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Gutenberg > Willibald Alexis >

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel.
Die eine gehörte schon einem andern.

Auf Luisens Gesicht schien jede Spur der Agitation verschwunden, als sie näherkam. Sie ging auf beide zu.

»Ihre Majestät entschuldigen«, wollte die Schadow anfangen, »es ist zufällig eine liebe gute Freundin –«

»Es ist eine alte Bekannte und ein lieber Besuch«, unterbrach die Fürstin. »Wir sind ja hier unter uns, wozu die Komödie! – Es freut mich, Sie wiederzusehen, liebes Kind, so wie Sie sind. Ich meine«, setzte sie lächelnd hinzu, »wie Sie bei Gottes schönem Sonnenlicht aussehen. Das Lampenlicht täuscht immer, und es ist mir lieb, daß ich mich nicht getäuscht habe.«

Eine gebietende, aber graziöse Bewegung hatte, wie sie vorhin den Rockkuß abgewehrt, Adelheid aufgefordert, an ihrer Seite weiterzugehen.

Der Schadow schien es zweifelhaft, ob sie nach diesem Empfange respektvoll unter dem Baume stehenbleiben oder in ebenso respektvoller Entfernung folgen solle. Da wandte sich die Fürstin freundlich um: »Ach, liebe Schadow, da fällt mir ein, ich vergaß, als Hoym sich vorhin melden ließ, daß meine Lieblingsbücher auf dem Nähtisch liegengeblieben sind. Sehen Sie doch nach, damit die Kinder nicht darüberkommen.«

Der Etikettenzweifel der Kammerfrau war gelöst, sie verneigte sich, und die Königin und Adelheid waren allein.

Es war ein wunderschöner Herbstmorgen, kein Wölkchen am sonnedurchglühten Himmel, die laue Luft spielte durch die angegelbten Baumwipfel, Sperlinge zwitscherten in den Büschen, weiße Herbstfäden flogen umher. Es war kein gezwungener Anfang des Gesprächs, wie von selbst kamen die Worte von den Lippen der Königin:

»Sind Sie auch eine Freundin der Natur?«

»Sie streicht Balsam auf die Wunden der Leidenden, und wessen Herz vor Freude jauchzt, wo findet er Laute dafür, als in ihrer stummen Sprache!«

Das war zu starke Farbe für die Stimmung, sagen wir, für die Poesie der Königin, aufgetragen. Sie blieb einen Augenblick stumm. Dann sprach sie Worte, die auch andre behorcht haben müssen, denn wir finden sie schon verzeichnet:

»Ich muß den Saiten meines Gemütes jeden Tag einige Stunden Ruhe gönnen und sie dadurch gleichsam immer wieder aufziehen, damit sie den rechten Ton und Anklang behalten. Das gelingt mir am besten in der Einsamkeit, aber nicht im Zimmer, ich muß hinaus, in die freie Luft, in die stillen Schatten der Bäume. Unterlasse ich es, dann tritt gewöhnlich Verstimmung bei mir ein, und je geräuschvoller es um mich wird, um so ärger wird sie. Ach, es liegt ein ungemeiner Segen in dem abgeschlossenen Umgange mit uns selbst.«

Das war viel von einer Fürstin gegen ein junges Mädchen, welches keine Ansprüche an ihre Vertraulichkeit hatte, welches sie zum zweitenmal sah. Adelheid fühlte das viele, es drückte sie indes weder nieder noch erhob es sie. Jene hatte wohl recht: die auf den isolierten Höhen thronen, fühlen auch das Bedürfnis, ihre Gefühle mitzuteilen. Wenn Sie keine Herzen, Seelen, Geister finden, die sie verstehen, klagen sie's der sternbesäeten Nacht. Sie schütten in der Verzweiflung ihr Herz auch aus vor den glatten Marmorwänden, lieber als vor marmorkalten und glatten Menschengesichtern.

Adelheid gestand sich, sie war in diesem Augenblick nur eine Wand, ein Baum, an den die Fürstin ihr Herz ausschüttete. In der Art lag aber zugleich eine Korrektion. Die Königin hatte die Saiten auf den Ton gestimmt, der im Gespräche durchklingen sollte, es war ein elegisch-sentimentaler. Er paßte nicht zu der Stimmung, welche Adelheid mitgebracht, und die in dem belauschten Gespräche neue Nahrung erhalten hatte. Weil Adelheids Saiten zu hoch gestimmt gewesen, schwieg sie, in Erwartung, daß der Einklang mit der Fürstin sich herstellen werde.

»Sie sind eines von den glücklichen Wesen«, hub die Königin an, »an deren Wiege, wie die Dichter sagen, gütige Feen standen.«

Adelheid öffnete die Lippen, aber verschluckte das Wort. Die Fürstin hatte den fragenden Blick aufgefangen und verstanden:

»Wäre ich nicht die – stände ich Ihnen nicht so fern und fremd, so würden Sie mich gefragt haben: Was ist denn Glück?«

»An Ihre Majestät erlaube ich mir nicht die Frage, aber an mich selbst: Was macht das Glück dieses Lebens aus?«

»Mich dünkt, der Stempel, den der Schöpfer seinen Geschöpfen aufgedrückt hat, ist die beste Antwort. Sie brauchen sich nicht im Spiegel zu sehen. Sehen Sie nur die Mienen der Leute, denen Sie begegnen. Die schöne Adelheid Alltag ist überall willkommen.«

»Und doch verdankte ich neulich nur der Huld einer höherer Zauberin, daß ich dem Spotte und der Kränkung entging.«

»Oh, das waren Unarten. Neidische und böse Menschen können den Frieden der Glücklichen nicht verkümmern. Dieser Friede ist ein Gut, was tiefer liegt. Ihre häßlichen Hände reichen da nicht hin.«

»Gnädigste Königin, ich preise allerdings mein Glück, weil ich früh einen Lehrer fand, der mich auf das Wahre hinwies.«

»Ich kenne Ihren Vater; er ist ein trefflicher Mann und treuer Staatsdiener, der nichts Höheres kennt als die Erfüllung seiner Pflichten.«

»Mein Lehrer lehrte mich«, fuhr Adelheid rasch fort, »daß Leiden unsre besten Erzieher sind. Aus der Schule großen Unglücks entwickelt sich die Seele zur Freiheit und Selbständigkeit.«

Die Fürstin sah Adelheid befremdet an. Es war wieder nicht das, was sie erwartet hatte; aber das Fremde war nichts fremdartig Feindliches, und statt abzustoppen, brachte es ihr das junge Mädchen näher. Der immer teilnehmender werdende Blick verriet es. Jetzt entsann sie sich wohl, daß das vielbesprochene Mädchen wunderbare Schicksale erlebt.

»Haben Sie auch diese Schule durchgemacht! – Doch das ist ja nun vorüber.«

»Wer kann sagen, daß er aus der Schule entlassen ist, solange er lebt! Und wer sieht unter dem fröhlichsten Gesicht die Schmerzen in der Brust!«

Das war ein Ton, welcher anschlug, er vibrierte durch die Seele der Königin: »Und wer sieht heute, was morgen kommt!«

Ein Seufzer machte sich aus ihrer Brust Luft. Da flog, von einem leisen Luftzug getragen, einer jener weißen flockigen Herbstfäden, wo die Allee sich bog, von der Wiese ihnen entgegen und legte sich um beider Brust, indem er, von ihrer Bewegung festgehalten, sie umschlang. Beide waren durch ein Spiel der Natur aneinandergefesselt. Adelheid hob den Arm, um den Faden vom Hals der Fürstin loszumachen, aber – es war die Wirkung und die Tat des Momentes, jene Einwirkung unsichtbarer Geister, die wir umsonst erklären, und, wenn erklärt, so wäre es nichts – die Tränen stürzten aus den Augen der Königin, und sie drückte Adelheid an ihre Brust. Niemand sah es, es war weite, sonntägliche Einsamkeit im Park. Die Sonne, obgleich sie alles sieht, ist eine schweigende Zeugin, die Käfer schwirrten, die Frösche ächzten ihr monotones Lied in den feuchten Wiesen; vom Kirchturm läuteten die gedämpften Glocken zum Begräbnis einer alten Frau.

Die Lippen der Fürstin berührten Adelheids Wangen: »Ach liebes Mädchen, wer weiß, was morgen kommt!«

Es war da in dem Augenblick mehr zwischen ihnen vorgegangen, als Worte aussprechen. Die Königin sprach: »Sie schickte mir der allgütige Vater im Himmel zu einer Stunde, wo ich Trostes bedurfte. Was man so gefunden, läßt man so leicht nicht wieder von sich.«

Die Emotionen haben ihr ewiges, unverjährbares Recht, unter den goldenen Decken der Schlösser wie unter den Schilfdächern der Hütten; aber hier dürfen sie austoben bis zur Erschöpfung, dort ist ihnen ein Maß gesteckt.

Luise war wieder die Königin geworden, als sie weitergingen, aber von einer Huld, welche die Majestät überstrahlte. Sie zeigte nach dem Pavillon mit chinesischem Dach, auf einer kleinen Höhe vor ihnen: »Dort wollen wir einen Augenblick ausruhen.«

Ihr Gespräch, bis sie den Punkt erreicht, war lebhaft, aber es floß ruhig hin. Adelheids Äußerungen mußten die ganze Aufmerksamkeit der Fürstin erregt haben. Sie hatte sie oft forschend angeblickt. Als sie auf der ländlichen, von Birkenästen geflochtenen Bank Platz genommen, sagte Luise:

»Sie sind noch so jung und schon solche Erfahrungen!«

Adelheid errötete.

»Sie kamen, wie Sie mir sagten, nie aus der Residenz, sie lebten nur in guten Häusern, unter respektablen Familien, und zuweilen blitzt es aus Ihren Reden, als wüßten oder ahnten Sie die Verworfenheit der schlechten Menschen. Ich glaubte, das wäre uns nur aufgespart, die wir von oben so vieles sehen, was Ihnen unten verborgen bleibt. Wie die Motten nach dem Licht, so flattern uns die zu, welche für ihre ungeordneten Begierden unten keinen Platz fänden. Wir müssen sie dulden, weil – ach, aus vielen Gründen! während die stillen, sittlichen, bürgerlichen Kreise ihnen die Tür verschließen dürfen. Man tut daher sehr unrecht, uns zu beneiden, liebe Mamsell. Wir, die wir andern Pflichten zu gehorchen haben, könnten die Niederen beneiden, welche diese Rücksichten nicht kennen. Sie dürfen nach ihrem Penchant leben und ihre Freunde sich unter den Rechtschaffenen und Guten nach ihrem Gefallen aussuchen.«

»Ihre Majestät, ich meine, es gibt Rücksichten und Pflichten in jedem Lebenskreise.«

»Ganz gewiß, aber es ist leichter, in den Hütten ein stilles Glück sich zu bereiten und doch keine Pflicht zu vergessen, als wenn unsre Wiege dem Throne nahe stand.«

Die Fürstin sprach es mit dem bewegt feierlichen Tone, der keinen Widerspruch zuläßt. Ihr Auge sah dabei wie verklärt in die Ferne. Wo ihre Gedanken waren, ließ sie die Zuhörerin nicht lange erraten: »Auch ich habe einen Blick in dieses Glück getan. Es waren die schönsten, glänzendsten Stunden meines Lebens. Damals, liebes Kind, hielt ich es auch für das höchste Glück, was das höchste Wesen unterm Sternenzelt einer Sterblichen gewähren könne, Königin zu sein über ein glückliches Volk.«

Die Gedanken der Königin verfolgten die berühmte Huldigungsreise, welche sie nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. mit ihrem Gemahl gemacht. Tage waren es lichten Sonnenscheins, als vorausgeschickte Kabinettsordres allen Prunk und alle Ehrenbezeugungen verboten hatten; denn, hatte der König erklärt, die Liebe des Volkes habe untrüglichere Merkmale als Einholungen, Gedichte, Girlanden und Ehrenpforten. Der Monarch hatte erklärt, daß nur die Merkmale der Liebe für sein Herz Wert hätten, welche, von keiner Gewohnheit und Herkommen abhängend, grade aus dem Herzen kämen. Und so waren sie ihr, so dem glücklichen Gatten entgegengekommen. Das Volk tat, wie es befohlen war, und wir haben nicht den geringsten Zweifel, daß es nicht von Herzen es getan.

Luise letzte sich an der Erinnerung. Sie malte einzelne jener schönen Züge, von denen uns die Zeitgenossen berichtet. Die Erscheinung des Königs und der Königin, einer jungen, von Liebreiz und Güte umflossenen, in Provinzen, wo auch die ältesten Greise sich nicht erinnern können, je eine Königin gesehen zu haben, glich der Erscheinung von Schutzgöttern des Vaterlandes, von erhabenen Genien der Gerechtigkeit und Milde, die überall, wo sie sich zeigen, unüberwindliche Eroberer, jedes Herz gewinnen. Eine Reise war es gewesen fortwährender Triumphe, nein, eine ununterbrochene Reihe von Familienfesten. Da brannte die Sonne herab, daß man die Augen nicht auftun konnte, und doch wich keiner vom Platze, bis er seine Königin mit Augen gesehen. Da waren neunzehn weißgekleidete Mädchen an ihren Wagen gesprungen. Eines hatte der Königin zugeflüstert: »Wir sind eigentlich zwanzig, aber die eine ist nach Haus geschickt.« – »Warum denn, liebes Kind?« – »Weil sie so häßlich ausgesehen.« Da hatte Luise nach der armen Häßlichen geschickt und sprach am längsten und freundlichsten mit ihr. – Und jener alte Bauer, der sie so gern sehen wollen und immer wieder von den andern und den Gendarmen zurückgedrängt war, die Königin hatte ihn wohl gesehn und heranrufen lassen, und noch sah sie ihn, wie der Greis sein Haupt entblößte und stumm, aber unverwandten Blickes die Landesmutter anschaute. In dessen Herzen, wußte sie, lebte ihr Bild ewig fort! Und wie in einem andern Dorfe in Pommern die Bauernschaft den Wagen umringt hatte und die Bauern in ihrem Plattdeutsch durchaus darauf bestanden, daß sie aussteigen müsse und sich »traktieren« lasse, damit die Städter nicht dächten, sie hätten das Vorrecht allein. Und die Königin war lächelnd ausgestiegen und in das Bauernhaus getreten und hatte von dem großen, ihr aufgetragenen Eierkuchen ein Stück gegessen und versichert, daß er sehr schmackhaft sei. Und wie der König im Zelt an der Weichsel, wo er als Gast der Elbinger tafelte, zu dem Landmann, der mit einer Bittschrift sich auf die Knie geworfen, in edlem Unwillen gerufen: »Nur vor Gott knien! Ein Mensch muß nicht vor einem andern Menschen knien!«

»Da habe ich Blicke getan auf den Herd meines Volkes«, schloß die Königin, »und weiß, wo die Zufriedenheit und Seelenruhe wohnt. – Sie frösteln, liebes Kind, Sie schaudern sogar –«

»Ach, Ihre Majestät, es waren Gedanken –«

Die Fürstin hatte sie gelesen: »Freilich weiß ich, nicht überall stehen Hütten von Philemon und Baucis, aber die Immoralität hat da keinen dauernden Wohnsitz, wo bewährte Tugenden, Patriotismus und Menschenliebe die Seele umschlingen. Wenn wir wieder Ruhe und Frieden nach außen haben, dann hoffe ich, soll es in den höheren – Gott gebe, auch in den höchsten Kreisen besser werden. Aber sie, liebes Mädchen, können doch nicht klagen, Ihr guter Genius führte Sie nur unter edle Menschen –«

»Erlauchte Frau, ich meine, die Menschen sind in allen Kreisen Menschen, und verzeihe mir der Allgütige, wenn es Sünde ist, sie kommen mir oft wie ein Knäuel von Schlangen vor. Wenn eine mich recht liebevoll anblickt, denke ich an den Tiger, der den Kopf auf die Krallen drückt, zum Satz auf sein Opfer.«

»Was sind das für Phantasien!«

»Ich weiß es nicht. Aber ich sehe überall Larven und dahinter Verbrecher.«

»Kalmieren Sie sich.«

»Es ist nun einmal mein Schicksal, ich ward von ihm herumgeschleudert, ich bin keine, ich will keine Clairvoyante sein, aber wie vieles mußte ich wider Willen belauschen, und da ist mir, wenn ich einen stillen Teich sehe, den kein Lüftchen kräuselt, als werde er plötzlich gären, sich heben, toben und Ungeheures zutage kommen; wo wir's am wenigsten erwartet, in den friedlichen Kreisen, die wir die glücklichen nenne, als braue unter der Ruhe Entsetzliches. Die Luft drückt mich, und zuweilen wünsche ich, daß der Sturm komme, die Elemente toben; ein Krieg erscheint mir nicht mehr so schreckensvoll, wenn diese brütende Stille nur aufhört.«

»Das sind Imaginationen, vielleicht aus den neuen Büchern. Diese Schlegel, Tieck, Novalis sind aber eine exzentrische Lektüre, welche das Blut erhitzt; keine für ein junges Mädchen, das Herz und Geist zum Umgang mit rechtschaffenen Menschen ausbilden will.«

»Mich dünkt, Ihre Majestät, die Zeit ist auch zu ernst und fordert von uns andre Pflichten, als in der Märchenwelt zu lustwandeln.«

»Das ist verständig von Ihnen. Man eifert auch gegen das Lesen von Romanen und Schauspielen, aber man tut unrecht. Unser Iffland führt uns doch immer rührende Beispiele vor, wie wir uns glücklich finden können in beschränkten Verhältnissen. Sie wollen es tadeln, daß er die bösen Menschen immer aus der vornehmen Welt nimmt. Aber hat Iffland unrecht? Ich wenigstens und der König sehen uns immer mit Befriedigung an. ›Sie sollen sich nur ein Exempel dran nehmen, die es trifft‹, sagte neulich mein Gemahl. – Den Lafontainen möchte sie uns auch verleiden, aber wie viele herzliche und frohe Stunden verdanken wir ihm, wie vielen Trost, wenn wir abends nach einem verdrießlichen Tage uns mit ihm auf dem Sofa vom Gewühl zurückzogen. Oh, es gibt solche Tage, wo Fürsten nichts hören als Klagen, Gegenanschuldigungen, wo uns die Welt wie ganz verderbt erscheint, ›ein Knäuel von Schlangen‹, sagten Sie, wir wollen es nur ein Durcheinander von bösen Menschen nennen. Da, wenn wir uns fürchten mußten vor allem, was uns nahe kam, da erquickte uns Lafontaine mit der rührenden Einfalt seiner Person, wir sahen uns an, und wenn wir uns nicht aussprachen, dachten wir es: es gibt doch noch gute Menschen. Warum sind die es nicht, welche die Vorsehung uns in den Weg führt? Zuweilen erhöht dann der Himmel unsern Wunsch, und wenn wir es am wenigsten erwarten.«

Der gütigste Blick ruhte auf Adelheid.

»Was sind denn Ihre Lieblingscharaktere in Lafontaine?« fragte die Fürstin, um sie in ihrer sichtbaren Verlegenheit aufzumuntern. Die Gütige sah wohl die Wirkung, aber nicht die Ursache. Adelheid hatte an den Romanen nie Geschmack finden können, sie hatte die wenigsten durchgelesen. Sollte sie lügen vor einer Monarchin, die allen Schmuck der Hoheit vor ihr abgelegt und nur in ihrem edelsten Selbst sich gab! Adelheid hätte in diesem Augenblick aufstehen und ihr zu Füßen stürzen können, um die Wahrheit in ihr zu verehren, die nicht in schönerer Gestalt sich verkörpern konnte, aber die Unwahrheit sprechen konnte sie nicht.

Es floß von ihrem Mund, was sie dachte, mit einer kleinen Einfassung von Schmeichelei, die darum nicht Unwahrheit war. »Mich dünkt, des Dichters Aufgabe ist, die Menschen zu schildern, wie sie sind. Weil er Dichter ist, darf er das Schöne und Erhabene in seinem wunderbar geschaffenen Spiegel vergrößern und verschönern, und es mag ihm auch vielleicht erlaubt sein, das Häßliche und Schlechte noch etwas häßlicher zu machen. Doch das verstehe ich nicht und bescheide mich deshalb. Das Große und Schöne soll er jedoch nicht häßlich und niedrig malen, sonst widersteht er unserm Gefühl, denn von der Dichtung verlangen wir Frauen wenigstens, daß sie unsre Gefühle erheben und uns die ewige Schönheit ahnen lassen soll. Aber wenn er umgekehrt das Kleinliche und Häßliche ausschmückt und dem Gemeinen den Schein der Tugend und des Edelmutes umhängt, damit uns das gefalle, was wir meiden und verabscheuen sollen, dann kommt er mir vor, als versündigte er sich an seinem hohen Beruf. Wenn ich durch die Wimpern einer edlen Fürstin eine Träne sich drängen sehe, weil sie bang einer schweren Zukunft entgegensieht, für ihre Familie, ihr Volk, ihr Land, oder ist's eine der Freude, daß ihr Gemahl siegreich aus dem Feld zurückkehrt, ihre Kinder ihr Freude bereiten, ihr Erstgeborener einen ersten Zug entfaltet, der an den Edelmut und die Tapferkeit seiner Ahnen erinnert – das, dünkt mich, ist eine Träne, die der Dichter auffassen muß wie ein Juwel im Sonnenschein. Aber entweiht er die schöne Träne nicht, wenn er auch alle seine unbedeutenden Personen bei jeder Gelegenheit gerührt sein und weinen läßt um Kleines und Geringfügiges, und wenn er dann die Träne so schön ausmalt, daß die armen Leser mitweinen müssen! Sie wissen am Ende nicht recht warum, aber er erhält die weinerliche Stimmung, weil er darauf rechnet, daß wir alle schwach sind und es uns am Ende an ihn fesselt. So kommt mit Lafontaine vor, erlauchte Frau, er weiß, wo wir alle schwach sind, und da versucht er uns zu streicheln, er drückt wehmütig die Hand, schlägt verführerische Akkorde an, bis wir fortgerissen sind, und wenn wir wieder zu uns kommen, schämen wir uns darüber, denn er hat uns weich gemacht, wo wir stark sein sollten, und wo haben wir dann noch Gefühl, Stimmung, die unentweihte Träne für das große Schicksal wirklich großer Menschen.«

Die Königin hatte mit Aufmerksamkeit zugehört. Von Spöttern waren ihr ähnliche Urteile über ihren frühern Lieblingsdichter schon zugedrungen. Dieser Ton war anders. Sie stimmte nicht bei, sie widersprach nicht, sie schien die Sache zur weitern Überlegung zurückzulegen, als sie sich seitwärts wandte.

»Dann ist wohl Jean Paul Ihr Dichter? Dieser Liebling der Musen erhebt uns in die Höhen, wo unsre Adelheid sich wohlbefindet. Ich liebe ihn auch, aber mir schwindelt zuweilen in seinen lichten Räumen, mitten in meiner Begeisterung und Bewunderung für ihn fühle ich mich beklommen. Daß ich es gradeheraus sage, die Luft dieser erhabenen Wesen ist mir zu rein, meine Neigungen sind doch noch zu irdisch, ich fühle, daß ich unter diesen Natalien und Lianen eine schlechte Rolle spielen würde. Es ist vielleicht die Eitelkeit«, setzte sie lächelnd hinzu, »die Königin möchte nicht gern die Magd spielen in der überirdischen Gesellschaft des edlen Dichters.«

»Ihre Majestät verzeihen, wenn ein schlichtes Bürgermädchen diesen Stolz auch empfindet. Jean Pauls Frauen kommen mir oft vor wie aus Mondenschein und Sonnenstrahlen gewebt. Wenn man sich an sie hielte, zerflössen sie –«

»Das dürfen Sie in Berlin nicht laut aussprechen, sonst verketzern Sie uns«, fiel die Fürstin noch im selben Tone ein. – »Nein, alle Admiration dem herrlichen Manne, aber Sie haben wohl recht, unsere Zeit fordert Männer, auch Frauen, welche den Dingen und Verhältnissen ins Gesicht zu sehen verstehen und vor einer rauhen Berührung nicht zurückschrecken. Sie fordert, daß wir unsere Empfindungen beherrschen. Es ist schwer, mein liebes Kind, schwer für einen jeden, die schlechten Menschen nicht merken zu lassen, daß man sie haßt, verachtet, was mehr für uns Fürsten! Das ist unsre gepriesene hohe Freiheit, wir müssen sogar freundlich scheinen gegen unsre Feinde, denen die Hand drücken, von denen wir wissen, daß sie in der Taschen den Dolch gegen uns versteckt halten. Das kostet etwas – eine Resignation, die oft unsre schwache Kraft übersteigt. – Wir träumen zu viel von dem Guten und Bessern. Das ist schön, aber wir dürfen nicht mehr träumen, wir alle nicht. Jede muß ihre ganze Kraft anrufen, um gerüstet dem gegenüberzustehen, was Gott zu unserer Prüfung schickt. Wir müssen uns bezwingen, entsagen zu können, auch dem, was uns das Teuerste, Liebste ist!«

Der Ton ihrer Sprache hatte sich mit ihrer Stimmung plötzlich verwandelt. Es war auch um sie her anders geworden; die Sonne war hinter heraufziehende Wolken getreten, die Vorläufer des Windes hatten schon länger die gelben Blätter über die Füße der beiden Frauen getrieben, jetzt fing er an, in den Büschen das Gezweig zu rütteln, in raschen Stößen rüttelte er von den entfernten Baumwipfeln das Laub. Die laue Luft hatte, wie auf einen Zauberhauch, einer empfindlichen, scharfen Kälte Platz gemacht, daß die Damen die Tücher enger um den Hals zogen.

»Wir müssen alle entsagen«, sprach die Königin feierlich, »auch Sie, Adelheid, werden die Kraft haben. Ich habe das schöne Vertrauen, nachdem ich Ihre schöne Seele kennengelernt.«

Da war auch ein schöner Vorhang plötzlich gefallen, ein Vorhang gewebt aus Sonnenstäubchen, die in anmutigem Spiel hin und her geschaukelt, und die bleierne graue Wahrheit lag vor ihnen, das, warum die Fürstin Adelheid zu sich beschieden; auch das blickte schon verräterisch hervor, warum Adelheid gekommen war.

Es gibt im Seelenleben Augenblicke, wo der Klügste sich keine Rechenschaft zu geben weiß, woher ein Gedanke aufquillt, dem er plötzlich zu folgen sich gedrungen fühlt, auch wenn er entgegen der Strömung ist, der all sein Fühlen und Denken sich hinneigt. Bei großen Männern ist es ein Kitzel, mitten in Planen, welche die Welt verrücken sollen, sich starr auf einen einzelnen Punkt zu setzen, der damit nichts zu tun hat, sorglos, ob die Emsigkeit, welche sie der Bagatelle widmen, sie an ihrem größern Schaffen hindert. Cäsar, mit dem Plan, die Welt zu erobern, im Kopfe, beschrieb, wie ein Liebender die Augen der Geliebten, die Konstruktion der hölzernen Rheinbrücke, die er erfunden. Es ist die ewige Mahnung an die großen Geister, daß sie auch Menschen sind, an uns, daß all unser ernstes Tun vor einem höhern Auge Spielwerk ist. An Frauen es zu rügen, ist nie einem Billigen eingekommen. Wenn sie gar nicht mehr spielen sollten, was wären sie sich – uns! Auf Königin Luises Seele lastete Ungeheures. Seit der vorjährigen Gruftszene in Potsdam schien sie vielen ihrer Umgebung wie ausgetauscht. Sie las nicht mehr Lafontaines Romane, daß sie heute sie gerühmt, war nur pietätvolle Erinnerung gewesen, sie lebte der ernsten Sorge vor der Gefahr, die über dem Hause ihres Gatten, dem Lande ihrer Liebe und Wahl schwebte. Keine Frau, vielleicht wenig Männer fühlten so schwer, innig, zuweilen klar die Bedeutung der Zeit, und doch hatte sie ein Etwas, was ganz außer diesem Kreise lag, mit Eifer aufgefaßt. Sie hatte sich für das schöne Mädchen interessiert, von dem der Ruf so viel sprach, die erste Begegnung hatte dies Interesse erhöht. Sie wollte Adelheid, nach dem gelegentlichen Gespräch mit ihrem Vater, vor einer Verbindung bewahren, welche dieser beklagt, welche ihr als ein Unglück erschien. Wie ihre Phantasie plötzlich sich dieses Gegenstandes so bemächtigen können, bleibt uns ungesagt, aber es war so, es war nicht unnatürlich, und die Königin sprach wie eine liebende, zärtlich besorgte Mutter zu ihrem Kinde.

Luisens Beredsamkeit ward von ihren Zeitgenossen als bezaubernd gerühmt. Jedes Wort aus ihrem Munde sei ein Schlag des Herzens, ein Klang der Seele gewesen, da wo eben das Wort nur die wahrhafte Äußerung des wahrhaft im Innern Lebenden war. Der Zauber dieser Beredsamkeit sei gewesen, daß sie nicht eine Kunst war, sondern eine Tugend. Wie ihre Briefe ein voller, unverkümmerter Herzenserguß waren, so folgte in ihrer Rede, wenn das Herz sie diktiert, die Sprachfertigkeit dem raschen Schwunge ihrer Gedanken.

So hatte die Königin zu Adelheid gesprochen. Der dürre Inhalt der belebten Rede würde lauten: Sie sind ein gutes Mädchen, und ein gutes Mädchen ist gehorsam dem Willen ihrer Eltern, Eltern sehen am besten, was zum Wohle ihrer Kinder ist, Ihre Eltern sind gegen diese Partie, weil sie dieselbe für unpassend halten, weil sie voraussehen, daß Sie mit diesem Manne kein glückliches Leben führen können. Der Mann Ihrer Liebe ist ein Wüstling, Sie selbst können sich darüber keiner Täuschung hingeben, denn Sie wissen es aus eigner Erfahrung. Wenn auch Ihre Eltern nicht wären, müßten Sie sich fragen: Ist dieser Mann meiner würdig, bin ich, bei ruhiger Überlegung, noch des Vertrauens, daß er mich glücklich, zufrieden machen kann? Sie müßten sich aufrichtig antworten: Was kann er mir bieten als ein ganz verwüstetes Leben! Welche Bürgschaft, daß, wenn er sich scheinbar gebessert, er nicht wieder in das alte Sein zurückverfällt, sobald die erste Leidenschaft, die er jetzt Liebe nennt, ausgetobt hat. Und was gebe ich ihm dafür? Den frischen, frommen Sinn einer tugendhaften Jugend, ein blühendes Dasein. Ist er solchen Opfers wert? Kann ich dies Opfer vor meinem Schöpfer verantworten, der so ausgezeichnete Gaben mir schenkte, nicht um sie wegzuwerfen? Er wird dereinst Rechenschaft darüber fordern. – Endlich, zugegeben, daß Ihr Herz sich schwach fühlt, daß Sie ihn lieben. Aber Sie sind ein starkes Mädchen, das selbst es ausgesprochen, in einer so ernsten Zeit dürfe man nicht mit Märchen tändeln, nicht dem Spiel der Phantasie sich hingeben. »Sein Sie, zeigen Sie sich jetzt stark. Drücken Sie Ihre Hand an das blutende Herz – ich weiß, daß es blutet, ich kenne auch diesen Schmerz – aber man kann ihn überwinden! Reichen Sie mir die andere, dann sehn Sie mich mit Ihren klaren Augen, die nicht lügen können, an und sprechen: Ja, ich will entsagen.«

So schloß die Königin und hatte vielleicht erwartet, daß Adelheid auf die Knie sinken, ihre Hand an die Lippen pressen, das Gesicht in ihrem Schoß verbergen würde. Gerührt von so vieler Güte und Teilnahme, mußte sie das Gelöbnis stammeln, und Luise hätte sie dann in ihre Arme geschlossen und vielleicht gesprochen: »Nun sind Sie mir doppelt gewonnen!«

Aber Adelheid sank nicht auf die Knie, sie preßte nicht die königliche Hand an die Lippen und verbarg auch nicht ihr Gesicht. Sie blickte so klar und ohne Trug, wie die Fürstin es verlangt, diese an und sprach:

»Erlauben mir Ihre Majestät, daß ich antworte, ganz wie ich fühle?«

»Das erwarte ich«, sagte Luise, ohne ihr Befremden verbergen zu können.

»Ihre Majestät verlangen drei Punkte von mir: Gehorsam, Einsicht und Entsagung. Man ist ein schlechter Advokat in eigner Sache, habe ich immer gehört, möchten Sie, gnädigste Frau, daher Nachsicht mit einer Armen haben, die, angeklagt vor einem so hohen Richterstuhl, sich zum erstenmal verteidigen soll.«

Die Verteidigung, was den ersten Punkt betraf, führte Adelheid mit einer Ruhe und klaren Auseinanderlegung der Tatsachen, daß man doch glauben können, es sei nicht das erstemal, daß sie, des Ungehorsams gegen ihre Eltern angeklagt, vor Gericht stehe: Noch gehöre ihr Herz und ihre volle Dankbarkeit den Teuren, aber nicht mehr ihr Schicksal, das Vater und Mutter ja längst in andere Hände gelegt. Wenn sie von denen sich frei gemacht, gehöre diese Freiheit ihr, die sie errungen. Wisse ein Vater, auch der beste, liebevollste, immer am besten, welcher Gatte das Glück seiner Tochter begründen werde, dürfe das Herz nie mitsprechen, und blicke dieses nicht oft klarer in die Seele des Geliebten und die Zukunft, als ein redlicher Vater, der im Staatsdienst unter Aktenstaub ergraut, den Wert des Menschen nur nach seiner Stellung im bürgerlichen Leben abschätze? Und sei nicht der Wille des Menschen wandelbar, es nie vorgekommen, daß Eltern ihre Absicht geändert, daß sie endlich ihre Hand segnend über Ehebündnisse gebreitet, denen sie vorher geflucht, während so mancher Vater die Hände gerungen, manche harte Mutter die Haare gerauft über das Unglück ihrer Tochter, das sie durch ihre Hartherzigkeit, ihren Eigensinn herbeigerufen? Aber nein, ihre Eltern würden rein von dieser Schuld bleiben. Ihr Vater kämpfe nur mit alten Vorurteilen, vielleicht seiner Bescheidenheit, die seiner Tochter ein stilleres bürgerliches Los gewünscht, und das Herz ihrer Mutter sei schon jetzt weich gestimmt.

Wenn Adelheid in ihrer Advokatenrede auch nicht von der Wahrheit abgewichen war, hatte sie doch nicht die kleinen Künste der Diplomatie verschmäht. Die versteckten Anspielungen auf so manche Familienszene aus Lafontaine war verstanden und hatte gewirkt. Wo die Königin über die erdichtete Situation Tränen vergossen, durfte sie da die wirkliche mit der Kälte des Verstandes verdammen? Adelheid hatte in diesem Punkte gesiegt. Die Fürstin verschluckte Vorschläge, die ihr dunkel vorgeschwebt, daß ein so reines, schönes Mädchen, ein Abdruck der jungfräulichen Natur, nicht in das verderbte Städteleben passe, daß sie an der Hand eines braven, einfachen, redlichen Mannes fern auf dem Lande, in einer Hütte, umschattet von Fliederbüschen, das Glück und den Frieden des Lebens finden werde. Ihre großmütige Phantasie hatte zwar die Hütte im Innern recht hübsch austapeziert, aber – Adelheid paßte doch nicht dahin; zu dieser Überzeugung war die kluge Königin schon in der ersten Hälfte ihres Zwiegespräches gediehen.

Aber um zu entsagen, dazu war sie stark. Luise blickte noch einmal mit Wohlgefallen das schöne Mädchen an. Welch ein Moment, wenn sie, nicht aus kindlicher Pflicht, nicht aus Rührung, nein, aus voller Überzeugung erklärte: ja, einer höhern Pflicht gehorchend, entsage ich. In einer neuen, kurzen Ansprache malte die Königin ihr die Seligkeit dieses Gefühls. Sei es nicht eine königliche Tugend, das Herz der Pflicht unterzuordnen? Grade die auf der Menschheit Höhen wandeln, die Fürstinnen, seien von Anbeginn dazu bestimmt; zum Besten des Allgemeinwohls träten sie an den Opferaltar. Es war eigentlich eine Dithyrambe, in der Luise sich für die kleine Niederlage erholte; leider aber war Adelheid heut nicht in derselben Stimmung. Als hätte die frische Herbstluft alle Nebel und Illusionen gelichtet, ihre Gedanken geklärt und in Schichten gelegt, antwortete sie mit einer Verständigkeit, die einen entzückten Liebhaber vielleicht erschreckt hätte:

»Aber, gnädigste Königin, ich bin nicht aus fürstlichem Blute und weiß daher nicht, warum ich Opfer dem Allgemeinwohl bringen sollte. Das hat von einem unbedeutenden Mädchen nichts zu erwarten und nichts zu fürchten; ein Tropfen im Meere mehr oder weniger, das Meer merkt es nicht. – Soll ich für andere entsagen? Wem helfe ich, wen kränke ich? Etwa den Vater meines Geliebten, weil er diese Verbindung nicht wünscht? Er hat sich nie um seinen Sohn gekümmert, er hatte ihn so gut wie verstoßen. Was Louis Bovillard ist, verdankt er sich selbst. Er steht frei gegen seinen Vater, ja, er ist noch freier von ihm als ich gegen meine Eltern. Kann dieser Vater mir etwas vorwerfen, was nicht alle Welt weiß, was selbst vor den Lästerzungen derselben reingestempelt ist, seit Ihre Majestät mir öffentlich Ihre Huld gezeigt?«

»Oh, nichts von dem!« sprach die Königin mit abwehrender Handbewegung. »Er könnte sich glücklich schätzen, eine so reine Schwiegertochter in sein beflecktes Haus zu bekommen. Dazu ist er jetzt ein Narr! Dieser profligate Mensch, der sein Leben durch nichts getan, als den Adel seiner Menschenwürde herabzusetzen, pikiert sich jetzt, aus vermoderten Pergamenten einen uralten Adel zu beweisen. Lächerlich und empörend!«

»Gegen wen, erlauchte Frau, wäre es dann Pflicht, dem schönsten Traume meines Lebens zu entsagen?«

»Gegen sich selbst! Können Sie keinen noch schöneren sich denken, das Bewußtsein, Ihre Tugend und ihr besseres Sein vor Ihren Affekten gerettet zu haben?«

»Ich fühle in mir nicht den Beruf, eine Heilige zu werden«, erwiderte Adelheid. »Ich bin, was ich bin, und will nicht mehr sein, ein Mädchen wie andre, von nicht zu heißem und nicht zu kaltem Blute. Ich glaube mich überwinden zu können, wenn ich muß, wo ich aber die Notwendigkeit nicht absehe, glaube ich ein Recht zu haben, wie jedes lebende Wesen, wo Gottes Sonne auf mich scheint, mich zu freuen in ihrem Strahl.«

Die Worte klangen nicht harmonisch zur Stimmung der Königin, nein, es war eine kecke Dissonanz, aber Luise konnte nicht zürnen; durch das Vorangehende war sie schon anders gestimmt. Das Gespräch hatte eine ganz andre Wendung genommen, als sie beabsichtigt. Sie begnügte sich zu sagen: »Ach, wenn Sie die Seligkeit einmal kennten, die im Entsagen liegt!«

»Ich habe einst entsagt«, fiel Adelheid ein, »und kostete nur die Schmerzen der Enttäuschung, ich empfand die Folter der Unwahrheit. Ja, Majestät, da fühlte ich, es gibt auch eine Pflicht, uns selbst treu zu sein und wahr. Die hatte ich verletzt, mich versündigt gegen mich, gegen das Heiligtum meines Herzens. Es schlug für ihn von jenem ersten Augenblick an, und ich hatte seine Schläge unterdrückt; es waren die Rücksichten, die meine Königin aussprach. Das waren unglückselige Monate, Jahre; die Brust blutete, und keiner sah es, und kein Trost, ich half ja keinem damit. Statt kräftig zu werden und frisch, lähmte die Halbheit meinen Geist. – Es war keine Tugend, es war eine Sünde, es blieb Sünde, bis ich sie erkannt und mir gelobte, die Wahrheit offen zu bekennen. Gott schütze und wahre mich davor, daß ich wieder zurücksinke in die Unwahrheit.«

Sie hielt inne, auch die Fürstin schwieg. Das Aber, das auf ihren Lippen schwebte, ward durch einen neuen Ausbruch der Rednerin unterbrochen. Sie fühlte sich auch vor der gütigsten Königin in ihrem Recht, jetzt alles auszusprechen.

»Das war ein Selbstmord gewesen, und der Schöpfer will nicht, daß wir uns selbst vernichten. Aber es konnte mehr werden, ein Mord an einem unaussprechlich Unglücklichen, den zu retten meine schönste Lebenstat wäre.«

»Oh mein armes Kind«, fiel die Fürstin ein, »ich sehe die Glut Ihrer Leidenschaft, aber täuschen Sie sich nicht. Ich sehe mehr, Ihre tugendhafte Seele empfindet mit dem Verlornen Mitleid, Sie wollen sich ihm opfern, um ihn glücklich zu machen, Sie fühlen den Drang schöner Seelen, eine Märtyrerin zu werden. Kennen Sie ihn ganz? Fragen Sie sich, ob er es wert ist, der Mann, der – wie viele, so unschuldig als Sie, mag er auf seinem Gewissen haben! Danach fragt die Welt freilich nicht, und die vornehmen jungen Wüstlinge machen sich daraus kein Gewissen. Aber sie beobachten doch wenigstens den äußeren Anstand. Was man vom jungen Bovillard erzählt, oh mich schaudert, ihn an Ihrer Seite zu sehen!«

»Ist er darum schlechter, weil er keinen Schleier um seine wüste Jugend gebreitet! Mich schaudert vor denen, die die Welt lobt, weil die Weit nur das feine Kleid und die feine Miene sieht, hinter denen ihr verwüsteter Geist sich verbirgt!«

»Man spricht ihm kein langes Leben zu, die Frucht seiner Ausgelassenheit!«

»Rechnet die Liebe nach Jahren?«

»Doch soll die Ehe ein Bund der Seelen, eine Harmonie gleichgestimmter Geister sein.«

»Ist sie's denn immer?«

»Aber der Mann muß wenigstens die Gefühle einer edlen Frau zu würdigen wissen, wenn er auch dem kühneren Schwunge ihres Geistes nicht folgt.«

Adelheid lächelte. »Sein Geist, gnädigste Frau – Oh, könnte ich Ihnen diesen edlen Geist malen, der rein blieb wie der Äther über dem aufgewühlten Schlamm, könnte ich Ihnen sein Herz öffnen, wie es mächtig pulst für die Leiden, die Ehre des Vaterlandes, wie nur die Schmach, die er ansehen mußte, Gift in die Adern spritzte –«

»Lassen wir die Poesie, liebes Mädchen, es handelt sich von ernsten Dingen. Ich will Ihnen glauben, daß ein besserer Keim in ihm ist, daß große Talente in ihm schlummerten, daß Charakterstärke ihm von Gott gegeben war, ich will zu Ihrem Besten alles zu seinen Gunsten glauben, aber warum gab er sich keiner geordneten Tätigkeit hin, warum zersplitterte und vergeudete er diese Gaben? Bei seiner Geburt, dem Einfluß seines Vaters wäre ihm ein Wirkungskreis leicht geworden.«

Adelheid sah die Königin mit einem eigentümlichen Blicke an, es lag Frage, Bitte, ein Forschen darin.

»Darf ich?« Sie hielt die Hände auf der Brust. Der Augenschlag der Königin winkte Gewährung.

»Ich kenne jemand, den die Geburt hoch gestellt, höher steht nur einer. Sein Herz schlägt für das Vaterland, sein Blut glüht für seine Ehre. Mit dem ritterlichen Feuermut der alten Zeit, schlägt doch dies Herz weich für das Edle, Schöne, Große, das alle Zeiten schmückte. Er möchte, er könnte ein Volk erheben, es glücklich machen, denn seine Gaben befähigen ihn zu dem Höchsten. Und klar liegt vor seinem Gesichte die Vergangenheit, sein Auge blickt in die Zukunft. Warum ist dies Auge trüb? – Weil der Horizont trüb ist. Warum sank dieser Feuergeist, dessen Flügel der Sturm durchschnitt, der der Sonne entgegenblickte, ohne zu zucken, in den Schlamm zurück? Weil die Atmosphäre zu schwer ist, sein Feueratem sie nicht durchdringt, seine beredte Lippe umsonst redet, seine kühnen Vorstellungen an der Mattigkeit der Menschen, an der Zäheit, der Gewöhnung, an der Macht der grauen Alltäglichkeit abglitten. Da ward er mutlos, er verzweifelte. Erhabene Königin, wie sollte ich es wissen! Ich spreche nur, was die Stimmen der Tausende, die Lüfte mir zutragen, aber sie flüstern und rufen es laut: Das ist unser Los. Dies Firmament erdrückt die, die zum Besseren aufwallen. Es ist einmal so in diesem Reich. Wer daran schuld, sagen sie nicht, aber sie zählen viele, viele edle Geister, die im fruchtlosen Kampf verkamen, untergingen. Wenn der edelste Prinz, der tapferste Held, dessen Lob in allen Zungen, den die Armee vergöttert, diesem Lose nicht entging, dürfen wir die verdammen, die dasselbe gewollt und auch ihre Flügel verbrannten, sie sanken, tief, tief – Dürfen wir sie versinken lassen.«

Luise hatte den Kopf halb abgewandt sinken lassen.

»Meine Königin ist nicht die grausame Richterin, welche die Edlen büßen läßt, was Elende verbrachen! Man sagt« – fuhr Adelheid mit gedämpftem Tone fort – »der Prinz wäre zu retten gewesen, wenn er ein edles Weib gefunden, das seine Gedanken und seine Sorgen geteilt, wenn eine seiner würdige Gattin, seinem Geiste nahe, seiner Liebe wert, ihn aufgerichtet. Er suchte und – fand sie nicht. Man sagt, man flüstert es wenigstens, daß er eine gesehen, und er wäre gerettet, er wäre geworden, sie sagen ein Gott. Aber er verschloß, entsagend die brennenden Wünsche in der Brust – denn – die eine gehörte schon einem andern!«

Adelheid fühlte, was sie gewagt, aber es war eine Macht über sie gekommen, der sie nicht widerstand. Auf eine Karte war alles gesetzt – Tod und Leben hieß die Krisis, es gab kein Mittel. Fieberhitze durchglühte sie, und sie schüttelte vor Frost, als sie aufgestanden.

Auch die Königin stand auf. Noch wandte sie ihr Gesicht ab. Es war etwas – war's ein Kampf? –, was sie vor sich selbst verbarg. Wenn sie jetzt sich umwandte, ein zürnender Blick, eine Handbewegung Adelheid zurückwies, wenn sie ohne eine Silbe den Hügel hinabschritt, Adelheid jetzt allein ließ, verstoßen, verloren – Nein, sie wandte sich um, und im nächsten Augenblick drückte sie das verlassene Mädchen an ihre Brust. Worte sprach sie nicht, nur eine Träne fühlte Adelheid über ihre Wange rinnen.

Als sie schweigend die Allee zurückgingen, hatte das Sterbegeläut vom Kirchturm aufgehört; dafür schmetterten Trompeten, und ein kriegerischer Marsch der Garnison des Städtchens tönte über die Baumwipfel.

»Gott sei Dank!« sprach die Königin. »Das erleichtert das Herz.« Am Schlosse beim Scheiden reichte sie Adelheid die Hand zum Kusse. Dabei flüsterte sie ihr zu: »Wir sehen uns bald wieder.«

In ihren Appartements befahl die Königin ihrem Kammerherrn, zum Minister Stein zu fahren. Sie wünsche ihn zu sprechen.

Darauf hatte sie eine längere Unterhaltung mit der Viereck. Die Hofdame erklärte nachher den Hofleuten, daß Ihre Majestät endlich so huldreich gewesen, in den Wunsch einzugehen, den sie schon längst gehegt, nämlich bei ihrem geschwächten Gesundheitszustande eine Gesellschafterin zu nehmen, welche in ihren Appartements wohnen dürfe. Sie denke die Tochter des Geheimrats Alltag, die sich dazu anstellig zeige, zu akquirieren.

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