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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Achtes Kapitel.
Wir werden alle Blut sehn müssen.

Die bleigraue Dämmerung eines Nebelmorgens drang noch kaum durch die von der innern Wärme angeschlagenen Scheiben in das Zimmer der Fürstin, als diese im Negligé aus ihrem Kabinett trat. Wandel, der hinter ihr die Tür schloß, war schon fertig angezogen. Er sah blasser als gewöhnlich aus und schlang ein wollenes Tuch gegen die Morgenkälte um den Hals, ehe er sich anschickte, den Mantel umzuwerfen.

Die Fürstin wies auf die Tür zur Hintertreppe: »Sie können durch den Gartensalon. Adelheid schläft schon seit gestern nicht mehr hier.«

»Der Abschied von der Tugendprinzessin war wohl sehr rührend?«

Die Gargazin sagte nach einigem Besinnen: »Ja – ich habe geweint.« Was sie noch sagen wollte, verschluckte sie.

»Tant mieux, Madame, sie kann uns nun protegieren. Le temps se change, mais pas les hommes

»Ich wünschte, Sie changierten«, sagte die Fürstin ernst. – »Hat Sie der Anblick des jungen Mädchens nie gerührt? Zuweilen – wenn ich sah, wie alle Verlockungen und Verführungskünste von ihr abglitten – ja, zuweilen überkam es mich, ob sie nicht in einem unmittelbaren Schutze stehe.«

»Die Hand des Schutzengels, den der Himmel ihr gesandt, drücke ich jetzt an meine Lippen. Au revoir! Übrigens habe ich ja auch ein wenig den Engel agiert.«

Die Gargazin riß die Hand zurück, und ihr strafender Blick hätte ihn zum Schweigen auffordern sollen, aber er schwieg nicht:

»So war uns die Rolle des Verführers zugewiesen. Jede Rolle ist gut, wenn man sie nur gut spielt. – Sie schaudern, es ist ein frostiger Oktobermorgen. Sie werden sich erkälten, Sie sollten sich wieder zur Ruhe legen.«

»Ich schaudre, doch ich friere nicht.«

Er sah verwundert, als sie nach der Klingelschnur griff.

»Ich will nach der Hedwigskirche. – Wenn Sie gesündigt, fühlen Sie dann nie das Bedürfnis, Ihr Herz auszuschütten? Haben Sie gar keine Empfindung, keine Ahnung davon, welche Erleichterung, Wohltat es ist, so belastet und gedrückt sich in den Staub zu werfen und im Bekenntnis, in der Beichte zu den Füßen eines Plénipotentiaire der Allmacht alles das niederzulegen und jeden Winkel in uns auszukehren? Glauben Sie mir, es ist nur schwer, wenn man es noch nicht versucht. Sind wir erst daran gewöhnt, oh, so wird es mehr als ein Bedürfnis, eine Wohltat, wie ein Bad nach schwülem Tage. Wie da Luft und Licht allmählich die Adern unsrer Seele durchhaucht! Der Körper fühlt es mit, er wird leichter. Wir atmen auf, wenn in den hohen Hallen der Odem des Ewigen rauscht, die Orgel intoniert, die Glocken über uns anschlagen, der Zugwind trägt uns den Duft des Weihrauchs zu – wenn dann der Priester die Hände auf uns legt, die leichte Buße mit ernster Stimme diktiert und endlich das beseligende Wort der Lösung spricht – oh wie ganz anders fühlen wir uns, nein, wir sind es. Nun trägt ein anderer, was wir getragen, die Füße, die uns kaum trugen, sind leicht; wir sanken hin und schnellen auf. Die Welt ist wieder schön, rings um uns wie neu geboren und wir wie ein Kind, das nach dem Schmetterling im Sonnenschein hascht. Oh, Sie armer Mann, daß Sie das nicht begreifen.«

»Ich begreife es – ich begreife es vollkommen!«

»Und Sie verschmähen die Wohltat.«

»Was dem Armen ein Schatz ist, wirft der Reiche oft aus dem Fenster.«

»Oh, Sie reicher Mann!« Es war ein böser, aber scheuer Blick. »Weil Sie so gewaltig stark sind. Weil Sie die Schwäche nicht kennen! – Ich hätte Sie von Anfang an hassen müssen –«

»Aber Sie wollten mich bekehren, darum erbarmten Sie sich meiner und liebten mich.«

»Nein! – Eigentlich bewunderte ich in Ihnen die Allmacht der Natur. Wie es ihr möglich war, ein Geschöpf in Menschengestalt ohne Blut und Herz zu bilden! Sie waren mir neu, interessant, ich wollte Sie studieren. Ich klopfte an, ob nicht irgendwo eine schwache Saite herausklinge – aber kalter Marmor von außen und noch kälter von innen. Ich fragte mich, was bewegt denn diesen Block, den irgendein Dämon aus dem kalten Gestein loshieb und gemeißelt ins Leben setzte, mit täuschender Menschenähnlichkeit, aber er ward kein Mensch.«

»Einige wollen behaupten, der Egoismus sei es allein, der diesen – Marmorblock in Tätigkeit bringt.«

»Aber die Lichter des Himmels blitzen Sie doch an, die Töne der Natur finden in Ihnen einen Widerhall. Es rauscht und strahlt zuweilen so harmonisch heraus, daß Sie blenden, berauschen, verführen. Sagen Sie, ist das alles nur der Reflex eines Spiegels, den selbst nichts rührt? Haben Sie keine Seele, oder ist sie wie das Meer am Eispol, eingefroren seit ihrer Schöpfung?«

»Viel näher, teuerste Freundin, läge doch der Vergleich mit dem Dämon, den der große Dichter ins Leben rief. Warum so ungeheuer weit suchen im Chaos des Möglichen und Unmöglichen, statt Goethes Mephistopheles zu zitieren? Die Ehre erzeugten mir andre, sie nannten mich den Geist, der immer verneint. Höflichere hatten sogar die Freundlichkeit, den Schalk in mir zu wittern, von dem es dort heißt, daß unter allen Geistern, die verneinen, er dem Herrn der Schöpfung am wenigsten verhaßt sei. Doch das laß ich auf sich beruhen, es ist Geschmackssache, wie alles in der Welt, Antipathien und Sympathien. Was sich anzieht, was sich abstößt, es ist alles ein Spiel der Laune, die wir nicht ergründen, der Kern des Kernes, die Ursach der Ursach, nach der die schöne Königin Charlotte selbst einen Leibniz umsonst fragte und quälte. Nein, danach müssen wir nicht suchen, nicht grübeln, um Gottes willen; wir alle sind ja nach Ihrem Glauben – Erwählte oder Verstoßene, denen die Gnade leuchtet, oder es blieb in ihnen finster. Haben Sie doch Erbarmen mit solchem Finstergebliebenen, er kann ja nicht für seine Maulwurfsaugen, noch daß sein Blut so kalt blieb als das arktische Meer. Wenn Sie da weitertragen wollten, hohe Frau, auf welche Fragen stießen Sie, Rätsel, die selbst Ihr Glaube, der Berge versetzt, nicht löst. Zum Exempel, warum gab der Panurg sich die Mühe, Meer da oben am Nordpol zu schaffen, wenn es sofort zu Eis erstarrte? Wir Skeptiker würden fragen, warum schuf er nicht sogleich Eis? Es wäre doch einfacher, bequemer, konsequenter gewesen. Was hat dies arme Salzwasser verschuldet, daß es die schmerzliche Metamorphose erduldete? Muß es, wie ein neugeborenes Kind, die Sünden seiner Erzeuger büßen? Und warum büßen in alle Ewigkeit; denn bis nicht ein Komet an diese alte Erde stößt, der Weltenbrand alles verzehrt, wird dies unglückliche, verzauberte Wasser doch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht erlöst.«

»So glauben Sie doch an den Weltenbrand?«

»Ich glaube an alles, was außerhalb des Kreises meiner Tätigkeit liegt. Warum sollte ich das nicht aus Gefälligkeit für die Gläubigen! Es geht mich ja nichts an. Nur fordere ich als Gegengefälligkeit, daß sie innerhalb jenes Kreises gar keinen Glauben von mir fordern. Da glaube ich nicht einmal, was ich vor mir sehe, fühle, rieche, nur was ich hinter mir habe, den Wein, den ich geschlürft, den Kuß von süßen Lippen, den Busen, an dem ich geruht; daran glaube ich und schwöre auf die Seligkeit, außerdem aber nur an das mathematische Einmaleins, und – noch an etwas. Da koinzidiert ja unser Glaube. Der Panurg streute uns aus seinem Würfelbecher auf die Erde, wie wir sind, Starke und Schwache, Erwählte und Verdammte. Jeder geht auf seine Grasung. Wenn jener sauren Klee liebt, so wäre ich ja ein Tor, ihn fortzureißen, daß er auf mein süßes Kleefeld kommt. Er gab uns verschiedenen Geschmack, und das ist seine nicht genug zu bewundernde Weisheit, sonst fräßen wir einer den andern auf«

»Der Weltenbrand!« rief plötzlich die Fürstin auf, und ihr Gesicht glühte. Nicht die Wärme von innen, es war eine Purpurglut, die von außen daranschlug. Die Sonne war aufgegangen, die Wolken zerrissen, eine unförmlich große Feuerkugel tanzte im Dunstlicht. Aber bald sah man sie nicht mehr vor der Färbung, die sie dem ganzen Dunstmeer mitteilte. Das Firmament schien in Feuer. Das Zimmer, eben noch im unheimlichen Grau, war von rotem Gefunkel übersprenkelt. Rasch hatte die Wirtin das Fenster aufgerissen, und die Dächer der Häuser, die weite Stadt, soweit man sie übersah, schwammen in einem Blutrot.

Wenn sie überrascht war, schien es nicht die Überraschung des Schrecks, sondern einer dämonischen Freude. Sie streckte ihren entblößten Arm hinaus in die kalte Luft, während diese Kälte sie doch nötigte, die Enveloppe mit der andern Hand fester um ihre Brust und Hals zu drücken.

»Sehen Sie!«

»Die Nebel zerteilen sich. Es wird ein schöner Herbsttag werden.«

»Der Tag der Vergeltung! Er bricht an, Feuer und Blut gemischt. Oh, ich könnte mich freuen, ein entzückendes Schauspiel, wenn die wogenden Flammen über diese Dächer sausten, das Lied der Vergeltung heulend –«

»Die sanfteste Frau mit Nerophantasien!«

»Diese Dächer, die steinernen hohen Mauern mit ihren griechischen, ihren etrurisch-römischen Formen, sie waren immer meinem Auge eine heidnische Dekoration. Oh, ich hätte sie abreißen, offenlegen mögen, daß man hineinblicke und sehe, was sie so geschickt verschließen, diese mit heidnischer Tugend übertünchten Sünden.«

»Ich bin nicht aus Berlin – auch kein Preuße, fahren Sie fort, Priesterin des heiligen Zornes!«

»Selbst Sie müssen das fühlen, kalter Verstandesmann: hier ist keine Gesundheit, selbst ihre Rechenexempel sind falsch, sie wandeln auf übertünchten Gräbern und merken es nicht. Ihre Bildung, was ist sie? Eine bunte Garderobe aus allen Ländern zusammengeholt, Frack und Frisur aus Frankreich, ein Surtout darüber aus England, bunte Flitter aus Italien, Spanien, wo es her ist. Und die gerühmte Intelligenz, aus welchem Quell schöpfte denn ihr Geist? Trank er von den Silberwassern, die aus dem ewigen Schnee rieseln, die Gottes Auge befruchtet? Aus schleichenden Flüssen, künstlichen Kanälen schöpften sie ihre Begeisterung. Diese Ramler, Gleim, oh, es ist zum Lachen! Womit beschäftigte sich ihre Poesie, Philosophie und Kunst, als über die Wüste der Alltäglichkeit einen glitzernden Teppich zu weben und den Gott, den sie nicht sahen, aber doch bisweilen fürchteten, wie Kinder das Gewitter, aus seinem Äthersitz herabzureißen, um ihm ein bürgerliches Kleid anzuziehen, bis er zum guten Nachbar ward, den man zu Gevatter bittet und die Hand schüttelt. Wen verfolgten diese Nikolaiten und Jesuitenriecher, als die von seinem Geist Durchschauerten. Die blieben die ihnen unbequemen Gespenster. So im Siegeswahne haben sie über dem Schutthaufen, der Gott und Teufel, Religion und Aberglaube begräbt, den Thron der Aufklärung aufgerichtet, im Ich, jeder ein Gott mit aufgeblasenen Wangen und Kolophoniumblitzen gegen Andersdenkende! Der rechte neue Aberglaube und Aberwitz, wo den Sündern vergeben wird, wie man irgendwo Gefangene laufen läßt, weil kein Gefängnis für sie ist. Die nach dem Trunke dürstenden Wüstenpilger speist man ab mit dem Troste, ihr Durst sei Illusion, er werde vergehen durch Enthaltsamkeit. Und wie diese Religion ein Mantel von Spinnweben, so ist ihre Staatskunst einer von verschimmelter Weisheit. Weil sie ohne wahrhaften Gott sind, haben sie aus einem Menschen einen Götzen gemacht. Ich sah zufällig als Kind, man führte mich dahin, die Leiche des großen Königs. Oh, schauderhafte Erinnerung. Dieser Größte der Großen, den sie in ihrer Vermessenheit in einem Stern an den Himmel versetzt, war eine kleine, zusammengeschrumpfte Mumie, ein Kinderbalg, ein verkrummtes Zwerglein. Man mußte mich fortreißen, denn ich lachte laut, draußen schrie ich noch auf: ›Das ist kein großer Mann, das ist ja eine häßliche Puppe!‹ – Und wenn wir hinsinken vor der schönen gebenedeiten Mutter, wenn sich unser tränenreicher Blick aufrichtet zu den edlen Gottzügen des Gekreuzigten, und schwebt er noch höher beim Klange des gloria in excelsis, zu dem ewigen Auge des Vaters, dann bezichtigt man uns der Idolatrie! Aber dies Pygmäengeschlecht kniet und betet vor der kleinen braunen Puppe, und das nennt es nicht Götzendienst, das ist Anbetung der Wahrheit! Und sie haben recht. Das sind noch die Bessern. Wer nichts ist, muß sich doch am Anblick von etwas, das mehr ist, stärken, und wer nie ein Goldstück in die Hand bekam, freut sich auch über ein Stückchen Goldpapier.«

»Erlaucht! Das sind ja Ihre Alliierten! Von diesen beredten Lippen hörte ich zwar oft den Wunsch, daß dies sündhafte Berlin von seinen Götzen ließe, seinem Friedrich und Lessing, seinem Schiller und Goethe den Rücken kehre und vor dem König der Könige niederkniete; aber woher diese Vernichtungswut?«

»Weil sie nicht zu bekehren sind! – Dies in eignem Wissensdünkel aufgeschwollene Pilzgeschlecht, im Innern faul und hohl, nimmt keine Lehre an. Die Ermahnungen der Gesendeten strömen durch das Faß der Danaiden. Berlin hat die Strafrute des langmütigen Gottes an den Himmel gerufen. Nun steht sie da. Schmähen Sie mir nicht auf den Mann, den wir bekriegen müssen. Des neuen Attila Mission ist groß, und ich sehe, sie ist noch nicht zu Ende. Nur wir sind zu oft am Ende, weil wir mit unserm Verstand ihm immer dies und das Ziel abstecken wollten, und der unsichtbare Wille lächelt über unsre Torheit. Die Leichen sollen sich noch zu Bergen türmen und das Blut in Strömen fließen, wo wir noch kein Bett dafür sehen. – Ei, Sie schaudern, das freut mich. So blutigrot wie dieser Morgen –«

Wandel schauderte wirklich, er zog den Mantel um die Brust: »Sie wissen, ich kann kein Blut sehen, alles – andre – nur kein Blut –«

Die Gargazin schien sich an seiner Angst oder an seinem Schreck zu weiden: »Steigt Ihnen es auch zu Wangen! – Wir werden alle Blut sehn müssen, mein Herr von Wandel. Ohne das keine Erlösung aus diesem Dasein. Entweder stockt es, und wir gehen in Konvulsionen unter, oder es strömt in hellen Purpurquellen aus, und das ist die leichtere. – Hören Sie die Trommeln wirbeln? Wie mutig und froh gehen die Tausende dahin, wo die eisernen Würfel fallen. – Ja, das Spiel ist aus, der Ernst beginnt, mein Herr. Verspüren Sie keine Lust? Hörten Sie's nicht singen: ›Im Felde, da ist der Mann noch was wert!‹ Regte es sich da nicht in Ihnen? Hier ist er – gar nichts mehr wert.«

Welcher Dämon war in die Frau gefahren? dachte der Legationsrat.

»Um ins Feld zu ziehn, muß man –«

»Mut haben«, unterbrach sie ihn.

»Bewahre Ihr Genius oder Ihre Heiligen die Liebenswürdigste Ihres Geschlechts davor, eine Amazone zu werden!«

Sie schien ihn nicht zu hören.

»So rottenweise sie fallen, Reihe um Reihe unter dem Kartätschenhagel stürzen, das Feld sich lichten zu sehen, für einen Feldherrn soll es ein Götterschauspiel bieten. Da, wenn er auf der Höhe hält, den Tubus in der Hand, sein Schlachtroß unbeweglich unter seinen Lenden, da soll Napoleon ein Gott sein. Ein Bewegen mit dem kleinen Finger, ein Seitenblick, ein Zucken mit der Lippe, die Adjutanten verstehen es, neue Bataillone wälzen heran, sie füllen die Lücken, um wieder – Lücken zu werden –«

»Bis eine kleine Kartätschenkugel, matt nur noch im Sande hüpfend, auf den Hügel springt und den Gott vom Pferde reißt.«

»Qu'importe! So zu sterben wäre auch Wollust. – Sind wir nicht alle zu Feldherren geboren, die wir über die Masse uns erheben? Diese Massen, die nichts sind ohne den Geist, der sie regiert, Knäuel grauen Gewürmes, ein Durcheinander ohne Unterscheidung, wenn nicht ein Lichtstrahl sie färbt. Wir färben sie, geben ihnen Leben, Ordnung, Zweck des Daseins – haben wir nicht dafür Recht, über sie zu schalten wie der Schachspieler? Futter fürs Pulver, nicht wahr? – Ich kann die Frau da begreifen, wenn es wahr ist, was sie von ihr erzählen. Mit Menschenleben spielen wie mit Schachpuppen, warum soll es nicht zum Kitzel werden, dem man nicht mehr widersteht.«

»Die Unglückliche! Sie wollte gewiß keine Verbrecherin werden.«

»Wer will das! Sie wollte nur Glück um sich verbreiten, aber weil die Menschen eigensinnig sich ihres auf eigne Weise suchen, ward sie erbittert, bis – bis – ja – weil sie nicht Mut hatte zu sündigen, darum ward sie Verbrecherin. Eine Philosophin – sie hat ihre Götter sich selbst geknetet – weiß ich, aus welchem Kot! – Wer den Gott des Lebens nicht kennt, seine Beseligung, dürstet doch nach einer anderen. Der Gott des Todes gewährt sie auch, und wem die großen Würgeengel nicht zu Kommando stehen, wie Bonaparte, läßt sich mit den kleinen genügen. Die Gemeinheit sagt, sie hätte es aus Rache getan. Nein, ich verteidige die Frau. Auch sie nur ein Werkzeug in seiner Hand.«

»Sie würde mit ihrer erlauchten Verteidigerin schwerlich zufrieden sein.«

»Herr von Wandel wird sie allerdings besser verteidigen, weil er sie besser kennt.«

War das ein Basiliskenblick? – Er wollte sprechen – aber er stotterte nur von Gott und reinem Bewußtsein. Wenn sie unschuldig, werde jener sie schützen, dieses sie trösten.

»Reden Sie doch nur in Sprachen, die Sie verstehen«, herrschte die Fürstin ihn an. »Wenn Gott seine Zuchtrute am Himmel aushängt für die Völker, straft er auch die einzelnen. Merken Sie sich das, Herr von Wandel. Wenn Pestilenz, Krieg, Verderben in einem Lande ausbricht, kommt es nicht angeweht vom Winde, es bricht von innen heraus, wie ein Geschwür von den faulen Säften. Merken Sie das! – Werden Sie noch hierbleiben? Mich dünkt, hier ist nicht Ihres Weilens. Mich dünkt, Ihnen könnte Gefahr drohen. – Mich dünkt, man glaubt Sie zu kennen –«

»Wer?«

»Ich nicht«, rief mit Nachdruck die Gargazin. »Ich will nicht, mir graut, Sie kennenzulernen. Die Akademie will Sie nicht, aber für Gelegenheit nach Rußland lassen Sie mich sorgen – ich könnte Ihnen eine Professur in Kasan verschaffen.«

Er sah sie groß an: »Was ist's? Wissen Sie etwas? Droht mir etwas? Ist's vorsorgende Liebe, oder ward ich Ihnen lästig?«

»Ich könnte Sie hassen.«

»Weil Sie mich nicht bekehren können.«

»Nein, ich zittre, wenn ich Sie ansehe. Jetzt begreif ich's, wie die erhabene Katharina vor Abscheu und Wut zittern konnte –«

»Wenn Lieblinge nicht fühlten, daß es ihre Pflicht sei, vor ihr zu verschwinden, wo ihre Gunst ausging. Allerdings ein großes Verbrechen der Undankbaren, durch ihren Anblick der Zarewna eine Erinnerung zu verursachen, die sie in angenehmeren Phantasien störte. Es war eine sehr zartfühlende Fürstin. Erlaucht, unser Verhältnis steht aber doch anders.«

»Es steht nichts mehr, es fällt und bricht, wo alles bricht und kracht. Aber ich möchte nicht, daß etwas vor meinen Augen zusammenbricht, wo ich mir selbst Mühe gab, es zu bilden, als – meine Laune so war. Wollen Sie nach Kasan?«

Der Legationsrat verneigte sich zum Abschied: »Die Luft dort ist mir zu streng.«

»Was fesselt Sie hier?«

»Erlaucht wissen –«

»Unmöglich – nein – abscheulich – das traue ich Ihnen doch nicht im Ernst zu.«

»Eine mariage de raison, weiter nichts. Wenn wir mit den Leidenschaften und Phantasien zu Rande sind, behält die Vernunft das letzte Recht.«

»Mir aus den Augen!«

»Was tat Madam Braunbiegler, Euer Erlaucht Zorn zu erregen?«

»Oh mehr als abscheulich – widerwärtig – eine Versündigung gegen Geschmack, Gefühl, Ästhetik! An einen trunkenen Silen konnte die Nymphe sich hängen, da war im Efeu holder Wahnsinn – aber das Tier, das im Schlamme der Gemeinheit sich wälzt, das wagten die Griechen selbst nicht –. Und mit Bewußtsein, klarsehend – mir aus den Augen – da ist die Treppe – wenden Sie sich nicht um – ich will Ihnen nicht wieder ins Gesicht sehen – nie, nimmermehr!«

Wandel hatte sich noch tiefer verneigt und – er stand schon auf der Treppe. Da aber wandte er sich doch um. Es mußte ein eigner Blick sein. Sie ward rot und blaß:

»Erinnern Sie sich«, rief sie ihm nach, »daß Sie keine Zeile Schriftliches von mir in Händen haben. – Ich kenne Sie nicht. Fort – hinunter – Scheusal – schneller!«

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