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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel.
Zur Königin.

Es war ein seltsames Zusammentreffen. Die Fürstin Gargazin war heute mit einem Gedanken aufgestanden, der sie beim Frühstück beschäftigte. Sie wollte bei der Königin eine Audienz erbitten, um Adelheid zu präsentieren. Vielleicht die Frucht eines Traumes; auch unsere Träume sind nur die Früchte einer Saat, die wir selbst gesäet. Adelheid fing an, sie zu genieren. Weshalb? – Das Gesetz ihres Zusammenlebens war ja, daß keine die andere genieren durfte! Und doch – zuweilen, wenn ihre Blicke sich begegneten, schlug die Fürstin die Augen nieder. Die Augen des Mädchens leuchteten so hell und klug. Sie erinnerte sich unwillkürlich an das, was Wandel über sie gesagt. Warum blieb er kalt vor dieser Schönheit? Warum empfand er ein Unbehagen in ihrer Gegenwart? – Wandel war ein blasierter Mensch, aber – ein Menschenkenner, es war etwas, worin beide in ihren Gefühlen stimmten. – Und was sollte das Mädchen noch in ihrem Hause! – Kaiser Alexander war fern, er hatte andere Gedanken; wenn er kam, kam er im Kriegerrock, und dann – dann! Die besten Berechnungen schlagen am ehesten fehl. – Und wenn Krieg ward, was sollte Adelheid in ihrer Begleitung! – Aber was sollte sie bei der Königin? – Das würde Gott am besten fügen. Die Fürstin war heute von einem Gottvertrauen, das durch die Ereignisse bestärkt werden sollte.

Denn während sie noch am Frühstückstisch saß, war die Hofdame der Königin, Fräulein von Viereck vorgefahren und hatte unter andern Dingen von der Verwunderung der Königin gesprochen, daß Erlaucht ihre Pflegetochter Ihrer Majestät noch nicht vorgestellt. Die andern Dinge waren bald beiseite geschoben, die Viereck war nur darum gekommen. Die Königin durfte es nicht offiziell wünschen, auch war die Fasson schwer zu finden, wie die Fürstin das junge Bürgermädchen präsentieren solle. Also sollte ein gelegentliches Zusammentreffen arrangiert werden. Die Kammerfrau der Königin, Mamsell Schadow, war eine Bekannte der Alltagschen Familie. Adelheid konnte die Kammerfrau besuchen, und sowenig dabei etwas Auffälliges war, konnte es sein, wenn Ihre Majestät bei der Gelegenheit das junge Mädchen traf.

Die Fürstin war über den Vorschlag um so mehr erfreut, als sie nicht nötig hatte, Mutterrolle zu spielen. Sie fürchtete nur Widerstand von dem kapriziösen Kopfe ihres Schützlings, eine Befürchtung, die um so größer ward, als sie hörte, daß Herr van Asten sich schon früh am Morgen bei Adelheid melden lassen, daß er angenommen worden und noch jetzt bei ihr sei. Was wollte der abgesetzte Liebhaber bei ihr! Er konnte doch nicht beabsichtigen, seinen Nebenbuhler und Freund wieder aus dem Sattel zu heben? Das Kammermädchen hatte zwar an der Tür gehorcht, aber nichts von Tränen und Beteuerungen. Die Sprache hatte so ernst geklungen, feierlich und – doch auch zärtlich, meinte das Kammermädchen. Sie mußte die Sprache, welche drinnen gesprochen ward, nicht verstehen.

Jetzt ging er. Adelheid begleitete ihn bis an die Gartentreppe. Die Fürstin sah durch die Glastür wenigstens den Abschied. Der junge Mann schien verändert, aber zu seinem Vorteil, seine Haltung war fester, entschlossener, vornehmer. Er ergriff Adelheids Hand, er schien sie an die Lippen bringen zu wollen, aber besann sich. Er hob sie nur bis ungefähr an die Brust und drückte dann seine Hand darauf. Er sah sie dabei nicht zärtlich, aber innig an. Sie mußte ihn wieder so ansehen. Sie sprachen noch einige Worte, welche die Gargazin nicht hörte. Dann war es Adelheid, die ihm kräftig die Hand schüttelte und ihm etwas nachrief. Als er verschwunden, kehrte sie um und trat durch die Glastür.

Sie war nicht betroffen, als sie der Fürstin hier begegnete. Das Betroffensein war an der Gargazin, als Adelheid ohne Umschweife, bescheiden, aber kurz und entschlossen, mit der Bitte vorrückte, die Fürstin möge ihr vergönnen, die Königin heut um eine Audienz angehn zu dürfen.

Der Gedanke lag nahe, daß Adelheid von dem Besuch der Viereck erfahren.

»Das recherchierte Kind der allgemeinen Gunst hat nur zu kommandieren. Ich kann nicht dafür, daß Sie die Hintertreppe hinauf müssen und Mamsell Schadow um Vermittlung angehen; hätten Sie mich früher Ihres Vertrauens gewürdigt, würde es mir wohl gelungen sein, Sie zur Vordertreppe heraufzubringen.«

Adelheids klarer forschender Blick durchschaute die Sache noch nicht.

»Die Gunst der Großen, meine Liebe«, fuhr die Gargazin fort, »ist ein Thema, was studiert sein will. Es ist nur das Schlimme, daß wer sie aus dem Grunde studiert hat, nicht weiter und nicht besser daran ist als der Bauer und das Kind, die den König für einen Gott halten. Wir sind ihnen Spielzeug, das sie auf ihren Putztisch stellen, solange es ihnen gefällt. Gefällt es ihnen nicht mehr, wird's in den Kehricht geworfen. Es ist Täuschung, wenn das Spielzeug glaubt, es könne etwas dazutun, daß es sie länger fessele, als ihre Laune dauert. – Erlauben Sie mir eine Warnung. Die Königin hat sich für Sie interessiert, als Sie ihr noch fern waren, das Gerede der Leute, Ihr Ruf vermehrte die Attraktionskraft; neulich auf dem Ball erregten Sie ihr Mitleid. Aber Passionen aus Mitleid halten nicht lange an und sind immer mit einer demütigenden Ätzung gemischt. Das zeigt Ihnen schon die Art, wie die Königin Sie rufen läßt.«

»Mich rufen?«

»Sie fühlen sich schon – ich will nicht sagen, gekränkt, aber Ihr Gefühl sträubt sich. Sie werden ihr nun vielleicht in der Art entgegentreten, wie sie es erwartet; Sie werden in Worten, Blicken, Haltung Ihr Selbstbewußtsein verraten. Liebes Kind, das dürfen wir nicht den Großen der Erde gegenüber. Weil sie ihre Größe immer fühlen wollen, wollen sie uns immer klein sehen. Je größer wir vor ihnen stehen, so mehr heben sie sich, um uns niederzudrücken; je niedriger wir uns aber bücken, je mehr wir den Schein annehmen, daß ihre Majestät uns eblouiert, so gnädiger werden sie und heben uns Zoll um Zoll – es freut sie dann, wenn wir uns über andere groß dünken, denn sie feiern sich selbst, weil sie uns so groß gemacht.«

»Gnädigste Frau, die Königin hat mich nicht rufen lassen, sie hat mich vielleicht schon vergessen. Es ist mein eigener Wunsch, mich ihr vorstellen zu dürfen.«

»Ihr eigener!« Die Fürstin hielt inne und maß das junge Mädchen. Adelheid war immer wahr; es war eben die Art der Wahrheit, welche der Gargazin nicht konvenierte. Nach einer Pause hub sie lächelnd wieder an: »Sie erlauben mir doch zu zweifeln, daß es ganz Ihr eigener Wunsch ist, wenn ich bemerke, daß er nach einem mysteriösen Besuche zum Vorschein kommt.«

»Mein Freund und Lehrer hat mich an eine vergessene Pflicht erinnert«, sagte Adelheid, ohne zu erröten. »Louis' Anstellung –«

»Ah das! Sie akkrochiert sich an der Abneigung Ihrer Majestät, und Sie, meine Liebe, sollen –«

»Ich soll nicht; ich fühle jetzt selbst die Pflicht – was ein schwaches Mädchen vermag, dazuzutun, daß Louis einen Wirkungskreis erhält, der seinen Talenten angemessen ist, der ihn zu dem erhebt, wozu er berufen ist. Meine Hoffnung ist gering, aber mein Vertrauen groß. Ich verstoße vielleicht gegen die Sitte, ich bin darauf gefaßt, selbst den Unwillen der Königin werde ich zu ertragen suchen, denn ich bin von ihrem Edelsinn überzeugt, daß sie es meine Eltern nicht entgelten läßt. Mißbilligten Sie es, gnädigste Frau, so –«

»Ich! Nicht im geringsten. Im Gegenteil, oh, das ist charmant, pikant von Ihnen. Vielleicht wünscht es Ihre Majestät sogar, und das ist der Grund, weshalb Sie gerufen werden. Nur Attention! meine Teure – vergessen Sie nicht, das zu bleiben, als was Sie sich ausgeben – das schwache Mädchen! Zeigen Sie ihr um Himmels willen nicht das starke Mädchen. Daß allüberall mit unserer Stärke nichts getan ist, das ist eine Lehre, für die unsre Adelheid noch zu jung ist. Aber einer Monarchin gegenüber nehmen Sie immerhin die Lektion einer älteren Freundin an, daß wir uns demütigen müssen. Sie muß alles tun, denken, wir lauschen nur und lassen im Gewande der Bitte Vorstellungen aufflattern, welche die Fürstin aufgreift und zu den ihren macht. Da geben Sie Ihr Eigentum hin; Sie wären augenblicklich verloren, wenn Sie in Freude aufblitzten: das habe ich ja gesagt! das sind ja meine Gedanken! Einer Monarchin gegenüber dürfen Sie gar nicht denken. Wie eine Pythia auf dem Dreifuß atmen Sie in halber Auflösung ihre Äußerungen ein, Sie nehmen alles an, nun, und ich traue Ihnen doch die Klugheit zu, daß Sie, wie die Priesterin, diese Töne dann zu einem Spruche ordnen werden, der Ihren Absichten entspricht. Ach, Sie glauben nicht, wie leicht das ist, wenn man erst die Neigungen und Schwächen der Großen kennt.«

»Ich werde versuchen, zu ihrer Seele zu sprechen.«

»Das ist recht. Sie liebt bürgerliche, rührende Szenen. Malen Sie Ihren Liebesschmerz unter Schluchzen, mit von Tränen erstickten Worten. Sobald Sie merken, daß sie gerührt wird, stürzen Sie auf die Knie, ergreifen ihr Kleid – sie wird Ihnen aber die Hand reichen, wenn Sie die rechte Sprache trafen – dann erklären Sie, Ihr ganzes Lebensglück läge in dieser Hand, sie wird Sie huldreich auffordern aufzustehen, Sie erklären aber, Sie würden nicht aufstehen, bis – nun, das übrige wird ein so kluges Mädchen wissen.«

Adelheid rechtfertigte die Meinung der Fürstin. Sie fand eine Antwort, welche diese befriedigte, eine Antwort, die keine Unwahrheit war und doch verbarg, was die Schülerin über die Anweisung der Lehrerin dachte.

Der Wagen war schon fortgerollt, als es der Gargazin, die ihm vom Fenster nachsah, leid zu tun schien. Wie schnell hatte sie etwas aus der Hand gegeben, was sie mit so großer Anstrengung sich verschafft! Sie hätte sie wenigstens so nicht fortlassen, einen Faden in der Hand behalten sollen. Wem die Intrige Zweck ist, wer nur in ihr den ewigen Durst nach Tätigkeit löscht, muß Apparate jeder Art stets fertig um sich liegen haben, er darf auch das Geringfügigste nicht verschmähen; der verlorne Faden kann zur Schlinge, die Schlinge zum Knoten werden. Nur darf man den Knoten nicht zu fest schürzen, und noch weniger mit der Schere ein Band zerschneiden. – Sie ließ den Köder an ihrer Angel fahren, weil sie des Spiels überdrüssig war, wie aber, wenn ein andrer – wenn die Königin von Adelheids Naivität, Klugheit, Liebreiz gefesselt ward, wenn sie ein Instrument aus der Hand gelassen, was hier ihr wichtigere Dienste leisten könnte als dort, wohin sie es bestimmt.

Ein Gedanke durchfuhr sie blitzartig – der Losgelassenen nachzueilen, sie durch einen geschickten Schlingenwurf wieder an sich zu ziehen, selbst sie einzuführen, und wäre es auch durch die Vermittelung einer Kammerfrau. Schon hielt sie die Klingelschnur, um den zweiten Wagen zu befehlen, als ein andrer Gedanke dem ersten folgte: War denn Adelheid ein Instrument, das sich dem Willen seines Eigners fügte? Hatte sie selbst, die Lupinus, wer denn sie zu seinen Zwecken formen und bilden können? Wie die Stehaufmännchen von Holunderholz, wie eine elastische Puppe schnellte sie, geknickt, gebogen, gedrückt, wieder auf zu ihrer Natur. Es war eine, die den Impulsen gehorcht. Vor solchen Naturen hatte die Gargazin Scheu oder Respekt. – Sie ließ die Klingelschnur aus der Hand. Solche Naturen rollen oder stürzen sich in ihr Verderben, oder der Strahl der Gnade durchzuckt sie, wo wir es am wenigsten erwarten. Nur dürfen wir sie nicht erziehen wollen.

Plötzlich lachte die Fürstin hellauf. Aber erst, nachdem sehr ernste Gedanken ihre Stirn verfinstert hatten. Dieses Mädchen hatte sie ja ganz durchschaut. Ja – es gibt Momente, wo eine unwillkürliche Macht zwingt, ein Bekenntnis der Wahrheit vor uns selbst abzulegen, wie niemand es vor einem Richter wagt und vermag. Sie hatte nicht eine Schlange, aber einen Spiegel an ihre Brust gelegt, klar geschliffen, daß er jeden Hauch aufnahm. Der Spiegel hatte geschwiegen – bis jetzt, aus Dankbarkeit, Klugheit. Wer bürgte der Gargazin, daß Adelheid immer schweigen werde, jetzt, im nächsten Augenblicke, wenn sie das Herz der Königin gewonnen, wenn ihres von einem mächtigen Impulse schlug! Welcher Eid, welche Pflicht band sie, wenn die Majestät der Königin von ihr Wahrheit forderte?

Das waren die ernsten Gedanken. Aber plötzlich lösten sich die zusammengekniffenen Lippen, die Runzeln glätteten sich, und die Augen glänzten schadenfroh: »Sie kann sich ja nicht verleugnen, sie wird dort wie hier das starke Mädchen sein. Sie wird das Gefühl der Königin verletzen – und – und – und – sie wird zurückgeschickt wie sie gekommen. Vive la vérité! – Und wenn sie zu mir zurückkehrt, ist sie eine andre, als die fortging, und wir können uns besinnen, wie anders wir sie aufnehmen.«

Mit vergnügtem Gesicht trat die Fürstin ans Fenster. Ihr Auge fiel auf die kleinen Entresolfenster im Seitenflügel, wo die Kammermädchen wohnten. Ihr fiel ein, daß sie die Kammermädchen ja schon längst sich näher gewünscht, und ihr Gesicht verzog sich zu einem ganz eigentümlichen Lächeln, als sie dachte: Das wären ja allerliebste Stuben für Adelheid. Da kam der Legationsrat über den Hof. Das Lächeln ward wieder ein andres: »Eigentlich hasse ich ihn, ich müßte ihn verabscheuen, ich sollte ihn fürchten, aber es lügt niemand so angenehm als er.«

Mamsell Schadow hatte indessen gegen das schöne Mädchen nicht die Diplomatin gespielt. Sie hatte es mit Herzlichkeit empfangen, obgleich sie wußte, daß der Besuch nicht ihr gelte, und sie sogleich in den Garten und in den Gang geführt, wo die Königin ihre Morgenpromenade zu machen pflegte.

»Wir gehen hier an den Gebüschen langsam auf und ab, und wenn sie kommt, tun wir, als sähen wir sie nicht. Wenn sie in Gedanken ist und uns nicht sehen will, was man gleich merkt, treten wir ins Gebüsch zurück. Will sie uns aber sehen, dann tun wir sehr überrascht und etwas erschrocken. Das lieben die hohen Herrschaften, und dann encouragieren sie uns.«

Eine Mitteilung der Schadow war aber nicht geeignet, Adelheid zu encouragieren. Ihr Vater, der Geheimrat, hatte vor einigen Tagen eine kurze Unterredung mit der Königin gehabt. Adelheids Name war dabei genannt worden. »Das ist schade, das darf nicht sein!« hatte die Königin geäußert. Nachher hatte die Schadow Ihre Majestät zur Viereck sagen gehört: »Ich muß das junge Mädchen einmal sprechen.« Adelheids Vater hatte eine Abneigung gegen ihre Verlobung mit Louis Bovillard. Die Mutter betrachtete sie als ein Glück. Sie wußte von häuslichem Verdruß deshalb. Über diesen Kampf war Adelheid hinaus. Beim kindlichen Gefühl der Dankbarkeit fühlte sie sich frei geworden. Sie hatte es keinen Hehl gegen ihren Vater gehabt: Ihr habt mich hinausgesetzt in eine andre Welt, wo andre Gesetze gelten. Wenn ich mich den Pflichten unterwerfen mußte, die sie fordern, so darf ich auch ihre Rechte für mich anrufen. So war ungefähr der Sinn ihres Gespräches, in dem der Vater unterlegen war. Es war ja nicht eigentlich sein Department; er fühlte, daß der Geist seiner Tochter auf Fittichen flog, die im Staube des Aktenlebens nicht wachsen. Nun, und wenn er in seinem Mißmut Seufzern und Klagen gegen die erhabene Person Luft gegeben, so fühlte Adelheid eine andere Lebensluft in sich. – Sie fühlte sich nicht decouragiert.

Die Königin kam, aber nicht allein. Ein Kavalier ging an ihrer Seite, mit dem sie in lebhaftem Gespräche schien. Es war ein stattlicher, schöner Mann, von einem gewinnenden Ansehen, jede Bewegung weltmännische Grazie, obwohl sein rechter Arm, früh vom Schlage getroffen, gelähmt an der Seite hing.

»Graf Hoym«, flüsterte die Schadow, »der Vizekönig von Schlesien. Wir müssen zurücktreten.«

Beide gingen vorüber, und die Königin bemerkte sie in ihrer Aufregung wirklich nicht.

»Palm! Palm! lieber Hoym, das bleibt doch das Abscheulichste. – So unschuldig, in der Nacht fortgerissen von Frau und Kindern – um – oh mein Gott, ich glaube oft seinen Schatten zu sehen, wenn ich unter diesen Bäumen gehe.«

»Die Hunderttausende, gnädige Frau, die auf den Schlachtfeldern auch die Kugel traf –«

»Nein, Hoym, das ist nicht das. Er schreitet über Leichen, das ist der Weg des Gräßlichen. Aber der Mord an einem schuldlosen Familienvater –«

Das Säuseln der Bäume und die größere Entfernung nahmen die andern Worte fort.

»Wie fühlen Sie sich, meine Liebe?« fragte die Schadow, um ihr Mut zu machen. »Nur Geduld, es wird alles ganz gut gehen.«

»Mich dünkt, die arme Königin ist in großer Aufregung. Ist denn Graf Hoym jetzt ihr Vertrauter?«

Die Antwort bewies der Kammerfrau wenigstens, daß Adelheid keines Riechfläschchens bedürfe, um mutig zu bleiben. Adelheids Mutter hatte ihr die Tochter anempfohlen, wenn die Gegenwart der Majestät das Kind überwältige.

»Die arme Königin! Sie haben recht, sie so zu nennen. Ach, unter uns, sie hat niemand, dem sie ihr Herz ausschütten könnte.«

»Ihr Herz?«

Das war ein kluger Blick, welcher der Kammerfrau Mut machte, mehr zu sagen, als Kammerfrauen eigentlich dürfen.

»Ja, wenn sie ganz ihrem Herzen leben dürfte! Dafür hat sie ihre Kinder, ihren Gemahl, sich selbst; aber die großen Staatsangelegenheiten müssen fürchterlich stehen. Das, ich möchte sagen, zersprengt ihr oft das Herz. Liebe Demoiselle Alltag, ich möchte manchen, der die Könige beneidet, einen Blick da hinein tun lassen, und sie würden Gott danken, daß sie so glücklich in ihrem Hause sind.«

Die Spaziergänger hatten sich umgewendet und gingen wieder vorüber.

Die Königin schien noch immer in derselben Stimmung:

»Er sieht die ganze Gefahr, klar und deutlich. Er könnte retten, und diesen einzigen Mann, der retten könnte, ihn läßt man brachliegen.«

Aus Hoyms Antwort konnte man nur die Worte hören: »Aber der Freiherr vom Stein –«

Die Schadow hatte Adelheid tiefer ins Gebüsch gezogen.

»Das ist ihr Hauptkummer jetzt. Unsereins darf freilich nichts davon wissen und noch weniger sich darum kümmern, aber man müßte ja nicht Ohren und Augen haben. Je mehr es ein hohe Person schmerzt, um so heftiger bricht es unwillkürlich heraus, und uns beachten sie doch eigentlich nicht als Geschöpfe, die es angeht und die es verstehen.«

»Ihre Majestät wünscht den Freiherrn vom Stein zum Ratgeber des Königs?«

Die Kammerfrau sah Adelheid verwundert an: »Das wissen Sie auch! – Man mag im Publikum freilich manches wissen, von dem die hohen Herrschaften glauben, daß sie es allein besitzen. Es ist so. Der Herr hat sich aber bei Hofe nicht beliebt gemacht; er hat viele Feinde. Das geht bis zu den Lakaien hinunter, Sie wissen nicht, wie das bei uns ist. Wen Sie oben von Einfluß sehen, dessen Worte sprechen sie nach.«

»Aber wenn die Königin –«

»Es ist das Schlimme, liebe Demoiselle, daß der König selbst den Herrn nicht liebt – er ist ihm unbequem. Ganz unter uns, er fühlt oft, daß es besser wäre, wenn die andern, gegen die jetzt das Geschrei ist, fort wären, er möchte sie auch zuweilen los sein, denn er ist der edelste, beste Herr von der Welt, aber sie sind ihm bequem, er hat sich an sie gewöhnt. Er entläßt ja keinen seiner alten Diener. Und die seelensgute Königin, betrüben möchte sie ihn doch auch nicht, und in Staatsangelegenheiten hatte sie sich's zum Gesetz gemacht, nicht mitzusprechen. Aber wer kann dafür, wenn das Herz voll ist und die Augen übergehen – sie sieht ja und hört – und, wie gesagt, wenn da am ganzen Hofe niemand da ist, der mit ihr fühlt und sieht –. Da ist nun der Herr Graf Hoym aus Schlesien angekommen. Ob's grade der rechte Mann ist, weiß ich nicht, aber er ist ein frisches Gesicht, er spielt ihr nicht immer die alte Melodie vor, und am Ende, wenn man kein Menschenherz hat, klagt man auch gegen den Mond und gegen die Wände.«

Die Spaziergänger waren abermals zurückgekehrt.

»In den Provinzen teilt man Ihro Majestät Entrüstung«, sagte Hoym, »allen ist es ein Rätsel: Friedrichs Staat in den Händen eines französischen Roturiers!«

Die Königin blieb stehen: »Sagen Sie lieber, eines charakterlosen Libertins, der mit den höchsten Gütern, den Tugenden, der Ehre des schönsten Reiches leichtsinnig spielt wie mit den Geldrollen, die er alle Abend am Pharaotisch verliert.«

»Jammerschade, daß unser Haugwitz sich von ihm leiten läßt. Sonst ein so liebenswürdiger heller Geist.«

»Mich dünkt, es ist der höchste Grad des Unverstandes, das Werkzeug der Verworfenheit anderer zu werden.«

Auf einen solchen Ausspruch aus dem Munde einer Königin muß der Untertan in Ehrfurcht schweigen. Hoym schwieg; auch die Königin schwieg einen Augenblick, wie im Gefühl, mehr gesagt zu haben, als die Etikette einer Königin zu sagen erlaubt. Die leichte Röte war wieder von ihrem huldstrahlenden Gesicht verschwunden, als sie fortfuhr:

»Ihm, ihm allein verdanken wir es, daß das Ungeheuer mit kaltem Hohn auf uns herabblickt. Er verachtet unsre Machthaber, weil wir solchen an ihn bevollmächtigen. Ich sage nichts davon, wie er in Brünn sich fortschicken, in Wien behandeln, in Schönbrunn düpieren ließ; ich zerdrücke meinen Schmerz, daß er es war, der Hannover uns schenken ließ, der Brocken, an dem unser Adler ersticken sollte. Daß er aber nach dieser Erfahrung, belastet von den Verwünschungen einer ganzen edlen Nation, jetzt in Paris wieder dieselbe Rolle der Insouciance spielen konnte!«

»Er war vielleicht, wie Lombard in Brüssel, von der Grandeur der neuen Majestät eblouiert. Il est un peu phantaste, Mystiker, er glaubt zuweilen an Geistererscheinungen.«

»Nein, Hoym. Er glaubt nur an sich. Er schrieb damals her: ›Sobald ich ihn gesehen, ist alles abgemacht; ich weiß ja, was er in Wien zu mir gesagt hat.‹ Solcher naive Glaube wäre rührend, wenn er nicht ein Staatsminister des Königs wäre, wenn nicht Seine Majestät das Wohl seines Volkes und seiner Krone in seine Hand gelegt hätte. Da, in der schrecklichen Audienz, die er am siebenten Tage auf vieles Bitten und Dringen erhielt, mußte er sich von Bonaparte die Schmeichelei ins Gesicht sagen lassen: ›Sie sind ehrlich, ich weiß es, aber Sie haben keinen Kredit mehr in Berlin; Hardenberg und ein paar andre hirnkranke Narren wühlen das Volk auf und beherrschen Ihren König.‹ Das mußte er hören, der Abgesandte Preußens, aus dem Munde des Korsen, und – schwieg – mußte schweigen – und – und –«

Als sie wieder vorüber waren, meinte Adelheid, die Königin sei jetzt wohl schwerlich gestimmt, ein unbedeutendes Mädchen zu empfangen; ob es nicht schicklicher wäre, wenn sie sich zurückzöge? Die Schadow verneinte es: »Das geht bald vorüber. Sie kann nicht lange zürnen, das ist ihr himmlisches Gemüt. Es ist, wie wenn ein Gewittersturm vorüberzog und dann die Abendsonne scheint. Dann atmet sie auf, sie kann sich an einer Feldblume freuen, und gerade dann wird sie erst recht gütig, wenn sie aufgebracht war, und möchte es an allen, denen sie begegnet, wiedergutmachen.«

Aber das Gewitter war noch nicht ganz vorüber. Es war nur auf dem Rückzuge. Die Königin wandte in kürzeren Absätzen um. Diesmal schien Hoym der Ankläger gewesen zu sein. Die Fürstin schüttelte den Kopf:

»Ich hielt ihn für ehrlich. Er hat ein so angenehmes Wesen.«

»Leider ist es in Paris so bekannt wie hier, daß Lucchesini nach Berlin nur das berichtet, was uns schmeichelt. Die Hauptsachen hat er verschwiegen.«

»Er ist ein Italiener. Ich will zugeben, daß seine Lust das Intrigieren ist, aber, Graf, er sieht sehr scharf die Dinge, wie sie sind.«

»Das streitet ihm niemand ab, Ihre Majestät, aber sein Gesandtenposten in der französischen Hauptstadt gefiel ihm so außerordentlich, daß er das geschickt kaschiert hat, was unser Kabinett genötigt hätte, ihn auf der Stelle zurückzurufen. Noch weniger als er, hatte seine Frau Lust, Paris zu verlassen.«

»Muß auch das in unser Unglück hineinspielen!«

»Madame la Marquise haßt ihre Schwester, die Bischoffwerder, auf Tod und Blut. Sie hat ihrem Gemahl erklärt, daß sie an Krämpfen verginge, wenn sie mit ihr unter dem Himmel einer Stadt leben müßte. Unser Ambassadeur ist ein so guter Ehemann! Ich kann ihn nicht entschuldigen; in milderem Lichte aber darf ich Haugwitz' Versehen betrachten. Ward er nicht immerfort durch falsche Berichte getäuscht?«

»Ich möchte so ungern auch diesen Mann aufgeben! Ist sein Eifer jetzt für den Krieg auch Verstellung?«

»Nein, nur aufrichtige Erbitterung gegen Napoleon, der ihn nie leiden mochte und ihn endlich aus Paris fortschaffte.«

»Oh, lieber Hoym –« fuhr die Fürstin mit der Hand an die Stirn, »Menschen, wie sie sein sollten! – Sind denn die Könige verdammt, daß ihr Glanz nur die an sich zieht, die nicht sind, wie sie sein sollen!«

»Jetzt entläßt sie ihn bald«, flüsterte die Schadow. »Geben Sie acht, sie wenden noch kürzer.«

Adelheids Herz schlug lebhafter. Eine angenehme Wärme durchdrang sie, sie fühlte eine Lust, dieser Königin Angesicht gegen Angesicht zu stehen.

Es waren wirklich die Abschiedsworte, als sie zum letztenmal vorübergingen.

»Und diese Mäntelgeschichte, welche das Land in Aufruhr bringt, wird man es künftig glauben, daß man erst jetzt, im letzten Augenblick daran denkt! Eine Sottise, bedürfte es noch der Epigramme, es gibt kein schlagenderes auf die Unfähigkeit unserer Verwalter. Und statt als wirklich treue Diener ihres Herrn die Schuld auf sich zu nehmen, lassen sie Seine Majestät den König in kläglichen Lauten zum Publikum sprechen, sie legen meinem Gemahl Worte in den Mund, über die ich mich in der Seele schäme. Sie haben nicht daran gedacht, und ihre Pflicht war es. Ist das Loyalität? – Auch im Kriegswesen sagte mir Rüchel Unbegreifliches. Für das Nötigste nicht gesorgt! Unsre Festungen zu armieren, dazu schickt man sich jetzt erst an. Es ist unerhört, man wird es künftig nicht glauben. Wozu bezogen sie die großen Besoldungen, wozu wurden ihnen Güter über Güter geschenkt! – Nein, lieber Graf, das Kabinett, was diesen gräßlichen Zustand möglich machte – es kann, darf nicht bleiben – oder –«

Die Worte verhallten. Am Ende der Allee war der Vizekönig von Schlesien entlassen. Luise stand eine Weile sinnend. Ihre schöne, anmutige Gestalt im weißen, einfachen Morgenkleide ward noch vorteilhafter gehoben durch den grünen Rasenfleck, gegen den sie wie eine Marmorstatue abschnitt. Ein Sonnenstrahl, der durch die Baumwipfel auf ihren Scheitel fiel, setzte ihr eine goldene Krone auf, aber er goß zugleich ein wunderbares Leben auf das schöne Gesicht. Es war keine Bildsäule; die Königin schwebte die Allee wieder herab.

»Sie hat uns gesehen. Sie kommt auf uns zu, sie wird uns ansprechen. Nun mutig, liebe Demoiselle. Wenn ich Ihnen winke, tun wir also wie erschrocken und treten einen halben Schritt zurück. Dann wird sie eine Bewegung machen, daß wir herantreten. Sie knicksen so, die Arme kreuzweis auf der Brust, die Ellenbogen gegen den Bauch. Tritt sie näher, greifen Sie nach dem Rock, als wollten Sie ihn küssen. Sie wird's nicht zulassen und die Hand Ihnen hinhalten. Die führen Sie an die Lippen, noch immer nach tief unten, das andre findet sich dann. Dreist geantwortet, aber ja nicht eigene Meinungen.«

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