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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Siebentes Kapitel.
Eine Maus und eine Mausefalle.

Bei Madam Braunbiegler sollte Whist gespielt werden. Die Gesellschaft war nur klein, kam aber nicht zur Ruhe. Wenn man kaum die Karten gezogen, störte eine Nachricht, eine Person, die unerwartet hereinstürzte. Es war nun einmal Unruhe in der Stadt, die mit dem besten Willen sich nicht bewältigen ließ. Man wußte schon, daß das Heer jetzt wirklich auf den Kriegsfuß gesetzt werden solle. »Wenn man nur abgewartet hätte, bis die Mäntelgelder beisammen waren!« hatte Madam Braunbiegler gemeint; aber es waren noch nicht siebzigtausend Taler gesammelt. – »Und was hilft das Geld, wenn die Schneider fehlen!« hatte der Legationsrat gesagt.

Da brachte Herr von Fuchsius eine Nachricht, welche alle bisherigen in den Hintergrund drängte. Die Königin hatte endlich ihren Widerwillen gegen den jungen Bovillard aufgegeben, er war ihr vorgestellt worden, sie hatte ihn gnädig aufgenommen, sich günstig über ihn geäußert, zu andern aber spitz gesagt, er müsse wohl viele Feinde haben, da er ihr ganz anders geschildert worden. Er war tags darauf zum Legationssekretär, andre meinten sogar zum Legationsrat ernannt worden, beauftragt zu gewissen Vorträgen im Kabinett und in der persönlichen Nähe der höchsten Herrschaften.

Man war geteilter Meinung, ob dahinter eine Intrige des neuen Ministers stecke oder des alten Bovillard. Fuchsius lächelte, als eine Dame mit einem andern »Wissen Sie schon?« hereinplatzte. »Die Alltag ist zur Gesellschafterin der Viereck ernannt. Sie zieht ins Palais!« – »Ins Palais!« – Was das zu bedeuten hatte, darüber war niemand im Zweifel, als man auch von der gnädigen Audienz erfuhr, welche die Königin dem schönen Mädchen gewährt. – »Nun wird ja alles klipp und klar. Ja, wer nur 'ne hübsche Larve hat und Konnexionen, dem fehlt's nicht.«

So hatte Madam Braunbiegler gesagt. Madam Braunbiegler war ihrer Zeit eine berühmte Persönlichkeit in Berlin, was man heut nennen würde, ein öffentlicher Charakter, von der sehr viel Dikta noch umgehen. Wenn der Raum unserer Erzählung, die zu Ende geht, es erlaubte, hätte sie das Recht und die Anwartschaft auf eine bedeutendere Rolle darin, als wir ihr angewiesen, aber der Rahmen schließt sich, und die Rücksicht auf den deutschen Stil und die Grammatik, die wir bis da nach unsern schwachen Kräften beachtet, verbietet uns, ein Bild in den Vordergrund zu stellen, welches für viele Leser unverständlich bliebe ohne eine vorausgeschickte Abhandlung über den markbrandenburgischen Unterschied zwischen mir und mich. So genüge denn für dieses Mal – denn es ist wohl möglich, daß wir ihr künftig wieder begegnen – ein Diktum, welches mit stereotypischer Genauigkeit aus den Akten jener Zeit entnommen ist. Ex ungue leonem. Madam Braunbiegler hatte das Gespräch über den betreffenden Gegenstand mit den Worten geschlossen:

»Denn heiratet er ihr ooch noch! Da gratulier ich. Er hat nischt und sie hat nischt. Das wird 'ne magre Kalbfleeschsuppe. Nee, sage ich doch, wenn pover Volk noch dicketun will und vornehm sind, die können mich gestohlen werden.«

Madam Braunbiegler mußte sich dabei echauffiert haben; es kostete ihr immer eine Gemütsbewegung, wenn sie von ordinären Leuten sprach, die es den Reichen gleichtun wollten. Sie war den liberalen Ideen abgeneigt und hielt auf Standesunterschied. Der Shawl war ihr beim Echauffement von den leuchtenden Schultern gerutscht. Herr von Wandel legte ihn ihr sanft wieder um: »Sie könnten sich erkälten, gnädige Frau«, flüsterte er mit der sanftesten Stimme.

Der Ritter begehrte nicht den Dank der Dame. Wie zufällig hatte er sich auf einen Stuhl am Spieltisch niedergelassen, wo Frau Geheimrätin Lupinus schon mit der Karte in der Hand saß.

»Was sagt meine Freundin dazu?«

Die Freundin war noch in halber Witwentrauer, in grauem Seidenkleide mit schwarzem Überwurf. Ihr Gesicht verriet nur die Verklärung der Trauer. Man hatte bemerkt, daß sie, die bei seinen Lebzeiten nie viel von ihrem Manne gesprochen, jetzt gern, wenigstens absichtlich, das Gespräch auf ihn lenkte. Immer als Philosophin. Sie bedauerte ihn nicht, sie erklärte es als ein Glück, daß er diese unruhigen Zeiten nicht mehr erlebt. Man wisse nicht, wie diese reine, von den Weltverhältnissen unberührte Seele in diesen Berührungen, Stürmen würde gelitten haben. Schon ein Kollektensammler, ein Weinreisender, der in sein Zimmer gedrungen, habe ihn in eine fieberhafte Erschütterung versetzt und den Frieden seines Geistes auf Tage gestört. Wenn nun, wie jetzt täglich geschähe, Aufforderungen um Scharpie, Beiträge zu dem und jenem ins Haus drängen, wie hätte sie ihn davor bewahren sollen! Schon das beständige Ziehen an der Klingel hätte sein Nervensystem angegriffen. Und nun erst gar die Mäntelgeschichte! Der Bürgermeister, Herr Büsching, war ja mit Herrn Gerresheim und Köls selbst zu ihr gekommen. Der selige Geheimrat habe eine so lebhafte Phantasie gehabt, daß, wenn die Herren ihm die Not der armen Soldaten, den Frost, die Schauer eines Winterlagers vorgemalt, er die Schrecken am eignen Leibe empfunden hätte. »Oh, und er war die Liebe und Teilnahme selbst! Man glaubt es mir nur nicht, weil ich keine Worte davon machen kann!« pflegte sie zu schließen.

Zum Legationsrat sagte sie das aber nicht. Sie erwiderte ihm nur: »Was ich dazu sage? Das kommt doch nicht in Betracht. Was aber wird die Gargazin sagen?«

»Sie ist vielleicht auch froh, daß sie das Wundertier los ist«, sagte Wandel leiser. »Besteht nicht unser Leben eigentlich aus Knüpfen und Lösen? Mit dem Knüpfen werden die meisten bald fertig, aber am Lösen, weil sie nicht voraus daran gedacht, scheitert ihr bißchen Verstand, und an den ungelösten Knoten des Daseins ging so mancher unter. Es ist vielleicht die Aristokratie der Erwählten, diese Kunst sich anzueignen, bei allem, was sie schaffen und wirken, schon an die Auflösung zu denken. Oh, wer es dahin gebracht –«

»Wenn alles aufgelöst ist, was ist denn dann?« unterbrach ihn die Witwe.

»Freiheit, Chaos, wie Sie es nennen wollen, allgemeine Glückseligkeit: denn ist es nicht ein Glück, wenn wir nicht mehr zu denken und sorgen brauchen um Bagatellen! – Ist das Leben mehr, meine Freundin! – Pardon, ich halte Ihr Vergnügen auf, Madame wartet –«

Er hatte der Braunbiegler Platz gemacht, die sich mit ihrer Karte dem Tisch näherte. Aber mit derselben Unbefangenheit war er zur Baronin Eitelbach getreten, die am Fenster stand. Er klopfte auf ihre schöne Hand, er brachte die Fingerspitzen an den Mund.

»Immer pensiv?«

»Sagen Sie mal, Legationsrat, was sieht denn Fuchsius immer auf die Lupinus? Er ist doch nicht in sie verliebt?«

»Ei meine Freundin, eine so scharfe Beobachterin; man muß sich vor Ihnen in acht nehmen.«

»Nein, er observiert, er läßt sie nicht aus den Augen. Ich seh das schon eine halbe Stunde an.«

»Nun, wenn es ein süßes Spiel der Liebe wäre, was kümmert es uns beide.«

»Ich bitte Sie! – Die Lupinus –«

»Lassen Sie doch die arme Witwe in Ruh. Haben Sie nicht an anderes zu denken.«

»Sie sind ein guter Mann, ich kenne Ihr Herz, und Sie meinen es von Herzen«, sagte die Baronin, »aber warum müssen Sie mich immer beiseit ziehen?«

»Um alle Gedanken abzulenken. Denn mich«, sagte Wandel mit einem Seufzer, »wird man doch nicht für den Glücklichen halten können. Im übrigen bis jetzt geht alles gut. Wenn wir nur auf seine Verschwiegenheit rechnen könnten. Offiziere plaudern gar zu gern – in der Wachtstube, bei einer Flasche Wein –«

»Wenn ich es nur begriffe –«

Mit einer wehmütig teilnehmenden Miene schüttelte Wandel den Kopf: »Freundin, wenn Sie es mir doch ganz überlassen wollten! – Aber – schenken Sie mir das Vertrauen nicht – dann, nun ja, das versteht sich von selbst. – Indes, ich schmeichelte mir, in der Hoffnung auf Ihr Vertrauen, grade so zu handeln, wie ich es tue, zur Schonung Ihrer Gefühle Ihnen verschweigen zu dürfen, warum.«

»Aber warum denn? Mein Mann –«

»Ist – ein Mann, den ich kenne, schätze, ich weiß zuweilen nicht, ob ich mehr seinen weltmännischen Freisinn oder seinen Scharfsinn bewundern soll.«

»Seinen Scharfsinn?«

»Merken Sie denn nicht, daß er Sie nie mehr mit dem Rittmeister neckt?«

»Ja, aber –«

»Daß der Kontakt dieser Verhältnisse auch einen Reflex auf Augustens Seelenfrieden werfen muß! Nicht wahr, das ist es, nicht was Sie nicht begreifen, sondern was Sie nicht begreifen möchten. Ich frage mich ja selbst oft, was ist denn die Zentrifugalkraft unsrer Gedanken, wenn sie bei dem Problem stehenbleibt! Was hat eine schöne junge Frau mit den Konflikten der Generalintendantur und Militärkontrolle zu tun? Aber aus dem Zirkel kann ich nicht heraus. Verdacht ist Verdacht. – Aus Verdacht, daß er Verdacht haben könnte, muß er keinen Verdacht zeigen. Aber schon der Schatten des Verdachts, daß er mit einem einflußreichen Militär – denn der Rittmeister bleibt doch immer der Neffe des Kriegsministers –, also schon die geringste Kollision eines, wie man es immer nenne, doch immer eines großen Lieferanten, besonders jetzt, wo die Mäntelbeschaffungskommission –«

Er ward unterbrochen, wie es schien, nicht zu seiner Unlust. Wer an so viel und Wichtigeres zu denken hat, was von ihm fordern, daß er auf alles vorbereitet sei, namentlich wo er es nicht der Mühe werthält, sich viel Mühe zu geben. Aus der Phrase, in die er sich offenbar verwickelte, half ihm der Eintritt einer neuen Person. Eben hatte sich Madam Braunbiegler auf ihren Stuhl niedergelassen mit einem: »Na, kommt man denn endlich zur Ruhe. Das war doch heut eine Störung« – als eine neue schon wieder da war. Der Geheimrat Lupinus, nicht der selige, sondern von der Vogtei, war eingetreten, und sofort schien man zu wissen, weshalb. Die Wirtin gab dem allgemeinen Gefühl den Ausdruck: »Ach Gott, die Flanelleibbinden fehlten noch!«

Die neueste Tätigkeit des Vogtei-Lupinus mußte also eine bekannte Sache sein; was wird in Berlin nicht bald zu einer bekannten Sache. Wer etwas gelten wollte, mußte sammeln, natürlich für die armen Krieger; wer sich hervortun wollte, für einen neuen Zweck. Von Winkelsammlern wimmelte es in den Häusern und auf den Straßen. Der Geheimrat sammelte für wollene Leibbinden. Die Mäntel waren für die Infanterie, die wollenen Leibbinden für die Kavallerie. Weshalb gerade der Vogtei-Lupinus diese Sache mit Eifer ergriffen, dafür wußte der böse Leumund auch einen Grund.

Das Sammeln einer Kollekte damals war aber etwas anders. Wenn heut eine solche umgeht, sind Zweck und Gründe und die Dringlichkeit der Motive längst vorher erörtert, durch die Presse Gemeingut geworden, und man gibt oder gibt nicht. In jener Zeit war es anders. Wenn die Deputierten des Magistrats in die Häuser traten mit der Subskriptionsliste, so fingen sie damit an, wie jetzt der Vogtei-Geheimrat, Anfang, Ursach, Gründe, Zweck, Dringlichkeit vorauszuschicken und mit einer Bitte und captatio benevolentiae, je nach der Persönlichkeit des Angegangenen, zu schließen. Ein etwas umständlicher Weg, der aber das Gute hatte, daß die Einwohnerschaft von Berlin mit weniger Kollekten belästigt ward.

Nachdem der Geheimrat seine Papiere und Listen aus der Mappe genommen, welche ein Beamter ihm nachtrug, hub er an von dem Nutzen der Leibbinden im allgemeinen, er zitierte Hufeland und Heim über die Wichtigkeit, daß der Magen eines Menschen warm gehalten werde; wenn die Funktionen desselben in Ordnung, sei der ganze Mensch in Ordnung. Das gelte aber ganz insbesondere vom Soldaten. Er ging dann auf die Kavallerie über und beschrieb, wie, Luft und Wind ausgesetzt, ein Kavallerist leichter am Magen sich erkälte als ein Infanterist, der durch die Bewegung des Marschierens schon den Magen sich warm mache. Wenn nun der letztere jedoch überdies noch Mäntel erhalte, so erfordere die Humanität und Billigkeit, daß man für den Soldaten zu Pferde auch etwas übriges tue. Er ging dann auf die drohende Herbst- und Winterkampagne über und schilderte, wie ein Kavallerist friere, wenn er auf der Erde schlafen muß, denn die Zelte schützen nicht vor der Kälte, die aus dem Boden dringt und zuerst in den Magen geht, zumal wenn er leer ist. Nun aber sorge ein guter Kavallerist allemal zuerst für den seines Pferdes, und komme es auf diese Weise oft, daß er für seinen eigenen nicht gesorgt hat. Mit einer glücklichen Wendung wieder zu den Leibbinden zurückgekehrt, zeigte er, wie sie am besten zugeschnitten und gebunden würden, gab zu, daß die von Wolle gestrickten allerdings zweckmäßiger, aber nicht so schnell zu beschaffen seien, daher die von Flanell dem Bedürfnis und Zeitgeist entsprächen, und schloß mit einer rührenden Deklamation an die Anwesenden, daß sie für König und Vaterland und die leidende Menschheit ihr Herz und ihren Beutel zu einer milden Gabe öffnen möchten. Auch die geringste sei ihm willkommen, lieber jedoch die größeren.

An der Aufnahme sah man, daß auch hier schon fertige Parteien waren, Infanteristen und Kavalleristen, Mäntel und Leibbinden, Tuch und Flanell. Indessen siegte der Flanell. Wer widersteht, wenn andre ihm vorangehn und der Kontrolleur dabeisteht.

Nur Madam Braunbiegler fand es impertinent, grade ihr damit ins Haus zu rücken. Sie gehörte natürlich zur Tuch- und Mäntelpartei und erklärte, sie würde nicht einen Pfennig rausrücken. »Eine Kleinigkeit doch!« flüsterte ihr der Legationsrat zu. Das brachte sie nur noch mehr auf: wenn sie gäbe, lasse sie sich nicht lumpen, und wenn's honorig sei, greife sie in die Tasche, daß es sich sehn lassen könne, aber Bettelei könne sie nun ein für allemal nicht ausstehen. »Und wie kommt er denn dazu!«

Wandel zog seine »edle Freundin« beiseite. Er teilte ganz ihre Ansichten, ob sie es ihm aber verzeihen werde, wenn er eine Kleinigkeit nach Kräften beisteure: »Meine Stellung zum Hofe bringt es mit sich, und der Geheimrat ist wohl nicht ohne Auftrag hier.« Dies wirkte. Es konnte bei Hofe vermerkt werden, daß Madam Braunbiegler nichts für die Kavallerie getan. – »Schreiben Sie mir auf mit zwanzig Taler, Geheimrat!« rief die Wirtin, und die Blicke der stattlichen Frau überflogen die Gesellschaft, um für die Taler das Erstaunen zu ernten. »Eine Prise, Baron!« Sie griff mit ihren markigen Fingern tief in die Dose und schien den Spaniol mit Befriedigung einzuschlürfen, während sie nicht mit gleicher die Worte ihres Kompagnons vernahm: »Lupinus, Sie, hören Sie – notieren Sie mich auch mit zwanzig!« – »Na, na, Baron, nur keine Extravaganzen nicht! Seit wann haben Sie's denn so dicke sitzen? – Allerdings hatte der Baron es nicht so dick sitzen als sein korpulenter weiblicher Kompagnon, aber er schlug mit der Hand an die Brust: »Wenn 's Vaterland ruft!«

Lupinus hatte die Hand, welche eben in der Dose gewühlt, mit Entzücken ergriffen und an seine Brust gedrückt: »Ah! Madam Braunbiegler est un ange. Votre exemple glorieux rendre notre chose victorieuse!«

»Umgeguckt, Geheimrat, Ihre Schwägerin winkt, will Ihnen auch vielleicht 'nen Fuchs geben. Stecken Sie ein, was Sie kriegen.«

Der Geheimrat Lupinus prallte buchstäblich zurück, als er sein Ohr an den Mund der Geheimrätin gelegt und diese einige Worte ihm zugeflüstert hatte,

»Hun – hundert!«

»Ich bitte, Schwager, sein Sie kein Narr!« sagte sie mit leisem, strafendem Ton und bittendem Blick.

»Hundert Friedrichsdor!«

»Aber ich habe Sie doch sehr gebeten; das war ja unter uns – Sie sind wirklich ein abscheulicher Mensch.«

»Hundert Friedrichsdor!« rief es durch die Versammlung. – »Hundert Friedrichsdor für Flanell!« Starre Blicke, geöffnete Münder. Am weitesten hatte die Wirtin ihn auf, es kam aber kein andrer Laut heraus als ein »Nanu!«

Die Geheimrätin-Witwe empfand das Unangenehme der Situation. Sie erhob sich etwas vom Stuhl: »Warum mußte mein guter Schwager über etwas an die große Glocke schlagen, was ganz unter uns abgetan werden sollte! Da es aber einmal ist, so bin ich meinen verehrten Freunden und Freundinnen Rechenschaft schuldig. Ich bin nicht so reich, um eine solche Summe zu diesem einen Zwecke beizusteuern. Ich erfülle darin nur den Wunsch und Willen meines seligen Gemahls. Sowenig er sich im Frieden seiner Seele um Weltangelegenheiten kümmerte, sah er doch mit bangem Blick die schwarzen Gewitterwolken nahen, und es waren seine letzten Unterhaltungen mit mir, daß für diesen Fall ein guter Patriot, was er könne, zum Wohle des Ganzen beisteuern müsse. Namentlich ging ihm die Lage unsrer armen Soldaten zu Herzen; er, den jedes kalte Lüftchen wie ein Eishauch berührte, erschrak vor dem Gedanken der Winterfeldzüge, die er für eine Barbarei der neueren Kriegskunst erklärte. Er malte sich in seinen letzten Fieberphantasien besonders lebhaft das Bild des Biwaks und rief mehr als einmal aus: ›Und sie haben nicht mal warme Kleider!‹ Wenn ein unerforschlicher Ratschluß ihn nicht plötzlich abgerufen, würde er in seinem Testamente gewiß Legate dafür ausgesetzt haben. Wollen Sie es mir daher nicht verargen, wenn ich dies Testament für geschrieben halte und in seinem Sinne zu handeln denke, indem ich tue, wie ich getan. Nicht ich tue es, mir darf niemand danken, mir niemand Verschwendung vorwerfen, es ist sein Geist, der mich in diesem Augenblick umschwebt.«

Während die Geheimrätin es sprach, waren aller Blicke auf sie gerichtet. Es war eine Feierlichkeit in ihrem Wesen, ein sonorer Ton in der Sprache, der selbst der Braunbiegler imponierte. Mit ganz besondern Blicken beobachteten sie aber zwei der Anwesenden, Wandel und Herr von Fuchsius; jenes Gesicht erheiterte sich, dieser behielt denselben Ausdruck.

»Nun aber, lieber Schwager«, ging die Lupinus plötzlich in einen andern Ton über, »tun Sie uns den Gefallen und gehn zu andern, denn Ihre Flanellbinden dürfen unsre Heiterkeit nicht stören. Was Sie mir getan, ist vergeben und vergessen. Sie sehen, wir haben Karten in der Hand und brennen zu spielen.«

Die Liebenswürdigkeit selbst! – Nein, eine Vornehmheit doch, und diese Sanftmut dazu! – Wenn es nicht gesagt, wurde es gedacht. Wie herzlich, zutraulich, um es wiedergutzumachen, hatte sie dem Schwager, der so tief unter ihr stand, die Hand gereicht zum Abschied. Lupinus hatte die Hand an die Lippen gedrückt – »etwas schauspielerhaft«, sagten einige. »Wie ein Polisson« – andere. – »Er ist doch immer der Bruder meines seligen Mannes, der einzig Hinterbliebene der Familie!« hatte sie geseufzt. »Und was man auch immer gegen ihn sagen mag, von Herzen ist er gut.«

Mit welcher Aufmerksamkeit sie spielte, sie webte leichte Scherze ins Gespräch! Eine Geschlagene war am Spieltisch. Die Braunbiegler gestand es sich selbst. Ein schweres Geständnis, aber sie wartete nur auf die Gelegenheit, sich wieder zu erheben. Große Seelen schweigen bis zum rechten Augenblick, kleine knurren und murren bei jeder Gelegenheit.

»I Gott!« rief sie, als die Lupinus Karten gab, »es ist gar nicht darum, um die Flanellbinden. Tausend Taler sind mich ein Quark für König und Vaterland. Aber der – wie kommt denn der dazu! – Sag ich doch, wenn Leute, die nichts haben, andern an die Tasche klopfen wollen, das sollte vom König verboten werden.«

Man erwähnte, daß die Königin sich günstig über den Eifer des Geheimrats in dieser Angelegenheit geäußert. Es sei schön, wenn ein alter Sünder durch gute Taten seine schlimmen wiedergutzumachen suche.

»Wenn's nur von ihm käme!« sprach die von neuem Geschlagene. »Da habe ich auch nichts gegen. Er ist ja ein Mann in Amt und Brot, und der König wird wissen, warum er sich solche Geheimräte gemacht hat. Aber alle Welt weiß auch, er ist nichts im Hause. Da steckt die Charlotte hinter, seine Köchin. Ich weiß nur gar nicht, wie die Familie den Skandal zulassen kann. Wenn das in meiner wäre, ich würde mich ja schämen –«

»Madam Braunbiegler haben anzusagen«, sprach mit großer Milde die Lupinus. – »Mein Seliger«, setzte sie hinzu, »mußte doch wissen, warum er mit seiner unendlichen Güte den Schwachheiten seines Bruders nachsah. Ich bin nur seine Erbin. Sein Wille ist meiner.«

Das Spiel ging gut. Die Braunbiegler gewann. Das kühlt den Unmut. Aber hinter dem Spieltisch ward das Gespräch etwas laut. Verschiedene Personen saßen an dem großen Trumeau, der die Spielgesellschaft in seinem Glase auffing.

»Sie sind ja so munter, lieber Eitelbach?« fragte die Lupinus hinüber.

»Der Regierungsrat erzählt uns allerliebste Kriminalgeschichten.«

Fuchsius hatte einen dankbaren Hörerkreis. »Das ist noch gar nichts«, sagte er. »Dann wird Sie eine andere Geschichte, die ich in einer englischen Zeitung las, noch mehr interessieren. Auf dem Lande lebte ein Gutsbesitzer oder Friedensrichter mit seiner Frau, wahre Muster in Sittlichkeit und Wohltun. Man stellte die beiden Leute wirklich als Exempel auf. Sie waren schon in vorgerückten Jahren und ohne Kinder, und da ihnen alles glücklich ging, bedauerte man sie nur, wenn ein Gatte dem andern in jene Welt vorausgehen sollte. Der Mann starb zuerst. Es hieß, er hätte sich zuwenig Bewegung gemacht, der viele Staub seiner Bibliothek, den er eingeschluckt, hätte sich auf seine Lunge geworfen.«

»Die arme hinterbliebene Frau!« sagte die Eitelbach.

»Frau Geheimrätin haben vergeben«, rief ein Spieler am Tisch.

»Excüse! es flimmerte mir etwas vor den Augen.«

»Sie ward auch allgemein bedauert«, fuhr Fuchsius fort, »ertrug aber ihr Schicksal mit wunderbarer Fassung. Sie lebte nur dem Gedächtnis ihres Mannes und führte mit großen Opfern alles aus, was er angeordnet. Man betrachtete sie als eine Art Heilige. Da fügte es der Zufall, daß durch einen Gewitterregen der an einem Abhange gelegene Kirchhof von aller Erde losgespült und durch die Gewalt des Wassers mehrere Särge den Abhang hinuntergestürzt wurden. Darunter war auch der, worin der selige Friedensrichter lag. Er zerbrach, und mit Erstaunen sah man die wohlkonservierte Leiche, als wenn er noch lebte. Von einer besondern Luft konnte es nicht herrühren, denn die andern Leichen waren zerstört. Man fand aber bald die untrüglichen Merkmale einer Arsenikvergiftung. Werden Sie es glauben, wenn ich Ihnen sage, daß es sich ermittelt hat, die eigene Frau hat ihn umgebracht.«

Einem unterdrückten Schrei folgte eine lange Stille: »Aber wie ist denn das gekommen? Warum denn? Sie hat ihn ja so geliebt!« rief die Baronin.

Fuchsius, der mit übergebeugtem Leibe auf dem Stuhle saß, wie wohl Erzähler tun, die für eine lange Erzählung den gesammelten Stoff wie einen Faden aus sich herausspinnen und dabei nicht rechts und links blicken, Fuchsius sah dabei unverwandt vor sich auf den Spiegel.

»Das Warum ist nie recht klargeworden«, antwortete er auf die Frage der Eitelbach. »Es ist eine sehr alte Geschichte. In unsern gebildeten und aufgeklärten Zeiten kommt so etwas, wie Sie denken können, nicht mehr vor.«

»Gott sei Dank, das ist nicht möglich!« rief die Eitelbach.

»Aber ungleich interessanter«, fuhr der Rat fort, »und vollständig ermittelt ist, wie sie ihren Mann umgebracht hat. Können Sie sich das denken, sie puderte ihn, in dem Puderstaub aber war Arsenik.«

Am Spieltisch war eine Störung. Der Geheimrätin waren die Karten aus der Hand gefallen; sie sah blaß aus, ihr Kopf senkte sich. Das hatten aber die wenigsten gesehen. Im selben Moment schon war der Legationsrat aufgesprungen: »Eine Maus!« Er zog das Taschentuch; damit fuhr und schlug er an der Wand entlang, nach dem Boden. »Eine Maus, eine Maus!« – Vergebens schrie Madam Braunbiegler auf: »Wir haben keine Mäuse!« Es hatten noch andre die Maus gesehen, denn worauf hätte sonst der Legationsrat sich so lebhaft geworfen! Wie auch die Wirtin dagegen protestierte, in ihrem Hause seien nie welche gewesen, noch sollten sie sich je zeigen, sie kam in dem allgemeinen Alarm nicht auf, besonders als auch der Regierungsrat, an ihr vorüberstreifend, ihr zuflüsterte: »Sie müssen sich schon zufriedengeben, es war eine Maus, Madam Braunbiegler.« An der Tür sagte er halb für sich: »Eine Falle wird ja auch im Hause sein.«

Die Baronin meinte, er gehe, eine zu holen, als er sich unbemerkt im allgemeinen Aufstand entfernte.

Es war ein verdrießlicher Aufstand, am verdrießlichsten für die Geheimrätin Lupinus, welche die Ursache gewesen, denn sie konnte nun einmal keine Mäuse sehen, ohne einer Ohnmacht nahezukommen. Aber wie schnell sie auch jetzt sich erholt, sie war die erste, welche ihre Karten wieder in der Hand hielt: »Warum mußten Sie mich verraten!« schmollte sie mit einem eigenen Blick zum Legationsrat. »Das Tier raschelte so ganz unerwartet zwischen Decke und Wand hervor. Was tat das! Die Gesellschaft wäre doch in ihrer Assiette geblieben.«

Die Gesellschaft war wieder in ihrer Assiette, aber die Maus noch nicht fort. Man erzählte von andern bekannten Personen, die auch eine Idiosynkrasie vor Mäusen hätten. Auch Herr von St. Real ward erwähnt. Er spränge trotz seines Krückstockes, wenn er eine wittere, auf Stuhl und Tisch. »Sprang!« rief eine Stimme von einem andern Spieltisch. »Ach, wissen Sie noch nicht, er ist tot, plötzlich am Schlagfluß gestorben.« – Ein allgemeines Bedauern, das sich indes in ein allgemeines wohlgefälliges Lächeln auflöste. Nicht der Kammerherr, sondern sein Onkel, der reiche Johanniterkomtur Graf St. Real, war gestorben und sein Neffe Erbe seines Vermögens und seiner Titel geworden. Der Tribut allgemeiner Teilnahme ward dem unsichtbaren Erben gezollt.

»Ach, ein so liebenswürdiger Herr, dem gönne ich's«, sagte die Wirtin.

»Charmanter Kavalier«, schmunzelte ihr Kompagnon, der Baron. »Gefällig gegen jedermann, hat noch die feinen alten Hofsitten. Wenn solchem Mann ein Glück zufällt, da kann man doch noch sagen, es ist Gerechtigkeit drin. Die Glückspilze sind mir zuwider.«

Die Braunbiegler meinte, er wäre tot, und nun könnte man ihn in Ruhe lassen. Die Lupinus nickte ihr beistimmend zu. Sei uns noch eine, die letzte Rede der Wirtin in ihrer Mundart vergönnt. Diese Mundart ist ja fast ausgestorben, wenigstens in den Kreisen, in die wir unsre Leser geführt, aber sie hat auch in ihnen geherrscht, und neben allen Dialekten der Philosophie und der Romantik, was der Gesellschaft jener Zeit einen bunten Anstrich gab, von dem die jüngere Generation keinen Begriff hat.

»Wenn mir nu noch ener kommt«, trumpfte sie auf den Tisch, »Ob er totig ist oder lebendig, des weeß ich, denn schmeiß ich die Karten fort. Zu ville ist zu ville. – Aber, Frau Geheimderat, müssen Sie denn allemal vergeben?«

Der Bediente war eingetreten, offenbar mit einer Meldung, aber er schien zu zaudern, als er die Lupinus im Begriff sah, die wieder aufgenommenen Karten zu mischen.

»Es ist draußen – es steht draußen – es will jemand Frau Geheimrätin Lupinus sprechen.«

»Wir haben hier auch zu sprechen.«

»Der sagt aber, er muß absolut.«

»Na, wer ist es denn, Jean?«

»Ich kenne ihn nicht, Madam Braunbiegler – aber – aber er ist sehr dringend, er hat ein Schild auf der Brust und sagt, er muß partout.«

Wandel hatte die Geheimrätin fixiert. Ein »à merveille!« entstieg unhörbar seinen Lippen, als sie die Karten vor sich niederlegte und aufstand. Sie verzog keine Miene: »Ich kann mir denken, was es ist; wahrscheinlich wegen eines Dokumentes aus meines Mannes Nachlaß, auf das eine auswärtige Behörde aus archivalischen Gründen einen Anspruch geltend macht. Es tut mir unendlich leid, daß ich abermals die Gesellschaft stören muß, hoffentlich nur auf einige Augenblicke.«

Sie rückte den Stuhl zurück. Wandel reichte ihr den Arm und führte sie bis an die Tür. Ob und was er mit ihr gesprochen, weiß man nicht. Sie haben sich nicht wiedergesehen, heißt es.

An der Tür blickte die Lupinus noch einmal über die Schulter, und die ihren Blick damals sahen, wollten ihn nie wieder vergessen haben. Mit einem Lächeln rief sie: »Ich bin am Geben, meine Damen, vergessen Sie es nicht, und ich werde nicht wieder vergeben.«

Es war eine peinliche Stille von einigen Minuten. Im Augenblick, wo man einen Wagen abfahren hörte, trat das Stubenmädchen ein, blaß, wie verstört: »Ach Gott, wissen Sie schon –« Die Sprache versagte ihr.

»Was?«

»Sie wird abgeführt – sie ist kriminalisch –« die Tränen stürzten dem Mädchen aus den Augen. »Ach Gott, ach Gott! daß solchen Leuten auch so was passieren muß. Die gute Frau Geheimrätin!«

»Unmöglich! – Ein Mißverständnis!« – Die Karten fielen, die Stühle und die Tische rückten. Überall blasse Gesichter. Mehrere Herren waren hinausgeeilt. Der Baron Eitelbach kam aber schon hereingestürzt. Es ist eine fatale Wahrnehmung für unser Humanitätsgefühl, aber es steht unstreitbar fest, mitten aus diesem Humanitätsgefühl schießt oft eine kannibalische Lust, wenn wir ungewöhnliches Unglück, von äußerem Schrecken begleitet, hören. In das Bedauern für die Leidenden mischt sich ein wollüstiger Kitzel. Es ist nicht immer Schadenfreude, oft nur die Freude, aus dem Alltäglichen heraus in die Regionen des Ungewöhnlichen uns versetzt zu sehen. Hören wir, daß es nur blinder Lärm war, kein Feuer, eine Mystifikation, so werden wir still. Wir äußern vielleicht ein Gott sei Dank! Aber ganz recht ist es uns nicht, daß die wunderbare Aufregung ohne Resultat geblieben.

»'s ist richtig! Wissen Sie's?« schrie der Baron.

»Um des Himmels willen, was?«

»Sie hat ihrem Mann Rattengift gegeben. – Die Leiche ist heut heimlich ausgegraben – seziert. Oh, wir werden noch mehr hören.«

Die Wirkung auf die Gesellschaft zu beschreiben, unternehmen wir nicht, die aufgerissenen Augen, die bleichen Gesichter, die Taschentücher, die Eau-de-Cologne-Flaschen. Die »Unmöglich! Es ist Verleumdung!«, welche zuerst von den Lippen brachen, verstummten allmählich. Es kamen immer mehr zurück, die es bestätigten, neue Details angaben. Die hatten die Gerichtsdiener, andere Fuchsius, einen Kriminalrat, einen Gerichtsarzt gesprochen. Die Gesellschaft war aufgelöst; die Nachrichten wuchsen mit den Vermutungen. Sie hatte nicht nur ihren Mann vergiftet, auch Kinder, ihre Dienerschaft. Sie war eine Giftmischerin aus Profession, eine Brinvilliers. Sie hatte aus einer Apotheke alles Rattengift aufgekauft.

»Daher kann sie keine Mäuse und Ratten sehen.«

Eine Dame entsann sich, daß sie einmal eine ganze Schule zu sich gebeten und traktiert, und die Kinder waren nachher krank geworden. Sie hatte die ganze Schule vergiften wollen, das war keine Frage. Wir wissen nicht, ob in derselben Gesellschaft, aber am selben Abend schon erzählten einige, daß die Lupinus die Intention gehabt, ihre Nachbarschaft, ja die ganze Jägerstraße aufzuräumen.

»Und in unsrer Stadt! – In dem aufgeklärten Berlin! – Man wird es auswärts nicht glauben. – Aber wir werden noch mehr hören.«

Nachdem Madam Braunbiegler sich vom ersten Schreck erholt, war sie die aufgeregteste, wenigstens die lauteste: Wenn man sie nur gefragt, sie hätte es längst gewußt – nein, das freilich nicht, aber vorgeschwant hätte es ihr, daß es so oder so kommen werde. Und der Frau hätte sie ja nicht um die Ecke getraut; so etwas Maliziöses im Gange und den Fingerspitzen, in den Locken und Lippen, und die kaschierte Vornehmheit! An ihrem Gesichte konnte man ihr die Giftmischerin ansehn. Und wenn sie nur den wüßte, der sie ihr zuerst ins Haus gebracht!

War dies vielleicht die arme Baronin? Sie saß über ihren Stuhl gelehnt, wie ein Bild des Entsetzens, blaß, mit weit aufstarrenden Augen, sprachlos. Es war ihr vieles im Leben begegnet, sie hatte einmal geglaubt, noch vor kurzem, was sie dulden müsse, das dulde keiner außer ihr, aber das, was sie jetzt erlebt, war mehr, es war zuviel. Sie hatte dafür keine Sprache, vielleicht auch keine Gedanken. Die Lupinus galt ihr und war ihr immer vorgestellt worden als ein Muster von feiner, edler Bildung, von Herzensgüte und Verstand, das sie zwar nicht erreichen, aber auf das sie zur Nacheiferung blicken, woran sie sich halten könne. Und glaubte die Eitelbach nicht, daß sie schon eine andere, bessere geworden! Hatte sie nicht erkannt, woran es ihr Fehle, hatte sie es in einem gerührten Augenblicke nicht gradezu ausgesprochen, und die Lupinus hatte ihre Hand auf sie gelegt und mit herzgewinnender Güte gesagt: »Die einfältigen Herzens sind, denen ist das Himmelreich offen!« – Und ja, sie war es wirklich, welche die Lupinus zuerst mit der Kompagnonin ihres Mannes bekannt gemacht hatte. Da brach es heraus, Schmerz, Ärger, Wut:

»Herr Gott, wenn die 'ne Giftmischerin ist, was sind wir dann alle!«

Der Legationsrat Wandel schien in dieser fürchterlichen Szene nicht die Fassung behalten zu haben, welche er in allen Lagen des Lebens an den Tag gelegt. Das Unglück einer teuren, langjährigen Freundin mußte auch ihn momentan erschüttert haben. Er war wenigstens für die nächsten Minuten nicht ganz Herr seiner selbst. Er saß auf einem Stuhl, den Rücken der Gesellschaft zugewandt. Sein Kopf sank über. Plötzlich aber stand er auf und trat in die Mitte des Zimmers. Sein Auge leuchtete, indem er die Anwesenden überschaute, ein hochmütiger, fast verächtlicher Ton in seiner gehobenen Stimme:

»Und wer sagt – ich frage, wer wagt die Frau, welche man aus unserm Kreise geführt, eines Verbrechens anzuklagen! Hat jemand von Ihnen Beweise? Liest man in ihrem Herzen! Wer, ich frage, traut sich zu, auf bloßes Geschwätz, Vermutungen hin, ein Urteil über eine Dame zu fällen, die als ein leuchtendes Exempel von Tugend bis da in unserer Mitte stand? Wer, wiederhole ich, fühlt sich so reinen Herzens, um den ersten Stein auf sie zu werfen! – Warum senken Sie die Köpfe? – Wie! Weil die Dienstleute ein Gerücht hereintrugen, ungebildete Gerichtsdiener, übereifrige Beamte sie verhaftet, vielleicht auf ein bloßes Mißverständnis, eine Verwechslung. – Kommt das nicht vor? Gibt es nicht Justizmorde? Wie, darum verdammen wir die, die Sie alle durch lange Jahre mit Bewunderung, Respekt betrachtet, die uns galt für ein Wesen höherer Art! Diese Bewunderung für ihre guten Eigenschaften, der Eindruck, den sie unwillkürlich auf uns alle geübt, wäre erloschen, fortgewischt durch ein einziges Wort! Oh mein Gott, lassen Sie mich nicht so schlecht von uns allen denken, daß ein unbesonnenes, überhastetes Wort die Taten eines ganzen Lebens verlöschen könnte –«

»Aber –«, fiel ihm jemand ins Wort. Wandel ließ ihn nicht zu Worte kommen.

»Sie haben recht, der Schein ist gegen sie. Ich vermesse mich auch in keiner Art, hier Richter zu sein noch ableugnen zu wollen, was etwa von emsigen Polizeibeamten zu Protokoll gegeben ist. Nein, von solcher Anmaßung bin ich weit entfernt. Aber, meine verehrten Freunde, hüten wir uns, Schlüsse zu ziehen aus dem, was scheint, was wir vermuten. Wollte ich meinen Vermutungen nachträumen, dem Scheine trauen, der eben wie ein Blitz vor mir aufzuckt, ich müßte zum Ankläger werden gegen die edelsten Männer, die lautersten Charaktere Berlins. Sie traute keinem Arzte mehr, sie glaubte ihre Schwächen durchschaut zu haben, sie nannte sie insgesamt Scharlatane; das wußten Heim, Selle; Mucius hat es auch gewußt. Sie präparierte sich selbst ihre Hausmittel, sie hatte sich eine kleine Apotheke von Herrn Flittner verschafft, wie ich ihr auch abriet und vorstellte, daß es zu Mißdeutungen eben von seiten der Ärzte führen könne. Es hat dazu, meine Herren, geführt, man hat Urteile über sie ausgesprochen, die ich nicht wiederholen will. Wie nun, wenn ich diesem Schein nachginge, argumentierte: Sie war eine sehr kluge Frau, die tiefer sah als andere, darum waren die, denen sie ins Handwerk schaute, ihre gebornen Widersacher, die ihr auf den Dienst lauerten, jede ihrer Handlungen mißdeuteten; diese Ärzte sind es, die, weil sie dieselben vom Totenbett ihres Gatten ferngehalten, weil sie dieselben beleidigt, verhöhnt, an Ruf und Praxis geschädigt, sie sind es, welche den Verdacht gegen die Unglückliche ausgestreut, bis andere daraus eine Denunziation gebildet. Oh nein, meine Freunde, ich unterdrücke diese Vermutung und noch andere, ich versichere Sie, Vermutungen, die einem andern als mir zu Schlüssen würden. Nein, sie steht mir zu hoch, als daß ich ihr helfen sollte durch das Verderben anderer. – Sie wundern sich über meinen persönlichen Eifer. Nun wohl denn, wenn Ihnen die Entrüstung eines Edelmanns über das Unrecht, das man einer edlen Frau antut, nicht Grund genug ist, so habe ich keinen, unter so nahen Freunden zu verschweigen, daß meine Achtung und Bewunderung für Madame Lupinus mich nach dem Tode ihres Gatten trieb, um ihre Hand zu werben. Ich sprach es noch nicht aus, um ihre Gefühle zu schonen, aber schon bei einer bloßen Annäherung kam sie schonend, doch mit einer Würde mir entgegen, die alle meine Hoffnungen zurückwies. Sie gehörte dem Toten wie einem Lebenden an, und nichts dürfe sich zwischen sie und diese heilige Erinnerung drängen. Brauche ich Ihnen zu sagen, wie ich diese heilige Empfindung verstand und ehrte, da jeder von Ihnen weiß, daß ich seitdem ihr Haus nicht mehr betrat. Und diese Frau wagt man zu beschuldigen, daß sie Hand gelegt an das teure Haupt ihres Verewigten! Diese Mitteilungen bin ich dem Kriminalrat schuldig. Ich werde sie machen und zum Richter sprechen: Untersuchen Sie streng, das ist Ihre Pflicht, aber erlauben Sie mir auch, eine moralische Überzeugung vor Ihrem Stuhle auszusprechen. Möglich ist alles, aber nur die, welchen die Sünde in ihrem ersten Stadium, im Argwohn und Neid gegen die Besseren und Glücklichen, genaht ist, werden die Beschuldigung aussprechen, sie werden ein Behagen daran finden, sie zu glauben, eine edle, reine Seele wird die Worte ausrufen, welche mir vorhin ins Ohr klangen: Wenn sie eine Giftmischerin ist, gütiger Gott, was sind wir dann alle!«

Der Eindruck der Rede war groß. Er hatte seinen Hut ergriffen, sich gegen die Gesellschaft verneigt, am tiefsten gegen Madam Braunbiegler. Die Gesellschaft verstand die Bedeutung. Trotz des allgemeinen Schauers, trotz der Unruhe des Aufbruchs, denn die meisten nahmen Abschied, bewunderte man den ritterlichen Mann, welcher so der Ehre einer Frau sich annahm, die ihm den Korb gegeben! Und seine hohe Gestalt, sein tiefglühendes Auge unter einer Stirn, die sich im edlen Zorn immer höher zu wölben schien! So hatte man ihn nur gesehen, als er im Hause der Obristin als Retter auftrat.

Niemand schien vergnügter als Baron Eitelbach, er hätte, als beide im Vorzimmer sich begegneten, dem Legationsrat um den Hals fallen können.

Seine Frau übernahm es statt seiner. Eine Träne glänzte in ihrem schönen Auge, als sie, vom Arm ihres Mannes sich losmachend, ihre Hände auf seine Schultern legte und, auf den Zehen sich erhebend, einen Kuß auf seine Stirn hauchte: »Eine schöne Tat verdient eine Belohnung. Eigentlich, daß Sie's wissen, habe ich Sie nicht leiden können. – Sie sind ein guter Mensch, das wußte ich, aber es war mir doch immer daneben, als wenn Sie ein schlechter Mensch wären – heute aber – nein, Sie sind gar kein Mensch nicht, heute waren Sie wie ein Gott.«

Schade, daß die schöne Szene durch ein kreischendes Gelächter unterbrochen ward. Nicht das des Barons, der nur etwas »grinste« und sich vor Schadenfreude die Hände rieb, sondern gespornte Stiefel polterten die Treppe herauf, und der Rittmeister schrie schon von draußen sein: »Tralirum la, tralirum la, nun geht es los! Tralirum la! Krieg! Krieg! Ausmarschorder! – Laforest kriegt seine Pässe!«

Es war ein Intermezzo, das überhaupt zu dem, was hier geschehen, nicht stimmte: Trompetengeschmetter, das einen Choralgesang, die Trauermusik eines Grabeszuges unterbricht. Glühte sein Gesicht nur von der Freude oder auch vom Wein? Gleichviel, es glühte, und er war trunken. Er fiel um den Hals, wer ihm in den Weg trat. »Krieg! 's geht los!« begleitete den Kuß. Er hatte den Baron Eitelbach so umarmt, er drückte auch der Baronin seinen Bart und seine Lippen an die Wangen. Nur vor der aufrechten Gestalt des Legationsrats wich er zurück, um den Generalstabschirurg Görecke ans Herz zu schließen.

Herr von Wandel glaubte einen schmerzlichen Zug um die Augen der Baronin zu sehen. Er flüsterte ihr ins Ohr: »Nicht verzweifelt, meine Freundin. Man muß in solchen Momenten die Aufregung auch einer Roheit nachsehen, die unter andern Umständen unverzeihlich wäre. – Er kann sich bessern, obgleich – doch es kommt eben darauf an, ob er ein Diamant ist oder nur ein Kieselstein.«

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