geworden. Er war nicht mehr, oder vielmehr, er galt nicht mehr, was er gegolten. Wer gibt einem fadenscheinigen Rock seine Wolle wieder? Sein Kopf senkte sich, seine Füße wurden schwerer. Der frühe Morgen war ein Glück für ihn; er begegnete keinen Bekannten. Der große Menschenkünstler hätte seine Aufregung nicht verbergen können.

Dort stand er an der Ecke, zaudernd, drei Wege vor ihm, der eine führte zur Post. Seine rechte Hand griff unter den Rock, an die Stelle, wo das Herz sitzt. Ob er dessen Pochen hörte, es unterdrücken wollte? Über dem Herzen war auch die Brusttasche des Rockes, in dieser sein Taschenbuch, und in demselben steckte ein von allen Gesandtschaften visierter Paß ins Ausland. Es waren vielleicht auch mehre Pässe auf mehre Namen. – Sein Sinnen in dem Augenblicke war, ob er nach der Post eilen, Extrapost nehmen und die Stadt und das Land auf immer verlassen solle? Vielleicht ließ er damit mehr hier zurück als den Staub seiner Füße – seinen Namen. An einem andern Orte tauchte er unter einem andern neugeboren auf; die Welt ist groß.

Aber vor seinen Augen mußte sie nicht so groß erscheinen, als er, mit den Zähnen die Unterlippe kneifend, vor sich hin starrte. Auf der Landkarte, die sein Auge in der Luft vor sich zeichnete, sah er vielleicht Städte und Länder, die ihm schon verschlossen waren. Indem schallte Reitermusik die Straße herauf. Berittene Rekruten sangen das jetzt so beliebte:

Frischauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!
Ins Feld, in die Freiheit gezogen!

Sie schaukelten sich dabei, noch ungeschult, in toller Lustigkeit in den Sätteln.

»Was ist diesen Bauernlümmeln Freiheit – was Vaterland!« rief es in ihm. »Der Stock ihr Meister, und doch gehn sie mutig dem entgegen, dem sie nicht ausweichen können; sie müßten denn desertieren. Und das Desertieren hat in diesem Lande mehr Gefahr, als – dem Feinde stehen. Ich will auch nicht desertieren.«

Er ging weiter; nicht nach der Post, aber doch schien er noch unschlüssig, wohin. War es Zufall, daß seine Schritte sich nach dem Hotel des französischen Gesandten lenkten? Alles war hier in Tätigkeit, Packwagen standen unter dem offenen Torweg; aber auch eine Kutsche angespannt auf der Straße. Laforest wollte Abschiedsbesuche machen. Wenn Wandel hier angeklopft, würde er bereitwillig aufgenommen sein; er ging unschlüssig bis an die Stufen, aber – er mußte Gründe haben, weshalb er nicht anklopfte. Er ging rasch vorüber und atmete auf: »Er ist doch nur ein Meteor!« sprach er für sich. »Wenn er untersinkt, wo bleibt Napoleons Schweif!« Wir glauben, daß Wandel sich hierin selbst belog. Er hatte andere Gründe, weshalb er Frankreich nicht mehr betrat.

Er war auf eine Bank unter den Linden hingesunken. Zwei Morgenspaziergänger, die einen Brunnen tranken, setzten sich ebenfalls. Nachdem sie über die Wirkungen des Wassers sich des längeren unterhalten, sprachen sie auch von der Lupinus und ihrer Verhaftung. Die Geschichte erhielt neue Wendungen. Sie war nach des einen Konjektur eine geborne Giftmischerin aus Instinkt. Er wollte gehört haben, sie hätte schon in der Schule angestiftet, dann als fünfzehnjähriges Mädchen zuerst ihren Vater und darauf ihre Mutter komplett vergiftet. Die Zahl ihrer übrigen Opfer lasse sich gar nicht berechnen, und sie tue es ohne allen Zweck und Vorteil, nur weil es in ihrem Blut liege. Sie könne es nicht lassen. Der andere wollte entgegengesetzte Nachrichten haben: sie sei eine wohlerzogene und sonst treffliche Frau gewesen, aber die Neigung zu einem fremden, vornehmen Herrn habe sie aus Rand und Band gebracht. Sie hätte sich zuerst selbst vergiften wollen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwidert, ihre Blicke nicht verstanden. Dann aber hätten sie sich verständigt, und der fremde Herr merken lassen, daß wenn sie frei wäre und nicht manches sonst im Wege stände, er sie gern heiraten würde. Darauf hätte sie eine Pflegetochter und die Kinder ihres Schwagers vergeben. Bei der ersten sei es noch zur rechten Zeit gemerkt worden, und man hätte sie aus dem Hause geschafft; die Kinder wären draufgegangen. Der fremde Herr hätte darauf zu ihr gesagt: so sei es gar nicht gemeint gewesen, und er habe auf immer von ihr Abschied genommen. Da aber hätte sie grade schon auch ihren Mann vergeben gehabt und wäre von der Alteration außer sich geraten. Alles war ja umsonst getan.

»Ich weiß nicht, Herr Geheimsekretär«, sagte der andere Geheimsekretär, »ich weiß nicht, ob ich nicht den andern vornehmen Herrn auch bei den Ohren faßte.«

»Wird auch geschehen«, rief der Angeredete dem klugen Manne ins Ohr. »Gestern im Kasino hörte ich so etwas, unter uns gesagt, daß der Herr Regierungsrat von Fuchsius auf ihn vigilieren. Es ist da was – man weiß nur nicht, was. Indes, man wird ja davon hören.«

Bald darauf klingelte es heftig in der Wohnung des Rat Fuchsius, auch noch in früher Morgenstunde, denn der Rat saß im Schlafrock und Pantoffeln beim Kaffee und Pfeife. Ein fremder Herr wünschte in einer dringenden Angelegenheit ihn zu sprechen, und ehe noch der Bescheid hinausging, war der Legationsrat schon eingetreten.

Zwei feingebildete Männer sind um den Anfang eines Gespräches nicht verlegen, ohne das Wetter zu Hilfe zu rufen. Aber Wandel unterbrach den schönsten Fluß der Introduktion, bei der Fuchsius ihn nicht einmal gefragt, was ihm die Ehre des Besuches verschafft, indem er den Hut auf die Erde fallen ließ und, mit beiden Ellenbogen auf den Tisch sich stützend, die Hände gegen die Stirn drückte:

»Mein Gott, wozu das alles! – Sie wissen, warum ich hier bin. – Die Arme, Unglückselige! – Sie sehn mich in unaussprechlicher Angst und Verwirrung – ich kann kaum meine Worte fassen – verzeihen Sie, wenn ich Ungehöriges rede – Sie wissen aus eigner Anschauung, in wie naher Verbindung ich mit ihr stand –«

»Um so schmerzlicher, kann ich mir denken«, entgegnete Fuchsius, »muß die Beschuldigung, welche die Dame trifft, einen edelgesinnten Freund berühren.«

»Ich danke Ihnen für diese schonende Sprache. Eine Bitte voraus – wenn sie schuldig ist, ich meine, nach Ihrer Ansicht, gleichviel, ob es nur Ihre moralische Überzeugung ist oder eine, die sich auf Beweise gründet, erlauben Sie mir wenigstens, ihrem ältesten Freunde, sie in unserm Gespräch als eine arme, unglückselige Dulderin zu bezeichnen.«

»Da der Jurist die Regel gelten läßt: Quilibet bonus praesumiter, donec contrarium probetur, versteht sich dieses Recht für einen so intimen Freund von selbst.«

In Wandels Gesicht blitzte eine Freude auf. Er reichte seine schöngeformte, weiße Hand über den Tisch dem Rat: »Dank, tausend Dank! Sie erquicken mein Herz. Und wenn es nur Täuschung, ja Selbsttäuschung wäre, es ist wenigstens ein schöner Augenblick. Das erlauben Sie mir, ohne Schmeichelei, hinzuzusetzen: Die Geheimrätin hat den Trost, keinem gewöhnlichen Kriminalisten in die Hände gefallen zu sein. Still – still – ich weiß, welchen Wert es für einen Angeschuldigten hat, einen Untersuchungsrichter von Weltbildung, wahrer Humanität zu haben, der zugleich ein Psycholog ist, einen Mann, da nicht, wie die meisten rohen Empiriker, aus dem Dunstkreis der Verbrecherhöhlen und Strafanstalten seine Menschenkenntnis geschöpft hat und nicht die holde Röte der Scham, die Blutröte des Schreckes und der Entrüstung für ein Schuldbekenntnis hält.«

Fuchsius hatte seine Pfeife gestopft, ohne für nötig zu halten, auf das Kompliment zu antworten; seine Hand hatte er nur zaudernd und wie scherzend von der des Legationsrates erfassen lassen. »Ist Ihnen das so bekannt?« entgegnete er, scheinbar nur mit dem Luftzug der Pfeife beschäftigt.

»Ja«, sagte Wandel mit fester Stimme. »Und nun ohne Umschweife, wie es sich unter Männern ziemt: was haben Sie über mich disponiert?«

»Sie vergessen, daß ich mit der Diplomatie nichts mehr zu tun habe.«

»Mein Gott, wozu die Komödie! Bin ich ein fugae suspectus? Haben Sie mich nicht in Ihrem Hause? Mit einem Worte: werden Sie mich verhaften lassen?«

»Ich – Sie? – Das ist eine sonderbare Frage. Sind Sie denn angeklagt?«

»Qui s'excuse s'accuse, wollen Sie damit sagen. Wohlan, ich betrachte mich als ein Angeklagter, und frage Sie offen heraus: Habe ich mich als ein Surveillierter zu betrachten, oder habe ich die Captur zu gewärtigen? Um Anordnungen wegen meiner Güter zu erlassen, liegt mir viel daran, es zu wissen, und ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie mir gradaus Ihre Absicht mitteilten.«

»Die Kriminaljustiz schreitet bei uns nur im Fall dringender Verdachtsgründe zur Kaptur.«

»Nun, sind das für Ihre Justiz nicht dringende Gründe, daß eines intimen Umganges mit der Geheimrätin das Gerücht mich bezichtigt, und ich räume es ein, es war mehr als Gerücht. Ich war fast täglich in ihrem Hause, ich führte ihre Geldgeschäfte, ich wußte um Dinge, die niemand sonst weiß. Sie war eine nervös-hysterische Kranke, eines jener zartgestimmten Instrumente, die eine ganz besondere Behandlung erfordern, um nicht immer Disharmonien zu hören und von sich zu geben. Sie hatte einen Widerwillen gegen die Ärzte, welche sie nicht so zu behandeln verstanden oder es nicht wollten. Ich mußte ihr kleine sympathetische Mittel verschreiben; es war oft Betrug dabei, das gestehe ich ganz offen, denn solche Kranke, die sich stets selbst täuschen, verlangen, auch von ihren Ärzten getäuscht zu werden. Im Verlauf der Zeit war sie auch damit nicht zufrieden, sie wollte selbst operieren. Wie ich auch dagegen mich sträubte, sie bestellte sich bei Herrn Flittner eine kleine Hausapotheke, und ich mußte den Vermittler spielen. Herr Regierungsrat, alles das sind schon Verdachtsgründe, auf die ein gewöhnlicher Richter mit beiden Fäusten zugreifen würde. Aber – ich empfand eine Achtung für die seltene Frau, die mit jedem Tage wuchs, die, weil ich sie erwidert glaubte, zu einer Seelenharmonie ward. Und ebenso offen gestehe ich Ihnen, ich träumte grade nicht davon, denn dazu bin ich zu alt, aber ich malte mir das Glück, dereinst den Rest meines Lebens an ihrer Seite verleben zu können. Dabei war nicht Arges von meiner Seite, denn mein seliger Freund war um zwanzig Jahre älter als seine Frau, kränklich, sehr kränklich, die Ärzte schenkten ihm kaum noch einige Frühlinge, obgleich sie es aus Schonung der Geheimrätin verschwiegen. Ich hatte mich getäuscht, auch das ist Ihnen bekannt. Sie gab mir einen Korb, als ich nach dem Hinscheiden des Edlen auf die schöne Fernsicht hinwies. Einen entschiedenen, deutlichen Korb, indem sie mich zu enttäuschen suchte, daß sie je andre Empfindungen für mich gehabt als die einer Seelenharmonie. Hierin, behaupte ich ebenso offen, hat sie sich getäuscht. Aber das ist das Eigentümliche in diesen so für höhere Einflüsse immer gestimmten Seelen, daß sie den Eindruck des Momentes übertragen auf Vergangenheit und Zukunft. Sie hatte sich an dem Sterbelager des Gatten überwunden, und diesen Sieg datierte sie weiter zurück. – Doch wohin verliere ich mich. Ich hatte daran gedacht, wenn sie frei ward, um ihre Hand zu bitten, mein Interesse war daher des Geheimrats früher Tod; er ist früher gestorben, als man erwartet, es heißt, nicht auf natürlichem Wege, ich war bis dahin, wenn nicht täglich, doch sehr oft in ihrem Hause, im nächsten Verkehr mit der, welche man der Giftmischerei bezichtigt, sie empfing Spezereien, wobei mein Name genannt ward – ich will mich auch gar nicht darauf berufen, daß ich grade in letzter Zeit seltener ansprach – ich hielt darauf wirklich um ihre Hand an, wollte also meinen Vorteil geltend machen. Nun, mein Herr, entscheiden Sie, ob das in Ihrem Lande dringende Verdachtsgründe sind.«

Fuchsius hatte ihn fest angesehen: »Ich kehre die Frage um: Was würden Sie in meiner Lage tun? Sie haben die Rechte studiert.«

»In Amerika ließe ich den Mann auf der Stelle verhaften. Ich erinnere mich eines ähnlichen Falles, wo ich als Friedensrichter so handelte. Es ergab sich nachher, er war unschuldig. Aber Sie müssen den amerikanischen Charakter, die besondern Verhältnisse beachten, Standesrücksichten gibt es nicht; die feineren Bezüge der Seelenkunde gehören dort nicht vor Gericht, nichts als die matter of fact. Ich weiß, ich stoße so oft an, indem ich mich in die europäischen Verhältnisse noch nicht wieder zurechtfinde.«

»Ich höre zum erstenmal, daß Sie in Amerika waren, Herr Legationsrat.«

Wandel lächelte: »Ich ehre die Rücksichten, die ein Kriminalrichter hat, auch schon Ermitteltes vor dem Inquisiten zu ignorieren. Ich aber habe keinen Grund, zu verleugnen, daß ich erst Anfang dieses Jahrhunderts aus der andern Welt zurückgekehrt bin.«

»Wo Sie doch nicht geboren wurden?«

»Eine Vorahnung, was die Revolution uns bringen würde, trieb mich schon bei ihrem Ausbruch dahin!« sagte Wandel mit einem tiefen Seufzer. »Wäre ich doch nie zurückgekehrt! Man muß gestehen, die Revolution hat mehr und Tieferes zerstört als Königreiche und Fürstentümer.«

»Vielleicht auch dem nur den letzten Stoß gegeben, was längst in sich zerstört war«, sagte der Rat.

»Sehr wahr! Eine tiefe Wahrheit, Herr Regierungsrat. Wenn ich der schlichten Sitten, der Natureinfalt gedenke in unserm Dorfe, nicht bei den Landbewohnern allein, auch in unsrer Familie, wie sie traulich abends unter den Lindenbäumen vor der Tür des reinlichen holländischen Hauses saßen und ihren Tee tranken bei der weißen Tonpfeife. Wer dachte bei diesen glücklichen Landbewohnern an das alte Herrengeschlecht der Vansitter. Und als ich zurückkehrte!«

»Vansitter!« wiederholte Fuchsius und blickte mit einer nicht erkünstelten Verwunderung den an, von dessen Lippen dieses Wort geflossen war. Wandel, der sich nicht aus seiner Ruhe bringen ließ, lächelte fein:

»Ja, wie Ihnen wohl auch schwerlich geheim blieb, gehöre ich zu dieser, leider nur zu ausgebreiteten Familie.«

»Sie stammen aus Geldern?«

»Wo die Familie herstammt, darüber befragen Sie die Heraldiker. Ja, ein großer Teil von Geldern, Yssel, glaube ich, doch sogar mehrere der größeren friesischen Inseln gehörten zu den Besitztümern dieser alten sassischen Dynastien. Soll ich etwa stolz darauf sein! Von der Herrlichkeit der Familie blieb nichts über als die Firma Vansitter in Kopenhagen, und dies reiche Handlungshaus, welches vermutlich Ihre Notiznahme veranlaßt, ist schon längst durch eine Erbtochter in andere Hände übergegangen. Sic transit gloria mundi, mein Herr Regierungsrat. Die echten Abkömmlinge der Vansitter sind über die Erde zerstreut wie Ihre Becker und Schulzen.«

»Wie aber kamen Sie zum Namen Wandel?«

»Da lauert wohl die arrière-pensée, daß ich meinen aus Gründen verwandelt hätte! Allerdings und wieder auch nicht. Der Zweig, dem ich angehörte, war schon seit einem Jahrhundert aus den Niederlanden nach Dänemark übergesiedelt, aber den Grad meiner Verwandtschaft mit der großen Firma bin ich nicht imstande Ihnen anzugeben, denn schon mein Großoheim, der Gouverneur von Surinam, äußerte lachend: Wenn man alle Vansitter in einen Sack würfe, würde Gott im Himmel selbst seine Mühe haben, sie wieder zu rangieren und jeden an seinen Platz zu stellen. Ehe ich nach Amerika ging, hatte allerdings mein Vater mit seinem Bruder Moritz Wilhelm eine unserer Stammbesitzungen in Geldern, Wandel, von entfernten Vettern wieder erstanden. Aber lassen Sie mich davon schweigen, wie ich es nach meiner Rückkehr wiederfand. Nach der Schlacht von Jemappes war es geplündert, ecrasiert, die Särge meiner Vorfahren – doch davon genug! Dennoch fand ich mich bewogen, wieder den Namen Wandel anzunehmen, mit welchem Recht, das interessiert Sie nicht – aber beruhigen Sie sich, ich hätte nötigenfalls verbriefte Nachrichten über diese Berechtigung nachzuweisen – aber das Motiv können Sie sich leicht denken. Nicht wegen des Vansitter, der von den holländischen Patrioten gehenkt war, angeblich als preußischer Spion – der politischen Sphäre ward ich längst fremd – aber ein anderer Vansitter hatte ja – war's in Brüssel oder Brügge, die famose Entführungsgeschichte in der Familie Bruckerode – selbst bis in die amerikanischen Urwälder verfolgten mich die Zeitungen mit diesen saubern Familienerinnerungen. Apropos weiß man gar nicht, was aus diesem, meinem unglücklichen Vetter geworden ist?«

»Wer weiß von allen Opfern, die im Strudel der Revolution untergingen!«

»Desto besser für ihn. Ich hörte einmal dunkel, er sei mit Napoleon nach Ägypten gegangen und in Syrien wie die andern Zurückgelassenen aus dieser Welt geschieden. Wie dem sei, er hat seine Torheiten oder seine Vergehungen gebüßt, und sowenig ich auf meine aristokratische Abkunft stolz bin, fühle ich mich verlegen durch die präsumtive Verwandtschaft mit einem Vaurien. Wir alle, mein teuerster Regierungsrat, leben nur für die Gegenwart. Ihr und uns gehören wir an; ein Tor, wer weiter hinaus will, und nun, Excüse für die Abschweifung, zu unserer unglücklichen Geheimrätin zurück. – Hat sie wirklich noch nichts eingestanden?«

»So nehmen Sie an, daß sie etwas einzugestehen hat?«

Wandel war aufgestanden. Er schien ein schweres Wort aus der Brust zu pressen:

»Ja, wie die Dinge stehen, kann ich einer Vermutung mich nicht erwehren. Und – offenherzig – kann man ein notorisches Faktum bestreiten? Sie hat die ganze Schule an Königs Geburtstag nach den Zelten eingeladen; sie hat sie dort bewirtet mit Kaffee und Kuchen; sie selbst bereitete den Kaffee, sie hatte den Zucker mitgebracht, den Kuchen zu Haus gebacken. Die Lehrer und Hunderte von Zeugen standen umher und sahen –«

»Daß drei oder vier Kinder unwohl wurden und nach Hause gefahren werden mußten, weil sie sich den Magen überladen hatten. Alle sind wiederhergestellt. Das ist ein leeres Stadtgeschwätz.«

»Gott sei Dank! Aber, unter uns, wir beide waren im vorigen Jahr selbst Zeugen von der plötzlichen, unerwarteten, gefährlichen Erkrankung der Kinder ihres Schwagers –«

»Die ebenfalls auf dem natürlichsten Wege von der Welt erfolgte.«

»Das konnte sein, Herr Regierungsrat. Aber in Verbindung mit jenem nachfolgenden Faktum gewann die Sache für mich – ja, vor dem Richter ist es Pflicht, die innerste Überzeugung auszusprechen –, sie gewann dadurch ein mehr als bedenkliches Ansehn.«

Fuchsius blickte ihn verwundert an.

»Mein Herr Regierungsrat, Hamlets Wort von dem zwischen Himmel und Erde hat eine Bedeutung, die wir mit unserer Philosophie nicht lösen. Erklären Sie mir den Instinkt der Kinder, der vielen jungen Mädchen, die ohne allen Grund, ohne denkbares Interesse, nur einem dunkeln Triebe folgend, Feuer anlegen. Wie viele ähnliche, grauenhafte Erscheinungen zeigt die Kriminalgeschichte aller Völker, von sonderbaren Gelüsten, die zum Verbrechen, zur entsetzlichen Atrozität sonst gutgeartete Seelen antreiben. – Die Lupinus hat keine Kinder, ich weiß, wie der Mangel, die Sehnsucht danach auf seiten ihres Gemüts hämmert. Sie springt nachts aus dem Bette, wandelt umher, den Leuchter in der Hand – so sagten mir wenigstens ihre Kammermädchen –, sie sucht an den Wänden und ruft: ›Wo sind meine Kinder!‹ Die Magie der Natur lehrt uns die Wahlverwandtschaft der Gegensätze. War der Prozeß so undenkbar, daß sie plötzlich das tödlich haßte, was sie liebte und entbehrte, daß sie die glücklichern Eltern, die sie beneidete, verfolgte! Es ist ein schauerliches Geheimnis der Natur, eine Exzeption von der Regel, aber diese ganze Frau ist eine Anomalie. Angenommen dies, konnte ich sie nicht verteidigen, vielleicht nicht mal entschuldigen, aber als mitfühlender Nebenmensch konnte ich an ihre Tat glauben und sie doch nicht verdammen.«

»Ich kann Ihnen die Beruhigung geben«, sagte Fuchsius, »daß sowenig als die Schulkinder in den Zelten durch Kaffee, die der Lupinus durch die Schokolade vergiftet sind.«

Wandel richtete sich auf, ein tiefer Atemzug schien ihn zu erleichtern, und sein Gesicht klärte sich auf Ehe Fuchsius sich dessen versah, fühlte er sich embrassiert: »Mein teuerster – Sie edler Mann, Ihr Wort ist Leben. Es hat eine Last, eine Angst, eine unbeschreibliche Angst von meinem Herzen gewälzt. Sie war rein, ich bin ein Sünder, der das für möglich hielt, der mit seinem heillosen Argwohn – oh Gott, ich weiß nicht, was ich rede. – Dank, tausendmal Dank, sie ist gerettet –«

»Gemach, mein Herr!«

»Sie ist für mich gerettet. Um das übrige kümmere ich mich nicht.«

»Es bleibt, dünkt mich, noch viel übrig.«

»Das andre, ich bitte Sie – nicht wahr, sie soll auch ihren Hausknecht vergiftet haben, und ihren Mann mit Bücherstaub, und ein Attentat mit Trüffelwürsten, die sie ihrem Schwager Lupinus schickte. Erlauben Sie mir, daß ich darüber lache. Nach einer so ernsthaften Stunde fühlt man zuweilen das Bedürfnis. Nun inquirieren Sie, Liebster, soviel Sie wollen, wenn Sie mir nur sagen, sie hat keine Kinder vergiftet –«

»Das sagte ich nicht unbedingt.«

»Bedingt oder unbedingt, mir gleichviel.«

»Man hat eine Substanz gefunden –«

»Die wie Arsenik aussieht. Liebster Fuchsius, ich will Ihnen etwas zugeben, ich will sehr viel zugeben, es ist Arsenik. Oh, es ist zum Totlachen! In den Bücherstaub soll sie ihn gemischt haben! Nicht wahr? Da muß sie ihn vorher im Mörser stampfen, reiben, ausschütten, in ein Behältnis, eine Schachtel füllen, damit gar nichts vorbeifällt; dann muß sie es in eine Streusandbüchse tun und nun in die Stube schütten, schwenken, sprengen. Erlauben Sie mir, wenn das die Frau vermochte, ohne sich selbst zu vergiften, verdiente sie ein Prämium der Akademien.«

»Der Staub auf seinen Lieblingsbüchern ist untersucht, und Hermbstädt hat Arsenik darin gefunden.«

»Der gute Hermbstädt! Verstehen Sie mich recht, ich zweifle gar nicht daran, ich wundre mich nur, daß Hermbstädt ihn gefunden hat. Ich will ihn finden, wo Sie wollen: da hier im alten Lederrücken des Stuhls, in Ihren Pantoffeln, Arsenik ist überall, selbst in Ihrem Blute. Es kommt nur darauf an, ihn zu sekretieren. Verraten Sie mich nicht den trefflichen Männern hier, sie sind alle meine guten Freunde; aber man kann ein sehr guter Mensch und Freund und doch ein sehr bornierter Chemiker sein. Entre nous soit dit, wie mancher Ruhm wird hier erblassen, wenn die junge Schule in Paris aufkommt. Namentlich in den Apparaten, um verborgene Substanzen zu entdecken. Hören und Sehen wird den Herren vergehen, wenn man einen Porzellanteller über den Körper hält, ein lindes Kohlenfeuer darunter, und auf der weißen Glasur spiegelt sich alles ab, was im Leichnam versteckt war. Dadurch wird manches Geheime an den Tag kommen; aber aus des Geheimrats Stube alles eher als ein Verbrechen – oder fand man etwa Arsenikstücke in seinem Magen? Die müßten freilich von außen hineingekommen sein.«

»Das nicht, aber –«

»Von dem bewußten Staub auf Lunge und Gaumen. Da rufen Sie mich, Teuerster, wenn Sie die Untersuchung nicht aufgeben, und Sie sollen das Wunder sehen, aus seinen schweinsledernen Folianten will ich, vor Ihren Augen, soviel Arsenikstaub entwickeln, um das ganze Kammergericht, vom Präsidenten bis zum letzten Nuntius damit zu vergeben. Da würden manche Leute triumphieren, die immer gesagt, daß in den Büchern Gift steckt! – Au revoir!«

»Aber im Magen des Dieners stak positiv ein starker Arseniksatz. Wie erklären Sie das?«

Wandel verbeugte sich: »Gar nicht; wo das Märchen anfängt, kriecht die Vernunft in ihr Schneckenhaus. Wenn der Märchendichter ein Motiv erfindet, warum die Lupinus ihren Hausknecht vergiften mußte, um ihn loszuwerden, wo es ganz einfach bei ihr stand, ihn fortzujagen, wenn er ihr nicht mehr gefiel, wird sie auch ein Motiv dafür finden, warum sie dem Hausknecht bei einem Dejeuner Trüffelwürste servierte. Mein Verstand steht still, ich weiß aus dem Märchen keine andre Moral zu ziehen, als daß ein Hausknecht von einer Geheimrätin sich nicht mit Trüffelwürsten muß traktieren lassen.«

Er hatte schon vorhin Hut und Stock genommen und drückte jetzt dem Rat die Hand: »Ich spreche Ihnen nochmals meinen Dank aus für die Beruhigung, welche die Unterhaltung dieser Stunde mir verschafft hat. Moral! Moral ist das Losungswort jetzt. Ist das Moral, daß ein Publikum, welches diese Frau bis dahin vergötterte, auf solchen Argwohn hin sie sofort für schuldig erklärt und als Scheusal verdammt? Wenn auch sonst alles bei uns wankt, konnten sie doch auf die Unbestechlichkeit, auf den Scharfsinn unsrer Justiz vertrauen. Die steht doch noch rein, unparteiisch da. Oder wäre auch dies nicht mehr? Sie konnten ihr Urteil, bis sie gesprochen, sparen. Nein, es ist ihre Lust, ihr Kitzel, zu verurteilen, und mit einer wahren kannibalischen Wollust schwelgen sie darin, das Schlechte noch schlechter zu malen, das Große ins Ungeheure. Mein teuerster Regierungsrat, es ist vieles in diesem Staate faul, ich stehe vor einem echten Patrioten, der das mehr als einer fühlt, aber – es ist nicht die Regierung allein, im Volke selbst – wenn die Menschen aller Stände nur erwerben wollen und vergessen, daß alle Güter der Selbständigkeit und der Nationalehre untergeordnet werden müssen, wenn ein Volk sein Dasein behaupten will, wenn ich dies Treiben sehe, dann ist mir oft, als müsse das Strafgericht vor der Tür stehen. – Und steht es nicht vielleicht schon da?«

Sein tiefer Blick war nach oben gerichtet. Er drückte Fuchsius noch einmal die Hand und wollte hinaus.

»Wohin so eilig?«

»Zu meinem alten Geschäftsfreunde, dem unglücklichen van Asten.«

»Es kam ja noch nicht zum Äußersten.«

»Das – sehn Sie – das nenne ich gegen die Moralität!«

»Daß er aus Versehen eine Quantität Waren sich verschrieb, die seine Kräfte übersteigt? Der Wein lagert in Stettin. Bis der Konkurs reguliert ist, finden sich doch vielleicht Abnehmer.«

»Wer redet davon! – Sein Sohn, sein einziger Sohn könnte ihn retten, wenn er das Mündel des Alten heiratet. Sechzigtausend – nein, mit den Zinsen müssen es jetzt achtzigtausend Taler sein, und Demoiselle Schlarbaum ist ein hübsches, sittsames Mädchen, er hat nichts gegen sie einzuwenden, er bekäme eine vortreffliche Hausfrau, aber – der junge Mann denkt höher hinaus, sie ist ihm nicht ätherisch genug, er hat dem Vater erklärt, betteln wolle er für ihn, nur könne er das Glück seines ganzen Lebens nicht töten, das wäre Selbstmord an seiner Bestimmung, er gehöre nicht sich allein an, es gebe höhere Pflichten und was der sentimentalen Redensarten mehr sind. Ich sah eine Träne im Auge des Alten, als er es erzählte. Und um dieser Tiraden und Sentiments willen läßt der junge Herr, der als ein Muster von Tugend verschrien ist, den würdigen alten Mann, seinen Vater – ruinieren. Und das loben noch einige, er hat doch seinen Gefühlen gehorcht! – Oh Menschen!«

Als der Legationsrat hinaus war, sprach Herr von Fuchsius: »Sollte ich mich doch getäuscht haben?«

Aber der Legationsrat trat wieder ein, ohne anzuklopfen; ja, in seiner Aufregung vergaß er, den Hut abzuziehen.

»Sie fanden ein Residuum von Arsenik im Magen des Menschen, des Bedienten oder Hausknechts?«

»Unzweifelhaftes Arsenikpräparat.«

Wandel fuhr mit beiden Händen an die Stirn, der Hut flog ab, er selbst sank auf einen Stuhl, einige Minuten sprachlos:

»Dann bin ich sein Mörder – ich verschulde indirekt seinen Tod – ich gab den Ratschlag.«

»Erklären Sie sich deutlicher, wenn ich bitten darf. Es ist vermutlich nur eine Phantasie.«

»Nein, Wahrheit! Der Mensch litt an einem perennierenden kalten Fieber. – Die Ärzte hatten es nicht erkannt, getäuscht durch zufällige Symptome. Heim macht jetzt Versuche, das Wechselfieber mit Arsenik zu kurieren. Er wendet es bei Unbemittelten an, seit die China durch den gehemmten ostindischen Handel so enorm aufschlug. Ich erzählte in einer Gesellschaft von der ersten glücklichen Kur. – Jetzt entsinne ich mich, die Lupinus hörte mit besonderer Aufmerksamkeit zu – dieser Blick, den ich damals nicht verstand! – Ihre Wißbegierde, ihre unselige Lust, alles Gewagte zu versuchen – oh arme Freundin, jetzt wird mir alles klar, und ich – dein Mörder!

Wollen Sie mich jetzt verhaften lassen; Sie haben ja ein vollständiges Bekenntnis!« sprach der Legationsrat aufstehend.

Fuchsius hat ihn nicht verhaften lassen; aber als er jetzt hinaus war, um nicht wiederzukehren, sagte der Regierungsrat: »So kann man sich in einem Menschen täuschen. Das ist der Fluch der vorgefaßten Meinungen.«

 << Kapitel 85  Kapitel 87 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.